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Tuesday, August 09, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 5: XAVIER LE ROY HAT MICH IN „UNTITLED (2014)“ GEFRAGT, UND ALEXANDER WRABETZ HAT IHM FALSCH GEANTWORTET

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Xavier Le Roy ist im zweiten Teil von Untitled (2014) das unbewegte Subjekt, das zwei Mumien-Objekte zur Bewegung bringt (Foto © Jamie North Kaldor Public Art Projects)


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Xavier Le Roy ruft dazu auf, auch ohne etwas von einem Künstler zu kennen, in dessen Vorstellung zu gehen: das habe ich heuer bei Thiago Granato Treasured in the Dark gemacht (Foto © Bertrand Delous) ...
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Er ist doch sowieso immer „unbekannt“ ...



21.7., gegen 22h30, im Wiener Akademietheater:




Xavier Le Roy befand sich in Untitled 2014
in legerer Alltagskleidung
zwischen Bühne und Zuschauerreihen,
und fragte mich,
ob ich zu jemandem Unbekannten,
– also ohne jede Vorab-Information –
kommen würde.


Er meinte, „ins Theater kommen“.
Frage:
Ist das Theater jetzt so etwas wie diese Mode des anonymen Partnertreffs?
Wo man sich Hals-über-Kopf in jemanden verlieben soll?
Erfolgschance: 1 zu 99?
Das heißt: 99 Reinfälle, 1 Treffer?


Wie groß wird die Wahrscheinlichkeit sein,
dass ich nach 99 mal Frustration,
überhaupt noch einmal ins Theater schaue?


Gut, man kann einwerfen:
wenn ich ins Theater gehe,
hat zumindest ein Kurator / ein künstlerischer Direktor eine Vorauswahl getroffen.
Andererseits: Partnervermittlungsagenturen tun das auch.
Trotzdem ist die Bilanz nicht besser.


Ich habe ihm gesagt,
als er mich fragte,
ob ich zu jemandem Unbekannten ins Theater kommen würde,
„ich bin doch eh da!“.


Er hat mich angesehen,
aber nichts darauf geantwortet.


Wahrscheinlich dachte er,
da er mich wohl,
seit gut 15 Jahren als seine Stücke-Besucherin in Wien kennt,
ich hätte ihn falsch verstanden,
oder ich wollte ihn aufziehen.


Also deutlicher:
Ich kam zur Veranstaltung Untitled,
wusste also nicht,
was da auf mich zukommen würde.


Und bei einem Xavier Le Roy weiß man
trotz seines Namens = seiner bewährten „Marke“,
nie,
was auf einen zukommt.


Reicht das nun also zum Motiv „des Unbekannten“?
In der Kunst?


Ich denke „ja“,
denn „Kunst“ bedingt eine Grundform des „Könnens“,
also die Garantie, dass da jemand etwas „kann“,
damit das Werk „Unbetitelt = Unbekannt“,
Daseinsberechtigung hat.


Halt!
Ich merke bezüglich meines Bekenntnisses zum Nervenkitzel an,
dass ich bei ImPulsTanz jedes Jahr
zumindest einen Künstler im „Zufallsverfahren“ auswähle,
also einen,
den ich nicht einmal hinsichtlich seines Namens kenne.
Man will sich ja selbst auch fortbewegen,
und hofft auf die freudige Überraschung einer Neuentdeckung.


Das Wagnis ist in der 8:tension-Newcomer-Schiene besonders groß.
Heuer traf es den brasilianischen Performance-Künstler Thiago Granato
mit Treasured in the Dark im Wiener Schauspielhaus.
Wie zufällig, dass er beim von Le Roy betreuten Ex.e.r.ce 8 Programms am Centre Chorégraphique National de Montpellier Teilnehmer war ...
Das habe ich erst im Programmbuch gelesen,
und auch an seinem nackten Hintern erkannt,
der losgelöst vom Körper im Stil der Travestie „sang“.
Die Übereinstimmung war allerdings nur
der sich verselbständigende Körperteil.
Möglicherweise lag auch eine Parallele
in den lange ausgeführten, bewegten Bildern,
die danach ein Aufbäumen und Widerstandleisten
gegen politische Unterdrückung (von Homosexualität)
ausdrückten.
Das Thema der Homosexualität hat allerdings mit Le Roy nichts zu tun.
Le Roy
s lange ausgeführte Szenen,
sind auch meist mehrdeutiger,
als die naiv-eindimensionalen Granatos.


Ich muss sagen,
hätte ich das Granato-Stück nicht gesehen,
hätte ich auch nichts verpasst.

Ich bewundere jene ImPulsTanz-Leute für ihren langen Atem,
die die Newcomer-Schiene kuratieren.

Immerhin sind da einige Stars hervor gegangen:
2001 Akram Khan zum Beispiel.
Er zeigte in der Zwischenzeit immer wieder
umwerfende Arbeiten,
meist in Zusammenarbeit mit anderen Top-Partnern
wie Sidi Larbi Cherkaoui.
Aber als Genie gilt er in Österreich erst seit 2013,
als er im Solo Desh bei ImPulsTanz auftrat.
So lange dauert es also,
bis ein „Unbekannter“ in der Kunst die absolute Spitze erreicht.


Da gehe ich natürlich gerne hin,
wenn ich nichts von diesem Künstler kenne.
So ein Ereignis bedeutet dann:
ein treues Publikum auf alle Ewigkeit.


Wenn Xavier Le Roy im ersten Teil, Untitled (2005), eine Lecture,
(Lecture bedeutet eigentlich Lehrstunde, Vorlesung, Vortrag)
seiner dreiteiligen Aufführung,
eine Publikumsansprache hält,
hat das im Rahmen des von ihm praktizierten Konzeptualismus,
natürlich noch einen weiteren Sinn.


Konzeptualismus ist ein Begriff,
den sich die Tanz-Zeitgenossen mit der Bildenden Kunst teilen
– hier heißt es schlicht Konzeptkunst –
es sind jene Tänzer,
die in der Regel mehr reden als tanzen,
ob sie tatsächlich mehr an innewohnender 

und kunsthistorischer Systematik hinterfragen,
als andere Tanzkünstler,
wage ich zu bezweifeln.


Jeder Künstler, der Bestehendes verfremdet und erweitert,
betreibt im Prinzip „Konzeptualismus“,
dann ist es eben ein Konzeptualismus der Intuition
oder der Begabung,
jener Charakterzug,
der eigentlich auch maßgebend für den Künstler sein sollte.


Xavier Le Roy
ist schätzungsweise auch künstlerisch begabt,
deshalb ist er einer der wenigen „Konzeptualisten“,
die ich kontinuierlich verfolge.

Die Begabung zeigt sich bei ihm über seinen Charme,
und über seine berechnete Unberechenbarkeit,
ich würde sagen,
Xavier Le Roy
ist der George Clooney der Zeitgenossen,
er ist bis heute attraktiv,
er ist in seiner Unaufdringlichkeit charmant
wie sein Landsmann, Schauspieler Mehdi Nebbou,
beide gesegnet mit einem Touch von Yves Montand,
warmherzig und vertrauenswürdig,
nur ist das Trivago-Testimonial natürlich viel kommerzieller,
und Le Roy intellektueller.


Ich frage mich,
warum er es sich als intelligenter Liebenswerter antut,
immer wieder Publikumsansprachen zu halten,
(denn in Wahrheit hat er ja nicht nur mich gefragt,
sondern alle),
die dann in mehr oder weniger Schmäh-Einwürfen,
Ungeduldsbekundungen
und dümmlichen Besserwissereien enden.
Schon in Low Pieces hatten wir das 2013 bei ImPulsTanz.
Auch da tat er mir leid.


Le Roy sieht das anders,
er nennt es,
„wie lange ist es für beide erträglich,
wenn das Publikum zum Fragen-stellenden Subjekt,
und er als sein Gedächtnis verlorener Künstler zum Objekt wird?
Wie lange ist dieses von beiden Seiten empfundene
„unangenehme Gefühl“ auszuhalten?“.


Meine Frage:
Käme diese unangenehme Kommunikation auch zustande,
wenn das Publikum aus echten, passiven Zuschauern bestünde,
die in Wahrheit nicht selbst Tänzer, Performer, Darsteller sind,
wie die bei Le Roy größtenteils anwesenden Künstler?
Die Sätze rufen wie:
„Warum hast du die Vorstellung nicht abgesagt, wenn du das Gedächtnis verloren hast?“, „Warum ziehst du deine heißen Socken nicht aus, und tanzt einfach auf der Bühne?“, „Ich glaube, du gehst nach hause, und ich geh auf die Bühne.
“


Wie „unangenehm“ wäre die Beziehung erst,
wenn die verkehrten Verhältnisse von Subjekt und Objekt wirklich „echt“ wären?
– Wahrscheinlich würde es im verlassenden Protest des Publikums enden.


Denn das Theater bedingt:
ein vorbereitetes, gebendes Subjekt auf der Bühne,
und ein nehmendes, für das Gegebene zahlendes Objekt im Zuschauerraum.

Wie auch immer,
Xavier Le Roy
spinnt den Gedanken im zweiten Teil Untitled Trio weiter,
selbst wenn das Publikum nicht selbst das Geschehen steuern muss,
sondern eine Verschiebung von Subjekt und Objekt auf der Bühne beobachten kann.


Zuvor sitzen die Zuschauer aber noch eine geraume Unendlichkeit im Schwarzen.
Ungehaltener können sie kaum noch werden.

Es liegen zwei braune,
von Kopf bis Fuss mumifizierte Gestalten auf der dunklen Bühne.
Mystische Butoh-Atmosphäre macht sich breit,
bei den vier gegrätschten Beinen.

Eine weitere „Mumie“ sitzt irgendwo seitlich.
Als sich die eine aufrichtet, glaubt man,
es sei Le Roy,
unheimlicher Weise wird aber klar,
dass die Statische Le Roy ist.
Er steuert mit seinen beschnürten Armen deren Körper,
gleich einem Puppenspieler,
wobei Le Roy in der Nebenrolle das unbewegte Subjekt,
die Puppe in der Hauptrolle das bewegte Objekt ist.
Gemeinsam werden sie zur Bodenchoreografie
zur emotionalen Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta von Béla Bartók – RIAS Symphonie Orchester Berlin, dirigiert von Ferenc Fricsay.


Steigerung erfährt das Geschehen,
als Le Roy vom Boden aus
mit ruhigen,
zackig bewegten Händen und Füßen
die zweite Mumienpuppe
aufrichtet,
in die Höhe transportiert,
bis sie knapp unter der Decke
in wilden,
aber weichen Bewegungen,
in den Lüften tanzt.


Im dritten Teil: Untitled Solo lässt sich Le Roy schließlich
als Objekt von einem Subjekt-haften Kopfhörer
durch die Musik Changelling und Number, Song von DJ Shadow führen,
die der Zuschauer nicht hört. 
Abwechselnd zucken sein rechtes gegrätschtes Knie
und sein linker Fuß.
Wie schon in früheren Arbeiten
verselbständigen sich seine Gliederelemente roboterhaft,
allerdings passiert das in diesem Kontext „ferngesteuert“.
Seine Schultern und Arme bewegen sich,
als würden sie jetzt von Schnüren gezogen.
Doch die symmetrische Bildsetzung verrät,
dass hier „ein Künstler“ der „Schnur-Zieher“ ist,
nicht etwa ein beliebiger, dem Zufall gehorchender Zuschauer.


Ist das der Grund, warum sich Le Roy vor dem Ende
aufrichtet und krächzt und schreit?
Hat er gerade jetzt sein Gedächtnis wieder erlangt
und erkannt, was ihn gelähmt hatte?
– Dass er ein selbstbestimmter, kreativer Mensch sein
und sich ohne kunsthistorische Vorgaben darstellen möchte?
Heißt das aber nun, dass sich jeder,
ohne Können,
auf die Bühne begeben darf?
Ich denke, das wollte Xavier Le Roy damit nicht sagen.



Alexander Wrabetz hat Xavier Le Roy`s Untitled falsch verstanden



Just heute, am 9.8.2016 wurde der ORF-Generalintendant Alexander Wrabetz wiedergewählt. Sein Fernseh-Konzept lautet: „Die Zukunft bringt eine Öffnung für alle Social-Media-Kanäle und damit für die Zuschauer. Wir werden uns schon demnächst den Zuschauern stellen, Kritik und Vorschläge hören – und das auch live übertragen. Am Schluss dieses Prozesses soll ein neuer ORF stehen, in dem die Seher über Internet und Social Media das Programm mitgestalten.“ Interessant ist Wrabetzs Randbemerkung, die wohl für den Verwaltungsapparat ORF den größten Vorteil dieser Entwicklung bringen soll: dies sei eine „leistbare Weiterentwicklung“.

Es werden sich im Zeitalter der Selfie-Publizisten auf Facebook sicher genügend vom Krankheitsbild des Narzissmus befallene, vom Objekt zum Subjekt Selbsterkorene finden, die erfreut sind, gratis und ohne Leistung (= Können) ins Fernsehen zu gehen. – Ob dann allerdings die Zuschauer gewillt bleiben, dafür Gebühren zu bezahlen, oder ob sie bereit sind, sich selbst als Werbetreibende zu verstehen und über ihre Gebühr ihren Sendeplatz zu kaufen, das steht wohl in den Sternen.
Sicher jedoch ist, dass die „Professionalität“, die nach langer Erfahrung ihre Bühne verdienen würde, mit diesem „günstigen Fortschritt“ auf der Strecke bleibt.

Ein Selbstbedienungsrestaurant ist zwar ein berechtigter Ort des günstigen Konsums, aber was bringt es, wenn sich der konsumierende Mensch selbst, beziehungsweise seinesgleichen, aufisst?
– Nicht nur die Kannibalisierung, sondern auch den Kannibalismus. e.o.





DAS URTEIL XAVIER LE ROY HAT IN SEINER DREITEILIGEN ABSTUFUNG DER SUBJEKT- UND OBJEKTVERSCHIEBUNG DARGESTELLT, WO DIE NUANCEN LIEGEN, WIE JEMAND DIE AUFFÜHRUNG LENKEN KANN: DAS PUBLIKUM, DER ANONYME UNSICHTBARE KÜNSTLER , UND DER FREMDBESTIMMTE SICHTBARE KÜNSTLER, DER JEDOCH SELBSTBESTIMMT SEIN MÖCHTE. – MAN SOLLTE DAS ALS AUFRUF, SICH AUF UNKONVENTIONELLE PFADE ZU BEGEBEN, VERSTEHEN. EGAL OB ALS KÜNSTLER ODER KUNSTKONSUMENT. ES IST DABEI ABER IM SINNE DER KUNST-  UND  UNTERHALTUNGSENTWICKLUNG EMPFEHLENSWERT, DIE GRENZEN ZWISCHEN PROFESSIONALITÄT UND AMATEURHAFTIGKEIT ABZUSTECKEN.
 

PERFORMANCE Untitled (2014) * Konzept & Performance: Xavier Le Roy * Puppen: Coco Petitpierre * Ort: Akademietheater, Wien * Zeit: 21.7., 21h

PERFORMANCE Treasured in the Dark * Konzept, Regie & Performance: Thiago Granato * Sounddesign: Gérald Kurdian * Ort: Schauspielhaus, Wien * Zeit: 22.7., 21h; 24.7., 20h

Friday, September 03, 2010

PERFORMANCE: GENIAL-DILETTANT XAVIER LE ROY PRODUZIERT "ANDERE UMSTAENDE"






















Man glaubt längst, die komische persönliche Sache hinter dem Dilettantismus in
Product of Other Circumstances von Xavier Le Roy (Foto © Vincent Cavaro) erfaßt zu haben ...

... da konfrontiert er einen nach 1h50min mit einer beglückend-genialen Überraschung. Und umso größer wird seine kritische Aussage. (Foto © Luc Fleminck)

KASINO AM SCHWARZENBERGPLATZ - IMPULSTANZ WIE LANGE XAVIER LE ROY DEN DILETTANTEN SPIELT, LIEGT WENIGER AM BUTOH-LERNEN ALS AN DEN UMSTÄNDEN DIESER WIRTSCHAFT:
PRODUCT OF OTHER CIRCUMSTANCES STEHT DAFÜR.

Es ist 20h50 - nach einer Stunde und fünfzig Minuten Aufführung und nicht ganz fünf Minuten vor dem Ende -, als Xavier Le Roy ein kleines, etwa fünfminütiges Tanzstück von höchster Magie und Kunst, zwischen zeitgenössischem Gliedertanz und konzentrieter Butoh-Meditation hinlegt. Innerhalb eines Abends, den er selbst "Amateurstück" nennt und dem er den Titel Product of Other Circumstances gegeben hat. Eine Art von koketter "Entschuldigung", weil er anscheinend etwas versucht hätte, das ihm nicht gelungen sei, aber nicht, weil er es nicht schaffte, sondern weil er es nicht schaffen wollte. Nämlich in zwei Stunden den fernöstlichen Tanz Butoh zu erlernen. (In Wahrheit hatte er dafür vier Monate Zeit, davon aber wieder nur seine karge Freizeit während seiner Touren und der einzigen Woche Urlaub im Jahr). Kollege Boris Charmatz hatte Le Roy an dessen beiläufige Behauptung, "um Butoh-Tänzer zu werden, brauche ich zwei Stunden" erinnert(, auch wenn sich Le Roy selbst nicht wirklich daran erinnern konnte), und wollte nun binnen kürzester Zeit einen Beweis von dem Berlin-Franzosen haben, nachdem Charmatz eine Schwerpunktveranstaltung kuratierte. (Ein Le Roy macht sich ja immer gut bei einem Festival, besonders, wenn man ihn überführen kann ... was man ihn dann aber nicht kann.)

Ein Dilettant macht sich lustig

In seinen Tanzeinlagen dilettiert Le Roy, oder besser, mockiert er sich also die ganze Aufführung über den asiatischen Tanz (manchmal mehr, manchmal weniger lustig), während er quasi seinen ganzen Annäherungsprozeß während der Erarbeitungszeit rekapituliert - das hat etwas von einer Lehrstunde mit Google-Such-Videobeispielen und Erklärungen, worin Le Roy seine persönliche Beziehung zu Butoh herauspickt. Und die basiert hauptsächlich auf der seit Jahren sporadisch wiederkehrenden Anspielung von Besuchern Le Roys, die ihm eine Butoh-Nähe zuschreiben, obwohl er selbst damit überhaupt nichts verbinden kann (und will. Weil die Zuschreibungen auf oberflächlichen Vergleichen beruhen). Nur weil er einmal "nackt" auftrat und "langsame Bewegungen" machte, und ein anderes Mal "Konzentrationsmomente im angestrengten Gesicht" hatte, ist das noch lange kein Butoh. Und auch nicht, weil sich sein Konzepttanz gegenüber der westlichen Geschichte wie der Butoh in Asien von der eigenen Tanztradition verabschieden und dennoch eine klar erkennbare (geografische und persönlichkeitsbezogene) Herkunft tragen will.

Der Dilettant entpuppt sich als Genie

Bis zur besagten 20h50-Minute hat der Zuseher überhaupt das Gefühl, der Hauptpunkt, der Le Roy an dem Tanz widerstrebt, ist die emotionale Komponente: sprich die Expression von inneren, echten Gefühlen und von fantastischen Vorstellungen. Le Roy scheint es aber auch nicht wirklich zu schaffen, in den inneren geistigen Zustand von Tiefe zu gelangen, durch den der Tanz erst seine Kraft bekommt. Für manchen Geschmack, wie den des Choreographen, mag das auch einfach zu theatralisch sein. Le Roy will intellektuell sein, und auf sehr intime, ironisch-persönliche Weise "sachlich" am Thema seines Stücks. Deshalb kann er sich in seinen Tanzpersiflagen bekannter Stücke seiner Erinnerung - röchelnd, grimassenziehend und körperlich verkrampfend - auch nur lustig machen.

Und doch, in jenem besagten Stück kurz vor dem Ende, gelangt er dann in die tiefe Butoh-Konzentration, während sich seine Hand und sein Fuß in exakter Linie entgegengesetzter Richtung vom Körper entfernen. Ein überraschender Moment, bei dem einem der Atem still steht, weil man erkennt, dass Xavier Le Roy den Zuschauer während der ganzen Zeit über an der Nase herum geführt hat. Denn er hätte es geschafft: in zwei Stunden (bzw. binnen kürzester Zeit) "sein" Butoh zu lernen. - Warum er dann aber doch ein langes "Assoziationsstück" daraus gemacht hat, erklärt er zusammengefaßt folgendermaßen: "Bei dem Kurzstück hätten die Leute gefragt, ob das nun Butoh oder doch etwas anderes gewesen sei, und das wäre mir zu wenig kritisch gewesen." Außerdem hätte er für so eine Aufführungsdauer auch zu gut bezahlt bekommen, denn er müßte für seine Subventionswürdigkeit genau 28 Euro pro Stunde verdienen (wobei er natürlich viel länger für die Erarbeitung experimentiert hatte, sodass er ohnehin unterbezahlt gewesen wäre bzw. ist).

Die Kritik hinter dem Dilettantimus

Die während der ganzen Aufführung punktweise, eingestreute Kritik ist es denn auch, die Xavier Le Roy dem Zuseher so nahe gehen läßt. Denn hier erfährt man, dass es einem freischaffenden Tänzer auch nicht anders geht, als anderen freidenkenden (und produzierenden) Menschen in dieser Wirtschaftswelt. So möchte er sofort Widerstand leisten, wenn er etwas schnell und billig produzieren soll, "weil es in der Gesellschaft immer so ist, dass etwas schnell und billig zu produzieren ist. Dabei sollte doch einfach professionelle Arbeit bezahlt werden." Auch wollte er nicht einen Kursus ablegen, um dieses Aufführungsziel zu schaffen, weil er "kein Master-Student sein will" - er entwickelt seinen persönlichen Zugang und Stil. Interessant ist auch, was ihm an Butoh einigermaßen gefällt: "Der kritisch entwickelte, eigenständige Aspekt. Sowie, dass ein Mann bis 85 noch wie ein junges Mädchen tanzen kann."

Ein neuer Input für die Kultur-/Wirtschaft

Am Ende beteuerte er, wie viel Freude ihm dieses Vortragswerk bereitet habe, weil es mit viel Freiheit in seiner Freizeit entstanden sei.
Ich ergänze diesen Satz als freischaffende Journalistin und Vereinsleiterin vom Kulturberichterstattungsmedium intimacy: art (im Internet): "Mir verschafft das kritische Schreiben in der Freizeit vor allem Erleichterung. Denn nirgends sonst kann man genau das schreiben, was man wirklich empfindet. Das - also die Wahrheit - ist es aber, was man der Welt wirklich mitteilen will. Und dass das als professionelles Vorhaben unternommen wird, ist der eigentliche Reiz daran (es ist keinesfalls ein Hobby der Freizeit). - Le Roy wird mit dieser Aussage zum Held des heurigen impulstanz-Festivals, indem er die Utopie einer für die freie Masse geöffneten Wirtschaftszukunft vor Augen hält, wie sie schöner, persönlicher, vielfältiger und kreativer nicht sein könnte. Das unpersönliche "Format" (Kunst-, Medien-, Wirtschaftsprodukt-Marken für die Masse), sollte in jeder Hinsicht eingedämmt werden, da es die Allgemeinheit verdummt. e.o.


DAS URTEIL XAVIER LE ROY GEHT EINEM KREATIVEN DENKER SO NAHE, WEIL ER ÖFFENTLICH SAGT, WORAN VIELE LEIDEN. UND OBENDREIN TANZT ER FÜNF MINUTEN SO ATEMBERAUBEND, DASS MAN AUS DER VERBLÜFFUNG GAR NICHT MEHR RAUSKOMMT.

PERFORMANCE Product of Other Circumstances * Von und mit: Xavier Le Roy* Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz * Zeit: 10.-12.8.2010

Thursday, December 20, 2007

PERFORMANCE: "LE SACRE DU PRINTEMPS" VERFÜHRT "DIRIGENT" XAVIER LE ROY

Vor zwei Jahren reduzierte Xavier Le Roy ein zeitgenössisches Abendkonzert in Mouvement für Lachenmann - ohne Ton - auf seine theatralen Bewegungen. Das war schon lustig ...

In Le Sacre du Printemps bewegt er sich nun selbst als Dirigent, und da er eine charakterlich-theatral wunderbar selbstironische Note hat, verdoppelt sich das zu einem "sehr, sehr lustig", das zudem noch analytisch erkenntnisreich ist. (Fotos © Vincent Cavaroc)




TANZQUARTIER DER FRANZÖSISCHE MOLEKULARBIOLOGE XAVIER LE ROY WIDMET SICH DER GENETISCHEN STRUKTUR VON SIR SIMON RATTLES ORCHESTERPROBE VON LE SACRE DU PRINTEMPS

Das mußte ja so kommen. Nachdem sich der performende Doktor der Molekularbiologie, Xavier Le Roy, 2005 in Mouvement für Lachenmann mit der Theatralität eines Orchesters bzw. von Musikern auseinander gesetzt hat, nimmt er sich 2007 jener des Dirigenten an. "Spielten" damals Musiker ohne Instrumente, so dirigiert Le Roy jetzt höchstpersönlich ohne Musiker, oder besser gesagt, das Publilkum-"Orchester", das dabei nichts zu tun hat, als ihm - wie immer - von der Tribüne aus frontal ins Gesicht zu blicken. Neben einer Portion unschlagbaren Witzes verbirgt sich hinter seiner Analyse von Neuem ein Haufen an tanz- und musikwissenschaftlichem Theoriewissen, das der Franzose als Meister der Ironie ganz bewußt den - fast so konzentriert wie er auf die Musik hörenden - Zuschauern vermittelt. Und so leicht, lustig und verspielt das wirkt, so viel Kraft kostet es ihn, sodass er am Ende der Darbietung im Wiener Tanzquartier sichtlich erledigt ist. Im Klartext: Le Roy ist nach "seinem" Dirigat von Strawinskys Le Sacre du Printemps so fertig, wie es für gewöhnlich echte Dirigenten sind, wenn sie sich mit jeder Faser ihres musikalischen Wesens ihrer Aufgabe hin gegeben haben. - Meist sind das dann auch die akustisch ergreifendsten Konzerte.

Analytischer Ironiemeister

Bei all dem einfachen äußeren Charme der Performances Le Roys ist es immer wieder erstaunlich, was für außergewöhnlich komplexe Ideen und eigenständige Zugänge ihnen zugrunde liegen. Le Roys Kreativität und angesehener Ruf im internationalen Konzepttanz fußt zweifellos auf genau diesen Geistesblitzen, die sich zu allererst aus seinem großen Witz gegenüber der ansonsten allzu ernsten zeitgenössischen Szene speisen. Doch da dieser Choreograf wie sie auf Basis der Semantik, der Zeichensprache im Tanz, arbeitet, wirkt er letztendlich genauso ernst zu nehmend intelligent, nur eben um vieles sympathischer. Jede Geste, jede Mimik, jeder Stillstand hat zu jeder Sekunde einen tieferen Sinn, selbst wenn ihn eine Lachwolke umgibt. Alles dient der im ausgleichenden Humor endenden Erkenntnis, sodass es - am Beispiel des Sacre du Printemps - sogar Leute wie den deutschen Medienphilosophen Dieter Mersch zu einem Essay animiert.

Dieter Mersch mit Le-Roy-Theorie

Spricht Mersch Le Roy als Prototyp des Performance-Künstlers "ein ständiges Changieren, ein ständiges Verrücken der Grenzen des Tanzes gegenüber anderen Kunstgattungen" zu, wo die Medienreflexion naturgemäß beginnt, so gründet das für ihn auf dem Faktum, inwiefern sich Le Roys Frühlingsopferung bezüglich früheren Inszenierungen unterscheidet: Die Erzählung des Opfertanzes des Jungfrauenkörpers unter (alten) Männern fällt weg, wofür nun die Botschaft über die philosophisch definierte Begegnung von Objekten und Wortbildern läuft, sprich Musik und Gestik, sodass dem "Tanz", der "Bewegung", selbst narrative Bedeutung zukommt. Das Besondere an Le Roy sei, dass er einen "nur scheinbaren Dialog" mit dem "Publikumorchester" halte, während er in einer eigenen Welt weile, wo die Musik in Wahrheit (immer schon) da ist. Die Rhythmen folgen dem Körper "Musik", und dieser Körper läßt sich nicht kontrollieren: "Dennoch schafft es Le Roy, durch seine "Dirigat-Befehle", die Zuschauer zu Akteuren zu machen, indem sie der Musik in ihre Details folgen müssen. Hören erscheint als Sehen, und Sehen als Hören." Das Kollektiv von Simon Rattles Filmdokumentation zur Le Sacre-Probe mit den Berliner Philharmonikern - die Inspiration des Choreographen für diese Performance - verwandle sich demnach zu Le Roys Solo, und werde mit den Zuschauern wiederum zu kollektivem Hören. "Somit führt Le Roy zum körperlichen Erleben der Musik der Zuschauer und von seiner selbst, was er durch individuelle Fantasiegesten unterstreicht. Und damit führt er das Stück auf seinen Kern zurück: auf den Körper."

Die Theorie in der Praxis

Wie nachvollziehbar Merschs Analyse ist, merkt man an Le Roys "Dirigat" tatsächlich, wenn er anfangs leicht zu spät hinter der Musik zum Einsatz auffordert, er mit leidenschaftlicher Gesichttheatralität einzelne Töne aus dem Klangteppich heraus zu ziehen scheint, sodass sie der Zuschauer bewußt hört. Die Miniboxen unter den Zuschauerstühlen füllen den akustischen Raum, als gingen die Töne wirklich von den Zuschauern aus. Zwischendurch spielt Le Roy den trockenen, resignierenden Clown, der still hält, während die Musik vom Tonband auch ohne ihn "richtig" weiterspielt. Manchmal tut er so, als wäre die plötzlich unterbrochene Stille von ihm befohlen, da sie dann aber wieder von selbst einsetzt, wird das sogleich revidiert. Gleichzeitig sorgt jede unerwartete Unterbrechung für erneute Spannung in der Performance selbst. Und würde Le Roy am Ende nicht nur erschöpft sein, sondern zusammen brechen, könnte man meinen, er hätte sich als Dirigent selbst statt der Jungfrau zum Opfer erklärt. Zum Opfer einer eigenen Illusion, da es den Dirigenten im Orchester letztendlich gar nicht zu brauchen scheint. - Eine Assoziation am Rande, die allerdings nur auf Le Roys echte Selbstironie zurück zu führen wäre; in Wahrheit ist dieser Ansatz in jeder Hinsicht die Offenbarung der theatralen Notwendigkeit eines Dirigenten - nicht nur für sich selbst, sondern für die Motivation des Orchesters, den Klang der Musik. e.o.


DAS URTEIL XAVIER LE ROY IST DER GEISTREICH-LUSTIGSTE PERFORMANCE-KÜNSTLER, DEN DER INTERNATIONALE ZEITGENÖSSISCHE TANZ HAT - SEINE LE SACRE-IDEE IST AUSSERGEWÖHNLICH.

PERFORMANCE Le Sacre du Printemps * Konzept und Performance: Xavier Le Roy * Musik: Igor Stravinsky * Aufnahme: Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle * Künstlerische Mitarbeit: Berno Polzer, Bojana Cvejic * Produktion: in situ productions (D) und Le Kwatt (F) * Koproduktion: Centre chorégraphique national de Montpellier Languedoc-Roussillon (Xavier Le Roy ist Associated Artist 2007/08), Les Subsistances / Residence - Lyon, Tanz im August - Internationales Tanzfest 2007 - Berlin, PACT Zollverein Choreographisches Zentrum NRW - Essen