Friday, July 25, 2008

PERFORMANCE: MATHILDE MONNIER & LA RIBOT - ZICKENCHARME IN "GUSTAVIA"

Hinter der Bühne sind alle Frauen gleich - so auch Mathilde Monnier und La Ribot in "gustavia" ...

... sind aber etwa auch auf der Bühne alle Frauen gleich? (Vorne: La Ribot) - Mit diesem Wissen könnte man das mit den Rivalitäten und dem Revierabstecken ja endlich mal lassen!

Noch ironisch runder wäre diese Frauen-Selbstsatire, wenn ImPulsTanz auch vallée, das Gemeinschaftswerk von Monnier (links) und dem weiblichen Künstler Katerine (rechts), eingeladen hätte! (Fotos: © Marc Coudrais)


AKADEMIETHEATER - IMPULSTANZ FRAUENSUCHE MIT MATHILDE MONNIER UND LA RIBOT IN "GUSTAVIA", SODASS EINEM DAS LACHEN NICHT VERGEHT

"Was ist das nur für eine sexy Frau. Als Mann müßte man sie verführen ..." - Was ich bereits in La Place du singe über Mathilde Monnier sagte (zur Kritik click bei Labels unten auf Monnier!), kann ich nur wiederholen. Allerdings nur im Moment einer spontanen Reaktion. Denn nach längerem Nachdenken wird es doppelt sinnlich, das Wesen der Homoerotik zu erfassen, von der in der Literatur ständig zu reden ist. Gehen Sozial-, Sexual- und sogar Literaturwissenschaftler in Fällen wie Thomas Mann, William Shakespeare oder Edgar Allan Poe davon aus, dass ein homoerotisch verschlüsselt schreibender Autor in versteckter Wahrheit über die eigene Homosexualität schriebe, so muss ich sagen, nein, das würde in meinem Fall überhaupt nicht stimmen. Denn erstens könnte ich - als Frau - nie mit einer Frau ins Bett gehen (ich bin durch-und-durch Männerkörper-orientiert), und so auch nicht mit einer Mathilde Monnier. Und wäre ich ein Mann, würde ich mit Sicherheit auf einen anderen Typ Frau stehen. Tatsächlich gefällt mir also Mathilde Monnier als Frau, wegen ihres reifen, abgeschlossenen Charakters, wegen ihrer herben, charakteristischen Gesichtszüge, wegen ihrer souveränen, charakterstarken Selbstironie, sodass ich mich von ihr frauen-menschlich und -künstlerisch angezogen fühle. - Ungefähr so sehr, wie mich meine ebenfalls sehr charakterstarke, sehr eigenwillige Mutter anzuziehen vermag, denke ich im instinktiven Gefühlsvergleich in grosser, räumlicher Distanz an sie.

Dank Ellbogen bühne-frei für die beste Künstlerin

Dass es auch durchwegs selbstbestimmten Künstlerinnen so gehen muss, lässt sich von Monniers zweiter Zusammenarbeit mit einer Frau ableiten. Nach Autorin Christine Angot hat sie sich für "gustavia" die spanische Live-Artistin La Ribot zur Partnerin genommen, die von 1997-2004 in London arbeitete und heute in Genf lebt. Nun hat man bei beiden nicht das Gefühl, sie müßten sich noch mit Ellbogen und Eifersucht ihr Terrain abstecken, um sich über ihre Position in der Gesellschaft klar zu werden - sei es als Frau, sei es als Künstlerin; Und dennoch machen sie genau das zu ihrem Thema. Der Titel der weiblichen Künstlerfigur, die sich von einem Männernamen ableitet, sagt bereits viel aus. Und so leid einem selbst schon die Frauendiskriminierung als Thema im Zuge des fortschreitenden Lebens sein mag, so sicher muß man sich darüber sein, dass die Frauendiskriminierung noch immer besteht. Sie wird fürs eigene Leben tatsächlich brisanter, je älter man wird. Also genau dann, wenn die Aufreißphase durch die "Weiblichkeit" schon zuende ist. Weil sich dann erst erweist, ob man als Mensch, und nicht nur als Frau, so viel wert ist, dass man mit den besten "Männern" mithalten kann. Und in der Kunstwelt spielt sich das genau gleich ab, da natürlich auch dort bis zur Lebensmitte die Gesetze der Geschlechterrollen herrschen, wenn auch in abgewandelter oder erweiterter Form. - Nur ist dann noch immer nicht garantiert, dass man als echt gute Künstlerin wirklich Erfolg bekommt!

Selbstironie als Geheimnis zum Sympathiegewinn

Diese zwei vollendeten Künstlerpersönlichkeiten punkten mit dieser Geschichte zunächst mit großem Charme - nämlich durch ein langgezogenes, rhythmisch gesummtes, hoches Heulduett-Intro vor Regentönen, im pantomimischen, der Stummfilmzeit nachempfundenen, schwarz ausgekleideten Raum des Akademietheaters, aus dem nur das blonde Haar Monniers heraus leuchtet, weil die beiden Damen auch sonst ganz schwarz gekleidet sind. Das mutet an, als riefen sie lautlos vorab aus: "Wenn man als reife Frau ankommen will, dann geht es sowieso nur noch mit Humor!" - Ganz so bitter, wie es sich hier lesen mag, ist es nicht.
Voraus geschickt wird außerdem gleich mal eine proklamierte Stutenbissigkeit, sobald zwei gleich bekannte Künstlerinnen als Duo zusammengeschweißt werden: Und Monnier und La Ribot wenden sie für sich sogleich ab, indem sie jene direkt auf der Bühne austragen: denn nach dem Heulen kommt je ein Solo, wo Monnier mitsamt der Frau-in-ihr sterben will, und La Ribot will nur wieder auferstehen, wenn Monnier tot ist. - Das mit dem Revier abstecken ist ja ein lebenslanges Problem, nicht nur unter Künstlerinnen, die sich um einen Bühnenstuhl und ein Mikrofon rangeln, als ginge es um ihr Überleben ...

Die Frau hinter und in der Künstlerin

Und dann, beim Duett, sind wir aber auch schon beim eigentlichen Thema, dem Wesen der Frau, als Frau, die beide unter der Künstlerin ja sind. Da können sie noch so sehr französisch sprechen, das wird von jeder Frau der Welt verstanden. Nachdem Monnier am Kopf immer wieder brutal vom schwarzen Brett La Ribots getroffen wird, das jene scheinbar ohne Absicht wie ein Bauarbeiter vorm Gesicht auf den Schultern durch den Raum trägt, während sie sich unschuldig dreht; und nachdem beide in versetzten, spiegelverkehrten Aktionen - wie die Hose übers Knie zu ziehen, männliche Boden-Fick-Szenen mit Schreien - miteinander ums Bessersein bis zur Erschöpfung wettgeeifert haben, glauben sich die Frau beide Künstlerinnen schließlich auch selbst. Denn den jeweiligen Sonderstatus - wie die gezeigte Nase nach oben - haben sie sich ja heraus gewetzt und geschlagen.
Jetzt kommt es nur noch auf die vor dem Vorhang geschriene Aufzählung der Klischees von Frauenbehauptungen an, wie "Eine sehr hübsche Frau; Eine sehr schöne Frau öffnet das Fenster; Eine Frau hat ein Pferd in ihrem Schoß, Eine Frau säubert ihr Haus mit einem Mob, Eine Frau - ihre Milch geht weg ...", die sich dann aber wieder an die Frau als Künstlerin richten wie "Eine Frau spielt Gitarre, Eine Frau das Schlagzeug auch, Eine Frau lädt Politiker ins Theater, ... Eine Frau hat Angst, Eine Frau weint". - So viele Klischees über Frauen, die sich ständig in anderen und doch gleichen (stylisch-sexy) schwarzen Gewändern präsentieren, stehen ironischerweise doch wieder für die vielschichtigen Chancen für Frauen von heute. Möglicherweise sind sie ja schon so vielschichtig, dass sie sich nur noch fürchten können ...

Schade nur, dass ImPulsTanz dieses Stück nicht gemeinsam mit vallée gezeigt hat, das Monnier mit dem schwul-konnotierten Sänger und Musiker Katerine (PHilippe Katerine) im Februar dieses Jahres auf die Bühne gebracht hat. Es wäre eine kontrastgenaue Gegenüberstellung gewesen, wo Monnier ihre "männlichen" (Gesichts)züge zu Katerines weiblichen Stimmzügen einspielt, indem sie Texte und Musik von Katerines jüngstem Album “Robots apres tout” von ihrer Company umsetzen lässt. e.o.


DAS URTEIL MATHILDE MONNIER IST SO EINE STARKE PERSÖNLICHKEIT, DASS SELBST KLEINERE STÜCKE SOUVERÄN WIRKEN. DENN DURCH IHRE LITERARISCHE INTELLIGENZ SCHWINGT EXPRESSIVE, HUMORREICH-VERARBEITETE, DIREKTE LEBENSERFAHRUNG.

PERFORMANCE gustavia * Von und mit: Mathilde Monnier & La Ribot * Ort: Akademietheater, im Rahmen von ImPulsTanz Wien * Zeit: 15., 18.7.2008: 21h

Sunday, July 20, 2008

TANZ: "BAHOK" - AKRAM KHAN BRINGT BOLLYWOOD IN DEN JAZZTANZ

Schöne Tutti-Jazztanz-Bollywood-Nummern in bahok, um ein wirklich (aggressiv) gewolltes Miteinander aller Kulturen zu symbolisieren. (Foto © Liu Yang)

MUSEUMSQUARTIER - IMPULSTANZ DIE BRIT-INDER AKRAM KHAN UND INDIE-POPMUSIKER NITIN SAWHNEY GEBEN EIN BEISPIEL FÜR DAS FUNKTIONIEREN DER CREATIVE INDUSTRIES UNTER DEM SIGEL DER MIGRATION - IN BAHOK

Das letzte Mal, als der britische Inder Akram Khan in Wien über sein bikulturelles Identitätsproblem gesprochen hat, geschah in zero degrees (UA 2005) im Duett mit dem flämischen Morakkaner-Einwanderer Sidi Larbi Cherkaoui. Wie jetzt wieder, setzte er dabei auf die Musik des ebenfalls Brit-Inders Nitin Sawhney, der dort zur unglaublichen Schönheit der Produktion beigetragen hat. Damals arbeitete dieser mit einem rasant beschwingten Live-Orchester mit klassischen und indischen Instrumenten. Heuer waren die Klänge mit unter den Herzpuls gehendem, dumpf-dröhnendem Discoschlagwerk - trotz mehrstimmiger Sitar-Gitarre, (Hirten-)Flöten und Celli - technoartiger Natur, und damit weit Jugendkultur orientierter. Womit aber dennoch zu konstatieren ist: Die toll gesteigerte Musik war diesmal, in bahok, (wieder) das Beste sowie die sehr aggressiv getanzten, synchronen Modern-Jazztanz-Bollywood-Teile, die griffige Dynamik versprühen - ganz so, wie man es sich im Zeitalter der creative industries vorstellt, worin diese phasenweise effektreiche Produktion als Kind Großbritanniens ja mitsamt marktwirtschaftlich "funkionierendem" Multikultithema wurzelt.

Banal erzählte Geschichte

Ansonsten ist die Geschichte jedoch, so wie sie erzählt ist, fast banal: sowohl inhaltlich, textlich, als auch im Ablauf zwischen Wort - Schauspiel - Tanz. Als Passagenerzählung wechseln sich die einzelnen künstlerischen Ausdrucksformen blockweise ab, ohne ineinander zu greifen, sodass es zu keiner dramatischen Steigerung kommen kann. Es wirkt insgesamt bis zuletzt nur "arrangiert". Außerdem ist das hysterische Geheule und Geplappere der sichtlich besseren Tänzerin als Schauspielerin, Eulalia Ayguade Farro, kaum erträglich, die mit spanisch-akzentuiertem Englisch in der Bühnen-Abflughalle jeden reisenden Passanten über ihre depressive Lage informiert, der sich zufällig neben sie setzt. Ihre Worte zur "Chinesin" über den Regen, der sich ihr quälend ins Bewußtsein dränge, und ihre Verwirrtheit gegenüber der vielen "Götter Indiens", wo es ja auch regnen könne, wie überall, wirken aufgesetzt. "Aber dass Leute immigrieren, das ist mein Problem!", endet sie, bevor sie ihrem Ärger in einem vehementen Bodentanzsolo freien Lauf lässt. Sie ist eine der fünf TänzerInnen aus Akram Khans Company, die in dieser Produktion je einen Menschen aus einer anderen Kultur repräsentieren. Drei Tänzer - Meng Ning Ning, Wang Yitong und Zhang Zhenxin - kommen vom National Ballet of China, wodurch dieses Werk die multikulturelle Schwierigkeit noch durch eine interdisziplinäre Bewegungssprachen-Vermischung unterstreicht - oder eben umso interessanter macht. Denn einer der Chinesen ist sogar zu einer Denise Biellmann-Pirouette fähig - was man bisher nur im Eiskunstlauf bei Frauen zu sehen bekam.

In dieser wartenden, von Unschlüssigkeitsgefühlen getragenen Abflugsszenerie von der Neu- zur Alt-Heimat, während die (gelungene) digitale Leuchttafel mit "Please Wait", "Delayed", "Rescheduled" aufblinkt, was dann in die elementaren Symbolworte des Überlebens "Air", "Water", "Fire", "Earth", und am Schluß "Hope", "Home", übergeht, erwünschen sich die Betroffenen die Vision von einer möglichen "gemeinsamen Zwischenheimat". Bei dem langen Warten, wo sich etwa eine bindungshungrige Frau wie Ballast an Akram Khan hängt, generell aber jeder sein Fremdheitsgefühl im globalen Durchlauf beklagt, selbst wenn gerade das es ihm ermöglicht, den anderen ein individuelles Solo vortanzen zu können, wäre ihnen eine Realisation gegönnt. Auch wenn die Atmosphäre der Show insgesamt bei wiederkehrendem Handygerede (wohl mit den Verwandten der Heimat) im kommerziellen Leben stehend privilegiert genährt und fröhlich erscheint, sodass der Jammer nicht wirklich geglaubt werden kann. e.o./a.c.

DAS URTEIL BEI DER BANALEN DRAMATURGIE IN BAHOK WARTET MAN NUR AUF DIE EFFEKTVOLLEN BOLLYWOOD-JAZZTANZ-NUMMERN ZU NITIN SAWHNEYs TOLLER MUSIK.

Vergleiche mit Khan-Immigranten-Story auf intimacy: art über diesen Link: EINWANDERER UND AUSLANDSKUNST - ZWISCHEN POLIT-UTENSIL, SEX UND STILVOLLENDUNG - CHERKAOUI & KHAN, MACRAS BIS KOREA

TANZ bahok * Von und mit: Akram Khan Company & National Ballet of China (UK/CN) * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 17., 19.7.2008: 21h

Friday, July 18, 2008

TANZ: IMPULSTANZ FEIERT DIE ZEITGENOSSEN MIT "BALLETTGALA" UND AHA-ERLEBNIS

Was gibt es für ein Risiko für die Frau, dem Liebesdrängen eines Mannes nachzugeben? (Foto © Sébastien Mathé)

Ein Großes - und dennoch gibt sich Laetitia Pujol dem kokett drängenden Manuel Legris in Le Parc von Angelin Preljocaj hin, sodass es beide nur so dreht. (Foto © Christian Leiber)

Andererseits ist die Sehnsucht eines Mannes aber auch ziemlich herzzerreißend, wenn seine Begierde nicht gestillt wird, wie in Prélude à l´après-midi d´un faune von Rosas. (Foto © Herman Sorgelos)





















Da ist es doch leichter, wie William Forsythe über formale Bühenpraktika in Steptext zu reden: wie das Kirov-Ballett (expressiv stark: Ekaterina Kondaurova) (Foto © Rieder
Promotions)

Oder über Forsythes neoklassische Bewegungsdekonstruktionen in Approximate Sonata, die (nicht im Bild) Forsythes Muse Antony Rizzi mit Leslie Heylmann lustig bei ImPulsTanz persiflierte.




















Bei diesem schlüssig-dichten, aber anstrengenden Gala-Programm war Chouinards Le Sacre du printemps-Ritualklassikerpop dann fast schon zu viel des Guten (Foto © Marie Chouinard).



BURGTHEATER - IMPULSTANZ BEI DER BALLETTGALA ZEIGTE SICH, WAS NACH 25 JAHREN ZEITGENÖSSISCHEN TANZES WIRKLICH ZÄHLT: IM BALLETT UND BEI DEN ZEITGENOSSEN

Wer hätte das gedacht. Da strengt sich der zeitgenössische Tanz im Unisono bis zum Erbrechen an, klug zu erscheinen - denn die klassischen Balletttänzer einschließlich hierarchischer Institution und damit die Tanzgeschichte seien ja "so (undemokratisch) dumm"! Kommt der außenstehende Betrachter aber zu einer Vergleichsmöglichkeit mehrerer gezeigter bahnbrechender Produktionen, bleibt doch das am stärksten transportierte, kopflose Gefühl eines bestimmten Werks hängen, nämlich beim dritten Teil aus Le Parc - Pas de deux, von Franco-Albanier Angelin Preljocaj, wo die Rebellion der Bewegung lediglich unterbewußt zu spüren ist. Der Gefühlsausdruck drängt sich in der Erinnerung des Betrachters bildstark und sehnsuchterweckend vor alles andere. Preljocaj leuchtet im Rahmen der Ballettgala zum 25-Jahre-Jubiläum des Wiener Tanzfestivals ImPulsTanz aus all den gefeierten De(kon)struktionsgrößen des klassischen Tanzes hervor, zwischen Forsythe, De Keersmaeker, Chouinard. Sie alle verblassen, weil sie inzwischen dasselbe vordergründige Bewußtsein eint, die technische Formzeichnung für das Publikum an die Front zu hieven.

Das also, was früher einmal revolutionär, neu und einzigartig war, ist schon allzu allgemein, bekannt, etabliert. Ein Preljocaj dagegen, der mit der Empfindung als führende Zugkraft in seinem Schaffen arbeitet, ist zur Ausnahmeerscheinung geworden. Sein Thema der Liebe in der Handlung ist dabei nicht ausschlaggebend, sondern die Bewegung der Tänzer aus Liebe, als ihr subjektiv empfundenes, romantisches Bild aus tiefster Seele. Dass das viel mehr Kraftinvestition und Verinnerlichung seitens der Tänzer bedeutet, liegt auf der Hand. Und verblüffend ist im Nachhinein aber festzustellen, dass diese Bewegung genauso zeitgenössisches Dekonstruktionsmaterial enthält wie die Arbeiten der einschlägig bekannten Dekonstruktions-Ikonen. Am Ende gilt für den zeitgenössischen Tanz dasselbe Gesetz wie für den Klassiktanz: nicht die Technik darf das Hauptaugenmerk der Aufführung sein, sondern der gelebte Ausdruck, selbst wenn die Technik neu ist.

Wenn Tanzdenker mit ihren Tränen kämpfen herrscht Demokratie

Allerdings: im konkreten - 1994 für das Ballet de l´Opera National de Paris choreografierten - Le Parc - Pas de deux wirkt die dominante Emotion, gerade wegen der neuen Bewegung, nicht platt und eindimensional, sondern zunächst ironisch, subtil und im gesteigerten Fortlauf als intime Spitze, gleich einer inneren Befreiung der Tänzer, verhalten tief und aufrichtig innig. Man kann sich kaum der Tränen verwehren, wenn die Ètoile-Tänzerin des Pariser Opernballetts, Laetitia Pujol, in absolut parallel laufender Bewegung zur sensibel gefühlten Musik Mozarts nach langer spielerischer Sprödigkeit in barocken Herrenkleidern dem kokett werbenden Mann nachgibt, so wie er, mit nichts mehr an als eines weißen, großen Herrenhemdes. Die Musik ist dabei mindestens genauso präsent wie der Tanz. In diesem Sinne findet hier auf der Bühne die harmonischste Gleichberechtigung der Künste statt, die man sich vorstellen kann. - So viel zum Kampfeswillen des zeitgenössischen Tanzes, sich gegen Raum, Theaterregeln und Musik aufbäumen glauben zu müssen, um als vollwertig zu gelten. Und deshalb aber auch die dringende Reklamation eines, sich ebenso wie ein Bildender Künstler (!) für Tanz interessierten Musikers an die ImPulsTanz-Programmheft-Beschreiber: Welches Orchester und welcher Pianist haben da gespielt? Das nicht zu erwähnen, wäre in diesem Fall doch recht undemokratisch!!!

Hebt die dunkelblond-langhaarige Elfe Pujol zum leise anwachsenden hohen Ton der Flöten und Geigen im Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur, KV 488 - Adagio küssend, kerzengerade und waagrecht zur Bühne im Zeitlupentempo ihre Beine, fest den Hals von Étoile Manuel Legris umklammernd, sodass er kurz taumelnd ins immer schneller werdende Kreisen mit weit ausgebreiteten Armen gerät, erscheint jene Welt, die sich in ihrem Inneren breitmacht: eine Welt in immer schneller drehendem Liebesrausch, die nur geschützt ist durch die Stärke der aufeinander gepreßten Münder und der Arme des Mannes, die die Frau halten, als beide zu kippen drohen. Doch bei all dem Vertrauen flüstert das Piano eine Ahnung von wehmütigem Schmerz einer Vergänglichkeit ein, die Frau bohrt ihren Kopf zweifelnd in des Mannes Brust, als ob sie bäte: "Verlaß mich nicht!" - Das ist umso ergreifender, als der Titel dieses letzten Teils Abandon übersetzt "Hingabe" lautet, doch im Verb "abandonner = im Stich lassen, verzichten auf...". Die dunklen Wolken im Bühnenhintergrund verheißen ebenfalls Ungewißheit ... Als Optimist will man jedoch allein an die beidseitige Preisgabe an den anderen glauben, selbst wenn die Trauer um das mögliche Ende mitschwingt ... Immerhin suggeriert das tiefe Cembalo so etwas wie standfesten Halt, als gäbe dieser attraktive Mann der bittenden Frau tatsächlich sein endgültiges Versprechen ...

Das gelungen gesteigerte Vorspiel ...

Dieses Stück lief an fünfter Stelle innerhalb der von der künstlerischen ImPulsTanz-Leitung, sehr geschmackvoll zusammengestellten Ballettgala (großes Kompliment, denn das ist bei Ballettgalas eine Seltenheit!). Davor paßte Prélude à l´après-midi d´un faune von Anne Teresa De Keersmaeker und Rosas fast noch besser in diesen Ablauf als in De Keersmaekers eigenes Stück aus dem Jahr 2006 D´un soir un jour. Denn es stellte den idealen Übergang zwischen impressionistischer Liebes-Illusion in Atmosphäre und Thema dar, sowie es auf die abstrakte Bewegungssprache-Analytik Bezug nimmt und die Unterbrechungsmethoden in Licht- und Bühnenkontinuitätskonventionen, die im Vorfeld von Forsythes Stücken ausgegangen sind, wieder aufnimmt. Doch Keersmaekers Interpretation des Debussy-Klassikers ist schon für sich allein eines ihrer besten Kreationen, bei der ihr Choreograph David Hernandez im Tanzvokabular maßgeblich "geholfen" hat. Dieser Mann ist ein wahrer Geschichtsprofi, was skulpturhafte Posen aus der griechischen und ägyptischen Antike anbelangt, die perfekt ins zeitgenössische Heute transferiert und integriert wurden. - Das freut übrigens wieder unseren mitkritisierenden Musiker, der das Debussy-Thema aus dem antiken Faun-Mythos exakt übersetzt empfand. Abgesehen davon, dass die Musik dieses Komponisten mit seiner großen Romantik einmal mehr, extra illusionsförderlich ist, sodass das Herz ins Schwingen gerät! Selbst wenn der dazu zurückhaltend sperrig und konträr kühl vor sich hinträumende Faun (Mark Lorimer - er gehörte einmal zu The Featherstonehaughs, neben The Cholmondeleys die zweite Top-Company von Britin Lea Anderson, die mindestens so berühmt wie De Keersmaeker / Rosas ist, aber in Österreich noch nie zu sehen war!!!) im aufwirbelnden Sand nur von schönen, bunt gekleideten Frauen träumen darf. Denn diese - Kosi Hidama, Kaya Kolodziejczyk, Zsuzsa Rozsavölgyi, Sue-Yeon Youn - huschen nur (eine auch rasend schnell nackt) am Bühnenhintergrund umher oder posieren weit entfernt neben ihm, um seine Begierde zu steigern und nie zu befriedigen.

... mit der Suche nach neuen Bühnen- und Vokabular-Praktika am Anfang

Vor der ersten Pause konnte man sich indessen anhand von drei Stücken auf die neuen Ballettsprachen und Versuche, solche in den letzten 20 Jahren zu finden, einstimmen. Das gelingt mit William Forsythes Stück Steptext aus dem Jahr 1985 ganz gut, der als "Antichrist des Balletts" 2006 das russische Mariinsky-Kirov-Ballett nach langer Traditionspflege regelrecht zu neuen Ufern vergewaltigt hat. Dass die vier darin tanzenden Solisten perfekte klassische Techniker sind - die Männer: Anton Pimonow, Michail Lobuchin, Islom Baimuradow -, erkennt man sofort; expressiven Ausdruck vermag der spöttischen Bach-, Licht- und Tanzformen unterbrechenden Theaterpraxis-Dekonstruktion aber nur Solotänzerin Ekaterina Kondaurova einzuhauchen. So erscheinen die Duos sogar emotional aufgeladen, womit danach das Liebesthema im ersten Teil von Preljocajs Le Parc, wo sich das Tänzerpaar des Pariser Opernballetts erstmals "im Park" zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 14 Es-Dur, KV 449 - Andantino begegnet, schlüssig aufbauend wirkt. Gleichzeitig wird dort auch die heute noch funktionierende (!) klassische Bühnenpraxis als Gegenüberstellung zu Forsythe betont.

In Forsythes Approximate Sonata (UA 1996) tanzt der sehr unterhaltsame Antony Rizzi danach mit der brasilianischen Solotänzerin Leslie Heylmann zum popig-griffigen Gesang "Pumpkin" von Tricky innerhalb des Musiksounds von Thom Willems ein selbstpersiflierendes Duo hinsichtlich Forsythes Neoklassik-Ballett-Dekonstruktion. Wie Rizzi grimassenziehend entlang einer roten Fadenlinie balanciert und ins muchsmäuschenstille Publikum fragt, ob er seine Brille aufsetzen dürfe, was ihm die Stimme Forsythes als traditionell befehlender Vorgesetzter gewährt, der Rizzis Einwand "I feel stupid" aber dann nicht so ernst zu nehmen scheint, ist zum Schießen lustig, und damit der einzige Grund zur Erheiterung im ganzen Abend. Die Requisite mit einem "Ja" auf hinterleuchteter Schultafel" steht da wohl für den guten Willen zum Tanz, allerdings mit neuen Ansätzen.

Am Schluß zu viel des Guten

Kanadierin Marie Chouinards legendärer, zum dritten Mal bei ImPulsTanz gezeigter Strawinski-Le Sacre du printemps-Interpretation mit ritueller Tanzsprache, die auf jegliche Narration des Ur-Stoffs verzichtet und einfach nur die animalische Bewegung feiert, gebührt ob der Sportlichkeit ihrer elf Tänzer am Ende des schönen, aber anstrengenden Abends ein dickes Lob - schon weil sie damit viele heutig-orientierte Tanzeinsteiger anzuziehen vermag. Für den Besucher dieser Veranstaltung war es aber doch etwas zu viel des Guten! Denn irgendwann ist die Auffassungsgabe erschöpft. Andererseits könnte diese Empfindung auch daher rühren, dass dieses Stück als Einziges nicht in die Atmosphäre der Stückfolge passen wollte, selbst wenn man das "Zusammenpassen" inhaltlich und bewegungsformal mit logischem Wollen herstellen könnte ... e.o./p.p.s.


DAS URTEIL INNERHALB DER INTELLEKTUELLEN DEKONSTRUKTIONSINVASION LEGENDÄRER CHOREOGRAFEN-IKONEN BESTICHT JENER NEU-INTERPRETIERER, DER DAS GEFÜHL IN DEN VORDERGRUND ARBEITET: ANGLELIN PRELJOCAJ - WANN SEHEN WIR DAS VOLLSTÄNDIGE LE PARC IN WIEN - MIT KOMPLETTER PARISER OPERNBALLETT-COMPAGNIE?

Click auf diesen Link, um Le Parc-Videoausschnitt anzusehen - Click dort auf: Vidéo - Le Parc
Présentation de la Saison 2008-2009 par Brigitte Lefèvre - mars 2008


TANZ Ballett-Gala ImPulsTanz´08 * Sücke von und mit: I. Steptext, von William Forsythe & Mariinsky-Kirov-Ballett zur Musik von Bach/Nathan Milstein, II. Le Parc - pas de deux, 1. Akt Rencontre + 3. Akt Abandon von Angelin Preljocaj & Le Ballet De L´Opera National De Paris, Musik: Mozart/Klavierkonzerte, III. Approximate Sonata von William Forsythe mit Antony Rizzi, Leslie Heylmann, IV. Prélude à l´après midi d´un faune / Claude Debussy von Rosas, V. Le Sacre du printemps / Igor Strawinsky von Compagnie Marie Chouinard * Ort: Burgtheater Wien * Zeit: 14.+16.7.2008

BALLETT Le Parc * Von: Angelin Preljocaj (Opéra national de Paris, 1994), Création sonore Goran Vejvoda * Musik: Wolfgang Amadé Mozart, u.a. mit Klavierkonzerten * Orchester: Orchestre Colonne * Dirigent: Koen Kessels * Mit: den Étoiles, 1. Tänzern und Corps de Ballet des Ballet de l'Opera National de Paris * Ort: Palais Garnier, Paris * Zeit: 6.. 7., 9., 10., 12., 13., 16., 18., 19.3.2009: 19h30 + 15.3.2009: 14h30; Dauer 1h40

Sunday, June 29, 2008

MUSIK: FRAGILER MOMENT MIT SINGER SONGWRITER JASON WEBLEY

Hinter Jason Webley als Typ, der zum maßlosen (russischen) Trinken aufruft ...

... und mit tiefer Hard-Rock-Stimme als angry young man schreit, ...

... steckt ein hochgebildeter, mehrinstrumental virtuoser, sehr geistreicher Texter und Musiker ...
















... mit einer gehörigen Portion Sensibilität und Romantik. - Was er mit aller Kraft zu verstecken versucht. (Fotos © Jason Webley privat)


GASTHAUS VORSTADT DER US-SINGER SONGWRITER JASON WEBLEY LIESS AUF EINLADUNG DES WIENER SONGWRITER VEREINS (VSA) SEINE SENSIBILITÄT UNTERM HARDROCKER DURCHBLICKEN

Als Jason Webley im ziemlich grindigen Wiener-Vorstadt-Lokalhinterzimmer des 16. Wiener Bezirks seinen Song Almost Time To Go singt, schafft er es endgültig, maßlos an das Herz der Zuhörerin zu rühren. Denn jetzt erst, wenn er - sich selbst allein am Klavier begleitend - auf jegliche Show verzichtet, kann sie sich auf seine Musik, seine Worte, seinen intelligenten Ausdruck konzentrieren. Sie ist eine Zuhörerin, die sich in der dunklen, bis zum letzten 140. Platz mit Menschen angefüllten Spelunken-Atmosphäre zwischen Zwiebel-, Bier- und Essensgeruch nicht wohl fühlt. Doch da, inmitten dieses zwiespältigen Gefühls, blitzt jener magische Moment in ihr Empfindungsvermögen, zu einem Zeitpunkt, wo Webleys Konzert schon fast zuende ist. Es ist erstaunlich, dass es immer wieder dasselbe Wesen ist, das es schafft zu tangieren: der Typ Mensch, der mit Stärke, Witz, Aggressivität, mit männlicher Vitalität, alles Erdenkliche versucht, um seine insgeheime Verletzlichkeit, seinen Stolz, zu verbergen. Doch macht es auch nur eine Sekunde den Anschein, er spiele da etwas vor, ist es mit dem Zauber auch schon vorbei...

Überlegener unter grölender Masse

Um zu erfahren, wovon der US-Singer Songwriter aus Seattle in diesem Augenblick singt, wird sie später die von ihr mühsam aufgespürten Worte seines Texts nachlesen. Sie muss wissen, warum sie es vermögen, ihn sich so ausliefern zu lassen, offen der Welt ausgesetzt, als wäre er jemand mit abgezogener Haut. Eine einzige große Wunde. Ein Reisender, der täglich vom einen Ort zum Nächsten zieht, seine Lieder spielt, zur Unterhaltung der Leute, zu ihrer "Erheiterung". Er, der er sich so sehr in seinem Alleinsein erlebt, in seiner flüchtigen Überlegenheit. Es scheint zuerst, als singe er von jemand anderem, der einmal da war und dann wegzog, dessen zuruckgebliebenen Gegenstände wertlos seien, weshalb es für jenen fast "Zeit" gewesen sein mußte "zu gehen". Webley wisse nicht, ob der andere am Ende verzweifelt gewesen wäre, obwohl er ihn wie die Hölle kämpfen hatte sehen. Und da jener nie gut geschlafen hätte, hoffe er für ihn, jetzt einen rastvollen Ort gefunden zu haben. Jener Mann, der ein deplatzierter Tattoo-Charakter, der ein Patchwork Quilt von Leuten, gewesen sei. Es ist, als spräche Webley von einem freiwillig den Tod gewählten Mann. Doch im dritten Textteil löst sich das Rätsel auf, da Webley sich an die Allgemeinheit - und damit an sich selbst - richtet:

"Denk an Menschen, Orte, die du kanntest,
an Skulpturen aus Sand.
Die Flut kommt herein, und wir gelangen nirgendwo hin.
Wenn deine Füße noch in Schuhen stecken, woraus sie schon entwachsen sind,
Dann ist´s fast Zeit, ist´s fast Zeit zu -
Denk an den Samen, den du verstreut und gesät hast,
aus deiner Hand,
wie er sich im Wind verloren hat gleich einer winzigen Feder;
An (deine) Dinge, die du dem Gewöhnlichen als überlegen empfindest,
Dann ist´s fast Zeit, ist´s fast Zeit .. zu gehen."

Es ist Webley, der inmitten der jubelnden Menge als erleuchtete Künstlerseele leidet, doch genauso geht es manchem Zujubelnden hinter der eigenen grölenden Fassade. - Keiner fühlt sich verstanden, nicht einmal von denen, die eh (jubelnd) verstehen. Und das zu verstehen, macht wieder die große Magie des unterbewußten, kollektiven Verbundenseins aus. Durch diesen einen Song entschlüsseln sich in ihrer Dimension automatisch alle anderen Songs, jene davor, jene danach: Lieder - begleitet vom verstärkten, überragend leicht gespielten Solo-Akkordeon, von der verstärkten, bestimmt gespielten Solo-Gitarre, von Webleys nachdrücklich stampfenden Füßen auf einfachem Fußbrett, das irgendwann ob des vehementen Gegendrucks zerbricht, von Webleys tscheppernden Münzen in zwei Flaschen -, mit denen sich der langhaarige Barde unterm Schlapphut, der vor zehn Jahren als einfacher Straßenmusiker begonnen hat, angenehm tief und theatral bedacht seine Wut aus dem Leib schreit: mit einer Stimme zwischen Tom Waits und Heavy Metal, Leonard Cohen und Gypsy, Bob Dylan und Folk, Nick Cave und Drahdiwaberl-Punk. Und zwar schreit er ausgerechnet dann, wenn er die sensibelsten und lyrischsten Worte ausspricht - ein weiteres Indiz dafür, dass sich hier eine fragile Seele zu schützen versucht: vor der brutalen Oberflächlichkeit der Welt. Das geht wiederum mit nichts besser, als durch die eigene virtuose, entsprechend inszenierte, brutale Oberfläche.

Singer-songwritender Hardrocker, der Liebe sucht

Doch selbst die Texte sind schon so verschlüsselt, dass sich erst am Ende herausschält, dass es sich in manchem Lied etwa um Liebe dreht. So stampft Webley in lautem Amour-Fou-Schmerz auf Orpheus´ Mythosspuren beim Song Map (vor allem live, auf CD aus dem Jahr 2004 singt er den Song zärtlich als Chanson in jüdischer Erzählweise mit lustig geklopftem Schlagwerk und mit hämisch hoch, gegenläufig lachender Klarinette zum Schluß), wenn "sie" zu "ihm" sagt: "Ich bin nicht deine Liebe. Ich bin nur die Landkarte, die du benutzt, um jene zu finden." Zum beidseitigen Einverständnis endet der Song aber immerhin auf seinen Protest hin versöhnend, indem "er" auch dasselbe zu "ihr" sagen kann ... Inhaltlich eindeutiger ist der nächstenliebende Fidel-Folk-Rock Ways to Love, wohinter sich der psychoanalytische Grundsatz einer ermahnenden moralischen Mutterliebe verbirgt. Webley singt ihn - auf CD bei schnellem Geigen-Sound vor Elektrogitarre - schimpfend hart und damit ebenso rockig:

"Unsere Mutter machte uns zu Schwimmern,
sie warf ihre Babies in den Fluß,
voller Schlamm und dichtem Unkraut, ein Jahrhundert von merkwürdigem Schutt,
Wir lernten zu kämpfen und zu lieben -
.... So dachte ich, wir hätten genügend Wege der Liebe erlernt,
doch weiß ich noch nicht, Mutter, wer wir sind.

.... Man lehrte uns, Klassenbeste zu werden,
wir lernten, durch viele Lupen zu sehen,
wie unterzugehen und wie zu überfliegen,
Wir lernten, uns gegenseitig beim Sterben zuzusehen.
Mein Gott, dieses Lehrfach ist härter als wir selbst -

... Unser Verstand war scharf, unsere Körper brannten
Wir warfen uns selbst in unser Erlernen
Lieber Gott, dieses Jetzt ist stärker als wir -
Dachte, wir hätten genügend Arten der Liebe erlernt
doch weiß ich noch immer nicht, Mutter, wer du bist.
Ich dachte, ich wäre gut darin, in meiner Art zu lieben.

... Haben wir noch Zeit für ein Schläfchen?
Das Haus brennt, der Himmel fällt herab.
Junge, geh zurück. Geh zurück. Hier ist deine Mutter, die dich ruft."

Die virtuose Wunde im saufenden Rumpelstilzchen

Zum hüpfenden Rumpelstilzchen wird Webley schließlich, als er auf einen der Holztische im Publikum springt und beim immer schneller werdenden, rastlosen Song Icarus ironisch-bitter "Relax!" brüllt, als wäre seine maßlose Energie nur noch so zu stoppen, in die zum Finale das ganze Publikum aufgesprungen ist, nachdem er einige seiner berühmten, haltlosen Trinklieder angestimmt hat. - Was dem Publikum im Allgemeinen maßlos gefällt, gefällt wiederum der eingangs erwähnten Zuhörerin gar nicht, weshalb sich in ihr beim gefallenen Wort "Relax" eine persönliche Geschichte abspielt. Sie macht sie zu ihrem persönlichen Insider-Witz mit Webley. Denn hinter Webleys Aufrufen - das Publikum solle die fehlenden (auf der neuen CD The Cost of Living zu hörenden) Instrumente durch Mitsingen ersetzen, es solle sich im Kreis drehend die Finger in die Höhe strecken und sich ruhig bis zum Umfallen (nach Russentradition) besaufen - erkennt sie sehr wohl, dass Webley selbst das ihm gereichte Bier ausschlägt und lieber zum Wasser greift. Sie denkt sich, "warum er sich das überhaupt antut, die Show so übertrieben aufzudrehen? Ist ihm die entgegenkommende Lautstärke an Emotion als Beweis von Zuneigung so wichtig, um wichtiger zu werden als die eigentliche Kunst?" - Seine Fähigkeit zum Musiker, Sänger und Songwriter allein tät´s jedenfalls auch, wenn nicht sogar noch besser. Tiefstapelei ist nicht angebracht. Viel mehr gehört dieser Mann auf eine anständige Bühne, in ein anständiges Etablissement, damit "alle" Leute an seiner zärtlichen Text-Philosophie, seinem perfekten Multiintrumental-Spiel sowie seinem Silbe um Silbe detailliert und theatral-betontem Gesang auch bewußt teilhaben können ... e.o.


DAS URTEIL JASON WEBLEY IST EIN AUSERGEWÖHNLICH VIELSEITIGES, HOCHMUSIKALISCHES TALENT. UND SEIN AGGRESSIVES TEMPERAMENT IST SEINER SENSIBILITÄT DABEI ENTWEDER IM WEGE, ODER ES MACHT SIE GERADE EXTRA INTERESSANT ...

Links zum Webley-Anhören und für mehr Konzerte:
www.myspace.com/jasonwebley
www.songwriting.at

Unsere Singer-Songwriter-Tipp-Empfehlung - mit ausnahmsweise auch sehr bemerkenswerten Österreichern!
KONZERT Netnakisum (A) * Ort: Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien * Zeit: 17.7.2008: 20h
KONZERT Led To Sea (USA) * Ort: Rhiz, Stadtbahnbogen 37-38, 1080 Wien * Zeit: 13.8.2008: 22h30
KONZERT Garish (A) * Ort: Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien * Zeit: 21.8.2008: 20h
KONZERT Boy Omega (SWE) * Ort: Gasthaus Vorstadt, 1160 Wien, Herbststraße 37 * Zeit: 4.9.2008: 20h
KONZERT Bernhard Eder (A) / Lasse Matthiessen (DK) * Ort: Gasthaus Vorstadt, 1160 Wien, Herbststraße 37 * Zeit: 2.10.2008: 20h

TANZTHEATER: ILLUSIONSPLÄDOYER VON JAMES THIÉRRÉE IN "AU REVOIR PARAPLUIE"



















Die Liebe fängt schwierig an, wenn sich ein Mann eine abgehobene Frau auf Seilen als Liebessubjekt (Satchie Noro) wählt
(Foto © Mario Del Curto) ...

Da wird die Anforderung (Kaori Ito) so gross, dass der Mann (James Thiérrée) seinen Grips wirklich anstrengen muss, um sie zu bekommen.

Der Mann Thiérrée schafft es mit seinem leidenschaftlichen Ungestüm, aber das Glück der Harmonie aller inneren Alter Egi (links: Magnus Jakobsson) des Liebespaars währt nicht lange ...

... sodass sich der wieder einsam Verlassene im zeitlichen Rücklauf auf die Suche nach dem Moment machen muss, als die Harmonie zerbrach ...

... diese Suche als Gang durch den Sumpf heißt: sich mit neuen, unheimlichen Wesen und eigenen Erkenntnissen zu konfrontieren.

... sich für den Entschluß zur Liebe selbst zu bekämpfen, an sich zu arbeiten, und sich dabei auch noch zusehen zu können ...

... dafür gibt es dann vielleicht den gemeinsamen, harmonischen Flug in der Luft - weil der Mann in die (Zirkus-)Welt der Frau wirklich bereit ist, einzutauchen. (Fotos © Jean Louis Fernandez)


HALLE E - WIENER FESTWOCHEN JAMES THIÉRRÉE HAT ÜBER DIE KONFRONTATION MIT DEM UNGLÜCK WIEDER ZUM MASSLOSEN GLÜCK DES THEATERS GEFUNDEN: IN AU REVOIR PARAPLUIE

Alles, was die Wiener Festwochen nach James Thiérrées La Veillée des Abysses 2004 im Bereich "Zirkustheater" eingeladen haben, - ob Tanztheater- oder Theaterakrobatik-Produktion - vermochte nicht annähernd an die Komplexität und Musikalität des Theaters dieses französisch-schweizerischen Universalgenies heran zu kommen. Das 2008 in Wien zu sehende Nachfolgewerk Au revoir parapluie hat das einmal mehr bestätigt. Thiérrées ins Surreale verpackte Slapstickmelodram der Körpersprache, entspricht in seinem ästhetischen Ausdrucksumfang ganz der logischen Erbfolge, Enkelsohn Charlie Chaplins, sowie Sohn des Zirkusehepaars Jean-Baptiste Thiérrée und Victoria Chaplin zu sein, mit dem der heute 34-jährige Akrobat, Tänzer, Mime und Violinist schon als Kleinkind in verschiedenen Zirkusformationen auf der Welt auftrat. Von daher erklärt sich die Reife im philosophisch-abstrahierenden Themenzugang voller zeitlich zerschnittener Erzählsprünge samt schwierigster Bewegungsinterpretationen dieses doch noch jungen Mannes. Das müßte hinsichtlich professioneller Einverleibung eigentlich von einem mindestens fünfzigjährigen Welt(star)künstler stammen. Dass er diese geistig reflektierte Vollendung mit seinem zart-starken Körper selbst tanzen kann, ist ein wahrer Glücksfall, für den das Publikum ihm oder auch Gott unendlich dankbar sein will.

Fabulöse Archetypen als Liebeskummer-Bringer

Zu Beginn erscheint eine Art Fee, die Schwedin mit Barockopernstimme und in schwarzem Fabelkostümgerüst (Kostüme: Victoria Thiérrée, Manon Gignoux), Maria Sendow, mit einem sagenumwobenen Brief in der Hand. Sie könnte auch Schicksalsgöttin oder innere Stimme des "Liebeskummernden" sein (Thiérrée, dem das Herz durch einzelne Körperteile wandert, sodass "es" an seinem Knie oder Schenkel "klopft"). Dieses Ohmen legt sich als Allmacht in Form einer schwarzen Tuchwolke mit mühsam zu durchwandernden Bauschblasen über die Bühne, "worauf" sich nachfolgende Geschichte in albtraumhaften Sequenzen abspielt: die freuden- und leidensvolle Liebesgeschichte des darauf stapfenden Träumers Thiérrée. Dass sie letztenendes nur durch sein Hirn so kompliziert wird, zeigt eine witzige Szene mit Partner bzw. der weiteren inneren Stimme Thiérrées, Magnus Jakobsson, der durch blitzschnelles Heben von Thiérrées Haarschopf wissen will, was da eigentlich drunter sei, das dem Mann so zu schaffen macht... - Insofern gilt einmal mehr: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". (Doch böte die Geschichte nur lineares Glück, wäre sie nicht außergewöhnlich genial ...)

Es fängt damit an, dass der Mann sich zum Liebesobjekt eine Frau wählt, die auf Stricken über den gewöhnlichen Dingen dieser Welt steht: Asiatin Satchie Noro, die zu poetischen Klaviertönen in der Luft tanzt. Und obwohl in diesen Stricken viele tote Herrenköpfe hängen, die wahrscheinlich Ähnliches wollten, läßt sich der junge Mann nicht davon abhalten, ihr - sich wild zu ihr raufschwingend - einen Kuss zu rauben. Und siehe da, es geschehen noch Wunder: Sie verliebt sich in ihn, angedeutet durch die Sängerin, die jetzt zur Leierkastenmusik ein Liebeslied singt. Den Liebeszauber, den die Beiden erleben, zeigt Jakobsson, der allerhand Zauberstücke mit Karten, Vögeln und einer erwartungshaltungsbrechenden Schere auf Lager hat. Das Unglück hat sich mit dem Glück automatisch barockmusikalisch archetypisch mitentwickelt: es taucht in Person der gnomhaft-asiatischen, zeitgenössischen Tänzerin Kaori Ito auf, die sich phasenweise auch als skeptische, innere Sphinx-Stimme des Träumers zu erkennen gibt. - Insofern wäre also auch jeder seines eigenen Unglückes Schmied.

Der Kampf mit sich selbst als Weg zum Glück

Denn das Paar, das jetzt zur Trio-Familie geworden ist, hat sich plötzlich im Unisono gegen den aufkommenden, überwältigenden Gegenwind des Alltags zu wehren. Es bewegt sich gleichförmig rückwärts, als wolle es die Zeit zurückdrehen, wo alles Unglück begann. Man sieht, wie die Liebesliedsängerin aus dem Bild gezerrt wird, wie der geliebten Frau im Bett sitzend statt vor Liebe frohlockend nur noch traurig die Haare vor dem Gesicht hängen. Dass sie zu zweifeln beginnt, zeigt ein schizophrenes Duett mit der sich nun ident bewegenden und aussehenden Kaori Ito. Dabei war die Liebe mit ihrem Mann unter der roten Decke gerade noch so schön. - "Wie schaffte es dieser Störfaktor Ito nur drunter zu kriechen?", denkt sich der Mann. Wie kam es, dass ihm plötzlich seine Jacke nicht mehr passen wollte, und es ihm geschah, dass er sich - beim Zusammenfalten - gleich mitfaltete? Warum wollen ihn seine Füße, seine Hände verlassen, obwohl sich sein Wille dagegen stämmt?

Nachdem er verwirrt allein ist, diktiert ihm daraufhin die Sängerin (in seinem Kopf) einen Brief, um die Einst-Geliebte vielleicht doch zurück zu gewinnen. Mit ihrer Retour-Antwort beutelt es ihn in seinem Schaukelstuhl derart, dass er ganze Rollen schlägt. Er tanzt in geistiger Wiedervereinigungs-Vorfreude in einem harmonisch-symmetrischen, zeitgenössischen Trio (Thiérrée kann also auch das bei erkennbar klassischer Ballettbasis perfekt!) und macht sich auf Wanderschaft, sie zurück zu holen. Doch dabei quält ihn auch schon wieder die einhergehende Skepsis, denn er gerät in eine mit elektronischer Musik durchflutete Sumpflandschaft mit unübersichtlichem Gestrüpp, worin er sich verirrt. Er begegnet einem unheimlich menschengroßen Fisch aus Bast, der sich in eine tanzende Bast-Grille verwandelt, schlägt sich zum Grillengezirpe mit kegelartigen Rutenbüscheln, indem er mit ihnen (also mit seinen Ängsten) leidenschaftlich schlagend jongliert. Schließlich fragt er einen vorbeikommenden Passanten (Jakobsson = sich selbst) um den richtigen Weg (die endgültige Entscheidung). - Wie ahnungslos dumm er ihm (er sich selbst) dabei vorkommt, zeigt dabei die (stummfilmlachreife!) Gesichtsmimik Thiérrées. Dann muss er sich im Sumpf in angstvoller Ohnmacht wieder mit der asiatischen Tänzerin, mit der Sängerin als Sensenfrau konfrontieren, die ihn anschreien, und die er danach als Gewissenskampf mit sich herumschleppt, bis er seinen inneren Schweinehund endgültig überwinden kann, indem er sich (Jakobsson) im virtuos wurfreifen Rutenfechtkampf besiegt. Oder auch nicht. - Denn man fragt sich: "Ist das Schicksal grundsätzlich gegen das Liebespaar?"

Der plötzliche Sprung zur Erkenntnis

In einem plötzlichen Szenenwechsel bekommt man als Antwort "nur" ein Musikquintett geboten, als müßten alle Akteure erst mal auf Distanz gehen, um sich selbst in ihren Entscheidungen bewerten zu lernen. Doch am Ende sind das Paar und die asiatische innere Stimme (des Mannes) auf einem Seil zu sehen, wie sie sich fragil aufeinander zu bewegen und phasenweise darauf harmonisch gleich tanzen. Da sind aber auch eine Menge schirmartiger weißer Federbälle, die von der Decke regnen. Sie stehen wohl für Thiérrées Vision, dass das Leben und die Liebe am besten unterm Zirkuszelt zu betrachten seien, denn ein ganzes Zelt stellen sie in Windeseile auch noch mitten in der Halle E im Museumsquartier auf ... Und wahrscheinlich hat er recht: Leben, Liebe und (sein) Theater bleiben mit urtümlich archetypischen Waagenfahrrädern ja tatsächlich am schönsten als staunenswerte Illusion zwischen Liebe und Hass, Glück und Unglück: Solange es unter der Schutzplane des mythischen Zaubers geschieht, dürfen die ewigen Gesetze für das Funktionieren von Gefühlen und Unterhaltung auch nicht anders lauten. e.o.


DAS URTEIL JAMES THIÉRRÉES ZIRKUSTHEATER IST DAS UNGLAUBLICH SCHÖNSTE, WAS ES AN UNTERHALTUNG UND ILLUSION AUF DER WELT GIBT ...

THEATER Au revoir parapluie * Von: James Thiérrée (Regie und Bühne) * Mit: Kaori Ito, Maria Sendow, Magnus Jakobsson, Satchie Noro, James Thiérrée * Sound Design: Thomas Delot * Ort: Halle E, Museumquartier im Rahem der Wiener Festwochen 2008 * Zeit 27.5.-1.6.08

Saturday, May 31, 2008

THEATER: ANDREA BRETHs THRILLER "MOTORTOWN" VON SIMON STEPHENS

Danny (Nicholas Ofczarek) nistet sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bei seinem geistig debilen Bruder Lee (Markus Meyer) ein ...

... der gerne dumm bleibt, genauso wie Dannys Ex-Freundin Marley (Johanna Wokalek). Sie hat studiert und bleibt vom Wesen her dennoch eine Proletin.

So droht Danny der einen, und schlägt er die andere - Teenager Jade (Astou Maraszto) - bis zum Mord. Denn Schule ist heute nur noch fad...

... wo sich perverse Lehrer wie Justin (Udo Samel) herumtreiben und die Schüler zu ebenso perversen Medienmanagern wie Helen (Andrea Clausen) ausbilden. Fotos © Bernd Uhlig


AKADEMIETHEATER ANDREA BRETH PROVOZIERT MIT SIMON STEPHENS´ MOTORTOWN ALS PACKENDEM GRENZGANG DER VERLORENEN JUGEND

Eigentlich könnte Danny genauso gut aus dem Knast heimkehren. Es müßte nicht Basra sein, wo er fürs britische Vaterland gekämpft hat. Knast und Krieg bewirken im Menschen dasselbe. - Diese Assoziation hat Simon Stephens in seinem Stück Motortown aus dem Jahr 2005 in vier Tagen Schreibarbeit, zur Zeit der Explosion der vier Bomben in den Bussen und der U-Bahn Londons, wahrscheinlich beabsichtigt. Und Regisseurin Andrea Breth hat das noch einmal betont. Aber nicht, um den Krieg zu verdammen, sondern die Umstände, warum es zu diesem Krieg und seinen verwirrt-verbohrten Kriegsheroen kommen kann. Danny stammt aus einem niedrigen, bzw. kleingeistigen Milieu, vielleicht auch nur aus der ganz normalen, unsensiblen, "beschränkten" Proletarier- oder Mittelschicht; Nicholas Ofczarek spielt diesen Danny mit roten Haarstoppeln im Akademietheater faszinierend unberechenbar, engstirnig und brutal. So ist es wohl passend, dass seine Wohngegend mit (amerikanisch einwirksamem) Ford-Nummernschild und Reifen auf der zum Rechteck verkleinerten Garagenbühne von Annette Murschetz spielt. Darauf versteht es wiederum Breth, eine packende Handlung in einer rhythmisch-intellektuellen und damit modernen Erzählmethode mit Schauplatz- und Zeitsprüngen bei Schwarzbildern und Toneffekten zu inszenieren.

Der Raum ist begrenzt wie Möglichkeiten und Geist

Im Wohnraum begegnet Danny seinem Bruder Lee (Markus Meyer), den Kostümbildnerin Sabine Volz mit verwachsenen Riesenzähnen, grotesk großer Brille und wildem Bart- bzw. Haarwuchs absichtlich übertrieben "verkleidet" und damit - für den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken anregend - verfremdet hat, als Hinweis zur genetischen Debilität dieser Menschen, aber auch zum bewußten Festhalten derselben an ihrem defekten Dasein. Denn es garantiert jenen Menschen innerhalb ihrer Lage eine Zone des Schutzes und der Bequemlichkeit: Der putzende, kochende und bügelnde Lee kann sich und Danny so immerhin eine Wohnung halten. Ähnliches suggeriert Dannys Freundin vor dem Krieg, Marley, die sogar auf der Universität studierte, aber dennoch redet, als käme sie aus der Gosse nie heraus (Johanna Wokalek als "Proletin" in ungewohnter Rolle). Ihre Angst vor Danny ist hysterisch gross, nachdem er ihr aus dem Krieg verstörende Briefe geschrieben hat. Sie will von ihm nichts mehr wissen und meint zwischen Stottern und Weinen, ohne nachzudenken, wie provokant das ist: "Du hast eh keinen hoch gekriegt, und wenn, dann bist du nach zwei Sekunden gekommen!" - Frauen dieser Schicht scheinen Schläge auf diese Weise förmlich "herbei zu sticheln", nur lässt es Breth bei Marley nicht so weit kommen, was wiederum den Schrecken für den Zuschauer umso anhaltender macht, sodass er ständig auf der Lauer liegt.

Der Psychothrill kann beginnen

Mit Marleys Abfuhr ist der Psychothriller eingeläutet. Obwohl Danny irritierender Weise auch noch einen spannenden Job bekommt - nämlich Spezialeffekte-Macher beim Film (einem Blockbuster-Musical über den 11. September) -, kauft er bei einem ebenfalls übertrieben-verfremdeten Yuppie-Sandler-Freund aus früheren Zeiten eine Waffe. Dabei deckt der philosophisch angehauchte Weltpessimist Paul (passend zu seinem Typ: Wolfgang Michael) Danny mit einer Nonstop-Nörgelei über die Jugend von heute ein: "Drogen können die Jungen im Supermarkt kaufen, solche, die man heute gar nicht mehr kennt ... Und ihre gespaltene Sexualität leben sie, weil ihre Partnerschaften nicht lange dauern, online aus." Das scheint weniger moralische Anklage als abgefundene Tatsache für den doppelmoralischen Nörgler zu sein, der als Mitfünfziger selbst etwas mit der 14-jährigen Jade (Astou Maraszto) hat. - "Sie langweilt sich in der Schule und geht nicht mehr hin", sagt er über sie. Die Erlebnis-gierige Jade sucht sich zur Unterhaltung also die Gefahr - wobei sie beim aggressiv aufgeladenen Danny gut aufgehoben ist. Nachdem er der bereits wieder vergebenen Marley gedroht hat, "alle ihre Typen umzubringen", geht er mit dem naiv-geilen Teenager auf Spritztour ...

Je schwächer das Opfer, desto besser für den Sadisten

"Das ist das Problem mit der Jugend von heute. Sie weiß nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen soll", frotzelt Danny Jade in einer spannungsgeladenen Mischung aus Sex und überlegener Drohgebärde, sodass sie sich unter seiner (Zuhälter-)Masche, sie zwischen Abscheu und Versöhnung zum unterlegenen, wertlosen Objekt zu degradieren, zunächst noch angezogen fühlt. - Das mag übrigens der Grund sein, warum Frauen bei "Schlägern" bleiben: Weil jene ihnen Stärke nach außen hin weismachen, während sie sie nach innen (also bei ihnen) ausüben. - Er schüchtert das Kind immer mehr ein, indem er ihm befiehlt, sich auf einem Bein stehend zu bücken und nicht zu bewegen. Und während sie gehorcht, drückt er eine Zigarette auf ihr aus, sodass sie sich bewegen muss ... Danny treibt sein sadistisches Spiel, damit er seine (Freude an der) Wut los werden kann. Dass sie eigentlich aus der Kriegszeit kommt, sagt er beiläufig zu seinem Befehl, Jade solle ein Kleidungsstück nach dem anderen ausziehen: "Ich tu mit dir das, was mein Vorgesetzter mit mir gemacht hat." Er überschüttet sie mit Benzin und spielt mit dem Feuer, sodass sie vor Angst nur noch schreit. Doch für ihr Sterben hat er eine andere Lösung, festgehalten in einer trophäenartigen Fotoserie.

Behinderte haben es gut, denn sie wissen nicht, was sie tun

Auf der Heimfahrt, wo die Worte fallen, "die jungen Leute gehen auf die Uni, bekommen kleine Jobs und hoffen, irgendwann Überflieger zu sein", trifft er noch auf ein perverses Paar, den biederen Lehrer Justin (aberwitzig gut: Udo Samel) und die Medienmanagerin Helen im schicken Kostüm (Andrea Clausen), der Dannys Militärvergangenheit besonders imponiert. Sie fordern ihn zum Dreier-Sex auf, weil der Lehrer gerne zusehe, wenn seine Geliebte glücklich sei. Darauf meint Danny nur angewidert: "Meine Ma hat meinen Pa nie so was gefragt. Wird man so, wenn man in den Medien arbeitet? - Ich konvertiere zum Islam, da schützt man sich vor Abschaum, wie ihr es seid!" - Doch damit nicht genug, der Perversität zwecks sozialer "Integrität" kommt selbst Danny in seiner Familie nicht aus: sein staunender, nur nach Behinderten-Instinkten reagierender Bruder - was für die Menschen von heute ohne Gefühl für Recht und Moral stehen mag -, bekommt einen Ständer, während Danny ihn küßt, und er ihm vom Mord erzählt. Das ist nun ihr beider Geheimnis, das nicht nach außen dringen darf und sie eng verschweißt .. Und wahrscheinlich ist das im Leben erst der Anfang vom perversen Terror-Ende, wo man partizipieren muß, um nicht drauf zu gehen. Denn das ist das Resultat einer Weltsicht ohne bestehende - und vor allem lebbare - Ideale. e.o./a.c.


DAS URTEIL VOR ALLEM VON NICHOLAS OFCZAREK GRANDIOS GESPIELTER PSYCHOTHRILLER MIT REALISTISCHER AHNUNG VON DEN PROBLEMEN JUNGER MENSCHEN VON HEUTE. BEI MODERNER UND PACKENDER REGIE.

THEATER Motortown * Von: Simon Stephens * Regie: Andrea Breth * Mit: Markus Meyer, Nicholas Ofczarek, Johanna Wokalek, Jörg Ratjen, Wolfgang Michael, Astou Maraszto, Udo Samel, Andrea Clausen * Ort: Akademietheater Wien * Zeit: * Zeit: 12.6.: 18h30, 18.6.: 20h, 29.6.2008: 18h

THEATER: GEORG SCHMIEDLEITNER GEWINNT MIT "GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD" - FAST




















Spielzeuggeschäftbesitzer Zauberkönig (Michael Schottenberg) möchte, dass seine Tochter Marianne (Katharina Vötter) eine gute Partie macht ...

... doch Marianne will sicher nicht den unberechenbar-doppelmoralischen Metzger Oskar (Robert Palfrader) heiraten, sondern "frei" entscheiden können ...

















... denn in Paradeehen mit "Metzgern" sehen Männer Frauen nur als "Fleisch", wofür im Stück dieses Parallelpaar (Christoph F. Krutzler, Annette Isabella Holzmann) steht, was aber die gesellschaftliche Norm repräsentiert.

Marianne denkt, die Idee eines anderen (Frauenrollen-) Lebens mit Strizzi Alfred (Marcello de Nardo) realisieren zu können; er geht aber zurück zur reichen Pseudofeministin Valerie (Maria Bill). (Fotos © Lalo Jodlbauer)


VOLKSTHEATER WIEN ÖDON VON HORVATH UND GEORG SCHMIEDLEITNER SORGEN SICH UM DIE ROLLE DER FRAU. IHRE GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD SIND ABER NICHT GANZ REPRÄSENTATIV FÜR DEREN HEUTIGES ROLLENBILD

Vielleicht hat Oberösterreicher Georg Schmiedleitner den Regie-Karl-Skraup-Preis für seine Geschichten aus dem Wienerwald heuer ja verdient - obwohl die virtuose Arbeit von Stephan Müllers Clavigo zumindest gleichwertig und Antoine Uitdehaags urbanreife Leistung bei Wer hat Angst vor Virginia Woolf noch um ein paar Grade besser waren. Immerhin hat das Wiener Volkstheater bei Ödon von Horvaths Mittelschicht-Sitten-und-System-Porträt sein ständiges Ziel - die Kompromißsuche - in diesem Kompromißstil als größten gemeinsamen Nenner zwischen intellektuellem Avantgarde- und angreifbarem Volksstück erreicht.
Darum kann man die Preisentscheidung gelten lassen. Es wirkt am Ende zwischen abstrakt-gerader Raumgrafik und folkloren Weinreben, Geräuschmusik bei rustikalem Spiel, heiligen neben Schlächtersprüchen (Christoph F. Krutzler als Havlitschek: "Weiber gibt´s wie Mist, sie haben keine Seele, sind nur Fleisch ...") auch tatsächlich kontrastartig stark - und das steht für den Spagat "gelebt" und "reflektiert". - Umwerfend einzigartig aber, ist dieses Theaterereignis nicht.


Lauter Antihelden, zwei ganz tolle Schauspieler

Sicher, an einzelnen Personen festgemacht, da ist es sogar zum Abhauen gut, denn sie stehen für Volksschauspielkunst vom Feinsten: Michael Schottenberg und Maria Bill befriedigen die Klatschneugierde, sie als vertrautes Ehepaar beim Tete a tete am Strand (obwohl "er" Vater" und "sie" Geliebte eines anderen im Stück ist) in Flagranti erwischen zu dürfen, so wie sie auch - jeder für sich - mit Größe und stark und komisch spielen. Marcello de Nardo schafft es fast, diese Bühnenpräsenz zu halten. Er ist einer der "Antihelden" der in Wien spielenden Handlung, "Strizzi" Alfred, der zuerst mit der selbständigen, viel älteren Trafikantin Valerie (Bill) geht, weil er dadurch für sich selbst größtmöglichen Nutzen und Bequemlichkeit erfahren kann. Ganz nach seinem Motto: "Heute muß man andere für sich arbeiten lassen." Doch dann trifft er auf Marianne (die unscheinbar-androgyne Katharina Vötter, mit sportlich-trainiertem Körper), des Spielwarengeschäft-Besitzers - angedeutet nur mit einem Riesenbär - Zauberkönigs (Schottenberg) Tochter, und die Verlobte des wohlhabenden, von ihrem Vater goutierten Metzgers Oskar. Und siehe da: beide folgen ihrem Gefühl der gegenseitigen Anziehung, zulasten eines nutzenorientierten Opportunismus. Sie entscheiden sich gegen die Feinde ihrer Liebe: neben Valerie, Vater, Oskar, vor allem die pragmatisch-engmaschig denkenden Beeinflusser Alfreds vom Land: Mutter (erschreckend kalt: Beatrice Frey) und Grossmutter (noch erschreckend kälter: Erni Mangold). Der Anstoß zu dieser revolutionären, auf jede Sicherheit verzichtenden Beziehung kommt aber eigentlich von Marianne. Denn auf Alfreds Worte, "ich hab kein Geld", folgert sie mit: "Du bist ein feiner Mensch. Du paßt zu mir."

Gehinderte Feministin

"Fein" findet Marianne Alfred, weil er mit dieser Bekundung adhoc das Gegenteil derer repräsentiert, die sie umgeben. Vor allem bei ihrer Verlobung mit Oskar - eine der gekonnt zynisch eingerichteten, (choreo)grafischen, wiederkehrenden Scheinmoral-Idyllen von Schmiedleitner und Bühnenbildner Stefan Brandtmayr - wird klar, wie es ihr in dieser nostalgischen Badegesellschaft der Jahrhundertwende, und unter all den bunt-fröhlichen Sonnenschirmen bei kitschigen Gitarrenklängen, ergehen würde, wenn sie sich anders entschiede: Sie wäre zwar nach außen hin "ordentlich" versorgt, sodass ihr Vater seine stolzen Reden halten könnte - Schottenberg mit makaber falscher Sentimentalität. Sie müßte dafür aber die Launen ihres Gatten (spielt den "guten Doppelmoralisten" ungreifbar zwiespältig: Robert Palfrader) ertragen, dem sie ausgeliefert wäre. Denn wenn dem von Frauen als Sphinxen und Engel redenden Oskar bei "seinem Engel" plötzlich, aus sexistisch-sadistischem Spaß, die Hand ausrutscht, macht Vater Zauberkönig einfach die Augen zu.
Es geht daher - wie so oft bei Ödön von Horvath (1901 - 1938) - insbesondere um die Situation der Frau, weshalb diese ausbrechende Marianne eine feministische Note hat. Die einzige, (auch heute) lebbare Art von einer Feministin stellt in Wahrheit aber allein Valerie dar, die alles über das Wesen der Frau zu wissen scheint. Ihre Ratschläge und Weisheiten sind so abgeklärt wie stererotyp ("Frauen müssen sich pflegen, bei Männern schaut man auf ihr Inneres"). Deshalb ist sie alles andere als sympathisch. Und damit ist sie - als "wir Frauen"-Sprecherin - auch kein "Role Model" für junge Frauen unserer Tage (obschon solche "Feministinnen" in der heutigen Arbeitswelt natürlich zuhaufe präsent sind).


Für alternative Rollenbilder kein Geld

Valerie (Maria Bill: blond und in sexy pinken Pfeifenröhrenhosen) leidet nicht sehr am Verlust von Alfred. Gemäß ihrer Käufer-Verkäufermentalität fühlt sie sich schon vor seiner Entscheidung für Marianne zum noch viel jüngeren Erich in Uniform (gut: Thomas Meczele) hingezogen, der sich ebenfalls von ihr aushalten läßt. Als ehrenvoller "Nazi" will er aber natürlich "alle Schulden zurück zahlen" ... Dennoch wird es Alfred sein, der am Ende wieder bei ihr ist, nachdem seine Ehe mit Marianne scheiterte, weil sie - eben - kein Geld hatten und sie ihn mit der Geburt ihres Kindes notgetrungen zum "Kosmetikvertreter-Job" überredete. Er kommt in seiner Wandlung darauf, Marianne für dumm zu halten - "und ich hasse Dummheit" -, dass seine Empfindung vom "Reiz" lediglich über "Mitleid" zu "Hörigkeit" mutierte. Damit geht es beiden nur noch ums nackte Überleben. Das Kind wird zu den nachlässigen, hetzenden Großmüttern abgeschoben: und Marianne überlebt als Nackttänzerin auf dem Laufsteg einer Spelunke. - Genau der richtige Ort für Vater Zauberkönig, der sie verstoßen hat und dabei selbst - "als Spezialgeschäftsführer in der EU" - zum konkursreifen Säufer wurde (in Unisono-Flaschentrunk-Gestik mit anderen und dann schlürfend und rülpsend im Publikum). Er schleckt noch unter allen anderen Familienmitgliedern und "Freunden" an seiner mit Ganzkörperschokolade überzogenen Tochter herum, bis es bei einem Wienerlied-singenden, reichen Amerikaner zum Eklat kommt, der sich von der "Nackten" bestohlen fühlt, sodass Marianne ins Gefängnis muss.

Vom Trugschluß der Ausbildungsmöglichkeit für Frauen

Als Begründung für diese Entwicklung fallen nun im Stück die Sätze: Der Frau bleibt "ohne Ausbildung" nur die "Möglichkeit der Hure". - Und in dieser Logik liegt der entscheidende Punkt, warum dieses Stück (diese Regie) auch inhaltlich nicht wirklich großartig geworden ist: Weil Frauen heute zwar ausgebildet sind, zum Gelingen ihres Beziehungslebens aber dennoch "nur ausgehaltene Frauen" sein können. Oder sie werden Frauen, die sich bei einschlägig-dienenden und pragmatischen Aufgaben an die Arbeitswelt (meist mit Körpereinsatz) verkaufen müssen; oder eben zu Frauen wie Valerie, die alles, einschließlich der Männer, kaufen, und nie um ihrer selbst willen geliebt werden.
Damit hat die eingeforderte dritte Rolle die hier gezeigten zwei Rollen um nichts verbessert. Im Gegenteil: In den Frauen wird heute durch lange Ausbildung Hoffnung auf Mehr geweckt, doch lässt sich das in den seltensten Fällen erfüllen. Und wenn, dann ist es wahrscheinlich nur eine Illusion - gemäß dem Status Quo eines reflexionslosen, aber glücklichen Menschen, der sich nie fragt, was er da eigentlich macht (einfaches Beispiel: "Superstar und Mädchen für alles: Mirjam Weichselbraun").
Immerhin - und das stimmt wieder: Marianne bittet Gott ständig um Hoffnung. Doch erfüllt jene sich für sie entgegen ihres Wunsches. Sie muss den Metzger heiraten. Denn ihr Kind hat "Gott" (die Großmütter) sterben lassen. - Und so ist es vielleicht aber wieder (k)ein Wunder, dass den guten alten Ödön für diese Lösung - gesungen im Lied "Wen Gott liebt, den schlägt er" - im echten Leben der Blitz getroffen hat ... (e.o.)



DAS URTEIL IM REGIE-STIL GELUNGENER KOMPROMISS ZWISCHEN ABSTRAKTEM INTELLEKT UND WAHREM LEBEN, ALS EREIGNIS ABER NICHT WIRKLICH AUSSERGEWÖHNLICH. AUSSERGEWÖHNLICH GUT SPIELEN DAFÜR MICHAEL SCHOTTENBERG UND MARIA BILL.

THEATER Geschichten aus dem Wiener Wald * Von: Ödön von Horváth * Regie: Georg Schmiedleitner * Musik (gut!): Karl Stirner * Bühnenbild: Stefan Brandtmayr * Kostüme: Elke Gattinger * Dramaturgie: Hans Mrak * Mit: Marcello de Nardo, Beatrice Frey, Erni Mangold, Maria Bill, Robert Palfrader, Christoph F. Krutzler, Katharina Vötter, Michael Schottenberg, Thomas Meczele, Annette Isabella Holzmann, u.a. * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 4., 8. 11., 16., 17., 20., 23.6.2008: 19h30-22h20 + 11.5.2008: 15h-17h50

Saturday, May 24, 2008

OPER: FRANK CASTORF NEIGT SICH VOR RIHMS "JAKOB LENZ"

Dichter Jakob Lenz (Georg Nigl) sucht Ruhe bei Pfarrer Oberlin (Mitte: Wolfgang Bankl), wofür er über die Alpen (- ein Schienenfaden -) wandert. Doch die Hoffnung am Glauben verliert er ...

... sowie auch am Freund Kaufmann (Volker Vogel), der Goethe repräsentiert, dessen gesellschaftlich angepaßte Dichtkunst Staat und Volk überzeugt, während jene Lenz - so makaber übergroß (siehe Kostüm) - gar nicht "paßt".

Lenz will über seine "gefühlte Wahrheit" schreiben. Doch selbst seine "Liebe Friederike", die mitsamt den Kreuzen des Pfarrers aus Lenzs Wahrnehmung "geht", "versteht ihn nicht".

Den Rest gibt Lenz seine Unfähigkeit, ein krankes Mädchen zu retten - eine letzte Metapher für den Glauben an sich selbst als fähiger Dichter. (Fotos © Dorothea Wimmer)


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN FRANK CASTORF HAT SICH ZÄHMEN LASSEN: WOLGANG RIHMS KAMMEROPER JAKOB LENZ NACH BÜCHNERS LENZ HAT OFFENSICHTLICH SEIN GEMÜT BEWEGT ...

Das hat er heuer wirklich toll hin gekriegt. Ohne Schmäh, die (zeitgenössische) Oper steht dem Castorf gut. Das, obwohl er eigentlich die Berliner Volksbühne leitet, "das" Schauspiel-Theater des urbanen Publikums schlechthin. Fakt ist aber auch: Castorfs Inszenierungen (wie letztes Jahr Norden) polarisieren Wiens Gäste. Ganze Zuschauerreihen verabschieden sich für gewöhnlich bei laufender Aufführung im Dreivierteltakt (sodass es jedes Jahr erstaunlich ist, dass zu Stückbeginn trotz offensichtlichen "Zuschauerprotests" alle Plätze ausverkauft sind). Der Takt heuer nun - bei der Kammeroper Jakob Lenz - ließ die Bildungsbürger bis zum Stückende ausharren. Das lag an der Musik Wolfgang Rihms, die zu Castorfs ex-/impressionistischem Stilbruch der Zeitnorm mit textlicher bzw. Handlungs-Wiederholung zwecks Verständnisnachdruck bestens harmoniert, aber auch an Castorfs - den Umständen entsprechend - diesmal doch sehr chronologisch, behutsam und schlüssig erzähltem Zugang.
Es scheint fast, als hätte Castorf beschlossen, - wenn schon Büchner in seinem Urstoff (dieser Fassung von Michael Fröhling) eine Welt ohne Zusammenhang und damit als totales Chaos im "notwendigen Fragment" beschreibt - dieses Chaos nicht auch noch stilistisch betonen zu wollen, selbst wenn das an-sich sein formales Credo ist. Das inhaltliche Chaos bezieht sich konkret auf den steigenden Wahn des Titelhelden "Jakob Lenz", ideologischer Dichter-Jugendfreund des jungen und Kontrahent des späten Goethe (1749-1832), der sich auf Wanderschaft in die Alpen begibt, um beim Pfarrer Oberlin seine Ruhe zu finden. Und so wie die Natur rundum des Gehenden in wirren Apocalypse-Visionen zerfällt, so verliert auch die Zeit ihr Kontinuum zugunsten beängstigender Momentimpressionen. (Büchner selbst starb 1837 als steckbrieflich gesuchter Politflüchtling mit 24 Jahren an Nervenfieber.)

Castorf in Demut und doch klar erkennbar

Das Ziel ist - so oder so - die Darstellung des Gemütszustands der Verzweiflung als artistische Herausforderung und als einzig authentische Sprache zur sozialpolitischen Anklage von Machtstrukturen - denn daran hat sich bis heute nichts geändert. Es scheint Castorf damit so ernst zu sein, dass er diesmal - auf jegliches grenzsprengende Spektakel verzichtend - in Demut verfällt. Und doch hat es noch genug "Saft", dass darin ein Castorf zu erkennen ist. Sich den Satz des Komponisten Rihm zu Herzen nehmend, "Vor allem gilt: der Faden, an dem Jakob Lenz hängt, ist der Strom ins Herz der Hörer", fädelt der deutsche Regisseur mithilfe von Bühnenbildner Hartmut Meyer auch dramaturgisch einen (zweimal sogar glühenden) "Schienenfaden" auf die sehr tiefe, nackte, schwarze Langbühne der Halle E im Museumsquartier. Der Weg auf ihm, wenn die Schauspieler und Sänger phasenweise in drollig-makaber überzeichneten Gnomen-Stereotyp-Riesenuniformen darauf schlafen und balancieren, ist also tatsächlich beängstigend schmal und lang. - Die Metapher von des Wanderers Lenz Gedankenzustand und stellvertretend für die unsicher schwankende Existenz aller Menschen auf Erden, sobald sie über ihr Dasein nachdenken und zwangsläufig zu zweifeln beginnen.

Wenn Freunde und Staat wegschauen ...

Der zweite Autenthaltsort stellt ein Müllwaggon dar, gefüllt mit kaltem (Castorf-typischem) Wasser, worin der arme Lenz (fragile Erscheinung: Georg Nigl) in weißer Unterwäsche und Kniestrümpfen immer wieder "schwimmt" - und "untergeht" in depressiver Ohnmacht vor dem Wust seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung über diese Erdenzustände mit immer mehr herein geschobenen Waggons, einer davon mit Kreuzen (Religion) gefüllt. Die zwillingshaften Figuren, Pfarrer Oberlin mit cooler Zigarette (Bass Wolfgang Bankl) und "Freund" ("Freund" Goethe ist das angesagte Dichter-Ideal, während die Welt "ihn=Lenz", der doch nur die Wahrheit schreiben wollte, nicht will) namens "Kaufmann" (in prächtig-rüttelndem Stahlwaggon auf der Schiene einfahrend und gesang-schauspielerisch als zynisch-kalter "Freund" eindringlich überzeugend: Tenor Volker Vogel) sind trotz ihrer gereichten Decke oberflächlich und kosmetisch, gerade wenn sie rufen: "Komm da heraus, Du holst Dir den Tod!", "Komm, ein Tag mit Arbeit gibt Zufriedenheit!" Die als höhere Wahrheit pointiert "gleich" Scheinenden aus dem "gegensätzlich" "schizophrenen" Blickwinkel Lenzs sind im Grunde sogar desinteressiert am Leid des lethargischen Freundes, weshalb sie in seinen Seelenzustand auch nicht einzudringen vermögen, als einziger Anker einer Überlebenschance. Spöttisch bitter wirkt dazu auch noch die potentiell im Leben alternative Hilfe von außen - eine umher getragene Mini-Fahne - die sagt, wie egal auch den Regierungsverantwortlichen der Schmerz außenseiterischer Zweifler ist: im hinteren Teil des Raums winzig klein wehend, kann die Sicht auf den Staat nur noch zynisch sein.

... wenn Glaubens- und Liebesfähigkeit zugrunde gegangen sind ...

So sind Staats-, Glaubensfähigkeit und gelebtes Berufsideal für Lenz obsolet, es bleibt nur die Hoffnung auf die Liebe. Doch auch da schwant ein Bild der Enttäuschung vor seinen Augen, begleitet von den unerwiderten Gefühlen von "Friederike". Ihr Bild der heiligen Unerreichbaren in Lenzs Kopf erhält für den Zuseher bald die wahre Deutung, wenn der Dichter - jetzt von einem Schauspieler (Georg Friedrich) gemimt - als schnurrender und an Friederike (Schauspielerin Winnie Böwe) zerrender Löwe von jener, ihn wegstoßend, nur mit schnoddrigen Worten bedacht wird wie, "Bist Du bescheuert? - Ich versteh Dich nicht!", um sogleich in eine Erzählerfigur zu mutieren und zu erklären: "Er verstand nicht, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." Das Verständnis liegt wohl darin: Die Natur des Menschen erfährt die Steigerung der Natur des Tieres, so wie Lenz in seiner Seelenwanderung die Natur der Landschaft sieht; jene ist zunächst so positiv und allmächtig, wie sie mit der Enttäuschung bedrohlich und unerträglich wird. Weshalb Lenz sich die Alpennatur als schweren Pappkarton-Ballast auf die Schultern nimmt und durch einen Kasperlguckkasten über seinen Alpen-Abgang in dritter Person wiederholt: "Er war nicht müde, es war ihm nur unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." - Und damit schließt sich der Kreis des Gefühls der Unverstandenheit von der Liebenden bis zur Gesellschaft, die "von Natur aus" keinen Sinn für das Unmögliche (Alternativen) haben. Und die Natur des Menschen begrenzt selbst jenen, der diesen Sinn hätte, also Lenz, - weshalb er letztenendes kapituliert. Das, obwohl der keilförmig in den Raum gesprühte Himmelspegel, echt wie ziehende Wolken in den Alpen, noch einmal von einer atemberaubenden Lebensbejahung ist, als zöge gerade der allmächtige Gott über die Bühne.

... braucht es nicht mehr viel, um aus dem Leben zu gehen

Gott steckt als Energiequelle auch immer wieder in der stellengenau dissonant und tonal gesetzten Musik Rihms mit Cembalo innerhalb des Orchesters, weshalb Castorf das einfühlsam und schön von Stefan Asbury dirigierte Klangforum Wien permanent präsent auf der Bühne - je nach momentanem Schutz - unter einem auf und ab fahrenden Dach verweilen läßt. Das Dach verliert seine suggestive Kraft aber völlig, als ein Kameramann ab Mitte des Stücks live den verwirrt-verlorenen Gesichtsausdruck von Lenz mitfilmt, der überlebensgroß auf die Dachplane projiziert wird. Dasselbe passiert mit dem wunderschön klingenden Chor (Barbara Achammer, Sabine Brunke, Selcuk Cara, Tijl Faveyts, Magdalena Anna Hofmann, Maria Weiß), der je nach Bedarf die Zwergen-Gnomgesellschaft, verdoppelte Friederike-Frauen oder Lenz-Alter-Egos verkörpert: durch genau diese Charakterisierung verliert sein Klang die Vertrauenswürdigkeit - und das ist einmal mehr: genial doppelbödig.

Das Aus des Permanentzweiflers Lenz tritt schließlich ein, als er versucht, ein Mädchen zu retten. Seine von Jesus entlehnten Worte, "Steh auf und wandle", gehen nicht auf, sodass das tote Mädchen sich in seiner Wahrnehmung verdoppelt, verdreifacht, jene toten Mädchen mit toten Friederikes zum potenzierten Tod verschmelzen, was in Lenzs Logik die einzig erlösende Erleichterung bringt, indem die "tote" Friederike in seiner Einbildung zu ihm sagt: "Jetzt erst bin ich dein." Gleichzeitig ist Lenzs innerlich immer noch gespürtes Selbstbild, von der allmächtigen Natur "wie der unverstandene Jesus" auserwählt zu sein, zerstört, womit seine "Göttlichkeit als Dichter und Mann" endgültig (im Selbstmord) ermordet wird. Castorf lenkt die Schuld aber auf die Gesellschaft. Mittels vertikal aufgestellten Bettes: es steht für Lenzs Todesruhe nach langem Sterben, verschuldet durch die unverrückbare Schranke des allgemeinen Blicks der passiven Zuschauer ... (e.o.)


DAS URTEIL EINE VIRTUOSE, GEISTREICHE UND SENSIBLE REGIE VON FRANK CASTORF - ER SOLLTE ÖFTER OPERN INSZENIEREN, DA SICH SEIN EXPRESSIONISMUS SO ZÄHMEN LÄSST!

OPER Jakob Lenz * Von: Wolfgang Rihm (Komposition) und Michael Fröhling nach Georg Büchners Lenz * Dirigat: Stefan Asbury * Neuinszenierung * Mit: Klangforum Wien * Mit: Georg Nigl, Wolfgang Bankl, Volker Vogel, Winnie Böwe, Georg Friedrich, u.a. * Produktion: Wiener Festwochen * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 17.-22.5.2008