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Wednesday, March 12, 2008

THEATER: STEPHAN MÜLLER FINDET DEN ANSTAND IN GOETHES "CLAVIGO"

Die um den guten Ruf der französischen Familie besorgte Verwandte (Heike Kretschmer) und der vorhersehende Familienfreund Buenco (Till Firit) reden auf Marie Beaumarchais (Luisa Katharina Davids) ein ...

... ihr Bruder (Günter Franzmeier) will Clavigo, der in Spanien aus Karrieregründen sein Liebesversprechen an Marie brach, zu einer anstandswahrenden Erklärung zwingen, ...

... da beschließt Clavigo (Raphael von Bargen) doch, Marie zu heiraten, merkt aber, dass er sie tatsächlich nicht mehr liebt ...

... wahrscheinlich, weil ihn der windig-aalglatte Carlos (Michael Wenninger) auf kalt-starken, homoerotisch-neoliberal kalkuliernden Händen zu manipulieren versteht. (Fotos © Nathalie Bauer)


VOLKSTHEATER NACHDEM SICH "VERLETZTER STOLZ" VON SITZENGELASSENEN FRAUEN HEUTE ÜBER DIE MEDIEN ZU "KEINEM STOLZ" WANDELT, SCHEINT DIE ZEIT REIF ZU SEIN FÜR STIL UND NIVEAU IN EINEM SELBST - STEPHAN MÜLLER DRÜCKT DAS IN SEINER REGIE VON CLAVIGO MIT EINDRINGLICHEM FORMALEM SUBTEXT AUS

"Es gibt nichts erbärmlicheres, als einen unentschlossenen Menschen", sagt Freund Carlos zum zwischen persönlichem Versprechen und Wortbruch taumelnden Clavigo. Dieser Clavigo des gleichnamigen Goethe-Stücks von 1774 wird derzeit im Volkstheater vom "jungen, ehrgeizigen Schriftsteller"-Helden zu jenem des "Journalisten". Bezeichnenderweise. Ein ehrgeiziger, auf sein Gewissen nicht hörender Schreiber, kann heute nur ein Journalist sein. Weil die meisten Journalisten entweder nur mit Sensations-Klatsch oder mit meinungserkauften PR-Arbeiten auf Durchschnittsniveau existieren können - dazu sind auch jene Berichte zu zählen, die im Rahmen des "offiziellen Nachrichtenwesens", sprich in "seriösen" Tageszeitungen und Magazinen, erscheinen ...
Dass die krassierende Manipulationswahrscheinlichkeit über die Jahrhunderte hinweg stets talentierte, aber mittellose Menschen ergreift, die sich von Null emporkämpfen müssen, scheint da generell bedenklich. Ein Mechanismus, der in jeder Berufssparte zu finden ist. Dass es in diesem Fall ein Schreiber sein mußte, ist dem Bedürfnis des jungen Sturm und Drängers Goethe zuzuschreiben, den echten, innerpsychischen Kampf so eines Zerrissenen exakt in Worte fassen zu wollen; wie hätte er das realistischer tun können, als aus seinen eigenen Gewissensbissen schöpfend, die er gegenüber seiner Jugendliebe hatte. - Beim Emporkömmling werden sich diese inneren Gefühlswirren mit nutzenorientierter Entscheidung allerdings im Sinne von (Stück-Zitat) "ohne Stand keine Eh(r)e" auf vielen Ebenen zeigen, nicht nur in der Liebe.

Verletzter Stolz, der sich heute zu Keinem wandelt

In der Liebe ist das schlechte Gewissen eigentlich nicht mehr vonnöten, beanstandet zu werden. Wenn ein junger Mann einem Mädchen vor seinen Studienjahren die Ehe (seine Liebe) versprach, er dieses Versprechen dann aber nicht einhält, ist das heute höchstens bedauernswert, sicher nicht anstößig. Im Grunde ist es nicht einmal bemerkenswert. Das jetzt noch relevante Thema liegt allein im Moment, wo dieser Mann merkt, nur mit einer gesellschaftlich (einfluß)reichen Lebenspartnerin Karriere machen zu können; und dass dadurch die einstigen Liebesgefühle (tatsächlich!) verklingen. Der Nutzeninstinkt manipuliert so den reinen herzorientierten Bindungsinstinkt. Mit der Absage wird der Betroffene seinen wahren Gefühlen - und damit sich selbst - also nicht untreu. Zu schaffen machen ihm nur Moral-, Verantwortungs- und Schuldgefühl, Gefühle, die heute - im Zeitalter des Opportunismus - ebenso keine Rolle mehr spielen. Denn der Opportunist ist in dieser geschäftstüchtigen Gesellschaft ein Held, wo es nicht einmal gilt, einen ehrbaren Schein zu wahren.

Im ausklingenden 18. Jahrhundert dagegen, war Anstand noch etwas wert. Gesellschaftlich geächtet wurde, wer sich ehrenlos verhielt. Besonders wenn das zulasten eines hilflosen Mädchens (in Clavigo: Marie von Beaumarchais) geschah, das dann mit dem Ruf der "Sitzengelassenen" leben mußte. Für manche Frau ist das auch heute noch kaum zu ertragen. Dann kann sie sich aber immerhin mit ihrem verletzten Stolz an die Medien wenden, sich in Talkshows und Society-Schluderblättern ausheulen, die diesen verletzten Stolz entsprechend ihres Opportunismus in "gar keinen Stolz mehr" lenken. Dadurch macht sich so eine Frau endgültig zum bedauernswerten Gespött aller, vielleicht ohne es zu merken, weil sie die allgemeine Aufmerksamkeit verkennt: die als öffentliche Anteilnahme verpuppte Schadenfreude.

Hinsichtlich dieser perversen Steigerung von heute, konnte sich Goethe noch privilegiert fühlen, denn immerhin lebte er in einer Zeit, wo man Gefühle noch ernst nahm und nicht mit ihnen (etwa aus bloßer Popularitätsgeilheit) spielte. - Ein volleres Niveau, das der 57-jährige, schweizer Regisseur Stephan Müller mit Theater- und Tanzausbildung glücklicherweise erhalten bzw. wieder auferweckt hat. Inhaltlich und ästhetisch, rhythmisch und symbolhaft abstrahiert, in der typengerechten Besetzung mit viel gestisch-tänzerischem Körperspiel sowie im klaren Bühnenbild voll subtextlicher Details.

Erstrebenswerter Stolz als Sehnsucht in äußerer Form

Der Anstand der damaligen Zeit findet sich somit als etwas-zumindest-Erstrebenswertes im äußeren Schein des leeren, weitläufigen, bronze-farbenen Raums von Bühnenbildner Hyun Chu, in Carlos´ karrieresüchtigem Nadelstreifanzug, Clavigos naiv-eitlem Rüschenhemd, im unschuldig-weißen und dann liebeshoffend-roten Kleid der ausgeliefert-barfüßigen Marie (adretter Anblick: Luisa Katharina Davids) von Kostümbildnerin Birgit Hutter; und menschlich im Stakkato-Sprechgesang von Carlos und Clavigo, die in ihrer gemeinsamen Karriereliebe und der eindringlichen Art Carlos´ (glaubwürdig neureich-neoliberal und damit passend unsympathisch wirkend: Michael Wenninger) auf Clavigo einzuhetzen, einen homoerotischen Touch aussenden, der einerseits die Unsicherheit der Orientierung manifestiert, andererseits das Hin-und-Her von Clavigos wankenden Gefühlen (zwiespältig-labil: Raphael von Bargen). Große Ausstrahlung in seinem edel geschnittenen, braunen Mantel besitzt Maries Bruder Beaumarchais (Günter Franzmeier), der um die Ehre seiner kleinbürgerlich-fragilen Schwester in Frankreich kämpft, der aber von den in Spanien - mit seinen kräftig-mondänen Frauen als Aussicht - lebenden Burschen (v.a. Carlos) so trickreich hinters Licht geführt wird, dass er letztendlich selbst bis zur Gefängnisstrafe sein Ansehen verliert.

Von der Intrige zur Lebensmoral

Intrige bei doppelter Wortbrüchigkeit funktionierte demnach schon vor zweihundertfünfzig Jahren, sie läßt sich, je nach Rechtssituation des Landes, zu jederzeit mit verdrehten Mitteln zugunsten des Bauernschlausten-ohne-Skrupel auslegen. Interessant dabei ist, dass jenen Leuten, die die Dinge durchschauen und Entwicklungen vorhersehen (wie hier Buenco - maniriert gut: Till Firit), nie Glauben geschenkt wird, weil sie offensichtlich zu wenig bestimmt und klüngelhaft auftreten.

- Bei all den menschlichen Abgründen können nur Schuld, Strafe und Buße reinigen: Marie und Clavigo müssen sterben. Das Schlußbild der Inszenierung ist dafür wieder versöhnend kitschig - wohl gedacht, als Lehre für das Gute im Menschen - wenn die einst Liebenden gemeinsam im Grab ein (englisches!) Poplied singen. Das bedeutet Entschuldigung und Verzeihung im Jenseits zugleich, und somit die erstrebenswerte Moral zu Lebzeiten für das Publikum. e.o./a.c.


DAS URTEIL SCHÖNER ANBLICK. INTELLIGENTES SUBTEXT-KÖRPERSPIEL VON GUT BESETZTEN DARSTELLERN. DETAILREICHE PSYCHOENTWICKLUNG EINER LIEBE, DIE WEGEN DER KARRIERE VERGEHT. UND EIN PLÄDOYER FÜR DIE WIEDERAUFERWECKUNG VON STIL UND ANSTAND IN UNSERER (MEDIEN)ZEIT.

THEATER Clavigo * Von: Johann Wolfgang von Goethe * Regie: Stephan Müller * Musik: Thomas Luz * Dramaturgie Hans Mrak * Mit: Luisa Katharina Davids, Heike Kretschmer, Raphael von Bargen, Till Firit, Günter Franzmeier, Thomas Kamper, Michael Wenninger, Markus Westphal * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 12., 19.6.2008: 19h30-21h

Sunday, December 16, 2007

THEATER: "SCHÖNE BESCHERUNGEN" FALSCHWITZIG VON PATRICK SCHLÖSSER

So lustig ist Weihnachten: Schriftsteller Clive (Till Firit), Onkel Bernard (Marcello de Nardo) und dessen Frau Phyllis (Beatrice Frey) und Neville (Günter Franzmeier) hauen sich mithilfe von viel Alkohol ab ...

... denn fängt erst mal Onkel Bernard mit seinem witzlosen Weihnacht-Puppenspiel an, hat nicht nur der militante Harvey (Rainer Frieb) das Gefühl, mit diesem trockenen Leben brechen zu müssen ... Leider gibt´s in dem Stück aber keinen trockenen Humor. (Fotos © Gabriela Brandenstein)


VOLKSTHEATER BRITISCHES STÜCK OHNE BRITISCHEN WITZ: ALAN AYCKBOURNS SCHÖNE BESCHERUNGEN UNTER DER REGIE VON PATRICK SCHLÖSSER

Da hat man einen britischen Humor, dessen Humor ohne britische Trockenheit naturgemäß kaum funktionieren wird, und was macht der deutsche Regisseur Patrick Schlösser daraus? - Einen feucht-fröhlichen Durchschnittsschwank deutschösterreichischer Durchschnittsmentalität ohne jeden Esprit. Schade um das zeitlich gut am Volkstheater angesetzte Schöne Bescherungen von Alan Ayckbourn, das - so wie es umgesetzt ist -, kaum über die Weihnachtsfeiertage hinaus interessant für das österreichische Publikum sein wird. Denn mit Kunst hat das alles nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit der Aufgeregtheit vor und während der Bescherungszeit.

Feuchte statt trockene Biederkeit

Aus der biederen Lustigkeit in biederem Bühnenbild (Etienne Pluss) noch das Beste machen als biedere Schauspieler: Rainer Frieb als Ex-Wachmann Harvey, der mit einer Portion "Nazicharakter"- Sauberkeitsfanatismus mißtrauisch hinter allem und jedem Schlechtes sieht und seine Nichten und Neffen mit Waffen beschenken will, damit sie gegen das Leben gewappnet sind. Betrice Frey rettet als Phyllis in ruppig bodenständiger Natur, die mit Ihrer in mancher Hinsicht überein zu stimmen scheint, manch halblustige Lach-Konstruktion mit Schauspielern, die an sich gut sind, in diese Inszenierungsweise aber nur schwer hinein passen. Allen voran Till Firit - mit seiner spannend geheimnisvollen Art an-sich der Lieblingsschauspieler am Volkstheater von intimacy: art -, der als Schriftsteller Clive trotz seiner außenseiterisch darüberstehenden Rolle, zu sehr in die Provinzmentalität dieser Weihnacht-feiernden Alltagsfamilie gedrängt wird. Etwas mehr Distanz als Charakter hätte ihm und dem Stück gut getan, um den Kontrast einer anderen Lebenseinstellung transparent zu machen. Dennoch wäre das Stück ohne Firit wahrscheinlich überhaupt zum Vergessen gewesen, weil dann wirklich jede Eleganz und jedes Geheimnis gefehlt hätten. Angenehm und leger wirkt "Neville" Günter Franzmeier, der als weit blickender, sich nicht aus der Ruhe bringender Ehemann von Belinda trotz seines fast-Hörner-aufgesetzten Status keinen Abbruch als Charakter nimmt. - Seine Frau (Susa Meyer spielt passend) fühlt sich von Clive magisch angezogen... was denn auch für die eigentlichen "nichts-geschehenden" Turbulenzen im Weihnachtstrubel sorgt.

Landpomaranze für Wiener Landpomaranzen

Den Inhalt dieser Geschichte nach zu erzählen lohnt sich ansonsten kaum, denn sie ist so blöd (doch möglicherweise aus dem Familienleben heraus betrachtet so lebensecht) wie die Geschichte, die Onkel Bernard, Phyllis' Mann, Marcello de Nardo, am Weihnachtsabend den Kindern mittels Schweinchen-Puppentheater erzählt - leider hat auch er das Alles nicht trocken genug, sondern fast naiv hysterisch gegeben, so wie es möglicherweise ein echter, frustrierter, untalentierter, alter Mann tun würde. Der Witz dieses Stücks wurde somit in Grund und Boden gespielt, was nicht an den Schauspielern liegt, sondern an der visions- und abstraktionsunfähigen Regie Schlössers. Andererseits stellt sich die Frage, ob das nicht wegen des Durchschnittspublikums im Volkstheater geschieht, das im Altersschnitt von 65+ und bei kleiner Lust zum Intellektualismus, kaum etwas anderes als tantigen Realismus akzeptieren würde. Doch man sollte zumindest in kleinen Schritten versuchen, seine Sicht auf die Dinge in ein städtisches Niveau zu lenken. Damit die Wiener Bürger nicht "bleiben" wie Belindas peinliche Schwester Rachel, gespielt von Claudia Sabitzer als altjungfräuliche Landpomaranze, die Sex und "gute" Literatur (Clive) haben will, aber nie bekommt und bekommen wird. e.o.


DAS URTEIL TROCKENES STÜCK OHNE TROCKENEN WITZ - SCHADE!

THEATER Schöne Bescherungen * Von: Alan Ayckbourn * Regie: Patrick Schlösser * Mit: Beatrice Frey, Heike Kretschmer, Susa Meyer, Claudia Sabitzer, Raphael von Bargen, Till Firit, Günter Franzmeier, Rainer Frieb, Marcello de Nardo * Ort: Volkstheater * Zeit: 11., 19., 27., 28.3., 5., 6., 14.4.2008: 19h30-21h55

Wednesday, October 10, 2007

THEATER: TOLLES "WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF?" VON ANTOINE UITDEHAAG

Sexy Martha (Maria Bill) bringt mit ihrem reifen Appeal den jungen Nick (Till Firit) in potentielle Fahrt - zur "nur" scheinbaren Unbekümmertheit ihres Mannes (Günter Franzmeier) ...

... als sie nicht mehr damit rechnet, zuckt er bis zur körperlichen Brutalität aus.

Damit ist der Provokateurin Martha die Lust am "Spielen" vergangen. Jetzt hat sie mit ihrem ehrgeizig-schönen Körper nur noch nackte Lebensangst. (Fotos: © Nathalie Bauer)


VOLKSTHEATER VIER SCHAUSPIELER BRILLIEREN IM GEFÜHLSWAHNSINN VON EDWARD ALBEE WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF? UND ENTBLÖSSEN EIN SENSIBLES GEHEIMNIS ...

Den Vergleich zu erwähnen ist so stereotyp wie hundsfad, doch hat jemand Wer hat Angst vor Virginia Woolf? im Film mit Richard Burton und Elizabeth Taylor gesehen, wird er ihn bei jeder Neuinszenierung ziehen. Dieses Paar stilisiert(e) sich selbst mit seiner kolossalen Erotik und Intensität nicht nur im echten (Ehe-)Leben zur "Ikone aller Beziehungen", sondern ganz besonders in diesem Film bzw. Stück: Wegen seiner gegenseitigen Herausforderung bis an die Grenzen der Substanz und darüber hinaus. Bei diesem Sexakt der Worte sind Verletzungen State of the Art, ihr O(h)rg(i)asmus kommt als geistiger wie seelischer Spitzenschrei in genialem Doppelpack. Wegen der gleichrangigen Fähigkeit, sich Stoff zu geben, der für beide Pole so spannend bleibt, dass sie ihn sich jahrzehntelang zusetzen müssen, wollen und werden. - Das Volkstheater spielt das Wahnsinnsstück der Gefühle von Edward Albee jetzt - sprachwitzig und -feurig verdeutscht von Alissa und Martin Walser - mit einer mindestens so starken Maria Bill als Martha, wie es die Taylor war. Ihr Sexappeal der reifen, intelligenten, temperamentvollen, auch körperlich noch sehr attraktiven, stolzen, verletzlichen Frau ist atemberaubend. "George" Günter Franzmeier braucht hingegen einige Zeit, um den sprühend attraktiven Richard Burton aus dem geistigen Auge zu verdrängen. Er verleiht der Figur eine unberechenbar versteckt-aggressive Note.

Eigentlich wären sie auch so scharf auf einander

Dieses Paar, Martha und Geschichtsprofessor George, bräuchte eigentlich kein zweites Pärchen einzuladen, um sich nach einer Party im universitären Berufsumfeld von Marthas übermächtigem Rektoren-Vater zwecks Sex am Boden aufzugeilen. Mit den Unmengen an Drinks und Flaschen an der Bühnenrampe, Marthas heißer Stimmung in Gedanken an Bette Davis´ Sager, "Was für ein Loch!", und einer Beleidigung gegenüber ihres sechs Jahre jüngeren Mannes mit einem, "du kriegst eine Glatze!", und seiner Antwort darauf, "du auch", müßten sie sich genügend angestachelt haben, um sich gegenseitig entladen und wieder lieben zu wollen. Sie sind auch gerade drauf und dran, als Marthas Gäste anläuten: der blond(gefärbt)e Nick (Till Firit: wieder einmal auf geheimnisvoll verhaltene Weise ein hochinteressanter Mann) und seine ebenso blonde Ehefrau Püppi (Katharina Straßer: wirkt zum Teil intelligenter als die Rolle der reifungsängstlichen Kindfrau es verlangt...).

Die zwei Frischlinge an Jahreszahlen sowie am Campus sind für die beiden Langzeit-Eheleute die perfekten Objekte, um sich von Neuem vor einander aufzuplustern, hier geht es um Macht und Unterwerfung, wo die schlimmste Demütigung nicht ausgelassen wird. Ganz besonders Martha führt in despotischer Weise das Zepter, sie bespringt den jungen Nick im Beisein ihres Angetrauten, und treibt es mit ihm alsdann in der Küche. Doch George tut zur Enttäuschung Marthas so, als mache es ihm nichts aus, bis er nach einigen ironischen Ablenkungsmanövern - wie einer (symbolischen) Beehrung mit einem Blumenstrauß - doch explodiert, das Machtzepter an sich reißt, Martha körperlich angreift und sie auf seine Frage, "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", nur noch sagen wird: "Ich." - Wie dünn ihre(r beider) Haut in Wahrheit ist, demonstriert Regisseur Antoine Uitdehaag mit einer schlichten, braunen Packpapier-Wand, in die der kleinste Schuß einer Flasche - eine nachvollziehbare Kurzschlußhandlung von George - ein Loch reißt. Wie fragil beweglich die Positionen dieser vier Menschen sind, demonstrieren indessen vier beige Feauteuil-Sessel auf einer - sich fast unmerklich - permanent drehenden Rundbühne in der einfachen, aber subtilen Bühne von Tom Schenk.

Vom Symbolgehalt des Kinder (=Liebes)geheimnisses

Jeder dieser vier Menschen ist also äußerst labil - obwohl sie andererseits wieder - bis auf die gegensätzliche taktlose Püppi mit schwach ausgebildetem Sensorium für Ironie und Zwischentöne - sehr starke, da intelligente und damit kampfeslustige Charaktere sind. Diese Erkenntnis ist es aber nicht allein, die in der Inszenierung Uitdehaags durchblickt, sondern etwas viel wichtigeres, was bei Burton und Taylor beispielsweise nicht so klar heraus kam (möglicherweise auch, weil man deren Version als Kind sah, wo man die Erwachsenengefühlswelt noch nicht so detailliert verstand ...): Das sensible Thema der wahren Bedeutung von Kindern für das Beziehungsgeflecht der Eheleute bzw. (einstigen) Verliebten.

Erfundene Geschichten über Elternmord und einen gemeinsamen Sohn, den es nicht gibt, den Martha und George aber ständig zu ihren persönlichen Gunsten beschreiben, während wiederum Püppi kotzend alles daran setzt, um nicht schwanger zu werden und Kind zu bleiben, - stehen für den Störfaktor "Kinder" und die folgliche Distanzierung in der Zweierliebe, andererseits aber auch für das große Geheimnis "als Beweis" der Liebesqualität von zwei Menschen: Denn es kann diese Liebe - wie die Kinder - in ihren genetischen Bestandteilen nur von und bei diesen beiden geben. Erzählt ein Partner Dritten davon, verliert sie sogleich den Wert und somit das Geheimnis ihrer Einzigartigkeit. Die Beziehung wird gefährdet, indem sich die Partner von einander entfernen. Brisanterweise tun das in dieser Geschichte beide Paare. In anwachsender Spannung nähern sie sich dem Verrat. Sie verraten den geliebten Partner aus Eitelkeit, aus Schwäche, aus Provokation, aus lediglich momentaner, kurzsichtiger Spielfreude. - Ob sie sich dadurch aber auch von Null neu erfinden können, das muß sich am Ende wohl jeder mit seiner individuell ausgeprägten Abenteuerlust selbst ausreimen ... e.o.


DAS URTEIL TOLLER SPRACHWITZ, ÜBERZEUGENDE SCHAUSPIELER, ALLEN VORAN MARIA BILL ALS MARTHA - EIN MIT EINFACHEN SYMBOLEN KLASSISCH-ERZÄHLTER ABEND, DER DEN WERT DES LIEBESGEHEIMNISSES (VON KINDERN) ENTBLÖSST... - NUR DEN ERSTEN TEIL HÄTTE MAN ETWAS KÜRZEN KÖNNEN.

THEATER Wer hat Angst vor Virginia Woolf? * Von: Edward Albee * Regie: Antoine Uitdehaag * Bühne: Tom Schenk * Mit: Maria Bill, Günter Franzmeier, Till Firit, Katharina Straßer * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 6., 8., 14., 16., 20., 21., 24., 25., 30.11., 6., 10., 14., 21., 22.12. 2007: 19h30


Special Tipp - Theatrales Rahmenprogramm im Volkstheater:
KABARETT NDK – Nach der Kritik hat Angst vor Virginia Woolf * Von Peter Paul Skrepek * Mit: Peter Paul Skrepek (als Helmut Zilk), Christoph F. Krutzler, Joesi Prokopetz (als Richard Burton) * Ort: Volkstheater - Rote Bar * Zeit: 24.10.: 22h30 * Eintritt 7 €
BEZIEHUNGSSPRECHEN Wort&Spiele: Wer will, der darf“ * Speakers Corner: Geschlechterkampf: Zuschauer sprechen über Ehekrach und Beziehungskrisen * Mit: Robert Palfrader * Ort: Volkstheater - Rote Bar *
Zeit: 21.11.2007: 22h30 * Eintritt frei!

Thursday, January 11, 2007

THEATER: PATRICK SCHLÖSSER MACHT AUS SCHNITZLERS GROSSER "LIEBELEI" EINE KLEINE


Allzeitgültig: Fritz (Till Firit) ist ein grüner Macho-Junge, der am liebsten mit allen Frauen herummacht. Wenn die tief liebende Christine (Jennifer Frank oben) nicht herschaut, vergnügt er sich mit der Prolo-Mizi (Katharina Straßer unten) oder mit einer verheirateten Frau. Fotos © Gabriela Brandenstein


VOLKSTHEATER ARTHUR SCHNITZLER IST DER THEATERAUTOR DER TIEFENPSYCHOLOGIE. SEINE SÄTZE SIND ECHT WIE AUS UNSER ALLER LIEBESLEBEN GEGRIFFEN. PATRICK SCHLÖSSER SUCHT IM DETAIL EINEN NEUZEITLICHEN ZUGANG UND VERGISST DABEI DAS WICHTIGSTE

Bestimmte Sätze, die Mann und Frau in Liebesdingen äußern, sind immer gültig, ob zur vorigen Jahrhundertwende oder heute, im ausgehenden Jahrtausend. Darunter sind die schmerzhaftesten Taten und Worte, die einer ur-vertrauenden Frau widerfahren können, was zuzugeben, sie größte Überwindung kosten wird. Denn das dabei empfundene Gefühl der Demütigung, für den anderen - backfischigen, eitlen Mann - nicht genügend "wert" gewesen zu sein, währt ewig, wenn sie erst einmal enttäuscht stammeln muß: "Ich wäre für ihn gestorben, und er läßt sich für eine andere erschießen."

Am eigenen Leibe in zahlreichen Affairen erfahren, brachte Schnitzler solche wahre Facetten der Liebeständelei auf Papier und Bühne, Sätze von Mann und Frau in ihren typischen reflexartigen Mustern der Liebesbekundung, Liebesangst und Liebesflucht. Mit (Macho-)Männer-Sagern wie: "Schreib einer Geliebten niemals Liebesbriefe! Mach keine konkreten Versprechungen!", und Frauen-Sagern wie: "Ich verstehe sein Verhalten nicht. Verstehst du das?"

Tolles Klasse-Stück, lückenhafte Schmuddel-Regie

Wegen dieser tiefenpsychologisch wahren Sätze ist der Besuch von Liebelei im Wiener Volkstheater keine verlorene Zeit. Die Regie des seit 2004 an österreichischen Bundesländer-Bühnen inszenierenden Deutschen, Patrick Schlösser, ist es eher. Denn unklar ist, was dieser Regisseur sagen will, wenn Beliebigkeiten einander abwechseln: Ausstattungsmäßig (Etienne Pluss, Uta Meenen) stehen eine grossräumige Sitzgarnitur und Leuchte der 80-er Jahre für den Yuppie-Status von Fritz und seines Freundes Theodor, während sie zeitlos elegante, schwarze Nadelstreif-Anzüge tragen. Ein billiger, weißer Vorhang an der Rückwand mag für ihren dekadenten Luxus stehen, nur ist das alles zusammen ästhetisch so grauslig arrangiert, dass es nur an die nicht vorhandene Kassa des Volkstheaters für passende Requisiten erinnert.
Vielleicht weiß dies der fantasievolle Besucher aber dennoch zu entschuldigen, indem er in der Zeit-Undefinierbarkeit so etwas wie "Allgemeingültigkeit" abliest. Die plötzlich ertönenden modischen Einlagen, wie wenn Fritz, Theodor und die "Wiener Mädeln", Mizi und Christine, als Teeniegroup Pop singen, müssen schließlich etwas bedeuten. Da dann aber doch wieder werkgetreu das Duell der Satisfaktion aus dem beginnenden letzten Jahrhundert folgt, scheint dahinter nichts als strategischer "Zufall" zu stecken.

Deutsche Sprecher mit Wiener Dialogen

Zusätzliche Irritation liefern - bis auf die expressive Freundin Mizi als wollüsterne Prolo-Göre (Katharina Straßer), die Sex in Mengen wie Schokoladetorten genießt - die nicht-wienerischen Darsteller im wienerischen Dialog. Gut, auch Alain Delon war kein Wiener - und mit ihm wird seit der Verfilmung von Liebelei ("Christine") neben Partnerin Romy Schneider jede Neuinszenierung gemessen. Alain wirkte dennoch "klasse", wovon es bei diesen Darstellern gar nichts zu geben scheint. Vielleicht repräsentieren sie dadurch aber sinnvollerweise wieder unsere heutige "Klassenlosigkeit", wo der Geschmack des Einzelnen nicht mehr persönlich entwickelt, sondern ausschließlich durch Markt, Mode und Wirtschaft aufgedrückt ist.

Konkret haben wir mit Jennifer Frank als Christine wegen ihrer bodenständigen Optik und deutschen Natur ein weniger naives und verletzliches Mädchen als Romy, die aber dennoch suggeriert, wie sehr sich heutige coole Mädchen im sexuell freizügigen Alltag samt widersprüchlich konservativer Erziehung noch "verbrennen" können.

Till Firit hat als egozentrischer Mode-"Fritz", in seiner Eitelkeit bestärkt durch Theodor (Raphael von Bargen), seinen einprägendsten Moment, als er bei Christine vorbei schaut, bevor er sich wegen der Affaire zur verheirateten Frau tödlich duelliert: die ganze Spannbreite zwischen schlechtem Gewissen und Feigheit liegt in seinem Spiel. In seiner letzten Chance, durch Ehrlichkeit Verantwortung zu beweisen, ist er - typisch Mann - zu unreif und zu schwach, Christines Verachtung hinzunehmen, sodass sie sie später gegen sich selbst lenken und sich umbringen wird.

- Bei all den Querverweisen ins Heute, fehlt der Version nun aber ein entscheidender Hinweis: Unsere neuzeitliche "Leistung", dass zwar kein einfühlsamerer Umgang zwischen den Geschlechtern herrscht, dafür aber nicht mehr "ausschließlich" mit Frauen falsch gespielt wird: heute kommen auch die Männer dran! Selbst wenn die Methoden eigennütziger Mädchen und Frauen anders sein mögen ... e.o.


DAS URTEIL DAS STÜCK ARTHUR SCHNITZLERS VON OBERFLÄCHLICHER UND TIEFER LIEBE IST EINE WEISHEIT VON UNSCHÄTZBAREM WERT. DIE INSZENIERUNG VON PATRICK SCHLÖSSER IST ES WENIGER.

THEATER: Liebelei * Autor: Arthur Schnitzler * Regie: Patrick Schlösser * Mit: Jennifer Frank, Till Firit, Katharina Straßer * Ort: Volkstheater * Zeit: 10., 13., 16.4.07: 19h30-21h