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Saturday, May 31, 2008

THEATER: GEORG SCHMIEDLEITNER GEWINNT MIT "GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD" - FAST




















Spielzeuggeschäftbesitzer Zauberkönig (Michael Schottenberg) möchte, dass seine Tochter Marianne (Katharina Vötter) eine gute Partie macht ...

... doch Marianne will sicher nicht den unberechenbar-doppelmoralischen Metzger Oskar (Robert Palfrader) heiraten, sondern "frei" entscheiden können ...

















... denn in Paradeehen mit "Metzgern" sehen Männer Frauen nur als "Fleisch", wofür im Stück dieses Parallelpaar (Christoph F. Krutzler, Annette Isabella Holzmann) steht, was aber die gesellschaftliche Norm repräsentiert.

Marianne denkt, die Idee eines anderen (Frauenrollen-) Lebens mit Strizzi Alfred (Marcello de Nardo) realisieren zu können; er geht aber zurück zur reichen Pseudofeministin Valerie (Maria Bill). (Fotos © Lalo Jodlbauer)


VOLKSTHEATER WIEN ÖDON VON HORVATH UND GEORG SCHMIEDLEITNER SORGEN SICH UM DIE ROLLE DER FRAU. IHRE GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD SIND ABER NICHT GANZ REPRÄSENTATIV FÜR DEREN HEUTIGES ROLLENBILD

Vielleicht hat Oberösterreicher Georg Schmiedleitner den Regie-Karl-Skraup-Preis für seine Geschichten aus dem Wienerwald heuer ja verdient - obwohl die virtuose Arbeit von Stephan Müllers Clavigo zumindest gleichwertig und Antoine Uitdehaags urbanreife Leistung bei Wer hat Angst vor Virginia Woolf noch um ein paar Grade besser waren. Immerhin hat das Wiener Volkstheater bei Ödon von Horvaths Mittelschicht-Sitten-und-System-Porträt sein ständiges Ziel - die Kompromißsuche - in diesem Kompromißstil als größten gemeinsamen Nenner zwischen intellektuellem Avantgarde- und angreifbarem Volksstück erreicht.
Darum kann man die Preisentscheidung gelten lassen. Es wirkt am Ende zwischen abstrakt-gerader Raumgrafik und folkloren Weinreben, Geräuschmusik bei rustikalem Spiel, heiligen neben Schlächtersprüchen (Christoph F. Krutzler als Havlitschek: "Weiber gibt´s wie Mist, sie haben keine Seele, sind nur Fleisch ...") auch tatsächlich kontrastartig stark - und das steht für den Spagat "gelebt" und "reflektiert". - Umwerfend einzigartig aber, ist dieses Theaterereignis nicht.


Lauter Antihelden, zwei ganz tolle Schauspieler

Sicher, an einzelnen Personen festgemacht, da ist es sogar zum Abhauen gut, denn sie stehen für Volksschauspielkunst vom Feinsten: Michael Schottenberg und Maria Bill befriedigen die Klatschneugierde, sie als vertrautes Ehepaar beim Tete a tete am Strand (obwohl "er" Vater" und "sie" Geliebte eines anderen im Stück ist) in Flagranti erwischen zu dürfen, so wie sie auch - jeder für sich - mit Größe und stark und komisch spielen. Marcello de Nardo schafft es fast, diese Bühnenpräsenz zu halten. Er ist einer der "Antihelden" der in Wien spielenden Handlung, "Strizzi" Alfred, der zuerst mit der selbständigen, viel älteren Trafikantin Valerie (Bill) geht, weil er dadurch für sich selbst größtmöglichen Nutzen und Bequemlichkeit erfahren kann. Ganz nach seinem Motto: "Heute muß man andere für sich arbeiten lassen." Doch dann trifft er auf Marianne (die unscheinbar-androgyne Katharina Vötter, mit sportlich-trainiertem Körper), des Spielwarengeschäft-Besitzers - angedeutet nur mit einem Riesenbär - Zauberkönigs (Schottenberg) Tochter, und die Verlobte des wohlhabenden, von ihrem Vater goutierten Metzgers Oskar. Und siehe da: beide folgen ihrem Gefühl der gegenseitigen Anziehung, zulasten eines nutzenorientierten Opportunismus. Sie entscheiden sich gegen die Feinde ihrer Liebe: neben Valerie, Vater, Oskar, vor allem die pragmatisch-engmaschig denkenden Beeinflusser Alfreds vom Land: Mutter (erschreckend kalt: Beatrice Frey) und Grossmutter (noch erschreckend kälter: Erni Mangold). Der Anstoß zu dieser revolutionären, auf jede Sicherheit verzichtenden Beziehung kommt aber eigentlich von Marianne. Denn auf Alfreds Worte, "ich hab kein Geld", folgert sie mit: "Du bist ein feiner Mensch. Du paßt zu mir."

Gehinderte Feministin

"Fein" findet Marianne Alfred, weil er mit dieser Bekundung adhoc das Gegenteil derer repräsentiert, die sie umgeben. Vor allem bei ihrer Verlobung mit Oskar - eine der gekonnt zynisch eingerichteten, (choreo)grafischen, wiederkehrenden Scheinmoral-Idyllen von Schmiedleitner und Bühnenbildner Stefan Brandtmayr - wird klar, wie es ihr in dieser nostalgischen Badegesellschaft der Jahrhundertwende, und unter all den bunt-fröhlichen Sonnenschirmen bei kitschigen Gitarrenklängen, ergehen würde, wenn sie sich anders entschiede: Sie wäre zwar nach außen hin "ordentlich" versorgt, sodass ihr Vater seine stolzen Reden halten könnte - Schottenberg mit makaber falscher Sentimentalität. Sie müßte dafür aber die Launen ihres Gatten (spielt den "guten Doppelmoralisten" ungreifbar zwiespältig: Robert Palfrader) ertragen, dem sie ausgeliefert wäre. Denn wenn dem von Frauen als Sphinxen und Engel redenden Oskar bei "seinem Engel" plötzlich, aus sexistisch-sadistischem Spaß, die Hand ausrutscht, macht Vater Zauberkönig einfach die Augen zu.
Es geht daher - wie so oft bei Ödön von Horvath (1901 - 1938) - insbesondere um die Situation der Frau, weshalb diese ausbrechende Marianne eine feministische Note hat. Die einzige, (auch heute) lebbare Art von einer Feministin stellt in Wahrheit aber allein Valerie dar, die alles über das Wesen der Frau zu wissen scheint. Ihre Ratschläge und Weisheiten sind so abgeklärt wie stererotyp ("Frauen müssen sich pflegen, bei Männern schaut man auf ihr Inneres"). Deshalb ist sie alles andere als sympathisch. Und damit ist sie - als "wir Frauen"-Sprecherin - auch kein "Role Model" für junge Frauen unserer Tage (obschon solche "Feministinnen" in der heutigen Arbeitswelt natürlich zuhaufe präsent sind).


Für alternative Rollenbilder kein Geld

Valerie (Maria Bill: blond und in sexy pinken Pfeifenröhrenhosen) leidet nicht sehr am Verlust von Alfred. Gemäß ihrer Käufer-Verkäufermentalität fühlt sie sich schon vor seiner Entscheidung für Marianne zum noch viel jüngeren Erich in Uniform (gut: Thomas Meczele) hingezogen, der sich ebenfalls von ihr aushalten läßt. Als ehrenvoller "Nazi" will er aber natürlich "alle Schulden zurück zahlen" ... Dennoch wird es Alfred sein, der am Ende wieder bei ihr ist, nachdem seine Ehe mit Marianne scheiterte, weil sie - eben - kein Geld hatten und sie ihn mit der Geburt ihres Kindes notgetrungen zum "Kosmetikvertreter-Job" überredete. Er kommt in seiner Wandlung darauf, Marianne für dumm zu halten - "und ich hasse Dummheit" -, dass seine Empfindung vom "Reiz" lediglich über "Mitleid" zu "Hörigkeit" mutierte. Damit geht es beiden nur noch ums nackte Überleben. Das Kind wird zu den nachlässigen, hetzenden Großmüttern abgeschoben: und Marianne überlebt als Nackttänzerin auf dem Laufsteg einer Spelunke. - Genau der richtige Ort für Vater Zauberkönig, der sie verstoßen hat und dabei selbst - "als Spezialgeschäftsführer in der EU" - zum konkursreifen Säufer wurde (in Unisono-Flaschentrunk-Gestik mit anderen und dann schlürfend und rülpsend im Publikum). Er schleckt noch unter allen anderen Familienmitgliedern und "Freunden" an seiner mit Ganzkörperschokolade überzogenen Tochter herum, bis es bei einem Wienerlied-singenden, reichen Amerikaner zum Eklat kommt, der sich von der "Nackten" bestohlen fühlt, sodass Marianne ins Gefängnis muss.

Vom Trugschluß der Ausbildungsmöglichkeit für Frauen

Als Begründung für diese Entwicklung fallen nun im Stück die Sätze: Der Frau bleibt "ohne Ausbildung" nur die "Möglichkeit der Hure". - Und in dieser Logik liegt der entscheidende Punkt, warum dieses Stück (diese Regie) auch inhaltlich nicht wirklich großartig geworden ist: Weil Frauen heute zwar ausgebildet sind, zum Gelingen ihres Beziehungslebens aber dennoch "nur ausgehaltene Frauen" sein können. Oder sie werden Frauen, die sich bei einschlägig-dienenden und pragmatischen Aufgaben an die Arbeitswelt (meist mit Körpereinsatz) verkaufen müssen; oder eben zu Frauen wie Valerie, die alles, einschließlich der Männer, kaufen, und nie um ihrer selbst willen geliebt werden.
Damit hat die eingeforderte dritte Rolle die hier gezeigten zwei Rollen um nichts verbessert. Im Gegenteil: In den Frauen wird heute durch lange Ausbildung Hoffnung auf Mehr geweckt, doch lässt sich das in den seltensten Fällen erfüllen. Und wenn, dann ist es wahrscheinlich nur eine Illusion - gemäß dem Status Quo eines reflexionslosen, aber glücklichen Menschen, der sich nie fragt, was er da eigentlich macht (einfaches Beispiel: "Superstar und Mädchen für alles: Mirjam Weichselbraun").
Immerhin - und das stimmt wieder: Marianne bittet Gott ständig um Hoffnung. Doch erfüllt jene sich für sie entgegen ihres Wunsches. Sie muss den Metzger heiraten. Denn ihr Kind hat "Gott" (die Großmütter) sterben lassen. - Und so ist es vielleicht aber wieder (k)ein Wunder, dass den guten alten Ödön für diese Lösung - gesungen im Lied "Wen Gott liebt, den schlägt er" - im echten Leben der Blitz getroffen hat ... (e.o.)



DAS URTEIL IM REGIE-STIL GELUNGENER KOMPROMISS ZWISCHEN ABSTRAKTEM INTELLEKT UND WAHREM LEBEN, ALS EREIGNIS ABER NICHT WIRKLICH AUSSERGEWÖHNLICH. AUSSERGEWÖHNLICH GUT SPIELEN DAFÜR MICHAEL SCHOTTENBERG UND MARIA BILL.

THEATER Geschichten aus dem Wiener Wald * Von: Ödön von Horváth * Regie: Georg Schmiedleitner * Musik (gut!): Karl Stirner * Bühnenbild: Stefan Brandtmayr * Kostüme: Elke Gattinger * Dramaturgie: Hans Mrak * Mit: Marcello de Nardo, Beatrice Frey, Erni Mangold, Maria Bill, Robert Palfrader, Christoph F. Krutzler, Katharina Vötter, Michael Schottenberg, Thomas Meczele, Annette Isabella Holzmann, u.a. * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 4., 8. 11., 16., 17., 20., 23.6.2008: 19h30-22h20 + 11.5.2008: 15h-17h50

Sunday, December 16, 2007

THEATER: "SCHÖNE BESCHERUNGEN" FALSCHWITZIG VON PATRICK SCHLÖSSER

So lustig ist Weihnachten: Schriftsteller Clive (Till Firit), Onkel Bernard (Marcello de Nardo) und dessen Frau Phyllis (Beatrice Frey) und Neville (Günter Franzmeier) hauen sich mithilfe von viel Alkohol ab ...

... denn fängt erst mal Onkel Bernard mit seinem witzlosen Weihnacht-Puppenspiel an, hat nicht nur der militante Harvey (Rainer Frieb) das Gefühl, mit diesem trockenen Leben brechen zu müssen ... Leider gibt´s in dem Stück aber keinen trockenen Humor. (Fotos © Gabriela Brandenstein)


VOLKSTHEATER BRITISCHES STÜCK OHNE BRITISCHEN WITZ: ALAN AYCKBOURNS SCHÖNE BESCHERUNGEN UNTER DER REGIE VON PATRICK SCHLÖSSER

Da hat man einen britischen Humor, dessen Humor ohne britische Trockenheit naturgemäß kaum funktionieren wird, und was macht der deutsche Regisseur Patrick Schlösser daraus? - Einen feucht-fröhlichen Durchschnittsschwank deutschösterreichischer Durchschnittsmentalität ohne jeden Esprit. Schade um das zeitlich gut am Volkstheater angesetzte Schöne Bescherungen von Alan Ayckbourn, das - so wie es umgesetzt ist -, kaum über die Weihnachtsfeiertage hinaus interessant für das österreichische Publikum sein wird. Denn mit Kunst hat das alles nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit der Aufgeregtheit vor und während der Bescherungszeit.

Feuchte statt trockene Biederkeit

Aus der biederen Lustigkeit in biederem Bühnenbild (Etienne Pluss) noch das Beste machen als biedere Schauspieler: Rainer Frieb als Ex-Wachmann Harvey, der mit einer Portion "Nazicharakter"- Sauberkeitsfanatismus mißtrauisch hinter allem und jedem Schlechtes sieht und seine Nichten und Neffen mit Waffen beschenken will, damit sie gegen das Leben gewappnet sind. Betrice Frey rettet als Phyllis in ruppig bodenständiger Natur, die mit Ihrer in mancher Hinsicht überein zu stimmen scheint, manch halblustige Lach-Konstruktion mit Schauspielern, die an sich gut sind, in diese Inszenierungsweise aber nur schwer hinein passen. Allen voran Till Firit - mit seiner spannend geheimnisvollen Art an-sich der Lieblingsschauspieler am Volkstheater von intimacy: art -, der als Schriftsteller Clive trotz seiner außenseiterisch darüberstehenden Rolle, zu sehr in die Provinzmentalität dieser Weihnacht-feiernden Alltagsfamilie gedrängt wird. Etwas mehr Distanz als Charakter hätte ihm und dem Stück gut getan, um den Kontrast einer anderen Lebenseinstellung transparent zu machen. Dennoch wäre das Stück ohne Firit wahrscheinlich überhaupt zum Vergessen gewesen, weil dann wirklich jede Eleganz und jedes Geheimnis gefehlt hätten. Angenehm und leger wirkt "Neville" Günter Franzmeier, der als weit blickender, sich nicht aus der Ruhe bringender Ehemann von Belinda trotz seines fast-Hörner-aufgesetzten Status keinen Abbruch als Charakter nimmt. - Seine Frau (Susa Meyer spielt passend) fühlt sich von Clive magisch angezogen... was denn auch für die eigentlichen "nichts-geschehenden" Turbulenzen im Weihnachtstrubel sorgt.

Landpomaranze für Wiener Landpomaranzen

Den Inhalt dieser Geschichte nach zu erzählen lohnt sich ansonsten kaum, denn sie ist so blöd (doch möglicherweise aus dem Familienleben heraus betrachtet so lebensecht) wie die Geschichte, die Onkel Bernard, Phyllis' Mann, Marcello de Nardo, am Weihnachtsabend den Kindern mittels Schweinchen-Puppentheater erzählt - leider hat auch er das Alles nicht trocken genug, sondern fast naiv hysterisch gegeben, so wie es möglicherweise ein echter, frustrierter, untalentierter, alter Mann tun würde. Der Witz dieses Stücks wurde somit in Grund und Boden gespielt, was nicht an den Schauspielern liegt, sondern an der visions- und abstraktionsunfähigen Regie Schlössers. Andererseits stellt sich die Frage, ob das nicht wegen des Durchschnittspublikums im Volkstheater geschieht, das im Altersschnitt von 65+ und bei kleiner Lust zum Intellektualismus, kaum etwas anderes als tantigen Realismus akzeptieren würde. Doch man sollte zumindest in kleinen Schritten versuchen, seine Sicht auf die Dinge in ein städtisches Niveau zu lenken. Damit die Wiener Bürger nicht "bleiben" wie Belindas peinliche Schwester Rachel, gespielt von Claudia Sabitzer als altjungfräuliche Landpomaranze, die Sex und "gute" Literatur (Clive) haben will, aber nie bekommt und bekommen wird. e.o.


DAS URTEIL TROCKENES STÜCK OHNE TROCKENEN WITZ - SCHADE!

THEATER Schöne Bescherungen * Von: Alan Ayckbourn * Regie: Patrick Schlösser * Mit: Beatrice Frey, Heike Kretschmer, Susa Meyer, Claudia Sabitzer, Raphael von Bargen, Till Firit, Günter Franzmeier, Rainer Frieb, Marcello de Nardo * Ort: Volkstheater * Zeit: 11., 19., 27., 28.3., 5., 6., 14.4.2008: 19h30-21h55

Tuesday, April 03, 2007

THEATER-MUSICAL: MICHAEL SCHOTTENBERG MIT "CABARET" AM ZENIT SEINES SCHAFFENS

Fotos © Lalo Jodlbauer: Sally Bowles (Maria Bill Mitte, neben Annette Isabella Holzmann links, und Andy Hallwaxx, Katharina Straßer rechts) arbeitet als laszive Star-Tänzerin und -Sängerin in einer Berliner Bar Anfang 1930 ...

... Dort lernt sie den amerikanischen, mittellosen Schriftsteller Clifford Bradshaw (Raphael von Bargen) kennen, in dessen kleine Mietwohnung sie einzieht...

... wo die beiden allerdings von der opportunistisch-pragmatischen Wirtin "Fräulein" Schneider (Hilde Sochor) abhängig sind, die ihren jüdischen Verehrer (Heinz Petters) feige fallen läßt, sobald die Nazis an der Macht sind ...

... Dieser psychologische Angstmechanismus dient dann Conférencier Marcello de Nardo als Thema seines Revue-Kabaretts mit einem Affen als "geliebten Juden": eine der intelligentesten und berührendsten Nummern des mitreißenden Abends.


VOLKSTHEATER MICHAEL SCHOTTENBERG HAT ES GESCHAFFT: MIT DEM MUSICAL CABARET HOLT ER ALLES AUS SEINER BÜHNE UND SEINEN SCHAUSPIELERN HERAUS, WAS NUR HERAUSZUHOLEN IST - EIN WAHRLICH BEGLÜCKENDES KUNSTERLEBNIS

Keine Frage - da hat jemand Regie geführt, der jeden Quadratmilimeter des Raumes kennt. Da hat jemand besetzt, der jeder Facette seiner Schauspieler gewahr ist, allen voran der Hauptdarstellerin (die denn auch seine Frau ist) als leuchtender weiblicher Revuestar "Sally Bowles" in Cabaret: Maria Bill. Obwohl nicht groß, macht sie - mit Permanentbetonung ihrer Beine - die beste Figur, obwohl keine Tänzerin, bewegt sie sich am anregendsten, obwohl nicht mehr blutjung, wirkt sie verspielt naiv wie ein kokettes Mädchen, doch da eine Sängerin, singt sie alle anderen an die Wand. Allerdings nur die weibliche Mannschaft: Marcello de Nardo ist es der Bill unter den Männern als Conférencier in jeder Hinsicht: er ist präsent, ein wunderbarer Tänzer und Sänger und obendrein ein wandelbar überzeugender Schauspieler.

Schottenbergs Anlaufzeit hat sich rentiert

Eigentlich bestechen aber nicht nur die Hauptfiguren, die ebenso durch Raphael von Bargen als Schriftsteller, Hilde Sochor als Wirtin "Fräulein" Schneider, sowie durch Heinz Petters als "Herr Schultz" mehr als nur glaubwürdig verkörpert sind. Nein, es gewinnt das ganze, starke Ensemble, was für die verantwortungsbewußte und zu führen fähige Hand des Regisseurs und Theaterdirektors Michael Schottenberg steht. Mit dieser Inszenierung wird nun klar, was er in der Zusammenstellung seines Hausstabs sah - in vergangenen Stücken war das nicht sofort augenscheinlich. Selbst wenn sich langsam herauskristallisiert, dass einige dieser "Typen", wovon die meisten erst auf den zweiten Blick auffallen, immer spannender werden. Indem der Zuschauer vom einen zum nächsten Mal an ihnen Neues entdecken will - gerade wegen des zweiten Blicks.

Die zur Geduld mahnende Anlaufzeit, bis das Volkstheater mit dieser Inszenierung zur absoluten künstlerischen Reife erblüht ist, hat sich also gelohnt. Für Schottenberg, für das Ensemble, für das Publikum. Das anfänglich "zu Neue" hat sich in Richtung "Vertrautheit" verlagert, nicht im Stil von Showmaster-Schmeicheleien seitens Schauspielern, wie man sie von heimischen Langzeit-Bühnenstars kennt, sondern im Aufspüren-Wollen der Zuschauer bezüglich deren Verwandlungskunst und Vielfalt. Und in Cabaret zeigte sich nun, dass einige von diesen Schauspieler-Typen auch noch ausgesprochen gut singen können: Von Bargen spielt zudem Saxophon, Jennifer Frank Violine.

Ein Cabaret, das in den Bann zieht

Sofort, als der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw - wohinter sich der echte Autor Christopher Isherwood verbirgt, dessen Berliner Erzählungen über die Begegnung mit dem Revuegirl Bowles mit der Musik von John Kander zu einem Musical (Fassung von Chris Walker 1997) zusammen gefaßt wurden - 1930 in Berlin ankommt, ist man als Zuschauer gefangen. Schon, weil die roten Lampen der als Raum im Raum ausziehbaren Revue-Bar, wo Sally singt, in den Zuschauerraum reichen - eine wunderbare Bühnenkreation von Hans Kudlich. Im gefälligen Wechsel zwischen laszivem, von einmalig gutem Orchester begleiteten Gesang und gespielter, kleinbürgerlicher Handlung, worin sich zuerst der Dichter und dann auch Sally bei der Wirtin Schneider einquartieren, wird man plötzlich mit dem politischen Wechsel konfrontiert, als die naiv-arme Gesellschaft zu jener der Nazis mutiert: die Lampen im Raum sind nun Nazi-Fahnen gewichen.

Sensibel gesetzte, reflexive Kontraste

Sehr sensibel und musikalisch weiß Schottenberg mit den Kontrasten umzugehen, ohne etwas auch nur eine Sekunde auszureizen. Und der Tontechniker wechselt dabei kongenial in ebenso virtuoser Exaktheit zwischen Echo und Sprechakustik. Die Text-Bilder werden in entsprechende Visuelle umgesetzt: Will also etwa die Wirtin mit der einsetzenden Nazizeit aus opportunistischen Gründen ihren Verehrer, den Juden Schultz, nicht mehr heiraten, tanzt als Parallele Conférencier Nardo mit einem Affen und singt dabei: "Sähe man sie (den Affen = den Juden) mit meinen Augen, würde die Welt sie anders sehen." Oder es singt Maria Bill als Highlight "Life is a Cabaret" tief und präsent, nachdem zuvor eine hochqualitative Kleszmer-Nummer aus Akkordeon und Klarinette einem ebenso starken - von den Nazis durch ihre für-sich-Beanspruchung "vergewaltigten" - Volkslied-Sängerknaben gegenüber gestellt wurde. - Dieser politische, für die Durchläufigkeit von Gesinnungen stehende Kontrast wird dann am Ende noch einmal durch die Figur des clownesken De Nardo bekräftigt, indem er sich schnell gerafft vom Nazi-Zöllner zum Conférencier und dann zum Mann mit Judenstern wandelt.

Und vor diesem Hintergrund zerbricht auch die dreijährige Beziehung des Künstlerpaars, weil der Schriftsteller seine schwangere Frau nicht mehr auftreten lassen wollte. - Er, der von ihr als "klein" titulierte Schreiber: "Es wird dir niemand nachweinen." Sie, das Kind abtreibend und wieder auftretend: "Ich bin Künstlerin!" - In der Realität wurde der Schriftsteller Isherwood später freilich weltberühmt, während Bowles einen kommunistisch-britischen Journalisten heiratete, Mutter wurde, und vom früheren Sally-Bowles-Vamp nichts mehr wissen wollte. e.o.


DAS URTEIL MICHAEL SCHOTTENBERG HAT MIT CABARET EIN GESAMTKUNSTWERK GESCHAFFEN. SEIN BISHER BESTES STÜCK - NICHT NUR AUF DIE VOLKSTHEATER-ZEIT BEZOGEN. UND DABEI ABER EINE VORZEIGELEISTUG FÜR EIN "VOLKSTHEATER": ALS GROSSARTIGE UNTERHALTUNG, INTELLIGENTE LEHRE. EIN ABSOLUTER PFLICHTTERMIN VON UND MIT TOP-PROFIS!

THEATER (MUSICAL) Cabaret * Von: Joe Masteroff nach dem Stück Ich bin eine Kamera von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood, Musik: John Kander, Gesangtexte: Fred Ebb, Fassung: Chris Walker 1997 * Regie: Michael Schottenberg * Bühnenbild: Hans Kudlich * Choreographie: Susa Meyer * Musikalische Einrichtung: Herbert Pichler * Mit: Marcello de Nardo, Maria Bill, Raphael von Bargen, Hilde Sochor, Heinz Petters, u.a. * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 31.12.2007, , 5., 10., 14., 19., 20.1.2008: 19h30