Friday, November 24, 2006

THEATER: CORNELIA CROMBHOLZS ZIRKUSREIFE "YVONNE, DIE BURGUNDERPRINZESSIN"

Yvonne (Silvia Fenz oben links Mitte) ist so makaber häßlich, dass sie der Prinz (Andreas Seifert) aus dekadentem Edelmut heiraten will. Der Prinz wird aber leider von der Häßlichen nicht sexuell erregt, deshalb nimmt er dann doch lieber (brutal von hinten!) die Hofdame zur Frau (Anja Schiffel) (alle Fotos ©Lalo Jodlbauer)
Die charakterstärksten Schauspieler des Abends: König (Rainer Frieb, unten Mitte) und Königin (Beatrice Frey, unten rechts)


VOLKSTHEATER CORNELIA CROMBHOLZ MACHT AUS WITOLD GOMBROWICZS KLUGER MÄRCHENGROTESKE (1934) EIN SCHNELLES ZIRKUSSTÜCK: ANFANGS IST ES GLÜCKLICHERWEISE SENSIBEL

Yvonne, die Burgunderprinzessin - Premiere war am 19.11. im Wiener Volkstheater - ist bis zur Halbzeit ein hochinteressantes Stück. Denn es verkehrt herkömmliche Auslöser der Liebe und Beziehung ins Gegenteil und schält dadurch die wenig politisch korrekten, aber echten Bedingungen für eine anhaltende Verbindung heraus. Am Ende siegen Konvention und Klischee. Doch jedem Menschen werden solche Fehlzündungen unter/bewußt schon passiert sein - wie eben auch Prinz Philippe im Stück.

Die Prinzenrolle steht Schauspieler Andreas Seifert sehr gut. Wie schon im Spiegelgrund ist er auch hier nach außen hin "irr", in Wahrheit aber (zuerst) ein Widerstandskämpfer für Gewissen und Gerechtigkeit innerhalb einer opportunistischen, dekadenten und verlogenen Gesellschaft. Um sich ihr und seinem eigenen, natürlichen Ekel zu widersetzen, will er die häßliche Yvonne heiraten - optisch blendend besetzt mit der viel älteren Silvia Fenz. "Sie ärgert mich dermaßen, dass ich sie heiraten muß", sagt er. Ein Satz, der auch die oft vorkommende Neugier durch Verunsicherung als Liebesmotivation miteinschließt. Doch der Prinz verlobt sich noch mehr "aus Überfluß mit dem gerupften Huhn" und rechtfertigt es (nur) mit "Edelmut". Und der Hof kann sich dem nicht entgegen stellen, denn das wäre ein Skandal.

Häßlichkeit als Spiegel für menschliche Schwächen

Interessant ist aber, dass der Prinz trotz seines vordergründigen Mitleids versucht, Gutes in Yvonne zu finden, um sie lieben zu können. Dadurch verliebt allerdings sie sich in ihn. Der Vergleich liegt nahe, einen Menschen kaum mehr äußerlich zu sehen, wenn man ihn besser kennt. Nur so lassen sich etwa Scheidungen von Fotomodellen erklären. Aber auch glückliche Ehen mit häßlichen Partnern. Letztenendes werden ja auch die Schwächen eines Menschen geliebt, allerdings nur, wenn jene in einem selbst schlummern.
- Und das erleben auch die meisten Leute am Hof, sie müssen ihre dunklen, verborgenen Seiten in Yvonne erkennen: Den zappelnden König (brillant gespielt von Rainer Frieb) erinnert sie an die schmutzige Unterwäsche seiner Frau, was ihn trotz Schreckens sexuell anregt. Die Königin - Beatrice Frey mit der stärksten Schauspielleistung des Abends, als sie sich äußerlich selbst zerstört - entdeckt in der Schreckschraube ihre lesbisch-egozentrischen Anwandlungen, die sie in heimlichen Tagebüchern niedergeschrieben hat.
Nur einer kommt bei Yvonne sexuell überhaupt nicht in Fahrt: der Prinz. Deshalb überfällt er kurzerhand die sexy Hofdame Isa (konventionell: Anja Schiffel), mit der er sich auch gleich neu verlobt, ... Yvonne muß also sterben, damit wieder Ruhe einkehrt und sie in den Leuten kein schlechtes Gewissen mehr auslösen kann.

Leider wird das Stück nach der Pause inhaltlich und regiemäßig (Cornelia Crombholz) zum oberflächlichen, zeitlich durch die Mordplanung gestreckten Klamauk. Lieferte die Groteske zuvor noch überraschende Wendungen, so ist ab diesem Zeitpunkt alles vorhersehbar. Sandy Lopicics Musik im Stil von Max Raabe bindet die Szenen, Tempo und Atmosphäre enden im Zirkus. Selbst wenn das für den Zirkus des Lebens mit einem unverschämt, gestandenen Ja zur Bosheit hinter der Fassade stehen mag, ist das doch ein wenig enttäuschend. Selbst wenn die Menschheit tatsächlich nur ihre Eitelkeit im Gange hält. e.o.


DAS URTEIL DASS MAN NIE AUS MITLEID LIEBEN SOLL - ALLEIN WEGEN DIESER ERKENNTNIS IST DIESES STÜCK POLNISCHEN IRRWITZES SEHENSWERT: NACH DER PAUSE WIRD´S ALLERDINGS FAD.

THEATER Yvonne, die Burgunderprinzessin * Autor: Witold Gombrowicz * Regie: Cornelia Crombholz * Musik: Sandy Lopicic mit Band * Mit: Silvia Fenz, Rainer Frieb, Beatrice Frey, Andreas Seifert, u.a. * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 27.11, 1., 2.,10.,11.,14.,19.,20.,30.12.: 19h30 + 17.12.: 15h

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