Friday, April 19, 2013

MUSIK: SEIFENOPER DER HÖHEN UND TIEFEN FÜR HANSI DUJMICs 25. TODESTAG


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Für die Kicks des Abends sorgte einerseits Peter Paul Skrepek, der auf diversen Dujmic-Gitarren seine exakte und sensible Arbeitsweise unter Beweis stellte ...


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... aber auch Harry Sokal zeigte, dass ein Saxofon so manchem massenmedialen Pop-Song zum niveauvollen Großstadtsound verhelfen kann.


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Der raffiniert-subtile Bassist Mischa Krausz (hinten) komponierte mit Dealing With Love einen zeitlos schönen Blues, wo jeder Musiker gefordert ist. Alexis Dujmic (vorne) hatte als E-Gitarrist mehr Glanzmomente als in seinen Gesangseinlagen.

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Umwerfend: Meena Cryle als Interpretin von John Fogertys Long As I Can See The Light.


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Umwerfend: Lukas Resetarits als theatraler Blues-Sänger.


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Bühnentalent: Marty Pi ist nicht nur ein stilsicherer Sänger, er schafft es auch, eine Stimmung ins Publikum zu transportieren.
 
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So gelangen Gefühle und Klänge von der Bühne zu den Zuschauern. (Fotos © Dietmar Lipkovich)


STADTSAAL ZUM 25. TODESTAG HANSI DUJMICS SPIELTEN DESSEN WIEDER AUFERWECKTE BAND CHAOS DE LUXE – RELOADED (1982) MIT SÄNGER MARTY PI (seit 2012), MITGLIEDER DER HANSI-DUJMIC-BAND (1985-87) WIE PETER PAUL SKREPEK, HARRY SOKAL, BERNHARD RABITSCH, SOWIE MUSIKERFREUND LUKAS RESETARITS UND DIE ALEXIS DUJMIC BAND


Man kann sich schon verlieren, in so einem Leben, wie von Hansi Dujmic. Wenn man nachhört, in seinen Liedern. In Nachtschattengewächse auf youtubes Musik-unterlegtem Bilderbuch etwa, sieht man einen jungen, hageren Peter Paul Skrepek an der E-Gitarre, einen blonden, braven Bernhard Rabitsch an der Trompete, während Hansi Dujmic vorne singt: „Und sollte Begabung Strafe sein, so warst du über alle Maßen bestraft. Die Besten gehen meistens als erstes, ganz still und unverhofft“. Das stilsichere, immer aggressiver und höher dem Kollaps zuspitzende Gitarrenspiel Skrepeks und Dujmics bestärkt den Sinn dieses Gedankens der Verzweiflung, und Skrepek spielt jetzt wieder, an diesem Abend, Chaos de Luxe – reloaded, Hansi Dujmic, Konzert zum 25. Todestag. Und rechts steht wieder Bernhard Rabitsch als Chorsänger und Bläser, bescheiden im Hintergrund, so wie er ist. 

Gelungene Reminiszenz an die 80er Jahre

 

Die Reminiszenz an den Musiker Dujmic und seine Lieder und Vorlieben in diversen Band-Formationen ist es daher nicht allein, wofür man sich heute und hier interessiert, auch wenn sie andauernd droht, sich alle Aufmerksamkeit einzuverleiben. Sie ruft schon mit ausgedehntem, bedrohlichem Science-Fiction-Dröhnsound den Beginn des Konzerts ein, als die Leute herein strömen. Und es strömen viele. Es ist so gut wie voll im Stadtsaal der Wiener Mariahilfer Straße, der eigentlich ein Kabarett-Etablissement ist. In dieser akustischen Chaos de Luxe-Eröffnung - der Name Dujmics früher Band -, die hörbar an den offensichtlichen Arcade-Abknall-Computer-Spiel-Namensgeber Deluxe Space Invaders (1979) erinnert, geben die Nummern Space Invaders, Check Us Out und Times On Highspeed aus den Jahren 1982 den Konzertauftakt. Und so befremdend künstlich insbesondere die „billigen“ Synthesizer-Klänge im typischen, rasanten Rhythmus und alles verschluckenden Kosmos-Sound - anfangs klingen, so wenig kann man sich ihnen entziehen. Besonders jene, die die frühen 80er Jahre erlebt haben, wo Computer noch mit Weltall, und Weltall mit Gutmensch-Polizisten, und Polizisten mit der Rettung vor den Außerirdischen und der Umkehrung von beidem gleichgesetzt wurde. Das Siegerzitat des Arcade-Spiels lautet ja auch am Ende: „Well done earthling, this time you win.“ Aber auch andere können diesem Stil neuerdings etwas abgewinnen, wie zum Beispiel die Fernsehzeitschrift tv-media, die nach Jahren der Abwertung mit nur zwei Punkten, also „Okay“ des US-Thrillers Gnadenlos aus dem Jahr 1986, am 13.4.2013 demselben Film mit Richard Gere und Kim Basinger plötzlich drei Punkte, also „Sehr gut“, verleiht, und zwar mit den Worten: „Optik, Musik, Frisuren: Hier ist alles total 80er. Wem das nicht auf die Nerven geht, der wird tadellos unterhalten.“ Im wahrsten Sinne des Wortes glorifizierte man in dieser Zeit nämlich trotz aller Künstlichkeit einen erdigen Outlaw-Heroen, ja, der Polizist war ein Outlaw und selbstlos visionär von der Bekämpfung des Bösen besessen. Das Visionäre unterstreicht die pseudofuturistische Musik. Ohne den Synthesizer-Klang wäre der Beginn dieses Abends allerdings auch so erdig genug, dass man ihn heute noch ohne Wenn-und-aber anhören mag. – Was aber noch nicht heißt, dass die Musik der Band insgesamt nicht erstklassig auferweckt wäre. Denn nur, weil die Leute da auf der Bühne – Bassist Mischa Krausz, Keyboarder Robert Kastler, Schlagzeuger Alex Munkas, Gitarrist Peter Paul Skrepek, Background-Sänger Bernhard Rabitsch und Lead-Sänger Marty Pi - so gut, sprich exakt, spielen und singen, fällt man ja begeistert in die Zeit der 80er hinein. 

 

Highlights für die Analen der Musikgeschichte


Eindeutig zwiespältig sitzt man dafür dem Popsong Kum wieder ham in Wiener Mundart gegenüber, wo das Keyboard diesmal eigenartige Panflötenklänge als Happy-Orgeltöne verkleidet. Naja, alles muss ja nicht Musikgeschichte schreiben. Dafür in die Analen eingehen könnte der komplexe Jazz-Blues Dealing With Love, geschrieben von Mischa Krausz für Chaos de Luxe und den Film Artischocke, mit großartigem Skrepek-E-Gitarren-Solo und auch allen anderen, einzeln hörbaren, Künstlichkeit-freien Instrumenten. Spätestens beim folgenden Irgendwann setzt sich nun Marty Pi als neuer „Frontman“ durch, der mit Skrepeks klarer, schnell gespielter Gitarre ein schönes Duett abgibt. Mit Bernhard Rabitschs Flügelhorn gewinnt das Lied gegen Ende an eleganter Leichtigkeit. Der zweite Ewigkeitshit ist Jano, ebenfalls Artischocke-Filmmusik, allerdings geschrieben von Hansi Dujmic, ein instrumentales Rock-Epos mit Hansi Dujmics Neffen, Alexis Dujmic, an der (etwas verstimmten) Lead-E-Gitarre, der weniger lyrisch als Skrepek spielt, dafür mit einem Motorradmaschinenklang gemischt mit einer lässigen Unverfrorenheit in der Greiftechnik zu verführen versteht. - Die Besonderheit des Abends scheinen überhaupt die E-Gitarren als Instrumente zu sein, die allesamt von Hansi Dujmic selbst stammen und zum Teil restauriert wurden, einem sichtlichen Qualitätskenner. - Leider hat Robert Kastler am platt-auftrumpfenden Keyboard jedoch wieder diesen unangenehmen Klang eingestellt, der gewöhnungsbedürftig ist und in unsere Zeiten übertragen gehört.
Nach einem bunten Redner-Karussell zwischen den Liedern, wo Peter Paul Skrepek für Witz und Unterhaltung, Mischa Krausz für die bandhistorischen Schilderungen und Alexis Dujmic für familiäre Anekdoten sorgt, versteht es Marty Pi, zu einer gewissen Stimmungs-Verinnerlichung vorzudringen, indem er aus den Texten der Lieder heraus spricht. Dementsprechend botschaftsbetont und bewegend singt er das sich darauf beziehende In Frieden leben, wozu der ganze Saal einstimmt und Alexis Dujmic den kontraststarken Dialogpart an der E-Gitarre gibt.

 

Showacts an der Unglaublichkeitsgrenze


Der zweite Teil des Abends beginnt im Gegensatz zum Konzertbeginn mit dem sensiblen, mit Kollaps-Abrutschern versehenen, sich in Wiederholungsmustern wieder aufbäumenden E-Gitarrensolo Skrepeks Just Let Me Play My Guitar, wohl ein Jimi-Hendrix-Zitat, weil der Gitarrist danach John Fogerty und seine Band CCR (Creedence Clearwater Revival) erwähnt, und die beiden Musiker oft in einem Atemzug genannt werden, wobei Hendrix als Gott außergewöhnlicher Rockgitarrentechnik, der gitarrespielende Fogerty als göttlicher Sänger und Komponist gehandelt wird. Außerdem soll es Hansi Dujmic geschafft haben, den Country-Rock Fogertys täuschend ähnlich nachzuahmen, und seine Gitarre nach einem Gig wie Hendrix zu zerschlagen (die dann wieder zusammen geflickt und gerade eben von Skrepek gespielt wurde). Eine österreichische „Fogerty“ des Blues ist die Amadeus-Award-nominierte Meena Cryle, die dessen Song Long As I Can See The Light daraufhin so atemberaubend singt, als höre man gerade eine perfekt gemischte, schwarze Melissa Etheridge im US-Radio. Darauf stimmt noch Jazz-Saxofon-Legende Harry Sokal ein, im Duett mit der Trompete Rabitschs, sodass das Konzert erstmals die Unglaublichkeitsgrenze erreicht. Für solche Momente geht man auf Konzerte. Da gibt es keine bewusste Zeitzuschreibung mehr, weil solche Musik zeitlos ist und bleibt. Gehalten wird dieses Niveau auch noch danach, als Kabarettstar Lukas Resetarits auftritt. Und jeder, der ihn als „singenden“ Kottan, der ja nur imitierte, kannte und sich wünschte, dass er doch echt sänge, wird hier in seinen Träumen erreicht: Lukas Resetarits ist tatsächlich ein einnehmend guter Sänger, wahrscheinlich sogar mit einer schöneren Stimme als sein Bruder „Ostbahn Kurti“. Er singt Randy Newmans Guilty mit theatraler Tragkraft, zu Kastlers diesmal angenehm klavier-eingestelltem, locker gespieltem Keyboard und tollem Bläser-Background. Und bevor er Riot In Cell Block No9 von Dr. Feelgood, Elvis und später The Blues Brothers singt, verbreitet er einen Schmäh, der so sitzt, wie man es sich von einem Theaterprofi erwartet. Im Lied selbst singt dann auch sichtlich der Schauspieler Resetarits in verstellter tiefer Stimmlage vor mehrstimmigem Background-Chor und Bläsern im hochprofessionellen Rockorchester. 

 

Großes Potential, aber inkonsequent: Alexis Dujmic


Sternental ist das extreme Gegenteil davon, ein berührendes, klanglich in der Zweistimmigkeit ungewöhnlich schönes Akustik-Gitarren-Duett zwischen Skrepek und Dujmic, wo Zweiter auch als Sänger an Marty Pi heran reicht, wobei Dujmic an sich ja das vielfältigere Stimm- und Betonungsspektrum auf Lager hat. Man könnte insofern von den beiden vergleichend als Interpreten auf der Bühne sagen, dass Dujmic der Mann der leisen Töne ist (was ihm im Radio zugute kommt), während Pi in den Lauten und in der Bühnenpräsenz brilliert. Das wird endgültig klar, als Dujmic in der Folge mit seiner eigenen Band auftritt – im Einzelnen mit einem energievolleren Peter Barborik als Munkas am Schlagzeug, mit Bassist
 Robert Noebauer und Bernhard Käferböck am nach Kastlers Tonwahl erholsamen Akkordeon-, Klavier- und Orgelsound, lauter gute Musiker. Nachtschattengewächse, Aszendenten und Sun Of My Days klingen trotz momentweise tollen Gitarrensolos Dujmics wie von einer ausbaufähigen Amateurband, die sich in Sachen Timing-Exaktheit im Zusammenspiel und im Laut-Leise-Spannungsaufbau an den zuvor aufgetretenen Profis orientieren sollte. Vieles klang regelrecht falsch, seien es Töne des Sängers, als auch der Musiker. So hört man irgendwann nicht mehr zu. Eine musikalische Katastrophe ist schließlich das von Drina Dujmic gesungene Don´t Let Them Stop The Music Now, der älteren Schwester von Hansi und Mutter von Alexis Dujmic. Sie bekommt trotzdem einen auf Sentimentalität beruhenden Höflichkeitsapplaus, den sichtlich Familienmitglieder und Freunde hochtreiben. Nur das bekannte Die Freiheit, Original-arrangiert von Christian Kolonovits und für dieses Konzert neu instrumentiert und adaptiert von Peter Paul Skrepek, schafft es in dieser Band, bühnentragfähig zu sein, wahrscheinlich weil Saxofonist Harry Sokal mitspielt und weil Dujmics an sich schöne Stimme zum Text passt, sie ihm "glaubt". Aufrecht mit tollem Sokal-Solo, 1985 für die Plattenaufnahme von Mischa Krausz / Peter Paul Skrepek und für die Hansi-Dujmic-Band von Peter Paul Skrepek allein arrangiert, ist in Marty Pis Worten "Hansi Dujmics letztes Aufbäumen, seine Rebellion, gegen das Verkauft-Werden", weshalb das wohl beide Sänger - offensichtlich nicht geprobt und deshalb auch nicht besonders gut - zusammen vorführen.

 

Eine Zugabe für die Musikfans, eine für die Seifenoper-Voyeure


Das von allen Musikern und Sängern performte Ausgeliefert, überzeugend und einfühlsam gesungen von Dujmic, wird als erste Zugabe – besonders auch wegen des sonst nicht bekannten Details von einem Großstadt-Saxofon-Klang Harry Sokals – zum vollen Erfolg. Zuletzt kommt noch mal ein „Zigeunerfest-Auftritt“ der ganzen Dujmic-Familie bei Don´t Say No, sprich mit den Töchtern von Alexis Dujmic – naja, die Mädchen können zumindest fast durchgehend richtig und hoch singen. Darin haben sich ein paar Profis wie Sokal, Skrepek, Krausz, etc. verirrt. Aber: schließlich sind ja auch sie mitfühlende Menschen, und das sollte doch auch eine Art Familienfest werden. Sieht man außerdem den ganzen Abend als eine dieser gängigen TV-Seifenopern oder Casting-Shows mit Menschenschicksalen und Faszinationen, dann passen die musikalischen Hochs und Tiefs (die für ein paar Insider wieder emotionale Hochs bedeuten) auch zusammen. Sollte es ein Dacapo geben, wäre dem Musikfreund die ausschließliche Konzentration auf die Hochs aber lieber. Denn schließlich war ja auch Hansi Dujmic ein Profi, den man genau deshalb verehrte.  e.o.


DAS URTEIL LANGWEILIG WAR´S NICHT, DIESES HANSI-DUJMIC-TODESTAGSKONZERT. EIN SHOWACT EBEN, MIT EINIGEN HÖHENFLÜGEN UND LEIDER AUCH MIT EIN PAAR PEINLICHKEITEN. DIE MEISTER UNTER DIESEN MUSIKERN ERKENNT MAN AN IHRER KONSEQUENTEN GENAUIGKEIT, DIE SICH ALS GEFÜHLVOLLE LEICHTIGKEIT TARNT.

KONZERT Chaos de Luxe – reloaded  + Alexis Dujmic Band - Hansi Dujmic – Konzert zum 25. Todestag * Voc: Lukas Resetarits, Meena Cryle, Marty Pi, Alexis Dujmic, Alex Munkas [dr], Mischa Krausz [b], Robert Kastler [kb], Peter Paul Skrepek [g], Harry Sokal [ts, ss, fl], Bernhard Rabitsch [tp, voc], Peter Barborik [dr], Robert Noebauer [b], Bernhard Käferböck [kb] * Ort: Stadtsaal, Mariahilfer Straße 81 * Zeit: 26.3.2013: 20h

Saturday, April 21, 2012

MUSIK: JON REGEN KOMMT MIT "REVOLUTION" WIEDER NACH WIEN

Im Wiener Birdland waren Jon Regens Konzerte stets gut besucht gewesen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass er nach seinem Revolution-Konzert am 8. Mai 2013 im Wiener Reigen an seinem Erfolg anknüpfen kann. (Foto © Elfi Oberhuber)

REIGEN WIEN DASS ZUM LETZTEN KONZERT DES BEGNADETEN US-MUSIKERS UND SEINER EUROPABAND NUR WENIGE - ALLERDINGS SCHWER BEGEISTERTE - BESUCHER KAMEN, IST UNFASSBAR. ES WAR JEDENFALLS EIN TOP-KONZERT. MIT LIEDERN DER NEUESTEN CD REVOLUTION KOMMT DIE JON REGEN BAND AM 8. MAI 2013 WIEDER. HIER IST SCHON MAL DIE KRITIK ZU SEINEM MEISTERWERK.

Es ist ein heiliger Moment im Klangreich der neuen CD Revolution des US-Singer-Songwriters und Jazz-Pianisten Jon Regen, als mit der Neunten von zehn Nummern Spirits of the Soul die Sonne aufgeht. "The blues is fresh, but the music is old" (der Blues ist frisch, aber die Musik ist alt) ist die tragende Textzeile, die literarisch elegant in die menschliche Gefühlszone dringt, sodass sich der Hörer erneut seinem Konzentrationssensorium hingeben muss, wo er doch ohnehin seit Anbeginn lauscht. Denn eine Jon-Regen-CD ist immer ein bis ins kleinste Detail durchdachtes, komplexes Folgewerk, wo man von vorne bis hinten zuhört und nicht abschalten kann, selbst wenn beinahe jede Nummer ein potentieller Hit ist und für sich selbst steht. Die Aufmerksamkeit des Hörers taucht zu diesem Zeitpunkt in eine traurige, zeitlos schöne "Chopin"-Atmosphäre ein, ja, in klassischen "Chopin", obwohl das Blues und Jazz und Pop - und zwischendurch auch Rock - ist, was da zu hören ist. Regen spielt dieses Lied einfühlsamer und ernster, nicht mit dem Swing-Drive, den er sonst so gekonnt drauf hat.

Gleich präsent wie er, wenn nicht sogar präsenter, ist Ex-The-Police-Gitarrist Andy Summers mit seinem beginnenden Bossa-Rhythmus und seiner lautmalerisch fortsetzenden, metallen-tscheppernden Konzertgitarre, die er zupft, während ihn Julia Kent am Cello begleitet. Ihre Saiten klingen so klar und endlos-wichtig, als erzählten auch sie den Inhalt von Jon Regens-Stimme. Es geht um Erinnerungen, die Regens Gemüt wie Stalker heimsuchen, nachdem ihn eine geliebte Person verlassen hat. Sie bescheren ihm ein Gefühl der Leere und Schuld, wie er es schon oft erfahren mußte. Er, der Musiker, schöpft aber letztlich aus diesem Gefühl für seinen typischen Stil: "The blues is fresh but the music is old", eben. Das hat auf entrückter Ebene subtilen, schwarzen Humor, wie er einige Male mehr oder weniger verhalten auf Revolution zu finden ist.


Kein toller Höhepunkt ohne gigantisches Vorspiel


Spirits of the Soul ist auf der CD Höhepunkt und leichter Stilbruch zugleich. Und er wäre weniger herausragend, würde die immer spannender werdende Abfolge der Lieder zuvor nicht sein. Scheinbar unterliegt das ganze Konzept der Reihung einer (werbe)psychologisch gewinnenden Strategie. Es beginnt mit der "Einführungsnummer" und dem Titellied Revolution, dem einzigen schwächeren Lied, nebenbei bemerkt. Möglicherweise liegt die Schwäche an den plump gesetzten Instrumenten Cello und Percussion im einfach gestrickten Hauptteil, wodurch auch der Text etwas konstruiert wirkt. Doch Regens raffiniertes Klaviersolo signalisiert dann doch noch die Ruhe vor dem Sturm (die Revolution), der bereits mit der zweiten Nummer aufkommt. Seine Windstärke liegt bis zur vierten Nummer vor allem auf der Wort-Ebene, d.h., der Hörer wird geistig erfaßt und emotional für die klanglich in der Instrumentation immer wieder wechselnde und anwachsende Musik der kommenden Songs "geöffnet".


Erste Gefangennahme durch Worte


So also, wenn Regen in She´s Not You davon singt, dass er in diesem billigen Hotel feststecke, wo der Fernseher kaputt sei, und er sich nicht wohlfühle, sodass er sich gemüßigt sieht, in die Bar zu gehen. Und: "Da war "sie". Sie könnte deine Schwester sein!" Doch: "Sie ist nicht du, aber heute Nacht muss sie es sein". Die Begeisterung für die Frau hält zu angenehm lockeren Rockswing-Klängen fast bis zum Ende an, bis er durchblicken läßt: "Ich hänge immer noch an dir." Dieselbe amouröse Leichtigkeit mit einem Hauch schwarzen Humors und Selbstironie bezüglich der eigenen Rührseligkeit und Musikerexistenz hält auch in Delores an. Das Lied beginnt schon so: "Alle schönen Frauen sind beschäftigt, alle netten Kerle sind betrunken. So lass uns ausgehen, Delores, um uns ein bißchen zu vergnügen. Nun, deine Mutter sagt, ich sei verrückt. Dein Bruder sagt, ich bin zu alt. Du hast einen Vater in der Marine, er sagt, ich passe nicht zu Eurer Lebensweise..." Sie solle doch tun, was sie wolle, denn sie hätte ihr Leben in der eigenen Hand. Dass "seine" andere Lebensweise allerdings auch einiges zu bieten hat, bekräftigt die zärtlich-elegant swingende Hammond-B3-Orgel von Benmont Tench im präsenten Back- und Sologround, dem ersten Gaststar-Musiker auf der CD. Im vierten Just Waiting For Now wird die Ironie zwischen Text und Musik noch stärker, indem sich der Inhalt um eine philosophische Abhandlung vom Fallen und auf dem Boden aufkommen, vom Wegrennen und Eingeholtwerden, und dem "Warten auf das Jetzt" einem locker-fröhlichen Pop-Blues-Orchester aus Akkordeon, Melodica (auch von Jon Regen gespielt) und Orgel neben den "Standards" Piano, Bass und Schlagzeug gegenüber stellt.


Überwältigung durch die Musik


Ab Excuse Me, But It´s Not Supposed To End Like This, dem fünften Song, geht die musikalische Größe schließlich ganz auf, sodass der Text zweitrangig wird, wenn Regen (wie schon in früheren Nummern auf der CD Let It Go) von seinem Trennungsschmerz singt. Mit dem Tenorsaxophon von Mike Karn und Trompeter Jim Rotondi bekommt die CD einmalig eine neue, vollere Klangfarbe. Dadurch kommt das wieder reduzierte One Part Broken, Two Parts Blue mit den Frontinstrumenten Akkordeon und Klavier neben der einfühlsamen Background-Orgel von Matt Rollings erst recht beim Hörer an. Vor allem auch wegen der treffend schönen, traurigen Metapher einer Empfindung "Ein Teil zerstört, zwei Teile melancholisch (=blue(s))", passend zu einem Morgen in New York, wo Jon Regen zuhause ist. Fighting For Your Love ist dann die sexuell befreiende, rockig-schnelle Lebensfreude als Antwort, musikalisch und inhaltlich. Sowohl die Akteure - Regen am charismatischen Piano und mit seiner männlichen Mikrofonstimme neben seiner erdig-rauen Co-Sängerin Dana Fuchs - als auch die Unterstreicher, der gas-gebende Schlagzeuger John Miller und der dynamische Bassist PJ Phillips, sowie der rassige Gitarrist George Marinelli, stehen hier für den aktiven Kampf ums Liebesglück schlechthin. Die darauffolgende Nummer If You´re Here beginnt wieder ruhig und extrem stark mit den zwei genialen Solisten, E-Gitarrist Matt Beck und Ricky Peterson an der Hammond-B3-Orgel, sodass auch Jon Regen - aus der verbalen Orientierungslosigkeit ohne die Stabilität der geliebten Person - an der Orgel und am Wurlitzer zu seiner Hochblüte gelangt.


Erfüllung durch Wort und Musik


Und damit sind wir beim anfangs beschriebenen Spirits of the Soul, das den Hörer bis ins Detail gefangen nimmt. Dieser Song wurde übrigens neben Regen von Tenor David McAlmont co-geschrieben, der im letzten Song Run Away im Duett mit dem Bandleader, oder besser, als Lead-Sänger auftritt und noch einmal eine komplett neue Klangfarbe mitbringt. Diese beiden Stimmen - wie schon die Regen-Kombination mit Dana Fuchs zuvor - sind dermaßen originell und gleichzeitig stimmig ergänzend, dass es dem Zuhörer die Sprache verschlägt. So originell und stimmig, wie es durchgezogen die Instrumental-Arrangements der ganzen CD sind.

Mit einem Wort: Jon Regen und seine Co-Produzenten Matt Rollings , Juan Patino und Mischer John Porter, Michael H. Brauer haben sich mit dieser CD Revolution übertroffen. Eine extreme Befriedigung für jeden Musikfetischisten, und vor allem Qualitätskenner!      e.o.
          

DAS URTEIL DIE NEUE JON REGEN - CD  REVOLUTION IST EIN MUSIKALISCHES KUNSTWERK, DAS UNS ÜBERLEBEN WIRD. ES BLEIBT ZU HOFFEN, DASS DAS MUSIKLAND ÖSTERREICH DIESE PERLE BEIM NÄCHSTEN KONZERT ZU SCHÄTZEN WEISS.

CD & KONZERT Revolution * Jon Regen Band Tour 2013 * Ort: Reigen Wien * Zeit: 8.5.2013: 20h30

Thursday, May 26, 2011

OPER: GIORGIO MADIA LIEBESMYTHISCH IN "LE PAUVRE MATELOT" UND "VENUS IN AFRICA"


Weil sie so treu ist, hängt die Liebende (Diana Higbee) in Le pauvre matelot der alten Liebe, dem lange gegangenen Matrosen (re: Pablo Cameselle), nach, anstatt den neuen Anwärter (li.: Andreas Jankowitsch) zuzulassen ...
Es ist nötig, "Licht" in ihre verdrehte, dunkle Seele zu bringen: der Matrose kommt "entstellt" zurück ...
... und will sie prüfen, ob sie für ihre Treue untreu wird: sie soll sich für Perlen verkaufen, um ihn zurück zu bekommen. Sie entscheidet sich besser: sie bringt den fremd gewordenen Geliebten (unterbewußt) um und sagt es dem unvermögenden Vater (Mentu Nubia).

Um irritierende Gefühle ins Bewußtsein zu holen und richtig zu deuten, ist es manchmal gut, jene aufzuschreiben: fürs Publikum tun das in Venus in Africa die streitsam Liebenden Yvonne (Diana Higbee) und Charles (Andreas Jankowitsch) ...
... manch einen könnte der Streit im Ringkampf so verunsichern, dass er sich fragt, ob diese Partnerin wirklich die Richtige ist, ...







... das sagt Charles dann die verführerische Venus (Nazanin Ezazi), die ihm eigentlich als Partnerin viel lieber wäre, obwohl sie untreu
und rastlos ist und ihn unfrei macht. Doch sie scheint besser aussprechen zu können, was ihn wirklich ängstigt. Bis auch er es weiß. (Fotos © Christian Husar)



 

WIENER KAMMEROPER MIT DER LIEBE UMGEHEN ZU LERNEN IST FÜR MANN UND FRAU EINE LEBENSAUFGABE. WIE ABSTRAKT MAN DABEI DENKEN LERNT, EBENSO. - BEIM FRANZÖSISCHEN KOMPONISTEN MILHAUD UND AMERIKANISCHEN ANTHEIL WIRD BEIDES UNTER GIORGIO MADIAS REGIE ZUM SPANNENDEN VERGNÜGEN


Treffende Sätze über die verwirrenden Gefühle einer Liebesprojektion erzählt zu bekommen, ist immer wieder anregend für den Menschen, wenn er selbst schon ein paar mehr oder weniger heftige solcher Episoden erleben mußte. Man könnte aus der Distanz auch sagen: durfte. Denn eine im Moment des Erlebens quälende Liebeserfahrung eröffnet dem Betroffenen eine abstrakte Dimension des Fühlens, zu der nur der Mensch fähig ist. Sie ist spannend, weil sie für ihn ein Rätsel ist. Manch einer könnte diese Befindlichkeitslage auch als psychisch krank bezeichnen, denn alles, was der "Liebende" hier tut und denkt, ist wortwörtlich "ver-rückt" unvernünftig. Und Vernunft soll im Gegensatz dazu ja auch des Menschen Eigenschaft sein, zu der er seit der Epoche der Aufklärung tendiert. Das ausgelieferte Objekt wird durch seine Vernunft zum bestimmenden Subjekt. Der Unterlegene zum Herrn. Um jedoch die Vernunft, oder anders gesagt, den Verstand in Anspruch nehmen zu können, muß der Betroffene seine Gefühle zuerst verstehen.

Wenn die verwirrte Frau liebt

Inmitten dieses Verwirrspiels befindet man sich in der Wiener Kammeroper bei den Stücken Le pauvre matelot von Darius Milhaud und Venus in Africa von George Antheil. Eine äußerst geglückte Doppelinszenierung von Giorgio Madia, mit ähnlich intelligenten Verbindungen wie sie 2007 Nicola Raab im Dove-Maxwell-Davies-Zweierabend (siehe Kritik-Nachlese) machte, nur dass der Regie-Gesamtstil bei Madia purer und edler anmutet und dass die Doppelbesetzungen der Darsteller eine zusätzliche Interpretation ermöglichen. In dem, obwohl szenisch reduzierten, dramaturgisch raffinierteren ersten Stück Le pauvre matelot, worin eine von einem Matrosen verlassene Liebende (Schönsängerin Diana Higbee) jahrelang auf ihren Geliebten wartet, sodass sich ihr Liebesobjekt inzwischen in eine Wahnvorstellung verschoben haben muss, fallen hochinteressante Sätze an ihren Vater (eindringlicher Bass: Mentu Nubia) wie: "Ich könnte ihn betrügen, wenn sein Foto nicht auf dem Nachttisch stünde."

Die folgende Geschichte läßt sich als Produkt ihres Geistes verstehen, worin sie versucht, den sie zurückwerfenden, in ihrem Herzen selbst-errichteten moralischen Stillstandsklotz, los zu werden. Dafür steht auch das abrupte Ende. Denn in ihrem konzentrierten Wahn, wo der Geist ständig um dasselbe kreist - Madia versinnbildlicht das durch eine permanente kleine Drehbühne mitten auf der gerahmten (= eingekapselten) Bühne, wo die Darsteller, und vor allem die Frau, auf- und abgehen - kommt der Matrose (nicht sehr männlich, aber gesanglich o.k.: Tenor Pablo Cameselle) völlig entstellt zurück, um ihr eine Treue-Prüfung aufzuerlegen: er will wissen, ob sie bereit sei, sich für Geld (bzw. eine Perlenkette) zu verkaufen, um mit dem Erlös ihren Geliebten zurück zu bekommen.

Ihr seelischer Befreiungsschlag kann nur eintreten, wenn sie für sich einsieht, dass der "Geliebte" seinerseits selbst untreu war und "moralisch" weit weniger wert ist als sie. Für diesen Gewissenskampf stehen die einzigen zwei Farben des Stücks: schwarz und weiß. Nicht umsonst ist ihr Objekt der Begierde ja ein Matrose, das Mythos für den Ungebundenen auf Reisen schlechthin. Tatsächlich erschlägt sie - nach einer handlungsrhythmisch einschneidenden, entscheidungsfindenden Erleuchtungsdrehung - den insgeheim erkannten fremden Geliebten, also den für ihre Absichten als falsch beschlossenen Liebespartner. Damit ist sie endlich frei und offen für eine neue Liebe (sehr männlich und gesanglich gut: Andreas Jankowitsch) oder auch das Licht, das sie aus dem psychischen Dunkel führt - ein ebenfalls gesetztes Stilmittel des Regisseurs (spannendes Lichtdesign: Christian Weißkirchner).

Wenn der verwirrte Mann liebt

Den Kern dieser Obsession, der Sehnsucht nach absoluter und garantiert ewiger Liebe, trifft Madia in seinem Vorwort auch in Bezug auf das folgende Antheil-Stück Venus in Africa: "Um sich von der lustvollen Last zu befreien, Venus ausweglos verfallen zu sein, ist es nötig, ihre Unnahbarkeit anzuerkennen." Im Gegensatz zur - typisch weiblichen - Liebenden im ersten Stück, bezieht sich die krankhafte Sehnsucht hier auf den - typisch männlichen - Liebenden, Charles. Charles ist mit Yvonne zusammen, die für ihn etliche Opfer gebracht hat: sie hat sich die Haare gefärbt, ihren Hund, ihr Haus und ihren Freund verlassen. Ohne zu wissen, was für Zweifel und Ängste er eigentlich hat, kommt es zwischen ihnen, an einer "unsicher" von der Decke hängenden überlangen Theke, zum Streit. Es fällt der für eine Anfangsliebe typische Satz, "was ist eigentlich passiert? Wir waren nie richtig zusammen."

Um die Worte realer ins Bewußtsein zu holen, als sie es den beiden sind, werden ihre Sätze auf Tafeln ins Publikum gehalten. Die Gefühle sind einfach nicht zu begreifen und machen, vor allem ihm, Angst. Charles greift zu einer Lektion und schickt Yvonne mit vom - auch eine Perlenkette anbietenden - Matrosen des Vorstücks gekauftem Falschgeld in ein Hotel. Mit einem, "man muss diese verdammt weibliche Unabhängigkeit austreiben" bleibt er zurück, traurig konstatierend, "ich habe gewonnen und bin allein". In seiner Ratlosigkeit erscheint ihm Venus. Er verfällt ihren, mit einem langen Band symbolisierten Verführungskünsten auf einer mit bunten Lichtern bepflasterten Showbühne (für die treffenden Bühnendetails ist wieder Cordelia Matthes zuständig), ihr, "dem Rastplatz für Männer", die von der Alternative, viele Weiber zu haben, spricht, und wo er sich fragen kann, "bist du real?". Da sticht ihm, wie dem Publikum, das grelle Licht ins Gesicht, und Venus meint: "Alle Liebenden sind kurzsichtig."

Sie schläft mit ihm, er ist hingerissen, und sie verläßt ihn, auf Yvonne verweisend, die ihm im Gegensatz zu ihr doch treu sei. Und langsam siegt die Vernunft über ihn, Yvonne wird immer mehr zu seiner Venus (sie trägt deren Umhang), selbst wenn, oder gerade weil er mit ihr im Ringkampf steht (superkurze, witzige Szene). Denn die wieder beschilderte "Liebe" bedeute "Kampf, Schmerz, Mühsal", und "dem Wesen zu vertrauen, das dir wehtut". Mit dieser Erkenntnis tanzen alle übermütig heiter und vergnügt, Venus (einzig neue Darstellerin: Nazanin Ezazi) mit dem Falschgeldverkäufer (dem "Matrosen" Cameselle), der Barkeeper (Nubia), Yvonne (Higbee) mit Charles (Jankowitsch). Zu guter Letzt stellt sich sogar das Falschgeld als echt heraus, weil die zuvor als falsch vermutete Liebe doch echt war. Und das heißt denn auch für den Mann: für die Frau und ihre beider Nachkommen finanziell aufkommen zu müssen. Oder: es mit dieser Sicherheit auch zu wollen.

Zu Unrecht verdrängte Musik

Bei dem Verfolgen des spannenden Textes und Geschehens vergißt man leider, bewußt auf die Musik zu hören. Man sollte sich das Ganze daher ein zweites Mal ansehen. Dennoch, Milhaud ist abstrakter (und minimaler) als Antheil, und Antheil weit weniger abstrakt als man von ihm, dem Co-Erfinder der ungestörten Mobiltelefonie, im Allgemeinen glaubt. Beide Komponisten unterstreichen mit ihrem Klang die Handlung, und besonders Antheil nutzt Jazz und Varietémusik. Außerdem: bei beiden fällt in Sachen Musik kurz das Themen-bezogene Motiv der Juden-Konnotation auf: Obwohl Milhaud (1892-1974) aus einer wohlhabenden, jüdisch-provenzalischen Familie stammte, was für ihn ein Leben lang von stark prägendem Einfluß war, läßt Librettist Jean Cocteau den Matrosen in ihrem Stück (UA 1927) zur Liebenden sagen: "Sie sind stolz. Morgen werde ich einen Juden finden, der die Perlen schätzt." Und später erklingt im Venus-Stück Antheils (UA 1957) mit dem Auftritt des Falschgeld-Verkäufers jüdisch-östliche Klezmer-Musik ... Dabei emigrierte Franzose Milhaud nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs in die USA, und Amerikaner Antheil kehrte 1933 von Paris in die USA zurück, weil seine Musik unter den Nationalsozialisten nicht mehr verkäuflich war. e.o.


DAS URTEIL EIN KLAR ERZÄHLTES, RAFFINIERT SYMBOLREICHES OPERNDOPPEL ÜBER DIE LIEBE. TEXTLICH UND INSZENATORISCH SO EDEL, SPANNEND UND LEHRREICH, DASS MAN GANZ VERGISST, AUF DIE SCHÖNE MUSIK ZU ACHTEN.

OPER Le pauvre matelot / Venus in Africa * Von: Darius Milhaud / George Antheil * Regie: Giorgio Madia * Musikalische Leitung: Daniel Hoyem-Cavazza * Mit: Kammerensemble der Wiener Kammeroper * Bühne & Kostüme: Cordelia Matthes * Mit: Mentu Nubia, Diana Higbee, Andreas Jankowitsch, Pablo Cameselle, Nazanin Ezazi * Ort: Wiener Kammeroper * Zeit: 26., 28., 31.5., 2., 4., 7., 9.,11.6. 2011: 19h30

Tuesday, October 12, 2010

KABARETT: NIVEAUVOLLERE POLITIKER IN "LASST KREISKY UND SEIN TEAM ARBEITEN!"


Die Siebziger waren eine Zeit der revolutionären Künstler (Arenabesetzung) und der emanzipierten Frauen (hier: Marco Maurer und Nina Tatzber), Sympathisanten der damaligen SPÖ ...

... doch hatte Bundeskanzler Kreisky zeitweilig nicht nur Sympathisanten (hier: Thomas Dapoz und Roman Straka) ...

... in einer Zeit, wo das von Peter Alexander (umwerfend: Roman Straka in der Mitte) besungene Kleine Beisl neben McDonald´s besteht, gibt es eben Gegensätze ...




... , die den revolutionären Roten aber gut taten. Nach dem haushochen Sieg der Partei SPÖ wurden die Parteigenossen mit der Zeit selbstgefällig, was ihnen bis heute schadet.




- Das läßt Helmut Zilk (grandios: Peter Paul Skrepek) erahnen, der seine persönliche Meinung über Bruno Kreisky preisgibt - in einer intellektuellen Art, wie sie im Niveau auch der legendäre Bundeskanzler pflegte. - Etwas, das es heute bei Parteibossen jedweder Couleur nicht mehr gibt. (Fotos © Palais Nowak, Jan Frankl)







PALAIS NOWAK IN "LASST KREISKY UND SEIN TEAM ARBEITEN!" ERFÄHRT MAN, WAS EINEN PERSÖNLICHKEITSSTARKEN POLITIKER AUSMACHT: SEINE SPRACHE.

Es sind die paar TV-Ausschnitte, im Kabarettmusical Lasst Kreisky und sein Team arbeiten!, die selbst für Nach-Siebzig-Geborene erahnen lassen, was für eine souveräne Persönlichkeit Bruno Kreisky gewesen sein muss. Da hat ein FPÖ-Mann Heinz-Christian Strache durchaus recht, wenn er in einer seiner Freiluft-Wahlreden kurz vor der Wiener Gemeinderatswahl mit Kreisky und Helmut Zilk von den letzten SPÖ-Persönlichkeiten schwärmt. - Vom Altbürgermeister kann man das am Kabarettabend übrigens behaupten, weil ihn der Zilk-Darsteller Nummer 1, Peter Paul Skrepek, philosophisch durchtränkt zur Geltung bringt. Kreisky und Zilk eint hier eine Sprache, die eine intellektuelle ist, und von deren Niveau man heute kaum glauben kann, dass es jemals vermochte, Massen zu gewinnen. Heutige Politiker (und auch TV-Medien) glauben, jene nur noch mit der Vorstadtwirtshaussprache überzeugen zu können, indem sie ein abwertendes Bild von der überwiegend vertretenen Arbeiter- und Mittelklasse zu haben scheinen und die gebildeten Menschen überhaupt vergessen. - Oder aber: der Alltagston des Wiener Bürgertums ist tatsächlich so tief gesunken, dass es gar nichts anderes mehr versteht (einschließlich der vielen Ausländer, die kein richtiges Deutsch sprechen). In der Politik wie in der Werbung regiert ja bekanntlich der Grundsatz: "Sprich die Sprache deines Adressaten!".

Kreisky sprach seine Sprache, nicht jene der Gesellschaft

Im besagten Kabarett wird allerdings dann doch deutlich, dass der Ton, den ein Politiker (sprich Bruno Kreisky) früher wählte, einer subjektiven Entscheidung unterlag (oder einfach dem eigenen Ich entsprach), während die Gesellschaft, in der er (Bruno Kreisky) sich befand, eine vielfältige war, voller niederer und hoher Modeströmungen. Gerade die krassen Gegensätze sind es, die das Paradoxon eines komplett widersprüchlichen und damit äußerst kreativen Jahrzehnts aufdecken, was wiederum den Unterhaltungswert des Kabarettstücks von Fritz Schindlecker und Albert Schmidleitner mit einem Beitrag von Peter Paul Skrepek ausmacht. Und ginge die inhaltliche Abfolge in Wort und getanzten Musiknummern nicht so rasant und pop-entschärft schnell, dann wäre das eine richtig böse Satire geworden.

Frauenemanzipation und Burschenschaften

Ein wiederkehrendes Thema ist die Frauenemanzipation, die vor allem den ersten Teil bis zur Pause bestimmt, wobei die Emanzipation von langhaarigen, intellektuellen Frauen wie Elfriede Jelinek, die eine Bundeskanzlerin nach 2000 (allerdings in Deutschland) voraussagen, letztlich von der Menstruation vereitelt wird. Auf der Männerseite taucht indessen während der Arena-Besetzung eine Gerhild auf, die sich als ehemaliger Gerhard entpuppt. Und im lustig frauengetanzten Alice-Song ruft eine Männerriege dazwischen: "Who the fuck is Alice?" - Gemeint ist Alice Schwarzer. Unterdesssen wird später auf Gesellschaftsebene neben den Bravo-Lesern eine schwangere Schülerin beleuchtet, die im sechsten Monat im Beisein ihrer provinziellen Eltern den ersten Aufklärungsunterricht besucht. Zwei Grafikern ist es dann erlaubt, im Zuge der Sozis-entschärften öffentlichen Pornografie, den blanken Busen auf Fotos zu belassen, während das Zumpferl aber übermalt werden muss. Und in diesem Kontext eröffnet sich noch das heutige Integrationproblem: nämlich als Anliegen der Arbeiter und Bauern, die gerne eine viersprachige Ortstafel hätten. Doch wer sollte das (damals) beschriften? - Frauen, natürlich.

Wiener Gemütlichkeit und Hanf-Intellektuelle

Auch Wirtschafts- und Gesinnungsthemen kommen nicht zu kurz: Neben Bankenkrisenanspielung und Ökodebatten (Autofreier Tag, Atomkraftwerk Zwentendorf) wird das Modewort der heutigen "Weltverschwörung" eingestreut, wobei jedoch die amerikanischen Ölbetreiber, die Kameltreiber und die sozialistischen Verkehrsbetriebe sowieso unter einer Decke stecken würden. Progressive Akademiker-Kiffer schwärmen unter RAF-Einfluß vom Hanfanbau im Weinviertel, denen burschenschaftige CV-Studenten im Girlie-Jazztanz entgegen halten wollen - eine wirklich gelungene Passage! Die allerbeste Nummer gibt dann aber der Peter-Alexander-Interpret Roman Straka mit einer Text-Abwandlung des Kleinen Beisls in unserer Straße, wo am Stammtisch gegen Ausländer gehetzt und am Klo gekotzt wird. - Das schildert das Bild von der "Wiener Gemütlichkeit" schlechthin. Zum "Ausgleich" derselben kommt Fastfooder McDonald´s auf, aufgetischt von einer Cheerleader-Girlie-Group. - Das ist zum Schreien.

Solche Eindrücke sind es, die dem Zuschauer bewußt in Erinnerung bleiben, weil sich die Regie von Victoria Schubert und die Choreographie von Cedric Lee Bradley von den vielen zum Teil ergänzten 80-er Popnummern (u.a. Highway to Hell, A Glockn, Da Hofer, Bobby Brown) unter der musikalischen Leitung von Erwin Bader treiben lassen, sodass auch die musicalgeschulten Sänger und Tänzer zwar eine sehr professionelle Ensembleleistung hinlegen, aber kaum persönlich herausragen.

Ein skrepekscher Zilk für Geist und Nachhaltigkeit

Umso auffälliger sticht am Ende Helmut Zilk (Peter Paul Skrepek) hervor, der dem Ganzen einen autoritätsstarken, zehnminütigen Nachhalt verleiht. Und das aber, ohne sich selbst zu kurz zu kommen, denn Helmut Zilk geht bekanntlich von seiner Person und seinem Redefluß nie ab, selbst wenn er schon gestorben ist. Das Fegefeuer sitzt ihm deshalb auf den Fersen. (Skrepek tritt hier als Zilk erstmals seit dessen Tod 2008 auf.) - Er resümiert über die Vor- und Nachteile des Agnostikers und leicht überheblich-charmanten Kreiskys, ohne wirklich zu werten und zu vergessen, ab und zu in den wortspielerischen und überraschenden Nonsense abzutriften. Die Lacher sitzen so gezielt und tief, dass sich manch einer persönlich angesprochen fühlt (weil ihn Zilk wirklich anspricht) ...
Wir vergessen am Ende dennoch nicht, die Quintessenz des Stücks heraus zu lesen: dass die Roten ab der Spitze ihres Erfolgs zu eitlen und selbstgefälligen Genossen geworden sind, wo sie doch einst "Children of the Revolution" sein wollten - das Lied, mit dem der Abend beschwingt und doch zynisch ausklingt. e.o.


DAS URTEIL HINTER EINEM RASANT SCHNELLEN MUSIKNUMMERNABLAUF VERSTECKEN SICH BITTERBÖSE TEXTE ÜBER DIE ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT UND IHRE POLITIK. - EIN ZILK BRINGT DAS AM ENDE INS BEWUSSTSEIN. EIN RUNDER ABEND, ZUM AUFWACHEN, WENN MAN WILL, AUF JEDEN FALL ABER ZUM LACHEN.

KABARETTMUSICAL Lasst Kreisky und sein Team arbeiten! * Regie: Victoria Schubert * Musik: Erwin Bader * Choreografie: Cedric Lee Bradley * Buch: Fritz Schindlecker, Albert Schmidleitner, Peter Paul Skrepek (Zilk-Part) * Mit: Wilbirg Helml, Doris Hindiniger, Georg M. Leskovich, Kudra Owens, Ariane Swoboda, Nina Tatzber, Thomas Dapoz, Roman Frankl, Marco Maurer, Peter Paul Skrepek, Roman Straka * Ort: Palais Nowak beim Gasometer * Zeit: fast täglich von 5.10.2010 - 2.3.2011, 19h30 * link: www.palaisnowak.at

Friday, September 03, 2010

PERFORMANCE: GENIAL-DILETTANT XAVIER LE ROY PRODUZIERT "ANDERE UMSTAENDE"






















Man glaubt längst, die komische persönliche Sache hinter dem Dilettantismus in
Product of Other Circumstances von Xavier Le Roy (Foto © Vincent Cavaro) erfaßt zu haben ...

... da konfrontiert er einen nach 1h50min mit einer beglückend-genialen Überraschung. Und umso größer wird seine kritische Aussage. (Foto © Luc Fleminck)

KASINO AM SCHWARZENBERGPLATZ - IMPULSTANZ WIE LANGE XAVIER LE ROY DEN DILETTANTEN SPIELT, LIEGT WENIGER AM BUTOH-LERNEN ALS AN DEN UMSTÄNDEN DIESER WIRTSCHAFT:
PRODUCT OF OTHER CIRCUMSTANCES STEHT DAFÜR.

Es ist 20h50 - nach einer Stunde und fünfzig Minuten Aufführung und nicht ganz fünf Minuten vor dem Ende -, als Xavier Le Roy ein kleines, etwa fünfminütiges Tanzstück von höchster Magie und Kunst, zwischen zeitgenössischem Gliedertanz und konzentrieter Butoh-Meditation hinlegt. Innerhalb eines Abends, den er selbst "Amateurstück" nennt und dem er den Titel Product of Other Circumstances gegeben hat. Eine Art von koketter "Entschuldigung", weil er anscheinend etwas versucht hätte, das ihm nicht gelungen sei, aber nicht, weil er es nicht schaffte, sondern weil er es nicht schaffen wollte. Nämlich in zwei Stunden den fernöstlichen Tanz Butoh zu erlernen. (In Wahrheit hatte er dafür vier Monate Zeit, davon aber wieder nur seine karge Freizeit während seiner Touren und der einzigen Woche Urlaub im Jahr). Kollege Boris Charmatz hatte Le Roy an dessen beiläufige Behauptung, "um Butoh-Tänzer zu werden, brauche ich zwei Stunden" erinnert(, auch wenn sich Le Roy selbst nicht wirklich daran erinnern konnte), und wollte nun binnen kürzester Zeit einen Beweis von dem Berlin-Franzosen haben, nachdem Charmatz eine Schwerpunktveranstaltung kuratierte. (Ein Le Roy macht sich ja immer gut bei einem Festival, besonders, wenn man ihn überführen kann ... was man ihn dann aber nicht kann.)

Ein Dilettant macht sich lustig

In seinen Tanzeinlagen dilettiert Le Roy, oder besser, mockiert er sich also die ganze Aufführung über den asiatischen Tanz (manchmal mehr, manchmal weniger lustig), während er quasi seinen ganzen Annäherungsprozeß während der Erarbeitungszeit rekapituliert - das hat etwas von einer Lehrstunde mit Google-Such-Videobeispielen und Erklärungen, worin Le Roy seine persönliche Beziehung zu Butoh herauspickt. Und die basiert hauptsächlich auf der seit Jahren sporadisch wiederkehrenden Anspielung von Besuchern Le Roys, die ihm eine Butoh-Nähe zuschreiben, obwohl er selbst damit überhaupt nichts verbinden kann (und will. Weil die Zuschreibungen auf oberflächlichen Vergleichen beruhen). Nur weil er einmal "nackt" auftrat und "langsame Bewegungen" machte, und ein anderes Mal "Konzentrationsmomente im angestrengten Gesicht" hatte, ist das noch lange kein Butoh. Und auch nicht, weil sich sein Konzepttanz gegenüber der westlichen Geschichte wie der Butoh in Asien von der eigenen Tanztradition verabschieden und dennoch eine klar erkennbare (geografische und persönlichkeitsbezogene) Herkunft tragen will.

Der Dilettant entpuppt sich als Genie

Bis zur besagten 20h50-Minute hat der Zuseher überhaupt das Gefühl, der Hauptpunkt, der Le Roy an dem Tanz widerstrebt, ist die emotionale Komponente: sprich die Expression von inneren, echten Gefühlen und von fantastischen Vorstellungen. Le Roy scheint es aber auch nicht wirklich zu schaffen, in den inneren geistigen Zustand von Tiefe zu gelangen, durch den der Tanz erst seine Kraft bekommt. Für manchen Geschmack, wie den des Choreographen, mag das auch einfach zu theatralisch sein. Le Roy will intellektuell sein, und auf sehr intime, ironisch-persönliche Weise "sachlich" am Thema seines Stücks. Deshalb kann er sich in seinen Tanzpersiflagen bekannter Stücke seiner Erinnerung - röchelnd, grimassenziehend und körperlich verkrampfend - auch nur lustig machen.

Und doch, in jenem besagten Stück kurz vor dem Ende, gelangt er dann in die tiefe Butoh-Konzentration, während sich seine Hand und sein Fuß in exakter Linie entgegengesetzter Richtung vom Körper entfernen. Ein überraschender Moment, bei dem einem der Atem still steht, weil man erkennt, dass Xavier Le Roy den Zuschauer während der ganzen Zeit über an der Nase herum geführt hat. Denn er hätte es geschafft: in zwei Stunden (bzw. binnen kürzester Zeit) "sein" Butoh zu lernen. - Warum er dann aber doch ein langes "Assoziationsstück" daraus gemacht hat, erklärt er zusammengefaßt folgendermaßen: "Bei dem Kurzstück hätten die Leute gefragt, ob das nun Butoh oder doch etwas anderes gewesen sei, und das wäre mir zu wenig kritisch gewesen." Außerdem hätte er für so eine Aufführungsdauer auch zu gut bezahlt bekommen, denn er müßte für seine Subventionswürdigkeit genau 28 Euro pro Stunde verdienen (wobei er natürlich viel länger für die Erarbeitung experimentiert hatte, sodass er ohnehin unterbezahlt gewesen wäre bzw. ist).

Die Kritik hinter dem Dilettantimus

Die während der ganzen Aufführung punktweise, eingestreute Kritik ist es denn auch, die Xavier Le Roy dem Zuseher so nahe gehen läßt. Denn hier erfährt man, dass es einem freischaffenden Tänzer auch nicht anders geht, als anderen freidenkenden (und produzierenden) Menschen in dieser Wirtschaftswelt. So möchte er sofort Widerstand leisten, wenn er etwas schnell und billig produzieren soll, "weil es in der Gesellschaft immer so ist, dass etwas schnell und billig zu produzieren ist. Dabei sollte doch einfach professionelle Arbeit bezahlt werden." Auch wollte er nicht einen Kursus ablegen, um dieses Aufführungsziel zu schaffen, weil er "kein Master-Student sein will" - er entwickelt seinen persönlichen Zugang und Stil. Interessant ist auch, was ihm an Butoh einigermaßen gefällt: "Der kritisch entwickelte, eigenständige Aspekt. Sowie, dass ein Mann bis 85 noch wie ein junges Mädchen tanzen kann."

Ein neuer Input für die Kultur-/Wirtschaft

Am Ende beteuerte er, wie viel Freude ihm dieses Vortragswerk bereitet habe, weil es mit viel Freiheit in seiner Freizeit entstanden sei.
Ich ergänze diesen Satz als freischaffende Journalistin und Vereinsleiterin vom Kulturberichterstattungsmedium intimacy: art (im Internet): "Mir verschafft das kritische Schreiben in der Freizeit vor allem Erleichterung. Denn nirgends sonst kann man genau das schreiben, was man wirklich empfindet. Das - also die Wahrheit - ist es aber, was man der Welt wirklich mitteilen will. Und dass das als professionelles Vorhaben unternommen wird, ist der eigentliche Reiz daran (es ist keinesfalls ein Hobby der Freizeit). - Le Roy wird mit dieser Aussage zum Held des heurigen impulstanz-Festivals, indem er die Utopie einer für die freie Masse geöffneten Wirtschaftszukunft vor Augen hält, wie sie schöner, persönlicher, vielfältiger und kreativer nicht sein könnte. Das unpersönliche "Format" (Kunst-, Medien-, Wirtschaftsprodukt-Marken für die Masse), sollte in jeder Hinsicht eingedämmt werden, da es die Allgemeinheit verdummt. e.o.


DAS URTEIL XAVIER LE ROY GEHT EINEM KREATIVEN DENKER SO NAHE, WEIL ER ÖFFENTLICH SAGT, WORAN VIELE LEIDEN. UND OBENDREIN TANZT ER FÜNF MINUTEN SO ATEMBERAUBEND, DASS MAN AUS DER VERBLÜFFUNG GAR NICHT MEHR RAUSKOMMT.

PERFORMANCE Product of Other Circumstances * Von und mit: Xavier Le Roy* Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz * Zeit: 10.-12.8.2010

Friday, August 27, 2010

TANZ: MARIE CHOUINARD SUCHT "THE GOLDEN MEAN (LIVE)"


Die Goldene Mitte der Zukunft symbolisieren goldene, wie frisch geschlüpfte Alienwesen mit Masken - noch spannend in der ersten Szene von Chouinards neuer Choreografie.


Im politischen Alltag sind die Hoffnungsträger dann meist Intellektuelle, die viel lesen und reden, statt auf ihre Instinkte zu hören.

Wären diese Wesen öfter Persönlichkeiten wie die erleuchtete Tänzerin Carol Prieur, wäre die goldene Aufführungswelt der Chouinard durchgehend spannend. (Fotos © Sylvie-Ann Paré)







MUSEUMSQUARTIER - IMPULSTANZ
KURZ VOR DEM FINDEN DER GOLDENEN MITTE IST DAS LEBEN WOHL AM SPANNENDSTEN UND SCHÖNSTEN - DAS LÄSST SICH BEI DER KANADIERIN MARIE CHOUINARD ERAHNEN


Von einem befriedigenden Tanztheaterabend kann man sprechen, wenn dessen Bilder einer illusionären Welt einen im Nachhinein verfolgen; wenn sie ihn auf eine andere Ebene bringen. Schon weil der geschäftige Alltag nie wunderbar ist, selbst für den, der insgesamt glücklich ist. Und sonderbar ist, dass auch jener Tanz im Moment des Ansehens nicht beglückend ist, sondern phasenweise sogar einschläfernd: Kanadierin Marie Chouinards Choreografie von The Golden Mean (Live) wirkt eher im Rückblick. Das ist ein Phänomen. In anderen Arbeiten Chouinards hingegen kam einem das "Toll" einer Begeisterung schon spontaner von den Lippen. Warum das wohl so ist?

Goldener Schnitt mit tänzerischem und sinnstiftendem Kontrapunkt

Möglicherweise, weil die Choreografie in bestechend arrangiertem Bühnenbild, auf einer "dem goldenen Schnitt" beruhenden Architektur angelegt ist, dem ästhetischen Prinzip, das auch das Thema der Inszenierung bestimmt. Äußerst künstlerisch wird sie, weil der Tanz selbst und die Tänzer als Charaktere nicht harmonisch in sich ruhen. Sie entsprechen in gegensätzlicher Richtung zum Raum mit fünf gleichmäßig verteilten Bildschirmen, Spotlampen und Mikrofonen allem anderem als dem "goldenen Schnitt", der vom Kunst-Altertum übermittelten goldenen Mitte, obschon die Tänzer klar erkennbar technisch erklassig ausgebildet sind, und das in Chouinards typische rituelle Tanzsprache umsetzen. Dieser Widerspruch erzeugt zunächst eine Spannung, da man glaubt, etwas Menschengrundsätzliches erzählt zu bekommen, was man bisher noch nicht wußte.

Eine Form von prinzipieller philosophischer Weisheit schwingt der gesamten Aufführung mit, in diesen wie frischgeschlüpften Alien-Wesen vor religiösem Knabenchor und unter Urtrommeln, die in Gold und (ange-)erleuchtet zwischen Lachen und Weinen, Macht und Ohnmacht, Schmerzzufügen und Leiden, Körperbewußtsein und -unsicherheit jonglieren. Aus ihren Mündern klingen fragmentarische Überlegungen von Möglichkeiten, Gedanken, die sie nicht loslassen und zu keiner Lösung finden, einmal auch von einer Tänzerin, die durch verschiedene Tanzstile (Stepp, Ballett, Jazz, etc.) gegangen ist, oder von im Sexakt urschreienden Tieren (eine vom Gebaren her hocherotische Szene wie aus dem echten Sexleben zwischen Mann und Frau!).

Die Verantwortung der Politik und des Instinkts

Der Grund der Unsicherheit mag in einer positiven und negativen Außenwelt liegen, die zur Entwicklung der Menschengenerationen führt. Das zeigt Chouinard mittels aufgesetzter Politikermaske. In Österreich tragen die Tänzer im tänzerischen Unisono lachende Bundespräsident-Fischer-Gesichter, eine Szene, die abgewandelt noch zweimal wiederholt wird. Dann steht sie allerdings für die abhängigen Menschen, indem sie rückläufig zuerst lachende alte Damen zeigt. Und eine davon hat Flecken. - Das ist das Indiz einer möglichen Gefahr, wenn die Verantwortung seitens Politik für die nachkommende, junge Generation nicht wahrgenommen wird. Für den Aufruf zum Willen der Erkenntnis tragen die Tänzer schwarze, dicke Intellektuellenbrillen, was aber gleichzeitig auch ein Hauch von Spott gegenüber der Denkerspezies Mensch trägt, die im Leben oft auf dem Holzweg ist, wenn sie "buchblätternd" und "diskutierend" nur aus dem Kopf und nicht aus dem Körper denkt. Denn der Instinkt ist und bleibt Chouinards weiser Held.

Ein Instinkt, den bereits Babies haben, indem sie mit ausgestrecktem Finger auf Dinge zeigen, die sie faszinieren. Lachende, fragende, weinende, nachdenkliche, offene Babygesichter auf unschuldig-nackten Tänzerkörpern sind denn auch der Chouinard-Weisheit letzter Schluß. Als Kopfmasken zieren sie die händehaltenden Tänzer im Schlußbild. Und sie zeigen nach oben, denn alles Gute kommt ja von oben. - Gott wird da nicht gemeint sein, sondern eher der Wille zur göttlich-instinktiven Mitte im einzelnen Menschen selbst. - Ein schönes archaisches Manifest mit Nachwirkung.

Zu viel Mitte macht müde

Das Ermüdende während der Aufführung kommt von der Erzählweise, die nicht kontinuierlich ist und oberflächlich betrachtet keine Wandlung erfährt - eben damit die ästhetische Mitte im Verlauf gewahrt ist. Hätten die Tänzer nur nicht alle kurzhaarige blonde Struppelperücken getragen! Ein paar uneinheitliche Persönlichkeiten mehr müßten her! Das läßt sich beim Verbeugen erahnen, wenn die Tänzer attraktiv auftreten, wie sie es im Leben sind, oder einmal auch während des Tanzes selbst, als eine auffallend langbeinige, naß-langhaarige Grazie (Carol Prieur) durch die unsichere Bühne wandelt. e.o.

DAS URTEIL BILDLICH UND THEMATISCH EINE FASZINIERENDE WEISHEIT MIT NACHWIRKUNG, IM REZEPTIONSMOMENT ZUWEILEN WEGEN DER EINHEITLICH GEMACHTEN PERSÖNLICHKEITEN ERMÜDEND.

TANZ The Golden Mean (Live) * Musik: Louis Dufort * Konzept und Choreografie: Marie Chouinard * Mit: Kimberley de Jong, Eve Garnier, Benjamim Kamino, Leon Kupferschmid, Lucy M. May, Lucie Mongrain, Mariusz Ostrowski, Carol Prieur, Gérard Reyes, Dorotea, Saykaly, James Viveiros, Megan Walbaum * Ort: Museumsquartier, Halle E * Zeit: 4.-7.8.2010