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Friday, July 25, 2008

PERFORMANCE: MATHILDE MONNIER & LA RIBOT - ZICKENCHARME IN "GUSTAVIA"

Hinter der Bühne sind alle Frauen gleich - so auch Mathilde Monnier und La Ribot in "gustavia" ...

... sind aber etwa auch auf der Bühne alle Frauen gleich? (Vorne: La Ribot) - Mit diesem Wissen könnte man das mit den Rivalitäten und dem Revierabstecken ja endlich mal lassen!

Noch ironisch runder wäre diese Frauen-Selbstsatire, wenn ImPulsTanz auch vallée, das Gemeinschaftswerk von Monnier (links) und dem weiblichen Künstler Katerine (rechts), eingeladen hätte! (Fotos: © Marc Coudrais)


AKADEMIETHEATER - IMPULSTANZ FRAUENSUCHE MIT MATHILDE MONNIER UND LA RIBOT IN "GUSTAVIA", SODASS EINEM DAS LACHEN NICHT VERGEHT

"Was ist das nur für eine sexy Frau. Als Mann müßte man sie verführen ..." - Was ich bereits in La Place du singe über Mathilde Monnier sagte (zur Kritik click bei Labels unten auf Monnier!), kann ich nur wiederholen. Allerdings nur im Moment einer spontanen Reaktion. Denn nach längerem Nachdenken wird es doppelt sinnlich, das Wesen der Homoerotik zu erfassen, von der in der Literatur ständig zu reden ist. Gehen Sozial-, Sexual- und sogar Literaturwissenschaftler in Fällen wie Thomas Mann, William Shakespeare oder Edgar Allan Poe davon aus, dass ein homoerotisch verschlüsselt schreibender Autor in versteckter Wahrheit über die eigene Homosexualität schriebe, so muss ich sagen, nein, das würde in meinem Fall überhaupt nicht stimmen. Denn erstens könnte ich - als Frau - nie mit einer Frau ins Bett gehen (ich bin durch-und-durch Männerkörper-orientiert), und so auch nicht mit einer Mathilde Monnier. Und wäre ich ein Mann, würde ich mit Sicherheit auf einen anderen Typ Frau stehen. Tatsächlich gefällt mir also Mathilde Monnier als Frau, wegen ihres reifen, abgeschlossenen Charakters, wegen ihrer herben, charakteristischen Gesichtszüge, wegen ihrer souveränen, charakterstarken Selbstironie, sodass ich mich von ihr frauen-menschlich und -künstlerisch angezogen fühle. - Ungefähr so sehr, wie mich meine ebenfalls sehr charakterstarke, sehr eigenwillige Mutter anzuziehen vermag, denke ich im instinktiven Gefühlsvergleich in grosser, räumlicher Distanz an sie.

Dank Ellbogen bühne-frei für die beste Künstlerin

Dass es auch durchwegs selbstbestimmten Künstlerinnen so gehen muss, lässt sich von Monniers zweiter Zusammenarbeit mit einer Frau ableiten. Nach Autorin Christine Angot hat sie sich für "gustavia" die spanische Live-Artistin La Ribot zur Partnerin genommen, die von 1997-2004 in London arbeitete und heute in Genf lebt. Nun hat man bei beiden nicht das Gefühl, sie müßten sich noch mit Ellbogen und Eifersucht ihr Terrain abstecken, um sich über ihre Position in der Gesellschaft klar zu werden - sei es als Frau, sei es als Künstlerin; Und dennoch machen sie genau das zu ihrem Thema. Der Titel der weiblichen Künstlerfigur, die sich von einem Männernamen ableitet, sagt bereits viel aus. Und so leid einem selbst schon die Frauendiskriminierung als Thema im Zuge des fortschreitenden Lebens sein mag, so sicher muß man sich darüber sein, dass die Frauendiskriminierung noch immer besteht. Sie wird fürs eigene Leben tatsächlich brisanter, je älter man wird. Also genau dann, wenn die Aufreißphase durch die "Weiblichkeit" schon zuende ist. Weil sich dann erst erweist, ob man als Mensch, und nicht nur als Frau, so viel wert ist, dass man mit den besten "Männern" mithalten kann. Und in der Kunstwelt spielt sich das genau gleich ab, da natürlich auch dort bis zur Lebensmitte die Gesetze der Geschlechterrollen herrschen, wenn auch in abgewandelter oder erweiterter Form. - Nur ist dann noch immer nicht garantiert, dass man als echt gute Künstlerin wirklich Erfolg bekommt!

Selbstironie als Geheimnis zum Sympathiegewinn

Diese zwei vollendeten Künstlerpersönlichkeiten punkten mit dieser Geschichte zunächst mit großem Charme - nämlich durch ein langgezogenes, rhythmisch gesummtes, hoches Heulduett-Intro vor Regentönen, im pantomimischen, der Stummfilmzeit nachempfundenen, schwarz ausgekleideten Raum des Akademietheaters, aus dem nur das blonde Haar Monniers heraus leuchtet, weil die beiden Damen auch sonst ganz schwarz gekleidet sind. Das mutet an, als riefen sie lautlos vorab aus: "Wenn man als reife Frau ankommen will, dann geht es sowieso nur noch mit Humor!" - Ganz so bitter, wie es sich hier lesen mag, ist es nicht.
Voraus geschickt wird außerdem gleich mal eine proklamierte Stutenbissigkeit, sobald zwei gleich bekannte Künstlerinnen als Duo zusammengeschweißt werden: Und Monnier und La Ribot wenden sie für sich sogleich ab, indem sie jene direkt auf der Bühne austragen: denn nach dem Heulen kommt je ein Solo, wo Monnier mitsamt der Frau-in-ihr sterben will, und La Ribot will nur wieder auferstehen, wenn Monnier tot ist. - Das mit dem Revier abstecken ist ja ein lebenslanges Problem, nicht nur unter Künstlerinnen, die sich um einen Bühnenstuhl und ein Mikrofon rangeln, als ginge es um ihr Überleben ...

Die Frau hinter und in der Künstlerin

Und dann, beim Duett, sind wir aber auch schon beim eigentlichen Thema, dem Wesen der Frau, als Frau, die beide unter der Künstlerin ja sind. Da können sie noch so sehr französisch sprechen, das wird von jeder Frau der Welt verstanden. Nachdem Monnier am Kopf immer wieder brutal vom schwarzen Brett La Ribots getroffen wird, das jene scheinbar ohne Absicht wie ein Bauarbeiter vorm Gesicht auf den Schultern durch den Raum trägt, während sie sich unschuldig dreht; und nachdem beide in versetzten, spiegelverkehrten Aktionen - wie die Hose übers Knie zu ziehen, männliche Boden-Fick-Szenen mit Schreien - miteinander ums Bessersein bis zur Erschöpfung wettgeeifert haben, glauben sich die Frau beide Künstlerinnen schließlich auch selbst. Denn den jeweiligen Sonderstatus - wie die gezeigte Nase nach oben - haben sie sich ja heraus gewetzt und geschlagen.
Jetzt kommt es nur noch auf die vor dem Vorhang geschriene Aufzählung der Klischees von Frauenbehauptungen an, wie "Eine sehr hübsche Frau; Eine sehr schöne Frau öffnet das Fenster; Eine Frau hat ein Pferd in ihrem Schoß, Eine Frau säubert ihr Haus mit einem Mob, Eine Frau - ihre Milch geht weg ...", die sich dann aber wieder an die Frau als Künstlerin richten wie "Eine Frau spielt Gitarre, Eine Frau das Schlagzeug auch, Eine Frau lädt Politiker ins Theater, ... Eine Frau hat Angst, Eine Frau weint". - So viele Klischees über Frauen, die sich ständig in anderen und doch gleichen (stylisch-sexy) schwarzen Gewändern präsentieren, stehen ironischerweise doch wieder für die vielschichtigen Chancen für Frauen von heute. Möglicherweise sind sie ja schon so vielschichtig, dass sie sich nur noch fürchten können ...

Schade nur, dass ImPulsTanz dieses Stück nicht gemeinsam mit vallée gezeigt hat, das Monnier mit dem schwul-konnotierten Sänger und Musiker Katerine (PHilippe Katerine) im Februar dieses Jahres auf die Bühne gebracht hat. Es wäre eine kontrastgenaue Gegenüberstellung gewesen, wo Monnier ihre "männlichen" (Gesichts)züge zu Katerines weiblichen Stimmzügen einspielt, indem sie Texte und Musik von Katerines jüngstem Album “Robots apres tout” von ihrer Company umsetzen lässt. e.o.


DAS URTEIL MATHILDE MONNIER IST SO EINE STARKE PERSÖNLICHKEIT, DASS SELBST KLEINERE STÜCKE SOUVERÄN WIRKEN. DENN DURCH IHRE LITERARISCHE INTELLIGENZ SCHWINGT EXPRESSIVE, HUMORREICH-VERARBEITETE, DIREKTE LEBENSERFAHRUNG.

PERFORMANCE gustavia * Von und mit: Mathilde Monnier & La Ribot * Ort: Akademietheater, im Rahmen von ImPulsTanz Wien * Zeit: 15., 18.7.2008: 21h

Monday, May 07, 2007

TANZ: MATHILDE MONNIER UND CHRISTINE ANGOT IM "LA PLACE DU SINGE"-TEXTKAMPF

Wenn Christine Angot liest, "Aufstehen (=widersprechen) war in Mathildes Familie ausgeschlossen", verbiegt sich auch schon Mathilde Monniers widersetzender Körper. (Fotos © Marc Coudrais)



Mathilde bekommt so eine "Wut", dass sie die Worte (in ihrem Kopf) wie ein verspieltes Kind, erschießen will.
















Am besten ist, man entledigt sich dessen, was einen ärgert - so wie der Kleider und Nationalitäten.



TANZQUARTIER
MATHILDE MONNIER, DIE STARKE FRANZÖSISCHE - ECHTE - AUSNAHME - CHOREOGRAFIN WAR MIT EINEM SOLO IN WIEN: IN LA PLACE DU SINGE TANZT SIE MIT NICHTS ANDEREM ALS MIT UND GEGEN WORTE(N) - DER AUTORIN CHRISTINE ANGOT


Mathilde Monnier "liebt Literatur". Wenn man das von einer zeitgenössischen Tänzerin hört, möchte man eher nicht in ihre Vorstellung gehen. Denn zu befürchten ist: Wieder so eine, die über ihr "Werk" mehr quatscht, als es von selbst zu "sagen" in der Lage ist. Es ist unglaublich, wie mancher zeitgenössische Tänzer (Künstler) sich dadurch hinauf zu hieven versteht. Unverschämt unglaublich ist das. Mathilde Monnier nun aber, gehört nicht zu dieser Type. Denn sie "tanzt" und artikuliert Literatur auf der Bühne. Als eine der edelsten Erscheinungen im Tanzgeschehen weiß sie sich als Persönlichkeit genauso wie in unaufdringlich expressiver Weise auszudrücken. Ihr Frère et Soeur war letzten Sommer neben Ismael Ivos Solo das stärkste Ereignis des ImPulsTanz-Festivals.

"Menschlich" vergehen 55 Minuten schnell

Und jetzt kam sie mit dem "kleinen Stück" La Place du singe ins Wiener Tanzquartier.
55 Minuten können im zeitgenössischen Tanz lang sein. Wenn man nicht erkennt, was die Tänzer ansprechen oder wenn sie sich in Wiederholungen verlieren. Bei Mathilde Monnier kann man jede Bewegung nachvollziehen, obwohl ihre Bewegungen sperrig sind. Darin liegt die Kunst. Das ist bewegte Erzählung. Das ist interessant. Das ist kurzweilig. Das ist menschlich. Und wenn Mathilde Monnier selbst tanzt, liebt man sie auch als Mensch. Aber eben als sehr edlen! Denn ihre Bewegung ist von einer Anmut, einer Leichtigkeit, einer Gut-Erzogenheit, wie man sie hierzulande eigentlich überhaupt nicht findet. Und gerade die "gute Erziehung" ist nun aber ihr Thema, die von ihrer Herkunft stammt und in den Text ihrer Co-Partnerin, der Autorin Christine Angot, neben anderen Biografien zu einer verwoben wurde.

Der abgelegte Traum von der Bürgerlichkeit

Während die eine nun liest, die andere tanzt, möchte man glauben, der Text beschreibe jede von ihnen. Sie beide. Gut, Mathilde Monnier fast noch ein bißchen mehr: die "Angestellten"-Mutter käme aus einer jüdischen, mittellosen Familie, der Vater als großer Industriellen-Boss aus dem rassistischen Grossbürgertum, bei zuvor geäußerter Annahme, dass gerade solche Familien gerne ihre Familientradition "regelten". Deshalb hätte sie, die Bastard-Tochter, eigentlich immer lieber zur Familie des Vaters - den Besseren der Gesellschaft - gehört. - Sie lebten "angenehm" und "bequem", alles war gut "organisiert", und doch emotions- und spannungslos. Das war der Punkt, der Monnier tatsächlich betraf, wie sie in einem Interview erzählt. Und deshalb wurde sie Künstlerin. Weil sie das Bürgerliche, dessen Humorlosigkeit, dessen Schein-vor-Wahrheit-Manierlichkeit anwiderte.

Der gefährliche Traum von der Eigenständigkeit

Genau das tanzt Mathilde Monnier, während Christine Angot liest. Anfangs "knallt" sie übermütig in der Gestik eines kleinen Jungen, der eine Pistole hält und den Schuß aus dem Mund abfeuert, um sich, und auf die lesende Autorin. Selbstverständlich ist aber bereits das von einer Feinheit, wie sie nur eine Dame mit Witz haben kann. Und dann zieht sie sich aus, entledigt sich wortwörtlich ihrer Herkunft, steht mit schwarzer Unterhose da. Und was man sieht, ist sehr schön. Ein zartgliedriger, schmaler, der weiten Welt ausgelieferter Körper, aber mit trainierter und deshalb widerstandsfähiger, femininer Muskulatur, der sich frei und glücklich bewegt. Als er selbst. Behende balanciert die Zierliche über herein gestoßene und arrangierte Tische, deren Beine brennende Kerzen tragen. Und droht, abzurutschen, dazwischen zu fallen, weil sie im Stand nachgeben. Fiele sie durch, würde sie verbrennen. Auf diesem "unsicheren Boden", den sie nun "ohne Herkunft" ganz allein und ohne Rückhalt zu überqueren hat. Sie zieht sich also besser wieder an: eine Jeans, die ihr sehr gut paßt, einen roten Pulli, ein rosa Jäckchen, und "tanzt" zusammen mit der Autorin, mit dem Mikro in der Hand, einen rebellischen Rock-Song. - Auch so eine Art Boden, den man sich aufbauen kann.

Und der Kampf beginnt von vorn

"Ich beneide die Stiefgeschwister noch heute", liest Angot weiter, und Monniers Körper widerstrebt und hinterfragt sie von Neuem. Mit subtilem Witz tänzelt sie einen Kampf mit ihr aus, ohne sie je zu berühren. Denn ihre Worte, ihre Behauptungen sind ihre Gegner, als Stimmen in ihrem Kopf. Doch sie nimmt den Kampf gleichzeitig gelassen: es ist ernst und komisch zugleich, was sie da tanzt. Kann man auch nichts machen, hat ja jeder so seine Herkunft. Und es ist auch eine Ironie, dass Monnier ausgerechnet ihre Eleganz mit ihrer Eleganz austreiben will...

Tatsächlich denkt Monnier, dass die Herkunft heute gesellschaftlich keine Rolle mehr spielt, sagt sie im Interview: alles was zähle, sei Geld-zu-haben und berühmt-zu-sein. Hinzu kommt - und das sagt nun die Schreiberin dieses Kommentars -, dass solche Entweder-Oder-Behauptungen nur in der Kunst vorkommen, weil sie aus ästhetischen Kontrastgründen aufgestellt werden müssen. In Wahrheit ist das Wunschbild von einem selbst doch einem steten Wandel, dem ständigen Hin-und-Her, unterworfen. Aber das ist unwichtig: Schön war die Performance. e.o.


DAS URTEIL WAS IST DAS NUR FÜR EINE SEXY FRAU, DIESE MATHILDE MONNIER. ALS MANN MÜSSTE MAN SIE VERFÜHREN. ALS ZUSCHAUER MUSS MAN SIE, IHRE BEWEGUNG, IHRE ÄSTHETIK UND IHRE EIGENSTÄNDIGKEIT BEWUNDERN.

TANZ gustavia * "Humor" von und mit: Mathilde Monnier & La Ribot * Ort: Akademietheater, im Rahmen von ImPulsTanz Wien * Zeit: 15., 18.7.2008: 21h