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Monday, December 10, 2007

MUSIK: ERNST KOVAVIC ALS PIAZZOLLA-GENIE IN "DIE ACHT JAHRESZEITEN"

Das hätte Astor Piazzolla sicher gefreut, wie treffend radikal und aggressiv-freudig ihn Violonist Ernst Kovacic zu spielen weiß (Foto © Manfred Klimek)


THEATER AN DER WIEN AUS VIVALDIS UND PIAZZOLLAS VIER JAHRESZEITEN WURDEN DIE ACHT JAHRESZEITEN

Nach dem Piazzolla-Schwerpunkt kürzlich im Wiener Musikverein mit dem Tonkünstler Orchester Niederösterreich unter dem Dirigat von Rossen Gergov, kommt man beim leider nur einmal gespielten Vivaldi-Piazzolla-Konzert im Theater an der Wien zu einer interessanten Vergleichsmöglichkeit. Mit der Gewißheit: Was wir in unserer Kritik über Gergov sagten, können wir noch einmal unterstreichen. - Piazzolla ist und bleibt gespielt von einem Kammerensemble einfach das Originalbeste! Besonders wenn es von einem temperamentvollen Geiger wie Ernst Kovacic angetrieben wird. Genau genommen, ist er es allein, von dem wir sagen müssen: als Piazzolla-Interpret macht er seine Sache noch besser als Gidon Kremer, da er unglaublich roh, radikal und hart an sie heran geht. Sodass man gar nicht bewußt merkt, dass zu dieser Unmittelbarkeit auch die begleitenden Barockinstrumente samt Cembalo beitragen, die eigentlich die adäquaten Instrumente zu Vivaldis barocken Vier Jahreszeiten aus dem Jahr 1725 sind. Zu diesen hat Piazzolla als Antwort seine Vier von 1964-70 hinzu komponiert, lauter Stücke, die - mit Bandoneon oder Klavier gespielt - an sich bekannt sind, selbst wenn man vorher nicht wußte, dass sie eigentlich als Las Cuatro Estaciones Porteñas zusammen gehören.

Eine Eins fürs Temperament

Obwohl die Akustik im Musikverein für ein kleines Orchester bestimmt besser ist, und die Schauspielerin Petra Morzé einen biederen Mantel durch ihre nach jedem Stück zu früh eingesetzten, unpassend maniriert gelesenen Gedankenzitate Piazzollas und Vivaldis (auf Italienisch mit unerträglichem, französischem R!) um die aggressiv-tollen Klänge legte, war das doch ein gigantisch schönes Erlebnis. Und zwar wirklich wegen den Piazzolla-Teilen: mit kratzigem Jazz, wildem Bass, den gezogenen Tönen, den geklopften Saiten, mit der verspielten Freude der Musiker, all die Widersprüche tatsächlich von ihrer Substanz her spüren zu wollen.

Vivaldi dagegen nahm mit dem Frühling einen etwas zu zaghaften Anfang und einen ebensolchen Mittelweg des Herbsts, selbst wenn Frühling und Herbst an sich die ruhigeren Kompositionen in Vivaldis Jahreszeiten-Empfinden sind, wo der Komponist Vögelrufe in Violinen-Gezwitscher verwandelt und das Schlafen der Bauern nach der Ernte neben dem Streit der Nachbarn illustriert. Energischer und wieder unglaublich rasant von Kovacic erlebt, erklangen dafür Sommer und Winter, genauso freudig und lebensbejahend, wie sie gehören, selbst wenn die Violoncelli manchmal ein wenig zu spät einsetzten, das Cembalo ein-, zweimal kleinlaut tschepperte, und insgesamt vielleicht ein wenig Klangfülle in den Beschleunigungspartien fehlte. Das Temperament aber stimmte, und dafür bekommt das Ensemble von uns eine unterstrichene Eins, schon weil man live erst merkt, wie schwer diese allseits bekannte Genialklassik eigentlich zu spielen ist! e.o./r.r.


DAS URTEIL GENAU SO GEHÖRT PIAZZOLLA GESPIELT - WIE VON ERNST KOVACIC!

Unsere nächsten Konzerttipps
Bach-Suiten * Musikalische Leitung: Ton Koopman * Mit: Amsterdam Baroque Orchestra * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 12.1.2008: 19h30
Orfeo di Bregovic * Mit: Goran Bregovic & Wedding And Funeral Band * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 25.1.2008: 19h30

Tuesday, November 27, 2007

MUSIK: DER FÜR JÄRVI EINGESPRUNGENE ROSSEN GERGOV BEI "ALL THAT TANGO"

Sprang weniger theatral und kontrastrhythmisch als emotional auswägend für Järvi ein: der junge bulgarische Dirigent Rossen Gergov (Foto © Daniele Panato)










Mit dem niederländischen Bandoneon-Spieler und -Komponist Carel Kraayenhof fand er daher zu einer sehr romantikgeladenen Gefühlswelt um Piazzolla (Foto © Carel Kraayenhof)


WIENER MUSIKVEREIN ZUM AUFTAKT DER DREITEILIGEN PLUGGED-IN-SERIE ERSETZTE ROSSEN GERGOV KURZFRISTIG KRISTJAN JÄRVI ALS DIRIGENT DER TONKÜNSTLER NIEDERÖSTERREICH - MIT ZWIESPÄLTIGER QUALITÄT

Das Tonkünstler Orchester Niederösterreich hätte Mitte November eigentlich mit seinem Chefdirigenten Kristjan Järvi die vielversprechende, dreiteilige "Plugged-In"-Serie starten sollen, die Neues mit Tradtionellem verbindet, indem sie nicht nur aus fremden Kulturen schöpft, sondern sich auch musikalisch mit dem Jazz verbindet. Nun, Järvi selbst sagte ab (wieder einmal, da er offensichtlich vorab - auch für Außenstehende klar ersichtlich - zu häufig eingeplant ist!) und schickte dafür seinen Assistenz-Dirigenten, den blutjungen Bulgaren Rossen Gergov (26) unter dem Motto Nummer 1 All That Tango in den Wiener Musikverein. Mit dem Resultat: der Protegé des Musikdirektors der Wiener Staatsoper, Dirigent Seiji Ozawa, meisterte das vielfältige Programm mit vielfältiger Qualität: von erlebt bis verhalten-unpersönlich, somit von sehr gut bis fast schlecht.

Zartes Feingefühl statt Rhythmik im Blut

Abgesehen davon, dass der junge Mann - von noch zarterer und kleinerer Gestalt als Järvi - in Sachen Showleading (Entertaining) noch viel üben muss, damit er an Ausstrahlung gewinnt, geschweige denn, dass seine verbalen Ansagen zu verstehen wären, ist sein visuelles Erscheinungsbild auch beim Dirigieren kaum aufregend. Was an optischer Theatralität fehlt, ist denn auch im musikalischen Wiederhall zu beanstanden, und zwar bei ganz bestimmten Komponisten und Werken: Strawinskis Ragtime fehlte jeder Schalk, jede Erzählkraft, die in diesem genialen Stück so wichtig wäre, damit es auch wirklich stimmig ankommt. Gergov dirigiert es zaghaft und lyrisch, leise und ungebunden, zu sehr aus dem Kopf statt aus dem Körper. (Beispiel für eine gelungene Version wäre dagegen die CD von Kristjan Järvis Vater, Neeme Järvi, mit dem Royal Scottish National Orchestra, Chandos Records, 1994!) - Das war die schwächste Interpretation des Abends, und als sechstes Stück ließ es die Frage offen, ob dieser junge Mann überhaupt noch ins Schwitzen kommen würde, obwohl er Strawiniskis beabsichtigt "halbfalschen" Tango für Orchester mit raffinierter Einzelinstrumentation wie Oboen- oder fünf Klarinetten-Passagen interessant anmuten liess und Frank Zappas Be-Bop Tango mit Pauken-Schlagzeug und Harven-Sensation zivilisiert umgesetzt hatte, sodass immerhin die Musiker lautstark durcheinander lachten und die Trompete unterhaltsam hinein plärrte.

Dass das Konzert aber dann doch sehr schön wurde, lag nicht an Gergovs rhythmischem und theatralem Schweiß, sondern an seiner Fähigkeit zur gefühlsmäßig-erlebten Wiedergabe. Sie traf sich bestens mit dem Stargast des Abends, Bandoneon- und Piazzolla-Virtuose Carel Kraayenhof aus den Niederlanden. Die Sinnlichkeit von Astor Piazzollas weltberühmten Titeln führten beide - mit auffällig einfühlsamer Unterstützung des Pianisten Sebastian van Delft - in eine Dimension, die die Zuhörer ins (liebes)filmische Erleben bei tiefster Wehmut versetzte. Selbst wenn sich manch einer denken mochte: "Dass Frank Zappa sich zeitlebens ein Orchester für die Umsetzung seiner Rockmusik wünschte, mag stimmen, ob sich das aber auch ein Piazzolla gewünscht hat?" - Denn das Sperrige, Erdige, Rohe seiner widersprüchlichen und variationsreichen Musik ist hier der puren Romantik gewichen. Aber wie gesagt - immerhin sprang ein Gefühl rüber, das von etwas epochal Erzähltem, und das ist bei einem Konzert das Wichtigste! e.o./r.r.


DAS URTEIL AN CHARISMA UND THEATRALITÄT FEHLT´S DEM JUNGEN ROSSEN GERGOV NOCH. WAS ER DAFÜR HAT, IST EIN FEINES EMOTIONALES GESPÜR FÜR ROMANTIK.

Nächste "Plugged-In"-Konzerte:
A Night in Tunisia * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Dhafer Youssef (Gesang und Oud), Wolfgang Muthspiel (E-Gitarre) * Dirigent: Kristjan Järvi * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 7. 2. 2008: 20h30
Jazzland * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, James Morrison (Trompete) * Dirigent: Kristjan Järvi * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 9. 4. 2008: 20h30 Uhr