Sunday, June 29, 2008

MUSIK: FRAGILER MOMENT MIT SINGER SONGWRITER JASON WEBLEY

Hinter Jason Webley als Typ, der zum maßlosen (russischen) Trinken aufruft ...

... und mit tiefer Hard-Rock-Stimme als angry young man schreit, ...

... steckt ein hochgebildeter, mehrinstrumental virtuoser, sehr geistreicher Texter und Musiker ...
















... mit einer gehörigen Portion Sensibilität und Romantik. - Was er mit aller Kraft zu verstecken versucht. (Fotos © Jason Webley privat)


GASTHAUS VORSTADT DER US-SINGER SONGWRITER JASON WEBLEY LIESS AUF EINLADUNG DES WIENER SONGWRITER VEREINS (VSA) SEINE SENSIBILITÄT UNTERM HARDROCKER DURCHBLICKEN

Als Jason Webley im ziemlich grindigen Wiener-Vorstadt-Lokalhinterzimmer des 16. Wiener Bezirks seinen Song Almost Time To Go singt, schafft er es endgültig, maßlos an das Herz der Zuhörerin zu rühren. Denn jetzt erst, wenn er - sich selbst allein am Klavier begleitend - auf jegliche Show verzichtet, kann sie sich auf seine Musik, seine Worte, seinen intelligenten Ausdruck konzentrieren. Sie ist eine Zuhörerin, die sich in der dunklen, bis zum letzten 140. Platz mit Menschen angefüllten Spelunken-Atmosphäre zwischen Zwiebel-, Bier- und Essensgeruch nicht wohl fühlt. Doch da, inmitten dieses zwiespältigen Gefühls, blitzt jener magische Moment in ihr Empfindungsvermögen, zu einem Zeitpunkt, wo Webleys Konzert schon fast zuende ist. Es ist erstaunlich, dass es immer wieder dasselbe Wesen ist, das es schafft zu tangieren: der Typ Mensch, der mit Stärke, Witz, Aggressivität, mit männlicher Vitalität, alles Erdenkliche versucht, um seine insgeheime Verletzlichkeit, seinen Stolz, zu verbergen. Doch macht es auch nur eine Sekunde den Anschein, er spiele da etwas vor, ist es mit dem Zauber auch schon vorbei...

Überlegener unter grölender Masse

Um zu erfahren, wovon der US-Singer Songwriter aus Seattle in diesem Augenblick singt, wird sie später die von ihr mühsam aufgespürten Worte seines Texts nachlesen. Sie muss wissen, warum sie es vermögen, ihn sich so ausliefern zu lassen, offen der Welt ausgesetzt, als wäre er jemand mit abgezogener Haut. Eine einzige große Wunde. Ein Reisender, der täglich vom einen Ort zum Nächsten zieht, seine Lieder spielt, zur Unterhaltung der Leute, zu ihrer "Erheiterung". Er, der er sich so sehr in seinem Alleinsein erlebt, in seiner flüchtigen Überlegenheit. Es scheint zuerst, als singe er von jemand anderem, der einmal da war und dann wegzog, dessen zuruckgebliebenen Gegenstände wertlos seien, weshalb es für jenen fast "Zeit" gewesen sein mußte "zu gehen". Webley wisse nicht, ob der andere am Ende verzweifelt gewesen wäre, obwohl er ihn wie die Hölle kämpfen hatte sehen. Und da jener nie gut geschlafen hätte, hoffe er für ihn, jetzt einen rastvollen Ort gefunden zu haben. Jener Mann, der ein deplatzierter Tattoo-Charakter, der ein Patchwork Quilt von Leuten, gewesen sei. Es ist, als spräche Webley von einem freiwillig den Tod gewählten Mann. Doch im dritten Textteil löst sich das Rätsel auf, da Webley sich an die Allgemeinheit - und damit an sich selbst - richtet:

"Denk an Menschen, Orte, die du kanntest,
an Skulpturen aus Sand.
Die Flut kommt herein, und wir gelangen nirgendwo hin.
Wenn deine Füße noch in Schuhen stecken, woraus sie schon entwachsen sind,
Dann ist´s fast Zeit, ist´s fast Zeit zu -
Denk an den Samen, den du verstreut und gesät hast,
aus deiner Hand,
wie er sich im Wind verloren hat gleich einer winzigen Feder;
An (deine) Dinge, die du dem Gewöhnlichen als überlegen empfindest,
Dann ist´s fast Zeit, ist´s fast Zeit .. zu gehen."

Es ist Webley, der inmitten der jubelnden Menge als erleuchtete Künstlerseele leidet, doch genauso geht es manchem Zujubelnden hinter der eigenen grölenden Fassade. - Keiner fühlt sich verstanden, nicht einmal von denen, die eh (jubelnd) verstehen. Und das zu verstehen, macht wieder die große Magie des unterbewußten, kollektiven Verbundenseins aus. Durch diesen einen Song entschlüsseln sich in ihrer Dimension automatisch alle anderen Songs, jene davor, jene danach: Lieder - begleitet vom verstärkten, überragend leicht gespielten Solo-Akkordeon, von der verstärkten, bestimmt gespielten Solo-Gitarre, von Webleys nachdrücklich stampfenden Füßen auf einfachem Fußbrett, das irgendwann ob des vehementen Gegendrucks zerbricht, von Webleys tscheppernden Münzen in zwei Flaschen -, mit denen sich der langhaarige Barde unterm Schlapphut, der vor zehn Jahren als einfacher Straßenmusiker begonnen hat, angenehm tief und theatral bedacht seine Wut aus dem Leib schreit: mit einer Stimme zwischen Tom Waits und Heavy Metal, Leonard Cohen und Gypsy, Bob Dylan und Folk, Nick Cave und Drahdiwaberl-Punk. Und zwar schreit er ausgerechnet dann, wenn er die sensibelsten und lyrischsten Worte ausspricht - ein weiteres Indiz dafür, dass sich hier eine fragile Seele zu schützen versucht: vor der brutalen Oberflächlichkeit der Welt. Das geht wiederum mit nichts besser, als durch die eigene virtuose, entsprechend inszenierte, brutale Oberfläche.

Singer-songwritender Hardrocker, der Liebe sucht

Doch selbst die Texte sind schon so verschlüsselt, dass sich erst am Ende herausschält, dass es sich in manchem Lied etwa um Liebe dreht. So stampft Webley in lautem Amour-Fou-Schmerz auf Orpheus´ Mythosspuren beim Song Map (vor allem live, auf CD aus dem Jahr 2004 singt er den Song zärtlich als Chanson in jüdischer Erzählweise mit lustig geklopftem Schlagwerk und mit hämisch hoch, gegenläufig lachender Klarinette zum Schluß), wenn "sie" zu "ihm" sagt: "Ich bin nicht deine Liebe. Ich bin nur die Landkarte, die du benutzt, um jene zu finden." Zum beidseitigen Einverständnis endet der Song aber immerhin auf seinen Protest hin versöhnend, indem "er" auch dasselbe zu "ihr" sagen kann ... Inhaltlich eindeutiger ist der nächstenliebende Fidel-Folk-Rock Ways to Love, wohinter sich der psychoanalytische Grundsatz einer ermahnenden moralischen Mutterliebe verbirgt. Webley singt ihn - auf CD bei schnellem Geigen-Sound vor Elektrogitarre - schimpfend hart und damit ebenso rockig:

"Unsere Mutter machte uns zu Schwimmern,
sie warf ihre Babies in den Fluß,
voller Schlamm und dichtem Unkraut, ein Jahrhundert von merkwürdigem Schutt,
Wir lernten zu kämpfen und zu lieben -
.... So dachte ich, wir hätten genügend Wege der Liebe erlernt,
doch weiß ich noch nicht, Mutter, wer wir sind.

.... Man lehrte uns, Klassenbeste zu werden,
wir lernten, durch viele Lupen zu sehen,
wie unterzugehen und wie zu überfliegen,
Wir lernten, uns gegenseitig beim Sterben zuzusehen.
Mein Gott, dieses Lehrfach ist härter als wir selbst -

... Unser Verstand war scharf, unsere Körper brannten
Wir warfen uns selbst in unser Erlernen
Lieber Gott, dieses Jetzt ist stärker als wir -
Dachte, wir hätten genügend Arten der Liebe erlernt
doch weiß ich noch immer nicht, Mutter, wer du bist.
Ich dachte, ich wäre gut darin, in meiner Art zu lieben.

... Haben wir noch Zeit für ein Schläfchen?
Das Haus brennt, der Himmel fällt herab.
Junge, geh zurück. Geh zurück. Hier ist deine Mutter, die dich ruft."

Die virtuose Wunde im saufenden Rumpelstilzchen

Zum hüpfenden Rumpelstilzchen wird Webley schließlich, als er auf einen der Holztische im Publikum springt und beim immer schneller werdenden, rastlosen Song Icarus ironisch-bitter "Relax!" brüllt, als wäre seine maßlose Energie nur noch so zu stoppen, in die zum Finale das ganze Publikum aufgesprungen ist, nachdem er einige seiner berühmten, haltlosen Trinklieder angestimmt hat. - Was dem Publikum im Allgemeinen maßlos gefällt, gefällt wiederum der eingangs erwähnten Zuhörerin gar nicht, weshalb sich in ihr beim gefallenen Wort "Relax" eine persönliche Geschichte abspielt. Sie macht sie zu ihrem persönlichen Insider-Witz mit Webley. Denn hinter Webleys Aufrufen - das Publikum solle die fehlenden (auf der neuen CD The Cost of Living zu hörenden) Instrumente durch Mitsingen ersetzen, es solle sich im Kreis drehend die Finger in die Höhe strecken und sich ruhig bis zum Umfallen (nach Russentradition) besaufen - erkennt sie sehr wohl, dass Webley selbst das ihm gereichte Bier ausschlägt und lieber zum Wasser greift. Sie denkt sich, "warum er sich das überhaupt antut, die Show so übertrieben aufzudrehen? Ist ihm die entgegenkommende Lautstärke an Emotion als Beweis von Zuneigung so wichtig, um wichtiger zu werden als die eigentliche Kunst?" - Seine Fähigkeit zum Musiker, Sänger und Songwriter allein tät´s jedenfalls auch, wenn nicht sogar noch besser. Tiefstapelei ist nicht angebracht. Viel mehr gehört dieser Mann auf eine anständige Bühne, in ein anständiges Etablissement, damit "alle" Leute an seiner zärtlichen Text-Philosophie, seinem perfekten Multiintrumental-Spiel sowie seinem Silbe um Silbe detailliert und theatral-betontem Gesang auch bewußt teilhaben können ... e.o.


DAS URTEIL JASON WEBLEY IST EIN AUSERGEWÖHNLICH VIELSEITIGES, HOCHMUSIKALISCHES TALENT. UND SEIN AGGRESSIVES TEMPERAMENT IST SEINER SENSIBILITÄT DABEI ENTWEDER IM WEGE, ODER ES MACHT SIE GERADE EXTRA INTERESSANT ...

Links zum Webley-Anhören und für mehr Konzerte:
www.myspace.com/jasonwebley
www.songwriting.at

Unsere Singer-Songwriter-Tipp-Empfehlung - mit ausnahmsweise auch sehr bemerkenswerten Österreichern!
KONZERT Netnakisum (A) * Ort: Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien * Zeit: 17.7.2008: 20h
KONZERT Led To Sea (USA) * Ort: Rhiz, Stadtbahnbogen 37-38, 1080 Wien * Zeit: 13.8.2008: 22h30
KONZERT Garish (A) * Ort: Haus der Musik, Seilerstätte 30, 1010 Wien * Zeit: 21.8.2008: 20h
KONZERT Boy Omega (SWE) * Ort: Gasthaus Vorstadt, 1160 Wien, Herbststraße 37 * Zeit: 4.9.2008: 20h
KONZERT Bernhard Eder (A) / Lasse Matthiessen (DK) * Ort: Gasthaus Vorstadt, 1160 Wien, Herbststraße 37 * Zeit: 2.10.2008: 20h

TANZTHEATER: ILLUSIONSPLÄDOYER VON JAMES THIÉRRÉE IN "AU REVOIR PARAPLUIE"



















Die Liebe fängt schwierig an, wenn sich ein Mann eine abgehobene Frau auf Seilen als Liebessubjekt (Satchie Noro) wählt
(Foto © Mario Del Curto) ...

Da wird die Anforderung (Kaori Ito) so gross, dass der Mann (James Thiérrée) seinen Grips wirklich anstrengen muss, um sie zu bekommen.

Der Mann Thiérrée schafft es mit seinem leidenschaftlichen Ungestüm, aber das Glück der Harmonie aller inneren Alter Egi (links: Magnus Jakobsson) des Liebespaars währt nicht lange ...

... sodass sich der wieder einsam Verlassene im zeitlichen Rücklauf auf die Suche nach dem Moment machen muss, als die Harmonie zerbrach ...

... diese Suche als Gang durch den Sumpf heißt: sich mit neuen, unheimlichen Wesen und eigenen Erkenntnissen zu konfrontieren.

... sich für den Entschluß zur Liebe selbst zu bekämpfen, an sich zu arbeiten, und sich dabei auch noch zusehen zu können ...

... dafür gibt es dann vielleicht den gemeinsamen, harmonischen Flug in der Luft - weil der Mann in die (Zirkus-)Welt der Frau wirklich bereit ist, einzutauchen. (Fotos © Jean Louis Fernandez)


HALLE E - WIENER FESTWOCHEN JAMES THIÉRRÉE HAT ÜBER DIE KONFRONTATION MIT DEM UNGLÜCK WIEDER ZUM MASSLOSEN GLÜCK DES THEATERS GEFUNDEN: IN AU REVOIR PARAPLUIE

Alles, was die Wiener Festwochen nach James Thiérrées La Veillée des Abysses 2004 im Bereich "Zirkustheater" eingeladen haben, - ob Tanztheater- oder Theaterakrobatik-Produktion - vermochte nicht annähernd an die Komplexität und Musikalität des Theaters dieses französisch-schweizerischen Universalgenies heran zu kommen. Das 2008 in Wien zu sehende Nachfolgewerk Au revoir parapluie hat das einmal mehr bestätigt. Thiérrées ins Surreale verpackte Slapstickmelodram der Körpersprache, entspricht in seinem ästhetischen Ausdrucksumfang ganz der logischen Erbfolge, Enkelsohn Charlie Chaplins, sowie Sohn des Zirkusehepaars Jean-Baptiste Thiérrée und Victoria Chaplin zu sein, mit dem der heute 34-jährige Akrobat, Tänzer, Mime und Violinist schon als Kleinkind in verschiedenen Zirkusformationen auf der Welt auftrat. Von daher erklärt sich die Reife im philosophisch-abstrahierenden Themenzugang voller zeitlich zerschnittener Erzählsprünge samt schwierigster Bewegungsinterpretationen dieses doch noch jungen Mannes. Das müßte hinsichtlich professioneller Einverleibung eigentlich von einem mindestens fünfzigjährigen Welt(star)künstler stammen. Dass er diese geistig reflektierte Vollendung mit seinem zart-starken Körper selbst tanzen kann, ist ein wahrer Glücksfall, für den das Publikum ihm oder auch Gott unendlich dankbar sein will.

Fabulöse Archetypen als Liebeskummer-Bringer

Zu Beginn erscheint eine Art Fee, die Schwedin mit Barockopernstimme und in schwarzem Fabelkostümgerüst (Kostüme: Victoria Thiérrée, Manon Gignoux), Maria Sendow, mit einem sagenumwobenen Brief in der Hand. Sie könnte auch Schicksalsgöttin oder innere Stimme des "Liebeskummernden" sein (Thiérrée, dem das Herz durch einzelne Körperteile wandert, sodass "es" an seinem Knie oder Schenkel "klopft"). Dieses Ohmen legt sich als Allmacht in Form einer schwarzen Tuchwolke mit mühsam zu durchwandernden Bauschblasen über die Bühne, "worauf" sich nachfolgende Geschichte in albtraumhaften Sequenzen abspielt: die freuden- und leidensvolle Liebesgeschichte des darauf stapfenden Träumers Thiérrée. Dass sie letztenendes nur durch sein Hirn so kompliziert wird, zeigt eine witzige Szene mit Partner bzw. der weiteren inneren Stimme Thiérrées, Magnus Jakobsson, der durch blitzschnelles Heben von Thiérrées Haarschopf wissen will, was da eigentlich drunter sei, das dem Mann so zu schaffen macht... - Insofern gilt einmal mehr: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". (Doch böte die Geschichte nur lineares Glück, wäre sie nicht außergewöhnlich genial ...)

Es fängt damit an, dass der Mann sich zum Liebesobjekt eine Frau wählt, die auf Stricken über den gewöhnlichen Dingen dieser Welt steht: Asiatin Satchie Noro, die zu poetischen Klaviertönen in der Luft tanzt. Und obwohl in diesen Stricken viele tote Herrenköpfe hängen, die wahrscheinlich Ähnliches wollten, läßt sich der junge Mann nicht davon abhalten, ihr - sich wild zu ihr raufschwingend - einen Kuss zu rauben. Und siehe da, es geschehen noch Wunder: Sie verliebt sich in ihn, angedeutet durch die Sängerin, die jetzt zur Leierkastenmusik ein Liebeslied singt. Den Liebeszauber, den die Beiden erleben, zeigt Jakobsson, der allerhand Zauberstücke mit Karten, Vögeln und einer erwartungshaltungsbrechenden Schere auf Lager hat. Das Unglück hat sich mit dem Glück automatisch barockmusikalisch archetypisch mitentwickelt: es taucht in Person der gnomhaft-asiatischen, zeitgenössischen Tänzerin Kaori Ito auf, die sich phasenweise auch als skeptische, innere Sphinx-Stimme des Träumers zu erkennen gibt. - Insofern wäre also auch jeder seines eigenen Unglückes Schmied.

Der Kampf mit sich selbst als Weg zum Glück

Denn das Paar, das jetzt zur Trio-Familie geworden ist, hat sich plötzlich im Unisono gegen den aufkommenden, überwältigenden Gegenwind des Alltags zu wehren. Es bewegt sich gleichförmig rückwärts, als wolle es die Zeit zurückdrehen, wo alles Unglück begann. Man sieht, wie die Liebesliedsängerin aus dem Bild gezerrt wird, wie der geliebten Frau im Bett sitzend statt vor Liebe frohlockend nur noch traurig die Haare vor dem Gesicht hängen. Dass sie zu zweifeln beginnt, zeigt ein schizophrenes Duett mit der sich nun ident bewegenden und aussehenden Kaori Ito. Dabei war die Liebe mit ihrem Mann unter der roten Decke gerade noch so schön. - "Wie schaffte es dieser Störfaktor Ito nur drunter zu kriechen?", denkt sich der Mann. Wie kam es, dass ihm plötzlich seine Jacke nicht mehr passen wollte, und es ihm geschah, dass er sich - beim Zusammenfalten - gleich mitfaltete? Warum wollen ihn seine Füße, seine Hände verlassen, obwohl sich sein Wille dagegen stämmt?

Nachdem er verwirrt allein ist, diktiert ihm daraufhin die Sängerin (in seinem Kopf) einen Brief, um die Einst-Geliebte vielleicht doch zurück zu gewinnen. Mit ihrer Retour-Antwort beutelt es ihn in seinem Schaukelstuhl derart, dass er ganze Rollen schlägt. Er tanzt in geistiger Wiedervereinigungs-Vorfreude in einem harmonisch-symmetrischen, zeitgenössischen Trio (Thiérrée kann also auch das bei erkennbar klassischer Ballettbasis perfekt!) und macht sich auf Wanderschaft, sie zurück zu holen. Doch dabei quält ihn auch schon wieder die einhergehende Skepsis, denn er gerät in eine mit elektronischer Musik durchflutete Sumpflandschaft mit unübersichtlichem Gestrüpp, worin er sich verirrt. Er begegnet einem unheimlich menschengroßen Fisch aus Bast, der sich in eine tanzende Bast-Grille verwandelt, schlägt sich zum Grillengezirpe mit kegelartigen Rutenbüscheln, indem er mit ihnen (also mit seinen Ängsten) leidenschaftlich schlagend jongliert. Schließlich fragt er einen vorbeikommenden Passanten (Jakobsson = sich selbst) um den richtigen Weg (die endgültige Entscheidung). - Wie ahnungslos dumm er ihm (er sich selbst) dabei vorkommt, zeigt dabei die (stummfilmlachreife!) Gesichtsmimik Thiérrées. Dann muss er sich im Sumpf in angstvoller Ohnmacht wieder mit der asiatischen Tänzerin, mit der Sängerin als Sensenfrau konfrontieren, die ihn anschreien, und die er danach als Gewissenskampf mit sich herumschleppt, bis er seinen inneren Schweinehund endgültig überwinden kann, indem er sich (Jakobsson) im virtuos wurfreifen Rutenfechtkampf besiegt. Oder auch nicht. - Denn man fragt sich: "Ist das Schicksal grundsätzlich gegen das Liebespaar?"

Der plötzliche Sprung zur Erkenntnis

In einem plötzlichen Szenenwechsel bekommt man als Antwort "nur" ein Musikquintett geboten, als müßten alle Akteure erst mal auf Distanz gehen, um sich selbst in ihren Entscheidungen bewerten zu lernen. Doch am Ende sind das Paar und die asiatische innere Stimme (des Mannes) auf einem Seil zu sehen, wie sie sich fragil aufeinander zu bewegen und phasenweise darauf harmonisch gleich tanzen. Da sind aber auch eine Menge schirmartiger weißer Federbälle, die von der Decke regnen. Sie stehen wohl für Thiérrées Vision, dass das Leben und die Liebe am besten unterm Zirkuszelt zu betrachten seien, denn ein ganzes Zelt stellen sie in Windeseile auch noch mitten in der Halle E im Museumsquartier auf ... Und wahrscheinlich hat er recht: Leben, Liebe und (sein) Theater bleiben mit urtümlich archetypischen Waagenfahrrädern ja tatsächlich am schönsten als staunenswerte Illusion zwischen Liebe und Hass, Glück und Unglück: Solange es unter der Schutzplane des mythischen Zaubers geschieht, dürfen die ewigen Gesetze für das Funktionieren von Gefühlen und Unterhaltung auch nicht anders lauten. e.o.


DAS URTEIL JAMES THIÉRRÉES ZIRKUSTHEATER IST DAS UNGLAUBLICH SCHÖNSTE, WAS ES AN UNTERHALTUNG UND ILLUSION AUF DER WELT GIBT ...

THEATER Au revoir parapluie * Von: James Thiérrée (Regie und Bühne) * Mit: Kaori Ito, Maria Sendow, Magnus Jakobsson, Satchie Noro, James Thiérrée * Sound Design: Thomas Delot * Ort: Halle E, Museumquartier im Rahem der Wiener Festwochen 2008 * Zeit 27.5.-1.6.08

Saturday, May 31, 2008

THEATER: ANDREA BRETHs THRILLER "MOTORTOWN" VON SIMON STEPHENS

Danny (Nicholas Ofczarek) nistet sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bei seinem geistig debilen Bruder Lee (Markus Meyer) ein ...

... der gerne dumm bleibt, genauso wie Dannys Ex-Freundin Marley (Johanna Wokalek). Sie hat studiert und bleibt vom Wesen her dennoch eine Proletin.

So droht Danny der einen, und schlägt er die andere - Teenager Jade (Astou Maraszto) - bis zum Mord. Denn Schule ist heute nur noch fad...

... wo sich perverse Lehrer wie Justin (Udo Samel) herumtreiben und die Schüler zu ebenso perversen Medienmanagern wie Helen (Andrea Clausen) ausbilden. Fotos © Bernd Uhlig


AKADEMIETHEATER ANDREA BRETH PROVOZIERT MIT SIMON STEPHENS´ MOTORTOWN ALS PACKENDEM GRENZGANG DER VERLORENEN JUGEND

Eigentlich könnte Danny genauso gut aus dem Knast heimkehren. Es müßte nicht Basra sein, wo er fürs britische Vaterland gekämpft hat. Knast und Krieg bewirken im Menschen dasselbe. - Diese Assoziation hat Simon Stephens in seinem Stück Motortown aus dem Jahr 2005 in vier Tagen Schreibarbeit, zur Zeit der Explosion der vier Bomben in den Bussen und der U-Bahn Londons, wahrscheinlich beabsichtigt. Und Regisseurin Andrea Breth hat das noch einmal betont. Aber nicht, um den Krieg zu verdammen, sondern die Umstände, warum es zu diesem Krieg und seinen verwirrt-verbohrten Kriegsheroen kommen kann. Danny stammt aus einem niedrigen, bzw. kleingeistigen Milieu, vielleicht auch nur aus der ganz normalen, unsensiblen, "beschränkten" Proletarier- oder Mittelschicht; Nicholas Ofczarek spielt diesen Danny mit roten Haarstoppeln im Akademietheater faszinierend unberechenbar, engstirnig und brutal. So ist es wohl passend, dass seine Wohngegend mit (amerikanisch einwirksamem) Ford-Nummernschild und Reifen auf der zum Rechteck verkleinerten Garagenbühne von Annette Murschetz spielt. Darauf versteht es wiederum Breth, eine packende Handlung in einer rhythmisch-intellektuellen und damit modernen Erzählmethode mit Schauplatz- und Zeitsprüngen bei Schwarzbildern und Toneffekten zu inszenieren.

Der Raum ist begrenzt wie Möglichkeiten und Geist

Im Wohnraum begegnet Danny seinem Bruder Lee (Markus Meyer), den Kostümbildnerin Sabine Volz mit verwachsenen Riesenzähnen, grotesk großer Brille und wildem Bart- bzw. Haarwuchs absichtlich übertrieben "verkleidet" und damit - für den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken anregend - verfremdet hat, als Hinweis zur genetischen Debilität dieser Menschen, aber auch zum bewußten Festhalten derselben an ihrem defekten Dasein. Denn es garantiert jenen Menschen innerhalb ihrer Lage eine Zone des Schutzes und der Bequemlichkeit: Der putzende, kochende und bügelnde Lee kann sich und Danny so immerhin eine Wohnung halten. Ähnliches suggeriert Dannys Freundin vor dem Krieg, Marley, die sogar auf der Universität studierte, aber dennoch redet, als käme sie aus der Gosse nie heraus (Johanna Wokalek als "Proletin" in ungewohnter Rolle). Ihre Angst vor Danny ist hysterisch gross, nachdem er ihr aus dem Krieg verstörende Briefe geschrieben hat. Sie will von ihm nichts mehr wissen und meint zwischen Stottern und Weinen, ohne nachzudenken, wie provokant das ist: "Du hast eh keinen hoch gekriegt, und wenn, dann bist du nach zwei Sekunden gekommen!" - Frauen dieser Schicht scheinen Schläge auf diese Weise förmlich "herbei zu sticheln", nur lässt es Breth bei Marley nicht so weit kommen, was wiederum den Schrecken für den Zuschauer umso anhaltender macht, sodass er ständig auf der Lauer liegt.

Der Psychothrill kann beginnen

Mit Marleys Abfuhr ist der Psychothriller eingeläutet. Obwohl Danny irritierender Weise auch noch einen spannenden Job bekommt - nämlich Spezialeffekte-Macher beim Film (einem Blockbuster-Musical über den 11. September) -, kauft er bei einem ebenfalls übertrieben-verfremdeten Yuppie-Sandler-Freund aus früheren Zeiten eine Waffe. Dabei deckt der philosophisch angehauchte Weltpessimist Paul (passend zu seinem Typ: Wolfgang Michael) Danny mit einer Nonstop-Nörgelei über die Jugend von heute ein: "Drogen können die Jungen im Supermarkt kaufen, solche, die man heute gar nicht mehr kennt ... Und ihre gespaltene Sexualität leben sie, weil ihre Partnerschaften nicht lange dauern, online aus." Das scheint weniger moralische Anklage als abgefundene Tatsache für den doppelmoralischen Nörgler zu sein, der als Mitfünfziger selbst etwas mit der 14-jährigen Jade (Astou Maraszto) hat. - "Sie langweilt sich in der Schule und geht nicht mehr hin", sagt er über sie. Die Erlebnis-gierige Jade sucht sich zur Unterhaltung also die Gefahr - wobei sie beim aggressiv aufgeladenen Danny gut aufgehoben ist. Nachdem er der bereits wieder vergebenen Marley gedroht hat, "alle ihre Typen umzubringen", geht er mit dem naiv-geilen Teenager auf Spritztour ...

Je schwächer das Opfer, desto besser für den Sadisten

"Das ist das Problem mit der Jugend von heute. Sie weiß nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen soll", frotzelt Danny Jade in einer spannungsgeladenen Mischung aus Sex und überlegener Drohgebärde, sodass sie sich unter seiner (Zuhälter-)Masche, sie zwischen Abscheu und Versöhnung zum unterlegenen, wertlosen Objekt zu degradieren, zunächst noch angezogen fühlt. - Das mag übrigens der Grund sein, warum Frauen bei "Schlägern" bleiben: Weil jene ihnen Stärke nach außen hin weismachen, während sie sie nach innen (also bei ihnen) ausüben. - Er schüchtert das Kind immer mehr ein, indem er ihm befiehlt, sich auf einem Bein stehend zu bücken und nicht zu bewegen. Und während sie gehorcht, drückt er eine Zigarette auf ihr aus, sodass sie sich bewegen muss ... Danny treibt sein sadistisches Spiel, damit er seine (Freude an der) Wut los werden kann. Dass sie eigentlich aus der Kriegszeit kommt, sagt er beiläufig zu seinem Befehl, Jade solle ein Kleidungsstück nach dem anderen ausziehen: "Ich tu mit dir das, was mein Vorgesetzter mit mir gemacht hat." Er überschüttet sie mit Benzin und spielt mit dem Feuer, sodass sie vor Angst nur noch schreit. Doch für ihr Sterben hat er eine andere Lösung, festgehalten in einer trophäenartigen Fotoserie.

Behinderte haben es gut, denn sie wissen nicht, was sie tun

Auf der Heimfahrt, wo die Worte fallen, "die jungen Leute gehen auf die Uni, bekommen kleine Jobs und hoffen, irgendwann Überflieger zu sein", trifft er noch auf ein perverses Paar, den biederen Lehrer Justin (aberwitzig gut: Udo Samel) und die Medienmanagerin Helen im schicken Kostüm (Andrea Clausen), der Dannys Militärvergangenheit besonders imponiert. Sie fordern ihn zum Dreier-Sex auf, weil der Lehrer gerne zusehe, wenn seine Geliebte glücklich sei. Darauf meint Danny nur angewidert: "Meine Ma hat meinen Pa nie so was gefragt. Wird man so, wenn man in den Medien arbeitet? - Ich konvertiere zum Islam, da schützt man sich vor Abschaum, wie ihr es seid!" - Doch damit nicht genug, der Perversität zwecks sozialer "Integrität" kommt selbst Danny in seiner Familie nicht aus: sein staunender, nur nach Behinderten-Instinkten reagierender Bruder - was für die Menschen von heute ohne Gefühl für Recht und Moral stehen mag -, bekommt einen Ständer, während Danny ihn küßt, und er ihm vom Mord erzählt. Das ist nun ihr beider Geheimnis, das nicht nach außen dringen darf und sie eng verschweißt .. Und wahrscheinlich ist das im Leben erst der Anfang vom perversen Terror-Ende, wo man partizipieren muß, um nicht drauf zu gehen. Denn das ist das Resultat einer Weltsicht ohne bestehende - und vor allem lebbare - Ideale. e.o./a.c.


DAS URTEIL VOR ALLEM VON NICHOLAS OFCZAREK GRANDIOS GESPIELTER PSYCHOTHRILLER MIT REALISTISCHER AHNUNG VON DEN PROBLEMEN JUNGER MENSCHEN VON HEUTE. BEI MODERNER UND PACKENDER REGIE.

THEATER Motortown * Von: Simon Stephens * Regie: Andrea Breth * Mit: Markus Meyer, Nicholas Ofczarek, Johanna Wokalek, Jörg Ratjen, Wolfgang Michael, Astou Maraszto, Udo Samel, Andrea Clausen * Ort: Akademietheater Wien * Zeit: * Zeit: 12.6.: 18h30, 18.6.: 20h, 29.6.2008: 18h

THEATER: GEORG SCHMIEDLEITNER GEWINNT MIT "GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD" - FAST




















Spielzeuggeschäftbesitzer Zauberkönig (Michael Schottenberg) möchte, dass seine Tochter Marianne (Katharina Vötter) eine gute Partie macht ...

... doch Marianne will sicher nicht den unberechenbar-doppelmoralischen Metzger Oskar (Robert Palfrader) heiraten, sondern "frei" entscheiden können ...

















... denn in Paradeehen mit "Metzgern" sehen Männer Frauen nur als "Fleisch", wofür im Stück dieses Parallelpaar (Christoph F. Krutzler, Annette Isabella Holzmann) steht, was aber die gesellschaftliche Norm repräsentiert.

Marianne denkt, die Idee eines anderen (Frauenrollen-) Lebens mit Strizzi Alfred (Marcello de Nardo) realisieren zu können; er geht aber zurück zur reichen Pseudofeministin Valerie (Maria Bill). (Fotos © Lalo Jodlbauer)


VOLKSTHEATER WIEN ÖDON VON HORVATH UND GEORG SCHMIEDLEITNER SORGEN SICH UM DIE ROLLE DER FRAU. IHRE GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD SIND ABER NICHT GANZ REPRÄSENTATIV FÜR DEREN HEUTIGES ROLLENBILD

Vielleicht hat Oberösterreicher Georg Schmiedleitner den Regie-Karl-Skraup-Preis für seine Geschichten aus dem Wienerwald heuer ja verdient - obwohl die virtuose Arbeit von Stephan Müllers Clavigo zumindest gleichwertig und Antoine Uitdehaags urbanreife Leistung bei Wer hat Angst vor Virginia Woolf noch um ein paar Grade besser waren. Immerhin hat das Wiener Volkstheater bei Ödon von Horvaths Mittelschicht-Sitten-und-System-Porträt sein ständiges Ziel - die Kompromißsuche - in diesem Kompromißstil als größten gemeinsamen Nenner zwischen intellektuellem Avantgarde- und angreifbarem Volksstück erreicht.
Darum kann man die Preisentscheidung gelten lassen. Es wirkt am Ende zwischen abstrakt-gerader Raumgrafik und folkloren Weinreben, Geräuschmusik bei rustikalem Spiel, heiligen neben Schlächtersprüchen (Christoph F. Krutzler als Havlitschek: "Weiber gibt´s wie Mist, sie haben keine Seele, sind nur Fleisch ...") auch tatsächlich kontrastartig stark - und das steht für den Spagat "gelebt" und "reflektiert". - Umwerfend einzigartig aber, ist dieses Theaterereignis nicht.


Lauter Antihelden, zwei ganz tolle Schauspieler

Sicher, an einzelnen Personen festgemacht, da ist es sogar zum Abhauen gut, denn sie stehen für Volksschauspielkunst vom Feinsten: Michael Schottenberg und Maria Bill befriedigen die Klatschneugierde, sie als vertrautes Ehepaar beim Tete a tete am Strand (obwohl "er" Vater" und "sie" Geliebte eines anderen im Stück ist) in Flagranti erwischen zu dürfen, so wie sie auch - jeder für sich - mit Größe und stark und komisch spielen. Marcello de Nardo schafft es fast, diese Bühnenpräsenz zu halten. Er ist einer der "Antihelden" der in Wien spielenden Handlung, "Strizzi" Alfred, der zuerst mit der selbständigen, viel älteren Trafikantin Valerie (Bill) geht, weil er dadurch für sich selbst größtmöglichen Nutzen und Bequemlichkeit erfahren kann. Ganz nach seinem Motto: "Heute muß man andere für sich arbeiten lassen." Doch dann trifft er auf Marianne (die unscheinbar-androgyne Katharina Vötter, mit sportlich-trainiertem Körper), des Spielwarengeschäft-Besitzers - angedeutet nur mit einem Riesenbär - Zauberkönigs (Schottenberg) Tochter, und die Verlobte des wohlhabenden, von ihrem Vater goutierten Metzgers Oskar. Und siehe da: beide folgen ihrem Gefühl der gegenseitigen Anziehung, zulasten eines nutzenorientierten Opportunismus. Sie entscheiden sich gegen die Feinde ihrer Liebe: neben Valerie, Vater, Oskar, vor allem die pragmatisch-engmaschig denkenden Beeinflusser Alfreds vom Land: Mutter (erschreckend kalt: Beatrice Frey) und Grossmutter (noch erschreckend kälter: Erni Mangold). Der Anstoß zu dieser revolutionären, auf jede Sicherheit verzichtenden Beziehung kommt aber eigentlich von Marianne. Denn auf Alfreds Worte, "ich hab kein Geld", folgert sie mit: "Du bist ein feiner Mensch. Du paßt zu mir."

Gehinderte Feministin

"Fein" findet Marianne Alfred, weil er mit dieser Bekundung adhoc das Gegenteil derer repräsentiert, die sie umgeben. Vor allem bei ihrer Verlobung mit Oskar - eine der gekonnt zynisch eingerichteten, (choreo)grafischen, wiederkehrenden Scheinmoral-Idyllen von Schmiedleitner und Bühnenbildner Stefan Brandtmayr - wird klar, wie es ihr in dieser nostalgischen Badegesellschaft der Jahrhundertwende, und unter all den bunt-fröhlichen Sonnenschirmen bei kitschigen Gitarrenklängen, ergehen würde, wenn sie sich anders entschiede: Sie wäre zwar nach außen hin "ordentlich" versorgt, sodass ihr Vater seine stolzen Reden halten könnte - Schottenberg mit makaber falscher Sentimentalität. Sie müßte dafür aber die Launen ihres Gatten (spielt den "guten Doppelmoralisten" ungreifbar zwiespältig: Robert Palfrader) ertragen, dem sie ausgeliefert wäre. Denn wenn dem von Frauen als Sphinxen und Engel redenden Oskar bei "seinem Engel" plötzlich, aus sexistisch-sadistischem Spaß, die Hand ausrutscht, macht Vater Zauberkönig einfach die Augen zu.
Es geht daher - wie so oft bei Ödön von Horvath (1901 - 1938) - insbesondere um die Situation der Frau, weshalb diese ausbrechende Marianne eine feministische Note hat. Die einzige, (auch heute) lebbare Art von einer Feministin stellt in Wahrheit aber allein Valerie dar, die alles über das Wesen der Frau zu wissen scheint. Ihre Ratschläge und Weisheiten sind so abgeklärt wie stererotyp ("Frauen müssen sich pflegen, bei Männern schaut man auf ihr Inneres"). Deshalb ist sie alles andere als sympathisch. Und damit ist sie - als "wir Frauen"-Sprecherin - auch kein "Role Model" für junge Frauen unserer Tage (obschon solche "Feministinnen" in der heutigen Arbeitswelt natürlich zuhaufe präsent sind).


Für alternative Rollenbilder kein Geld

Valerie (Maria Bill: blond und in sexy pinken Pfeifenröhrenhosen) leidet nicht sehr am Verlust von Alfred. Gemäß ihrer Käufer-Verkäufermentalität fühlt sie sich schon vor seiner Entscheidung für Marianne zum noch viel jüngeren Erich in Uniform (gut: Thomas Meczele) hingezogen, der sich ebenfalls von ihr aushalten läßt. Als ehrenvoller "Nazi" will er aber natürlich "alle Schulden zurück zahlen" ... Dennoch wird es Alfred sein, der am Ende wieder bei ihr ist, nachdem seine Ehe mit Marianne scheiterte, weil sie - eben - kein Geld hatten und sie ihn mit der Geburt ihres Kindes notgetrungen zum "Kosmetikvertreter-Job" überredete. Er kommt in seiner Wandlung darauf, Marianne für dumm zu halten - "und ich hasse Dummheit" -, dass seine Empfindung vom "Reiz" lediglich über "Mitleid" zu "Hörigkeit" mutierte. Damit geht es beiden nur noch ums nackte Überleben. Das Kind wird zu den nachlässigen, hetzenden Großmüttern abgeschoben: und Marianne überlebt als Nackttänzerin auf dem Laufsteg einer Spelunke. - Genau der richtige Ort für Vater Zauberkönig, der sie verstoßen hat und dabei selbst - "als Spezialgeschäftsführer in der EU" - zum konkursreifen Säufer wurde (in Unisono-Flaschentrunk-Gestik mit anderen und dann schlürfend und rülpsend im Publikum). Er schleckt noch unter allen anderen Familienmitgliedern und "Freunden" an seiner mit Ganzkörperschokolade überzogenen Tochter herum, bis es bei einem Wienerlied-singenden, reichen Amerikaner zum Eklat kommt, der sich von der "Nackten" bestohlen fühlt, sodass Marianne ins Gefängnis muss.

Vom Trugschluß der Ausbildungsmöglichkeit für Frauen

Als Begründung für diese Entwicklung fallen nun im Stück die Sätze: Der Frau bleibt "ohne Ausbildung" nur die "Möglichkeit der Hure". - Und in dieser Logik liegt der entscheidende Punkt, warum dieses Stück (diese Regie) auch inhaltlich nicht wirklich großartig geworden ist: Weil Frauen heute zwar ausgebildet sind, zum Gelingen ihres Beziehungslebens aber dennoch "nur ausgehaltene Frauen" sein können. Oder sie werden Frauen, die sich bei einschlägig-dienenden und pragmatischen Aufgaben an die Arbeitswelt (meist mit Körpereinsatz) verkaufen müssen; oder eben zu Frauen wie Valerie, die alles, einschließlich der Männer, kaufen, und nie um ihrer selbst willen geliebt werden.
Damit hat die eingeforderte dritte Rolle die hier gezeigten zwei Rollen um nichts verbessert. Im Gegenteil: In den Frauen wird heute durch lange Ausbildung Hoffnung auf Mehr geweckt, doch lässt sich das in den seltensten Fällen erfüllen. Und wenn, dann ist es wahrscheinlich nur eine Illusion - gemäß dem Status Quo eines reflexionslosen, aber glücklichen Menschen, der sich nie fragt, was er da eigentlich macht (einfaches Beispiel: "Superstar und Mädchen für alles: Mirjam Weichselbraun").
Immerhin - und das stimmt wieder: Marianne bittet Gott ständig um Hoffnung. Doch erfüllt jene sich für sie entgegen ihres Wunsches. Sie muss den Metzger heiraten. Denn ihr Kind hat "Gott" (die Großmütter) sterben lassen. - Und so ist es vielleicht aber wieder (k)ein Wunder, dass den guten alten Ödön für diese Lösung - gesungen im Lied "Wen Gott liebt, den schlägt er" - im echten Leben der Blitz getroffen hat ... (e.o.)



DAS URTEIL IM REGIE-STIL GELUNGENER KOMPROMISS ZWISCHEN ABSTRAKTEM INTELLEKT UND WAHREM LEBEN, ALS EREIGNIS ABER NICHT WIRKLICH AUSSERGEWÖHNLICH. AUSSERGEWÖHNLICH GUT SPIELEN DAFÜR MICHAEL SCHOTTENBERG UND MARIA BILL.

THEATER Geschichten aus dem Wiener Wald * Von: Ödön von Horváth * Regie: Georg Schmiedleitner * Musik (gut!): Karl Stirner * Bühnenbild: Stefan Brandtmayr * Kostüme: Elke Gattinger * Dramaturgie: Hans Mrak * Mit: Marcello de Nardo, Beatrice Frey, Erni Mangold, Maria Bill, Robert Palfrader, Christoph F. Krutzler, Katharina Vötter, Michael Schottenberg, Thomas Meczele, Annette Isabella Holzmann, u.a. * Ort: Volkstheater Wien * Zeit: 4., 8. 11., 16., 17., 20., 23.6.2008: 19h30-22h20 + 11.5.2008: 15h-17h50

Saturday, May 24, 2008

OPER: FRANK CASTORF NEIGT SICH VOR RIHMS "JAKOB LENZ"

Dichter Jakob Lenz (Georg Nigl) sucht Ruhe bei Pfarrer Oberlin (Mitte: Wolfgang Bankl), wofür er über die Alpen (- ein Schienenfaden -) wandert. Doch die Hoffnung am Glauben verliert er ...

... sowie auch am Freund Kaufmann (Volker Vogel), der Goethe repräsentiert, dessen gesellschaftlich angepaßte Dichtkunst Staat und Volk überzeugt, während jene Lenz - so makaber übergroß (siehe Kostüm) - gar nicht "paßt".

Lenz will über seine "gefühlte Wahrheit" schreiben. Doch selbst seine "Liebe Friederike", die mitsamt den Kreuzen des Pfarrers aus Lenzs Wahrnehmung "geht", "versteht ihn nicht".

Den Rest gibt Lenz seine Unfähigkeit, ein krankes Mädchen zu retten - eine letzte Metapher für den Glauben an sich selbst als fähiger Dichter. (Fotos © Dorothea Wimmer)


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN FRANK CASTORF HAT SICH ZÄHMEN LASSEN: WOLGANG RIHMS KAMMEROPER JAKOB LENZ NACH BÜCHNERS LENZ HAT OFFENSICHTLICH SEIN GEMÜT BEWEGT ...

Das hat er heuer wirklich toll hin gekriegt. Ohne Schmäh, die (zeitgenössische) Oper steht dem Castorf gut. Das, obwohl er eigentlich die Berliner Volksbühne leitet, "das" Schauspiel-Theater des urbanen Publikums schlechthin. Fakt ist aber auch: Castorfs Inszenierungen (wie letztes Jahr Norden) polarisieren Wiens Gäste. Ganze Zuschauerreihen verabschieden sich für gewöhnlich bei laufender Aufführung im Dreivierteltakt (sodass es jedes Jahr erstaunlich ist, dass zu Stückbeginn trotz offensichtlichen "Zuschauerprotests" alle Plätze ausverkauft sind). Der Takt heuer nun - bei der Kammeroper Jakob Lenz - ließ die Bildungsbürger bis zum Stückende ausharren. Das lag an der Musik Wolfgang Rihms, die zu Castorfs ex-/impressionistischem Stilbruch der Zeitnorm mit textlicher bzw. Handlungs-Wiederholung zwecks Verständnisnachdruck bestens harmoniert, aber auch an Castorfs - den Umständen entsprechend - diesmal doch sehr chronologisch, behutsam und schlüssig erzähltem Zugang.
Es scheint fast, als hätte Castorf beschlossen, - wenn schon Büchner in seinem Urstoff (dieser Fassung von Michael Fröhling) eine Welt ohne Zusammenhang und damit als totales Chaos im "notwendigen Fragment" beschreibt - dieses Chaos nicht auch noch stilistisch betonen zu wollen, selbst wenn das an-sich sein formales Credo ist. Das inhaltliche Chaos bezieht sich konkret auf den steigenden Wahn des Titelhelden "Jakob Lenz", ideologischer Dichter-Jugendfreund des jungen und Kontrahent des späten Goethe (1749-1832), der sich auf Wanderschaft in die Alpen begibt, um beim Pfarrer Oberlin seine Ruhe zu finden. Und so wie die Natur rundum des Gehenden in wirren Apocalypse-Visionen zerfällt, so verliert auch die Zeit ihr Kontinuum zugunsten beängstigender Momentimpressionen. (Büchner selbst starb 1837 als steckbrieflich gesuchter Politflüchtling mit 24 Jahren an Nervenfieber.)

Castorf in Demut und doch klar erkennbar

Das Ziel ist - so oder so - die Darstellung des Gemütszustands der Verzweiflung als artistische Herausforderung und als einzig authentische Sprache zur sozialpolitischen Anklage von Machtstrukturen - denn daran hat sich bis heute nichts geändert. Es scheint Castorf damit so ernst zu sein, dass er diesmal - auf jegliches grenzsprengende Spektakel verzichtend - in Demut verfällt. Und doch hat es noch genug "Saft", dass darin ein Castorf zu erkennen ist. Sich den Satz des Komponisten Rihm zu Herzen nehmend, "Vor allem gilt: der Faden, an dem Jakob Lenz hängt, ist der Strom ins Herz der Hörer", fädelt der deutsche Regisseur mithilfe von Bühnenbildner Hartmut Meyer auch dramaturgisch einen (zweimal sogar glühenden) "Schienenfaden" auf die sehr tiefe, nackte, schwarze Langbühne der Halle E im Museumsquartier. Der Weg auf ihm, wenn die Schauspieler und Sänger phasenweise in drollig-makaber überzeichneten Gnomen-Stereotyp-Riesenuniformen darauf schlafen und balancieren, ist also tatsächlich beängstigend schmal und lang. - Die Metapher von des Wanderers Lenz Gedankenzustand und stellvertretend für die unsicher schwankende Existenz aller Menschen auf Erden, sobald sie über ihr Dasein nachdenken und zwangsläufig zu zweifeln beginnen.

Wenn Freunde und Staat wegschauen ...

Der zweite Autenthaltsort stellt ein Müllwaggon dar, gefüllt mit kaltem (Castorf-typischem) Wasser, worin der arme Lenz (fragile Erscheinung: Georg Nigl) in weißer Unterwäsche und Kniestrümpfen immer wieder "schwimmt" - und "untergeht" in depressiver Ohnmacht vor dem Wust seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung über diese Erdenzustände mit immer mehr herein geschobenen Waggons, einer davon mit Kreuzen (Religion) gefüllt. Die zwillingshaften Figuren, Pfarrer Oberlin mit cooler Zigarette (Bass Wolfgang Bankl) und "Freund" ("Freund" Goethe ist das angesagte Dichter-Ideal, während die Welt "ihn=Lenz", der doch nur die Wahrheit schreiben wollte, nicht will) namens "Kaufmann" (in prächtig-rüttelndem Stahlwaggon auf der Schiene einfahrend und gesang-schauspielerisch als zynisch-kalter "Freund" eindringlich überzeugend: Tenor Volker Vogel) sind trotz ihrer gereichten Decke oberflächlich und kosmetisch, gerade wenn sie rufen: "Komm da heraus, Du holst Dir den Tod!", "Komm, ein Tag mit Arbeit gibt Zufriedenheit!" Die als höhere Wahrheit pointiert "gleich" Scheinenden aus dem "gegensätzlich" "schizophrenen" Blickwinkel Lenzs sind im Grunde sogar desinteressiert am Leid des lethargischen Freundes, weshalb sie in seinen Seelenzustand auch nicht einzudringen vermögen, als einziger Anker einer Überlebenschance. Spöttisch bitter wirkt dazu auch noch die potentiell im Leben alternative Hilfe von außen - eine umher getragene Mini-Fahne - die sagt, wie egal auch den Regierungsverantwortlichen der Schmerz außenseiterischer Zweifler ist: im hinteren Teil des Raums winzig klein wehend, kann die Sicht auf den Staat nur noch zynisch sein.

... wenn Glaubens- und Liebesfähigkeit zugrunde gegangen sind ...

So sind Staats-, Glaubensfähigkeit und gelebtes Berufsideal für Lenz obsolet, es bleibt nur die Hoffnung auf die Liebe. Doch auch da schwant ein Bild der Enttäuschung vor seinen Augen, begleitet von den unerwiderten Gefühlen von "Friederike". Ihr Bild der heiligen Unerreichbaren in Lenzs Kopf erhält für den Zuseher bald die wahre Deutung, wenn der Dichter - jetzt von einem Schauspieler (Georg Friedrich) gemimt - als schnurrender und an Friederike (Schauspielerin Winnie Böwe) zerrender Löwe von jener, ihn wegstoßend, nur mit schnoddrigen Worten bedacht wird wie, "Bist Du bescheuert? - Ich versteh Dich nicht!", um sogleich in eine Erzählerfigur zu mutieren und zu erklären: "Er verstand nicht, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." Das Verständnis liegt wohl darin: Die Natur des Menschen erfährt die Steigerung der Natur des Tieres, so wie Lenz in seiner Seelenwanderung die Natur der Landschaft sieht; jene ist zunächst so positiv und allmächtig, wie sie mit der Enttäuschung bedrohlich und unerträglich wird. Weshalb Lenz sich die Alpennatur als schweren Pappkarton-Ballast auf die Schultern nimmt und durch einen Kasperlguckkasten über seinen Alpen-Abgang in dritter Person wiederholt: "Er war nicht müde, es war ihm nur unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." - Und damit schließt sich der Kreis des Gefühls der Unverstandenheit von der Liebenden bis zur Gesellschaft, die "von Natur aus" keinen Sinn für das Unmögliche (Alternativen) haben. Und die Natur des Menschen begrenzt selbst jenen, der diesen Sinn hätte, also Lenz, - weshalb er letztenendes kapituliert. Das, obwohl der keilförmig in den Raum gesprühte Himmelspegel, echt wie ziehende Wolken in den Alpen, noch einmal von einer atemberaubenden Lebensbejahung ist, als zöge gerade der allmächtige Gott über die Bühne.

... braucht es nicht mehr viel, um aus dem Leben zu gehen

Gott steckt als Energiequelle auch immer wieder in der stellengenau dissonant und tonal gesetzten Musik Rihms mit Cembalo innerhalb des Orchesters, weshalb Castorf das einfühlsam und schön von Stefan Asbury dirigierte Klangforum Wien permanent präsent auf der Bühne - je nach momentanem Schutz - unter einem auf und ab fahrenden Dach verweilen läßt. Das Dach verliert seine suggestive Kraft aber völlig, als ein Kameramann ab Mitte des Stücks live den verwirrt-verlorenen Gesichtsausdruck von Lenz mitfilmt, der überlebensgroß auf die Dachplane projiziert wird. Dasselbe passiert mit dem wunderschön klingenden Chor (Barbara Achammer, Sabine Brunke, Selcuk Cara, Tijl Faveyts, Magdalena Anna Hofmann, Maria Weiß), der je nach Bedarf die Zwergen-Gnomgesellschaft, verdoppelte Friederike-Frauen oder Lenz-Alter-Egos verkörpert: durch genau diese Charakterisierung verliert sein Klang die Vertrauenswürdigkeit - und das ist einmal mehr: genial doppelbödig.

Das Aus des Permanentzweiflers Lenz tritt schließlich ein, als er versucht, ein Mädchen zu retten. Seine von Jesus entlehnten Worte, "Steh auf und wandle", gehen nicht auf, sodass das tote Mädchen sich in seiner Wahrnehmung verdoppelt, verdreifacht, jene toten Mädchen mit toten Friederikes zum potenzierten Tod verschmelzen, was in Lenzs Logik die einzig erlösende Erleichterung bringt, indem die "tote" Friederike in seiner Einbildung zu ihm sagt: "Jetzt erst bin ich dein." Gleichzeitig ist Lenzs innerlich immer noch gespürtes Selbstbild, von der allmächtigen Natur "wie der unverstandene Jesus" auserwählt zu sein, zerstört, womit seine "Göttlichkeit als Dichter und Mann" endgültig (im Selbstmord) ermordet wird. Castorf lenkt die Schuld aber auf die Gesellschaft. Mittels vertikal aufgestellten Bettes: es steht für Lenzs Todesruhe nach langem Sterben, verschuldet durch die unverrückbare Schranke des allgemeinen Blicks der passiven Zuschauer ... (e.o.)


DAS URTEIL EINE VIRTUOSE, GEISTREICHE UND SENSIBLE REGIE VON FRANK CASTORF - ER SOLLTE ÖFTER OPERN INSZENIEREN, DA SICH SEIN EXPRESSIONISMUS SO ZÄHMEN LÄSST!

OPER Jakob Lenz * Von: Wolfgang Rihm (Komposition) und Michael Fröhling nach Georg Büchners Lenz * Dirigat: Stefan Asbury * Neuinszenierung * Mit: Klangforum Wien * Mit: Georg Nigl, Wolfgang Bankl, Volker Vogel, Winnie Böwe, Georg Friedrich, u.a. * Produktion: Wiener Festwochen * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 17.-22.5.2008

Sunday, April 27, 2008

MUSIK: JAMES MORRISON BRINGT JÄRVI´S TONKÜNSTLER INS "JAZZLAND"

Plugged-In heißt die Serie der Tonkünstler unter Dirigent Kristjan Järvi, wenn´s in den weltmusikalischen Jazz-Groove geht (Foto © Peter Rigaud) ...



















Nun, ans Strom geschlossen oder nicht: im dritten Teil Jazzland, bestimmt durch Trompetenass James Morrison (Foto © James Morrison Enterprises), raste der Strom auf alle Fälle: durchs Publikum!



MUSIKVEREIN WIEN JAMES MORRISON IM JAZZLAND ODER IN DER SYMPHONISCHEN PLUGGED-IN-SERIE - WAS AUCH IMMER, DAS AUSTRALISCHE BIG-ASS DER TROMPETE LIESS DAS TONKÜNSTLER ORCHESTER UNTER KRISTJAN JÄRVI SWINGEN UND GROOVEN

Es war nach All That Tango und A Night in Tunesia der dritte und vorerst letzte Teil der Plugged-In-Serie und hieß Jazzland. Und obwohl "dieser Jazz" des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich - an sich schon ein Widerspruch - im Musikverein stattfand, war das ein richtig gutes "Jazz"-Konzert. Sprich: trotz biederer Halle (mit toller Akustik), trotz Klassikorchester eines "Bundeslandes", trotz (wenn auch radikalem) Klassikdirigenten Kristjan Järvi. Denn angeregt wurde dieses Musikereignis vom australischen Jazztrompeter James Morrison, gleichermaßen Wahnsinnsblaskünstler wie Showmanwahnsinniger.

Von der sprungvereinten Antheil-Jazzsymphonie ...

Dabei begann zunächst alles "bekannt", mit einer Järvi-typischen Nummer: dem Titel A Jazz Symphony. Typisch, weil Järvi gerne Clusterstücke dirigiert, wo es scheint, als hätten sich viele bekannte Zitate in einem Stück verirrt, was denn lustig - heute würde man sagen "technoartig" - übereinandergelegt und theatral von ihm und seinem Orchester wiedergegeben wird. Als eine Art von geistiger Reflexion, als seien Musiker und junge Komponisten heute ob der grandiosen Vielfalt aus der Musikgeschichte einfach nur noch übersättigt, sodass sie nichts mehr hinzuzufügen haben, außer übersprudelnd-genußsüchtige Dankbarkeit gegenüber all der Fülle. - Diese Komposition könnte also genauso von einem John Adams stammen oder von einer in die Klassik ausgezogenen Formation Kruder & Dorfmeister. Sie stammt jedoch von einem anderen "bösen Jungen der Musik", von George Antheil (der kurioserweise und auch hörbar nachvollziehbar mit dem Wiener Hollywoodstar Hedy Lamarr das Frequenzsprungverfahren der heutigen Mobilfunktechnik erfunden hat); und - man glaubt es kaum - er schrieb diese sprungreife Komposition im Jahr 1925! In der Orchesterfassung 1955 spielt Järvi das auf Piano - umgeben von Xylophon, Schlagzeug und Trompete - zugespitzte Werk nun zum Auftakt des Abends mit einem 12-Mann-Bruchteil seiner Tonkünstler. Das klingt, als hätte sein New Yorker, nur aus Solisten bestehendes Zweitorchester, Absolute Ensemble, auf einen Abstecher vorbei geschaut, um diese Akustik eines revueartigen Klassikerverschnitts mit Strawinsky-Temperament zum meditativen Grooven zu bringen. Und doch läßt sich feststellen: nur das schnelle und allein-spielende Klaviersolo bringt zwischendurch mentale Klärung, etwas, das in diesem Stück sehr notwendig ist, und was am Ende noch einmal als kitschig-erleichternder Big-Band-Sound eintritt.

... zur symphonischen Big Band im Zoff mit dem Jazz

"Big Band" ist das Stichwort zum darauf folgenden Auftritt des internationalen, vom Publikum entsprechend laut empfangenen Gaststars, begleitet vom - jetzt - hundertköpfigen Tonkünstler-Orchester: James Morrison scherzt gleich gut gelaunt über sein Schizobassiac, "Concerto für Euphonium und Orchester": "Das ist ein australisch-schizophrenes Gebilde zwischen Jazz und Symphonie!" Dabei ordnet sich der freiheitsliebende Jazzer mit seinem leisen Baritonhorn sehr dem klassischen Spiel unter, einer sehr sanften, sehr getragenen, fast biederen Wohlklangmusik aus Querflöten und Celli. Selbst wenn er kurz reißaus nimmt, mit immer kürzeren Tönen, sich tief blasend als "Mann von der Straße" zu erkennen gibt, aber gleich wieder im leicht-fröhlichen Orchester aufzulösen gedenkt. Das ist so sehr Romantik, so sehr Lyrik, dass selbst ein lebenslustig-aufmüpfige Jazzer wie er klar und gedämpft dem tonalen Gefühl gehorchen muss. Richtig gut, wie man sich einen Musiktypen seines Kalibers vorstellt, wird er aber dann doch erst ab City Shift von Sean O´Boyle und ihm: Morrison rast wie auf der Jagd, gestützt von Schlagzeug und anarchischem Swing, eloquent und frech, sodass es zum Lachen anregt, vor allem wenn man den Kampf zwischen Jazz und Symphonie jetzt tatsächlich mitbekommt, und die Geigen nur mehr "komisch" klingen. Dem setzt Morrison mit verschmitztem, keinesfalls bösem Solo aus Hoch bis ganz Tief noch eins nach! Spätestens jetzt ist die Zeit reif für Duke Ellingtons und Juan Tizols reiner Jazz-Big-Band-Nummer Caravan, die von Morrison mit dominantem, - live etwas blechern klingendem - Schlagzeug arrangiert wurde, während instrumentenverkehrt der Bass den jazz-schnellen Rhythmus taktiert. Das ebenso schnelle Klaviersolo von Michael Starch swingt dazu, und steigert sich durch den wiederholten Refrain in verschiedenen Tonlagen zum Schwung. Da gelangt der Witz ins schauspielerischer Schwitzen, bis er im meleodramatischen Finale verschwimmt.

Kabarettreifer Showmaster greift zur digitalen Trompete

Kabarettreif zur Feier des Moments zieht Morrison daraufhin eine leuchtend-blaue, digitale Trompete hervor. Schließlich will er dem eingesteckten Motto der Konzertserie gerecht werden. Kein Tiefstapler, bezeichnet er sich von den drei möglichen Stufen an diesem Instrument zwischen "Anfänger, Durchschnitt und Experte" als Letzteres. Und er meint noch: "Mein Bruder beherrscht dieses Instrument auch - er ist Schlagzeuger ..." Und damit hat er auch schon das Computer-Geheimnis gelüftet und mimt ein "Huhn, das eine digitale Trompete spielt". Dann tritt der wahre Experte aber wirklich hervor: Morrison spielt das blaue Ding wie eine Panflöte, deren Schmerz sehr elegant in leichtem Swing aufgeht. Und doch ist sein klassisches Flügelhorn danach die reinste Wohltat, denn "der Jazz" kehrt damit endlich zum echten, guten, alten, wertvoll-erdigen Jazz zurück: Morrisons Enchanted, orchestriert von O'Boyle und dirigiert von Järvi, funktioniert nach dem typischen Jazz-Aufbau: auf das Flügelhorn-Solo folgt jenes des Pianos und jenes der Tonkünstler-Trompete. Järvi wird dabei tatsächlich so "enchanted", dass er sich ins Publikum dreht und einfach nur noch lacht. So "hingerissen" wird er auch selbst gleich "zum Publikum", denn er kann (muss) sich auf der Bühne setzen und zuhören, um sich von Morrison am - ebenso wie die Trompete beherrschten - Klavier das schlichte Jazz-Trio mit Schlagzeug und Bass von Andy Cowan, den Australian Folk Song, vorführen zu lassen. Sodass nun im Musikverein - im Unterschied zum Club, wo diese Art von Jazz sonst als Hintergrundsound läuft - tatsächlich jeder aufmerksam still zu sein hat, einschließlich der hundert Musiker auf der Bühne. Das ist fast reaktionär! Die Solisten steigern sich eloquent und elegant von leise zu laut in ein anwachsend grandioses Gefühl. Es kommt so perfekt kalkuliert, um bestens zum Finale anzufeuern: Zu Ellingtons Klassiker Harlem, arrangiert von Charles Coleman, jenem perfekten Big-Band-Stück für Trompete. Da passen selbst die gezupften Geigen, verführerisch wie Mata Hari erinnern sie an die Zeit der großen Filmstudios, wo Dramatik gleich leichter Swing bedeutete. Doch es wäre nicht Jazz, wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passieren würde: auf den Rhythmuswechsel übernimmt die Bratsche den Part des Saxophons, und mit dem Klaviersolo trifft es die absolute Atmosphäre des Film Noirs. Auf das erneute dramatische Anschwellen dehnt sich jetzt die bekannte Nummer als sei sie betrunken, und auf einen letzten Aufschrei hin, scheint die Spannung in Kontrasten kaum noch zu überbieten: mit den Klopfgeräuschen haben die Schlagzeuger der Tonkünstler endlich einmal etwas zu tun, und alles verlangt nach der Explosion im Exzeß: Morrisons Trompete vibriert, sie ist echt, nicht gespielt gespielt. - Damit springt der Funke endgültig aufs Publikum über, es kann nicht genug bekommen - und bekommt als Zugabe Morrisons "Kunststück", worin er sich, den Trompetenstar, alleine am Klavier begleitet. Das kann Järvi nur noch mit einem kurzen Rhythmushagel toppen - und der Hagel trommelt jedem ins Blut. Ein Feuer, ein perfekt gesteigerter Akt! e.o. / p.s.

DAS URTEIL "PLUGGED-IN" NUR AM RANDE, DAFÜR ABER RICHTIG GUTER, ALTER, UNTERHALTSAMER (!) JAZZ: JAMES MORRISON? - EIN SHOWTALENT, UND DANEBEN EIN MUSIKGENIE; UND EIN NEUES LICHT FÜR KRISTJAN JÄRVI!

Nächste Tonkünstler-Konzerte mit Kristjan Järvi

Olivier Messiaen, Sergej Prokofjew und Arvo Pärt
(mit vergrößerter Fassung im Auftrag der Tonkünstler von „Stabat Mater“) * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester * Ort: im Rahmen der Wiener Festwochen: Musikverein Wien * Zeit: 12.6.2008: 19h30

Sommernachtsgala * Musik aus Werken von BEETHOVEN, BRAHMS, GERSHWIN, LALO, LEHÁR, SAINT-SAËNS, RAVEL, ROSSINI, VIVALDI u.a. * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester * Mit: Michael Schade - Tenor, Sarah Chang - Violine, Katia und Marielle Labèque - Klavier * Ort: Wolkenturm Grafenegg * Zeit: 20.6.2008: 21h15

Friday, April 18, 2008

TANZ: DER BATSHEVA-EFFEKT VON OHAD NAHARIN IN "MAX"

Der Tanz von Ohad Naharin lebt vom Wechsel zwischen Gruppe, ...

... Duo und Individualtanz - und hat Sexappeal, da Effekt bei angekränkelt a-typischen Haltungen und Bewegungen. Fotos © Batsheva Dance


TANZQUARTIER DIE ISRAELISCHE BATSHEVA DANCE COMPANY VON OHAD NAHARIN BRINGT MIT MAX EFFEKT IN DEN ABSTRAKTEN TANZ - UND GEFÄLLT

Das ist schon komisch: da muß erst ein Choreograf mit seiner von Martha Graham und Baronesse Batsheva De Rothschild gegründeten Company aus Israel kommen, damit zeitgenössischer Tanz mit dem gewissen Etwas, nämlich "Effekt", unter Österreichs Tanzkritikern zur Gänze gelobt wird. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Tanz im Tanzquartier (Halle G) gezeigt wurde und nicht etwa in der Volksoper, sodass er für jenen Ort genau das richtige Maß an "Linie" hatte, die man ansonsten dort schmerzlich vermißt. Fakt ist aber auch, dass wir mit Giorgio Madia als Choreograf, vor allem in Nudo schon sehr viel von dem in Wien hatten, was jetzt so begeistert bei Ohad Naharins Batsheva Dance Company von den Wienern angenommen wurde. D.h., was unter der Kategorie "Ballett" von 2003 - 2005 vom Volksopernballett unter Madia erfolgreich lief, läuft jetzt auch unter der Kategorie "zeitgenössischer Tanz", nur eben von manchem Kritiker anders beurteilt, da jener an-sich zu sehr vom Kategoriendenken gesteuert ist.

So weit ist ein Naharin nicht von einem Madia entfernt

Natürlich war Max von Batsheva - gemäß der zeitgenössischen Tanz-Kategorie, in der es stattfindet - noch abstrakter und radikaler als damals Nudo innerhalb der Kategorie Ballett. Doch hat beides unterm Strich in sich dasselbe qualitative Niveau bezüglich des Ausscherens vom Gewöhnlichen innerhalb seiner Kategorie. - Aber auch im eigenen Anspruch bezüglich einer gewissen, wenn auch noch einmal sehr persönlich gefärbten Bewegungsästhetik und Harmonie, wobei sowohl Naharin, als auch Madia Studien- bzw. Tanzjahre bei Béjart und in den USA verbrachten. Da aber jeder Choreograf weiß, dass er ein Projekt "auch" für eine bestimmt-ausgerichtete Auftragsstätte kreiert, bekommt das Werk und die Tanzlinie dann die unterschiedlichen Nuancen. Und doch muß man sagen: wir waren eigentlich schon auf dem Weg, genauso eine eigene (international erfolgreiche), schillernd-abstrakte österreichische Company zu haben. - Aber, was soll´s, diese Debatten sind vorbei. Jetzt waren die Israelis da, und haben uns (endlich wieder einmal) gezeigt, wie aufregend-guter Tanz sein kann. Das fängt mit den athletischen Körpern der Tänzer an, die in ihrer kräftig-gesunden Vitalität eine eigene Wirkung ausstrahlen (wie übrigens auch schon die Körper bei Madia, der andererseits auch entgegengesetzt auffällige, doch in-sich-geschlossen-harmonische bzw. erformte Körpertypen hegte). Dass diese Körper in der Lage sind, außergewöhnliche Körperarbeit zu leisten, liegt auf der Hand. Denn jeder Körper zeigt exakt das, was man ihm ansieht; es läßt sich im Tanz nichts verbergen.

Israelische Körperkunst mit Effekt

Diese Körper stehen zu Beginn in kurzen Sporttricots mit dem Rücken zum Publikum. Dass sie vom Zuschauer als israelische "Körper" wahrgenommen werden, liegt nicht etwa am - in Israel allseits präsenten - Krieg, der jeden Menschenkörper durch mehrjähriges Pflichttraining generell widerstandsfähig macht, sondern am Beifügen einer eigens lokalgefärbten Musik samt Sprechgesang mit hebräischem Text - komponiert und vorgetragen vom Meister himself - von Ohad Naharin unter dem Pseudonym Maxim Waratt. Unklar ist dem Zuschauer bis zuletzt, ob hier nun auf die Geschichte Israels bzw. der Juden angespielt wird oder nicht, denn man sieht immer wieder eine sich formierende, lautstarke "Klagemauer" aus Tänzern, die auch an einen rituellen Buschtanz erinnern könnte, man hört und sieht Wiederholungen des prinzipiellen Zählens, wo jeweils auf Vorigem um eine fortlaufend neue "Nummer" aufgebaut wird; und man sieht den wiederkehrenden Kampf des Einzelnen als ruckhaften Ausbruch aus der Gruppe, aus dem Paar und dessen erneutes Einfügen zum perfekten Unisono(-Duett), einschließlich einer angedeuteten, einmaligen Kopulationsszene zwischen Mann und Frau. Das ist eine getanzte Philosophie zwischen Sollen und Wollen, zwischen Muß und Können, zwischen Regel, Ritual, Religion und Trieb, aus den ursprünglichen Kapazitäten des Körpers heraus, selbst wenn diese der bereits (einschlägig) ausgebildete Mensch erst entdecken muss.

Es geht also um prinzipielle Bausteine, die anwachsen zu einem Gerüst, um motorische Techniken, die zur funktionierenden Maschine werden. Das wäre nichts Außergewöhnliches, würde es letztendlich nicht (bekannt) harmonisch schön wirken und gleichzeitig neuartig abstrakt sein. Sowohl die Musik, als auch der Tanz verwenden dabei (fast banal) Bekanntes, vermischt mit (häßlich) Unbekanntem: der durch das Hebräische folkloristische Ton mit tief singender Männerstimme wird mit Natur-Motorengeräuschen und Flüstern verfremdet, Basisübungen wie die Grundschritte zur Balancehaltung im Ballett werden verbogen und wirken "angekränkelt". Doch bei alledem stimmt letztendlich die arrangierte Abfolge von Einzeltanz zum anwachsenden Gruppenbild im grafisch eingerichteten Raum. - Deshalb stimmt hier der Effekt: weil er genau jenes Tempo bedient, wie der heutige, neugierige Mensch visuelle und akustische Geschwindigkeit als unterhaltsam (und auch komisch!) empfindet. - Das ist zeitgenössischer Tanz, wie man sich´s gefallen lassen will. Und wie er erstmals im Tanzquartier zu sehen war! e.o.

Video-Links zum Tanz-Vergleich:
Ohad Naharin choreografierte für die Batsheva Dance Company: Seder (Stichworte: Klagemauer-Formation und Unisono-Effekt) und Three (Stichworte: sperrige Bewegungen, Isolation des Einzelnen, Unförmigkeit, plötzliche Übereinstimmung der Gruppe oder eines Duos aus Stillstand oder Gruppendurcheinander)
Giorgio Madia chroregrafierte für das Volksopernballett 2003 (siehe popiger Part ab ca. 2,30 min zu Jazz-Sax-Musik: humoristisch motivierte Bewegungen bis zu "schmerzhaft-anmutenden" Boden- und Yogaübungen): Nudo



DAS URTEIL EIGENTLICH HATTEN WIR DAS VOR FÜNF JAHREN SELBST SCHON IN ÖSTERREICH: ABER WENN EINE GRUPPE AUS ISRAEL SOLCHEN TANZ ZEIGT, WIRD ER ERST ANERKANNT! - TYPISCH ÖSTERREICH (WIEN).

TANZ Max * Von: Ohad Naharin * Mit: Batsheva Dance Company (IL) * Ort: Tanzquartier, Halle G/MQ * Zeit: 29.-31.3.2008: 20h30

Friday, April 11, 2008

OPER: PHILIPP HARNONCOURT MIT BOROCKER "ALCIONE" IM ODEON

Alcione (Svetlana Smolentseva) und Ceix (Johannes Weiß) befinden sich am festen Meeressteg noch auf sicherem Terrain ihrer Liebe ...

... wenn nur nicht der attraktive und eifersüchtige Pelée (Steffen Rössler), angetrieben durch den bösen Phorbas = Gott Pan (Yasushi Hirano), Alcione für sich haben wollte ...

... sodass der manipuliert aufgehetzte Ceix auf stürmische Irrfahrt gehen muss, wo ihn alle möglichen Unterwelt-Gestalten begleiten ... Fotos © Odeon/Stefan SMIDT


ODEON WIEN PHILIPP HARNONCOURT ERWEITERT DAS PROGRAMM DES RENOMMIERTEN BUTOH-HAUSES UM BAROCKE TÖNE: MIT DER ALLEGORISCHEN ALCIONE VON MARIN MARAIS LÄSST SICH DIE LINIE SINNVOLL AUSBAUEN

Regisseur Philipp Harnoncourt schöpft genetisch und biografisch aus zwei Urtrieben: als Sohn des genialen Dirigenten und Barockorchester-Leiters Nikolaus Harnoncourt hat er genau dasselbe Gespür für Cembalo, Laute, Tamburin, etc. wie der Vater; darüber hinaus baut er bei seiner Inszenierung von Marin Marais´ Alcione wie jener auf dasselbe Prinzip: auf durch und durch hervorragende Spitzensänger bis in die kleinste Rolle, die jeden Ton mitdenken und aus ihrem Innersten heraus erleben. Und als ursprünglicher Wiener ImPulsTanz-Mitverantwortlicher hegt Philipp Harnoncourt eine tiefgreifende Affinität für zeitgenössischen Tanz und Raumgestaltung. - Diese zwei Parameter lassen sich im Odeon bestens vereinen, in jenem schönsten, die humane Ewigkeit vermittelnden Theaterraum Wiens, der zuletzt viel im Gerede war, wegen der Subventionsverzögerungen für das dort residierende Serapions-Tanzensemble von Erwin Piplitz und Ulrike Kaufmann, das zwar hervorragend, über die Jahrzehnte aber für manchen zu eindimensional und damit zu wenig ausgelastet war.

Wenn sich zwei Götter streiten, leidet der Mensch

Nun ist die achtmal gespielte Barockoper aus dem Jahr 1706 wohl die Antwort darauf. Diese Antwort hat sowohl Niveau, sie macht aber auch abwechslungsreichen Sinn. Kaufmann und Piplitz steuern ihre Butoh-Tänzer bei und verantworten die Ausstattung - klar erkennbar am lagenlookigen Kleiderstil in A-Form aus feinsten Materialien, die "diese Götter" als erlesene Clochards ihren Gefühlen zwischen Liebe und Eifersucht, Gefühlserwiderung und Neid, Eroberung und Verzicht ausliefern. Jener Zerrissenheit zwischen Gut und Böse, Glück und Unglück, Erfolg und Untergang, die der Menschheit seit ihrer Existenz zu schaffen macht und die für ihr Leid in Reinkultur steht. Denn wenn sich zwei entgegengesetzte Götter streiten, leidet der Mensch. So haben es sich zumindest die Griechen erdacht. - Konkret geht es um den neidischen, zum Kampf provozierenden Pan, den der friedvolle Apollon besiegt und mit einer lehrreichen Parabel besänftigt: darin will der verschmähte Pélée, angetrieben durch den bösen Phorbas und die Zauberin Ismène, die Liebe zwischen König Ceix und Alcione zerstören. Ceix denkt, jene nur mit dunklen Kräften der Unterwelt besiegen zu können und erleidet eine qualvolle Meeresreise des Irrsinns, um letztendlich harmonischen Frieden des weisen Orakels (die Weissagung tugendhaften Tuns) zu erfahren. Auf die ihn zurückhaltenden Worte Alciones will Ceix nicht hören, die dann wiederum - allein zurückbleibend - mit sorgenvollen Träumen um ihn und Abwehrkämpfen gegenüber der Versuchung nach Pélée mit sich selbst zu ringen hat. In einer Art Romeo und Julia treffen sich die Liebenden dann im Tod in der Weisheit letzter Schluß: sich treu zu sein, gleich zweier Eisvögel, in die sie der, die Meeresbewohner beschützende, Meeresgott Neptun verwandelt hat. - Dieses Symbol als menschlich zu erstrebenswertes Ziel braucht es offensichtlich, da Gefühle wie kleinste Teilchen im Wasser rasend schnell in Unordnung geraten können. Und der Untertitel zum Stück, "Von der Unmöglichkeit, die große Liebe zu überleben", sagt auch, in welche Richtung sich der Regisseur diese Moral zu interpretieren gedacht hat: dass nur die Mäßigung der Gefühle lebensfähig ist.

Von der schwierigen Mäßigung der Gefühle

Wie groß die Verführung, sich den absoluten Gefühlstrieben hin zu geben, aber ist, unterstreicht Harnoncourt durch die widersprüchlich positive Besetzung des zurückgewiesenen Pélée durch den ausgesprochen anziehenden und mit seinem Bariton wohlklingenden Steffen Rössler. Er wirkt als Mann um vieles anziehender als der Tenor und positive Held "Ceix", auch wenn Johannes Weiß wahrscheinlich zu Barockzeiten den größeren Anziehungsfaktor bedeutet hätte, da die hohen Männerstimmen zu jener Zeit gleich Göttern verehrt wurden. Johannes Weiß singt dementsprechend - auch heute noch - ungewöhnlich schön. In Sachen Sexappeal wirkt Rössler aber stärker. Das macht das Ganze spannend. Denn es geht ja (auch) um die Abwehr der Verführung zugunsten des Erhalts des Treuegefühls von Alcione, der Russin Svetlana Smolentseva mit heller und junger Stimme, der unglaublich filigran und zartfühlend singendsten Sopranistin dieser Inszenierung. Heißt es, "die Liebe wird beleidigt, wenn man ihrem Leid folgt", hinterfragt von "ob die Ehe die Liebe vernichtet", beantwortet im durch schwankend kämpfende Gestalten dargestellten, gestörten Meer, "die Liebe glättet alle Wellen", wonach Ceix aber doch "flieht, vor ihren Tränen", wird das für den Zuschauer umso bewegender. Und wenn Pélée auch noch Gewissensqualen durchsteht und sich für einen Verräter hält, erst recht, weil es den Kampf mit der eigenen Schwäche in jedem Menschen ausdrückt. Stimmig ist dabei das Ineinandergreifen von Tänzern und Sängern, indem die Sänger, wie Bass Yasushi Hirano als Pan und Phorbas, manchmal auch tanzen, die Tänzer auch singen (da können die Iribar-Tänzerinnen durchaus ein bißchen peinlich klingen, insgesamt kommt es sympathisch). Bewegt wie das "gefühlvolle" Meer ist das (sehr interessant) originalinstrumentierte Orchester unter Dirigent Lorenz Duftschmid, das letztlich für den schwankenden Gefühlsverlauf des Stücks steht. Denn es spielt einmal von links, dann von rechts, dann wieder in reduzierter Besetzung und am Schluß, von jedem bösen Fluch (= innerem Schweinehund) befreit offen aufgereiht am Bühnenhintergrund.

Wo bleibt der Wahnsinn?

Neben den Sängern - mit Glanznummer eines siebenköpfigen Frauenchors unter Weihrauch mit Übergang in Flötentöne - am ergreifendsten sind die inszenierten Metaphern, die Zerrissenheitsgefühlsbilder wie ein Besteck-Tanz an der versuchten Hochzeits-Festtafel, ein wankender, verführerisch und todesbedrohlich eingarnender Schnurtanz, "manipuliert-vereinnahmte" Marionetten-Tänzer, ein irischer Volkstanz als stürmische See, und das Segelschiff mit Riesenbett als mehrdeutiges Symbol von potentiellem Liebesrausch, gefährlicher Erkenntnisreise bis sorgenvollem Alptraum. Das alles ist bei insgesamt edel-purem Anblick perfekt-gesittet arrangiert und ineinander verschlungen ausgedacht. Nur eines fehlt diesem Kunstakt aber doch: der Wahnsinn, der Ausbruch aus der sofort eintretenden Erwartungshaltung - da könnte sich Philipp Harnoncourt noch ein Beispiel an seinem Vater nehmen, so unangenehm derartige Vergleiche auch sein mögen und so angebracht das inhaltlich motivierte Ziel der Mäßigung hier auch formal erscheinen mag ... e.o./r.r.


DAS URTEIL EINE FEINE, SCHÖNE, PERFEKTE KOMBINATION, FÜR MANCHEN VIELLEICHT ZU PERFEKT ...

OPER Alcione * Von: Marin Marais * Regie: Philipp Harnoncourt * Musikalische Leitung: Lorenz Duftschmid, Armonico Tributo Austria * Ausstattung: Ulrike Kaufmann, Erwin Piplits * Mit: Svetlana Smolentseva, Johannes Weiß, Steffen Rössler, Yasushi Hirano, Martina Prins, Andreas Jankowitsch, Bernd Lambauer; Johanna von der Deken, Agnes Scheibelreiter * Mit: J.J.Fux-Madrigalisten: Agnes Scheibelreiter, Elisabeth Breuer, Nozomi Yoshizawa, Victoria Rona, Rudolf Brunnhuber, Kurt Kempf, Guy Putz, Jörg Espenkott, Dominik Rieger, Jens Waldig * Mit: Serapions Ensemble: Carlos Delgado Betancourt, Marcelo Cardoso Gama, Sandra Rato da Trindade, Kyung In Choi, José Antonio Rey Garcia, Mercedes Vargas Iribar, Miriam Vargas Iribar

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OPER Kaspar Hauser oder Unter Menschen * Ein chorisches Musiktheater von Friedrich Karl Waechter * Regie: Christian Schidlowski * Musikalische Leitung & Musik: Martin Zels * Bühnenbild: Andreas Wagner * Mit: Jürgen Decke, Petra Javorsky, Martin Zels, Ein Chor, Menschen: „Auftakt“ * Mit: Kammerensemble: Hela Risto, Birgit Trost, Jacub Horacek, Daniela Grams, Daniel Sauermann * Ort: Odeon Wien * Zeit: 12.4.2008: 20h