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Sunday, April 27, 2008

MUSIK: JAMES MORRISON BRINGT JÄRVI´S TONKÜNSTLER INS "JAZZLAND"

Plugged-In heißt die Serie der Tonkünstler unter Dirigent Kristjan Järvi, wenn´s in den weltmusikalischen Jazz-Groove geht (Foto © Peter Rigaud) ...



















Nun, ans Strom geschlossen oder nicht: im dritten Teil Jazzland, bestimmt durch Trompetenass James Morrison (Foto © James Morrison Enterprises), raste der Strom auf alle Fälle: durchs Publikum!



MUSIKVEREIN WIEN JAMES MORRISON IM JAZZLAND ODER IN DER SYMPHONISCHEN PLUGGED-IN-SERIE - WAS AUCH IMMER, DAS AUSTRALISCHE BIG-ASS DER TROMPETE LIESS DAS TONKÜNSTLER ORCHESTER UNTER KRISTJAN JÄRVI SWINGEN UND GROOVEN

Es war nach All That Tango und A Night in Tunesia der dritte und vorerst letzte Teil der Plugged-In-Serie und hieß Jazzland. Und obwohl "dieser Jazz" des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich - an sich schon ein Widerspruch - im Musikverein stattfand, war das ein richtig gutes "Jazz"-Konzert. Sprich: trotz biederer Halle (mit toller Akustik), trotz Klassikorchester eines "Bundeslandes", trotz (wenn auch radikalem) Klassikdirigenten Kristjan Järvi. Denn angeregt wurde dieses Musikereignis vom australischen Jazztrompeter James Morrison, gleichermaßen Wahnsinnsblaskünstler wie Showmanwahnsinniger.

Von der sprungvereinten Antheil-Jazzsymphonie ...

Dabei begann zunächst alles "bekannt", mit einer Järvi-typischen Nummer: dem Titel A Jazz Symphony. Typisch, weil Järvi gerne Clusterstücke dirigiert, wo es scheint, als hätten sich viele bekannte Zitate in einem Stück verirrt, was denn lustig - heute würde man sagen "technoartig" - übereinandergelegt und theatral von ihm und seinem Orchester wiedergegeben wird. Als eine Art von geistiger Reflexion, als seien Musiker und junge Komponisten heute ob der grandiosen Vielfalt aus der Musikgeschichte einfach nur noch übersättigt, sodass sie nichts mehr hinzuzufügen haben, außer übersprudelnd-genußsüchtige Dankbarkeit gegenüber all der Fülle. - Diese Komposition könnte also genauso von einem John Adams stammen oder von einer in die Klassik ausgezogenen Formation Kruder & Dorfmeister. Sie stammt jedoch von einem anderen "bösen Jungen der Musik", von George Antheil (der kurioserweise und auch hörbar nachvollziehbar mit dem Wiener Hollywoodstar Hedy Lamarr das Frequenzsprungverfahren der heutigen Mobilfunktechnik erfunden hat); und - man glaubt es kaum - er schrieb diese sprungreife Komposition im Jahr 1925! In der Orchesterfassung 1955 spielt Järvi das auf Piano - umgeben von Xylophon, Schlagzeug und Trompete - zugespitzte Werk nun zum Auftakt des Abends mit einem 12-Mann-Bruchteil seiner Tonkünstler. Das klingt, als hätte sein New Yorker, nur aus Solisten bestehendes Zweitorchester, Absolute Ensemble, auf einen Abstecher vorbei geschaut, um diese Akustik eines revueartigen Klassikerverschnitts mit Strawinsky-Temperament zum meditativen Grooven zu bringen. Und doch läßt sich feststellen: nur das schnelle und allein-spielende Klaviersolo bringt zwischendurch mentale Klärung, etwas, das in diesem Stück sehr notwendig ist, und was am Ende noch einmal als kitschig-erleichternder Big-Band-Sound eintritt.

... zur symphonischen Big Band im Zoff mit dem Jazz

"Big Band" ist das Stichwort zum darauf folgenden Auftritt des internationalen, vom Publikum entsprechend laut empfangenen Gaststars, begleitet vom - jetzt - hundertköpfigen Tonkünstler-Orchester: James Morrison scherzt gleich gut gelaunt über sein Schizobassiac, "Concerto für Euphonium und Orchester": "Das ist ein australisch-schizophrenes Gebilde zwischen Jazz und Symphonie!" Dabei ordnet sich der freiheitsliebende Jazzer mit seinem leisen Baritonhorn sehr dem klassischen Spiel unter, einer sehr sanften, sehr getragenen, fast biederen Wohlklangmusik aus Querflöten und Celli. Selbst wenn er kurz reißaus nimmt, mit immer kürzeren Tönen, sich tief blasend als "Mann von der Straße" zu erkennen gibt, aber gleich wieder im leicht-fröhlichen Orchester aufzulösen gedenkt. Das ist so sehr Romantik, so sehr Lyrik, dass selbst ein lebenslustig-aufmüpfige Jazzer wie er klar und gedämpft dem tonalen Gefühl gehorchen muss. Richtig gut, wie man sich einen Musiktypen seines Kalibers vorstellt, wird er aber dann doch erst ab City Shift von Sean O´Boyle und ihm: Morrison rast wie auf der Jagd, gestützt von Schlagzeug und anarchischem Swing, eloquent und frech, sodass es zum Lachen anregt, vor allem wenn man den Kampf zwischen Jazz und Symphonie jetzt tatsächlich mitbekommt, und die Geigen nur mehr "komisch" klingen. Dem setzt Morrison mit verschmitztem, keinesfalls bösem Solo aus Hoch bis ganz Tief noch eins nach! Spätestens jetzt ist die Zeit reif für Duke Ellingtons und Juan Tizols reiner Jazz-Big-Band-Nummer Caravan, die von Morrison mit dominantem, - live etwas blechern klingendem - Schlagzeug arrangiert wurde, während instrumentenverkehrt der Bass den jazz-schnellen Rhythmus taktiert. Das ebenso schnelle Klaviersolo von Michael Starch swingt dazu, und steigert sich durch den wiederholten Refrain in verschiedenen Tonlagen zum Schwung. Da gelangt der Witz ins schauspielerischer Schwitzen, bis er im meleodramatischen Finale verschwimmt.

Kabarettreifer Showmaster greift zur digitalen Trompete

Kabarettreif zur Feier des Moments zieht Morrison daraufhin eine leuchtend-blaue, digitale Trompete hervor. Schließlich will er dem eingesteckten Motto der Konzertserie gerecht werden. Kein Tiefstapler, bezeichnet er sich von den drei möglichen Stufen an diesem Instrument zwischen "Anfänger, Durchschnitt und Experte" als Letzteres. Und er meint noch: "Mein Bruder beherrscht dieses Instrument auch - er ist Schlagzeuger ..." Und damit hat er auch schon das Computer-Geheimnis gelüftet und mimt ein "Huhn, das eine digitale Trompete spielt". Dann tritt der wahre Experte aber wirklich hervor: Morrison spielt das blaue Ding wie eine Panflöte, deren Schmerz sehr elegant in leichtem Swing aufgeht. Und doch ist sein klassisches Flügelhorn danach die reinste Wohltat, denn "der Jazz" kehrt damit endlich zum echten, guten, alten, wertvoll-erdigen Jazz zurück: Morrisons Enchanted, orchestriert von O'Boyle und dirigiert von Järvi, funktioniert nach dem typischen Jazz-Aufbau: auf das Flügelhorn-Solo folgt jenes des Pianos und jenes der Tonkünstler-Trompete. Järvi wird dabei tatsächlich so "enchanted", dass er sich ins Publikum dreht und einfach nur noch lacht. So "hingerissen" wird er auch selbst gleich "zum Publikum", denn er kann (muss) sich auf der Bühne setzen und zuhören, um sich von Morrison am - ebenso wie die Trompete beherrschten - Klavier das schlichte Jazz-Trio mit Schlagzeug und Bass von Andy Cowan, den Australian Folk Song, vorführen zu lassen. Sodass nun im Musikverein - im Unterschied zum Club, wo diese Art von Jazz sonst als Hintergrundsound läuft - tatsächlich jeder aufmerksam still zu sein hat, einschließlich der hundert Musiker auf der Bühne. Das ist fast reaktionär! Die Solisten steigern sich eloquent und elegant von leise zu laut in ein anwachsend grandioses Gefühl. Es kommt so perfekt kalkuliert, um bestens zum Finale anzufeuern: Zu Ellingtons Klassiker Harlem, arrangiert von Charles Coleman, jenem perfekten Big-Band-Stück für Trompete. Da passen selbst die gezupften Geigen, verführerisch wie Mata Hari erinnern sie an die Zeit der großen Filmstudios, wo Dramatik gleich leichter Swing bedeutete. Doch es wäre nicht Jazz, wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passieren würde: auf den Rhythmuswechsel übernimmt die Bratsche den Part des Saxophons, und mit dem Klaviersolo trifft es die absolute Atmosphäre des Film Noirs. Auf das erneute dramatische Anschwellen dehnt sich jetzt die bekannte Nummer als sei sie betrunken, und auf einen letzten Aufschrei hin, scheint die Spannung in Kontrasten kaum noch zu überbieten: mit den Klopfgeräuschen haben die Schlagzeuger der Tonkünstler endlich einmal etwas zu tun, und alles verlangt nach der Explosion im Exzeß: Morrisons Trompete vibriert, sie ist echt, nicht gespielt gespielt. - Damit springt der Funke endgültig aufs Publikum über, es kann nicht genug bekommen - und bekommt als Zugabe Morrisons "Kunststück", worin er sich, den Trompetenstar, alleine am Klavier begleitet. Das kann Järvi nur noch mit einem kurzen Rhythmushagel toppen - und der Hagel trommelt jedem ins Blut. Ein Feuer, ein perfekt gesteigerter Akt! e.o. / p.s.

DAS URTEIL "PLUGGED-IN" NUR AM RANDE, DAFÜR ABER RICHTIG GUTER, ALTER, UNTERHALTSAMER (!) JAZZ: JAMES MORRISON? - EIN SHOWTALENT, UND DANEBEN EIN MUSIKGENIE; UND EIN NEUES LICHT FÜR KRISTJAN JÄRVI!

Nächste Tonkünstler-Konzerte mit Kristjan Järvi

Olivier Messiaen, Sergej Prokofjew und Arvo Pärt
(mit vergrößerter Fassung im Auftrag der Tonkünstler von „Stabat Mater“) * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester * Ort: im Rahmen der Wiener Festwochen: Musikverein Wien * Zeit: 12.6.2008: 19h30

Sommernachtsgala * Musik aus Werken von BEETHOVEN, BRAHMS, GERSHWIN, LALO, LEHÁR, SAINT-SAËNS, RAVEL, ROSSINI, VIVALDI u.a. * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester * Mit: Michael Schade - Tenor, Sarah Chang - Violine, Katia und Marielle Labèque - Klavier * Ort: Wolkenturm Grafenegg * Zeit: 20.6.2008: 21h15

Sunday, January 20, 2008

MUSIK: JÄRVI UND ANGELICH BESEELEN IHRE "RUSSISCHE SEELE"

Heiss ersehnt, zeigte der temperamentvolle Klassikrocker-Dirigent Kristjan Järvi (Foto © Peter Rigaud) seine für wahre Größe stehende, bescheidene, einfühlsame Seite: Indem er sehr passend ...

... bei Rachmaninow dem amerikanischen Pianisten Nicholas Angelich (Foto © Stéphane de Bourgies) die insgeheime Führung überliess und "nur" mit den Tonkünstlern begleitete.


MUSIKVEREIN WIEN ZWISCHEN DIS-HARMONIE ZEIGT SICH DER HEISS ERSEHNTE KRISTJAN JÄRVI IN RUSSISCHE SEELE IN BESTFORM UND GLEICHZEITIG FEINFÜHLIG-BESCHEIDEN BEI RACHMANINOW

Kristjan Järvi is back. - Nach mehreren kurzfristigen Absagen und nicht immer adäquatem Ersatz, steht Kristjan Järvi, Chefdirigent des Tonkünstler Orchester Niederösterreich, tatsächlich leibhaftig wieder am Pult des Wiener Musikvereins. Man könnte das gezielte Hörigkeitsmanipulation des Publikums nennen. Denn sehnsüchtiger erwartet, als dieses Mal, als Russische Seele am Programm steht und nach einigen "doch-nicht-mit-Järvis", wurde der 35-jährige Este aus New York nie. Und das, obwohl er doch schon fünf Jahre den Tonkünstlern vor- und bereits sein Nachfolger feststeht: Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada, der Österreichs Kritikern angeblich während eines Järvi-Einsprungs aufgefallen ist, wird den "rockigen" Charismatiker ab Saison 2009/10 ablösen. Und Orozco-Estrada soll wie Järvi den Spagat zwischen Moderne und Klassik pflegen.

Möglichst große atonale Grenzen innerhalb der Harmonie

Moderne und Klassik, Tonalität und Atonalität - wo da nun die absolute Grenze ist, sprich, wo gerade noch so viel Tonalität sein kann, damit die Musik auf Anhieb nachvollziehbar und angenehm klingt, und dennoch intelligent und besinnlich erscheint, das beschäftigte mehr oder weniger alle drei Komponisten, die an diesem Abend im Dezember 2007 gegeben werden. Wahrscheinlich ist das überhaupt die entscheidende Frage neuer Musikschaffender seit Beginn des 20. Jahrhunderts, insofern sie sich nicht von vornherein dafür entscheiden, mit ausschließlich abstrakten Intellekt-, Mathematik-, Geräuschtönen nur eine kleine Insidergemeinschaft erreichen zu wollen. Fest steht aber auch dann: je abstrakter, desto wichtiger die Interpretationskompetenz von Dirigent und Musikern. Und dann schafft es "so ein Werk" vielleicht sogar, ein breites Publikum anzusprechen.

2x Järvi-Rhythmik und -Theatralität

Järvi jedenfalls, war bei John Adams´ einleitender "Abstraktion" Slonimsky´s Earbox aus dem Jahr 1996 mit jener Präsenz und Agitiationskraft am Werk, wie man es von ihm gewohnt ist: bei einer Hommage auf den Harmonik-Lehre-Ausreizer Nicolas Slonimsky, Ex-Russe und ab 1923 in den USA Lebender, worin Adams bezüglich dessen Theorie zu "seiner" Erkenntnis erklärt: "als fundamentales Primat für die äußerste Harmoniegrenze, die Tonalität nicht antasten zu dürfen." - Das ist in erweitertem Sinn auch zu hören. Es hört sich so an, als dass sich ein anfangs gewaltiges akustisches Orchester-Durcheinander in einem lautmalerisch feinen Gewebe einzelner Instrumente auflösen muss, so, dass sich ein intrumentengruppen-clusterhaftes Übereinander um ein solistisches Klavier und ein vielbeschäftigtes Schlagwerk legt. Das ist spannend wie ein(e) interessante/r Film(musik), minimalistisch-typisch rhythmisch, mit stillem, weitem Ausholen langgezogener Töne vor einem Xylophon-besprungenen Ausklang mit plötzlichem Schluß.

Strawinsky´s - in diesem Sinne - durchgehend tonale Petruschka aus dem Jahr 1946/47 ist eine tanztheatrale Komposition über eine mit Volks- und Jahrmarktsweisen narrativ-beschriebene Kasperl-Gliederpuppe, die wehmütig und tolpatschig eine kühl-grazile Ballerina liebt und sich gegen den polternden Rivalen "Mohr" zu behaupten versucht. Järvi setzt seine ganze eigene (Schau)spielfreude ein, zu der er wie kein anderer Dirigent fähig ist. Zwischen kraftvoller Dynamik und ungemeiner Lust, strahlt ein Klang von unheimlicher Scheinheiligkeit durch. All das, was in der Komposition vielschichtig und doppelbödig angelegt ist, bliebe versteckt, würden es die Interpreten nicht erlebend miterleben. Das geschieht hier in dem Ausmaße, dass die melancholisch-groteske Klobigkeit der Töne, die doch so zum Lachen reizen, in der Endpointe selbst Järvi zum Lachen bringen: Fröhlichkeit ziert sein Gesicht. - Und jenes vieler seiner Musiker. Froh ist damit auch das Publikum.

Fremdes Rachmaninow-Erlebnis mit Kick

Zum Staunen und Mitfiebern ist danach aber der Höhepunkt, das letzte Werk: Sergej Rachmaninows Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-moll op. 30. Erstens, weil man Järvi so noch nie erlebte. Zweitens, weil da ein genialer Pianist als Solist brilliert, der alle Stückerln der emotionalen Gefühls-Irr-Welten wiederzugeben weiß, und das, obwohl es bei diesem Werk kein episches Thema gibt: Hier steht die Musik für nichts als Musik. - Und "Moll" ist simpel gesagt, auf jeden (Ton)fall immer - ergreifend schön. - Was 1909 als "neue Ästhetik im Romantischen" gefeiert wurde, gilt insofern auch heute(!) Auf die temperamentvolle Kontrasthärte der beiden ersten Werke, erklingt zunächst ein durchgehender, sinnlicher Fluß an ineinander changierenden Tönen. Amerikaner Nicholas Angelich (geb. 1970) durchlebt seine Klaviermelancholie mit Händen, Fingern, Armen und Körper auswendig, ohne vom Blatt zu spielen; Järvi begleitet und führt das Orchester einfühlend und unaufdringlich, selbst wenn das Werk in abschweifende Vergeistigung abtriftet. Er beläßt souverän alle dramatische Führung dem Pianisten, sodass das Publikum sich völlig in die Musik fallen lassen kann. Järvi wirkt in diesem Moment um Jahre reifer und erwachsener, erfüllt von Musik der absoluten Schönheit, wo sich in der Mitte auftretende Aggressivität in verfremdeten, kurzen Walzerklängen beruhigt, vor einem abrupt aufbäumenden Finale mit hartem Klavierbearbeiter, der sich nun an der realistischen Materie orientiert, wenn er sich mit der Querflöte im Duo vereint. Genial! e.o.


DAS URTEIL ENDLICH GESTILLTE SEHNSUCHT NACH KRISTJAN JÄRVI, UND MIT DEM GEFÜHLSJONGLEUR NICHOLAS ANGELICH AM RACHMANINOW-KLAVIER GLEICHZEITIG EIN ANS HERZ GEHENDER SEITENSPRUNG VON UND MIT BEIDEN.


Nächste Järvi-Konzerte
KONZERT Jazzland* Mit: Kristjan Järvi (Dirigat), James Morrison (Trompete), Tonkünstler Orchester Niederösterreich * Ort: Musikverein Wien * Zeit: 9.4.2008: 20h30

Tuesday, November 27, 2007

MUSIK: DER FÜR JÄRVI EINGESPRUNGENE ROSSEN GERGOV BEI "ALL THAT TANGO"

Sprang weniger theatral und kontrastrhythmisch als emotional auswägend für Järvi ein: der junge bulgarische Dirigent Rossen Gergov (Foto © Daniele Panato)










Mit dem niederländischen Bandoneon-Spieler und -Komponist Carel Kraayenhof fand er daher zu einer sehr romantikgeladenen Gefühlswelt um Piazzolla (Foto © Carel Kraayenhof)


WIENER MUSIKVEREIN ZUM AUFTAKT DER DREITEILIGEN PLUGGED-IN-SERIE ERSETZTE ROSSEN GERGOV KURZFRISTIG KRISTJAN JÄRVI ALS DIRIGENT DER TONKÜNSTLER NIEDERÖSTERREICH - MIT ZWIESPÄLTIGER QUALITÄT

Das Tonkünstler Orchester Niederösterreich hätte Mitte November eigentlich mit seinem Chefdirigenten Kristjan Järvi die vielversprechende, dreiteilige "Plugged-In"-Serie starten sollen, die Neues mit Tradtionellem verbindet, indem sie nicht nur aus fremden Kulturen schöpft, sondern sich auch musikalisch mit dem Jazz verbindet. Nun, Järvi selbst sagte ab (wieder einmal, da er offensichtlich vorab - auch für Außenstehende klar ersichtlich - zu häufig eingeplant ist!) und schickte dafür seinen Assistenz-Dirigenten, den blutjungen Bulgaren Rossen Gergov (26) unter dem Motto Nummer 1 All That Tango in den Wiener Musikverein. Mit dem Resultat: der Protegé des Musikdirektors der Wiener Staatsoper, Dirigent Seiji Ozawa, meisterte das vielfältige Programm mit vielfältiger Qualität: von erlebt bis verhalten-unpersönlich, somit von sehr gut bis fast schlecht.

Zartes Feingefühl statt Rhythmik im Blut

Abgesehen davon, dass der junge Mann - von noch zarterer und kleinerer Gestalt als Järvi - in Sachen Showleading (Entertaining) noch viel üben muss, damit er an Ausstrahlung gewinnt, geschweige denn, dass seine verbalen Ansagen zu verstehen wären, ist sein visuelles Erscheinungsbild auch beim Dirigieren kaum aufregend. Was an optischer Theatralität fehlt, ist denn auch im musikalischen Wiederhall zu beanstanden, und zwar bei ganz bestimmten Komponisten und Werken: Strawinskis Ragtime fehlte jeder Schalk, jede Erzählkraft, die in diesem genialen Stück so wichtig wäre, damit es auch wirklich stimmig ankommt. Gergov dirigiert es zaghaft und lyrisch, leise und ungebunden, zu sehr aus dem Kopf statt aus dem Körper. (Beispiel für eine gelungene Version wäre dagegen die CD von Kristjan Järvis Vater, Neeme Järvi, mit dem Royal Scottish National Orchestra, Chandos Records, 1994!) - Das war die schwächste Interpretation des Abends, und als sechstes Stück ließ es die Frage offen, ob dieser junge Mann überhaupt noch ins Schwitzen kommen würde, obwohl er Strawiniskis beabsichtigt "halbfalschen" Tango für Orchester mit raffinierter Einzelinstrumentation wie Oboen- oder fünf Klarinetten-Passagen interessant anmuten liess und Frank Zappas Be-Bop Tango mit Pauken-Schlagzeug und Harven-Sensation zivilisiert umgesetzt hatte, sodass immerhin die Musiker lautstark durcheinander lachten und die Trompete unterhaltsam hinein plärrte.

Dass das Konzert aber dann doch sehr schön wurde, lag nicht an Gergovs rhythmischem und theatralem Schweiß, sondern an seiner Fähigkeit zur gefühlsmäßig-erlebten Wiedergabe. Sie traf sich bestens mit dem Stargast des Abends, Bandoneon- und Piazzolla-Virtuose Carel Kraayenhof aus den Niederlanden. Die Sinnlichkeit von Astor Piazzollas weltberühmten Titeln führten beide - mit auffällig einfühlsamer Unterstützung des Pianisten Sebastian van Delft - in eine Dimension, die die Zuhörer ins (liebes)filmische Erleben bei tiefster Wehmut versetzte. Selbst wenn sich manch einer denken mochte: "Dass Frank Zappa sich zeitlebens ein Orchester für die Umsetzung seiner Rockmusik wünschte, mag stimmen, ob sich das aber auch ein Piazzolla gewünscht hat?" - Denn das Sperrige, Erdige, Rohe seiner widersprüchlichen und variationsreichen Musik ist hier der puren Romantik gewichen. Aber wie gesagt - immerhin sprang ein Gefühl rüber, das von etwas epochal Erzähltem, und das ist bei einem Konzert das Wichtigste! e.o./r.r.


DAS URTEIL AN CHARISMA UND THEATRALITÄT FEHLT´S DEM JUNGEN ROSSEN GERGOV NOCH. WAS ER DAFÜR HAT, IST EIN FEINES EMOTIONALES GESPÜR FÜR ROMANTIK.

Nächste "Plugged-In"-Konzerte:
A Night in Tunisia * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Dhafer Youssef (Gesang und Oud), Wolfgang Muthspiel (E-Gitarre) * Dirigent: Kristjan Järvi * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 7. 2. 2008: 20h30
Jazzland * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, James Morrison (Trompete) * Dirigent: Kristjan Järvi * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 9. 4. 2008: 20h30 Uhr

Friday, October 26, 2007

MUSIK: BEETHOVENS UND TONU KALJUSTES GOTTESVISION BEI "MISSA SOLEMNIS"

Er ist ein weniger kontrastliebender Dirigent als Kristjan Järvi, weiß die Tonkünstler aber auf andere Art zu Höchstleistungen zu bringen: Este und Chorspezialist Tõnu Kaljuste (Foto: © Tonkünstler)


MUSIKVEREIN MISSA SOLEMNIS, EINE MESSE - DAS KLINGT, OBWOHL VON BEETHOVEN, SCHRECKLICH. DANK TONKÜNSTLER, DIRIGENT TONU KALJUSTE, DEM SLOWAKISCHEN PHILHARMONISCHEN CHOR UND BERÜCKENDER SOLISTEN WIRD ES ABER ZUR ÜBERRASCHUNG DES MONATS

Wird man als fortschrittlich aufgeschlossener Kulturfreund, der den "Freund" zu seinem Beruf gemacht hat, zu einem Konzert Missa solemnis mit "sakralmusikalischer Vertonung des Messetextes" im Wiener Musikverein geladen, legt man die Einladung erst mal beiseite. Das klingt nach "Kirche", nach "Pflicht", nach "moralisch", nach "fad". - Und das braucht man im Alltagsstreß nicht auch noch, man möchte sich abends gehen lassen, wenn auch anspruchsvoll und anregend. Es ist zudem nichts, wofür sich ein verantwortungsbewußter Kulturkritiker einsetzen will, so "rückständig-weltfremd" wie "konservativ" sich das anhört. Doch da man weiß, dass das - vom estnisch-amerkanischen Kristjan Järvi geleitete - ansonsten innovative Tonkünstler-Orchester Niederösterreich spielt, dass da ein estnischer Dirigent (Esten sind meistens gut!) namens Tõnu Kaljuste werkt, der als weltbester Chorentwickler gilt, und dass der radikale Komponist, Ludwig van Beethoven, diese Arbeit selbst "für seine Größte" hielt, beschließt man in letzter Minute doch, sich diesem Experiment zu überlassen. - Und siehe da, nach diesem Konzert will man katholisch werden, wenn man es nicht schon ist, will man ab sofort täglich in die Kirche gehen, will man sobald als möglich beichten, will man Schwarz wählen, ... wird man wissen, was tiefste Religion ist, sodass sie einen blendet.

Zum Himmel erweckte Litaneien

Denn die Litaneien, die man als Kind in der Kirche mitplapperte, ohne sie je zu verstehen - "Herr, erbarme dich unser, Christus erbarme dich unser... Ehre sei Gott in der Höhe Und auf Erden Friede den Menschen ... Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünde der Welt..." - bekommen plötzlich Inhalt. Diese Musik erklärt sie so deutlich, so großartig, weil Beethoven sie während seiner vierjährigen Komponierzeit von 1819 bis 1823 von ihrer Substanz her ergründete und aus der Tiefe seiner ganzen Glaubenskraft umsetzte. Für die himmlisch-archaische Gewalt dieser Musik, die über jede reale Hemmschwelle hinaus wächst, mag Beethovens Taubheit mitverantwortlich sein, die zu dieser Zeit sehr fortgeschritten sein mußte; er starb vier Jahre danach. So stark kann nur die Fantasie ohne akustische Ablenkung sein. Als Widmung schrieb Beethoven zur Partitur: "Von Hertzen - Möge es wieder - zu Hertzen gehen." Und das tut sie, hier im Musikverein geht sie zu Herzen.

Fernab von jedem Kirchensound eines Männer- und Frauen-Chors wird hier der gigantisch große Slowakische Philharmonische Chor mit Solostimmen kombiniert - von der an erster Stelle überwältigend schön, leise singenden Sopranistin Andrea Lauren Brown und vom perfekt "dienenden" Tenor, Lothar Odinius, die in Kyrie und Credo die Hauptpartien geben, sowie des wunderbaren, im Sanctus auch bassstarken Baritons Klemens Sander und der Mezzosopranistin Hermine Haselböck. Das ertönt als symphonisches Himmelswerk voll vehementer Rhythmik, Gewalt, Radikalität. Es bedient sich der historischen Kirchenmusik, um sich in der Feier Gottes zu befrieden. Jedoch in unaufdringlich, allzeitgültiger Weise, wo keine einzelnen Stimmen hervor stechen, sondern in echoartigem Kanon aus diversen Tonhöhen wiederholend gesungenen Kopfmotiven sanft und weich in einander verschwimmen. Das ist ein perfekt dirigierter, zwischen laut und leise changierender Engelsrausch mit Pauke und Orgelspiel, der sich selbst am Ende im Agnus Dei, trotz Einzugs des erlösenden Christus, noch gegen die kriegerische Dramatik des Lebens zu behaupten hat. Das, obwohl die Violine von Vahid Khadem-Missagh im Sanctus, so leidenschaftlich für die profane Menschheit sprechend, ihr solistisches Veto einlegen durfte. - Dieses Klangerlebnis läßt sich nicht beschreiben, man muß es gehört haben, es raubt einem die Worte. e.o./r.r.


DAS URTEIL DAS IST HÖCHSTE MUSIKKUNST, OHNE JEDE AUFDRINGLICHKEIT; DAS IST GOTT.

Nächste Tonkünstler-Events:
* KONZERT Tonkünstler-Orchester: Harmonielehre * LUKAS LIGETI «Centrifuge». (Uraufführung), MARK-ANTHONY TURNAGE «Kai» für Violoncello Solo und Ensemble, JOHN ADAMS «Harmonielehre» für großes Orchester * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich * Mit: Orfeo Mandozzi (Violoncello) * Ort: Festspielhaus St. Pölten * Zeit: 31. 10. 2007: 19h30
* KONZERT Plugged-In: All That Tango * IGOR STRAWINSKI Rag Time, FRANK ZAPPA Be-Bop Tango, IGOR STRAWINSKI Tango für Orchester (Fassung von 1953), ASTOR PIAZZOLLA Konzerte für Bandoneon und Orchester + Milonga del Angel, CAREL KRAAYENHOF Desconcierto * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich * Mit: Carel Kraayenhof (Bandoneon), Sebastian van Delft (Klavier) * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 8.11.2007: 20h30
* KONZERT Tonkünstler-Orchester: Adagietto * RICHARD STRAUSS «Vier letzte Lieder» für Sopran und Orchester, GUSTAV MAHLER Symphonie Nr. 5 cis-moll * Dirigent: Claus Peter Flor * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich * Mit: Ann Peterson (Sopran) * Ort + Zeit: Musikverein Wien, 11.11.2007: 16h; * Ort: Festspielhaus St. Pölten, 12.11.2007: 19h30

Tuesday, February 20, 2007

MUSIK: KRISTJAN JÄRVIS HALBER "BOLERO" UND GANZER "US-BEETHOVEN"

Foto: Der Rock´n`Roller der Klassik, © Kristjan Järvi, hat sein übliches Tempo ungewohnter Weise beim Spanischen gedrosselt. Umso intensiver kam sein Bolero rüber. Bei Béla Bartok ging dafür - extrem passend - wieder der Rocker in ihm durch!


WIENER MUSIKVEREIN DAS TONKÜNSTLER ORCHESTER NIEDERÖSTERREICH HAT SICH ETWAS SPANISCHES UNTER DEM TITEL BOLERO ZUSAMMEN GEBASTELT. BEIM BASTELCHARAKTER BLIEB ES DRAMATURGISCH, MUSIKALISCH GAB ES HÖHEPUNKTE

Was Kristjan Järvi unter dem Konzerttitel Bolero dirigierte, hatte den Charakter einer stilistisch nicht wirklich einleuchtend durchgezogenen Nummernaufführung - positiver formuliert - eines zwei-geteilten Patchwork-Abends, wobei der erste Teil kaum etwas mit dem zweiten zu tun hat. Denn nur weil im Titel der im ersten Teil auszugsweise aufgeführten Oper Der Babier von Sevilla eine spanische Stadt genannt wird, und es um einen Figaro und zwei verliebte Frauen geht, ist die Musik des Komponisten Gioachino Rossini noch lange nicht spanisch. Das ist italienische Klassik, wie sie leibt und lebt. Sie fängt als Einleitungssinfonie gleich rhythmisch spritzig an - wer den Film mit Adriano Celentano gesehen hat, worin er als Busfahrer um Ornella Muti wirbt und für sie ein Ständchen vor dem Fenster dirigiert, weiß sofort, um welches Stück es sich handelt. Auch von Järvi dirigiert ist es ziemlich lustig, wenn er mit den Geigern eine mimische Gedankenkonversation führt.

Diese Theatraliät bringt gleich darauf auch Starbariton Morten Frank Larsen - einer der momentan besten, bühnenpräsentesten Sänger der Szene, wie auch in Sophie´s Choice an der Volksoper zu sehen war - als Figaro in seinem Kavatinen-Solo Nr.2 sprühend und charismatisch unter, indem er sich als Friseur selbst lobt und gratuliert, die Arbeit ihm aber dann zu viel wird, sodass es ihm am Ende "gekonnt" die Stimme überschlägt. Weniger gewollt passiert das ganz kurz Annely Peebo als Rosina. Sie grinst in ihrem nicht wirklich geschmackvollen, türkisen Blumenkleid staatstragend ins Publikum, vermag es aber, mit ihrem vollen Mezzosopran die leichte Hinterlist anzunehmen, von der sie im Text singt. Danach wird´s unbedeutend: das Duo, das Trio, die Arie von Sopranistin Barbara Paya - es wirkte am Ende nur wie ein Teaser für die komplette Aufführung der Oper im Festspielhaus St. Pölten. Nur dass dort eine besondere szenische Herangehensweise wartet: Mit lebensgroßen Puppen.

Kristjan Järvi ausnahmsweise nicht rasant, dafür intensiv

Durchgehend stimmig wird´s nach der Pause. Die gespielten Komponisten des 19. Jahrhunderts haben das spanische Flair in ihrer Notation berücksichtigt. Järvi lebt völlig mit und steckt das Publikum mit seiner Freude an. Im komplexen Espana von Emmanuel Chabrier sprüht die rhythmische Verve im Dreivierteltakt nur so rüber, während die Streicher eine überdimensionale Gitarre imitieren. Das ist griffig und körperlich, sodass Järvi nicht um seinen berühmten Sprung als Schlußtaktierung umhin kommt. Gesteigert wird das spanische Lebensgefühl in Nikolai Rimski-Korsakows beschwingtem Capriccio espagnol, was der Komponist durch folkloristische Zitate und Anspielungen an spanische Volkslieder- und Tänze erzielt, wobei im Grundmotiv-abgewandelten zweiten Abschnitt auch wehmütig Russisches einfließt. Darauf folgt eine Zigeuner-Weise, wo der brillante Geigen-Solist sein ganzes Temperament los werden kann. Im Finale animiert Järvi mehrere Solisten (Querflöte, Klarinette, Harve) gleich einem wendigen Stierkämpfer mit jeweils anderer Bewegungssprache zu ihren charaktervollen Musikabschnitten, die trotz der Wechsel und Eigenständigkeit eine Einheit ergeben. Das könnte fast einem Jazz-Arrangement entlehnt sein. Das Ende ist hinausgezögert, kommt dann aber laut und dumpf.

All das mündet in Maurice Ravels Minimalismus- und Techno-Vorläufer, der der Aufführung den Titel gibt: Bolero. Dasselbe Motiv in Variationen von Blasinstrumenten soliert, schleppt sich das Stück in marschmäßig intellektuell-gedehntem Rhythmus gleich einer Wüsten-Karawane durch die Zeit. Die unzähligen Anläufe dirigiert Järvi diszipliniert besonnen. Denn sagte Ravel, "spielt man den Bolero schnell, so scheint er lang; spielt man ihn langsam, so scheint er kurz", so kommt´s bei Järvi weder kurz, noch lang, sondern einfach richtig, mit Highlights wie der "betrunken" klingenden Trompete und einem immer lauter werdenden Finale, als würde das Tonkünstler Orchester Niederösterreich dem Publikum eines sehr eindringlich einreden: Denk jetzt an nichts, denn das ist eine Hypnose.



WIENER MUSIKVEREIN KRISTJAN JÄRVI REALISIERT SEINE ROCK-SYMPHONIE-VISION IN BEETHOVEN IN AMERIKA - DAS BISHER STÄRKSTE TONKÜNSTLER-KONZERT

Den Weg des Kristjan Järvi bezüglich seiner Rock-Symphonieorchester-Vision zu verfolgen, gewinnt an Spannung. Beethoven in Amerika am 6.3.07, nur wenige Tage nach dem Bolero-Konzert im Wiener Musikverein, war atemberaubend. Das Tonkünstler Orchester Niederösterreich wurde unter Järvi zur Ausgeburt einer teuflisch temperamentvollen, hundertköpfigen Red-Hod-Chili-Peppers - Kampftruppe. Zwar bei Béla Bartóks Konzert für Orchester, das der Ungar 1943 im amerikanischen Exil geschrieben hat. Dass es zu diesem Exzess kommen konnte, zeichnete sich schon vorher ab: bei John Adams´ The Chairman Dances aus dem Jahr 1985 und Ludwig van Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73 (1809).

Wie immer bei Järvi wurde also ein Spagat durch die Geschichte gezogen, diesmal war er musikalisch auch nachvollziehbar, sprich nicht nur ein Themen-Aufhänger "Klassik und Amerika". Er war schon von der unterschiedlichen Tonarchitektur der Stücke und ihren Bezügen zueinander her interessant. Amerikaner John Adams, Jüngster der drei Komponisten, schachtelt seine in sich geschlossenen Musikpassagen übereinander, sodass sie in Überlagerungen Cluster bilden. Eingeleitet wird das in minimalistischen Wiederholungen und versetzten Sätzen, wobei die sich im Einsatz befindenden einschlägigen Intrumentengruppen im Saal auch noch zu akustischen Verlagerungen beitragen. Innerhalb dieser Überschachtelung von Gershwin-, Bernstein- und Bigband-Anspielungen kommt es zu dem im Titel angesprochenen "Tanz", wobei Adams das Bild der tänzelnden Gattin von Mao Tse Tung vor sich hatte, bei dem Präsident Richard Nixon zu Gast ist: "ihre Bewegung" ist ein sehr subtiles, dünnes und feines Tongewebe an Pseudo-China-U-Musik, das die "klobigen Staatsherren" zwischendurch verführerisch aus der Bahn wirft. Järvi ersteigt dieses unterhaltsame Intellektuellen-Hochhaus, wie den ganzen Abend, in scharf gezeichneten Kontrasten und läßt ihn in ungewöhnlichem Klavier-Reibe-Schlagzeug-Getöne ausklingen.


Die interessanten zwei "Bs"

140 Jahre vorher hat Beethoven sein eins-nach-dem-anderen erzählendes Klavierkonzert Nr. 5 geschrieben. Er gilt vor allem in Amerika als Ausgangspunkt vieler Zeitgenossen. Bevor man das merkt, beginnt seine Musik nach Adams´ vielfach "geklopftem" Werk gedehnt und sanft und damit gefühlsmäßig nachvollziehbar. In den laut-leise, schnell-langsam abrupt wechselnd gespielten Klavier-Solo-Passagen von Antti Siirala kann man den Rebell Beethoven bald ausmachen. Die Musikrevolte wird allerdings immer wieder durch das Leitmotiv und den Orchestereinsatz gebändigt. - Denkt man sich anfangs, dass der junge Pianisten-Finne ruhig noch temperamentvoller und aggressiver sein könnte, beschließt man ab der Mitte, das wieder zu revidieren: denn da offenbart er, wie sehr sich jemand innerhalb gegebener tonaler Grenzen beschweren kann. - Selbst wenn Järvi dies bei Bartók als Dirigent und Persönlichkeit noch toppt.

Das liegt grundsätzlich an der sehr dramatisch angelegten Komposition Bartóks, die er - an Leukämie erkrankt - als letzte Lebensbejahung in fünf Sätzen notierte. Die Klage beginnt geheimnisumwittert, äußert sich aber bald sperrig, abstrakt und fordernd. Järvi ist zum aggressiven Heerführer mutiert. Er treibt die hellwachen Tonkünstler bis zum äußersten Angriff, während sie ihre Fanfaren in ungarischem Kolorit "blasen", um sie im zweiten Satz sogleich wieder in lustigem Gegensatz und sehr komisch davon abzulenken. Das nützt aber nichts. Es kommt zum leidenschaftlichen Aufschrei in abrupten Instrumentenblöcken und endet im Spiel der wehleidigen, einsamen Querflöte. Sie lockert sich wieder ein wenig auf, indem ihr die Streicher etwas sehr Schönes erzählen. Doch alle zusammen wissen im Grunde doch - geführt von einem sehr männlichen, aufbegehrenden Kristjan Järvi - dass die Bedrohung rundum nicht aufzuhalten ist. Abstrakt, dramatisch abgewehrt, kommt sie doch ohne Kompromisse in kurzer Zeit: Béla Bartók starb neun Monate nach der Uraufführung des Werks. e.o.


DAS URTEIL BOLERO: SPANISCHES PATCHWORK, DAS NICHT NUR SPANISCH KLINGT. EIN ERSTER TEIL MIT THEATRAL-STARKEM ANFANG. EIN ZWEITER TEIL VON MUSIKALISCH ERLEBTER GRÖSSE.
BEETHOVEN IN AMERIKA: JÄRVI HAT AUS EINER MUSIKARCHITEKTONISCHEN STÜCKEANREIHUNG EIN ROCKIG-DRAMATISCHES ERLEBNIS GEMACHT. SPANNEND WIE EIN KRIMI!

Achtung Jazz-Bigband-Highlight: JÄRVI-KONZERT MIT SEINEM NEW YORKER ABSOLUTE ENSEMBLE:
Forgive me, is this the Way to the Future? * Mit: Kristjan Järvi und Absolute Ensemble * Mit: Goran Bregovic Wedding and Funeral Band * Ort: Konzerthaus Wien, Grosser Saal * Zeit: 29.04.2007: 19h30

Monday, October 02, 2006

KONZERT: KRISTJAN JÄRVI ALS SPRINGENDER GÖTTERFUNKE


Photo: Kristjan Järvi dirigiert Beethovens Freude schöner Götterfunken so dramatisch "brennend", als ob der Funke in ihm säße. (© Peter Rigaud)


TONKÜNSTLER ORCHESTER NIEDERÖSTERREICH DIRIGENT KRISTJAN JÄRVI MACHT AUS MAHLERS BEETHOVEN (9. SYMPHONIE) EIN ÖFFENTLICHES FEUERWERK UND HAT SEIN INTIMES BEI ARVO PÄRT

Mit wieviel Energie
vermag dieser junge Kerl nur sein über hundertköpfiges Heer an Musikern und das noch einmal so große Sängerensemble - den Slowakischen Philharmonischen Chor - anzustecken? Um wieviel mehr muß erst noch in ihm selbst stecken? - Kristjan Järvi war bei der Premiere von Mahlers Beethoven im Wiener Musikverein von bester physischer und mentaler Kondition. Wenn man bedenkt, dass er das an vier Tagen hinter einander durchhalten muß, dann alle Achtung.

Eigentliche Stärke im Stillen


Järvis Vision, sein Tonkünstler Orchester Niederösterreich zur neuzeitlich-klassischen "Rockband" zu verwandeln, scheint über ihm zu schweben wie ein Damoklesschwert. Es läßt ihn zuweilen so schnell werden, dass man allein beim Zuhören nach Luft schnappen muss. Kontrastreich, von ganz leise zu ganz plötzlichem, fast schon brutal orgiastischem, lautem Temperament liegt er dabei zwar immer auf Takt, es fehlt dem Ganzen aber manchmal an Rast. Dabei liegt Järvis tatsächliche Stärke in den leisen Passagen. Er dirigiert sie voll und kräftig, aber mit weicher Eleganz und ohne jede Traurigkeit. So wie es nur ein ganz junger, optimistischer Mensch tun kann, der noch an alle seine Träume glaubt.

Dementsprechend ergreifend dirigierte er das einleitende Stück, Arvo Pärts minimalistisches Cantus in memory of Benjamin Britten. Mit jedem Ton spürte man Järvis Identifikation mit der nordischen Musik dieses Komponisten, dem wie Järvi in den Westen emigrierten Esten. Das kurze, 1977/80 anläßlich des Todes des britischen Komponisten Britten entwickelte Werk, basiert auf der Anordnung eines Kanons und einem wiederkehrenden Glockenton in verschiedenen Geschwindigkeiten. Järvis Hommage des Sterbens und Auferstehens erklang ohne Sentimentaliät, aber mit einer reifen, archaisch-schönen Aura.

Freude als Manifest


Dass Järvi bei Beethovens Symphonie Nr.9 d-moll op. 125 zu jener Fassung griff, die von Gustav Mahler um 1900 neuzeitlich "verbessert" wurde, entspricht konsequenterweise seiner prinzipiellen Auffassung von heutiger Klassik. Was Mahler damals wider den meisten Kritikermeinungen, aber bei einem begeisterten Publikum tat, war, die Instrumentation von der Spärlichen Beethovens durch jene eines heutigen, großen Orchesters zu erweitern. Insbesondere durch Verdoppelungen von Bläsern durch Streicher und umgekehrt, bzw. durch Hinzunahme von Pikkoloflöte, Es-Klarinette, Basstuba (die schönsten Stellen!) und einer zweiten Pauke, während er die leisen Passagen reduzierte. Mit bewegtem Schalk und erzählerischer Kraft aus den Tiefen seines erlebenden Körpers führte der Dirigent seine Musiker und das Publikum durch diese musikalische Reise.

Doch das große Highlight kam am Ende: Freude schöner Götterfunken..., Schillers Ode An die Freude, erklang als gewaltige Parole durch getrennten Frauen- und Männerchor, deren Ausruf Järvi mit einem haarscharf genauen, finalen Freudensprung untermauerte. (e.o.)
mehr zu Kristjan Järvi erfahren Sie über www.intimacy-art.com/artists/talks/vision


DAS URTEIL KRISTJAN JÄRVI? - EIN DRAMATISCH, RASTLOSES TEMPERAMENT VON SPEKTAKULÄREM KÖRPEREINSATZ! SEINE EIGENTLICHE STÄRKE LIEGT ABER IN DEN STILLEN PASSAGEN, IN DIE ER SICH UND SEIN PUBLIKUM RUHIG NOCH MEHR HINEIN FALLEN LASSEN KÖNNTE.

KONZERT Mahlers Beethoven (9.Symphonie) mit Arvo Pärt * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler Orchester Niederösterreich, Gabriele Fontana (Sopran), Barbara Hölzl (Alt), Arnold Bezuyen (Tenor), Reinhard Mayr (Bass), und dem Slowakischen Philharmonischen Chor unter Blanka Juhanáková * Ort: Festspielhaus St. Pölten * Zeit: 2.10.06, 19h30