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Wednesday, October 22, 2008

BALLETT-OPER: GIORGIO MADIA BETANZT RAMEAUS "LA GUIRLANDE" & "ZÉPHYRE"

Das Tanzensemble unterstreicht in La Guirlande zunächst noch die Gesangspartien; es ist aber von Anfang an mit dem barock-originalinstrumental begleiteten Gesang verwoben.

Myrtil (Erik Leidal) hat seine Geliebte Zélide (Diana Higbee) - trotz Treueschwur mittels geflochtener Blumenkette - betrogen. - Sie merkt es, tut aber so, als hätte sie "ihn" betrogen, worauf er ihr sofort verzeiht, und sich beide wieder lieben können ...



















In Zéphyre gewinnt der Tanz an Eigenständigkeit und Dominanz: da springt die attraktive Katja Juliana Geiger vor der distanzierteren Adriana Mortelliti im Nymphen-Haremkostüm ...


















... da zeigen Corneliu Ganea und Martin Zanotti ihre besten hinteren Stücke in perfekter Männerhaltung, sodass es sexy und zum Lachen ist.




















Denn hier liebt und begehrt Zéphyre (süß und sexy als Mann: Marelize Gerber) leidenschaftlich Cloris (Liudmila Shilova), was sie im finalen Duett atemberaubend verinnerlicht besingen.

(Fotos © Christian Husar)


KAMMEROPER WIEN GIORGIO MADIA BALANCIERT WIEDER EINMAL GEKONNT SCHWACHSTELLEN ZWEIER ORIGINALWERKE AUS: LA GUIRLANDE UND ZÉPHYRE DES BAROCKEN JEAN-PHILIPPE RAMEAU

Geht es im einen Stück um einen Seitenspringer im Hirtenmilieu und im anderen um einen Voyeur unter Göttern als Sieger über das Keuschheitsgelübde, dann ist davon auszugehen, dass es an diesem Doppel-"ballet en un acte"-Abend in der Wiener Kammeroper ziemlich heiß hergehen wird. Möglicherweise auch unangenehm schmuddelig, setzte man voraus, dass hier ein obligatorischer "Operetten-Regisseur" am Ruder wäre. - Aber nein, choreographiert und Regie-geführt von Giorgio Madia, ist so etwas unmöglich!
Wie gewohnt, schafft es der sinnliche Italiener, eine so kurzweilige, wie geschmackvolle Umsetzung zu entwickeln. - Entwickeln, tatsächlich ja, da hier alles aus einem Guß, zwischen Vorher und Nachher, detailbewußt aufgebaut wird, ohne jemals das Gesamtstück als Kunstwerk außer Acht zu lassen. Kurz gesagt: keine Sekunde wird überreizt, alles ist kompakt, wie die reinste High-Tech-CD. Dieser moderne Vergleich ist treffend, da Madia die Barock-Ballett-Opern-Einakter trotz ihres Alters absolut heutig verpackt hat, ohne aber - und da ist er die Ausnahme unter den Barockopernregisseuren - auf eine Stilisierung zu verzichten. Eine moderne, neuartige Stilisierung, die das Design eines architektonischen Nobelbaus hat und dennoch auf alten Gesetzen des Bauens beruht. - Dazu paßt wiederum ganz ausgezeichnet das futuristisch wellenartige, nach hinten gestülpte Bühnenbild im eleganten Weiß von seiner Berliner Dauer-Ausstatterin seit der Ballettproduktion Alice in der Volksoper, Cordelia Matthes, die aus der Mini-Guckkasten-Bühne der Wiener Kammeroper eine visuelle Riesenfläche gezaubert hat. Die optische Ansichtsvariation liefert im Laufe der Stücke dann hauptsächlich Lichtdesigner Norbert Chmel - bis auf den aufwändig und üppig gestalteten goldenen Eisernen Vorhang am Anfang jeden Stücks natürlich -, sodass es einen glatt wundern lässt, wieviele neue optische Eindrücke allein durch Licht entstehen können - und das ist in Sachen Bühnenbild in diesem Fall absolut ausreichend.

Gleichrangig ausbalanciert: Gesang und Tanz

Denn den zwölf Akteuren pro Stück, bestehend aus schön anzusehenden, akrobatisch exakten vier Modern-Tänzern und einzelnen geradezu brillanten Sängern, gebührt die volle Konzentration des Zuschauers. Schon weil beide Kunstgattungen gleichrangig bzw. je nach Anforderung im Stück dominanter oder reduzierter behandelt werden. Gerade die Betonung des Tanzes bei langen Lied-Strecken, die inhaltlich nichts Neues bringen, bzw. die völlige Konzentration auf Arien bei wunderschönen Musikpartien mit vordergründigem Cembalo oder Violoncello des Barockorchesters der Wiener Kammeroper auf durchwegs historischen Instrumenten unter Bernhard Klebels glückseliger Dirigentenhand - darin liegt die eigentliche - "stückästhetisch einfühlsame" - Leistung von Giorgio Madia, wobei er bei den Tanznummern meist inhaltlich unterstreichend bleibt, und für seine Verhältnisse anfangs selten Ironie durchblicken läßt. - Das ist das Einzige, was er besonders im ersten La Guirlande noch mehr ausbauen hätte können, aber wahrscheinlich war in diesem Fall einfach sein Respekt vor den Stücken zu groß, die musikalisch nicht - wie gewohnt bei Barockopern - aus endlosen (und damit bestens zur Ironie geeigneten) Wiederholungspassagen bestehen, sondern aufregend abwechselnd und linear erzählend, also im Gesamtrhythmus "fast zeitgenössisch" verlaufen.

Die Gesangsgötter

Heute komisch anzuhören sind an-sich nur die männlichen Hauptfiguren in überirdischen Tenor-Lagen, die in La Guirlande (UA 1751) witzig mit Amerikaner Erik Leidal in kurzer, weißer Tunika als Treueschwur-brechendem Myrtil mit schlechtem Gewissen, und mit der schon öfter in der Kammeroper positiv aufgefallenen Südafrikanerin (also eine Sopranistin!) Marelize Gerber als Zéphyre im gleichnamigen, zweiten Stück (UA ca. 1753) besetzt wurden. Gerber ist sowohl theatralisch als sexy liebeshungriger Windgott in goldener Miederrüstung, der heimlich nach der Waldnymphe Cloris giert, als auch singend die Sensation des Abends, neben der gesanglich fast noch bestechenderen französischen Wahlamerikanerin, Diana Higbee, von mitreißend klarer Stimme voll einnehmenden belebten Ausdrucks, als gewiefte Betrogene Zélide, die einfach so tut, als hätte sie ihrerseits den Geliebten betrogen, um sich seiner Gefühle wirklich sicher zu sein. - Doch bei ihr bräuchte man gar keine Geschichte, ihr Gesang steht für sich selbst.

Gesteigerte Erotik

Das soll jedoch nicht Giorgio Madias Arbeit schmälern, der in La Guirlande die Liebe über die zunehmenden Tanzpassagen - seien es nackt-durchschimmernde Körper in sportlich-reduzierten Gesten unter weißen Tüchern; schöne, synchron-innige Duette von Mann und Frau oder Quartette im Dominoeffekt - in 45 Minuten immer mehr zur Erotik steigert. Das zieht er nach der Pause noch verstärkt im ähnlich kurzweiligen Zéphyre durch, abermals betont durch goldene Glitter-Kostüme. Denn was hier erzählt wird, ist der Sieg der gelebten Lust über das Keuschheitsgelübde, das die Göttin Diana in Abwesenheit über die tanzenden Nymphen verhängt hat. Mithilfe Amors bekommt Zéphyre jedoch seine Cloris (= Flore = Göttin des Frühlings = gesungen von Liudmila Shilova) - da gibt es auch allerhand Lacher im Publikum, als symbolisch plötzlich Plastikblumen aus der Bühne schießen, und wenn Männer mit nackten Hintern auf Bändern wiegend "Tango tanzen" - Martin Zanotti ist ein wahrer, springperfekter Blickfang. Das Zieren und Drängen wechselt sich in gesteigerter Brisanz ab, sei es zwischen den tanzenden Sängern oder den erotisch-elegant in subtilen Formen bewegenden Tänzern, die "die Frau" auf Händen tragen, und als mehrfach verdoppelte Paare das eigentliche Paar in seinen magischen Gefühlen unterstreichen. In all dem energetischen Gebrodel - vor allem mit der körperlich sehr attraktiv anzusehenden Katja Juliana Geiger - erscheint dann Diana (Diana Higbee), doch sie ist nicht etwa erzürnt, denn sie hat selbst einen Mann an der Leine - und zwar tatsächlich wie einen Hund im Aussehen von Jesus. "Sich der Liebe hinzugeben, verschönt die Tage", heißt es im atemberaubenden, zweistimmigen Frauengesang von Zéphyre und Cloris, dem musikalischen Höhepunkt des Stückes. Darauf fällt mit den Worten "Amor sei unser Gott" ein transparenter Vorhang herab, und damit ist der Liebesreigen im Verborgenen (!) eröffnet ... (e.o.)


DAS URTEIL EINE ATEMBERAUBENDE STEIGERUNG VON DER LIEBE IN DIE EROTIK - GANZ SO, WIE MAN ES SICH VON GIORGIO MADIA ERWARTET: EINE ODE AN DEN URAUFGEFÜHRTEN TANZ IN ÖSTERREICH!

BALLETT-OPERNEINAKTER La Guirlande (Österreichische Erstaufführung) & Zéphyre (Szenische Uraufführung) * 2x „Ballet en un acte“ von: Jean-Philippe Rameau * Regie und Choreographie: Giorgio Madia * Musikalische Leitung: Bernhard Klebel * Ausstattung: Cordelia Matthes * Gesang-Solisten: Diana Higbee, Erik Leidal, Michael Havlicek, Marelize Gerber, Liudmila Shilova, u.a. * Tanz-Solisten: Katja Juliana Geiger, Adriana Mortelliti, Corneliu Ganea, Martin Zanotti * Mit: Barockorchester der Wiener Kammeroper auf historischen Instrumenten * Ort: Kammeroper Wien * Zeit: 18., 21., 23., 25.10.2008: 19h30

Friday, April 18, 2008

TANZ: DER BATSHEVA-EFFEKT VON OHAD NAHARIN IN "MAX"

Der Tanz von Ohad Naharin lebt vom Wechsel zwischen Gruppe, ...

... Duo und Individualtanz - und hat Sexappeal, da Effekt bei angekränkelt a-typischen Haltungen und Bewegungen. Fotos © Batsheva Dance


TANZQUARTIER DIE ISRAELISCHE BATSHEVA DANCE COMPANY VON OHAD NAHARIN BRINGT MIT MAX EFFEKT IN DEN ABSTRAKTEN TANZ - UND GEFÄLLT

Das ist schon komisch: da muß erst ein Choreograf mit seiner von Martha Graham und Baronesse Batsheva De Rothschild gegründeten Company aus Israel kommen, damit zeitgenössischer Tanz mit dem gewissen Etwas, nämlich "Effekt", unter Österreichs Tanzkritikern zur Gänze gelobt wird. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Tanz im Tanzquartier (Halle G) gezeigt wurde und nicht etwa in der Volksoper, sodass er für jenen Ort genau das richtige Maß an "Linie" hatte, die man ansonsten dort schmerzlich vermißt. Fakt ist aber auch, dass wir mit Giorgio Madia als Choreograf, vor allem in Nudo schon sehr viel von dem in Wien hatten, was jetzt so begeistert bei Ohad Naharins Batsheva Dance Company von den Wienern angenommen wurde. D.h., was unter der Kategorie "Ballett" von 2003 - 2005 vom Volksopernballett unter Madia erfolgreich lief, läuft jetzt auch unter der Kategorie "zeitgenössischer Tanz", nur eben von manchem Kritiker anders beurteilt, da jener an-sich zu sehr vom Kategoriendenken gesteuert ist.

So weit ist ein Naharin nicht von einem Madia entfernt

Natürlich war Max von Batsheva - gemäß der zeitgenössischen Tanz-Kategorie, in der es stattfindet - noch abstrakter und radikaler als damals Nudo innerhalb der Kategorie Ballett. Doch hat beides unterm Strich in sich dasselbe qualitative Niveau bezüglich des Ausscherens vom Gewöhnlichen innerhalb seiner Kategorie. - Aber auch im eigenen Anspruch bezüglich einer gewissen, wenn auch noch einmal sehr persönlich gefärbten Bewegungsästhetik und Harmonie, wobei sowohl Naharin, als auch Madia Studien- bzw. Tanzjahre bei Béjart und in den USA verbrachten. Da aber jeder Choreograf weiß, dass er ein Projekt "auch" für eine bestimmt-ausgerichtete Auftragsstätte kreiert, bekommt das Werk und die Tanzlinie dann die unterschiedlichen Nuancen. Und doch muß man sagen: wir waren eigentlich schon auf dem Weg, genauso eine eigene (international erfolgreiche), schillernd-abstrakte österreichische Company zu haben. - Aber, was soll´s, diese Debatten sind vorbei. Jetzt waren die Israelis da, und haben uns (endlich wieder einmal) gezeigt, wie aufregend-guter Tanz sein kann. Das fängt mit den athletischen Körpern der Tänzer an, die in ihrer kräftig-gesunden Vitalität eine eigene Wirkung ausstrahlen (wie übrigens auch schon die Körper bei Madia, der andererseits auch entgegengesetzt auffällige, doch in-sich-geschlossen-harmonische bzw. erformte Körpertypen hegte). Dass diese Körper in der Lage sind, außergewöhnliche Körperarbeit zu leisten, liegt auf der Hand. Denn jeder Körper zeigt exakt das, was man ihm ansieht; es läßt sich im Tanz nichts verbergen.

Israelische Körperkunst mit Effekt

Diese Körper stehen zu Beginn in kurzen Sporttricots mit dem Rücken zum Publikum. Dass sie vom Zuschauer als israelische "Körper" wahrgenommen werden, liegt nicht etwa am - in Israel allseits präsenten - Krieg, der jeden Menschenkörper durch mehrjähriges Pflichttraining generell widerstandsfähig macht, sondern am Beifügen einer eigens lokalgefärbten Musik samt Sprechgesang mit hebräischem Text - komponiert und vorgetragen vom Meister himself - von Ohad Naharin unter dem Pseudonym Maxim Waratt. Unklar ist dem Zuschauer bis zuletzt, ob hier nun auf die Geschichte Israels bzw. der Juden angespielt wird oder nicht, denn man sieht immer wieder eine sich formierende, lautstarke "Klagemauer" aus Tänzern, die auch an einen rituellen Buschtanz erinnern könnte, man hört und sieht Wiederholungen des prinzipiellen Zählens, wo jeweils auf Vorigem um eine fortlaufend neue "Nummer" aufgebaut wird; und man sieht den wiederkehrenden Kampf des Einzelnen als ruckhaften Ausbruch aus der Gruppe, aus dem Paar und dessen erneutes Einfügen zum perfekten Unisono(-Duett), einschließlich einer angedeuteten, einmaligen Kopulationsszene zwischen Mann und Frau. Das ist eine getanzte Philosophie zwischen Sollen und Wollen, zwischen Muß und Können, zwischen Regel, Ritual, Religion und Trieb, aus den ursprünglichen Kapazitäten des Körpers heraus, selbst wenn diese der bereits (einschlägig) ausgebildete Mensch erst entdecken muss.

Es geht also um prinzipielle Bausteine, die anwachsen zu einem Gerüst, um motorische Techniken, die zur funktionierenden Maschine werden. Das wäre nichts Außergewöhnliches, würde es letztendlich nicht (bekannt) harmonisch schön wirken und gleichzeitig neuartig abstrakt sein. Sowohl die Musik, als auch der Tanz verwenden dabei (fast banal) Bekanntes, vermischt mit (häßlich) Unbekanntem: der durch das Hebräische folkloristische Ton mit tief singender Männerstimme wird mit Natur-Motorengeräuschen und Flüstern verfremdet, Basisübungen wie die Grundschritte zur Balancehaltung im Ballett werden verbogen und wirken "angekränkelt". Doch bei alledem stimmt letztendlich die arrangierte Abfolge von Einzeltanz zum anwachsenden Gruppenbild im grafisch eingerichteten Raum. - Deshalb stimmt hier der Effekt: weil er genau jenes Tempo bedient, wie der heutige, neugierige Mensch visuelle und akustische Geschwindigkeit als unterhaltsam (und auch komisch!) empfindet. - Das ist zeitgenössischer Tanz, wie man sich´s gefallen lassen will. Und wie er erstmals im Tanzquartier zu sehen war! e.o.

Video-Links zum Tanz-Vergleich:
Ohad Naharin choreografierte für die Batsheva Dance Company: Seder (Stichworte: Klagemauer-Formation und Unisono-Effekt) und Three (Stichworte: sperrige Bewegungen, Isolation des Einzelnen, Unförmigkeit, plötzliche Übereinstimmung der Gruppe oder eines Duos aus Stillstand oder Gruppendurcheinander)
Giorgio Madia chroregrafierte für das Volksopernballett 2003 (siehe popiger Part ab ca. 2,30 min zu Jazz-Sax-Musik: humoristisch motivierte Bewegungen bis zu "schmerzhaft-anmutenden" Boden- und Yogaübungen): Nudo



DAS URTEIL EIGENTLICH HATTEN WIR DAS VOR FÜNF JAHREN SELBST SCHON IN ÖSTERREICH: ABER WENN EINE GRUPPE AUS ISRAEL SOLCHEN TANZ ZEIGT, WIRD ER ERST ANERKANNT! - TYPISCH ÖSTERREICH (WIEN).

TANZ Max * Von: Ohad Naharin * Mit: Batsheva Dance Company (IL) * Ort: Tanzquartier, Halle G/MQ * Zeit: 29.-31.3.2008: 20h30

Tuesday, February 05, 2008

KUNST ODER KOMMERZ I: "FUSSBALLETT" VON GIORGIO MADIA UND MORITZ EGGERT

Halbsolist András Lukács als Schiedsrichter beim Fußballett des Opernballs: Trotz der geistreichen Choreographie von Giorgio Madia weiß man nicht recht, ...

... ob es sich dabei tatsächlich um freie, zeitgenössische Tanzkunst handelt, da zu viele Interessen damit befriedigt zu werden scheinen. - Selbst wenn sich Ballerina Karina Sarkissova sehr witzig zum Ball eignet.

Anscheinend ist man seitens Staatsoper mit der Meinung aber nicht allein, dass sich die "Allgemeinheit" über den Fußball für den Tanz begeistern läßt: Absolventen des Konservatoriums Wien entwickelten mit 27 Jugendlichen die Choreografie Spielstand, und weitere Fußballtheaterprojekte folgen vom Dschungel Wien nach ganz Österreich und in die Schweiz


STAATSOPER IOAN HOLENDER IST STOLZ AUF SEIN ZEITGENÖSSISCHES AUFTRAGSWERK AN KOMPONIST MORITZ EGGERT, DAS CHOREOGRAF GIORGIO MADIA IN SZENE SETZTE: DAS THEMA FUSSBALL(ETT) MUTET ABER EHER WIE KOMMERZIELLE SPEKULATION AN ...

Nun hat Choreograf Giorgio Madia endlich in die Wiener Oper zurück gefunden, und doch ist der Dank, den man Noch-Staatsoperndirektor Ioan Holender dafür schuldig sein möchte, überschattet. Denn er hat zwar Moderne von Madia - wie man sie seit dessen Volksoper-Ballettproduktionen Alice und Nudo in Wien vermißt - zurück gebracht; das aber doch recht scheinheilig ...

Nachdem Holenders Ruf, während seiner Direktionszeit in Sachen künstlerischen Fortschritts in der Staatsoper nichts bewirkt zu haben, groß ist, wurde er vor und während der Fernsehübertragung des Opernballs nicht müde zu betonen, dass er ein Auftragswerk an den zeitgenössischen deutschen Komponisten Moritz Eggert vergeben hätte, wozu Madia eine schwierige und tolle choreographische Arbeit gemacht habe; und um diesen "Tanz-Fußball"-Aufhänger hatte wiederum der ORF seine gesamte Berichterstattung dramaturgisch gelegt, einschließlich eines Interviews mit Franz Beckenbauer in der ZIB: Mit der "Begleiterscheinung", dass ständig wiederholt wurde, wie mutig und innovativ die Staatsoper mit dieser Wahl gehandelt hätte.

Sollte "zeitgenössisch" nicht auch "frei" bedeuten?

Weder inhaltlich, noch "freiheitsdenkend" künstlerisch ist allerdings das Thema: Es steht für eine klare "Absicht", sprich: für eine "benutzte" Kunstform. Es macht das "zeitgenössische Ballett" einmal mehr zur Nebensache, gerade gut genug für die "Drecksarbeit" innerhalb des Kunstbetriebs, nämlich als "Verbindungsfüller" verschiedener anderer Ingredienzen zu dienen, der darüber hinaus im Zeichen des Fußballs, - und in Wahrheit - im Zeichen der anwesenden Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sport, zu stehen hat. 2008, im Jahr der Fußball-Europameisterschaft in Wien, scheint es vor allem Werbemittel zu sein. - Wie sehr es das ist, steckt in der Nachfrage: Warum hat Ioan Holender keine Fußball-Auftragsmusik für seinen nach dem Ballett folgenden Opernsänger, den "Fußball-begeisterten" José Carreras, schreiben lassen?!

Holender jedoch, schafft es wieder einmal, seine Schandtat als Tugend zu verkleiden, indem er wiederholt: "Das ist tolle moderne Kunst, moderne Musik, ein moderner Auftrag, modernes Ballett; das ist das Wichtigste beim heurigen Opernball. Was Giorgio Madia hier gemacht hat, kann man nicht genug schätzen." Der Glückstropfen dabei ist nur, dass er tatsächlich einmal begabte Fortschrittskünstler engagiert hat, selbst wenn sie für diesen spekulativ eigennützigen Dienst mißbraucht werden. Das Risiko, dass man sie damit als unliebsam "verschachert" verkennt, müssen sie allerdings selbst tragen. - So ist das nun mal mit der abhängigen Kunst von heute. Denn von der allgemeinen Auftragslage in der Szene weiß man, dass es sich derzeit kaum ein Zeitgenosse leisten kann, einen Auftrag abzulehnen, selbst wenn er "als Künstler" geschätzt ist.

(Weitere Trend-Hintergrundinfo: Der Intendant der Bregenzer Festspiele, David Pountney, benutzt das Thema "Fußball" schon länger als Marketingmittel für die Oper. Vom Land der Creative Industries kommend, Grossbritannien, präsentierte er letztes Jahr darüber hinaus die zeitgenössische, satirische Fußballoper:
Playing Away ... Das geschah aber in einem eindeutigen Kunstrahmen...)

Schwierige Bewertung: Fußballett als Kunstwerk

Unterm Strich bleibt nun aber, das Produzierte zu bewerten. Man muß die - für Opernballverhältnisse - lange, fünfzehnminütige Arbeit, Am Ball - Ein Fußballett für 22 Tänzer und 32 Tanzschüler des Balletts der Wiener Staats- und Volksoper, des deutschen Komponisten und des italienischen Choreografen kritisieren, so wie sie sich selbst "als Kunstwerk", sowie innerhalb des in alle Welt übertragenen Opernballs, klassifiziert: Eggerts Musik lebt trotz neumusikalischer Abstraktion von bekannten Musik- bis Walzerzitaten. Sie also schon, ist versucht, Erkennungmomente für die anwesende, großteils nur unterhaltungskunstaffine menschliche Anwesenheit zu schaffen, so dass sie den Neue-Musik-Mantel leichter akzeptieren kann. Dazu schafft nun Madia eine, umso konkretere "Fußballsituation", die mehr mit Fußball zu tun hat als mit Tanz. Das inkludiert die Gefälligkeit, dass sich sämtliche, zuschauende Menschen, die sich - umgekehrt als ursprünglich Madia - im Fußball eher als im Tanz auskennen, auch unterhalten fühlen - und das betrifft am Opernball wahrscheinlich die Meisten.

Ein paar "großzügige" Nur-Tanzliebhaber werden dieses "Schauspiel" indessen als Ironie auf die Europameisterschaft-Hysterie verstehen; für die Mehrheit der Nur-Tanzliebhaber wird es dagegen "zu wenig Tanz", zu wenig abstrakt, und damit: zu wenig zeitgenössische Kunst sein. Selbst wenn der theatrale Tanzwitz gelungen ist: Wenn Halbsolist András Lukács gekonnt ironisch als Schiedsrichter tanzt, sich Solotänzerin Karina Sarkissova grotesk als Ball (überm Kopf) "schießen" und tragen läßt, und Solotänzer Daniil Simkin als frecher Ersatzspieler eintrippelt, während daneben etwas schwerfällig die Fußballikonen Andi Herzog und Herbert Prohaska als Sanitäter ein simuliertes Faul aufdecken. - Das ist doch eine ungewöhnlich "angewandte" Kombination. - Ob das dem erstmals in Wien am Opernball anwesenden Unicredit-Chef Alessandro Profumo besser gefallen hat, als es eine echte zeitgenössische Tanzeinlage getan hätte, stellt allerdings das große Fragezeichen dar. Sein Choreografen-Landsmann Madia wäre der "Echten" jedenfalls mächtig gewesen; nur hätte er sich sein Thema dafür selbst aussuchen dürfen sollen.

Außerdem ist noch lange nicht gesagt, dass "echte Fußballbegeisterte" nicht auch "echte Tanzbegeisterte" sein können. In diesem Fall bräuchte sich der Tanz dem Fußball auch nicht unterzuordnen. Da selbst alte Philosophen wußten, dass ein "mens sana" nur in einem "sano corpore" stecken kann, dürfte das auch kein Wunschdenken bleiben. Nein, Sport und Kunst gehören definitiv zusammen und müssen demnach auch gleich viel wert, sprich gleich eigenständig, sein. Und je länger man nun über die Dimensionen dieser Aufführung nachdenkt, desto bewußter wird man registrieren, wie sehr man zu Gott und der Welt abtriftet, anstatt am Kunstdiskurs zu verharren, was wiederum an der Dominanz der Umstände rundum dieses Werkes liegen muss, wo zu viel Absicht im Vordergrund steht: es kann daher kaum von einem Kunstwerk die Rede sein.

Nach "Shakespeare"-Tanz zu "Kylian"

Deshalb plädieren wir an dieser Stelle dafür, das nächste Mal doch ein echtes - "sprich freies" - zeitgenössisches Werk zu beauftragen. Dann wären wir auch bereit, Ioan Holender den Status eines fortschrittlichen Kunstdenkers zuzugestehen. Moritz Eggert und Giorgio Madia hätten es sich jedenfalls verdient, in so einem "echten" Rahmen ihre Chance zu bekommen, gerade weil der Opernball ein "Event" für die Masse ist, die unabhängige Kunst von heute kennenlernen w(s)ollte. Denn so erreicht dieses 30 Raffszenen-Miniaturspiel aus Elfmeter, Faul und auf Händen getragenem Schiedsrichter - als "das Fußballfeld - eine Welt" - gerade die theatrale Bühnenmoderne eines Shakespeare. Wo es aber hingelangen sollte, das wäre eine musikalische Tanz-Moderne eines Madia-Eggert-Kylian. e.o.


DAS URTEIL ERST WENN IOAN HOLENDER CHOREOGRAF GIORIO MADIA UND KOMPONIST MORITZ EGGERT ZEITGENÖSSISCH OHNE AUFLAGEN BEAUFTRAGT, WIRD ER SICH INTENDANT DER VISIONEN NENNEN DÜRFEN.

MUSIK & BALLETT Am Ball – Ein Fußballett für Tänzer und Orchester * UA von Komponist Moritz Eggert + Choreograf Giorgio Madia * Ein Auftragswerk der Wiener Staatsoper für den Wiener Opernball 2008 * Eröffnung des Wiener Opernballs, Liveübertragung im ORF * Mit: Opernballorchester + Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper * Ort: Staatsoper Wien * Zeit: 31.1.2008

JUGENDTHEATER match:poesie und Straßentheaer TOR & CHOR * Von: theater.wozek * Im Rahmenprogramm: KICK & STAGE - DIE THEATERACHSE FÜR JUGENDLICHE ZUR EUROPAMEISTERSCHAFT IN DER SCHWEIZ UND ÖSTERREICH * Spielorte auf 14 Bühnen in Städten, von März bis Juni 2008: ZÜRICH – ST.GALLEN – SCHAAN – BLUDENZ – INNSBRUCK – SALZBURG – ST.PÖLTEN – VILLACH – GRAZ – LINZ – WIEN * Mit: 1. Spielort: Dschungel Wien * Zeit: 07.03.2008: 17h+18h

JUGENDTHEATER FIEBERTRÄUME (UA) * Von: Benedict Thill * Koproduktion DSCHUNGEL WIEN und TheaterFOXFIRE * Inhalt: Die Jagd nach dem fiktiven Ball des Lebens * Ort: Dschungel Wien * Zeit: 7.3.2008: 20h, 08.03.:19h30, 09.03.: 18h, 10. 03.: 10h30, 11.03.: 10h30+19h30, 12.03.:10h30+19h30, 13.03.: 10h30+19h30, 14.03.: 10h30+19h30, 15.03.2008:19h30

TANZ SPIELSTAND * Projekt der Konservatorium Wien Privatuniversität, Abt. Pädagogik für Modernen Tanz in Kooperationmit der Neusprachlichen Mittelschule Greiseneckergasse in Wien, 20 und dem Tanzfestival szene bunte wähne * Von: Elisabeth Hofstetter & Clara Wannerer * Mit: los pepinos * Ort: Dschungel Wien * Zeit: 27.2.2008: 10h30 + 18h * link: www.sbw.at

Friday, July 13, 2007

OPERETTE: "WIENER BLUT" IN MORBIDEM BUSENLAND VON MAXIMILLIAN SCHELL

Harald Serafin im Busen-Land: ob an jenem von Noemi Nadelmann ...

... oder im Angesicht jenes von Iva Mihanovic, ...

... die (hier mit Sohnemann Daniel Serafin) ja wirklich einen sehr hübschen hat, und die mit rotem Harr obendrein wieder einmal ganz der Typ vom Vater ist ...

... was ihn dennoch nicht daran hindert, in der Busenlaube ein Bruderschaftsschluckerl mit der Anderen zu trinken.


Doch in Zeiten, wo Napoleon durch Europa reitet ...

... sodass Fürst Metternich alles daran setzen muss, um die Fäden in den Händen zu halten, wonach alle Staatsherren - nach Giorgio Madias Choreografie - wie Marionetten tanzen, ...

... sind wahre Gefühle, für die Frau hinter dem Busen wichtiger als äußere Formalitäten. So geht Balduin Graf Zedlau (Rainer Trost) ...











... zurück zu seiner angetrauten Gabriele (Nadelmann), während Fürst Ypsheim-Gindelbach (Harald Serafin) seine Franziska Cagliari (Mihanovic) bekommt. (Fotos © Lichtstark.com)


SEEBÜHNE MÖRBISCH DER VERSUCH, NICHT AUSSCHLIESSLICH GUTE LAUNE ZU VERBREITEN, SORGT FÜR ZWIESPÄLTIGE GEFÜHLE. IM FERNSEHEN ZUMINDEST. MAXIMILLIAN SCHELL IST ALS REGISSEUR ABER SICHER WENIGER SEICHT ALS IN FERSEHSERIEN ALS SCHAUSPIELER

Sex und Morbidität - paßt das zusammen? Natürlich. Bei Visconti zum Beispiel. Aber bei einer Operette, dazu an einem Ort, wo man jene nur als "Feier der gediegenen Lebensfreude" kennt, sodass man erst mal mit dem Bruch der Erwartung zu kämpfen hat? Und noch dazu, wenn man das alles nur im Fernsehen übertragen sieht? - Weshalb der Kritiker sich nun in sein Gefühl als Privatperson zurück versetzt, als die er etwas ansah, ohne sich vorher allzu sehr mit dem Stoff befaßt zu haben:

Das Fernseherlebnis "Wiener Blut"

Ich bin kein allzu großer Maximillian-Schell-Fan. Bisher. Denn wie der Mann in deutschen Serien eingesetzt wird, ist an Banalität und Seichtheit nicht zu übertreffen. Gut, in den frühen Filmen war er ein außergewöhnlich schöner Mann, der darüber hinaus mit großer Leidenschaft spielte. Für seine Rolle als deutscher Anwalt in Das Urteil von Nürnberg (der brüllt wie die Leute aus Nazi-Tagen) hat er den Oscar bekommen, gut. Geschah zwar hauptsächlich wegen der politischen Aussage, wie immer bei Oscar-Verleihungen, es sei ihm jedoch vergönnt. Dass er nun seit Jahrzehnten von diesem Stempel zehrt, ist nicht ihm anzukreiden, sondern stupiden Journalisten, die ihn darauf reduzieren, sowie Marketingstrategen, die ihn damit als Werbe-Zugpferd benutzen. Aber er wird sich darüber schon bewußt sein, so sind eben die Spielregeln.

Nun macht er in Mörbisch mit Wiener Blut seine erste Operetten-Regie. Und da ist der Schell nicht oberflächlich. Er zeigt Lust am Angekränkelten. Bei einer Geschichte zu Metternich-Zeiten, wo ein Graf Zedlau (singt gut: Rainer Trost) aus Liebe geheiratet hat, seine Frau (Noemi Nadelmann) von ihm aber nichts wissen will, weil er angeblich zu langweilig sei, weshalb er bei diversen Mamsellen, Pepi (Renée Schüttengruber) und Franzi (dem Blickfang mit der anmutigen Haltung: Iva Mihanovic) - anfangs in einem außergewöhnlich schönen, zarten Kleid im Empire-Stil, das ihren Busen hervor quellen lässt -, verspielte Amouren in Wiener Atmosphäre auslebt. Bis alle drei Frauen zugleich auftauchen, womit die Geschichte beginnt. Nach dem obligatorischen Hin und Her, wo auch noch zwei andere Herren aus Kameradschaftstreue um die Frauen buhlen (Harald und Daniel Serafin), um kurzfristig Eifersuchtsgefühle zu mildern, warte ich nun gespannt auf das Ende, wer denn wohl mit wem zusammen kommen wird. Denn das mittendrin ist mir so bekannt und fad, weil ich es schon hundertmal in hundert anderen Oper/etten gesehen habe.

Karge Bühne, subtil-theatrale Tanzszenen

In diesem Handlungsdazwischen, fällt mir aber nun die Kargheit der Bühne auf, wie ich sie von Mörbisch her wirklich nicht kenne. Meistens singt ein Mensch alleine im großräumigen Nichts zu einem Zweiten. Umso wichtiger sind die sporadischen, gezielt eingesetzten Menschenmenge-Auftritte. Das Ballett, das sonst hauptsächlich Schmuck und Beiwerk ist, gewinnt so an inhaltlichem Stellenwert, wenn es nicht überhaupt für die atmosphärisch wichtigen Politik-Konnotationen - die kritische Aussage des Werks - zuständig ist. Choreograf Giorgio Madia - der sowohl die üppige Linie, wie die klar-fragile und die ironisch-zweideutige beherrscht - hat also auch für die Mörbischer Festspiele diesmal in den stärksten Szenen theatral-ironisch gearbeitet. Wie in jener Szene, wo Metternich (Freddy Schwardtmann) vor einer Riesen-Europa-Karte als Marionettenspieler die Staatsherren-Tänzer dirigiert, die in ausgeklügelten, disharmonischen Puppen-Bewegungen ein harmonisch-ironisches Ganzes ergeben. Leider stören die Schnitte von Gesichts-Großaufnahmen diese vollendete Abfolge, sodass sich nur erahnen lässt, wie das in Natura ausschauen muss. Ebenso ist es bei einem Tanz mit Taschenlampen, wo man nicht sehen sollte, dass sich da Menschen bewegen, die Kamera jedoch zu nah dran ist.

Sex in Busenlandschaft

Und dann wäre da noch die Erotik, die bei all den verstreuten Phallus- und Sexsymbolen auf der Bühne fast aufkommen muss: ja, ich muss sagen, was da an Subtilitäten, Körperspiel und Begehren abgeht, ist richtig ansteckend. Harald Serafin kommt auf seine fortgeschrittenen Tage noch einmal auf seine Kosten, sei es auf einem Ringelspiel und in einer Aphrodisiakum-Laube, die sich in einem Friedhofsgrab verbirgt. - So viel zur Morbidität von Maximillian Schell. Für diesen Mut, bekommt er meinen vollen Respekt. Ob er das nun auf die historische Zeit von damals oder auf das österreichische Jetzt bezieht? - Wahrschenlich beides. Denn derzeit ist ja das "Wiener Blut" vieler Leute psychisch krank. Morbidität steckt aber auch im Stück selbst, mit Alexander Grills melancholischem Lied, "Des Glick is a Vogerl, es lässt sich schwer fangen, aber weggflogen is´s glei". Und trotz dieser unruhigen Gedanken, in unentschiedener Haltung, ob es mir nun gefällt oder nicht, weil ich Opern-Theater-Fernsehübertragungen prinzipiell mißtraue - ungefähr da, nachdem Napoleon eingeritten ist, schlafe ich ein. Es scheint sich im zweiten Teil irgendwie alles ausgedehnt zu haben, indem gerade wieder nur zwei Leute um einander r/singen.

Und so wache ich am nächsten Morgen mit der Frage auf: wer hat denn nun wen bekommen? Ich schätze der Verheiratete seine Angetraute, die Pepi den Daniel Serafin und Franzi den Harald Serafin - er hat sich als Intendant wahrscheinlich noch einmal seine derzeitige Traumfrau zugeteilt: die Frau mit dem schönen Busen und dem roten Haar: Iva Mihanovic. Wenigstens einer, der sich seine Träume zu erfüllen weiß ... e.o.


DAS URTEIL ALS FERNSEHÜBERTRAGUNG IST WIENER BLUT NICHT SPANNEND GENUG, ALS DASS MAN NICHT IRGENDWANN EINSCHLÄFT. DA WAR VIEL SEX UND MORBIDES, VIEL LANGATMIGES UND DIE SCHÖNSTE TANZSZENE VERSCHNITTEN. AM BESTEN IN NATURA ANSCHAUEN UND SELBST ÜBERZEUGEN!

OPERETTE Wiener Blut * Von: Johann Strauß * Regie: Maximillian Schell * Dirigat: Rudolf Bibl * Choreografie: Giorgio Madia * Ausstattung: Rolf Langenfass * Mit: Harald Serafin, Fritz Hille, Rainer Trost, Christian Zenker, Sebastian Reinthaller, Noemi Nadelmann, Ursula Pfitzner, Jessica Glatte, Freddy Schwardtmann, Margareta Klobucar, Cornelia Zink, Alexander Grill, Iva Mihanovic, Renée Schüttengruber, Wolfgang Gratschmaier, Daniel Serafin, Helmut Wallner * Ort: Seebühne Mörbisch * Zeit: 12.7. - 26.8. 2007: 20h30-23h30

Friday, May 18, 2007

BALLETT / POLEN 1: STANDING OVATIONS FÜR GIORGIO MADIA UND TAPETEN - "CINDERELLA"

Die Vorgeschichte als Schattentanz. Für Zwischenszenen wie Fahrten oder unheimliche Hofgesellschaftscharakterisierungen erfindet Giorgio Madia lustige und gesellschaftskritische Tableaux Vivants. (Fotos © Ch. Zielinski)
Cinderella (Monika Maciejewska) bekommt in ihrem Tapetenalltag - formale Basis der Inszenierung - dank der Fee (Beata Brozek) die Möglichkeit, auf den Ball zu gehen.
Der Ball ist licht und in rosa-hellblauem Pastell der Inbegriff aller Urträume von freier Liebe und Fortpflanzung: Dort besticht Aschenputtel eher wegen der unsichtbaren Energie zwischen ihr und dem Prinzen als wegen des Kleids.
Huch, schon 12 Uhr, bei der Liebe vergißt man ja gerne die Zeit, aber die Fee ist da sehr genau! - Und es ist ja auch eine Prüfung ...
... ob der Prinz Cinderella tatsächlich liebt - indem er sie ohne Kleid wieder erkennt. Er tut es: bei den plumpen Männer-Stiefschwestern (A. Miedwiediew, J. Gesikowski in Gelb) ist das aber auch nicht schwer. Obwohl die Stiefmutter (M. Caban) mit ihren Tapetenlakeien (J. Lukasiewicz, K. Pabjanczyk) dagegen arbeitet.


GROSSES THEATER LODZ GIORGIO MADIA PACKT ASCHENPUTTEL IN EINE TAPETE - EINE GROTESKE SENSIBILITÄT, FÜR DIE ER ALS ERÖFFNUNGSSTÜCK DES INTERNATIONALEN BALLETTFESTIVALS IN POLEN DAUERAPPLAUS KASSIERTE. - EINE VORORT-LIVE-KRITIK

Grotesk-schwungvoll, subtil-sensibel – diese konträren Linien unter einen Hut zu bringen, sodass der Hut am Ende paßt, das schafft auch nur Choreograf Giorgio Madia. Nach seinem, mit dem höchsten, polnischen Kritikerpreis ausgezeichneten Dornröschen am Grossen Theater in Lodz, müsste er mit seiner heurigen Uraufführung erst recht Anwärter auf die Auszeichnung sein. Dieses klassisch-moderne Aschenputtel (Cinderella / Kopciuszek) ist so perfekt, präzise und charakterstark getanzt, choreografiert und designt, dass es nicht nur zur würdigen Eröffnungszeremonie des 19. Internationalen Ballettfestivals Polens taugte, sondern auch zum wahrscheinlich bisher intellektuellsten Stück Madias in wundersam harmonischer Weise wurde: als ein in sich geschlossenes, ästhetisches System voll fließenden, humorreichen Eigenlebens.

System mit Tapetenhülle

Die Basis dieses Systems bildet "die Hülle einer Tapete“. Entlehnt dem (in Polen) momentan oft vorkommenden Motiv der bildenden Kunst, als Mensch vom Lebensraum „verschluckt“ zu werden, verpassen Madia und seine Bühnenbildnerin Cordelia Matthes dem Kleid des Aschenputtels sowie jenem der Lakeien das selbe blumengraue Stoffmuster, wie es die Wände um sie herum ziert. Als Raum, in dem sie leben, und der bestimmt wird, durch die Allmacht der vereinnahmenden und unterdrückenden Stiefmutter. Je nachdem, wie weit sich jemand nun ihrem Machtbereich zu entziehen vermag, verändert sich auch der Stoff: Gehen etwa die Stiefschwestern aus, bleibt zwar das Muster der Kleider erhalten, die Farbe ist aber rot geworden. - Eine optisch wunderschön verdichtende Idee, die von der Form auf den Inhalt schließen lässt, und von psychologisch gezielter Suggestionskraft ist: Treten die humoristisch trocken und technisch exakt tanzenden Stoff-Lakeien (Jan Lukasiewicz, Krzysztof Pabjanczyk) als personifizierter Stiefmutter-Willen aus den Stoff-Wänden, um die widerstrebenden gelbbestofften Schwestern zur Schuh-Anprobe zu zwingen, erkennt der Prinz das völlig "versteckte" Aschenputtel, obwohl er es mit einem über den Kopf aufgesetztem Tapeteneimer nicht sollte! Seine Augen der Liebe sind es also, die das Wahrhafte erkennen.

Und werden die Tapetenlakeien schließlich auch noch von anderen Tänzern als unsichtbare Möbelobjekte zu revolutionären Körperbildern benutzt, steht der Dreieinigkeit zum künstlerischen Werk nichts mehr im Wege: hiermit sind Sinn, Stil und Charakter auf einen Wurf gelungen.

Vom Witz zur Gefühlstiefe

So weit also zum subtilen, geistreichen Witz durch die zugrundeliegende Form. Zum herzhaften Lacher steigert ihn der italienische Choreograf zusätzlich durch seine Charakterinterpretationen: Denn die Stiefmutter (Mariusz Caban) und –schwestern (Aleksander Miedwiediew, Jerzy Gesikowski) sind mit Männern besetzt, was deren Härte, Selbstgefälligkeit und Plumpheit in Spiel und Bewegung gegenüber dem demütig-eleganten Aschenputtel ins kontraststark Groteske lenkt. Verletzlich und schutzsuchend tanzt Monika Maciejeska ihre klassisch versierten Soli: als ein Mädchen voller Eleganz und Zärtlichkeit, das in seinen einsamen Stunden ausdrückt, wie deplatziert unter seiner Würde es in diesem Blumendekor existieren muss.

In kongenialer Ausstrahlung erwidert Prinz Gintautas Potockas ihr Gefühl in wind-umwehtem Sehnsuchtstanz, nachdem er sie treffen und auch schon wieder verlieren musste. Als die Beiden im Pas de Deux endlich zueinander finden, strömt daraus so große Innigkeit, wie sie sich der Mensch von der Liebe nur erträumen kann. Eine Liebe, die nur ihnen gehört, wo keine fremden Blicke zugelassen werden. Wie wichtig Madia diese Liebesdefintion ist, betont er durch einen transparenten Vorhang, mit dem er ihre Liebe genauso vor dem Voyeurismus des Publikums schützt, wie zuvor vor jenem der neugierigen Hofgesellschaft, wo sie sich nur zum Narren machten. Denn Liebe bedarf der Intimität. Und dass sie letztlich auch nur durch etwas Unsichtbares entzündet wird, sagt die wohl romantischste Szene: Indem der Prinz nicht auf Aschenputtel abfährt, weil sie, wie meist im Märchen, wegen ihres besonderen Kleides als Schönste auffällt - denn sie unterscheidet sich zwar von ihren Stiefschwestern, aber kaum von der übrigen Hofgesellschaft -, sondern weil eine augenblickliche, unbeschreibbare Magie zwischen ihr als Frau und ihm als Mann aufkommt: und das zeigt nichts als der spielerisch-charmante Tanz des Angezogen-werdens des Prinzen.

Tableaux Vivants mit Gesellschaftskritik

Doch was wären kleinbürgerlicher Alltagstrott und pastell-lichter Romantiktraum am Hof ohne die Übergangsszenen dazwischen, die Wege also vom Hier zum Dort: Sie dienen in der Narration zum Spannungsaufbau und betonen im Psychologischen das aktive Tun für das angepeilte Sehnsuchtsziel: daraus werden zum Staunen angehaltene Momentaufnahmen in bewegten Bildern: Ein Schattentanz rafft die Vorgeschichte, wie Aschenputtel in ihre bedauerliche Situation kommt. Für die Kutschenfahrt zur Ballnacht steht eine rosa Kutsche mit am Stand drehenden Schirmen als Räder, gezogen von Männern als trabende Pferde, vor vorbei schwebenden Wolken, Möwen und Bäumen, die den Effekt der Fortbewegung vortäuschen. Und am stärksten - da metapherhaft eingesetzt - wirkt wohl die stosshaft-verzögert tanzende Hofgesellschaft, die zu kunstvoll missgebildeten Liliputaner-Marionetten wie aus dem Figurenkabinett stilisiert wurde, als Sinnbild für das opportunistische Mitläufertum der High Society.

Deren in der Gesellschaft auf diese Weise als echt entlarvte Verhaltensdeformation nimmt auch bei ihrem ersten Auftritt die clowneske, ständig mutierende Fee (Beata Brozek) als Mensch ohne Rumpf an, die den Opportunismus der Masse gerade wegen ihrer eigenen Fähigkeit dazu, zu steuern vermag. Genauso, wie wiederum Giorgio Madia als Artist sein eigenes Werk lenken kann und sich dabei vor allem eines anderen Künstlers bedient, wie es ihm nur so passt: der Musik Giacchino Rossinis. Der Choreograf hat seine gesungenen Opernarien, Streichquartette bis -soli mitsamt Geräuschen, doch mit feinem Gespür für musikalische Erzählkraft, zur „Filmmusik“ der Tanzhandlung zusammen geschnitten. - Grosses Kompliment also an den Zaubermeister: er ist einer der wenigen, der mit immer neuen Ideen nie langweilig wird. e.o. / a.c.



DAS URTEIL MIT JEDEM GIORGIO-MADIA-WERK WÄCHST UNSER RESPEKT VOR DIESEM KÜNSTLER MEHR: EIN ÄSTHETISCH DICHTES, BILDER- UND METAPHERREICHES, LUSTIGES UND SENSIBLES THEATER-TANZ-KUNSTWERK!

MODERNES BALLETT Cinderella (Kopciuszek) * Von: Giorgio Madia * Musik: Giacchino Rossini * Bühne und Kostüme: Cordelia Matthes * Mit: Monika Maciejewska, Gintautas Potockas, Beata Brozek, Mariusz Caban, u.a. * Ort: Grosses Theater Lodz * Zeit: 10.6.2007: 18h

Das Internationale Ballett Festival in Lodz läuft bis 3.6.2007 * Infos: www.teatr-wielki.lodz.pl

Wednesday, April 18, 2007

MODERNES BALLETT: HOFFNUNGSVOLLE ENTDECKUNGEN IM KONSERVATORIUM IN "ballett/modern/tanzt #2"

Die Basis eines jeden überzeugenden Modernen Balletts ist die Beherrschung der Klassik - auch da gibt es aber formschöne Uraufführungen mit raffinierten grafischen Bewegungen, nicht nur Klassik-Standards: leicht versetzt choreografiert etwa Leslie Hughes Zweimal Bach mit Virginia Eckleben und Julia Greibich

Das überzeugendste eigenchoreografierte Solo: sandsibility von Alexandra Mlineritsch

Choreograf Giorgio Madia zeigt im Quincy Jones -Jazz-Stück die Ballettschülerinnen als einerseits folgsam, schritt-schwierig tanzende, heitere Mädchen ...

... andererseits als freche Girls, die liebend gern - und dennoch unschuldig - in die (Erwachsenen-)Revue-Welt hineinschnuppern, wo die Haltung auch mal weniger steif sein kann - und dennoch Linie hat.

















Tanzt alles mit glaubwürdiger innerer Freude, die ansteckt: Victoria Nurek




THEATER AKZENT DIE BALLETTABTEILUNG DES KONSERVATORIUMS DER STADT WIEN ZEIGTE IN ballett/modern/tanzt #2, DASS WIEN DURCHAUS ZU MODERNEM BALLETT IN DER LAGE WÄRE. - DIE BASIS DAFÜR HEISST KLASSISCHES BALLETT. HIER EINIGE TALENTE UND TOLLE CHOREOGRAFIEN

Professionelle zeitgenössische bzw. moderne Ballettaufführungen sind in Wien (Österreich?) kaum zu sehen. Und wenn, dann nur so, dass man sie sich eigentlich lieber nicht angesehen hätte - Stichwort: Ballett der Wiener Staats- und Volksoper in der Volksoper! Das liegt weniger an den Tänzern - weil das Internationale sind - als an den Choreografen. Wie auch immer hier "welche" Leute dazu kommen, etwas inszenieren zu dürfen - es wird wohl wie bei fast allem in Österreich eher an Protektionen und Freundschafts-, wenn nicht sogar Politdiensten liegen als an künstlerischer Qualität. Und da man mit solchen Darbietungen nun mal keine geradlinig aufnehmende Jugend begeistern kann, tanzen folglich immer weniger junge Leute "freiwillig" Ballett. (Außer die Mutter schickt ihr Kind.)

Um dem entgegen zu wirken und zu überprüfen, ob im einen oder anderen Nachwuchs vielleicht doch eigene Motivation schlummern könnte, richten wir einen Blick auf die Jahresaufführung der Studierenden der Abteilung Ballett des Konservatoriums Wien. Auch um so jemand mediale Beachtung für seine Hingabe - seinen reinen Willen zur Kunst - zu schenken. - Und auch den Choreografen, die sich hier als Lehrer ihr täglich Brot verdienen, obwohl sich mancher von ihnen auf österreichischen Bühnen bestens machen würde. Kennt man deren künstlerischen Stil trotzdem von dort, ist darüberhinaus deren Selbstdefinition als Pädagoge interessant heraus zu finden: der Schüler Persönlichkeit herausfeilen, ihnen eine Technik oder einen Standard beibringen oder gar ein Kunstwerk mit ihnen erschaffen zu wollen. Am Ende der Ausbildung kommt es wohl auf alle drei Bereiche an. - Deswegen ist so ein Kunstereignis ein größeres Erlebnis als etwa ein Galaabend eines Wiener Staatsballetts.

Tanzfreude, die von innen kommt: Victoria Nurek

Das betrifft allerdings weniger die klassischen Soli, worin einzelne Schüler ihre technische Fertigkeit beweisen - trotz erkennbarer unterschiedlicher Niveaus zählt das auch für den Betrachter zur Routine -, selbst wenn sauber und brav getanzt wird, einstudiert von Maxim Abzalov (betreut 1.+ 2. Jahrgang Klassisches Ballett) und Jana Reischitz (betreut die 5. Klasse Vorbereitungslehrgang + 3. Jahrgang Klassisches Ballett): von Lisa Liendl die Passage aus Marius Petipas Paquita, Mirjana Srot jene aus Petipas/Perrots Giselle, Laura Fischer eine aus Petipas Don Quixote, Cindy Hickmann eine aus Petipas Le Corsaire. Spannender werden dann wegen des individuellen Zusammenwirkens die klassischen Gruppenausschnitte, wobei sich dabei auch Einzelne ausmachen lassen, die "heraus stechen": Bei Petipas Raymonda bzw. Hans van Manens Lieder ohne Worte ist das wegen ihres strahlenden Gesichts Victoria Nurek aus dem 2. Klassichen Ballett-Jahrgang, deren innere Freude vom Tanzen herrührt und nicht etwa eine erzwungene Grimasse auf einem Körper ist. In der grafisch-klaren Uraufführung Zweimal Bach, versetzt choreografiert von Leslie Hughes, machen sich Virginia Eckleben (3. Jahrgang Ballett Modern) und Julia Greibich (3. Jahrgang Klassisches Ballett) formvollendet professionell. Im ebenfalls von Leslie Hughes anmutig choreografierten Sommerlied zur Musik Gustav Mahlers fällt der exakte Keisuke Nejime auf, einer der raren drei Männer und Student der 4. Vorbereitungslehrgang-Klasse. Er macht sich auch in Hans Tappendorffs klassisch choreografiertem Blauer Vogel gut.

Zukunftstalent: Thien Trang Tran Than

Und Thien Trang Tran Than aus der 5. Klasse Vorbereitungslehrgang (letzter der fünf Jahrgänge für 10-19-Jährige) ist eine sich leicht bewegende und springende Colombine in Jana Reischitz Uraufführung Harlekinade, sowie in Legats Die Puppenfee. Sie ist überhaupt die Person, der man das größte Zukunftspotential zumutet: obwohl sie übermäßig klein ist, sehr dünn, mit Hüften eines Burschen (- weshalb sie wahrscheinlich so behende springt). Vor allem in der modernen Ballett-Choreografie RUSH.IT.illusion - eine Uraufführung von Patricia Mis - mit stilvoll schwarz gekleidet huschenden und quirligen Tänzern, sprüht besagte Thien Trang Tran Than in ungemein erotisch zartem Oberkörperspiel als sinnliche, reife Frau. Jemand wie sie läßt erahnen, dass diese Art von Weichheit und Eleganz wahrscheinlich nur zustande kommt, wenn man eben schon als Kind tanzt. Keine der Bachelor-Studentinnen (15-21 Jahre) hat diese einverleibte Anmut, diese übernatürliche Ausstrahlung.

(Un)stimmigste Choreografie von Patricia Mis

So gelungen jene im Gesamtabend wohl stimmigste Choreografie Patricia Mis ist, so wenig beeindruckend, wenn nicht sogar abschreckend ist ihre zweite Uraufführung mit eigener Klasse (1. Ballett Modern): Der Tod und das Mädchen. Die Tänzerinnen starren im Stil von Haute-Couture-Models widerwillig ins Publikum - das wirkt nun wirklich nicht, wenn man kein Haute-Couture-Model ist. So ereignet es sich also, dass die Sympathie gegenüber einer Person von "angetan" zu "angewidert" wechselt: die in Esther Balfes order of play gerade noch so positiv expressive Rosalie Pirker, die mit ihrem a-typisch kräftigen Körper, doch einer ungewöhnlich eindrucksvollen, von innen kommenden charakterlichen Bedeutsamkeit alle anderen in den Schatten stellt, kippt im Todesthema ins modisch Überexpressive - da hätte es also einer Hand bedurft, die das korrigiert.

Stärkste Eigenchoreografie: Alexandra Mlineritsch

Esther Balfe schöpft werkbezogen harmonischer aus dem Innenleben der Individuen: während des Kommens und Gehens von Einzelnen, Duos und Gruppen in order of play kommt der zweite Mann des Abends gentig und beweglich rüber: Florian Feik. Starke Coolness verströmt danach Alexandra Mlineritsch mit der Eigenchoreografie sandsibility, worin sie mit schlacksiger Workerhose ein tanztheatral wirkungsvolles Solo hinlegt. Femininer ist jenes von Carina Herbst zur Musik von Marylin Manson. - Beide, im Abschlußjahrgang für Modernes Ballett in der Klasse Fabiana Pastorini, wurden für diese Arbeiten ausgezeichnet. Doch Mlineritsch ist es, die dann noch einmal im Duo neben dem dritten begabten Burschen und außerordenlichen Studenten, Isaac Ferriera de Araujo, innerhalb von Pastorinis Uraufführung Los caminos de la passion virtuos auffällt.

Suggestion von Lehre nach dem Studium: Giorgio Madia

Und Choreograf Giorgio Madia, den wir aus der Wiener Ballettszene als Ex-Ballettdirektor der Wiener Volksoper schätzen, hat schließlich eine klassische Gruppen-Choreografie unter dem Titel demoiselles de paris zur Jazz-Rhythmik von Quincy Jones Les Double Six entwickelt, wobei klar erkennbar ist, wohin er damit wollte: zu einem erotisch-fröhlichen und damit leicht getanzten Mädchen-Reigen, der gleichzeitig anspruchsvolle Tanzschritte und Drehungen zu absolvieren in der Lage ist. Wahrscheinlich bedarf es dafür aber professionellerer und auch lebenserfahrenerer Tänzerinnnen. Die aus drei Tanzteilen bestehende Choreografie hatte ihr Highlight in der Mitte in revueartig-erotisch halbdunkler Lichtsetzung. Im dritten Teil ging einigen der Mädchen allerdings die Kraft und damit die Lust aus. Da nützt das ganze Lächeln nichts. - Doch, das Positive daran ist: So eine Choreografie vermittelt den künftigen Profitänzerinnen, dass sie sich - trotz fortgeschrittener Klassen - noch lange weiter bemühen und herausfordern lassen müssen, um wirklich relevant im harten Tanzgeschäft zu werden. Denn nach der Schule fängts bekanntlich erst an. - Und eines ist sicher: in einigen Jahren werden ihnen auch Giorgio Madias Korsagen besser passen! e.o.


DAS URTEIL MANCHE DIESER DARBIETUNGEN WÜRDE MAN SICH IN PROFI-PROGRAMMEN WÜNSCHEN. BESONDERS DIE CHOREOGRAFIEN MACHEN LUST AUF MEHR. UND TALENTE WIE THIEN TRANG TRAN THAN GEHÖREN FRÜHESTMÖGLICH ZWECKS TECHNIK GEFÖRDERT - DAMIT SIE SICH SPÄTER NUR NOCH AUF DEN AUSDRUCK ZU KONZENTRIEREN HABEN.

Nächste Konservatorium-Aufführung: Don´t Keep It Private * Mit: 10 Jung-ChoregrafInnen der Abteilung Pädagogik für Modernen Tanz (4. Jahrgang) * Leitung: Manfred Aichinger * Ort: Konservatorium Wien, Leonie-Rysanek-Saal * Zeit: 26.-28.4.2007: 19h30

Thursday, October 26, 2006

MUSIK/THEATER + BALLETT: GEYER, HOLENDER, BERGER, BUCHBINDER, POUNTNEY, SERAFIN UND FLIMM IM VERGLEICH

David Pountney liebt schwierige Kunstexperimente so sehr, dass er dafür, trotz Intendanz bei den Bregenzer Festspielen, zur Ruhrtriennale fährt, um Die Soldaten zu inszenieren. (© C. + H. Baus)


OPER + BALLETT DIE ÖSTERREICHISCHEN FESTSPIELORTE SIND DRAUF UND DRAN, DEN WIENER TOURISMUSATTRAKTIONEN WIE STAATSOPER UND VOLKSOPER IN SACHEN INTERNATIONALEM MUSIK/THEATER DEN RANG AB ZU RINGEN: ABER EIN KLEINER INNOVATIONSTROPFEN KOMMT NUN VOM NEUEN THEATER AN DER WIEN

Die Präsentation des Jahresprogramms 2007 am neuen Opernhaus Theater an der Wien war eine kleine Freude. Intendant Roland Geyer bringt durch neuere Werke wie Endstation Sehnsucht (UA 1998) und Dead Man Walking (UA 2002) endlich jüngere Oper nach Wien. Denn seitens Staatsoper passiert diesbezüglich ja nichts. Barry Koskys zynische Lohengrin-Umsetzung war zuletzt höchstens ein interessanterer Zugang. Von der Volksoper unter Rudolf Berger ganz zu schweigen, wo in der Saison 05/06 nur Sophie´s Choice so etwas wie internationales, modernes Charisma hatte. Die meisten anderen Inszenierungen erinnern an Musikantenstadl im Barockkleid, sodass der junge Kunstfreund gerade noch lieber in die Staatsoper geht.

Patriarch Ioan Holender zeigt sich großzügig

Fast einen Lacher kostet es aber, dass sich Staatsoperndirektor Ioan Holender - der seine Regisseure derart erniedrigt, dass er am Monatsprogramm nicht einmal ihren Namen zur geschaffenen Inszenierung hinschreibt - pseudomäßig der Kunst gegenüber fortschrittlich gibt, indem er in Kooperation mit der neuen, designierten Belvedere-Direktorin, Agnes Husslein, junge Künstlerinnen zu den Premieren ausstellen läßt. - Wobei er aber nichts ankauft, sondern nur die Materialkosten für die Malerei zahlt, die extra zum Thema der jeweiligen Oper gefertigt werden muß. Wer wird den Künstlerinnen wohl diese Auftragswerke abkaufen?!

Der Tanz schläft auch im Theater an der Wien

Das Theater an der Wien wird außerdem Der Seelen wunderliches Bergwerk von Tobias Moretti & moderntimes heraus bringen, das zwar auf einem etablierten Komponisten-Mix beruht, aber formal und inhaltlich sehr speziell zu sein scheint. Und auch das Kabinetttheater wird ein Stück kreieren - dieses süße Figurentheater sieht man zwar auch im Konzerthaus, aber immerhin, eine nette Geste des formalen Öffnens...

Nur im Tanz ruht sich Geyer ein wenig zu sehr auf John Neumeier aus - als ob es nur diesen einen Choreographen gäbe. Und nichts gegen Anne Teresa de Keersmaeker, die vom geschätzten ImPulsTanz-Team beigesteuert wurde - nun aber auch noch im Winter, nachdem sie fast jeden Sommer in Wien tanzt, das wird doch langsam fad. (Dass sie ihren Fulltime-Job an der Brüsseler Oper verloren hat, darf als Grund nicht genügen.) Vom Ballett der Staatsoper und Volksoper unter dem Ungarn, Gyula Harangozó, wollen wir in diesem Zusammenhang lieber nicht reden ... denn diese Bestellung ist klar ersichtlich eine rein politische!

Neben der Ruhr-Triennale verblasst Wiens Szene

Das Gefühl, dass Wien insgesamt international noch immer hinten nach ist, verstärkt sich trotz der jüngsten Ansätze im Vergleich mit der deutschen Ruhr-Triennale und deren hochprofessionellen Experimenten. Tanzgrößen wie die Trisha-Brown-Company oder Alain Platels Les Ballets C. de la B. kamen zuletzt. Musikgenre-Sprenger wie David Byrne finden hier ihr Publikum. David Pountney, Intendant der Bregenzer Festspiele, inszenierte im Oktober auf technisch abenteuerliche Weise Alois Zimmermanns Die Soldaten (UA 1965) in der Jahrhunderthalle, der Maschinenhalle einer ehemaligen Stahlfabrik. Musikalisch spielen dabei drei Orchesterensembles in mehreren Handlungssträngen über- und nebeneinander, bei verschränkten Jazzelementen mit Barock-Chorälen.

Vorarlberg, Salzburg, Niederösterreich bald/schon innovativer als Wien

- Nachdem Ruhr-Triennale-Intendant Jürgen Flimm seit 1. Oktober nun neuer Intendant der Salzburger Festspiele ist, kann man dem Bundesland nur noch einmal zu dieser zukunftsweisenden Entscheidung gratulieren. Österreich, das bekanntlich viel mehr Liebe und Geld für Kunst übrig hat als andere Länder, wird daher künftig wohl wegen der sommerlichen Bundesländer zum kulturellen Aushängeschild werden. Insbesondere, da nun auch Niederösterreich ab 23.8. bis 9.9.2007 das hochqualitative Musik-Festival Grafenegg unter künstlerischer Intendanz des Pianistengenies Rudolf Buchbinder aus dem Boden stampft. Das elitäre Klassikprogramm will sich später auch dem Jazz öffnen und bei Open-air-Variante für jeden Geldbeutel erschwinglich sein.

Die sommerliche Ausnahme in Sachen Innovation bildet bisher nur Harald Serafin im Burgenland. Aber immerhin hat er für seine Operette nun Maximillian Schell als nächsten Regisseur gewonnen. Der ist zwar manchmal auch schon recht betagt, aber der wunderbar fantasievolle und vielfältige Giorgio Madia wird ihn als Choreograf schon ausreichend inspirieren, sodass es auf eigene Art doch modern sein wird. (e.o.)

DAS URTEIL ZEIGT WIEN NICHT BALD MUT IN SACHEN MUSIK(THEATER)PROGRAMM-GESTALTUNG UND REGISSEURE- BZW. CHOREOGRAFEN-AUSWAHL, WIRD ES BALD VON DEN BUNDESLÄNDERN GESCHLAGEN SEIN: DENN DORT LÄUFT IM SOMMER VERGLEICHSWEISE DAS BESSERE PROGRAMM.

Friday, September 08, 2006

BALLETT: DORNRÖSCHEN - MATCH ZWISCHEN GIORGIO MADIA & GYULA HARANGOZÓ

Photo: "Aurora" Joanna Jablonska und "Prinz Desiré" Piotr Ratajewski im leidenschaftlichen Finale von Giorgio Madias fantasie- voll-ästhetischer Ballett-Groteske Dornröschen
(© Chwalislaw Zielinski / Lodz)


LIVE AUS LODZ/POLEN
GIORGIO MADIAS INNOVATIVES DORNRÖSCHEN, DAS IM MAI URAUFFÜHRUNG FEIERTE UND PROMPT MIT DEM BEGEHRTEN THEATERPREIS "DIE GOLDENE MASKE" AUSGEZEICHNET WURDE, STEHT IM OKTOBER WIEDER AUF DEM PROGRAMM.
IN WIEN SEHEN WIR DORNRÖSCHEN, FASSUNG "ALT".


Dornröschen in Lodz und im Schmalformat in Wien: Das zur russischen Ballettklassik mutierte Wien - gerade hat Ballettdirektor Gyula Harangozó wieder um drei neue russische Solisten aufgestockt - schielt im Oktober neidvoll nach Lodz. Denn die polnische Stadt hat etwas, das zuvor noch die Wiener Volksoper körperpräsent voran getrieben hatte: Modernes Ballett, choreografiert von Giorgio Madia.

Läuft also nun im Großen Theater Lodz - nach jenem in Warschau das zweitbedeutendste Haus des jungen EU-Landes - Madias radikal heutiges und dennoch ästhetisch bezauberndes Dornröschen, kann man sich sicher sein, ab September im Wiener Pas-de-Deux-Auszug während der Wiener-Staatsballett-Gala, keine Neu-Interpretation des Petipa-Stoffes vorgeführt zu bekommen. Fazit: In Wien wird uns - trotz kleiner Hoffnung im Patchwork-Abend durch P.O.G.L.A.C.E. (Uraufführung von Raza Hammadi im „jazz-contemporain“- Stil über Die sieben Todsünden) - Klassiknostalgie aufgezwungen, Lodz dagegen schreit nach Aufbruch.

Tanz-Match zwischen Harangozó und Madia

So toll Madias Inszenierung aber ist, vom tänzerischen Vermögen her, mußte er sich aus finanziellen Gründen leider mit der B-Liga begnügen. Und wieder denken wir an seine unglaubliche Company aus Wiener Tagen, die um vieles persönlicher und expressiver tanzte. Besonders bei den klassischen Passagen im ersten Teil fällt der lediglich "bessere Standard" auf. - Nun denn, vielleicht hat Harangozó diesmal diesbezüglich ja die bessere Karte.- Wir werden sehen.

Doch Madia holt dennoch, wie immer, das Beste aus seinem Ensemble heraus: es ist extrem motiviert und tanzt sich im Modern Dance dann auch in überraschende Höhen, sodass man sich von den leidenschaftlichen Gefühlen mitreißen lassen kann. Persönliche Ausstrahlung verströmt dabei die junge "Prinzessin Aurora", Joanna Jablonska: auf sie wartet mit ihrer eleganten Grace-Kelly-Aura, Leichtfüßigkeit und schmalen Silhouette, sicherlich eine Prima-Ballerina-Zukunft. Nur muß sie dafür noch mehr von der Erotik in ihr investieren.

In der Inszenierung gewinnt Madia

Was Madias grotesk-witzigen Abend in hellem Bühnenlicht und weiß-ausgestellten Kostümen so spannend, originell und kurzweilig macht, ist die dem Stummfilm entlehnte Erzähltechnik: Auf Takt geschnittene Hinterglaszeichnungen liefern als Videoblöcke die Erklärungen zum Geschehen. Die fantasieanregenden Linienschwünge von Bühnenbildner Daniel Ioan Roman, verleihen dem Ganzen eine zusätzliche, tiefenpsychologische Dimension. Denn Aurora wird von der bösen, ungeladenen und deshalb erzürnten Fee, Carabosse zum hundertjährigen Schlaf unter einem Wolkentuch verflucht (tolle Akrobatikleistung der Direktorin der Company, Edyta Waslowska, die auf Springstelzen und ganz in Schwarz durch die effektvolle Kinderballett-Festgesellschaft stürzt). Aurora erliegt dem Fluch allerdings nicht nach einem Spindelstich, sondern durch Drogen.- Ein Jugendproblem, mit dem der Westen momentan noch stärker konfrontiert ist als der Osten. Und Madias feine Ironie dabei: Aurora nimmmt als 16-jähriges, "westlich"verwöhntes Luxusmarken-Girl "westliche" Designerdrogen. Deshalb muß sie dann nach den hundert Jahren auch heftig Charakterarbeit leisten, bevor sie sich die Liebe des Prinzen sichern kann. Und er sich im qualvollen Umwerben via Pas de Deux und Soli ihre ebenso.

L(i)eben statt Drogen

Wie schon bei Petipa sind auch Madias Choreografien eng mit Tschaikowskis Musik verwoben, alles fließt und entwickelt Spannung wie im Film. Das trifft sich mit der Affinität der Leute vorort, da sämtliche polnischen Regisseure - Polanski, Wajda, Kieslowski - Absolventen der Filmhochschule Lodz sind. Stehen jene Filmer nun für individuelle Wahrheiten, so findet auch Madia zu einer Erkenntnis, die er kurzerhand zu "seinem" dritten Akt erklärt: Darin deuten vermenschlichte Schachfiguren via charmant getanztem Schachspiel an, dass zum Leben auch der Kampf und das vermeintlich Böse gehören. Und so gerät am Ende der ganze Hofstaat - samt Aurora, dem Prinzen und der nun schwarz-weiss getupften (!) Carabosse erneut unter die Wolke, allerdings ist das jetzt die Wolke des L(i)ebens, mit all seinen Hochs und Tiefs, ganz ohne Ausgrenzung, und ohne Drogen ...

P.S.: Im Mai wird es in Lodz wieder eine abendfüllende Ballett-Neuproduktion von Madia geben. Wer kann, sollte hinfahren. Schon allein, da der Ort (á la "strange Hollywood-Western-Town", nur "östlich" gefärbt) das reinste Abenteuer ist ... Mit extremem Kontrast dazu, dem absolut modernen Ballett von Madia!
Trip-Gefühl garantiert! (e.o.)

Videolink zu Dornröschen-Ausschnitt auf YouTube


DAS URTEIL WIEN KÖNNTE SICH GUTE TÄNZER UND CHOREOGRAFEN LEISTEN - LODZ LEISTET SICH BEGABTE CHOREOGRAFEN (im Sinne von Qualität, nicht Gage ...)

Ballett-Gala in Wien * Mit dem Ballett der Wiener Staats- und Volksoper * Künstlerische Leitung: Gyula Harangozó * Ort: Volksoper Wien * Dirigent: Andreas Schüller * Termine: 21.+28.9., 20.10. * 19h

Spiaca Królewna (deutsch: Dornröschen) * Mit Edyta Waslowska, Joanna Jablonska * Von Giorgio Madia * Ort: Teatr Wielki w Lodzi * Termin: ab 6.10. * 19h