Thursday, November 30, 2006

PERFORMANCE+AUSSTELLUNG: LEMI PONIFASIOS "REQUIEM" IM SCHWARZ DES TODES II

Szene aus dem maniriert-meditativen, dramatisch-dunklen Requiem von Lemi Ponifasio und seinem Tanzensemble MAU: Noch ist das Kind geschützt bei einem Erwachsenen, später wird es blutrot überströmt stehend sterben. (Foto: © Lemi Ponifasio / MAU)

Invisible by Night, 2004 von der Künstlerin und Ausstellungskuratorin im Künstlerhaus: © Lynette Wallworth: Auch hier ist vieles formal-überhöht schön und dunkel. Was es über den Effekt hinaus wertvoll macht, ist die Fragilität: diese Frau berührt und läßt sich durch Glas berühren.


NEW CROWNED HOPE IM SCHWARZBILD SAMOANER LEMI PONIFASIO TANZT MIT SEINER TANZCOMPAGNIE MAU IN REQUIEM STILL UND GEISTERHAFT IN DEN TOD, WÄHREND EIN BLUTROTES KIND STIRBT: SO MANIRIERT SCHÖN, DASS MAN KAUM AN "ETHNOKUNST" GLAUBEN MAG - UND DAS IST AUCH DIE QUALITÄT DER LAUFENDEN AUSSTELLUNGEN EVOLUTION OF FEARLESSNESS UND GREEN FLAME


Lemi Ponifasio dramatisch dunkles Requiem

Eine fast schwarze Bühne, ein dramatisch heller Lichtkegel, ein Häuptling begrüßt die Zuschauer, nonnenhafte Frauen schreiten als kaum sichtbare Geister am Bühnenhorizont entlang. Kräftige Männer üben sich in Gesten wie Waschungen mit reinen weißen Tüchern. Sie alle gedenken der Toten, in ritueller, meditativer Tradition, und auch wieder nicht: Hier ist alles schick, hat der intellektuelle Westen mit aller Wucht zugeschlagen. Mit distanzierter, grafischer Exaktheit und meisterhaftem Licht (Helen Todd).

Choreograf und Regisseur Lemi Ponifasio läßt in seiner Réné-Magritte-Illusion schwarze, steife Totenkörper durch den Raum tragen, den zwei mächtige Mittelpfosten stützen. Sie ermahnen unaufhörlich, in allem zwei Ansichten zu bedenken: Tag und Nacht, Leben und Tod. Da zieht jemand unter großer Anstrengung einen Totenkarren, als sei darin während seines ganzen Lebens die Erinnerung an seine Ahnen verpackt. Ein Männergrüppchen trippelt in Schwebe, asiatisch gestikulierend über die Bühne - bewußt recht komisch - denn die Zeremonien im pazifischen Raum sind mit Witz und Satire bespickt. Und doch, es artet direkt und unverblümt in gesungene Klagen aus: gegen Tyrannei und für soziale Gerechtigkeit.

Dann: Ein unschuldiges Kind betritt die Bühne. Erst ist es rein, gesund, regungslos steht es da. Langsam rinnt Blut über seinen nackten Oberkörper. "Kinder - Zerbrecher der Kalebassen - Mit eurem Beitrag und meinem Beitrag Sollen die Menschen genährt und erhalten werden", heißt es, und: "Die Menschheit zeugt, aber die Todesgöttin verbirgt, So wie ein Häuptling stirbt, Wird ein anderer seinen Platz einnehmen." Tücher werden wie Totentafeln auf dem Boden des Raums verteilt, ein Kind nimmt jedes von ihnen einzeln auf: andächtig, in Gedenken und legt sie wieder zusammen.

Wie im Friedhof, wenn irgendwann die Knochen unserer Väter und Mütter zusammen geworfen werden, da die Seelen schon längst in den lebenden Menschen verankert sind. - Traurig und schön, ist diese Performance des Bildererzählens. Und langsam. - Für manchen auch zu schön und langsam ... e.o.

Edle Ausstellungen Evolution of Fearlessness und Green Flame

Viel dramatisches Licht in dunklem Schwarz gibt es auch im Wiener Künstlerhaus in der von der australischen Künstlerin Lynette Wallworth kuratierten Ausstellung Evolution of Fearlessness zu erfahren. Die ausdrucksstärksten, den Titel treffendsten Werke steuert sie selbst bei: im gleichnamigen, interaktiven Video sowie in Invisible by Night berühren die Besucher durch eine Glasscheibe dunkle Frauenkörper - Ängste gegen andersartige Herkunft werden dabei abgebaut, wobei die Ängste auf beiden Seiten, hinter und vor der Scheibe, zu liegen scheinen. Fragile stoffumhüllte Frauenkörper wehen auf der Spitze eines Berges in Standbildern (Damavand Mountain), im Video Still: Waiting 2 ereignet sich ein archaisch-poetisches Naturszenario in vogelreicher Ewigkeit.

Das Schöne an Ponifasios und Wallworths Präsentation ihres sinnlichen Ethnogedankes ist die hohe Qualität der ästhetischen Form. Nicht arm, unbeholfen und schmutzig ist diese Kunst, sondern in jedem Quadratmillimeter durchdacht und strategisch gesetzt. Das ist doch recht wichtig, wenn man im Westen Kunst von "armen" Entwicklungsländern zeigt. Denn nur so werden kapitalistische Wohlstandsbürger zur Anerkennung na(t)iver Völker bekehrt. Das mag arrogant klingen, ist aber wichtig zu erwähnen.

Ebenso formschön sind die Werke von Elias Simes (Web-Gemälde im Stil der Aboriginies) und Julie Mehretus/Stephen Vitiellos (Rauminstallation mit Tontellern und Grafikwand), sowie von Ernesto Novelo, Sergio Pech und Reinaldo Pech im project space, Karlsplatz, kuratiert von der Äthiopierin Meskerem Assegued unter dem Titel Green Flame. r.r.




Weitere Werke von Lynette Wallworth im Künstlerhaus: Intera
ktive Videos der Frauenberührung wie Evolution of Fearlessness, 2006 (© Foto: Rocco Fasano / Courtesy Lynette Wallworth), Still: Waiting 2 (© Foto/Courtesy: Lynette Wallworth), Damavand Mountain und Hold_bowlcu1 aus der Serie Hold: Vessel 1, 2001 (© Foto: Diana Panuccio/Courtesy Australian Centre for the Moving Image)



Weder Wallworths, noch die Kunstwerke von Elias Sime - Filega 2 (Yarn Stiches Construction, 2004, 70 x 80 cm) aus der Serie Mud & Straw - oder Julie Mehretu/Stephen Vitiello - Wandmalerei und Toninstallation: Untitled #2 - machen einen ethnisch-stillosen Eindruck - das ist mit höchster, künstlerischer Ernsthaftigkeit gemacht. Ebenso wie in der Green Flame-Aussstellung in der Kunsthalle wien project space von den Bildenden Künstlern: Ernesto Novelo, Sergio Pech (buntes Bild) und Reinaldo Pech.



DAS URTEIL DIE ETHNISCHE ZAUBERFORMEL FÜR DEN TOD SCHEINT SCHWARZ MIT DRAMATISCHEM LICHT ZU SEIN, SOWIE DIE BRAV AUSGEFÜHRTE KONVENTIONSLINIE DER EMOTION. DAS MAG AUF MANCHEN EIN WENIG ÜBERSTILISIERT WIRKEN - DOCH BRINGT DAS DIE ETHNOKUNST WEG VOM KLISCHEE DER STILLOSEN ALTERNATIVÄSTHETIK.

AUSSTELLUNG: Evolution of Fearlessness / Green Flame * Kuratorinnen: Lynette Wallworth, Meskerem Assegued * Ort: Künstlerhaus / Kunsthalle Wien: Project Space * Zeit: bis 13.12.06 * Eintritt frei

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