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Tuesday, September 20, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 9: WIM VANDEKEYBUS´ BLICK INS „SPEAK LOW IF YOU SPEAK LOVE ...“-UNBEWUSSTE

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--> Vandekeybus kehrt das Sprichwort „Liebe macht blind“ um: bei ihm sind die ohne Kopfstrumpfmaske die Sehenden: sie sehen ins Unbewusste, das die Liebe zulässt.
--> Solange die Menschen die Kopfmasken tragen, wehren sie sich gegen das verführerisch-zerstörerische Dirigat der Venus (Jazz-Sängerin Tutu Puoane in samtigen Operntönen), die sie mit dem Seil in ihren Liebesbann zieht. Denn sie ahnen, dass sie ihre süchtige Leidenschaft durch abrupte Paartrennung oder Seelenschmerz beenden wird.
--> Mit der Venus im Bunde steht der Teufel: Musiker Mauro Pawlowski. Er verführt wie sie mit seiner Musik.
--> Gegen die gefürchteten Qualen wappnen sich die Menschen in der Gruppe. Sie entledigen sich dank einheitlicher Frauenkleidung ihrer Herkunft, Geschlechter und Vorurteile ...
--> ... sie begeben sich in einen archaischen Kriegstanz, der dem irischen Volkstanz entlehnt ist und in eine allgemeingültige Tanzsprache transferiert wurde.
--> Der Entschluss, sich auf die ungewisse Reise der Liebe zu begeben, entspricht einem Wikinger, der sich per Schiff mit schützender Galionsfigur gegen das zu erwartende Unheil wappnet. (Fotos © Danny Willems)


Wie ein Traum, der einen vor Leidenschaft und Angst schwitzen lässt.


4.8., gegen 23h, im Wiener Volkstheater:




Keine Frage, die 16 Jahre sind erkennbar, die zwischen dem zu Beginn des ImPulsTanz-Festivals gezeigten Revival: In Spite of Wishing and Wanting und dem 2015 uraufgeführten Speak low if you speak love ... stehen. Wäre ja auch ungewöhnlich, wenn ein sensibler Mann wie Vandekeybus dramaturgisch nichts hinzu lernen würde. Im Gegensatz zum frühen Stück ist dieses neue Werk innerhalb der Szenen so verstrickt, dass eingeführte Elemente und Personen später wieder kehren oder eine Wendung erfahren. So wird die Erzählweise filmisch und spannend.

Zudem balanciert der Choreograf die Widersprüche  der, seinem Stück zugrunde liegenden, klassischen Stoffe gekonnt aus: das antike Mythos (sechs verschiedene Begriffe für sechs verschiedene Arten der Liebe bei den Griechen), Shakespeare („Speak low if you speak love“ ist ein Zitat aus Viel Lärm um nichts und bedeutet sinngemäß: „Sprich leise, wenn du es mit der Liebe ernst meinst“) sowie den Musicalursprung (dasselbe Zitat verwendete Kurt Weill im Schlüsselsong des Musicals One Touch of Venus). Das ganze Stück schwingt somit zwischen Himmel und Hölle, Rock und Lyrik, ohne die Gegensätze getrennt oder einander feindlich gesinnt, sondern von einander abhängig und sich bedingend darzustellen. Selten hat etwas so schön harmoniert wie hier, wenn klassisch ausgebildete Balletttänzer mit wagemutigen, persönlichkeitsstarken Ultima-Vez-Tänzern zur achtköpfigen Einheit verschmelzen: Jamil Attar, Livia Balazova, Chloé Beillevaire, David Ledger, Tomislav English, Nuhacet Guerra Segura, Sandra Geco Mercky und Maria Kolegova. Und doch erreicht diese Einheit durch die filigrane Ballettnote insbesondere der Damen, die hier in gewohnt temperamentvoller, leidenschaftlicher und alles gebender Vandekeybus-Sprache tanzen, erst jene edle Nuance, die das Stück für seinen archaischen Ausdruck und seine allgemein gültige Liebesbotschaft braucht.

Das Wesen der Liebe pendelt ebenso in einander bedingenden Gegensätzen von Beginn und Ende, Hoffnung und Enttäuschung, Leidenschaft und Leid. Es ist die mit schwarzer Afro-Stimme singende Venus Tutu Puoane, die den unberechenbaren Verlauf zwischen Glück und Unglück bringt. Sie steht im Bunde mit dem „Teufel“, dem Musiker Mauro Pawlowski, der mit seiner Gitarre zur darstellenden Besetzung gehört. Insofern begleitet hier die Musik nicht, sondern sie spielt das Geschehen steuernd und personalisiert „mit“.


Dieses Stück entspricht aus Sicht der Opern-Theater-Entwicklung einem echten Gesamtkunstwerk in Wagnerschem Sinne, das die Nummernoper eines Verdi (die ich erzähltechnisch in Revival: In Spite of Wishing and Wanting sah) als Vorläufer der heutigen zeitgenössischen Oper „ablöste“ (interessant, dass diese Komponisten gleichzeitig lebten, der eine in Deutschland, der andere in Italien). Wim Vandekeybus mit den Opernkomponisten Verdi und Wagner zu vergleichen, ist berechtigt, weil er wie beide von großen Gefühlen erzählt und wie Wagner Zeitdehnung betreibt. Kaum ein zeitgenössischer, Geschichten erzählender Choreograf macht heute noch so lange Stücke wie Vandekeybus: 110 bis 120 Minuten ohne Pause. Und sind Stücke lang, spielt eben die Spannungshaltung und das Ineinandergreifen von jedem kleinsten Element zu einem permanent fließenden Ganzen eine enorme Rolle.

Nach diesem Prinzip ergreifen dramatische Bilder tatsächlich: wenn zu Beginn ein mit Kopfstrumpf alltagsblinder Mann mit einem Wurfseil versucht, das Publikum auf die risikoreiche Liebesseite hinüber zu ziehen.
Dorthin, wo
der „Wald“ steht, der wie in der mythologischen Symbolik eines Shakespeare zum Finden der wahren Liebe beiträgt, indem er die eintreffenden Menschen von ihren Konventionen und herkunftsmäßigen Anlagen wie Geschlecht, Überzeugungen und Vorurteilen befreit.
Dorthin, wo
die Voodoo-Sirene Puoane ihre Befehle der Verführung gibt, wo Lust und Vertrauen nach großer Hingabe durch plötzlichen Entzug „bestraft“ werden.
Aber was kann das Leben der kopfstrumpfblinden Menschengruppe sonst bieten – einen existenzialistischen, grazilen Bodentanz, der auch ohne Sex und Liebe nur Angst und Gefahr bringt.
Da ist es doch für einen auserwählt Sehenden unter den Blinden besser, sich von der heimtückischen Venus den Schleier entfernen und sich mit vom Musikerteufel übergebenem Gold beschenken zu lassen, das auf den Boden fällt. Allein der Klang genügt, damit die anderen sich blind, instinktiv und gierig darauf stürzen. Daraufhin tanzt ein Paar zur Kirchenorgelmusik, während Pawlowski singt, „without my eyes, I keep on sleeping“.

Die Venus fängt mit ihrem Seil weitere Paare im blinden Schlafzustand ein, die ziehend dagegen ankämpfen, auch der einzige Sehende unter ihnen zittert vor Angst. Bis alle ihre Angst überwinden und ihre Kopfbinden abnehmen. Damit kann das bewusste Abenteuer ins Reich der unbewussten Gefühlsodyssee beginnen. Asiatisch-fremde Gitarrenklänge begleiten ein harmonisches Männerduett, das auf Dirigat der Venus von einer nackten Frau gestört wird. Dann quält die Venus einen Mann im Frauenkleid. Ein irisch-rhythmischer Torero-Stepptanz der ganzen Truppe in demselben Kleid mit „Hey“-Rufen zum Schlagzeug-Solo, zu dem auch Puoane im Afrotanz einstimmt, gleicht einem ästhetisch schönen, kriegerischen Aufruf, sich dem Risiko, der Gefahr und dem Schmerz zu stellen. Mit Hecht- und Rundsprüngen werfen sich die Paare hinein, in ein treibendes Musikuniversum aus zwei Schlagzeugen und einer Tabla, wobei ein Schlagzeug samt Spieler auf einem Teppich über die Bühne gezogen wird.

Daraufhin fährt ein Mann wie auf einem Schiff einher, vor seinem Mast eingespannt ist eine Frau, die als Galionsfigur den Kurs des Schiffes beobachten und vor Unglück bewahren soll. Der mit Holzbrettern auftretende Urtyp eines Mannes, Tomislav English, passt bestens dazu. Er erinnert an die ungestümen Wikinger-Seefahrer. Aus den Brettern wird später ein Sarg gemacht, in den sich ein Liebender legen muss, nachdem die Venus befunden hat, dass seine Liebe zu einer Frau plötzlich nicht mehr sein darf. Jene Frau weint dem Mann zunächst nach, begegnet dann aber einer neuen Liebe. Und auch der Mann im Sarg wird später schreiend aufwachen und weiter auf Liebessuche gehen. So wie etliche Paare, die Liebesschmerzen bis aufs Blut hinnehmen werden.


Atemberaubend elegant und geheimnisvoll spannend ist vor den wachsamen Augen eines Mannes das leidenschaftliche Duett der blonden Ballerinas in Herrenkleidung, Slowakin Livia Balazova und Russin Maria Kolegova, die eine mit langem Haar, die andere mit kurzem. Das Duett mündet in einem edlen Gruppentanz mit vier drehenden, heterogenen und gleichgeschlechtlichen Paaren. Ein kurzes Bild von einem Mann mit einer schwangeren Frau zeigt, dass hinter all dem dramatischen Beziehungsgeflecht – wie nebenbei – die Fortpflanzung stattfindet. Und doch möchte jeder dem Liebesleid entgehen.

Vandekeybus stellt in Aussicht, wie es wäre, wenn die Venus im Sarg weggesperrt würde: dann würde der nicht spielende, nur berechnende Teufel regieren, und das wäre weit deprimierender, weil die schöne, berauschende, Glückshormone ausschüttende Seite dann auch fehlen würde. Deshalb entkommt die Venus wieder, und das Spiel mit einer Tänzerin, die einen Zuschauer mit dem Lasso einfängt, kann von Neuem beginnen ... e.o.



DAS URTEIL EIN PERFEKT ABGESTIMMTES EMOTIONSABENTEUER DURCH DIE GEHEIMNISVOLLEN HÖHEN UND TIEFEN DER EROTIK UND LIEBE. EIN DRAMATISCHES GESAMTKUNSTWERK, GETANZT VON LEIDENSCHAFTLICH-FEINEN TANZKÖNNERN ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE, ERHABENHEIT UND ERDIGKEIT. – ZEITGEMÄSSER UND DETAILBEDACHTER LÄSST SICH EIN SHAKESPEARE-MYTHOS KAUM DARSTELLEN.



TANZTHEATER Speak low if you speak love ... * Regie, Choreografie, Bühnenbild: Wim Vandekeybus * Von und mit: Jamil Attar, Livia Balazova, Chloé Beillevaire, David Ledger, Tomislav English, Nuhacet Guerra Segura, Sandra Geco Mercky und Maria Kolegova * Originalmusik (Live): Mauro Pawlowski, Elko Blijweert, Jeroen Stevens, Tutu Puoane * Künstl. Assistenz, Dramaturgie: Greet Van Poeck * Styling: Isabelle Lhoas * Lichtdesign: Davy Deschepper, Wim Vandekeybus * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 2.+ 4.8.2016, 21h

Monday, September 24, 2007

THEATER: "ROMEO UND JULIA" ALS TRAUM-TRAUMA VON SEBASTIAN HARTMANN













Romeo (Sven Dolinski) und Julia (Julia Hartmann) laufen viel vor einander davon und zu einander hin - zuerst noch wie im reinsten Fantasy-Action-Film ...


... doch mit Julia in vierfacher Ausfertigung im hysterischen Kampf mit Vater-Patriarch Capulet (Martin Schwab) kippt das Ganze ins angstvolle Horror-Science-Fiction-Genre ...

... wo Pater Lorenzo (Thomas Lawinky) die toten Kinderkörper von Romeo und Julia wie im Alptraum des Schlafes durch einen Regen aus Körperstummeln trägt. Fotos © Reinhard Werner / Burgtheater


BURGTHEATER SEBASTIAN HARTMANN ÜBT SICH IM FREIEN ASSOZIIEREN: ROMEO UND JULIA WIRD BEI IHM ZUM ALPTRAUM IM GOTHIC-LOOK

Entweder Regisseur Sebastian Hartmann ist ein Mann, der noch nie richtig geliebt hat, oder er ist ein Anhänger des Trash - jener alles zusammen stopfenden Kunstrichtung, die in Deutschland momentan so gefragt ist, Stichwort Jonathan Meese (derzeit in der Sammlung Essl) oder auch bei Polens Künstlerjugend, Stichwort Piotr Uklański (derzeit in der Wiener Secession). Der Trash bildet sozusagen den extremen Gegenpol zur anderen, gerade gehypten Linie: die der ästhetisch streng durchgezogenen Reduktion in stilistischer Dichte. Beide Trends schlagen sich nun also auch im Theater nieder: Hartmann veranstaltet den Trash bei Romeo und Julia im Burgtheater.

Vom Fantasy-Filmtheater zum Horror-Trash

Romeo und Julia sind mit Sven Dolinski und Julia Hartmann (des Regisseurs Halbschwester im letzten Schuljahr - ärger geht´s kaum noch mit der Protektion!) zwei hübsche, blutjunge Stereotype, wie man sie - egal wie (gut) sie spielen - in einem Hollywood-Film besetzen würde. Und tatsächlich denkt man bei Hartmanns Zugang zunächst an einen Fantasyfilm. Die schrille Überzeichnung, wenn Julia als oberflächlich übermütiges Kind ins Publikum grinst und quasselt, macht aber gleich klar, dass hier eine Art von Irrwitz mitschwingt (denn so schlecht kann nicht einmal eine Schauspielschülerin spielen). Hinzu kommt die plötzliche, irreal motivierte Herumspringerei von allen Darstellern. Jedoch auch hier meint man noch, der Regisseur imitiere einfach den Rhythmus des Films, wolle Schnitte und Kamerafahrten simulieren, indem sich ständig etwas oder jemand auf der Bühne bewegt, Geräusche und Musik schlagartig einfallen, sodass permanente Action tobt. Spätestens nun, wenn Julia in vierfacher Ausfertigung auftritt, erfaßt man aber, dass dahinter ein anderer Gedanke liegt. Neben der Bemerkung der generellen Unterdrückung der Frau, indem der Vater (Martin Schwab) Julia autoritär und brutal zwingt, den ungeliebten Paris zu heiraten, verströmen Mutter Capulet (die es heimlich mit dem jungen Tybalt hat: Myriam Schröder), der Geist und die Amme (Kirsten Dene) als "Julias" das wachsende Gefühlsausmaß an Unheimlichkeit, das sich im Geschehen breit macht. Schon der Geist (Mareike Sedl - eindrucksvoll; wäre wahrscheinlich auch eine bessere Julia gewesen), der von Beginn an als kryptische Figur des Schicksals oder Alter Egos verschiedensten Personen deren Sätze abnimmt und alles zu dirigieren scheint, nimmt die Unausweichlichkeit der höheren, grausamen Macht vorweg, die dem Menschen am stärksten in seinen Träumen begegnet. Das wird dem Zuschauer vor Beginn des Theaterabends auch wiederholend (auf Englisch) eingetrichtert: "Alles, was Sie hier sehen werden, ist ein Traum im Traum."

Das Fantasytheater in Videoclipatmosphäre entwickelt sich also mehr und mehr zum Theater-Alptraum aus Horror- und Sciencefictionfilm in blitzschnell ortsdurchspringender Wahrnehmungstäuschung, wobei Bewegung und Personenverdoppelungen für die assoziativen Gedankensprünge der Angst im Schlafzustand stehen. Ab und zu kommt noch eine typisch groteske Shakespeare-Figur vor, wie Sampson (wirklich lustig: Karim Chérif) als geistig angeschlagener Tölpel. Shakespeare-typisch sind auch die in burschenhafter Liebe verbundenden Kumpane, wie der aggressiv schlagende und zotenordinär potente Mercutio (wollüstern und körperpräsent: Markus Meyer), der von Tybalt (Patrick O. Beck) erstochen wird. Die stilistische Verdoppelung kehrt wieder, sooft ein gefährlich nahender Schicksalsschlag droht - beim Giftmischen und -trinken des Pater Lorenzo (Thomas Lawinky) etwa, der bei seinem ersten Auftritt wie das leibhaftige böse Ohmen in schnellem sex- und todesbetontem Körperspiel mit dem Geist die nachfolgende Geschichte von Romeo und Julia einläutet.

Fehlende Disziplin beim freien Assoziieren

Dass all das Böse und die Ängste der Menschen in der Natur ("Mutter Erde") begründet liegen - mag Hartmanns bestimmende und gleichermaßen provokante Logik für seinen Zugang sein. Sie schließt mit ein, dass des Menschen Furcht auch an eine gewisse Lust gekoppelt ist. - Wer würde sich sonst ein todgeweihtes Kinderpaar im Alter von 14 ansehen, das abwechselnd stirbt und wieder erwacht. Eigentlich ist das ja pervers! Pervers ist somit auch in immer schneller werdendem, eskalierendem Wahn, voll von schwarzer Magie im Gothic-Look dieses Stück. Langweilig ist´s mit den Todesengeln und von der Decke fallenden Körperstümpfen auf keinen Fall, rundum gelungen ist es als Inszenierung trotz illusionsreicher Bühnenoptik von Jürgen Bäckmann aber auch nicht. Hätte Hartmann den grafisch-gestischen Körperbild-Stil des ersten Drittels bis zum Ende durchgezogen, hätte er einen fantasievollen Romeo-und-Julia-Neumaßstab gesetzt, der ernst genommen werden hätte können. Denn für die Beständigkeit braucht es ein wenig mehr an Maß und Disziplin - selbst in der freien Kunst. (Obwohl die ungemeine Chuzpe des Regisseurs, auf Konformität und Gefälligkeit - speziell am Bürg(er)theater - zu scheißen, natürlich immens imponiert!) e.o./a.c.


DAS URTEIL ROMEO UND JULIA ALS AUSGEBURT EINER TEENAGER-ASSOZIATIONSFLÜSSIGKEIT IN TRAUMATISCHEN ÄNGSTEN. DYNAMISCH, PROVOKANT, EFFEKTVOLL - UND TROTZDEM NICHT WIRKLICH GUT!

THEATER Romeo und Julia * Von: William Shakespeare * Regie: Sebastian Hartmann * Mit: Mareike Sedl, Sven Dolinski, Julia Hartmann, Markus Meyer, Karim Chérif, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 25.5.2008: 18h

Wednesday, September 12, 2007

THEATER: BARBARA FREY MACHT SHAKESPEARES "STURM" FAST LEBLOS KURZ

Drei sehr gute Schauspieler in mehreren, zum Teil verfremdeten Rollen: Joachim Meyerhoff (u.a. Ariel, Ferdinand), Johann Adam Oest (u.a. Prospero), Maria Happel (Miranda und Caliban) - Foto © Matthias Horn


AKADEMIETHEATER DER STURM KOMMT ALS LEBENS- UND KUNSTBILANZ VON WILLIAM SHAKESPEARE EIN WENIG ZU KURZ. DA HÄTTE SICH DER WELTDRAMATIKER WOHL DOCH MEHR LEBEN ERWARTET

Kennt jemand die Inhaltsangabe von Shakespeares Sturm noch nicht? - Wenn nein, dann gehe er bitte ins Akademietheater und schaue sich die auf 1 Stunde und 20 Minuten geraffte Kurzerzählung von Regisseurin Barbara Frey an. Denn drei Schauspieler erzählen einander, während sie zwischenzeitlich auch mehrere Rollen verkörpern, die Geschichte. Prospero (Johann Adam Oest) macht dann noch klar, dass es bei dem ganzen Stück um Shakespeares Bilanz über die Grenzen und die Relativität der Kunst geht. - Das müßte man normalerweise am Ende vom Schauspielführer lesen. - Also immerhin eine Studienerleichterung.

Bei diesem Zugang handelt es sich aber auch um eine Verfremdung - was die Moral von der Geschicht´ umso stärker betont. Und da das Liebespaar - als Symbol für Friede durch die nächste Generation und Fortschritt der Welt - außerordenlich ironisch und grotesk präsentiert wird (Tochter Miranda ist das Ungeheuer Caliban ist die mollig-starke Maria Happel; Sohn Prinz Ferdinand ist der gefangene Luftgeist Ariel ist u.a. der diesmal ein bißchen kindisch-liebe Joachim Meyerhoff), streift das Ganze auf lustige Weise auch die Shakespeare-Praxis, Frauenrollen mit Männern zu besetzen, nur in etwas veränderter bis verkehrter Form.

Das Stück ist außerdem sprachlich so altdeutsch (bzw. altenglisch) gekürzt, als hätte Shakespeare selbst die Raffung vorgenommen - weshalb es auch einen niveauvollen Grundton hat. Alles in allem, kurz und lehrreich, von drei guten Schauspielern präzise und melodiös gemeistert, insgesamt aber doch eher eine Inhaltsangabe als ein zum Leben erweckter Text. Die Zauberwelt des Theaters wurde gerade nur gestreift. - Hätte sich das Shakespeare so gewünscht? - Wohl kaum. e.o.


DAS URTEIL EIN BISSCHEN ZU KURZ FÜR DIE SHAKESPEARSCHE LEBENDIGKEIT. PASST ABER IMMERHIN ALS GUTE-NACHT-GESCHICHTE, KURZ VORM EINSCHLAFEN.

THEATER Sturm * Von: William Shaekespeare * Regie: Barbara Frey * Mit: Joachim Meyerhoff, Johann Adam Oest, Maria Happel * Ort: Akademietheater * Zeit: 4.10.2008: 20h