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Wednesday, January 30, 2008

MUSIK/THEATER: ANARCHISCHER GORAN BREGOVIC IN "KARMEN WITH A HAPPY END"

Charismatiker Goran Bregovic mimt in seiner Carmen-Oper den trommelnden Rezeptionisten, der die Hure Karmen und ihren Zuhälter Ceausescu aushorcht.

Karmen (Vaska Jankovska) wird von zwei barden-duellierenden Trompetern umworben: von Polizei-Blaskappellenchef Emilio (Dalibor Lukic) und von Onkel Fuad Kostic (Bokan Stankovic).

Davon gibt es selbstverständlich eine CD, weil Bregovic selbst auf der Opernbühne ein Konzert-Komponist bleibt, der lediglich inhaltlich fortlaufende Lieder schreibt ...


THEATER AN DER WIEN GORAN BREGOVIC LÄSST IM BÜRGERLICHEN ETABLISSEMENT DIE SAU RAUS UND IST MIT HURE KARMEN UND ZUHÄLTER CEAUSESCU DENNOCH AUF NIVEAUVOLLEM TERRAIN: WEIL ER MIT KARMEN WITH A HAPPY END DIE ZYNISCHE WAHRHEIT UNSERER ZEIT OFFENLEGT

So ein Jux. Ja, Goran Bregovic macht sich einen Jux aus dem Genre Oper, und er hat damit vollkommen recht. Weil das die einzige Art ist, die zu ihm, seiner Musik, seiner Identität paßt, sodass sein kühnes Rockprojekt von der Bizet-Carmen-Adaption mit Titel Karmen With A Happy End als "einzige Oper, die wir Zigeuner haben" auch aufgehen muß. Das bespickt er mit einer höchst persönlichen, bitter-zynischen Kritik bezüglich des jetzigen westlichen Show- und TV-Biz. Hut ab, vor dieser Komplexität an Spott und Ironie, was für einen in unserer Zeit so raren echten und starken Charakter steht. Dass mancher Carmen-Nostalgiker vorzeitig das Theater an der Wien verließ, weil er das alles offensichtlich nicht begreifen wollte, um sich seine Festgefahrenheit zu bewahren, ist umso bedauernswerter. Es beweist in doppelter Sarkastik, dass künstlerische Wahrheit für viele "bessere" Menschen ein von Vormachern geleiteter Wert, wenn nicht ein Fremdwort ist.

Opernverarschung mit Stil

Dennoch blieb das bürgerliche Theaterhaus an der Wienzeile gesteckt voll. Es liegt an den anderen vielen Menschen serbokroatischen Hintergrunds sowie an den vielen Fans, die der "balkaneske Popmusiker" Goran Bregovic seit seiner Emir-Kusturica-Filmvertonung für sich verbuchen kann. Für all jene Besucher ist die profane Art, Oper zu spielen, auch gar nichts Neues, weil sie wahrscheinlich weder je eine sahen, noch kennenlernten. Das, was sie hier sehen, ist für sie "ein gewohntes Balkankonzert aus Liedern", wo einfach eine Nummer nach der anderen eine fortlaufende Geschichte erzählt. Als Spott auf den elitären Theaterverlauf des Opernwestens, umgekehrt aber auch in respektvoll huldigender Anlehnung auf die folkloristische Tradition des östlichen, "zigeunerischen" Mugam, wird die Geschichte verstärkend und einleitend vorab des melodischen Teils von - aus dem Publikum auftretenden und redenden - Musikern aus dem Bregovic-Orchester geschildert. Diese Story hat es in sich, denn sie treibt die vielen Namen, die der Besucher für gewöhnlich in der "akademischen" Oper lesen muss, um überhaupt mitzukommen, samt der obligatorisch verstrickten Handlung, verdoppelnd und verschachtelnd auf die Spitze. - Auf der Übertitel-Tafel steht, dass man sich vor dem Start die Inhaltsangabe durchlesen soll. Das ganze Ereignis ist damit auf doppelbödige Weise reinste Anarchie zulasten kultureller Instititutionsmacht, zugunsten eines erstarkenden Minderheitenbewußtseins, indem jede konventionelle Form parodiert, und die Ausbeutung des armen Volkes demonstriert wird. Dabei wollen "die Armen" über das Zigeunertum hinaus allgemein verstanden werden, sodass sich wiederum jeder Durchschnittbürger dieser Erde angesprochen fühlen kann. Und in diesem gezogenen Bogen - von der kleinen Minderheit zur großen "Bemindert-sein-heit" -, darin liegt die künstlerische Leistung des Goran Bregovic. Abgesehen davon fetzt seine Musik mit sechs Bläsern (darunter der geniale Saxofonist Stojan Dimov), den zwei Trommlern und sporadischem Akkordeon. Sie fährt einfach unter die Haut.

Von der grotesken Zuhältergeschichte ...

In dieser Geschichte ist Karmen "eine Hure mit der Stimme einer Jungfrau", die gleichzeitig in der Wahrsagerin Kleopatra steckt, die in einer Fernsehshow Leuten ihr Glück prophezeit - beides besetzt mit Vaska Jankovska, die tatsächlich spielt wie eine dümmlich-naive Hure und die die hell-klare Engelsstimme einer Jungfrau besitzt. Insider kennen sie als Bregovics Haupt-Solosängerin in der Wedding And Funeral Band. Ihr Liebesgegenüber ist der Müllmann Bakia bzw. dessen Trompete-spielende Onkel Fuad (Bokan Stankovic - ebenfalls bekannt aus der Band), den Kleopatra am Telefon als Nena, die Stripperin, verführen will. Kleopatra ist das ganze Stück über auf der Suche nach Bakia und Fuads Musikern, weil sie eine Show mit Fuads Musik machen will. Im Auto reist sie durch Europa. Sie stößt auf das Doppelbegräbnis von Onkel Fuad neben der nicht weit liegenden, an Aids verstorbenen Karmen. Und als Highlight der zynischen Groteske versteckt sich hinter dem Mann, der Karmen eine Karriere als Sängerin versprach, um sie aus ihrem sicheren Job in der Tabakfabrik zu locken und am "Bahnhof" auszunehmen, ein Zuhälter namens Ceausescu: der charismatische und körperlich Höchstes leistende Trommler Alen Ademovic. - Eine klare Anspielung auf (nicht nur künstlerisch) prostituierende Castingshows und parallel eine politische Anklage gegenüber der rumänischen Führungsmacht im Land mit den meisten Zigeunern (Roma).

Goran Bregovic steht selbst auf der Bühne: Er gibt sich den selbstironischen Part des "Brega", Schlagzeuger in Fuads Orchester, der außerdem als Rezeptionist im Bahnhofshotel arbeitet und uns als letzter Einleitungserzähler im edlen weißen Anzug unter all den Müllmännern mit angenehm tiefer Stimme weismacht, der ordinär über "eine-Hure-(Frau)-zu-befriedigen-wie-die-andere" redende Ceausescu habe Karmen geschlagen, weil er sie liebte... Paradoxerweise fruchtet denn auch die Liedzeile von den Huren am Müll über die bunte Welt am Bahnhof : "Die Welt ist eine Kuh. Sie aß alles, was sie besaß, und sie ist immer noch hungrig. Europa, brauchst Du Huren? Hier sind wir, 100 Euro Cash!" Zum Trost folgt darauf der verschärfend "beschwichtigende" Nachsatz: "Wir sind keine Huren, wir sind Prostituierte!" - Na, immerhin!

... zur bekennenden Zigeunerromantik

Weil Bregovic aber prinzipiell zur Lebensfreude steht, siegt am Ende die Liebe. Und zwar auf einen Sprung innerhalb der Geschichte: nach einem Trompetenduell-Bardenbattle der beiden um Karmen duellierenden Männer, kehrt der störend verstörte Polizist Emilio zu seiner früheren Geliebten zurück. Und nach dem offiziellen Ende kommt es in der Zugabe zur Doppelhochzeit, worin Wahrsagerin Kleopatra zu ihrem Angetrauten, Müllmann Bacia, sagt: "Deine sanfte Liebe ist wie ein Zigeunervogel. Manchmal fliegt er allein, manchmal fliegt er mit mir." Karmen therapiert sich als ursprünglich nur ihre Freiheit liebende "Carmen" selbst, indem sie jetzt weiß: "Den Lebenskoffer zu tragen, ist zu zweit leichter." - Und für uns, im Volkspublikum Verbleibende, gibt es noch mal das ermutigende Lied Gas, Gas mit auf den Weg, worin uns gesagt wird, wir sollten aufs Gas treten, "weil Gott sich freut, wenn arme Leute Feste feiern". Das muss man uns nicht zweimal sagen, die sexy Rhythmen begleiteten uns noch lange gut gelaunt Richtung nach haus - denn wer ist heute nicht gerne lieber arm, um sich selbst noch mögen zu können?! e.o.


DAS URTEIL EIN WAHNSINN DIESER BREGOVIC, FRECH, EIGEN. EINFACH TOLL!

MUSIK/THEATER Karmen With A Happy End * Von: Goran Bregovic (Libretto, Musik & Regie) frei nach Georges Bizets Oper Carmen * Mit: Wedding and Funeral Band: Vaska Jankovska, Bokan Stankovic, Dragan Ristevski, Goran Bregovic, Ljudmila Ratkova-Trajkova, Stojan Dimov, Alen Ademovic, u.a. * die gleichnamige CD (produziert 2007 von Mercury, Universal Music France) gibt´s im Fachhandel

Monday, December 10, 2007

MUSIK: ERNST KOVAVIC ALS PIAZZOLLA-GENIE IN "DIE ACHT JAHRESZEITEN"

Das hätte Astor Piazzolla sicher gefreut, wie treffend radikal und aggressiv-freudig ihn Violonist Ernst Kovacic zu spielen weiß (Foto © Manfred Klimek)


THEATER AN DER WIEN AUS VIVALDIS UND PIAZZOLLAS VIER JAHRESZEITEN WURDEN DIE ACHT JAHRESZEITEN

Nach dem Piazzolla-Schwerpunkt kürzlich im Wiener Musikverein mit dem Tonkünstler Orchester Niederösterreich unter dem Dirigat von Rossen Gergov, kommt man beim leider nur einmal gespielten Vivaldi-Piazzolla-Konzert im Theater an der Wien zu einer interessanten Vergleichsmöglichkeit. Mit der Gewißheit: Was wir in unserer Kritik über Gergov sagten, können wir noch einmal unterstreichen. - Piazzolla ist und bleibt gespielt von einem Kammerensemble einfach das Originalbeste! Besonders wenn es von einem temperamentvollen Geiger wie Ernst Kovacic angetrieben wird. Genau genommen, ist er es allein, von dem wir sagen müssen: als Piazzolla-Interpret macht er seine Sache noch besser als Gidon Kremer, da er unglaublich roh, radikal und hart an sie heran geht. Sodass man gar nicht bewußt merkt, dass zu dieser Unmittelbarkeit auch die begleitenden Barockinstrumente samt Cembalo beitragen, die eigentlich die adäquaten Instrumente zu Vivaldis barocken Vier Jahreszeiten aus dem Jahr 1725 sind. Zu diesen hat Piazzolla als Antwort seine Vier von 1964-70 hinzu komponiert, lauter Stücke, die - mit Bandoneon oder Klavier gespielt - an sich bekannt sind, selbst wenn man vorher nicht wußte, dass sie eigentlich als Las Cuatro Estaciones Porteñas zusammen gehören.

Eine Eins fürs Temperament

Obwohl die Akustik im Musikverein für ein kleines Orchester bestimmt besser ist, und die Schauspielerin Petra Morzé einen biederen Mantel durch ihre nach jedem Stück zu früh eingesetzten, unpassend maniriert gelesenen Gedankenzitate Piazzollas und Vivaldis (auf Italienisch mit unerträglichem, französischem R!) um die aggressiv-tollen Klänge legte, war das doch ein gigantisch schönes Erlebnis. Und zwar wirklich wegen den Piazzolla-Teilen: mit kratzigem Jazz, wildem Bass, den gezogenen Tönen, den geklopften Saiten, mit der verspielten Freude der Musiker, all die Widersprüche tatsächlich von ihrer Substanz her spüren zu wollen.

Vivaldi dagegen nahm mit dem Frühling einen etwas zu zaghaften Anfang und einen ebensolchen Mittelweg des Herbsts, selbst wenn Frühling und Herbst an sich die ruhigeren Kompositionen in Vivaldis Jahreszeiten-Empfinden sind, wo der Komponist Vögelrufe in Violinen-Gezwitscher verwandelt und das Schlafen der Bauern nach der Ernte neben dem Streit der Nachbarn illustriert. Energischer und wieder unglaublich rasant von Kovacic erlebt, erklangen dafür Sommer und Winter, genauso freudig und lebensbejahend, wie sie gehören, selbst wenn die Violoncelli manchmal ein wenig zu spät einsetzten, das Cembalo ein-, zweimal kleinlaut tschepperte, und insgesamt vielleicht ein wenig Klangfülle in den Beschleunigungspartien fehlte. Das Temperament aber stimmte, und dafür bekommt das Ensemble von uns eine unterstrichene Eins, schon weil man live erst merkt, wie schwer diese allseits bekannte Genialklassik eigentlich zu spielen ist! e.o./r.r.


DAS URTEIL GENAU SO GEHÖRT PIAZZOLLA GESPIELT - WIE VON ERNST KOVACIC!

Unsere nächsten Konzerttipps
Bach-Suiten * Musikalische Leitung: Ton Koopman * Mit: Amsterdam Baroque Orchestra * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 12.1.2008: 19h30
Orfeo di Bregovic * Mit: Goran Bregovic & Wedding And Funeral Band * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 25.1.2008: 19h30

Wednesday, November 28, 2007

OPER: UMWERFENDER "ORLANDO PALADINO" VON KEITH WARNER & HARNONCOURT

Der karikierte Antiheld Orlando (Kurt Streit) ist von der Liebe und damit vom geisterhaften Wahnsinn der bösen Unterwelt (die Tänzer) besessen ...

... obwohl das Objekt seiner Begierde Angelica (Eva Mei) in den zart beseiteten Medoro (Bernard Richter) verschossen ist, allerdings nicht so, dass ihre Liebe von vornherein glatt liefe (wie die Tür zwischen ihnen oder die Leiter zeigen)

Der egozentrisch-irrwitzige Pasquale (Markus Schäfer) ist als Mischung zwischen Leporello, Joker und Orlandos doppelagentischem Diener zwar noch weiter von der Liebe entfernt, doch durch einen Zaubertrick findet selbst er noch seinen Deckel. (Fotos: © Armin Bardel)


THEATER AN DER WIEN DIE BAROCKOPER VON JOSEPH HAYDN, ORLANDO PALADINO, WIRD DANK DER TAUSEND SCHICHTEN UND DETAILS VON KEITH WARNER UND NIKOLAUS HARNONCOURT ZUM ERLEBNISKICK

Wenn Hysterie ein Gesicht hat, dann sieht es so aus wie die Inszenierung Orlando Paladino des britischen Starregisseurs Keith Warner im Theater an der Wien. Seit intimacy: art das Geschehen an diesem Haus begleitet, ist diese im wahrsten Sinne des Wortes "wahnsinnige Oper" neben Michael Sturmingers Uraufführung I hate Mozart die bisher einschlagend gelungenste Neuproduktion: Ihr Erfolgsgeheimnis liegt in den theatralen und bühnenoptischen Überraschungen ohne Ende während des gesamten Verlaufs, in den mehrschichtigen Bedeutungsebenen durch die Umsetzung, in der unglaublich guten Besetzung durch die schauspielerisch, charismatisch und sängerisch besten und attraktivsten Darsteller, die es überhaupt zu geben scheint, und natürlich liegt der Erfolg auch im sehr, sehr, sehr feinklanglichen und beschwingten Concentus Musicus Wien mit seinen originalen Barockinstrumenten des sehr, sehr, sehr genial-"hysterischen" Dirigenten Nikolaus Harnoncourt.

Von der Wortwitzverdoppelung ...

Die Synopsis, in der ein liebendes Paar durch einen eifersüchtigen, kampfesheroischen Querbrater gestört wird, sodass eine Zauberin bis zum Gang in die von Charon (Markus Butter) bewachte Unterwelt für Ordnung der Gefühle sorgen muss, klingt eigentlich ziemlich naiv und bis auf die Zauberin auch nach "tausend mal gehört". Was dieses fantastische Team durch verdoppelnde Deutungen aber daraus macht, endet nach mehreren Schichtungen aus Satire, Humor, Brachialwitz im Untergrund in einer grossen Weisheit, und - eben nicht nur konkret am Ende des Stücks - sondern sie schwebt als Big Brother des watchenden Regisseurs Keith Warner über jeder Handlungssekunde. Indem dieser geistreiche Interpret des bereits geistreichen Librettisten Nunziato Porta nach Carlo Francesco Badini und des noch geistreicheren musikalischen Umsetzers Joseph Haydn (1782) (getoppt durch den sicher geistreichsten Harnoncourt) einerseits winzige Details bemerkt und sie heutig ironisch an- und "um"merkt: Sagt zum Beispiel Ritter Orlando, er wolle sich an dieser Quelle erfrischen, so tut er das an einer Schnapsflasche.

... zur Typenumdeutung

Andererseits verfremdet Warner sämtliche klar von einander getrennten "Typen" noch einmal umso klarer: Lobt sich der Kriegsheld Rodomonte (toller Bass Jonathan Lemalu) mit seinen Worten selbst, so zeichnet ihn seine gekonnt witzig-übertriebene Agitation gezielt ins Antiheldentum. Die alles dirigierende Zauberin Alcina (Elisabeth von Magnus) ist Visitenkarten-verteilend in ihrem nüchtern-intellektuellen Kostüm ein unterschwelliges Symbol für die, selbst Gefühle-steuernde Wirtschaftswelt von heute. Der Diener des eifersüchtigen Orlando, Pasquale vermischt sich - der Figur des "Leporello" entnommen - in einem "doppelagentischen" Jokerclown mit weißer Halbmaske. Als solcher hat Markus Schäfer als italienischste und hysterischste Figur (die ganze Oper wird italienisch gesungen) zwei Glanzszenen: Bei Hungergefühlen zeigt er in leicht grindig-sexueller Anspielung seiner späteren Angebeteten beim ersten Kennenlernen die Wurst, bevor er in maßloser Selbstverehrung von seinen Heldentaten prahlt und als Clou unter der Essensglocke einen Heroenhelm findet. Und will er sich bei seiner Geliebten (Juliane Banse) später beweisen, macht er das mittels Dialog mit dem Orchester, indem er sagt, "kein Kastrat singt so schön wie ich", während er sich mit einzelnen Instrumenten matcht, die ihm daraufhin aus dem Orchester - wie etwa die schwarz sonnenbebrillten Bassisten - "antworten".

Und alles umgibt die unheimliche Liebespsyche

Dieser horrende Spaß aus immer wieder neu entwickelter Permanentkarikatur, der vor allem im ersten Teil wirklich durchgehende Spannung hält, wird nun umhüllt von der unheimlichen, übernatürlichen Ebene, die am meisten von Karl Alfred Schreiners subtil und "straight" choreografierten Diener-Tänzern in schwarzen Skeletttricots hervor gerufen wird. Sie steht letztendlich auch für die "Liebe". Denn glatt läuft in diesen Lieben nichts. Nicht einmal die beiden offiziellen Turteltauben, Angelica und Medoro, erleben ihre rosa Wolke. Obwohl Medoro ein - wenn auch sehr hübsches - emotionales "Weichei" (der sehr leidenschaftlich und schön singende Bernard Richter) ist, balanciert ihre jeweils innere Gefühlsharmonie zuerst noch auf Leuchtturm-mit-Leiter-entfernter Probe, sodass sie sich Liebesbriefe per Flugzettel zuschießen müssen.

Wiederkehrende Karrussel- und Hochschaubahn-Verfremdungen im durchgehend originellen, neuartigen - wie die Regie mit viel Britenwitz versehenen - lichtakzentuierten Bühnenbild von Ashley Martin-Davis vermitteln diese Unsicherheit innerhalb der Sehnsucht nach Glanz zusätzlich noch. Und dass Orlando (ebenfalls ein Alpha-Sänger: Kurt Streit) als liebesbesessener Negativtyp irritiert, der eigentlich als absolut männlicher Feschak das typische Objekt der Begierde wäre, liegt auf der Hand. Sämtliche Liebeskandidaten müssen sich ihre Liebe durch mentale Qualen also erst verdienen: durch zweiseitige Türen, in denen sie sich wie im Spiegelkabinett mit sich selbst konfrontieren oder sie sich durch un/passende Türen zwängen.
Das Einzige, was tatsächlich für die pure, erstrebenswerte Liebe steht, steckt durchgehend im Gesang von Angelica, der sicher wundervollsten Sängerin des Abends, mit lyrisch-klarer Stimme: Eva Mei - sie rührt mehrmals bis ins nüchternste Herz. Und ihr Gesang steht am Ende auch für die Weisheit: Treue und Glück bekommen nur die, die wieder lieben, wer sie liebt. e.o.


DAS URTEIL FÜR SOLCHE GLANZMOMENTE LEBT EIN KRITIKER: ETWAS GEISTREICHERES UND KÜNSTERLISCHERES GIBT ES NICHT, ALS DIESE HYSTERISCH-GENIALE, HEUTIGE BAROCK-INTERPRETATION IN HÖCHSTER GESANGS- UND MUSIKQUALITÄT MIT NIE ENDENDEN ÜBERRASCHUNGSDETAILS. EIN ECHTES GESAMTKUNSTWERK!

OPER Orlando Paladino * Von: Joseph Haydn * Regie: Keith Warner * Dirigat: Nikolaus Harnoncourt * Mit: Concentus Musicus * Bühne: Ashley Martin-Davis * Choreografie: Karl Alfred Schreiner * Mit: Kurt Streit, Eva Mei, Bernard Richter, Jonathan Lemalu, Juliane Banse, Markus Schäfer, Elisabeth von Magnus, Bernhard Berchtold, Markus Butter + Tanzensemble * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 29.11.2007: 19h

Thursday, October 25, 2007

OPER: VALERY GERGIEV MIT "DER SPIELER" ALTKULTIG IM RUSSENFIEBER

Das ist ein russischer Dirigent, wie man sich einen russischen Dirigenten seit Prokofjews und Eisensteins Iwan der Schreckliche vorstellt: Valery Gergiev (Foto: © Clive Barda)


Das Theater an der Wien war offensichtlich so "stolz" auf die altmodische Inszenierung des Mariinsky Theaters, dass es die Fotos von Der Spieler superklein vergab bzw. zurück hielt (Foto: © Theater/Wien)


THEATER AN DER WIEN VALERY GERGIEV MIT DEM RUSSISCHEN MARIINSKY THEATER UND ORCHESTER IN WIEN ZU GAST - SIE SPIELTEN UNTER DER REGIE VON TEMUR TSCHCHEIDZE PROKOFJEWS DER SPIELER - ZWISCHEN KLISCHEE UND STUMMFILMKULT

Unlängst, im Theater an der Wien, konnte man erfahren, was den Wert des Klischees ausmacht. Dieses Klischee ist in Einzelfällen als Qualität zu verkaufen. Ganz besonders das russische Klischee, das selbstverständlich vom vorigen Jahrhundert herrühren muss. Mit dem Gastspiel des Mariinsky Theaters St. Petersburg Der Spieler nach der gleichnamigen Erzählung von Fjodor M. Dostojewski wird man ins dramatische Schauspielpathos überbordender Mimik und Gestik in depressiv-schwarzer Leidenschaftsoptik versetzt. Das erinnert automatisch an Sergej Eisensteins Stumm- und ersten Sprechfilme Alexander Newski (1938) und Iwan der Schreckliche (1944), die die heute konnotierte "kommunistisch-russische" Propaganda-Theatralität nicht zuletzt wegen Sergej Prokofjews Filmmusik erhielten. Dem gleichen Komponisten wie von der Oper Der Spieler. Da dieser nun auch noch das russische Ballett (etwa mit dem grandiosen Romeo und Julia) maßgeblich prägte, kommt man nicht umhin, weitere Querverbindungen zum derzeit in Österreichs Staatsoper residierenden, "russischen" Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper zu ziehen. - Zuletzt erlebte es mit Tschaikowskys Der Nussknacker, beim Versuch den Russenstil zu "modernisieren", seinen Tiefpunkt. - Insofern: Besser alles total russisch, in russischer Sprache, in hundert Jahre altem Russen-Klischee, als ein verworrenes Mischmasch, das Leute (Ballettdirektor Gyula Harangozo) produzieren, die in ihrem tiefen Inneren keinerlei Sinn für die Moderne haben. - Dann haben wir eben ganz offiziell Russisches Ballett in Wien - wird den österreichischen Staatsherren ja sicher entgegen kommen beim Geschäfte aushandeln, nicht?! Und den Russen in Wien wird´s auch gefallen, von denen es ganz viele zu geben scheint, denn Der Spieler sorgte auch am dritten Tag für ein bummvolles Theater an der Wien; es war - trotz katastrophaler österrreichischer Kritiken - "russisch" ausverkauft!

"Echte" Russen am Pult und auf der Bühne

Mit ein Grund für den "Hit-Faktor" mag Dirigent Valery Gergiev sein, der mit zerzaust schwarzem Haar, dämonischer Körperbehaarung, dunklen Glutaugen nicht nur äußerlich genau "dem Russen" entspricht, den sich der (Österreich)tourist in seinen Klischeeaugen erträumt, sondern auch im Dirigatstil, indem er bei ungestümer Artikulation und wildem Blick zum despotischen Helden in den sibirisch-kasachischen Ohnmachtsfantasien gelangweilter (österreichischer) Hausfrauen aufsteigt. Man/Frau kommt in diesem Fall ja sowieso nur wegen der Musik in die Oper. Die beginnt auch gleich mit einem gehörigen Wirbel, mit großem orgiastischem Gebläse, sie tanzt sich im schnellen Wechsel betrunken und wahnsinnig rhythmisch von Melancholie in blitzschnelle Raserei und endet doch wieder in undefinierbar-geheimnisvoller Lustigkeit, sodass ihr wahrer Gefühlsausdruck (ohne Dialog) nie festzumachen ist; sie reißt einfach von einer Unruhe zur anderen, stets doppeldeutig, in fantastisch-schwindeliger Fülle und erinnert wiederholt an die berühmte Musikstelle im Film Der weiße Hai (wenn der gefährliche Hai kommt).

Denn auf der gleich bleibenden, lediglich durch Rolos variierten, düsteren Bühne geht es um Schein und Scheinheiligkeit der gehobenen russischen Bourgeousie, die der "gefährlichen" Spielsucht verfallen ist und deshalb an nichts anderes denkt als "wie" an das Erbe und Geld der reichen Verwandtschaft zu kommen, genau genommen, der Großmutter (Ljubow Sokolowa - für unsere Verhältnisse "im Rollstuhl" und "im Hamlet-Make-up" und "in üppigem Mimenspiel" reif für den Bauernschwank; für russische Verhältnisse: Riesen-Applaus-würdig), die jede Falschheit verabscheut und prinzipiell jedem mißtraut. Der "Spieler", Alexej (Wladimir Galuzin - für unsere Verhältnisse mit zerrissen-rastlosem, vollem Timbre ein richtiges Ost-Mannsbild ohne lyrische Sensibilität, also fast ein "Iwan der Schreckliche"; für Russische: ein Riesen-Star), ist zunächst noch die Hoffnungsfigur, die für die Liebe sein gewonnenes Geld hergeben will. Doch nachdem selbst die Oma ihr Bares verspielt hat, ist auch Alexej dem Spieltrieb hoffnungslos erlegen. - Im dritten und vierten Akt gewinnen alle Figuren - mit der größeren Klarheit des Musikausdrucks - an Profil, die Liebesaufgabe des Helden zugunsten des Geldes bliebe ohne Libretto allerdings unerkannt. - Insgesamt ein spürbarer Routine-Akt des Ensembles, einschließlich des Dirigenten; aber wie gesagt, besser so, als modern-alt-vernudelt. e.o. / r.r.


DAS URTEIL EIN RUSSISCHES GASTSPIEL, DAS JEDE TOURISTISCHE ERWARTUNG ERFÜLLT - WENN MAN DIE WIENER IN WIEN ALS TOURISTEN BEZEICHNET. PROKOFJEW ALS OPER RUSSISCH ZU HÖREN UND ZU SEHEN, IST ENTWEDER ALTMODISCH ODER HISTORISCHER KULT Á LA SERGEJ EISENSTEIN.

Thursday, October 04, 2007

OPER: KEIN MITLEID FÜR "DEAD MAN WALKING" VON NIKOLAUS LEHNHOFF

Sänger-Darsteller, die wegen fehlender Ausstrahlung und naiv-einfältigem Text keine Emotionen übertragen können: Kristine Jepson als Nonne Helen Prejean & John Packard als Mörder-Todeskandidat Joseph De Rocher (Foto © Dorothea Wimmer)

Eine wandelbar-multifunktionale Bühne, die trotz ernüchterndem Intellektualismus den Kitsch und die erzwungen-übertriebene Mitleidsheischerei nicht lindern kann - abgesehen davon, dass jede Dramatik (Action) fehlt (Foto © Armin Bardel)


THEATER AN DER WIEN DEAD MAN WALKING VERKOMMT IN DER OPERNFASSUNG VON NIKOLAUS LEHNHOFF ZUR SCHNULZE OHNE MITLEIDSPOTENTIAL

Mit der 2000 von Amerikaner Jake Heggie nach dem Film Dead Man Walking komponierten, gleichnamigen Oper, wollte das Theater an der Wien ein Zugpferd der Jugend für Opernbegeisterung launchieren. Die kurze Filmsequenz über den Mord des später zum Tode verurteilten Joseph De Rocher war anfangs auch ganz vielversprechend. Sie erinnerte mit unruhiger Kamera und Ausschnittfetzen an das Schwarz-Weiß-Musikvideo Something Real des bewegend guten, norwegischen Singer-Songwriters Thomas Dybdahl. Dabei wurde Rockpop in die Opernklänge eingeflochten - leider nicht von Thomas Dybdahl. Man hätte den Rest der Oper allerdings lieber Thomas Dybdahl gehört und gesehen - weil seine Musik genau das Lebensgefühl, das Niveau, die Atmosphäre hat, die typisch für die musisch-intellektuelle Jugend von heute ist. Hätte Dead Man Walking als Oper, insbesondere durch Regie und Darsteller, diese Qualität getroffen, dann wäre vielleicht etwas daraus geworden. Man sah bei Regisseur Nikolaus Lehnhoff jedoch nur einen auf die Oper übertragenen Kinofilm (selbst wenn er sich tatsächlich nicht am Dreh- sondern am Originalbuch orientierte), und zwar ohne Grossaufnahmen der Gesichter, was beim Film das Um und Auf ist, damit der vordergründige Berieselungsrest an Kunstbestandteilen aufwertend oder umdeutend verstärkt aufgenommen werden kann.

Banalität wegen fehlender Nahaufnahmen

Ohne Zusatz einer differenzierten, subtilen Mimik ist der Text - obwohl ein Libretto von Terence McNally, der in Meisterklasse am Volkstheater Bahnbrechendes zu Maria Callas lieferte - einfach nur wahnsinnig banal. Zeitweise sogar unerträglich, da die Sänger, die keinerlei äußeres, noch schauspielerisches Charisma besitzen, auch noch die meiste Zeit statisch auf der Stelle picken. Geradezu lächerlich, wenn nicht ein unnötiger Stilbruch, ist die Szene, als die Nonne, Sister Helen Prejean (tantig, aber immerhin schöne Stimme: Kristine Jepson) im Auto vor gefilmter Landschaftsfahrt vom Kloster zum gefangenen Vergewaltiger De Rocher (John Packard: mit den Tatoos ein uninteressantes Verbrecherklischee) fährt, um ihm zunächst christlichen Beistand zu gewähren und sich dann für seine Begnadigung einzusetzen. Die Bühnenoptik bietet im Cinema-Breitformat in durchgehaltenem Schwarzweiß, mit multifunktionaler Wandelfähigkeit von Gefängnisszene hinter Gittern, Verhörraum, Warteraum mit Getränkeautomat zu Gericht mit Vorplatz, eine intellektuelle Aufwertung. Sie ist aber kein dramatischer Erhöhungsanreiz.

Musik als einziger Actionherd

Die einzige Dramatiksteigerung geht von der Musik aus, wobei sie ausgerechnet beim oftmals blitzschnellen Bühnenbildwechsel, der sich dem Publikum in Form einer Drehung einer schwarzen Wand zeigt, zum Andante Presto anfeuert, egal ob die Arie zuvor leise-besonnen oder schnell war. Jake Heggies Musik, tatkräftig dirigiert von Sian Edwards und gespielt vom Radio-Symphonieorchester Wien, wäre in Summe nicht so schlecht. Mit eindeutiger Nähe zur romantischen bzw. Thriller-Filmmusik - einschließlich Jazz, Blues und Gospel (der um Sister Helen und ihre Schwestern und Glaubensschüler schwelgt) - hat sie zeitweise unerträgliche Kitschnummern auf Lager, sehr schön dagegen ist das Quartett der beiden Mütter und Väter, die durch den Mord ihre Kinder verloren. Das klingt fast nach Verdi, indem jede Figur ihren Text weiter singt, während sich die Klänge harmonisch vereinen. Einschneidend berührend ist eine der ersten, lyrischen Arien von Frederica von Stade als Mutter des Verurteilten, die von den tugendhaften Jugendjahren ihres Sohnes singt und resümiert: "Die Tat war schlecht, nicht er!" - Sie will bis zum Schluß nicht wahrhaben, dass ihr Sohn ein Mörder ist.

Qual im 2. Akt

Eine Qual ist der gesamte zweite Akt. Nicht nur, dass einem die Naivität der jungfräulichen Nonne, die eine eigenartige Liebes- (und wahrscheinlich auch Sex)fantasie zum lügenden Kriminellen aufbaut - er beharrt darauf, dass nicht er, sondern sein Bruder die Jugendlichen umgebracht hätte -, ungemein auf die Nerven geht. - Ihre Worte kreisen zwischen "Gott wird uns alle um sich scharen", "Das ist meine Reise zur Wahrheit (zum Mörder)" und "Wir werden Seite an Seite gehen, du und ich (zur Giftspritze)"! Die Szene zu Elvis´ Jailhouse-Rock ist als geschmackloser Witz auch noch unglaubwürdig. Die erhoffte Sensibilisierung des Publikums gegen die Todesstrafe tritt nicht ein, da das erwünschte Mitleid übertrieben erpresst werden will: Der Gefangene, der - im Gegensatz zum realen Mörder, auf den sich diese Geschichte bezieht - am Ende die Morde gesteht, wird wie ein Sklave bei "passendem" Blues zum Tod geführt, wo er dann als frontal zum Publikum aufgestellter Jesus am Kreuz aufgebahrt wird. - Schlimmer geht´s nicht! e.o.


DAS URTEIL WANN LERNEN FILM- ZU OPER-BEARBEITER ENDLICH, DASS DIE DIREKTE ÜBERNAHME VOM EINEN ZUM ANDEREN GENRE NICHT AUFGEHEN KANN? - OHNE MIMISCHE NAHAUFNAHME SCHLICHTWEG DUMM UND BANAL. DIESE REGIE VERSAUT (OHNE UMDEUTUNG DES TEXTS) DIE GANZE MUSIK.

OPER Dead Man Walking * Von: Jake Heggie (Musik), Terrence McNally (Libretto) nach dem gleichnamigen Buch von Sister Helen Prejean * Dirigat: Sian Edwards * Regie: Nikolaus Lehnhoff * Bühne: Raimund Bauer * Mit: Radio-Symphonieorchester Wien, Arnold Schönberg Chor * Mit: Kristine Jepson, John Packard, Frederica von Stade, u.a. * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 4., 7., 10.10.2007: 19h30

Thursday, July 19, 2007

OPER: LAURENT PELLY MACHT MOZART SOMMERLICH-LEICHT - "LA FINTA SEMPLICE"

Rosina (Isabel Rey) übertölpelt schauspielerisch-choreographisch gut den frauenhassenden Sturkopf Don Cassandro (brillanter Grantler: Bruno Praticò), ...

... indem sie ihn gegen seinen Bruder aufbringt und eifersüchtig macht: denn beide sind bald in sie verliebt. Da fällt die geordnete Kastelwelt der Brüder in sich ...













... zusammen, die hinter der verliebten Giacanta (Silvia Tro Santafé) weggeräumt wird. So wird der Blick auf die Liebe für drei Paare frei. (Fotos: © Armin Bardel)



THEATER AN DER WIEN SCHAUSPIELERISCH INTENSIV UND IRONISCH, KONZEPTUELL MINIMALISTISCH UND DICHT, INSZENIERT LAURENT PELLY MOZARTS LA FINTA SEMPLICE ALS LEICHTE SOMMERMUSE

Was aus einer Zwei-Familien-Geschichte machen, aus der einander je ein Bruder Fracasso und eine Schwester Giacinta heiraten wollen, "ihre" älteren, über "sie" bestimmenden Single-Brüder aus Frauen-Aversion aber dagegen sind, sodass "seine" Schwester Rosina die griesgrämigen Brüder umstimmen muss: indem sie die beiden alten Junggesellen - der eine, Don Cassandro, belesen und knurrig, der andere, Don Polidoro, kraftlos naiv - in sie verliebt macht? - Nun, der französische Regisseur und Kostüm-Entwerfer Laurent Pelly zieht die verstrickte und doch handlungsmusterhafte Liebes-Oper La Finta Semplice des zwölfjährigen Komponisten Mozart im Theater an der Wien als fließende Unterhaltung auf. Mit der Offensichtlichkeit, sich am Libretto zu orientieren. Denn der mit dem feinen und temperamentvollen Sprachwitz Carlo Goldonis bespickte Text motiviert zu schauspielerischer Ironie, während die Musik nur stimmige Untermalung bietet. - Die hält Dirigent Fabio Luisi aber mitsamt Wiener Symphonikern und Cembalo exzellent betont in Schwung.

Sommerlaune statt Geniestreich

Es zeigt sich hier alles-in-allem weniger der überraschungsreiche Geniestreich als eine anregende Sommerlaune (die das Opernhaus am Naschmarkt ab heuer durch Mozart-Opern verbreitet), sodass sich manches Liebespaar im Publikum von der Liebe auf der Bühne anstecken lassen wird. Denn dieses Stück ist für die Zuschauer gemacht, als ästhetisch edler und doch leichter Geistesgang. Der fängt mit der Bühnen-Arithmetik von Barbara De Limburg an, deren logische Folge auf einem blass-türkis-austapezierten Raum basiert, dessen Blumendekor für die "natürlich-offene" Liebe der Liebeslustigen steht. Kontrastiert durch den Raum aus schwarz-grauen Linien und Quadern, worin die engstirnigen Brüder mit kleinen Kästen hausen, entsteht das reizvolle Spiel der Gegensätze.

Bis der graue Raum mit dem Eindringen der Liebe(slist) von Schwester Rosina aufbricht: im zweiten Akt liegen sämtliche Möbel verstreut umher, als hätte ein Sturm sein Unwesen getrieben. Und tatsächlich: Rosina, mit ihrer umfwerfenden Selbstironie in Spiel und Gesang - denn Isabel Rey ist gewinnend allürenfrei - dringt in die emotionale Welt der beiden Brüder ein, wie es die rote Farbe ihres Kleides suggeriert, so dass nach Liebesentzündung ihr gegenüber der Eifersuchtswirbel unter ihnen aufkommen muss. Wer kann auch schon einer ausnehmend klugen Rosina widerstehen, die agiert wie sie sagt: "Mit Worten, nicht mit Gefühlen gewinnt man die Herzen."

Klug-überzeichnet motivierte Schauspiel-Sänger

Rosina ist jedoch nicht die einzig überzeugende, weil fast satirisch gestaltete Figur. Und das ist der guten Besetzungshand von Laurent Pelly zuzuschreiben. Er holt aus den Darstellen mehr als nur die erforderlichen Typen heraus, indem er schauspielerisch und körperlich im Detail arbeitet, sie darüberhinaus aber ironisch bzw. überzeichnet interpretiert. Am stärksten motiviert er darin Bruno Pratico als Don Cassandro, dessen südländisch-italienisches Temperament im Stil des widerspenstig-zu-Zähmenden hochkommt, sodass er sich nach der Liebesüberrumpelei etwa den Blutdruck messen muss. In Wort, Geist und in seiner Männlichkeit aus-"gebildet", erhält er konsequenterweise die Hand Rosinas. Pelly lässt ihn insgesamt so führen, dass er sogar die Bühnenillusion zerstören darf, indem er einmal mit Dirigent Luisi einen kurzen Dialog als Darsteller abhält, als hätte er gerade vergessen, in welcher Oper er sich befindet. Auf der Bühne hat jeder andauernd etwas zu tun, so wird weder dem Zuschauer fad, noch sind dramaturgische Zusatzhandlungen nötig. Und damit geht der minimalistische, in-sich geschlossen intensive Umsetzungsansatz auf.

Am Ende ist die Bühne leer, denn die drei Paare haben sich gefunden. Die Liebe sorgt in Pellys Augen wohl für klare Sicht. Die als Fracasso ebenfalls geziert-sensibel verfremdete, überzeichnet-liebestolle "Prinzenfigur", Topi Lehtipuu, bekommt eine puppenhafte Giacanta (Silvia Tro Santafé), und in der Dienerschaft findet sich ebenfalls Eros ein. Und das alles in einer überdurchschnittlichen Gesangsweise, für die das Theater an der Wien mittlerweile bekannt ist. Dr. Wild/e.o.


DAS URTEIL DICHT UND FLÜSSIG ERZÄHLT, TREFFEND DURCHDACHT UND MIT IRONISCHEN SÄNGER-DARSTELLERN BESETZT. IN BEKANNTEM UND DAHER ÜBERRASCHUNGSLOSEM HANDLUNGSVERLAUF KEIN GENIESTREICH, DAFÜR EINE KLUG GEMACHTE SOMMERUNTERHALTUNG.

NÄCHSTE SOMMER-MOZARTOPER Le Nozze di Figaro * Von: Wolfgang Amadeus Mozart * Regie: Kasper Bech Holten * Dirigat: Graeme Jenkins * Mit: Radio Symphonieorchester Wien, Arnold Schoenberg Chor * Mit: Elizabeth Futral, Adrea Rost, Christopher Maltman, Johan Reuter, u.a. * ort: Theater an der Wien *Zeit: 1., 3., 6., 10., 13., 16., 19.8.2007: 19h

Wednesday, June 20, 2007

TANZ: ANNE TERESA DE KEERSMAEKER SPRICHT IN "NACHT" VON IHREN SCHLÜSSELWERKEN

Bei Béla Bartók tanzte Anne Teresa De Keersmaeker nach Ausfall einer Tänzerin im Mädchen-Frühlingserwachen selbst: das war nicht wirklich passend.

Zu Beethoven kreierte De Keersmaeker einen Tanz der "Männer", wo sie ihnen zeigt, wie befreiend weibliche Lässigkeit sein kann. - So kennt man sie in Wien.

In Verklärte Nacht zu Arnold Schönberg entscheidet sich ein Mann für eine Frau, die das Kind eines anderen erwartet - inhaltlich auch typisch. (Fotos © Herman Sorgeloos)


THEATER AN DER WIEN / IMPULSTANZ EINE NACHT IN DREI TEILEN HANDELT ANNE TERESA DE KEERSMAEKER-SYMPTOMATISCH VON MUSIK UND LIEBE

Anne Teresa De Keersmaeker hat es also wieder mal getan: von der Liebe gesprochen, von Beziehungen zwischen Mann und Frau - und das aus ihrer Sicht als Frau. Inhaltlich eine Rosamunde Pilcher, formal dafür jedoch zu intellektuell, und andererseits auch wieder nicht. Liebe suchen - mit der Liebe spielen - Liebe finden - mit Männern ringen - Schwanger werden - Liebe verlieren - trauern - sich wieder verlieben - mit Mann ringen - der die Frau dann vielleicht trotz Kind des anderen nimmt. - Das alles brachte sie letztes Wochenende am Theater an der Wien in Form eines dreiteiligen Werkabends unter dem Titel Nacht auf einen Nenner. Wobei bemerkenswert ist, dass es sich dabei um Uraufführungen in Quartalssprüngen im Laufe eines Jahrzehnts handelt, es inhaltlich aber dennoch wie aus einem Guß erscheint.

Keersmaeker als junges Füllen

Quartett Nr.4 zur Musik Béla Bartóks aus dem Jahr 1928 entstand 1986 als widersprüchliches Vier-Mädel-Quartett: ein streng präzises Unisono von charakterlich erkennbaren Individuen, worin jedes auf eigene Weise mit seiner heranreifenden sexuellen Neugierde kokettiert. Am auffälligsten und atmosphärisch passendsten wirkte darin die beschwingte und vertrauensvoll lachende Taka Shamoto. Tale Dolven und Elizaveta Penkóva boten die stabile Basis bei all den Drehungen, die nicht zu enden schienen. - Eine Entsprechung zur Fröhlichkeit dieser Mädchenzeit, die mit Hüpfen und Springen von Übermut zeugt, was jedoch - gemäß dem Charakter der Werk-Schaffenden - durch abrupte Launenhaftigkeit und plötzlich stolzem Rückzug unterbrochen wird: indem sich die Mädchen, gleich der künftigen Diva etwa - Gesicht frontal zum Publikum - das Haar glatt streichen, und sie lässig und frech ihre Röcke ausziehen, um mit nichts als in Unterhosen und T-Shirt absichtslos verführerisch zu tanzen.

Das paßte auch noch - wie übrigens die dissonant unberechenbare Musik, live gespielt vom Duke Streich-Quartett - ganz ausgezeichnet zur vierten Tänzerin: zu Anne Teresa De Keersmaeker höchstpersönlich. Was aber nicht paßte, war ihr Alter von Mitte vierzig, und zwar nicht so sehr wegen der Optik, sondern weil diese erfahrene Frau mit "Chefposition" einfach von Haus aus schon ganz etwas anderes ausstrahlt, selbst wenn sie sich mental und schrittabsolvierend in diese Jung-Mädchen-Stimmung hinein zu versetzen schien und sie irgendwo sogar noch so ein Mädchen sein mag. - Der Reiz dieses Werks liess sich somit zwar logisch nachvollziehen, die beabsichtigte Wirkung war aber völlig zerstört. Im Tanz, wo nur mit Körper, Ausstrahlung und Bewegung gearbeitet wird, lässt sich die Naivität eines Füllen nun mal nicht herbei schwindeln. Und für den Gag, dass ein Starregisseur als Nebendarsteller wie zufällig à la Hitchcock durch die Szenerie huscht - dafür war die Keersmaeker in diesem Stück zu dauer-präsent.

Steife Herren als lässige Burschen

Die Große Fuge zur Musik Ludwig van Beethovens (1825) diente indessen als kreisförmige Tutti-Harmonie unter Männern - ein Choreografiestil des Kommen und Gehens, Ausscherens und Wieder-Einfügens, den man bei Keersmaeker schon öfter gesehen hat und der offensichtlich hier (1992) seinen Ausgang nahm. Am schönsten - und tatsächlich sehr sexy - ist hier die neben Kaya Kolodziejczyk als Mann verkleidete Frau Moya Michael, deren langes rotes Haar unter all den Herrenhemd- und Hose-Trägern geschmackvoll "störend" auffällt. Anfangs streng horizontal in Linie aufgereiht, löst sich diese männliche Linien-Striktheit im leicht versetzten und freudig bewegten runden Kreis auf, worin die "Herren" ständig von außen ins Zentrum-Innere strömen, als gäben sie ihre sturen Werte und Machismen liebend gerne auf. Schon weil sie sich auch immer wieder in fliehender Drehung plötzlich fallen und vom Partner auffangen lassen und sich - wie schon zuvor die Mädchen - irgendwann ihrer steifen Hemden entledigen, um sie durch T-Shirts zu ersetzen.

Und Keersmaeker - opernhaft neu

Verklärte Nacht - von Arnold Schönberg 1899 als ein op.4-Sextett schmerzlich dramatisch komponiert - hat Keersmaeker 1995 erstmals aufgeführt. Und so hat man sie in Österreich eigentlich noch nicht gesehen: Eingerichtet wie eine Oper, tanzen hier Männer und Frauen die Geschichte einer aufkommenden Liebe in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht Richard Dehmels, worin ein Mann und eine Frau durch den Wald schlendern, sie jedoch von einem anderen schwanger ist. Da sie aber den Mann neben sich liebt, hofft sie auf dessen Liebe. - Dieses Thema der allein gelassenen werdenden Mutter hat Keersmaeker später in Raga For The Rainy Season aufgegriffen, was wiederum formal wie Die Große Fuge umgesetzt ist. - Hier dagegen stehen einige ablehnende Tänzer wie die Waldbäume mit dem Rücken zum Publikum bzw. zur Frau, während Paartänze schlechtes Gewissen, Hoffnung auf Gefühlserwiderung und Angst der Frau offenbaren: Sie springt auf ihn zu, wirft sich ihm hin, er fängt sie - fast zwanghaft - auf. Damit er sie tatsächlich auffangen "will", muss er erst mal durch einen Konflikt mit sich selbst hindurch. Und dafür findet Keersmaeker eine schöne Metapher: Eine Tänzerin trägt sein Hemd, er nur seine Hose, und sie ringen beide miteinander, bis sie sich in Harmonie einigen. Und da das nicht nur seine Angelegenheit ist, wiederholt es sich im exakten Pendant in ihr: eine andere Tänzerin tanzt als "ihr Unterkleid" mit ihr als "Überkleid".

Das alles in großer Leidenschaft getanzt - und von ebenso großer inhaltlichen Dramatik - beweist doch, wie anders die belgische Choreografin innerhalb der Zeitgenossen-Szene ist. Keersmaeker mag nicht die technisch und ästhetisch beste Choreografin der Welt sein, aber sie hat Charakter, und der ist selbstbewußt weiblich. e.o.


DAS URTEIL WAHRSCHEINLICH LIEGT KEERSMAEKERS GRÖSSTE QUALITÄT IN DER PERFEKTEN BEHERRSCHUNG DES UNPERFEKTEN, AUS ÄSTHETISCHER UND PERSÖNLICHER ÜBERZEUGUNG. DARIN IST SIE EXTREM WEIBLICH. - DIESE SCHLÜSSELWERKE ZEIGEN ES, SELBST WENN SIE MITTLERWEILE SCHON WELTBEWEGENDERES GEZEIGT HAT.

Tanz: Steve Reich Evening * Mit: Rosas * Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker * Mit: Ictus Ensemble * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 17.+19.6.2008: 20h

TANZ Gala-Abend "Preljocaj/Forsythe/Rosas/Chouinard" * Mit: Manuel Legris und Laetitia Pujol vom Ballet de l’Opéra National de Paris; Tänzern des Mariinsky-Kirov-Balletts; Antony Rizzi & Leslie Heylman, Ex-Tänzer des Ballett Frankfurt; Mitgliedern von Rosas und Chouinard * Ort: Burgtheater, im Rahmen von ImPulsTanz Wien * Zeit: 14.7.2008: 19h30, 16.7.2008: 20h

TANZ Zeitung * Von und mit: Rosas / Anne Teresa De Keersmaeker & Alain Franco & David Hernandez * Piano: Alain Franco (Johann Sebastian Bach, Arnold Schönberg und Anton Webern) * Ort: MQ Halle E * Zeit: 7., 9.8.2008: 21h

Friday, June 08, 2007

TANZ & MUSIK: ALAIN PLATEL UND FABRIZIO CASSOL MIT ETHNO-BEHINDERTENWERK "VSPRS"

Das Leben zeigt sich Entstellten (Behinderten) unmittelbarer als Normalen. Die expressive Tänzerin mit schutzbedürftiger Punkerinnen-Optik Mélanie Lomoff macht das spürbar. (Fotos © Chris Van der Burght)

Quan Bui Ngoc drückt es in virtuosem Klassiktanz, aber mit irrem Blick garniert aus ...

... oder gewaltsam gegenüber der biegsam-exzentrisch-sprudelnden Iona Kewney.

Der ekstatische Moment, als Sängerin Claron McFadden, Musiker und Tänzer durcheinander geraten, hat etwas makaber Feierliches.

Und die Wichs-Szene ist schließlich die (religiöse) Erlösung. - Allerdings nicht das Happy End!


THEATER AN DER WIEN - IMPULSTANZ WIE DIE NACHAHMUNG VON BEHINDERTEN- UND HYSTERIENMANIE ZU GROSSER KUNST WIRD - REGISSEUR ALAIN PLATEL UND KOMPONIST FABRIZIO CASSOL HABEN EIN VERWOBENES, BITTER-SCHÖNES GESAMTKUNSTWERK GESCHAFFEN

Hyperkinese - das ist der motorische Reizzustand des Körpers mit Muskelzuckungen und unwillkürlichen Bewegungen. Und Hyperkinese ist der inhaltliche und formale Kern von Alain Platels VSPRS, mit dem er gerade im Theater an der Wien zu Gast ist. Interessant ist nun, wieviel der belgische Choreograf da hinein zu packen weiß und vor allem - wie. Prinzipiell schöpft er aus der Konfrontation mit dem Wesen "Religion". Denn sie steckt im Ausgangsstoff der Marienvesper des Barockkomponisten Claudio Monteverdi, allerdings in völlig anderer Definition.

Die Belgier und die Klassikparodie

Nehmen sich zeitgenössische Choreografen wie Anne Teresa De Keersmaeker und Alain Platel Auftragsarbeiten an, die sehr weit vom Zeitgenössischen entfernt sind, lässt einen das Gefühl - insbesondere bei diesen Belgiern mit ihrem speziellen Humor - nicht los, sie wollten sich über die Klassik lustig machen: Dann, wenn es um kollektive Andacht, Romantik und Liebespathos geht.

So sehr Anne Teresa De Keersmaeker im letzten Gastspiel Un moto di gioia zu Mozarts Konzertarien von ihrem Respekt gegenüber der Liebesfähigkeit von Mozart sprach, so wenig war er spürbar. Denn die Musik im Original blieb in all ihrer technischen und emotionalen Perfektion erhalten, wogegen der Tanz als Mischung zwischen Frechheit und Ironie trotz Lachmomente fast hilflos und künstlerisch "klein" wirkte. - Es ist daher sicher nicht Keersmaekers stimmigstes Werk. Ihr Tanz und Witz harmoniert zu anderer Musik besser.

Jazz-Auseinandersetzung statt Parodie

Damit Alain Platel erst gar nicht in diese Vergleichssituation kommt (obwohl bei ihm die "echten Mozart-Arien" in Wolf glaubwürdig waren), hat er etwas sehr Kluges gemacht: Er ließ die Monteverdi-Komposition von Jazz-Saxofonist Fabrizio Cassol bearbeiten. Heraus gekommen ist eine völlig andere Musik zwischen Ethno-Klassik und Jazz, was zu einer geerdeten Form von Spiritualität führt. - Und um den Glauben zu erden, die Religion ins Diesseits zu befördern, als erlebenswerter Teil "in" jedem Menschendasein und nicht nur seines Geistes, darum geht es in diesem Stück. Zitat: "Herr, lass uns Dein Instrument sein. Und wenn Dunkelheit herrscht, lass mich Dein Licht sein. Wir sind fürs ewige Leben geboren."

Das schließt mit ein, dass auch praktischer Sex im Sinne von Ekstase zu diesem erstrebenswerten Leben gehört, wenn er nicht sogar das eigentliche Ziel ist. Die katholische Religion hat sich also zur ethnischen Religion gewandelt, mit der sprituellen Energie afrikanischer Rituale, was im Gospel angelegt ist und der hier als Zigeuner- und Balkanweise hochwertig und westlich eingefügt wurde.

Auf die Spontaneität von Behinderten hören

Diese wunderschöne Musik, gesungen von der großartigen schwarzen Sängerin Claron McFadden, ist darüber hinaus mit dem Tanzgeschehen und den inneren Kämpfen der aus allen Teilen der Erde kommenden Tänzer verwoben, was es zu einem spannungsgeladenen Psychokrimi macht. Zuerst hält sich das weiß gekleidete Orchester vor weißem Unterwäsche-Berg noch im Hintergrund, wenn Elie Tass aus Gent einen Wecken Brot ertastet, Löcher hinein bohrt und ihn dann gierig abnagt. - Die spontane Lustfähigkeit, zu der Tiere und geistig Behinderte fähig sind, wird also erst mal als Tatsache in den Raum geworfen. Dass Platel hierbei nicht in ein schiefes Licht gerät, als einer, der sich über Behinderte mockiert, liegt daran, dass er als einstiger Pädagoge täglich mit ihnen zu tun hat(te). Und das spürt man. Er akzeptiert sie, beobachtet sie ganz objektiv, ohne sie aus falschem Mitleid hoch zu stilisieren.

Nein, er präsentiert sie als "Behinderte" und hat dabei die Chuzpe zu sagen, dass wir Menschen im Grunde alle Behinderte sind, und wenn wir auf unsere Instinkte hörten, könnten wir zu einer Ekstase gelangen, wie sie diese hysterischen und motorisch geplagten Menschen irgendwann im Kollektiv in Form einer Wichsszene erleben - die einzige Tuttiharmonie, die in ihren Existenzkämpfen möglich ist. Selbst wenn das ein Orgasmus ist, zu dem sich jeder nur allein hineinsteigern kann. - Wie eben auch in die Glaubensfähigkeit.

Wie verkrampft das Leben ohne Ekstase (Sex) ist

Denn ansonsten ist das Leben dieser (aller) Menschen nicht leicht, wenn sie hysterisch (Rosalba Torres Guerrero) im Raum herum gehend Heroen herbeirufen, zwischen Breakdance und Handstand (Mathieu Desseigne Ravel) ihre Balance suchen, von ihrer täglichen Beziehung zu ihren Exkrementen sprechen ("Lonely Kaka, I make you every day, you are so beautiful"), in fragiler Tanzschönheit gestieren, zucken, zittern (die mit sichtlicher Ballettfähigkeit künstlerisch und schmerzexpressiv stärkste Tänzerin: Mélanie Lomoff), laut schnarchen und irr lachen, während vom Berg jemand "Amen" schreit; wenn sie wie eine verzerrte Marionette zwischen Asiatik und Orientalik taumeln (sehr anspruchsvoll: Hyo Seung Ye), im Expressivtanz erschrocken ins Publikum starren (Quan Bui Ngoc) oder wenn - makaber berührend - ein "Sprechbehinderter" (vom tanzstarken Ross McCormack virtuos gestottert) mit einem hyperkinetischen Mann (Elie Tass) zu sprechen versucht, der vergeblich immer wieder eine Flasche zum Mund führt und dabei das ganze Wasser verschüttet.

Lebenssinn der sexuellen Ekstase vor dem Ende

Da diese Tänzer real kerngesund sind, erlaubt sich der Zuschauer, in sich hinein zu lachen. Zum Stich ins Herz kippt es aber, als der tatsächlich blinde und mitreißend gut fidelnde Geiger und Balkanflötist Tcha Limberger nach oben ins Licht blickt, nachdem die Musiker und Tänzer durcheinander gewirbelt sind. - Ein heller Moment, der nie zu vergessen ist. Ebenso, wie jener, als die erlösende Masturbationsszene immer mehr ins zwanghafte Muskel-Nerv-Zerren übergeht, das in seiner Auf-und-Ab-Bewegung unheimlicher Weise sowohl beim Mann, als auch bei der Frau, im Selbstbefriedigungsgebaren angelegt ist.

Bevor letztendlich einer nach dem anderen stirbt und von Restlichen auf die Spitze des Unterhosen(=Leichen)-Bergs getragen wird, ruft noch jemand zu all den Hysterischen (=Lebensängstlichen): "The situation is under control." - Soll das den Status Quo unseres Lebens darstellen, so ist das sehr zynisch. Aber wieso sollte jemand, wie Alain Platel, der das Leben keinesfalls rosig sieht, etwas anderes behaupten als zu betonen, dass die Versprechungen vermeintlicher Lebensführer doch nichts als leer sind? e.o.

Demnächst sind auf intimacy-art.com / artists / vision Alain Platel und Fabrizio Cassol zusammen mit der deutschen Choreographie-Ikone Susanne Linke zu lesen und zu hören.


DAS URTEIL EIN HOCHQUALITATIVES WERK, WO ALLE DETAILS ERSTKLASSIG SIND: DIE MUSIK UND MUSIKER, DIE TÄNZERPERSÖNLICHKEITEN, DER THEMENZUGANG UND DIE UMSETZUNG. EIN GIGANTISCHES ERLEBNIS ZWISCHEN ENTSETZEN, NEUGIERDE AM ABARTIGEN UND FILIGRANER SCHÖNHEIT.

Tanz/Musik/Installation VSPRS * Von: Frabrizio Cassol und Alain Platel * Regie: Alain Platel * Mit (Tanz): Mélanie Lomoff, Ross McCormack, Hyo Seung Ye, u.a. * Mit (Musik): Fabrizio Cassol, Tcha Limberger, Wim Becu, Claron McFadden (Sopran) * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 8.6.2007: 20h

Tanz/Musik * Nacht * Von Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas * Livemusik: Béla Bartok - Ludwig van Beethoven - Arnold Schönberg * Mit:The Duke Quartet (London) * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 13., 15., 16.6.2007: 20h

Thursday, March 22, 2007

THEATER + MUSIK: KABINETTTHEATERS GÄHNENDE "GUTE GÖTTER - SO EIN THEATER"

Orpheus (Tenor Ulfried Haselsteiner) verschläft seinen Auftritt - denn er ist so von Sehnsucht nach Eurydice gefangen, dass er einfach nur müde ist. (Fotos © Michael Michlmayer)

Wie gerne würde Orpheus Eurydice (sie besteigend) um sich haben...

... doch es bleiben ihm nur die Cancan-Erotisismen der Grisettinnen zu Offenbachs Orpheus in der Unterwelt ...








... und das Singen mit dem gelehrten Dichter, der für ihn Eurydice sein will - da er (ganz berechnend!) für die echte Kunst seine ganze Liebe fordert! Selbst wenn das die Öffentlichkeit am Ende wahrscheinlich nur in den Dreck ziehen wird.


THEATER AN DER WIEN DIE PUPPEN - SPIELGRUPPE "KABINETTTHEATER" LÄSST ORPHEUS ALS TENOR UND PUPPE "TANZEN" - EIN SCHÖNES STÜCK WEISHEIT, ANFANGS AUCH ZUM GÄHNEN

Dass Orpheus, der göttliche Sänger, dazu fähig war, mit seinem Gesang den Totenschiffer Charon einzuschläfern, Geister, Furien sowie Plutos zähnefletschenden Hund Cerberus zu zähmen, ist zu Beginn von Gute Götter - So ein Theater von der Puppenspielgruppe Kabinetttheater in der Unterbühne "Hölle" des Theaters an der Wien gut zu wissen. Denn sonst wird die etwas zu lange Einführung zwischen Gähnen zweier Frauenpuppenköpfe und dem "Wuff, Wuff" des augenglühenden Wolfskopfs zur Kammermusik von Akkordeon (Georg Schulz), Flöte (Yvonne Weichsel) und Violoncello (Ruth Straub) bald unlustig. Das ist aber auch das Einzige, was an der Produktion von Christopher Widauer, Julia und Thomas Reichert zu beandstanden ist.

Orpheus leidet dreimal anders

Denn dass da alles so müde ist, einschließlich des zwischen Singen und Schlafen wandelnden Orpheus - sodass selbst das Publikum zu gähnen beginnt -, hat ja seinen Sinn: Orpheus, Tenor Ulfried Haselsteiner, ist der Hauptdarsteller einer echten Inszenierung und sollte auf die Bühne kommen. Irgendetwas hält ihn aber zurück: die Puppen, seine innere Unruhe, sein Sehnen nach Eurydike. So singt er sehr schön und ruhig phlegmatisch in archaischen Tenorliedklängen und weint seiner Eurydike nach, der er nach diversen amourösen Ausschweifungen bedingungslose Treue schwor, sie aber dennoch für immer gegangen ward... Da sagt eine Gelehrten-Dichter-Puppe: "Ich bin Eurydike." - Kann aber "Kunst" auf Dauer alleiniger Liebesersatz sein? - So sinniert der gute Orpheus vor sich hin - dabei sollte er doch dringend auf die Bühne! - bis die Sinnlichkeit ihn und das Publkum gefangen nimmt. Nämlich als einer der Frauenköpfe auf den vollbusigen Torso wandert, der die ganze Zeit über leblos im Raum stand. Das muß nun Eurydike geworden sein! - Orpheus schlüpft unter ihren Rock, sodass "sie" vor freudiger Lust nur so kreischt und erklimmt sie, indem er - plötzlich zur Miniaturpuppe mutiert - auf ihren Körper steigt, und doch vergeblich. Er rutscht wieder und wieder ab. So bleibt ihm nur übrig, sich bei Jacques Offenbachs Cancan Orpheus in der Unterwelt zwischen den Pariser Grisettinnen-Beinen zu trösten, aber auch das schürt letztenendes nur sein Sehnen.

Orpheus ist verdammt zur Kunst

Dann ist es so weit. Er geht (als erneut andere Puppe) auf die Bühne - und bekommt als Dank nur die Rohheit des Showbusiness zu spüren: Er wird in Form eines Schattenspiels auseinander genommen, sodass das Blut aus seinem Körper spritzt. - Auch Ruhm und Ruf können ihm daher weder den Frieden bringen, noch Befriedigung, sondern nur Stress und Verkaufsdruck: seiner selbst, seiner Gefühle. Die öffentliche Meinung bringt ihn um. Und doch ist er, wie alle Kunstschaffenden, dazu verdammt, wie auf hoher See weiter zu singen, zu sinnieren, zu ringen, und um die Gunst des Publikums zu buhlen. - Eine schöne Metapher, die alle Abgründe des Künstlerlebens wiederspiegelt. - Nur der kleine Text auf dem Schildchen war am Ende nicht zu entziffern - War der wichtig? e.o./a.c.


DAS URTEIL EIN KLEINES STÜCK WEISHEIT ÜBER DIE INNEREN KÄMPFE DER KÜNSTLERSEELE. EIN DETAILREICHES SPIEL ZWISCHEN MUSIK, PUPPENKUNST UND PHILOSOPHIE - MIT JE EINEM GÄHNER UND WUFF ZU VIEL!

ERWACHSENEN-PUPPENTHEATER MIT MUSIK Nachtflug mit Puppen - Neue Reise mit Theaterminiaturen aus vielen Federn (Marinetti, Balla, Scarpa, Russulo Texte von Konrad Bayer/Oswald Wiener, Gert Jonke, H.C. Artmann) durch den abenteuerlichen Aufführungsraum * Von und mit: Kabinetttheater * Musik: Wolfgang Mitterer am präparierten Flügel und Live–Electronic * Ort: Semperdepot - Kooperation über Theater an der Wien * Zeit: 30., 31.7. + 3., 6., 7.8.2008: 21h

ERWACHSENEN-PUPPENTHEATER MIT MUSIK Ein bekehrter Wüstling * Regie: Thomas Reichert * Musik: Opern des 20. Jahrhundert * Von und mit: Kabinetttheater * Ort: Hölle im Theater an der Wien * Zeit: 4., 6., 8., 9., 13.10.2008: 20h

ERWACHSENEN-PUPPENTHEATER MIT MUSIK Haydn bricht auf * Musik: Joseph Haydn und Bernhard Lang * Buch: Michael Sturminger * Regie: Thomas Reichert * Von und mit: Kabinetttheater * Ort: Hölle im Theater an der Wien * Zeit: 14., 15., 19., 20., 22.3.2009: 20h

Thursday, March 01, 2007

OPER: STEIN WINGE LÄSST ANDRÉ PREVIN IN "A STREETCAR NAMED DESIRE" DEN VORTRITT


Sixpack-Prolo Stanley Kowalski (Teddy Tahu Rhodes) nimmt sich seine Frau Stella (Mary Mills) vor seinem Pokerfreund Steve Hubbell (Erik Arman) fast genauso brutal ...

...wie deren Schwester Blanche (Janice Watson): "Das wollten wir doch von Anfang an", schreit er. - Bei ihm schaut´s immer wie eine Vergewaltigung aus, wenn er den "Nicht-Frauen" des Tennessee Williams den "Mann" aus- und durch sich eintreibt. Fotos © Rolf Bock













THEATER AN DER WIEN DIESE JAZZ-MODERNE ENDSTATION SEHNSUCHT IST GEGENÜBER DER GÄNGIGEN NEUEN ODER KLASSISCHEN OPER ERFRISCHEND - STEIN WINGE HAT SICH ZUGUNSTEN DER EROTISCHEN HOMO-VERSTRICKUNGEN IM TENNESSEE WILLIAMS-STOFF ZURÜCK GEHALTEN

Tennessee Williams - da denkt man an die Pflichtlektüre der Schulzeit. An den Schreiber, der in allen seinen Figuren seine Homosexualität und deren gesellschaftliche Ablehnung verpackte. - Was man nun als Schüler nicht verstand, da man ja nicht einmal die gewöhnlichen "Erwachsenengefühle" nachvollziehen konnte, bekommt nach ein, zwei Jahrzehnten Leben deutlichere Züge. Und wenn jemand an den Figuren nicht allzu viel herumdoktort - auch nicht mittels Inszenierungsstil -, dann werden jene Züge tatsächlich klar. So geschehen in der österreichischen Erstaufführung von Endstation Sehnsucht am Theater an der Wien unter Norweger Stein Winge, der auf einer ziemlich leeren Bühne mit ein paar losen Möbeln für Schlaf-/ Wohnzimmer sowie Küche ohne Wände spielen läßt, als dauerpräsentem Schauplatz. Der einzige Luxus, den sich die Inszenierung leistet, ist das Drehen der Bühne, was aber für etwas steht: für das Irre-werden der Blanche DuBois.

Jede Figur - Homosexuellen-Klischees

"Regie" und Charakterinterpretation stecken dafür in der Musik - denn hier handelt es sich um das Theaterstück, das als Oper (Libretto Philip Littell) 1998 vertont wurde. Wenn sie auch weniger tiefenpsychologisch, als handlungsunterstreichend komponiert ist: Und das, obwohl André Previn durchgehende Rhythmik und komplexe Jazz-Arrangements mit typisch dramatischen Bläser-Passagen innerhalb einer zeitgenössisch-atonalen und melodischen Orchestersymphonie geschaffen hat, wobei einige Musiker der Wiener Symphoniker ihre Soli - wie etwa der für gewöhnlich selten in Orchestern solierende Kontrabaß - tatsächlich über längere Zeit "alleine" spielen. Die dramatischen und lyrischen Arien drücken dagegen die einzelnen, klar gezeichneten Charaktere in ihrem Agieren empfindsam und kammermusikalisch aus. Ja, viele Melodien sind regelrecht romantisch, sodass im Kontrast zu Atonalität und Kälte der Geschichte ein schmerzhaft doppelbödiges Flair aufkommt.

Diese Atmosphäre geht von der Figur der Blanche DuBois aus, die sich einerseits in der Handlung von einem mondänen Glamourvamp zu einer tugendhaften Dame bekehren will, indem sie den sensiblen Harold Mitchell aus einfachen Verhältnissen heiratet. Andererseits legt sie als "Frau" männlich-eigenständiges Gebaren an den Tag, sie trinkt Whiskey und flirtet mit jedem Mann, um bestätigt zu bekommen, dass sie noch "ankommt". Dass sie sogar nymphomanisch veranlagt ist, stellt sich im Zuge des Geschehens heraus: Nach einer Ehe mit einem Homosexuellen, den sie durch ihre aggressive Konfrontation diesbezüglich in den Selbstmord getrieben hatte, verführte sie in ihrem Beruf als Lehrerin einen minderjährigen Jungen. - Lauter Anspielungen also, auf die gängige sexuelle Lust schwuler Männer: die Lust auf Schönheit und Zartheit, ewige Jugend bis zur Pädophilie sowie wechselnde Partner.

Aus Blanches Hochzeit wird allerdings nichts. Schuld daran ist der Ehemann ihrer Schwester Stella, Stanley Kowalski, ein Prolo-Macho sondergleichen, der seine schwangere, ihm völlig verfallene Frau schlägt. Tennessee Williams dachte sich selbst auf eine Bemerkung Thornton Wilders hin, der es in dem Werk als unglückliches Mißverständnis ansah, dass eine Dame wie "Stella" niemals so einen Proleten wie Stanley heiraten könne: "Dieser Typ (damit meinte er Wilder) ist nie zu einem guten Fick gekommen." Tatsächlich geht es aber um die Beziehung von Stanley und Blanche, zwischen denen die größte Erotik herrscht, da ein Machtkampf ausgetragen wird. Stanley fühlt sich von der "Männlichkeit" Blanches so angezogen, dass er sie "entmannen" muss: Er vergewaltigt sie. - Dieser kalt-distanzierte Sex- und Machttrieb also auch ein typisches Homosexuellen-Klischee.

Jede Figur - blendend besetzt

All diese sexuellen Querverstrickungen hinter den offiziellen Paarkonstellationen, unterstreichen die blendend besetzten Darsteller durch ihre Körperpräsenz: Stanley ist der große Sixpack-Athlet Teddy Tahu Rhodes, der nicht nur im Spiel seinen festen nackten Oberkörper - und Hintern - gerne zu zeigen scheint. Blanche ist mit Janice Watson eine recht korpulente Frau und hat mit attraktiven langen Beinen die Größe eines stattlichen Mannes. Stella ist die zierlich-kleine Mary Mills (mit einer sehr schönen Stimme), und Mitch ist mit Simon O´Neill ein molliger Nicht-Sportler, dem man die sensible Konnotation abnimmt, die die männlich-schwule Blanche zur innerlichen Heilung sucht. Mitch sagt allerdings - wieder typisch für enge Mutter-Sohn-Bindungen von Homosexuellen: "Sie sind nicht rein genug, um mit meiner Mutter im selben Haus zu wohnen." - Sie alle, einschließlich der Nebenrollen-Interpreten, singen und spielen ausgesprochen gut. - Diese Klischee-Charakterzeichnungen sowie die pointiert erlebt gespielte Musik des Orchesters, dirigiert von Sian Edwards, sind die stärksten Eindrücke der musikalisch-erfrischenden und doch psychisch-dunklen modernen Oper. e.o./r.r.


DAS URTEIL ANDRÉ PREVIN MAG SICH ALS BISHER AUSSCHLIESSLICHER FILMMUSIK- UND MUSICAL-KOMPONIST DEN VORWURF VON "HOLLYWOODESKEN" IN SEINER ERSTEN OPER GEFALLEN LASSEN MÜSSEN - GERADE DIE ZEIGEN ABER - RHYTHMISCH UNTERHALTEND - DIE ZERSTÖRTE ROMANTIK HINTER DER "GERADLINIGEN" HANDLUNGSFASSADE: VERSTECKTE HOMOSEXUELLEN-EROTIK EBEN.

OPER A Streetcar Named Desire / Endstation Sehnsucht * Von: André Previn nach Tennessee Williams * Regie: Stein Winge * Dirigat: Sian Edwards * Mit: Janice Watson, Teddy Tahu Rhodes, Mary Mills, Simon O´Neill, u.a. * Mit: Wiener Symphoniker * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 3.,6.,9.3.2007: 19h30