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Wednesday, March 05, 2008

MUSIK: MICHELLE SHOCKED, DIE URMUTTER ALLER SINGER SONGWRITER WAR DA





















Weniger Schockerin, als echt eindrucksvolle, klar US-verwurzelte Frau mit großer Stimme, großem Ausdruck und starkem Gitarrenspiel ...


Sie läßt sich nicht fremd-bestimmen und bringt ihre CD deshalb unter eigenem Label heraus. - Wenn Österreich dazu ein Pendant schaffen könnte, wären wir vor dem US-Markt gerettet. - Aber deswegen bitte nicht einfach US-amerikanisch kopieren!!!


WUK DIE AMERIKANISCHE "SCHOCKFRAU" MICHELLE SHOCKED GASTIERTE IN WIEN UND IST DOCH MEHR PREDIGENDE URMUTTER ALLER GROSSEN SÄNGERINNEN ALS FEMINISTISCHE SCHOCKERIN

Gospel-LeadsängerIN, Anti-FolkerIN, Blues-&-SoulerIN, PunkerIN, ausgewachsene RockGÖRE - diese Mischung knallt einem bei Michelle Shocked und ihrer E-Gitarre-spielenden Supporterin mit volltätowierten Armen im WUK entgegen. Bei der amerikanischen Singer SongwriterIN darf das geschlechtsspezifische Anhängsel "-in" nicht fehlen, denn sie gehört mit Geburtsdatum 24.2.1962 zu jenen Frauen, die sich nur mit aggressivem Feminismus Aufmerksamkeit erringen konnten. Tritt eine heute bis Vierzigjährige so auf, wird sie damit kaum punkten, es sei denn, in den Jahrgängen darüber. - So viel, nebenbei bemerkt, zum Sympathiewert von und unter Frauen, der sich daraus speist, ob er sich von einer identitätskonformen Authentizität oder einem "So-tun-als-ob" ableiten läßt. Bei dieser Frau, Michelle Shocked, ist das -IN echt und damit durch und durch sympathisch. Ihr militantes Credo hat sie zum "Womanifesto" verfaßt, womit sie definitiv auch etwas von jenen musikalischen Emanzen hat, die, wenn sie schon nicht zum Lesbentum neigen, dann zumindest den Frauenklüngel verfechten. Das zieht bestenfalls eine ganz spezifische musikalische Qualität nach sich: sie zeigt sich bei der gebürtigen Texanerin in der vollen Stimm- und Intonationsparallele zu Melissa Etheridge, in der machmal kopfstimmlich leisen und spitzensetzend jodel-schreihohen Ausdruckstärke ähnlich jener von Ani DiFranco und in der momentweisen Sensibilität einer Tracy Chapman. Sie alle mögen ihre Urahnin in Janis Joplin haben, der weißen Königin des Bluesrock, der Königin der afro-schwarz - us-weißen, männlich-weiblichen Energie. Die Männlichkeit liegt in der Bestimmtheit, im selbstbewußten Auftreten, die Weiblichkeit in der generellen Anteilnahme am Unrecht dieser Welt.

Viel-redende Menschen denken manchmal auch

Die explosive Mischung wird manchem Durchschnittsmenschen Angst einjagen, weil so eine Frau etwas Kompromißloses an den Tag legt, das "immer Recht zu haben hat". Michelle Shocked dämpft dieses unterschwellige Dogma mit dem Ge-Recht-igkeitsanliegen einer "Vorbeterin". Sie singt - die meiste Zeit - vor und läßt das Publikum antworten (nachsingen). Diese mitreißende Sommerurlaubs-Agitationspraxis - die man zuweilen auch auf Wahlreden wiederfindet - hat ihre Wurzeln im religiösen Gospel, dem Michelle Shocked die letzten Jahre huldigt. Er hat sie zu einem durch und durch positiven Menschen gemacht, der tatsächlich "immer Recht hat". Und das macht sie einmal mehr: sympathisch. Auch weil sie das Recht-haben mit einer gehörigen Portion Selbstironie, sprich mit Selbstanklage und -verteidigung garniert. Das ergibt den Charme der sicheren Unsicherheit, das tatsächliche Selbstbewußtsein dieser permanent redenden Frau: "Bla, bla, bla, bla", unterbricht sie ihren Redefluß und rät dem Publikum: "Wenn Sie jemand fragt, wie Michelle Shocked so sei, können Sie sagen, "she talks a lot"", aber eines sei nun mal klar: "Jemand, der seine Songs selber schreibt, muß automatisch viel reden. Andernfalls wäre er ja Britney Spears." Insofern definiert sich die studierte Literaturwissenschaftlerin als denkende Singer-Songwriterin, die der Welt etwas mitzuteilen hat - und dadurch wird es ihr mental wahrscheinlich auch besser gehen als einer Spears... Diese Frau ist nicht fremdbestimmt. Sie hält es daher für bemerkenswert, das Publikum darüber aufzuklären, dass sie sich ihrer Plattenfirma entledigte, sobald jene ihr verbieten wollte, in Richtung Gospel zu gehen. Ihre CDs, wie zuletzt ToHeavenURide, erscheinen mittlerweile unter ihrem eigenen Plattenlabel Mighty Sound, distribuiert über RED, nachdem sie sie eine zeitlang nur nach ihren Konzerten und übers Internet vertrieben hatte.

Heimatliebe voller Kritik

"Haben Sie hier noch die Todesstrafe?", gibt sie sich im Spiritual-Rock The Quality Of Mercy als Messias der Menschenrechte (auf www.michelleshocked.com als Hintergrundmusik zu hören). Und Little Billie handelt von einer Frau, die Billie Holiday liebte - über die Shocked meint: "Sie hat mehr Schreiber als Leser inspiriert."... -; jene Frau tanzt am Begräbnis ihres Sohnes zum Blues-Jazz der Freunde, nachdem er aufgrund politischer Bedingungen erschossen wurde. "Ein Politiker sagte zu mir nach dem Song: Ich hoffe, dass ich einmal so beerdigt werde." Darauf Shocked sarkastisch: "Ja, da haben Sie recht." Ähnlich polemisch ist die Tendenz des interpretierten Welthits über Vietnam, worin eine Mutter nach Kriegsschluß für ihren gefallenen Sohn Entschädigungsgeld bekommt, was im - als von der politischen Macht intendiert aufdeckenden - allseitsgültigen Omen endet: "Der Krieg ist nicht zuende, er hat gerade erst begonnen." Diese ewigen Bilder über die egoistische, amerikanische Weltmacht, die beinahe schon Nostalgiewert haben, lassen sich gerade wegen ihres emotionalen Effekts mit der zweiten großen Seite der Shocked verbinden: ihrer großen Heimatverbundenheit ausgehend vom Geburtsland Texas, was sie ebenfalls indirekt, schlagend und haltend, beschreibt. Come A Long Way ist ein Lied über das ewige Gefühl für Heimat in der Seele, egal, ob man den Schlüssel seines Hauses abgegeben hat - "nur die Liebe zu einem Menschen kann das entscheidend ändern" - unterbricht sich die improvisierende Sängerin im Live-Konzert selbst. Die generelle Liebe schildert sie anhand von Lebensräumen wie L.A. oder jenem ihrer Kindheit in Memories Of East-Texas mit den prägnanten Worten: "... das Leben der Texaner läuft in so engen Straßenkreisen; Sie konnten einem Mädchen keinen Platz schaffen, das den Ozean gesehen hat ... aber jenes Mädchen wäre ohne diese Straßen nie so weit gekommen ...". Auf ihre Beziehung, die nach 13 Jahren geschieden wurde, antwortet sie indessen makaber frohlockend mit Joy: "Eifersucht und Ärger, Gier und Heuchelei; die Jahreszeiten der menschlichen Natur können mir die Freude nicht nehmen!" - Dazu der trockene Nachsatz ins Publikum: "I wish you all love, I hope it kills you!"

Warum diese US-Sängerin Österreichern näher ist als Wiener Sänger

Was einen - die vielen Wiener und Österreicher, die sämtliche Songs der Shocked auswendig mitzusingen in der Lage sind - am meisten nachdenken läßt, ist allerdings die Frage: warum diese doch-so-amerikanische Frau, als Persönlichkeit einem Österreicher viel näher kommen kann, als jeder andere derzeitig gehypte Sänger im Wiener Dialekt? Ist es die energetische, archetypische Größe einer Ur-Mutter, ein Idol jenseits von einem selbst, das erst zu überzeugen vermag? - Wie auch immer, eines ist sicher: Jede österreichische Sängerin, die versucht, das - die afroamerikanische Urmutter - nachzumachen, wird scheitern, genauso, wie junge, österreichische Castingshow-MTV-Fakes immer nur ein billiger Abklatsch sein werden. So jemand wird allenfalls zur kopierten Marktmarke. Das Ziel muss die österreichische Machtmarke sein. Und die muss man sich erfinden: So, wie es etwa ein Falco als Mischung aus Oskar Werner und David Bowie schaffte. Und vielleicht gewinnt diese dann auch den Weltmarkt - so wie es die heimatverbundene Michelle Shocked geschafft hat. e.o./r.r.


DAS URTEIL WENN EINE FRAU ALS SÄNGERIN UND PERSÖNLICHKEIT ÜBERZEUGEN KANN, DANN IST ES MICHELLE SHOCKED - WANN UND WIE GIBT ES DAZU EIN ÖSTERREICH-PENDANT?

CD ToHeavenURide * Von: Michelle Shocked - Live-Aufnahme * Label: Mighty Sound über RED-Distribution * Link: www.michelleshocked.com

KONZERTE regelmäßige Singer Songwriter-Konzerte über die Vienna Songwriting Association * link: www.songwriting.at

Unser Demnächst-Special-Tipp für Singer Songwriter mit eigenem Klang:

Mundy (IRL) * Ort: Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien * Zeit: 13.3.08: 20h
Marissa Nadler (US) * Ort: Gasthaus Vorstadt, 1160 Wien, Herbststraße 37 * Zeit: 03.4.08: 20h
OLLI SCHULZ (Hamburg/BRD) * Ort: WUK * Zeit: 12.03.2008: 20h
Supertipp!!: MARIA MENA (Oslo/Norwegen) *
Ort: WUK * Zeit: 13.04.2008: 20h
Supertipp!!: ADAM GREEN + Band (New York/USA / Singer Songwriter-Antifolk!!) *
Ort: WUK * Zeit: 26.04.2008: 20h
THE HORROR THE HORROR (Schweden / Singer Songwriter-Rock)
* Ort: WUK * Zeit: 18.04.2008: 20h
Supertipp!!: JON REGEN (New York/USA / Singer Songwriter - Piano-Jazz) * Ort: Birdland Wien * Zeit: 15.05.2008: 20h
Supertipp!!: JASON WEBLEY (USA / Singer Songwriter - Rock-Folk-Akkordeon und Geige mit super Stimme) * Ort: Vorstadt Wien, Herbststr. 37 * Zeit: 05.06.2008: 20h


Filmtipp zum Singer Songwriter-Hype:
FILM ONCE * Komödie von John Carney * Mit Glen Hansard, Markéta Irglóva * Irland 2006 * Inhalt: Straßenmusiker in Dublin träumt von der Karriere als Singer Songwriter, wobei ihm die tschechische Gastarbeiterin und Pianistin hilft - mit einer realistischen Existenzweise eines Musikers sowie einer subtilen Liebesebene, wie sie wohl jedem Menschenleben "nebenbei" und doch in ewiger Erinnerung passiert * Länge: 85 Minuten * ab 25. April 08 in den österreichischen Kinos * Vertrieb: www.filmladen.at, link: www.once.kinowelt.de

Tuesday, December 04, 2007

FILM: "LIEBESLEBEN" VERFILMT VON MARIA SCHRADER NACH SHALEVS SEXROMAN

Jara (Netta Garti) hat einen einfühlsamen Ehemann (Ishai Golan): da sie das Gegenteil noch nicht kennenlernte, weiß sie aber nicht, was das eigentlich wert ist ...

So lässt sie sich vom geheimnisumwitterten, viel älteren Arie (Rade Sherbedgia) auf ein Sexabenteuer der völligen Entmachtung ein ...

... und lernt sich selbst und ihre wahren Liebes- und Lebensbedürfnisse kennen. - Der nächste, geeignete Partner wird somit wohl zwischen einem Arie und einem langweiligen Joni liegen. (Screenshots © Filmladen Filmverleih)


JETZT IM KINO SEXUELLE ERNIEDRIGUNG UND MENSCHLICHE ENTMACHTUNG ALS SCHLÜSSEL ZUR BEWUSSTEN LEBENSGESCHICHTE EINER FRAU - MARIA SCHRADER HAT DEN BESTSELLER DER ISRAELISCHEN AUTORIN ZERUYA SHALEV REIZVOLL VERFILMT

Sucht sich eine zunächst noch subjekthafte Frau einen Mann, der sie demütigt, unterwirft, der sie - über die spielerische Schlafzimmer-Ebene hinaus - zum willenlosen Objekt degradiert, dann stimmt mit ihr wahrscheinlich psychisch etwas Fundamentales nicht. Es könnte aber auch sein, dass sie mit ihrem Leben unterbewußt unzufrieden ist, weshalb dieser Mann es gewaltsam zerstören muss. Ihr selbst fehlt dafür wohl der Mut. In direktem Sinne. Dieser Mann muss sie indirekt zwingen, "als Nichts" von Neuem zu beginnen, weshalb "so ein Mann" nur Mittel bzw. Weg sein wird und nicht bleibender Teil des Neuen.
Bei einer sehr jungen Frau hingegen mag diese Machowahl instinktiv begründet sein. Indem Neugierde und Abenteuerlust sie drängen, die äußersten Grenzen der erotischen Hingabe erfahren zu wollen, einschließlich des provozierten Tränenmeers, des Risikos, sich selbst irgendwann abgrundtief zu verachten. Mancher Frau wird das wiederum helfen, um zu begreifen und für die Zukunft auszuwägen, worauf es ihr für "ihre" echte Liebe oder überhaupt "ihre" persönliche Lebensgeschichte tatsächlich ankommt. Manche könnte darüber als Mensch aber auch endgültig zerstört sein.

Abenteuerin und Ausbrecherin in einer Frau

Die im deutschen Raum gefeierte Schauspielerin Maria Schrader hat nun in ihrem Regiedebut mit dem deutsch-israelischen Spielfilm Liebesleben, basierend auf dem gleichnamigen Bestseller der Israelin Zeruya Shalev, beide Frauentypen in einer Figur vereint: Jara repräsentiert durch die Schauspielerin Netta Garti sowohl die instinktive, junge Abenteuerin, als auch die reifere, etwa 30-jährige Romanheldin, die sich bewußt treiben und führen lassend ausbrechen will. Und wundersamer Weise erscheint Jara im Film dadurch samt ihres Abenteuers mit dem ca. 25 Jahre älteren Mann Arie (Rade Sherbedgia) sympathischer, positiver, angenehm anregender als Jara im Roman. Da sich die demütigende Erfahrung als klare, abschnittsbezogene Lehrphase zur eigenen Erkenntnis heraus schält, während sie im Buch unterschwellig zum Ideal eines aufregenden Sexuallebens-an-sich hoch stilisiert wirkt. Dieser Eindruck könnte allerdings auch daher rühren, dass die Leseerfahrung viel ausgedehnter, detaillierter, länger stattfindet, als die Sichtung eines 109-minütigen Spielfilms, selbst wenn zu dessen schöner Atmosphäre eindeutig introspektiv-aufregender Kamera- und Rhythmusstil beitragen.

Der ältere Mann und die Abenteuerin

Dass Laras Leben an der Kippe zum Aufbruch steht, erkennt man zu Beginn, nachdem ihr Arie, der aus Frankreich heim nach Israel gekehrte Jugendfreund ihrer Eltern, über den Weg rennt. Er verwirrt und zieht Lara sofort an; er schürt ihre Neugierde noch, da auch ihre Eltern große Bewunderung für ihn hegen. Mit seiner Anarcho-Selbstshow repräsentiert Arie den intellektuellen und ästhetischen Lebenskünstler, der über den provinziellen, kleinkarierten Menschen in engem Familienverbund steht. Jara studiert an der Universität Vergleichende Religionswissenschaft, mit Aussicht auf eine Assistentenstelle, was jedoch davon abhängt, ob sie ihre Diplomarbeit anfängt. Und wie in ihrem Eheleben mit dem liebevoll-aufmerksamen, aber uninteressanten Joni (Ishai Golan) alles ohne Leidenschaft und Ziel dahin läuft, weiß Lara auch hier nicht, worüber sie schreiben "muss". Sie lässt sich daher ablenken, von Arie, dem sie in einem Modegeschäft, wo sie sich zufällig begegnen, gleich mal in einer Umziehkabine an sein bestes Stück greift, wonach sie ihn in seinem Haus aufsucht, und er sie ohne Vorspiel von hinten nimmt und danach rausschmeißt. "Das war nicht gut für mich!", schreit Jara auf der Straße, und damit beginnt nun das rätselvolle Spiel.

Der Schlüssel zur eigenen Lebensgeschichte

Wie dringend Lara etwas Bestimmtes sucht, zeigt bereits die Szene, in der sie sich egoistisch und verlogen nach dem Unfalltod der geliebten Katze ihrer Freundin verhält, den sie mitverantwortet hat. Sie lässt von ihrem Weg ins Abenteuer keine Sekunde ab, alles, was zählt, sind ihre angstvollen Ohnmachtsvorstellungen in subjektiver Kamera. Jara "will" den Boden unter den Füßen verlieren, obwohl ihr dieser geheimnisvolle Fremde sagt, "bleib bei dem, was du hast". Doch sie lässt sich nicht stoppen und fährt mit Arie über eine einsame Wüstenlandschaft zu einem Hasch-Freund, bei dem Lara zu Dreiersex gedrängt wird - da jener Freund sie als Tochter ihres Vaters erkennt, schämt sie sich zutiefst. Als Anonyme hätte sie das Erlebnis möglicherweise von sich entfernt lustvoller erfahren können, als "Identität" ist es ihr peinlich. - Ein weiteres, negatives Indiz, sich als Selbst mit Wunschgrenzen künftig zu positionieren. Der gelangweilte Arie weiß die ganze (von ihm initiierte) Aktion jedoch nur so zu erklären: "Du bist hungrig, und ich bin satt." Desillusioniert zeigt sich Lara darauf hin eine innere Vison von sich selbst, in der sie blutig überfahren am Straßenrand liegt.

Die Ernüchterung im Entmachtungsrausch zwischen Selbstunsicherheit und Seinswunsch eskaliert, als Arie bei sich zuhause ein Fest organisiert und Laras Eltern einlädt, während er die junge Frau im Schlafzimmer eingesperrt hält, ihr Vater durch einen Zufall aber dennoch registriert, dass sie bei seinem Freund gerade ihren Ehemann betrügt. Und damit wiederholt sich ein Spiel, das seinen Ursprung bereits viel früher nahm. Denn als Höhepunkt der Verletzung muss Lara erkennen, dass es Arie gar nie um sie gegangen ist, sondern um seine "einzig wahre Liebe": Laras Mutter. Sie verließ ihn einst, weil er keine Kinder zeugen kann. Die ganze Affaire erklärt sich somit als religiöses Urthema von der elterlichen Schuld, die sich auf die Kinder übertragt: als traumatisches Erbe. Das ist Schuld und Sühne in Sippendimension. Aber auch psychologisch wahr. - Immerhin weiß Lara am Ende: "Es ist nicht wichtig, dass du mich liebst. Denn ich weiß jetzt, worüber ich schreiben will." In Laras Fall könnte man (im Film) daher durchaus von einem Happy End sprechen ... e.o./a.c.

Regisseurin Maria Schrader ist demnächst im Exklusiv-Gespräch auf intimacy: art in artists / talks zu lesen und zu hören


DAS URTEIL DER FILM IST BEI TOLLER KAMERA WEITAUS ANGENEHMER ZU ERTRAGEN ALS DAS BUCH - AUCH WEIL LARA AUS DEN SEXUELLEN DEMÜTIGUNGEN LERNT UND DAMIT ERNST ZU NEHMEND SYMPATHISCH IST.

FILM Liebesleben * Regie und Co-Drehbuch: Maria Schrader * Roman: Zeruya Shalev * Filmverleih: Filmladen * Produzent: Stefan Arndt, Andro Steinborn, Marek Rozenbaum * Mit: Netta Garti, Rade Sherbedgia, Ishai Golan, u.a. * Deutschland / Israel 2007 * Kinostart in Österreich: 7.12.2007

Tuesday, November 20, 2007

FILM: PHILIPPE RAMOS FASZINIERT MIT HEUTIGER "CAPITAINE ACHAB"-POESIE

Der Junge Ahab (Virgil Leclaire), der getrieben ist, von der Suche nach der Mutter, die ihm nichts hinterließ als die Bibel ...

... transformiert seine Suche in die Jagd nach dem Wal, die ihn bei grausamer Umwelt zum grausam-fanatischen Mann (Denis Lavant) zeichnet.










Eine schöne Parallele von Regisseur Philippe Ramos, der seine eigene Sexfantasie und Romantik von Mann, Frau und Mensch in seinem Captain Ahab spürbar einarbeitet.



VIENNALE - DAS WIENER FILMFESTIVAL GEHT SO SCHNELL VORBEI, DASS MAN DIE BESTEN FILME BEINAHE ÜBERSIEHT: DER HEKTIK ZUM TROTZ DENKEN WIR NOCH AN DAS FILMHIGHLIGHT VON PHILIPPE RAMOS: CAPITAINE ACHAB - KEIN MÄNNER-, SONDERN EIN MENSCHENFILM!

Capitaine Achab des 1964 in Vaucluse, Frankreich, geborenen Regisseurs Philippe Ramos, war bestimmt einer der gelungensten Filme, auf alle Fälle aber "der" überraschungsreichste Film der Viennale. Weil er vor und während des Anschauens jeder Erwartung entgegen läuft und dabei eine absolut eigenständige und neuartig glaubwürdige Filmpoesie an den Tag legt. Die Poesie geht Hand in Hand mit einer inhaltlich unterschwelligen Revolutionsaussage, die so subtil verfeinert überbracht wird, dass sie kaum über die Suggestion hinaus ins Bewußtsein des Betrachters gelangt. Bei all den kunsthistorischen, eher an der antiken Malerei und griechisch-biblischen Literatur orientierten Bezügen, drängt sich zunächst nur archaisches Staunen in das prinzipiell durchgehend romantisierte Gefühl des Zusehers, dem selbst die allzeit-gültige realistische Härte verkommener Gestalten nichts anhaben kann.

Von Gott zur Umwelt

Offensichtlich schöpft dieser gelungene Film aus einer charakterlichen Übereinstimmung des Regisseurs Ramos mit dem amerkanischen Autor Herman Melville des Urromans Moby Dick (1851): in der Erzählensart, im ästhetischen Empfinden, in der Sicht auf die Welt in literarisch-musischer Überhöhung. Nur dass Ramos viel psychologischer, mit größerer "Sorge" an die Hauptfigur, Kapitän Ahab, herangeht, als wäre sie eine "noch" beeinflußbare Person. Das ist auch das, was das Mythos vom typischen "Heldenbild" des bis zum Tod zwischen Kampf und Sieg getriebenen "Mannes" (Menschen) bricht. Stand Melvilles Roman somit für eine Glaubensdebatte zwischen Gut und Böse, Religion und (böswilliger) Natur im menschlichen Leben, so erweitert sie Ramos in seinem Film um konkrete Umstände, die den Menschen zu dem machen, was man im Allgemeinen als "kriminell" oder "abnorm" verurteilt.

Kunstgeschichtliche Symbole in literarischer Filmsprache

Diese Erkenntnis verläuft aber, wie gesagt, ganz unterschwellig: im Vordergrund steht eine literarisch unterteilte, in antiker Szenenmalerei eingerichtete, mit Filmmedallions abgeblendete Filmerzählung. Einzelne Kapitel stehen für die fantasievoll ausgedachten Lebensabschnitte, die Ahab als Kind, jungen Erwachsenen und am Ende geprägt haben könnten - es wird alles detailliert bis auf den lediglich kurzen, tödlichen Walfang Ahabs geschildert - der in Melvilles Buch doch so dominierte, sodass es schlichtweg für das Abenteuer, die unerschrockene Männlichkeit stand. Die Geschichte erzählt auch kein Matrose wie bei Melville, sondern Leute, die Ahab in den Lebensphasen am intensivsten begleiteten, eröffnen ihren subjektiven Blick auf die Figur, was jeweils andere Musik - von Klassik bis zu modernem, amerikanischem Folksong - unterstreicht. (Die Musik ist übrigens mit so viel Geschmack ausgesucht, dass die Akustik für sich selbst ein Genuß ist.) Kostüme und Filmatmosphäre sind historisch, sodass die Poesie auch optisch greifen kann.

Der Autor hinter grausamen Männern, weiblichen Sexobjekten

Maßgebend exklusiv und neu machen den Film aber Philippe Ramos´ - ihn als Autoren-Persönlichkeit auszeichnende - "Bemerkungen", seine eingeschobenen, philosophisch deutbaren Symbole, die an Radikalität grenzen: Anfangs irritiert eine pornografische Kamerafahrt mit Nahaufnahme auf Haut, Scham, Busen und Körperwölbungen einer nackt-liegenden Frau, was die spätere Jagd nach dem Wal erklärt, der für den Autor genau dieselbe (gefühlte) Form hat. Sie steht für die Mutter, die Ahab schon als Kind verlor, die ihm eine Bibel hinterließ. In der Folge begegnen dem Jungen nur grausame Männer: sein Vater, der seine Geliebte schlägt, weil jene hinterrücks vor idyllischem Esel in freier Natur - wohl einem Schäfer-Sexbild entnommen - einen Musiker verführt, der sie nach kurzer Liaison verlässt, nachdem er Ahabs eifersüchtigen Vater umgebracht hat. Henry, der Geliebte seiner Tante, schlägt Ahab, um ihn zu züchtigen, sodass der Bub - einen Hund tötend - seinen eigenen Mord vortäuscht und abhaut. Zwei betrügerische Gauner schlagen ihn auf der Flucht halbtot; und ein Pfarrer zwingt ihn danach, in der Kirche aus der Bibel zu lesen, worauf der Junge abermals weiter zieht - er geht zur See.

Die Frau im Wal, im Wald - eine Männerfantasie

Der "willensstarke, harte Mann" wird Ahab demnach die Jugend über vorgelebt, während ihm die "Mütter" abhanden kommen: so sagt Ahab schon als Kind ganz eisern: "Wenn du etwas willst, kannst du es möglich machen!" Erst als er mit furchig verlebtem Gesicht und mit abgetrenntem Bein (das er bei der, nicht gezeigten Jagd nach dem Wal verlor) so geschwächt ist, dass er nicht mehr weiter kann, begegnet er der ihn pflegenden "Anna". Im poetischen Dialog von ihm, "als Mann der See", und ihr, "als Frau der Wälder", scheint sich seine Suche nun in beidseitiger Symbiose aufzuheben, doch zieht es Ahab abermals fort... Seine Wunde am Bein öffnet sich gleich dem Ruf des Wals. Zur Urmutter, so wie das französische Wort für das Tier weiblich "La Baleine" lautet.

Mit Dokueinschüben historischen Walfangs und dem amerikanischen "What shall we do with a drunken sailor" schließt der Film in poetisch-archaischer Note: Ist Moby Dick in der Nähe, riecht Ahab "Wald" und damit den Bauch der Mutter, in dem er letztich seinen Frieden findet. - Sollte also das Schicksal über den Willen des Menschen siegen, muss es erst vor der ewigen Männer- und Frauensehnsucht von der Umwelt geprägt worden sein, selbst wenn sich der Wille noch so dagegen wehrte. e.o./a.c.


Philippe Ramos ist im Gespräch mit der Regisseurin von Lady Chatterley, Pascale Ferran (für Kritik scroll down, bzw. click October 2007-Archiv), demnächst auf intimacy: art in artists/talks zu lesen und zu hören.



DAS URTEIL PHILIPPE RAMOS IST NICHT NUR EINE AUSNAHMEERSCHEINUNG ALS REGISSEUR. ER STEHT AUCH FÜR DIE GENERATION DER NEUEN SEHNSUCHT NACH POESIE IM ZEITGENÖSSISCHEN FILM. UND DAS KANN TATSÄCHLICH OHNE JEDEN KITSCH GESCHEHEN - EIN MEISTERFILM!

FILM Capitaine Achab * Frankreich 2007 * Regie, Schnitt, Co-Ausstattung: Philippe Ramos * Buch: Philippe Ramos nach Motiven von Herman Melville * Mit: Denis Lavant, Dominique Blanc, Virgil Leclaire, u.a. * Auszeichnungen: Beste Regie beim Locarno International Film Festival 2007 + FIPRESCI Prize (Kritiker-Hauptpreis) beim Locarno International Film Festival 2007 * Weltvertrieb: www.widemanagement.com

Thursday, October 25, 2007

OPER: VALERY GERGIEV MIT "DER SPIELER" ALTKULTIG IM RUSSENFIEBER

Das ist ein russischer Dirigent, wie man sich einen russischen Dirigenten seit Prokofjews und Eisensteins Iwan der Schreckliche vorstellt: Valery Gergiev (Foto: © Clive Barda)


Das Theater an der Wien war offensichtlich so "stolz" auf die altmodische Inszenierung des Mariinsky Theaters, dass es die Fotos von Der Spieler superklein vergab bzw. zurück hielt (Foto: © Theater/Wien)


THEATER AN DER WIEN VALERY GERGIEV MIT DEM RUSSISCHEN MARIINSKY THEATER UND ORCHESTER IN WIEN ZU GAST - SIE SPIELTEN UNTER DER REGIE VON TEMUR TSCHCHEIDZE PROKOFJEWS DER SPIELER - ZWISCHEN KLISCHEE UND STUMMFILMKULT

Unlängst, im Theater an der Wien, konnte man erfahren, was den Wert des Klischees ausmacht. Dieses Klischee ist in Einzelfällen als Qualität zu verkaufen. Ganz besonders das russische Klischee, das selbstverständlich vom vorigen Jahrhundert herrühren muss. Mit dem Gastspiel des Mariinsky Theaters St. Petersburg Der Spieler nach der gleichnamigen Erzählung von Fjodor M. Dostojewski wird man ins dramatische Schauspielpathos überbordender Mimik und Gestik in depressiv-schwarzer Leidenschaftsoptik versetzt. Das erinnert automatisch an Sergej Eisensteins Stumm- und ersten Sprechfilme Alexander Newski (1938) und Iwan der Schreckliche (1944), die die heute konnotierte "kommunistisch-russische" Propaganda-Theatralität nicht zuletzt wegen Sergej Prokofjews Filmmusik erhielten. Dem gleichen Komponisten wie von der Oper Der Spieler. Da dieser nun auch noch das russische Ballett (etwa mit dem grandiosen Romeo und Julia) maßgeblich prägte, kommt man nicht umhin, weitere Querverbindungen zum derzeit in Österreichs Staatsoper residierenden, "russischen" Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper zu ziehen. - Zuletzt erlebte es mit Tschaikowskys Der Nussknacker, beim Versuch den Russenstil zu "modernisieren", seinen Tiefpunkt. - Insofern: Besser alles total russisch, in russischer Sprache, in hundert Jahre altem Russen-Klischee, als ein verworrenes Mischmasch, das Leute (Ballettdirektor Gyula Harangozo) produzieren, die in ihrem tiefen Inneren keinerlei Sinn für die Moderne haben. - Dann haben wir eben ganz offiziell Russisches Ballett in Wien - wird den österreichischen Staatsherren ja sicher entgegen kommen beim Geschäfte aushandeln, nicht?! Und den Russen in Wien wird´s auch gefallen, von denen es ganz viele zu geben scheint, denn Der Spieler sorgte auch am dritten Tag für ein bummvolles Theater an der Wien; es war - trotz katastrophaler österrreichischer Kritiken - "russisch" ausverkauft!

"Echte" Russen am Pult und auf der Bühne

Mit ein Grund für den "Hit-Faktor" mag Dirigent Valery Gergiev sein, der mit zerzaust schwarzem Haar, dämonischer Körperbehaarung, dunklen Glutaugen nicht nur äußerlich genau "dem Russen" entspricht, den sich der (Österreich)tourist in seinen Klischeeaugen erträumt, sondern auch im Dirigatstil, indem er bei ungestümer Artikulation und wildem Blick zum despotischen Helden in den sibirisch-kasachischen Ohnmachtsfantasien gelangweilter (österreichischer) Hausfrauen aufsteigt. Man/Frau kommt in diesem Fall ja sowieso nur wegen der Musik in die Oper. Die beginnt auch gleich mit einem gehörigen Wirbel, mit großem orgiastischem Gebläse, sie tanzt sich im schnellen Wechsel betrunken und wahnsinnig rhythmisch von Melancholie in blitzschnelle Raserei und endet doch wieder in undefinierbar-geheimnisvoller Lustigkeit, sodass ihr wahrer Gefühlsausdruck (ohne Dialog) nie festzumachen ist; sie reißt einfach von einer Unruhe zur anderen, stets doppeldeutig, in fantastisch-schwindeliger Fülle und erinnert wiederholt an die berühmte Musikstelle im Film Der weiße Hai (wenn der gefährliche Hai kommt).

Denn auf der gleich bleibenden, lediglich durch Rolos variierten, düsteren Bühne geht es um Schein und Scheinheiligkeit der gehobenen russischen Bourgeousie, die der "gefährlichen" Spielsucht verfallen ist und deshalb an nichts anderes denkt als "wie" an das Erbe und Geld der reichen Verwandtschaft zu kommen, genau genommen, der Großmutter (Ljubow Sokolowa - für unsere Verhältnisse "im Rollstuhl" und "im Hamlet-Make-up" und "in üppigem Mimenspiel" reif für den Bauernschwank; für russische Verhältnisse: Riesen-Applaus-würdig), die jede Falschheit verabscheut und prinzipiell jedem mißtraut. Der "Spieler", Alexej (Wladimir Galuzin - für unsere Verhältnisse mit zerrissen-rastlosem, vollem Timbre ein richtiges Ost-Mannsbild ohne lyrische Sensibilität, also fast ein "Iwan der Schreckliche"; für Russische: ein Riesen-Star), ist zunächst noch die Hoffnungsfigur, die für die Liebe sein gewonnenes Geld hergeben will. Doch nachdem selbst die Oma ihr Bares verspielt hat, ist auch Alexej dem Spieltrieb hoffnungslos erlegen. - Im dritten und vierten Akt gewinnen alle Figuren - mit der größeren Klarheit des Musikausdrucks - an Profil, die Liebesaufgabe des Helden zugunsten des Geldes bliebe ohne Libretto allerdings unerkannt. - Insgesamt ein spürbarer Routine-Akt des Ensembles, einschließlich des Dirigenten; aber wie gesagt, besser so, als modern-alt-vernudelt. e.o. / r.r.


DAS URTEIL EIN RUSSISCHES GASTSPIEL, DAS JEDE TOURISTISCHE ERWARTUNG ERFÜLLT - WENN MAN DIE WIENER IN WIEN ALS TOURISTEN BEZEICHNET. PROKOFJEW ALS OPER RUSSISCH ZU HÖREN UND ZU SEHEN, IST ENTWEDER ALTMODISCH ODER HISTORISCHER KULT Á LA SERGEJ EISENSTEIN.

Sunday, October 21, 2007

FILM: "LADY CHATTERLEY" ALS ORGASMUSSTUDIE VON PASCALE FERRAN

Bei den ersten Sextreffen freut sich Lady Chatterley einfach nur, wenn der Wildhüter Parkin bei ihr "kommt" ...

... doch dann, etwa im Regen, nach einem Baby-Aha-Erlebnis, ergreift sie die Initiative, und "kommt mit ihm".

Danach wird ihr gegenseitiges Begehren und ihre Liebe immer stärker und übermütiger. Sie reißen sämtliche Konventionen nieder. (Fotos © VIENNALE 2007)


VIENNALE PASCALE FERRAN ZEIGT MÄNNERN, WIE FRAUEN ZUM HÖHEPUNKT KOMMEN, UND WAS IHNEN SONST NOCH BEIM SEX GEFÄLLT: IN LADY CHATTERLEY

Lady Chatterley von Pascale Ferran bei der Viennale - und wieder einmal wird klar, wie unterschiedlich Frauen und Männer Sex erleben. Nicht nur, dass der Markt an Pornofilmen ausschließlich auf die "Männer"-Erotisierung zugeschnitten ist; auch die Erotik in Spielfilmen deckt in der Regel männliche Bedürfnisse ab. Es scheint ausreichend, dass - ob nun mit oder ohne Vorgeschichte - zwei Körper zusammentreffen und (schnell) zum Zug kommen. Als genügten zwei Leiber beim Liebesaustauch zur Befriedigung beider Partner! - Angeblich ist Sex ja die natürlichste und einfachste Sache der Welt! Immerhin - alle zehn Jahre - kommt dann ein Film auf den Markt, der zeigt, wie das mit der weiblichen Lust tatsächlich funktioniert: So, dass auch "sie" einen Orgasmus hat, nachdem parallel offenbart wird, wenn und wie sie "keinen" hat. Wobei nicht gesagt ist, dass zweiteres ihr nicht auch ein gewisses Maß an Freude bereiten kann; es ist das "andere" am Sex, das der Frau sehr wichtig ist: sich nicht am "eigenen", sondern über den Höhepunkt des Mannes zu freuen, was sich als Gefühl von "vertraulicher Nähe" in ihr breit macht. Das Vertrauen dient dann zur Vorbereitung auf den wiederholten Sex mit diesem Mann. (Was - von der Natur so eingerichtet - wohl die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöhen soll. Und mit der angenehmen Begleiterscheinung, dass sich die Frau mit dem wachsenden Vertrauen fallen lassen kann: was dann auch zum Orgasmus führt.) Deshalb ist die Bindung zum Partner bei Frauen nach dem Sex auch viel stärker als bei Männern...

Porno von und für Frauen

Es verwundert kaum, dass solche Filme stets von weiblichen Regisseuren stammen. Wie jetzt die Französin Pascale Ferran (47) schöpfte 1993 schon die Neuseeländerin Jane Campion (53) in Das Piano aus einer ähnlichen charakterlichen Grundkonstellation der beiden Liebespartner. "Er" ist ein wilder Außenseiter, mit weiblich-musischer Sensibilität gegenüber Natur bzw. Musik. "Sie" ist unglücklich verheiratet mit einem reichen, ungeliebten Patriarchen, mit dem sie entweder nicht schlafen kann oder will. Beide frigide Frauen werden vom gesellschaftlichen No-Name, dem "Einsiedler", zu größter Lust stimuliert. Weil jener Ausnahme-Mann viel bedachter und raffinierter vorgeht, als der anerkannte Egoisten-Zampano an ihrer offiziellen Seite, weil der wilde Romantiker in ihre Lebenswelt eintaucht, ihre ästhetische Fantasie weckt, sie "sogar" teilt. Möglicherweise steckt dahinter aber nur weibliches Wunschdenken, selbst wenn Hoffnung besteht: Denn Lady Chatterley stammt als Ur-Roman von einem Mann! Es ist das skandalöse John Thomas and Lady Jane aus dem Jahr 1927 des Briten D.H. Lawrence.

Von der fragilen Annäherung zum Höhepunkt

Was die Welt daran schockierte, war allerdings die Politik: Dass eine großbürgerliche Frau einen klassenniedrigeren Mann begehren könnte. "Ihre" sexuelle Begierde hat damit wiederum nur am Rande zu tun. Natürlich ist es der starke, männliche Körper, der Lady Chatterley zuerst (sofort sexuell) anzieht. Sie, die den ganzen Tag ihren - aus dem Krieg gelähmt zurückgekommenen - Mann pflegt und deshalb schon fast krank ist, sieht den Wildhüter Parkin während eines Spaziergangs, wie er sich bei seiner Hütte im Wald wäscht. Dorthin gelangte sie wegen dort blühender "Narzissen", wegen der Natur, was sich "naturgemäß" mit der Faszination des Wildhüters deckt. Grüne Bilder, stumme Aufnahmen, kaum Musik, und wenn, dann nur vom Klavier, Naturgeräusche, spröde Dialoge, vermitteln ihrer beider Intuitionsfähigkeit. Rein äußerlich wäre Parkin (Jean-Louis Coulloc´h) sogar unattraktiver als Lady Chatterleys (Marina Hands) Ehemann Clifford (Hippolyte Girardot). Die von ihr ausgehende Annäherung bleibt für den Zuschauer also überraschend spannend, während sie sich sehr verzögert intensiviert: Parkin ist anfangs schroff und ablehnend, da er sich gar nicht traut, sie, die "Vorgesetzte", als Frau wahrzunehmen. Als sie dann aber um "seinen" Hütten-Schlüssel zum "gelegentlichen" Ausruhen bittet - ein eindeutiges Symbol - scheint das Eis langsam zu brechen. Zuerst sieht er unter all dem Gewand ihre bestrumpften Fesseln (wie in Das Piano), dann ihre Anmut, als sie im Garten eine Blume pflanzt, schließlich, dass sie beim Angreifen eines Kückens weint. - Eindrücke ihrer großen Sehnsucht nach Zärtlichkeit, der er nicht länger widerstehen kann. Wobei das Hinauszögern von beiden Seiten, indem er sie nie berührt und sie es des öfteren ein oder zwei Tage lang nicht zur Hütte schafft, letztendlich "ihr" dient, um tatsächlich "kommen" zu "können".

Von der Kunst des Hinauszögerns

Und doch klappt es beim ersten Mal noch nicht ganz: Parkin fragt nur, "wollen Sie?", geht mit ihr in die Hütte, zieht sich die Hose runter und stößt sie, ohne sie anzusehen (geschweige denn, dass der Zuseher einen Milimeter Haut sehen würde). Das Ganze ist eine 1-Minutenaktion, begleitet von Orchestermusik und Naturbildern, wo nur er etwas davon hat, und sagt: "Das mußte ja so kommen." Sie: "Ich glaube auch." Er ist verunsichert, aber so rücksichtsvoll zu bemerken, "ob sie sich erniedrigt fühle", worauf sie ihm versichert, "nein, Sie gefallen mir". Doch besucht sie ihn den nächsten Tag nicht, sondern erst den übernächsten. Wieder läuft das Ganze vollbekleidet zu seiner Befriedigung ab. Und sie "lächelt"... Die nächsten Tage meidet sie die Hütte und besucht im Dorf eine junge Mutter mit Baby. Da scheint bei ihr der Geistesblitz einzuschlagen... Auf dem Rückweg läuft ihr Parkin über den Weg, er weicht ihr beleidigt aus, sie rennt ihm hinter her und treibt es auf und mit ihm an einem Baum. Zeitlupenaufnahme. Endlich schreien beide "laut" ihren Höhepunkt heraus. Parkin freut sich: "Diesmal sind wir gemeinsam gekommen." Und sie bedankt sich bei ihm.

Sex gegen die Welt

Ab nun wird die Liebesbeziehung bei beiden von Mal zu Mal stärker, er kann nachts nicht schlafen, wartet vor ihrem Haus, manchmal schleicht sie sich raus. Bis eines Tages die Kleider fallen und sie endlich in voller Wahrnehmung und Liebkosung ihrer beider Körper ihrem Ehegatten Clifford ein Kind unterjubeln - der ist einverstanden, allerdings unter der Bedingung, dass es von jemandem sein müsse, der ihm "standesgemäß" sei. Und Lady Chatterley findet zu einem Trick, dass er es glauben wird...
Ein ständiges Beisammensein bleibt den Liebenden letztendlich verwehrt - schon weil sich der stolze Parkin niemals von einer Frau aushalten lassen würde. Doch eine letzte Aussprache zeigt, dass sie zusammen kamen und, wenn nötig, immer für einander da sein werden, weil sie sich gegenseitig befrei(t)en: er als sich erniedrigt fühlender Einzelgänger, sie als asexuell-einsames Beiwerk ihres Gatten. Und deshalb ist ihr Sex so großartig: weil er ein beidseitiger Befreiungsschlag gegen die Welt ist. e.o.


DAS URTEIL DER FILM ERLEBT IM LETZTEN DRITTEL EINEN RHYTHMISCHEN BRUCH UND WIRD DESHALB ALS ZU LANG EMPFUNDEN. DIE SEXUELLE SPANNUNG IST ALLERDINGS ATEMBERAUBEND: FÜR FRAUEN!

FILM Lady Chatterley * Frankreich 2006 * Von: Pascale Ferran, Roger Bohbot nach dem Roman John Thomas and Lady Jane von D.H. Lawrence * Regie: Pascale Ferran * Kamera: Julien Hirsch * Verleih: Stadtkino Wien * Mit: Marina Hands, Jean-Louis Coulloc´h, Hippolyte Girardot * Auszeichnungen: Césars 2007: u.a. Bester Film, Beste Darstellerin, Beste Kamera * Ort + Zeit: Viennale - Stadtkino: 28.10.: 12h, VIennale - Gartenbaukino: 29.10.2007: 20h, Gartenbaukino (im regulären Betrieb): ab 3.11.2007

Thursday, October 18, 2007

FILM: GUS VAN SANT SCHLÄGT MIT "PARANOID PARK" ALLE VIENNALE-PREVIEWS

Alex (Gabe Nevins) verbringt viel Zeit mit der Skateboard-Clique, und ist doch ganz allein: Nach einem Unfall mit tödlichem Ausgang weiß er es umso besser, und findet so zu sich selbst ... (Foto © VIENNALE 2007)


VIENNALE GUS VAN SANT IST MIT PARANOID PARK DIE NUMMER 1 IN DER PRESSE-VORSCHAU DES FILMFESTIVALS

Von acht Filmen (Dokus: Prinzessinnenbad, Stealing Klimt; Spielfilme mit Doku-Themen bzw. -Schauplätzen: Import Export, Am Ende kommen Touristen, Free Rainer; und Spielfilme: Michael Clayton, Lady Chatterley - siehe nächste Kritik auf intimacy: art), die die Journalisten vor Start des Wiener Filmfestivals Viennale (19.-31.10.2007) begutachten konnten, sticht Gus Van Sants Spielfilm im Doku-Schauplatz, Paranoid Park, eindeutig als bester Film hervor. Sowohl formal, als auch in der suggestiven Ansprache von normalerweise Unausgesprochenem zeigt er sich als größtes Genie. Da kann man sich noch so sehr fragen, warum er dazu stets das Thema der Jugendwelt braucht; was ihn wohl an der Jugendlichen-Zeit so faszinieren mag? Mit Betonung auf Jugendliche, nicht Jugend, wohlgemerkt. - Das nimmt zumindest vorweg, dass ihn weniger die jugendliche Ausstrahlung als sexueller Reiz, als die damit einhergehende Problematik des unsicheren Lebensgefühls inspirieren muss. (Bei Homosexuellen, wozu sich Gus Van Sant bekennt, trifft das ja sonst stets umgekehrt zu. Und auch bei Durchschnittsmännern...)

Vom Wert der Unsicherheit

Unsicher im Sinne von "unberechenbar" ist demnach alles, wofür der Regisseur aus der Unsicherheit schöpft: zugunsten der ständig überraschenden Form, die das brenzlige Geschehen umso bewußter überwacht, indem sie es nachdrücklich verunsichernd kommentiert. Am stärksten fällt es durch die (scheinbar) unpassende Musik auf - Kompliment an Van Sants ausgezeichneten Musikgeschmack bei Nino Rota, Ethan Rose bis Suzanne Vega! -, die für das Geschehen zum umdeutenden Manifest einer allwissenden Wahrheit wird. Da spürt man den steuernden "Macher" van Sant am besten, aber auch dessen große Sympathie gegenüber seiner instabilen, sehr einsamen Hauptfigur "Alex" (glaubwürdig: Gabe Nevins). Er schaut ihr zu und lehrt sie, aus den Fehltritten in die weisere und tiefer blickende Erkenntnis des Erwachsenwerdens zu gelangen.

Vom schlechten Gewissen zur Erkenntnis

Zudem verwendet van Sant einen (z.Bsp. bei David Lynch) schon öfter gesehenen, hier extrem passenden Erzählstil, um den Mechanismus von schlechtem Gewissen zu veranschaulichen: denn Alex begeht eine schreckliche Tat, durch die ein Mann ums Leben kommt - er ist auf einem (echt gruseligen) Foto mit abgetrenntem Körper zu sehen. Es ist ein Unfall, trotzdem hat der Jugendliche nicht den Mut, es jemandem zu erzählen, obwohl er genau weiß, dass nur das ihn erleichtern könnte. Sein Anlauf beim unscharf gezeigten, volltätowierten - und damit wenig vertrauenserweckenden - Vater scheitert; denn der lebt gerade in Scheidung mit der Mutter.

Das alles, einschließlich der Ursache, bleibt im Sinne der erzwungenen Verdrängung lange ungezeigt. Zunächst sieht man nur Alexs immer introvertierter werdendes Verhalten innerhalb seiner Skateboard- und Freundesclique. Auch gegenüber seiner Freundin Jennifer. Bei ihr merkt er umso deutlicher, worauf es beim Sex ankommt: nicht wie seine Freunde meinen, "besser einen Gratis-Fick mit einem hübschen, oberflächlichen Mädchen zu haben als gar keinen", sondern möglicherweise besser keinen Sex zu haben, und sich dafür mit einem (pickeligen) Mädchen (spielt etwas aufgesetzt: Lauren McKinney als "Macy") auf geistiger Ebene zu begegnen... Der Rest wird dann umso schöner - wohl für beide Seiten. Denn auch die hübsche Jennifer (spielt gut: Taylor Momsen) macht sich nur etwas vor; sie glaubt, gerade "guten" Sex gehabt zu haben, weil sie allein danach geht, was die anderen Leute "so" sagen. In Wahrheit weiß sie es nicht. Alex dagegen ist auf bestem Weg des Wissenden, indem er dem glaubt, was er mit Jennifer dabei empfindet: nämlich gar nichts. - Wahrscheinlich ist das aber auch verstärkt so, weil ihn sein Gewissen (wegen des Unfalls) dermaßen plagt, was wiederum die einfühlsamere Macy registriert.

Der trickreiche Blick unter die Oberfläche

Diese Zeit ist für den in sich gekehrten Alex daher die Phase zur Lebensweg weisenden Erkenntnis von individuellen Prinzipien. Er erkennt, wie verloren er sich unter den Menschen (Gruppierungen mit Pauschalwertungen) fühlt und dass es noch eine andere Ebene geben muß. Diese andere, unkonventionelle Ebene verunsichert ihn, wie sie ihn reizt. Deshalb besucht(e) er auch die lokale Metapher dafür, den unheimlich-gefährlichen "Paranoid Park", wo "man besser nicht alleine hingeht". Und da geschieht das Unglück. Am Ende weiß es auch der Zuseher, weil das ganze, bereits gezeigte Geschehen sich nochmals mit ausgeschmückten Detailszenen wiederholt. Der Zuseher lernt genauso unter die Oberfläche zu blicken wie Alex - nur dass die Blickrichtungen unterschiedlich sind. Alex blickt tiefer in sich selbst, der Zuschauer auf Alex. Für Alex bleibt die Zeit stehen, als er unter der Dusche den Schock der eben begangenen Tat ertragen muss, für den Zuschauer tut sie es, indem die Nahaufnahme von Alex gesenktem, begossenen Gesicht in Zeitlupe abläuft.

Die Schwere der Stimmung lockert sich allerdings immer wieder auf: sei es durch die erwähnte Musik, die teilweise mit Jahrmarktklängen Streitszenen konterkariert; sei es durch die Musiktexte, wie wenn etwa beim offenen Schluß in grobkörnigen Bildern "He died like a man" gesungen wird - als handle es sich um einen Abenteuer-Rückblick eines erwachsenen Cowboys, der sagen will: "Diese Erfahrungen gehören zur Jugend. Sie gehen vorbei." Und das weiß am Ende auch der versöhnte, sich an seine eigenen, schmerzlich-prägenden Erlebnisse erinnernde Zuschauer. - Der Film wurde bei den Cannes-Festspielen 2007 mit dem "Spezialpreis 60 Jahre Cannes" ausgezeichnet. e.o./r.r.


DAS URTEIL GUS VAN SANT IST TATSÄCHLICH SO GUT, WIE ALLE SAGEN, UND DAMIT IN JEDEM SEINER BERUFE "REGISSEUR, PRODUZENT, FOTOGRAF, MUSIKER" ERKENNBAR PRÄSENT. EIN UNKONVENTIONELL MUSISCHER, SPANNENDER, WEISER GENIESTREICH VON FILM!

FILM Paranoid Park (USA/F 2007) * Von: Gus Van Sant (Drehbuch nach dem Roman von Blake Nelson, Regie, Schnitt) * Kamera: Christopher Doyle, Rain Kathy Li * Verleih: Stadtkino Wien * Mit: Gabe Nevins, Taylor Momsen, Lauren McKinney * Ort + Zeit: Künstlerhaus, 23.10.2007: 6h30 (Frühstücksfilm!); Gartenbaukino, 23.10.: 21h; Stadtkino, ab 1.11.2007 im regulären Betrieb

Tuesday, September 25, 2007

FILM: "EIN FLIEHENDES PFERD" VON RAINER KAUFMANN ALS FEINE ÜBERRASCHUNG

Der introvertierte Lehrer Helmut (Ulrich Noethen) scheint nicht mehr zu wissen, was er an seiner Ehefrau Sabine (Katja Riemann) hat ...

... da muss erst Charmeur Klaus (Ulrich Tukur) mit seiner unbefangenen Helene (Petra Schmidt-Schaller) am Urlaubsstrand von Meersburg aufkreuzen ...

... und einiges durcheinander bringen, damit Helmut über seinen phlegmatischen Pessimismus nachzudenken anfängt. (Screenshots © Gate Film 2007)


ÖSTERREICHISCHE KINOS MARTIN WALSERS BESTSELLER EIN FLIEHENDES PFERD ALS INTENSIVE GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT VON RAINER KAUFMANN

Normalerweise sind die österreichischen Fernsehzuschauer deutsche-Schauspieler-verdrossen, da ebenso verseucht. Sie halten sie nicht aus, nachdem sie sie von Kindesbeinen an mit Muttern und Grossmama in hausbackenen Fernsehkrimis - oder noch schrecklicher - in deutschen Schnulzenserien ansehen mußten. Da herrscht nur noch Aversion in resistenter Natur. Deshalb auch das entsprechende, sich schal anfühlende Vorurteil der Ablehnung gegenüber dem gerade in den österreichischen Kinos anlaufenden Film von Rainer Kaufmann, wo allein schon der Titel Ein fliehendes Pferd mit den Schauspielern Katja Riemann, Ulrich Tukur, Ulrich Noethen und Petra Schmidt-Schaller abstößt. - Warum man sich diesen Film dennoch ansehen will, liegt an der gleichlautenden Novellenvorlage des deutschen Bestseller-Autors Martin Walser.

Und siehe da. Es geschehen noch Wunder. Plötzlich sind diese deutschen, perfekt sprechenden, stets steril und äußerlich-oberflächlich wirkenden Menschen interessant. Weil das Buch mit den kontrastartig angelegten vier Charakteren sie als geschlossene Gesellschaft dazu zwingt, intensiv und typenstark zu sein. Der introvertierte, lebenpessimistische, melancholische Lehrer Helmut (Ulrich Noethen) trifft am Bodensee beim Sommerurlaub auf den extrovertierten, hyperreißerischen, unternehmenslustigen "Weltmann-Zocker" Klaus (Ulrich Tukur). Helmut ist lange verheiratet mit der, von ihm sexuell nicht mehr beachteten und daher unbefriedigten Sabine (Katja Riemann), Klaus geht mit der offenherzigen, jungen Pilatestrainerin Helene (Petra Schmidt-Schaller). Und wie es so kommen muss, bahnt sich ein Partnertausch an, um Grundsätzliches der beziehungszermürbenden Routine zu klären.

Da zählen aber nun die feinen Nuancen "wie". - Wie sich Helmut aus der Reserve locken lässt, in subtiler Anspannung und großer Begierde gegenüber dem jungen Mädchen und in immer größer werdender Eifersucht gegenüber dem Charmebolzen Klaus, der sich an seine Frau heran macht. Das Gefühl des Losers treibt ihn zur gewissensquälenden Schandtat, nachdem Klaus als wilder Zorro über die Wiese galoppiert, in stürmischer See das Segelboot lenkt und seine Ehefrau zur Ekstase gebracht hat - und er, Helmut, bei Helene aber nicht wirklich landen kann; denn "ihr geht es eigentlich nicht um Sex", sagt sie. Und es wäre kein guter Film, wenn er sich selbst nicht am besten erklären könnte, deshalb hört die Kritik an dieser Stelle auf. Alles was man sagen kann, ist: anschauen und anfangen, über das eigene Leben nachzudenken ... e.o.


DAS URTEIL EIN WITZIGER UND ZUGLEICH NACHDENKLICHER DEUTSCHER FILM, DER VON SEINEN VIER HAUPTDARSTELLERN ALS GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT LEBT. INTENSIV UND LEHRREICH.

SPIELFILM Ein fliehendes Pferd * Nach der Novelle von Martin Walser * Deutschland 2006 * Regie: Rainer Kaufmann * Mit: Ulrich Tukur, Ulrich Noethen, Katja Riemann, Petra Schmidt-Schaller * Zeit + Ort: seit 21.9.2007 in den österreichischen Kinos

Friday, September 07, 2007

FILM: ALEXANDER BINDER MIT AKTUELLEM TERROR IN "KEINE INSEL - DIE PALMERS ENTFÜHRUNG 1977"

Fred Zimmermann berichtet 1977 von der spektakulären Entführung des österreichischen Großindustriellen Walter Michael Palmers, für den eine Lösegeld-Summe von 31 Mio. Schilling gefordert wurde. (Fotos: © enkidu 2006)

Eingefädelt wurde die "kriminelle Geldbeschaffungsaktion" u.a. von der Deutschen, Gabriele Rollnik, um als Mitglied der Bewegung 2. Juni (kleine Schwester der RAF), für die politischen Aktionen der militanten Linken Europas Geld aufzustellen

Und um nicht mit der Bewegung in Zusammenhang gebracht zu werden, suchte sie in Österreich einen idealistischen, naiven Jungstudenten, und fand ihn im Vorarlberger Theaterwissenschaft-Lobbyisten Thomas Gratt. Als er verurteilt wurde, schrie er noch immer: "Der Kampf geht weiter!"

Nach abgesessener Strafe machte Gratt als Schriftsteller sofort Karriere und lebte so gut, dass er sich 2006 einen Designeranzug und eine Dachwohnung in Wien leisten konnte. - Offensichtlich waren die Kontakte zum wohlgesinnten Untergrund noch vorhanden, obwohl die RAF ihn bereits in den 90-ern ausgeschlossen hatte: Gratt beging nach Drehschluß Selbstmord.


ÖSTERREICHISCHE KINOS NACH 30 JAHREN SPRECHEN DREI PROTAGONISTEN DER GRÖSSTEN GELDBESCHAFFUNGSAKTION DER MILITANTEN LINKEN EUROPAS IN KEINE INSEL ÜBER DEN ABLAUF DER PALMERSENTFÜHRUNG, MIT DEREN ERPRESSUNGSGELD DIE RAF BIS ZU IHRER AUFLÖSUNG 1998 FINANZIERT WURDE

"Österreich ist keine Insel" war der Ausspruch Bundeskanzler Kreiskys 1977, während in Deutschland seitens fanatischer RAF (Rote Armee Fraktion bzw. kommunistische Befreiungsarmee bzw. antiimperialistische Stadtguerilla nach südamerikanischem Vorbild) und harmloserer, aber auch militanter kleiner Schwester, Bewegung 2. Juni, der Terror umging. Ein Terror der großteils Intellektuellenszene, der sich auf bewaffnete Kriegsnotwendigkeit gegen den Kapitalismus berief und nicht vor Tötung bürgerlicher Parteienvertreter (insgesamt 34 Morde) zurück schrak. Österreich war nun keine Insel, wohl lebten hier aber naive "Insulaner", die im Studentenalter von Anfang zwanzig leicht zu manipulieren waren, insbesondere als Wiener Theaterwissenschaft-Studenten. Der eine war Thomas Gratt, 1957 in einem gutbürgerlichen, katholisch-konservativen Elternhaus bei Bregenz aufgewachsen, der andere Othmar Keplinger, als Sohn eines Lehrers und Bürgermeisters im oberösterreichischen Mühlviertel geboren und in einem Elite-Internat zur Schule gegangen. - Und ausgerechet diese privilegierten Burschen aus sorglosen Verhältnissen sollten - mehr oder weniger - mit der Entführung des Großindustriellen Walter Palmers zu tun haben, für den 31 Mio. ÖS erpresst wurden. Es scheint, als hätten sie sich selbst in einem politischen Heldenepos als Robin Hood besetzt, der den Reichen nimmt, um den Armen zu geben, ohne sich jedoch darüber im Klaren zu sein, dass es sich bei diesen Rollen tatsächlich um "sie" handelt und dass diese linken Terroristen, die einander "Genossen" nannten, keine Engel waren. - Die Gelder (aus Raubüberfällen) wurden immer nur für Terroraktionen gegen die entscheidende Grossmacht benutzt. Doch das Fatale ist, dass die Mitglieder dieser Terror-Einheiten bis heute glauben, sie seien im Recht gewesen. Das sieht man im Dokumentarfilm Keine Insel - Die Palmers-Entführung 1977 von Alexander Binder, mit Interviews der beteiligten Personen aus Österreich (Thomas Gratt, Othmar Keplinger, Reinhard Pitsch) und der Deutschen, Gabriele Rollnik, nur allzu gut.

Die Terroristenideologie als Sucht

Allein Gabriele Rollnik - als Tochter eines Polzisten in Dortmund und Soziologiestudentin unter den Führerinnen der Bewegung 2. Juni, die 1980 aufgelöst zur RAF überging - arbeitet zwar jetzt als Kinder- und Jugendtherapeutin, sie ist aber mit dem ehemaligen RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo liiert und meint noch immer, dass das, was sie damals anstellten, richtig gewesen sei. - Das macht schon mal ihre Arbeit mit der Jugend bedenklich ... Bei beinahe allen "gelisteten Mitgliedern" kann man bis heute den Fanatismus erkennen, der sich als Nostalgie an eine große Ideologie bemerkbar macht. An eine Zeit, wo man in Gleichgesinnung mit den Palästinensern gegen Israelis, CIA und OPEC kämpfte, wo man "wichtig und notwendig" l(i)ebte. - Leider ist diese Form von Liebe - oder besser Selbstbestätigung - aber nur die Illusion von einer Utopie, die durch die Gruppendynamik nach außen hin bestätigend wirkt. Sie funktioniert wie eine Sucht. - Auch Magersüchtige bleiben "als geheilt" immer magersüchtig, da sie sich ständig an ihr lebensgefährliches Dünnmaß bzw. Leichtgewicht erinnern und an ihm messen. Selbst wenn sie wissen, dass jene Ausgezehrtheit schon lange nicht mehr schön war. So krank ist also der Mensch in seinem Streben. Jede Sucht funktioniert wie eine Ideologie, jede Ideologie wie ein Religion. Womit wir beim heutigen Terrororisten-Phänomen wären, wozu sich - wie damals zu RAF-Zeiten - zumeist Akademiker entwickeln.

Der Untergrund stützt auch nach der Haft

Der Wiener Theaterwissenschaftler und Institutslobbyist Thomas Gratt galt als Bauchmensch, der sich schnell auf die "darstellende" Funktion einließ, während sich seine Kumpanen, Keplinger und der Philosoph Reinhard Pitsch, auf die "Vermittler, Zuarbeiter- und Organisationsfunktion" beschränkten. Eingefädelt wurde das Ganze von zwei der vielen militanten, deutschen Frauen der Bewegung 2. Juni, die einen männlichen Österreicher für ihre "kriminelle Geldbeschaffungsaktion" brauchten, um nicht mit ihren politischen Hauptaktionen in Verbindung gebracht zu werden. Gratt zog die Entführung durch, so naiv dilettantisch wie es nur ging: er hinterließ seine eindeutig dialektgefärbte Erpresserstimme am Tonband, fuhr mit Keplinger im auffällig kaputten, der Polizei sofort verdächtigen Auto als Flüchtender über die Grenze, und verabschiedete sich nach der Gerichtsverhandlung, wo er 15 Jahre Haft bekam, mit einem "Der Kampf geht weiter". - Gratt war kein Held, auch wenn er sich im Moment so zu fühlen schien. Und weil er angeblich zu viel über den Fall sprach, wurde er noch in Haft aus der RAF ausgeschlossen. - Nach dem Gefängnis machte er als Schriftsteller Karriere. Er brachte sich dennoch nach dem Interview in Alexander Binders Dokumentarfilm, den er nie sah, um: er rammte sich ein Messer ins Herz. 2006, als der Film noch nicht beendet war. Denn er hatte wegen der Ideologie ein Leben der Illegalität gewählt, wurde von denen, die er als ausschlaggebend für die Ideologie hielt, für seine Selbstaufgabe nach außen hin aber nicht anerkannt. - Interessant, dass er aus dem Untergrund dennoch so viel Rückhalt hatte, um bis zu seinem Freitod ein ziemlich luxuriöses Leben leben zu können. Und doch konnte es ihn emotional nicht befriedigen. Dieses zerstörte, verrannte Leben. e.o.


DAS URTEIL EIN AUFSCHLUSSREICHER DOKUMENTARFILM, DER ZEIGT, WIE DIE GEHIRNWÄSCHE AKTUELLER (DEUTSCHER UND ARABISCHER) TERRORISTEN ABLÄUFT UND ALS SUCHT LEBENSLANG ZUR ILLUSIONÄREN HELDEN-IDEOLOGIE WIRD. - DIE UMKEHRUNG VON SCHLECHT ZU GUT HAT ES SCHON IN DEN 70-ERN GEGEBEN - UND EBENSO IN DER NAZI-ZEIT.

DOKUMENTARFILM Keine Insel - Die Palmers-Entführung 1977 * Regie und Kamera: Alexander Binder * Mit: Interviews mit Thomas Gratt, Othmar Keplinger, Reinhard Pitsch, Gabriele Rollnik, u.a. * Interviews 2006 geführt von: Michael Gartner * Produzent: ENKIDU Filmproduktion Wien * Ort: Österreichische Kinos, in Wien (Votiv, Apollo, UCI), in Feldkirch (Kino Namenlos [ehem. Oscar]), Graz (KIZ), ab 19.10. in Linz (Moviemento) und ab Dezember in Innsbruck (Leokino) * Zeit: ab 28.9.2007

* Premiere: Donnerstag, 27.9., 19h * Ort: Audimax der TU Wien * Anschließend Diskussion: „Terror. Damals. Heute. 30 Jahre Deutscher Herbst, 30 Jahre Palmers-Entführung.“ * Es diskutieren: Alex Binder
(Regisseur), Reinhard Pitsch (Mitbegründer „Arbeitsgruppe Politische Gefangene“, Palmers Entführer), Astrid Proll (eh. Mitglied RAF), Lorenz Gallmetzer (ORF), Moderation Robert Misik (Autor; Falter, Profil)

Monday, November 13, 2006

FILM: DIE NEW-CROWNED-HOPE-REVOLUTION VON GARIN NUGROHO


Filmstills aus Opera Jawa (© N.N): Die verkörperte Fleischeslust: Dieser "Mann" (oben) verleitet die Ehefrau zur Untreue, während der Ehemann sie nur als Heilige sehen will. Im Vagina-Zelt am Meer schlitzt dieser sie deshalb auf, um ihr Herz zu befragen, wen es nun wirklich liebe? - Ein formal absolut interessanter Film für Opern- und Tanzfans.

I Don´t Want to Sleep Alone-Filmstill (© William Laxton): Einer von den Dreien zieht für gewöhnlich den Kürzeren, außer das männliche Objekt der Begierde (Mitte) wäre bisexuell ... immerhin können sie aber zumindest zu dritt schlafen. - Sexszenen und Erotik retten diesen langsamen Film voller Schmutz, Flöhe, Krankheit und Giftgase.


NEW CROWNED HOPE - EINE FORMALE OPERN-TANZ-FILM-REVOLUTION AUS INDONESIEN UND LANG(WEILIG)ATMIGE "BARBARA-ALBERT- FILME" AUS THAILAND UND TAIWAN

Am 14.11. startet offiziell das bis 13.12.06 dauernde New Crowned Hope-Festival. intimacy: art sah alle sieben Filme vorab. Top bleibt Hamaca Paraguaya (für Kritik scroll down), dicht gefolgt von Opera Jawa des indonesischen Regisseurs Garin Nugroho (45). Unsere Begründung: Diese beiden Filme bringen formale Neuerungen in das Filmgenre, wobei Hamaca Paraguaya mit musikalischer Poesie dem Filmwesen näher kommt und wirklich jedem gefallen wird, während Opera Jawa - von Oper/Theater und Tanz geprägt - eher etwas für die Spezialinteressen-Zielgruppe ist. - Aber: Diese "Opernfilm"-Art könnte bei Theater- und Opernübertragungen künftig Sinn machen. Denn "nur abgefilmt", so wie sie bisher sind, drängen sie selbst Theater- und Opernfans (die meist auch Filmfans sind!) reflexartig zum Umschalt-Knopf.

Opera Jawa: zweitschönster Film des Festivals

Opera Jawa ist stilistisch gemacht wie ein Bollywood-Film, nur nicht auf indisch, sondern indonesisch, und - durchgehend gesungen - näher der Oper und dem volkstümlichen Gamelan als dem Musical. Außergewöhnlich sind die vielfältigen, rituellen bis klassischen Tanzszenen von sieben berühmten javanischen Tänzern und Choreografen in abstrakten, von Künstlern geschaffenen Installationen. Das paßt so gut, da es auch in der Geschichte um drei ehemalige Tänzer geht, die einst den Klassiker Ramayana aufführten. Dessen Dreiecksgeschichte von einem Paar und einem Querbrater strahlt nun auf ihr jetziges Leben ab:

Das Töpfer-Ehepaar hat Geldprobleme. Dazu kommt, dass der Mann seine Frau zur Heiligen hochstilisiert, anstatt es ihr anständig zu besorgen. Dabei hätte er doch wirklich die besten Voraussetzungen dazu, wo er sie so reizvoll mit Töpferlehm beschmiert. Sexuell unbefriedigt, zieht es sie alsdann - kaum ist ihr Mann auf dem Markt - über einen endlos langen, lustroten Teppich zum potenten Händler Ludiro. Bei ihm lebt sie ihr Verlangen aus, ohne - wie bei ihrem Mann - Angst haben zu müssen, dafür vom Gegenüber verachtet zu werden. Doch der Sexprotz klagt wiederum: er dürfe nur ihr Fleisch besitzen, nicht ihr Herz. Das beschäftigt ihn so sehr, dass er blutrünstig zwischen Schlachtrind umher tanzt, als befinde er sich auf Hermann Nitschs Orgienfest. Für sie ist wieder das Problem, dass sich diese beiden Männerwelten nicht trennen lassen: liegt sie des Nachts zuhause neben ihrem Mann, kriecht plötzlich dieser Lustteufel unter ihren Rock. So viel Scheinheiligkeit muß daher bestraft werden: der Ehemann schneidet seiner untreuen Ehefrau im Vagina-Zelt das Herz heraus, um sich zu überzeugen, für wen es wirklich schlägt.

Die "Barbara Albert"-Langatmer

Also, für Sang sattawat (Syndromes and a Century) des thailändischen Regisseurs (36) Apichatpong Weerasehakul brauchen Sie einen langen Atem. Erinnert schwer an Böse Zellen von Barbara Albert. Alltagszenen ohne Höhepunkte, keine kontinuierliche Geschichte, scheinbar reale Beziehungsepisoden im Krankenhaus. - Wann läuft diese Mode des Nicht-Erzählen-Könnens endlich aus? Wann gesteht man sich endlich ein, dass die Kunst des Filmens im richtigen Timing und Spannungsaufbau liegt? - Nur für Leute, die absolut nichts zu tun und keine Perspektiven im Leben haben! Alle anderen werden platzen vor dem Gefühl, dass man ihnen die Zeit stiehlt.

Nicht ganz so schlimm ist Tsai Ming-Liangs (49) Hei Yan Quan (I Don´t Want to Sleep Alone). Zwar in genau so langatmigem Schein-Alltags-Realismus gedreht, aber wenigstens mit Konzentration auf drei Menschen. Ein Mann nimmt einen heruntergekommenen Kerl von der Straße mit nach Haus; er wäscht, füttert und bettet ihn neben sich auf der (flohreichen) Matratze. Subtile Erotik liegt in der Luft. Doch als der Aufgenommene gesünder wird, steigt er einer Krankenpflegerin nach, die den ganzen Tag einen klinisch Toten wäscht. Dann ist Giftalarm, und ausgerechnet da wollen die beiden im Halbfreien miteinander schlafen. Mit Gasmasken geht das etwas schwer. Das Ganze endet im Eklat, als der tatsächlich schwule Helfer dahinter kommmt, zu wem sein undankbarer Patient sich hingezogen fühlt. Und doch schlafen sie alle drei gemeinsam ein. - Diesen Film retten die Erotikszenen und die metapherreichen Gegensätze von Leben-Tod. a.c./e.o.


DAS URTEIL WENN MAN SICH NICHT SEHR ÄRGERT, KANN MAN SICH AUCH NICHT SEHR FREUEN: ALSO AM BESTEN ALLE FILME DES FESTIVALS ANSEHEN.

FILM Opera Jawa, Indonesien/A 2006, 120 min, Javanisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 17.11., 20h * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Garin Nugroho // Ort: Filmmuseum * Zeit: 30.11., 20h30 * OmdU
FILM Syndromes of a Century, Thailand/A/F 2006, 105 min, Thailändisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 21.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Apichatpong Weerasehakul // Ort: Filmmuseum * Zeit: 30.11., 18h30 * OmdU
FILM I Don´t Want to Sleep Alone, Taiwan/F/A 2006, 118 min, Malayisch, Mandarin, Bengalisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 22.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Tsai Ming-Liang // Ort: Filmmuseum * Zeit: 27.11., 20h45 * OmdU

Monday, November 06, 2006

FILM: DAS NEW-CROWNED-HOPE-JUWEL VON PAZ ENCINA



Drei Filmstills oben aus Hamaca Paraguay: (© N.N): Die Totale auf die Hängematte führt praktisch durch den paraguayischen Film, kaum Schnitte, viel Dialog, aber wunderschön. Im raren Szenenwechsel hört man die inneren Stimmen von "ihr" und "ihm", die sagen, wie sehr sie auf ihren Sohn warten;


Half Moon-Still (© Bahman Ghobadi): Der Film über einen kurdischen Sänger, der im Iran eine Sängerin mitnehmen will - zu singen ist dort aber Frauen verboten.
Darunter: Daratt-Filmstill (© Frank Verdier) Der afrikanische Junge verschont den Mörder seines Vaters dann doch.


NEW CROWNED HOPE - EIN ABSOLUTER TOP-FILM AUS PARAGUAY UND MINDESTENS ZWEI INHALTLICH SCHÖNE FILME ÜBER AFRIKA UND KURDISTAN

Halbzeit der Filmvorschau für die Presse beim New-Crowned-Hope-Festival, kurz vor Festivalstart am 14.11. in Wien. Nach vier gezeigten Filmen - davon holten sich drei Preise bei prestigeträchtigen internationalen Festivals - lautet der absolute Liebling der intimacy: art -Redaktion: Hamaca Paraguaya (Paraguayan Hammock).

Absolut Top: Hamaca Paraguaya

Dieser Film besteht vielleicht aus zehn Einstellungen, die meisten in der Totalen gedreht. Die wenigen vorkommenden Menschen sprechen nicht direkt, sondern nur im Off miteinander. Dank dieser formalen Kargheit kommt das Gesagte umso mehr zu Geltung, der realistische Dialog eines alten Ehepaars, das die schwüle Hitze des Tages auf der Hängematte übersteht, dicht nebeneinander sitzend. Trotz ihrer Nähe sind sie sich anfangs fern, denn beide sprechen nur von ihrem Sohn, der in den Krieg zog und bisher nicht zurück gekommen ist. Sie warten auf ihn, so wie auf den Regen, der nicht durchbrechen will, obwohl es immerzu donnert. Alles erinnert an die letzten Worte des Sohnes: die bellende Hündin, die Orangenplantage, das Haus.

Dann ist der Krieg vorbei und die Mutter erhält Nachricht. Sie akzeptiert sie nicht gleich. Doch wächst mit dem Sterben der Hoffnung auf die Rückkehr des Sohnes ihre Zuneigung gegenüber ihrem kränkelnden Mann im Jetzt. Und als der Film vorbei ist, beginnt es im Off auch endlich zu regnen.

Ein großer Gefühlsfilm ohne Sentimentaliät. Und ein doppeltes Meisterwerk, wenn man bedenkt, dass der paraguayische Film aus einem Land kommt, wo es keine eigene Filmindustrie gibt. Gebaut wie eine Musikkomposition, wo Worte des Alltags zur rhythmischen Totenklage werden, und Bilder von körperlicher Empfindung sprechen. - Grossartiges Spielfilmdebüt mit poetisch-dokumentarischer Note von der Lateinamerikanerin Paz Encina (35).

Sehenswert: Half Moon und Dry Season

Niwemang (Half Moon) erzählt die Geschichte eines in Kurdistan berühmten kurdischen Musikers, der nach Saddam Husseins Tod in den Irak reisen will, um dort aufzutreten. Der Sänger will aber nur gehen, wenn er eine iranische Sängerin mitnehmen kann. Sängerinnen sind im Iran aber verboten. Ein kleiner Krimi mit abenteuerlicher Reise im Bus durch Sand, Stein und Schnee in den Bergen, bis die Grenzpolizei die Truppe erwischt. Eine Zeichnung von einem naiven, tollpatschigen, mit der neuen Technik hadernden Volk, das aber Kraft seines Idealismus und seines Glaubens an die kurdische Musik berührt. Mythenreich mit Todesvisionen und doch ernüchternd realistisch - etwa durch einen Kampfhahn, den die Polizei der Vogelgrippe bezichtigt. Vom bekannten kurdisch-iranischen Regisseur Bahman Ghobadi (37).

Daratt (Dry Season) spielt im Tschad 2006, wo der Staat allen Kriegsverbrechern Amnestie gewährt. So schickt ein im Wüstendorf lebender Großvater seinen Enkel mit einem Revolver los, um den Mörder seines Vaters zu töten. Der, jetzt nächstenliebende, Bäcker nimmt den Jungen als Gesellen auf. Als seine schwangere Frau ihr Baby verliert, will er den Jungen adoptieren... Ein lehrreicher Film, weil er Leben und Umgang der Menschen in Afrika zeigt, aber vor allem wegen der Botschaft, dass ein Junge den Befehl der Sühne seines Vorgesetzten mißachtet. Mehr noch: er tut vor dem Großvater nur so, als hätte er den Mörder erschossen ... D.h., er beläßt ihn im Glauben, mit sich den "mordenden, starken" Mann in die nächste Generation weiter gegeben zu haben, leitet jedoch in Wahrheit die "starke, verzeihende" Generation ein. Ein Film von Mahamat-Saleh Haroun (46).

Indifferent: Meokgo and the Stickfighter

Der Film des 32-jährigen populistischen Südafrikaners, Teboho Mahletsi, ist über uns hinweg geschwebt. Da war ein junger Mann, der sich gerade an ein Mädchen heran macht und nicht auf die Gefahr hinter ihm achtet: Ein Reiter versetzt ihm einen Hieb, und entführt das Mädchen (das aber recht glücklich scheint...). Den Film haben wir nicht ganz durchschaut, liegt wohl am Film... (a.c./e.o.)

DAS URTEIL DREI VON VIER FILMEN SEHENSWERT UND EINER DAVON EIN ABSOLUTES MUST - EINE BESSERE BILANZ KANN SICH NEW CROWNED HOPE NICHT WÜNSCHEN...

FILM Half Moon, Iran/Irak/A/F 2006, 113 min, Kurdisch, Farsi * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 18.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Bahman Ghobadi// Ort: Filmmuseum * Zeit: 29.11., 20h30 * OmdU
FILM Paraguayan Hammock, F/Argentinien/NL/Paraguay/A/E/D 2006, 76 min, Guarani * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 19.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Paz Encina // Ort: Filmmuseum * Zeit: 29.11., 18h30 * OmdU
FILME Meokgo and the Stickfighter, RSA/A 2006, 16 min, Sotho & Dry Season, F/B/Tschad/A 2006, 95 min, Französisch, Tschad-Arabisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 20.11., 20h30, OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Mahamat -Saleh Haroun // Ort: Filmmuseum * Zeit: 27.11., 18h30 * Omd/eU