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Tuesday, November 20, 2007

FILM: PHILIPPE RAMOS FASZINIERT MIT HEUTIGER "CAPITAINE ACHAB"-POESIE

Der Junge Ahab (Virgil Leclaire), der getrieben ist, von der Suche nach der Mutter, die ihm nichts hinterließ als die Bibel ...

... transformiert seine Suche in die Jagd nach dem Wal, die ihn bei grausamer Umwelt zum grausam-fanatischen Mann (Denis Lavant) zeichnet.










Eine schöne Parallele von Regisseur Philippe Ramos, der seine eigene Sexfantasie und Romantik von Mann, Frau und Mensch in seinem Captain Ahab spürbar einarbeitet.



VIENNALE - DAS WIENER FILMFESTIVAL GEHT SO SCHNELL VORBEI, DASS MAN DIE BESTEN FILME BEINAHE ÜBERSIEHT: DER HEKTIK ZUM TROTZ DENKEN WIR NOCH AN DAS FILMHIGHLIGHT VON PHILIPPE RAMOS: CAPITAINE ACHAB - KEIN MÄNNER-, SONDERN EIN MENSCHENFILM!

Capitaine Achab des 1964 in Vaucluse, Frankreich, geborenen Regisseurs Philippe Ramos, war bestimmt einer der gelungensten Filme, auf alle Fälle aber "der" überraschungsreichste Film der Viennale. Weil er vor und während des Anschauens jeder Erwartung entgegen läuft und dabei eine absolut eigenständige und neuartig glaubwürdige Filmpoesie an den Tag legt. Die Poesie geht Hand in Hand mit einer inhaltlich unterschwelligen Revolutionsaussage, die so subtil verfeinert überbracht wird, dass sie kaum über die Suggestion hinaus ins Bewußtsein des Betrachters gelangt. Bei all den kunsthistorischen, eher an der antiken Malerei und griechisch-biblischen Literatur orientierten Bezügen, drängt sich zunächst nur archaisches Staunen in das prinzipiell durchgehend romantisierte Gefühl des Zusehers, dem selbst die allzeit-gültige realistische Härte verkommener Gestalten nichts anhaben kann.

Von Gott zur Umwelt

Offensichtlich schöpft dieser gelungene Film aus einer charakterlichen Übereinstimmung des Regisseurs Ramos mit dem amerkanischen Autor Herman Melville des Urromans Moby Dick (1851): in der Erzählensart, im ästhetischen Empfinden, in der Sicht auf die Welt in literarisch-musischer Überhöhung. Nur dass Ramos viel psychologischer, mit größerer "Sorge" an die Hauptfigur, Kapitän Ahab, herangeht, als wäre sie eine "noch" beeinflußbare Person. Das ist auch das, was das Mythos vom typischen "Heldenbild" des bis zum Tod zwischen Kampf und Sieg getriebenen "Mannes" (Menschen) bricht. Stand Melvilles Roman somit für eine Glaubensdebatte zwischen Gut und Böse, Religion und (böswilliger) Natur im menschlichen Leben, so erweitert sie Ramos in seinem Film um konkrete Umstände, die den Menschen zu dem machen, was man im Allgemeinen als "kriminell" oder "abnorm" verurteilt.

Kunstgeschichtliche Symbole in literarischer Filmsprache

Diese Erkenntnis verläuft aber, wie gesagt, ganz unterschwellig: im Vordergrund steht eine literarisch unterteilte, in antiker Szenenmalerei eingerichtete, mit Filmmedallions abgeblendete Filmerzählung. Einzelne Kapitel stehen für die fantasievoll ausgedachten Lebensabschnitte, die Ahab als Kind, jungen Erwachsenen und am Ende geprägt haben könnten - es wird alles detailliert bis auf den lediglich kurzen, tödlichen Walfang Ahabs geschildert - der in Melvilles Buch doch so dominierte, sodass es schlichtweg für das Abenteuer, die unerschrockene Männlichkeit stand. Die Geschichte erzählt auch kein Matrose wie bei Melville, sondern Leute, die Ahab in den Lebensphasen am intensivsten begleiteten, eröffnen ihren subjektiven Blick auf die Figur, was jeweils andere Musik - von Klassik bis zu modernem, amerikanischem Folksong - unterstreicht. (Die Musik ist übrigens mit so viel Geschmack ausgesucht, dass die Akustik für sich selbst ein Genuß ist.) Kostüme und Filmatmosphäre sind historisch, sodass die Poesie auch optisch greifen kann.

Der Autor hinter grausamen Männern, weiblichen Sexobjekten

Maßgebend exklusiv und neu machen den Film aber Philippe Ramos´ - ihn als Autoren-Persönlichkeit auszeichnende - "Bemerkungen", seine eingeschobenen, philosophisch deutbaren Symbole, die an Radikalität grenzen: Anfangs irritiert eine pornografische Kamerafahrt mit Nahaufnahme auf Haut, Scham, Busen und Körperwölbungen einer nackt-liegenden Frau, was die spätere Jagd nach dem Wal erklärt, der für den Autor genau dieselbe (gefühlte) Form hat. Sie steht für die Mutter, die Ahab schon als Kind verlor, die ihm eine Bibel hinterließ. In der Folge begegnen dem Jungen nur grausame Männer: sein Vater, der seine Geliebte schlägt, weil jene hinterrücks vor idyllischem Esel in freier Natur - wohl einem Schäfer-Sexbild entnommen - einen Musiker verführt, der sie nach kurzer Liaison verlässt, nachdem er Ahabs eifersüchtigen Vater umgebracht hat. Henry, der Geliebte seiner Tante, schlägt Ahab, um ihn zu züchtigen, sodass der Bub - einen Hund tötend - seinen eigenen Mord vortäuscht und abhaut. Zwei betrügerische Gauner schlagen ihn auf der Flucht halbtot; und ein Pfarrer zwingt ihn danach, in der Kirche aus der Bibel zu lesen, worauf der Junge abermals weiter zieht - er geht zur See.

Die Frau im Wal, im Wald - eine Männerfantasie

Der "willensstarke, harte Mann" wird Ahab demnach die Jugend über vorgelebt, während ihm die "Mütter" abhanden kommen: so sagt Ahab schon als Kind ganz eisern: "Wenn du etwas willst, kannst du es möglich machen!" Erst als er mit furchig verlebtem Gesicht und mit abgetrenntem Bein (das er bei der, nicht gezeigten Jagd nach dem Wal verlor) so geschwächt ist, dass er nicht mehr weiter kann, begegnet er der ihn pflegenden "Anna". Im poetischen Dialog von ihm, "als Mann der See", und ihr, "als Frau der Wälder", scheint sich seine Suche nun in beidseitiger Symbiose aufzuheben, doch zieht es Ahab abermals fort... Seine Wunde am Bein öffnet sich gleich dem Ruf des Wals. Zur Urmutter, so wie das französische Wort für das Tier weiblich "La Baleine" lautet.

Mit Dokueinschüben historischen Walfangs und dem amerikanischen "What shall we do with a drunken sailor" schließt der Film in poetisch-archaischer Note: Ist Moby Dick in der Nähe, riecht Ahab "Wald" und damit den Bauch der Mutter, in dem er letztich seinen Frieden findet. - Sollte also das Schicksal über den Willen des Menschen siegen, muss es erst vor der ewigen Männer- und Frauensehnsucht von der Umwelt geprägt worden sein, selbst wenn sich der Wille noch so dagegen wehrte. e.o./a.c.


Philippe Ramos ist im Gespräch mit der Regisseurin von Lady Chatterley, Pascale Ferran (für Kritik scroll down, bzw. click October 2007-Archiv), demnächst auf intimacy: art in artists/talks zu lesen und zu hören.



DAS URTEIL PHILIPPE RAMOS IST NICHT NUR EINE AUSNAHMEERSCHEINUNG ALS REGISSEUR. ER STEHT AUCH FÜR DIE GENERATION DER NEUEN SEHNSUCHT NACH POESIE IM ZEITGENÖSSISCHEN FILM. UND DAS KANN TATSÄCHLICH OHNE JEDEN KITSCH GESCHEHEN - EIN MEISTERFILM!

FILM Capitaine Achab * Frankreich 2007 * Regie, Schnitt, Co-Ausstattung: Philippe Ramos * Buch: Philippe Ramos nach Motiven von Herman Melville * Mit: Denis Lavant, Dominique Blanc, Virgil Leclaire, u.a. * Auszeichnungen: Beste Regie beim Locarno International Film Festival 2007 + FIPRESCI Prize (Kritiker-Hauptpreis) beim Locarno International Film Festival 2007 * Weltvertrieb: www.widemanagement.com

Sunday, October 21, 2007

FILM: "LADY CHATTERLEY" ALS ORGASMUSSTUDIE VON PASCALE FERRAN

Bei den ersten Sextreffen freut sich Lady Chatterley einfach nur, wenn der Wildhüter Parkin bei ihr "kommt" ...

... doch dann, etwa im Regen, nach einem Baby-Aha-Erlebnis, ergreift sie die Initiative, und "kommt mit ihm".

Danach wird ihr gegenseitiges Begehren und ihre Liebe immer stärker und übermütiger. Sie reißen sämtliche Konventionen nieder. (Fotos © VIENNALE 2007)


VIENNALE PASCALE FERRAN ZEIGT MÄNNERN, WIE FRAUEN ZUM HÖHEPUNKT KOMMEN, UND WAS IHNEN SONST NOCH BEIM SEX GEFÄLLT: IN LADY CHATTERLEY

Lady Chatterley von Pascale Ferran bei der Viennale - und wieder einmal wird klar, wie unterschiedlich Frauen und Männer Sex erleben. Nicht nur, dass der Markt an Pornofilmen ausschließlich auf die "Männer"-Erotisierung zugeschnitten ist; auch die Erotik in Spielfilmen deckt in der Regel männliche Bedürfnisse ab. Es scheint ausreichend, dass - ob nun mit oder ohne Vorgeschichte - zwei Körper zusammentreffen und (schnell) zum Zug kommen. Als genügten zwei Leiber beim Liebesaustauch zur Befriedigung beider Partner! - Angeblich ist Sex ja die natürlichste und einfachste Sache der Welt! Immerhin - alle zehn Jahre - kommt dann ein Film auf den Markt, der zeigt, wie das mit der weiblichen Lust tatsächlich funktioniert: So, dass auch "sie" einen Orgasmus hat, nachdem parallel offenbart wird, wenn und wie sie "keinen" hat. Wobei nicht gesagt ist, dass zweiteres ihr nicht auch ein gewisses Maß an Freude bereiten kann; es ist das "andere" am Sex, das der Frau sehr wichtig ist: sich nicht am "eigenen", sondern über den Höhepunkt des Mannes zu freuen, was sich als Gefühl von "vertraulicher Nähe" in ihr breit macht. Das Vertrauen dient dann zur Vorbereitung auf den wiederholten Sex mit diesem Mann. (Was - von der Natur so eingerichtet - wohl die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöhen soll. Und mit der angenehmen Begleiterscheinung, dass sich die Frau mit dem wachsenden Vertrauen fallen lassen kann: was dann auch zum Orgasmus führt.) Deshalb ist die Bindung zum Partner bei Frauen nach dem Sex auch viel stärker als bei Männern...

Porno von und für Frauen

Es verwundert kaum, dass solche Filme stets von weiblichen Regisseuren stammen. Wie jetzt die Französin Pascale Ferran (47) schöpfte 1993 schon die Neuseeländerin Jane Campion (53) in Das Piano aus einer ähnlichen charakterlichen Grundkonstellation der beiden Liebespartner. "Er" ist ein wilder Außenseiter, mit weiblich-musischer Sensibilität gegenüber Natur bzw. Musik. "Sie" ist unglücklich verheiratet mit einem reichen, ungeliebten Patriarchen, mit dem sie entweder nicht schlafen kann oder will. Beide frigide Frauen werden vom gesellschaftlichen No-Name, dem "Einsiedler", zu größter Lust stimuliert. Weil jener Ausnahme-Mann viel bedachter und raffinierter vorgeht, als der anerkannte Egoisten-Zampano an ihrer offiziellen Seite, weil der wilde Romantiker in ihre Lebenswelt eintaucht, ihre ästhetische Fantasie weckt, sie "sogar" teilt. Möglicherweise steckt dahinter aber nur weibliches Wunschdenken, selbst wenn Hoffnung besteht: Denn Lady Chatterley stammt als Ur-Roman von einem Mann! Es ist das skandalöse John Thomas and Lady Jane aus dem Jahr 1927 des Briten D.H. Lawrence.

Von der fragilen Annäherung zum Höhepunkt

Was die Welt daran schockierte, war allerdings die Politik: Dass eine großbürgerliche Frau einen klassenniedrigeren Mann begehren könnte. "Ihre" sexuelle Begierde hat damit wiederum nur am Rande zu tun. Natürlich ist es der starke, männliche Körper, der Lady Chatterley zuerst (sofort sexuell) anzieht. Sie, die den ganzen Tag ihren - aus dem Krieg gelähmt zurückgekommenen - Mann pflegt und deshalb schon fast krank ist, sieht den Wildhüter Parkin während eines Spaziergangs, wie er sich bei seiner Hütte im Wald wäscht. Dorthin gelangte sie wegen dort blühender "Narzissen", wegen der Natur, was sich "naturgemäß" mit der Faszination des Wildhüters deckt. Grüne Bilder, stumme Aufnahmen, kaum Musik, und wenn, dann nur vom Klavier, Naturgeräusche, spröde Dialoge, vermitteln ihrer beider Intuitionsfähigkeit. Rein äußerlich wäre Parkin (Jean-Louis Coulloc´h) sogar unattraktiver als Lady Chatterleys (Marina Hands) Ehemann Clifford (Hippolyte Girardot). Die von ihr ausgehende Annäherung bleibt für den Zuschauer also überraschend spannend, während sie sich sehr verzögert intensiviert: Parkin ist anfangs schroff und ablehnend, da er sich gar nicht traut, sie, die "Vorgesetzte", als Frau wahrzunehmen. Als sie dann aber um "seinen" Hütten-Schlüssel zum "gelegentlichen" Ausruhen bittet - ein eindeutiges Symbol - scheint das Eis langsam zu brechen. Zuerst sieht er unter all dem Gewand ihre bestrumpften Fesseln (wie in Das Piano), dann ihre Anmut, als sie im Garten eine Blume pflanzt, schließlich, dass sie beim Angreifen eines Kückens weint. - Eindrücke ihrer großen Sehnsucht nach Zärtlichkeit, der er nicht länger widerstehen kann. Wobei das Hinauszögern von beiden Seiten, indem er sie nie berührt und sie es des öfteren ein oder zwei Tage lang nicht zur Hütte schafft, letztendlich "ihr" dient, um tatsächlich "kommen" zu "können".

Von der Kunst des Hinauszögerns

Und doch klappt es beim ersten Mal noch nicht ganz: Parkin fragt nur, "wollen Sie?", geht mit ihr in die Hütte, zieht sich die Hose runter und stößt sie, ohne sie anzusehen (geschweige denn, dass der Zuseher einen Milimeter Haut sehen würde). Das Ganze ist eine 1-Minutenaktion, begleitet von Orchestermusik und Naturbildern, wo nur er etwas davon hat, und sagt: "Das mußte ja so kommen." Sie: "Ich glaube auch." Er ist verunsichert, aber so rücksichtsvoll zu bemerken, "ob sie sich erniedrigt fühle", worauf sie ihm versichert, "nein, Sie gefallen mir". Doch besucht sie ihn den nächsten Tag nicht, sondern erst den übernächsten. Wieder läuft das Ganze vollbekleidet zu seiner Befriedigung ab. Und sie "lächelt"... Die nächsten Tage meidet sie die Hütte und besucht im Dorf eine junge Mutter mit Baby. Da scheint bei ihr der Geistesblitz einzuschlagen... Auf dem Rückweg läuft ihr Parkin über den Weg, er weicht ihr beleidigt aus, sie rennt ihm hinter her und treibt es auf und mit ihm an einem Baum. Zeitlupenaufnahme. Endlich schreien beide "laut" ihren Höhepunkt heraus. Parkin freut sich: "Diesmal sind wir gemeinsam gekommen." Und sie bedankt sich bei ihm.

Sex gegen die Welt

Ab nun wird die Liebesbeziehung bei beiden von Mal zu Mal stärker, er kann nachts nicht schlafen, wartet vor ihrem Haus, manchmal schleicht sie sich raus. Bis eines Tages die Kleider fallen und sie endlich in voller Wahrnehmung und Liebkosung ihrer beider Körper ihrem Ehegatten Clifford ein Kind unterjubeln - der ist einverstanden, allerdings unter der Bedingung, dass es von jemandem sein müsse, der ihm "standesgemäß" sei. Und Lady Chatterley findet zu einem Trick, dass er es glauben wird...
Ein ständiges Beisammensein bleibt den Liebenden letztendlich verwehrt - schon weil sich der stolze Parkin niemals von einer Frau aushalten lassen würde. Doch eine letzte Aussprache zeigt, dass sie zusammen kamen und, wenn nötig, immer für einander da sein werden, weil sie sich gegenseitig befrei(t)en: er als sich erniedrigt fühlender Einzelgänger, sie als asexuell-einsames Beiwerk ihres Gatten. Und deshalb ist ihr Sex so großartig: weil er ein beidseitiger Befreiungsschlag gegen die Welt ist. e.o.


DAS URTEIL DER FILM ERLEBT IM LETZTEN DRITTEL EINEN RHYTHMISCHEN BRUCH UND WIRD DESHALB ALS ZU LANG EMPFUNDEN. DIE SEXUELLE SPANNUNG IST ALLERDINGS ATEMBERAUBEND: FÜR FRAUEN!

FILM Lady Chatterley * Frankreich 2006 * Von: Pascale Ferran, Roger Bohbot nach dem Roman John Thomas and Lady Jane von D.H. Lawrence * Regie: Pascale Ferran * Kamera: Julien Hirsch * Verleih: Stadtkino Wien * Mit: Marina Hands, Jean-Louis Coulloc´h, Hippolyte Girardot * Auszeichnungen: Césars 2007: u.a. Bester Film, Beste Darstellerin, Beste Kamera * Ort + Zeit: Viennale - Stadtkino: 28.10.: 12h, VIennale - Gartenbaukino: 29.10.2007: 20h, Gartenbaukino (im regulären Betrieb): ab 3.11.2007

Thursday, October 18, 2007

FILM: GUS VAN SANT SCHLÄGT MIT "PARANOID PARK" ALLE VIENNALE-PREVIEWS

Alex (Gabe Nevins) verbringt viel Zeit mit der Skateboard-Clique, und ist doch ganz allein: Nach einem Unfall mit tödlichem Ausgang weiß er es umso besser, und findet so zu sich selbst ... (Foto © VIENNALE 2007)


VIENNALE GUS VAN SANT IST MIT PARANOID PARK DIE NUMMER 1 IN DER PRESSE-VORSCHAU DES FILMFESTIVALS

Von acht Filmen (Dokus: Prinzessinnenbad, Stealing Klimt; Spielfilme mit Doku-Themen bzw. -Schauplätzen: Import Export, Am Ende kommen Touristen, Free Rainer; und Spielfilme: Michael Clayton, Lady Chatterley - siehe nächste Kritik auf intimacy: art), die die Journalisten vor Start des Wiener Filmfestivals Viennale (19.-31.10.2007) begutachten konnten, sticht Gus Van Sants Spielfilm im Doku-Schauplatz, Paranoid Park, eindeutig als bester Film hervor. Sowohl formal, als auch in der suggestiven Ansprache von normalerweise Unausgesprochenem zeigt er sich als größtes Genie. Da kann man sich noch so sehr fragen, warum er dazu stets das Thema der Jugendwelt braucht; was ihn wohl an der Jugendlichen-Zeit so faszinieren mag? Mit Betonung auf Jugendliche, nicht Jugend, wohlgemerkt. - Das nimmt zumindest vorweg, dass ihn weniger die jugendliche Ausstrahlung als sexueller Reiz, als die damit einhergehende Problematik des unsicheren Lebensgefühls inspirieren muss. (Bei Homosexuellen, wozu sich Gus Van Sant bekennt, trifft das ja sonst stets umgekehrt zu. Und auch bei Durchschnittsmännern...)

Vom Wert der Unsicherheit

Unsicher im Sinne von "unberechenbar" ist demnach alles, wofür der Regisseur aus der Unsicherheit schöpft: zugunsten der ständig überraschenden Form, die das brenzlige Geschehen umso bewußter überwacht, indem sie es nachdrücklich verunsichernd kommentiert. Am stärksten fällt es durch die (scheinbar) unpassende Musik auf - Kompliment an Van Sants ausgezeichneten Musikgeschmack bei Nino Rota, Ethan Rose bis Suzanne Vega! -, die für das Geschehen zum umdeutenden Manifest einer allwissenden Wahrheit wird. Da spürt man den steuernden "Macher" van Sant am besten, aber auch dessen große Sympathie gegenüber seiner instabilen, sehr einsamen Hauptfigur "Alex" (glaubwürdig: Gabe Nevins). Er schaut ihr zu und lehrt sie, aus den Fehltritten in die weisere und tiefer blickende Erkenntnis des Erwachsenwerdens zu gelangen.

Vom schlechten Gewissen zur Erkenntnis

Zudem verwendet van Sant einen (z.Bsp. bei David Lynch) schon öfter gesehenen, hier extrem passenden Erzählstil, um den Mechanismus von schlechtem Gewissen zu veranschaulichen: denn Alex begeht eine schreckliche Tat, durch die ein Mann ums Leben kommt - er ist auf einem (echt gruseligen) Foto mit abgetrenntem Körper zu sehen. Es ist ein Unfall, trotzdem hat der Jugendliche nicht den Mut, es jemandem zu erzählen, obwohl er genau weiß, dass nur das ihn erleichtern könnte. Sein Anlauf beim unscharf gezeigten, volltätowierten - und damit wenig vertrauenserweckenden - Vater scheitert; denn der lebt gerade in Scheidung mit der Mutter.

Das alles, einschließlich der Ursache, bleibt im Sinne der erzwungenen Verdrängung lange ungezeigt. Zunächst sieht man nur Alexs immer introvertierter werdendes Verhalten innerhalb seiner Skateboard- und Freundesclique. Auch gegenüber seiner Freundin Jennifer. Bei ihr merkt er umso deutlicher, worauf es beim Sex ankommt: nicht wie seine Freunde meinen, "besser einen Gratis-Fick mit einem hübschen, oberflächlichen Mädchen zu haben als gar keinen", sondern möglicherweise besser keinen Sex zu haben, und sich dafür mit einem (pickeligen) Mädchen (spielt etwas aufgesetzt: Lauren McKinney als "Macy") auf geistiger Ebene zu begegnen... Der Rest wird dann umso schöner - wohl für beide Seiten. Denn auch die hübsche Jennifer (spielt gut: Taylor Momsen) macht sich nur etwas vor; sie glaubt, gerade "guten" Sex gehabt zu haben, weil sie allein danach geht, was die anderen Leute "so" sagen. In Wahrheit weiß sie es nicht. Alex dagegen ist auf bestem Weg des Wissenden, indem er dem glaubt, was er mit Jennifer dabei empfindet: nämlich gar nichts. - Wahrscheinlich ist das aber auch verstärkt so, weil ihn sein Gewissen (wegen des Unfalls) dermaßen plagt, was wiederum die einfühlsamere Macy registriert.

Der trickreiche Blick unter die Oberfläche

Diese Zeit ist für den in sich gekehrten Alex daher die Phase zur Lebensweg weisenden Erkenntnis von individuellen Prinzipien. Er erkennt, wie verloren er sich unter den Menschen (Gruppierungen mit Pauschalwertungen) fühlt und dass es noch eine andere Ebene geben muß. Diese andere, unkonventionelle Ebene verunsichert ihn, wie sie ihn reizt. Deshalb besucht(e) er auch die lokale Metapher dafür, den unheimlich-gefährlichen "Paranoid Park", wo "man besser nicht alleine hingeht". Und da geschieht das Unglück. Am Ende weiß es auch der Zuseher, weil das ganze, bereits gezeigte Geschehen sich nochmals mit ausgeschmückten Detailszenen wiederholt. Der Zuseher lernt genauso unter die Oberfläche zu blicken wie Alex - nur dass die Blickrichtungen unterschiedlich sind. Alex blickt tiefer in sich selbst, der Zuschauer auf Alex. Für Alex bleibt die Zeit stehen, als er unter der Dusche den Schock der eben begangenen Tat ertragen muss, für den Zuschauer tut sie es, indem die Nahaufnahme von Alex gesenktem, begossenen Gesicht in Zeitlupe abläuft.

Die Schwere der Stimmung lockert sich allerdings immer wieder auf: sei es durch die erwähnte Musik, die teilweise mit Jahrmarktklängen Streitszenen konterkariert; sei es durch die Musiktexte, wie wenn etwa beim offenen Schluß in grobkörnigen Bildern "He died like a man" gesungen wird - als handle es sich um einen Abenteuer-Rückblick eines erwachsenen Cowboys, der sagen will: "Diese Erfahrungen gehören zur Jugend. Sie gehen vorbei." Und das weiß am Ende auch der versöhnte, sich an seine eigenen, schmerzlich-prägenden Erlebnisse erinnernde Zuschauer. - Der Film wurde bei den Cannes-Festspielen 2007 mit dem "Spezialpreis 60 Jahre Cannes" ausgezeichnet. e.o./r.r.


DAS URTEIL GUS VAN SANT IST TATSÄCHLICH SO GUT, WIE ALLE SAGEN, UND DAMIT IN JEDEM SEINER BERUFE "REGISSEUR, PRODUZENT, FOTOGRAF, MUSIKER" ERKENNBAR PRÄSENT. EIN UNKONVENTIONELL MUSISCHER, SPANNENDER, WEISER GENIESTREICH VON FILM!

FILM Paranoid Park (USA/F 2007) * Von: Gus Van Sant (Drehbuch nach dem Roman von Blake Nelson, Regie, Schnitt) * Kamera: Christopher Doyle, Rain Kathy Li * Verleih: Stadtkino Wien * Mit: Gabe Nevins, Taylor Momsen, Lauren McKinney * Ort + Zeit: Künstlerhaus, 23.10.2007: 6h30 (Frühstücksfilm!); Gartenbaukino, 23.10.: 21h; Stadtkino, ab 1.11.2007 im regulären Betrieb