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Thursday, October 25, 2007

OPER: VALERY GERGIEV MIT "DER SPIELER" ALTKULTIG IM RUSSENFIEBER

Das ist ein russischer Dirigent, wie man sich einen russischen Dirigenten seit Prokofjews und Eisensteins Iwan der Schreckliche vorstellt: Valery Gergiev (Foto: © Clive Barda)


Das Theater an der Wien war offensichtlich so "stolz" auf die altmodische Inszenierung des Mariinsky Theaters, dass es die Fotos von Der Spieler superklein vergab bzw. zurück hielt (Foto: © Theater/Wien)


THEATER AN DER WIEN VALERY GERGIEV MIT DEM RUSSISCHEN MARIINSKY THEATER UND ORCHESTER IN WIEN ZU GAST - SIE SPIELTEN UNTER DER REGIE VON TEMUR TSCHCHEIDZE PROKOFJEWS DER SPIELER - ZWISCHEN KLISCHEE UND STUMMFILMKULT

Unlängst, im Theater an der Wien, konnte man erfahren, was den Wert des Klischees ausmacht. Dieses Klischee ist in Einzelfällen als Qualität zu verkaufen. Ganz besonders das russische Klischee, das selbstverständlich vom vorigen Jahrhundert herrühren muss. Mit dem Gastspiel des Mariinsky Theaters St. Petersburg Der Spieler nach der gleichnamigen Erzählung von Fjodor M. Dostojewski wird man ins dramatische Schauspielpathos überbordender Mimik und Gestik in depressiv-schwarzer Leidenschaftsoptik versetzt. Das erinnert automatisch an Sergej Eisensteins Stumm- und ersten Sprechfilme Alexander Newski (1938) und Iwan der Schreckliche (1944), die die heute konnotierte "kommunistisch-russische" Propaganda-Theatralität nicht zuletzt wegen Sergej Prokofjews Filmmusik erhielten. Dem gleichen Komponisten wie von der Oper Der Spieler. Da dieser nun auch noch das russische Ballett (etwa mit dem grandiosen Romeo und Julia) maßgeblich prägte, kommt man nicht umhin, weitere Querverbindungen zum derzeit in Österreichs Staatsoper residierenden, "russischen" Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper zu ziehen. - Zuletzt erlebte es mit Tschaikowskys Der Nussknacker, beim Versuch den Russenstil zu "modernisieren", seinen Tiefpunkt. - Insofern: Besser alles total russisch, in russischer Sprache, in hundert Jahre altem Russen-Klischee, als ein verworrenes Mischmasch, das Leute (Ballettdirektor Gyula Harangozo) produzieren, die in ihrem tiefen Inneren keinerlei Sinn für die Moderne haben. - Dann haben wir eben ganz offiziell Russisches Ballett in Wien - wird den österreichischen Staatsherren ja sicher entgegen kommen beim Geschäfte aushandeln, nicht?! Und den Russen in Wien wird´s auch gefallen, von denen es ganz viele zu geben scheint, denn Der Spieler sorgte auch am dritten Tag für ein bummvolles Theater an der Wien; es war - trotz katastrophaler österrreichischer Kritiken - "russisch" ausverkauft!

"Echte" Russen am Pult und auf der Bühne

Mit ein Grund für den "Hit-Faktor" mag Dirigent Valery Gergiev sein, der mit zerzaust schwarzem Haar, dämonischer Körperbehaarung, dunklen Glutaugen nicht nur äußerlich genau "dem Russen" entspricht, den sich der (Österreich)tourist in seinen Klischeeaugen erträumt, sondern auch im Dirigatstil, indem er bei ungestümer Artikulation und wildem Blick zum despotischen Helden in den sibirisch-kasachischen Ohnmachtsfantasien gelangweilter (österreichischer) Hausfrauen aufsteigt. Man/Frau kommt in diesem Fall ja sowieso nur wegen der Musik in die Oper. Die beginnt auch gleich mit einem gehörigen Wirbel, mit großem orgiastischem Gebläse, sie tanzt sich im schnellen Wechsel betrunken und wahnsinnig rhythmisch von Melancholie in blitzschnelle Raserei und endet doch wieder in undefinierbar-geheimnisvoller Lustigkeit, sodass ihr wahrer Gefühlsausdruck (ohne Dialog) nie festzumachen ist; sie reißt einfach von einer Unruhe zur anderen, stets doppeldeutig, in fantastisch-schwindeliger Fülle und erinnert wiederholt an die berühmte Musikstelle im Film Der weiße Hai (wenn der gefährliche Hai kommt).

Denn auf der gleich bleibenden, lediglich durch Rolos variierten, düsteren Bühne geht es um Schein und Scheinheiligkeit der gehobenen russischen Bourgeousie, die der "gefährlichen" Spielsucht verfallen ist und deshalb an nichts anderes denkt als "wie" an das Erbe und Geld der reichen Verwandtschaft zu kommen, genau genommen, der Großmutter (Ljubow Sokolowa - für unsere Verhältnisse "im Rollstuhl" und "im Hamlet-Make-up" und "in üppigem Mimenspiel" reif für den Bauernschwank; für russische Verhältnisse: Riesen-Applaus-würdig), die jede Falschheit verabscheut und prinzipiell jedem mißtraut. Der "Spieler", Alexej (Wladimir Galuzin - für unsere Verhältnisse mit zerrissen-rastlosem, vollem Timbre ein richtiges Ost-Mannsbild ohne lyrische Sensibilität, also fast ein "Iwan der Schreckliche"; für Russische: ein Riesen-Star), ist zunächst noch die Hoffnungsfigur, die für die Liebe sein gewonnenes Geld hergeben will. Doch nachdem selbst die Oma ihr Bares verspielt hat, ist auch Alexej dem Spieltrieb hoffnungslos erlegen. - Im dritten und vierten Akt gewinnen alle Figuren - mit der größeren Klarheit des Musikausdrucks - an Profil, die Liebesaufgabe des Helden zugunsten des Geldes bliebe ohne Libretto allerdings unerkannt. - Insgesamt ein spürbarer Routine-Akt des Ensembles, einschließlich des Dirigenten; aber wie gesagt, besser so, als modern-alt-vernudelt. e.o. / r.r.


DAS URTEIL EIN RUSSISCHES GASTSPIEL, DAS JEDE TOURISTISCHE ERWARTUNG ERFÜLLT - WENN MAN DIE WIENER IN WIEN ALS TOURISTEN BEZEICHNET. PROKOFJEW ALS OPER RUSSISCH ZU HÖREN UND ZU SEHEN, IST ENTWEDER ALTMODISCH ODER HISTORISCHER KULT Á LA SERGEJ EISENSTEIN.

Saturday, October 06, 2007

BALLETT: GYULA HARANGOZO´S "DER NUSSKNACKER" VOM EISERNEN VORHANG

Spiderman, Barbie und Roboter (Daniil Simkin) statt Puppe, Zinnsoldat und Bär - klingt gut, schaut aber in den zermanschten Farben der Eisernen-Vorhang-Zeit richtig grausig aus ...
Da kann Kirill Kourlaev als Drosselmeyer (hier neben Maria-Kind: Maria Tolstunova) noch sein Bestes geben ... bei dieser Choreografie-Regie hilft nichts mehr. (Fotos © Das Ballett/Wiener Staatsoper)


WIENER STAATSOPER IN SACHEN GESCHMACKLOSIGKEIT NICHT ZU TOPPEN: GYULA HARANGOZO MIT SEINEM KREATIVEN ERSTLING, DEM TSCHAIKOWSKY-KLASSIKER DER NUSSKNACKER - DR. WILD ÄRGERTE SICH DERMASSEN, DASS SEINE KRITIK INS ENGLISCHE RUTSCHTE (womit sich intimacy: art wiederum ab sofort sporadisch für internationale Leser öffnet). IN DIESEM SINNE: IRON CURTAIN CALL FOR HARANGOZO!

We expected with the beginning of the Harangozo-era (two years ago) a come back of old traditions in the Viennese ballet world. This was already something to bear, but now it even happened with a lack of quality and taste! The Nutcracker, considered worldwide a ticket office bonanza due to an established reputation as “the” Christmas time family performance, premiered last Friday, September 28th at the Staatsoper. It was the last and more tragic act of what many consider an intentional political decision to close the last Austrian classical ballet company. Gyula Harangozo´s choreography (after the old version of Wassili Wainonen) manages beyond expectations, to strip the show from the story, the fun, the lavish glamour, musicality, taste and ... dance. Bravo!

"First-class" ballet-dancers - non-logical, tasteless, embarrasing

The ballet begins (very slowly) with the Christmas party at Maria’s house where everyone is contemporarily dressed: men in suits, ladies in simple robes and pointed shoes. The "mother", the always elegant Dagmar Kronberger, wears a "virtiginous slit". After a projected amateur cartoon representing a stiff animated computer game about a royal couple molested by "Creepyman" (?!), Drosselmeyer brings Barbie, Roboter and Spiderman (falling loudly from a rope: András Lukács) to dance for the guest. The three figures replace the classical doll, tin soldier and bear of the traditional story in three solos without spark, fantasy and audience appreciation. After that the choreographer thinks that an intermission is deserved... Nobody knows why, because the second act just begins where the first one ended. Maria goes to bed and dreams of the just received Nutcracker-toy, coming alive and fighting, not the usual mouse, but clumsy dark creatures with huge leg warmers and obvious difficulty in movement called Creepies. Creepyman himself comes into the scene impressive, more for his hot pink sunglasses than for his old Russian-style body mimic. With the snow scene the show traditionally picks up whereas here the tragedy turns into comic. In her dream Maria dances as an adult (pretty classic-dancer: Aliya Tanikpaeva) with Nutcracker transformed into a prince as snow falls indoors. Outside the big glass windows, the white hills rest under a clear sky. Snowflake-girls move in a repetitive dance before they hop on one leg off the stage, off the rhythm, up, the steep white hills.

Time for a break - thank God

After this 20 minutes act, the disoriented audience has "earned" another 20 minutes intermission ... To those who courageously stay for the only third act of the Nutcracker-history, Harangozo offers a view of a grotto on a painted canvas. In front some untalented red bats - already shaky on their legs - are easily defeated by the couple on their way to the palace. The big picture opens with musical accent and bright light revealing the full cast in pose; the audience is stunned into embarrassing and shocked silence. Obviously the costume-designer has never heard of color-palettes where chosen colors are matching together. - In this show, there exists no visual concept - the widespread use of lycra reminds one of a review behind the iron curtain -, “divertissement” loses its etymological meaning, “virtuoso” is no longer an adjective but an unreached goal, “ensemble” means: every body on stage, not together nor in line! The stage lighting is sloppy with obvious mistakes and its concept misses every clue to the action. The set looks like (or is) a student essay with bits recycled productions from the remote past. The music direction of Sascha Goetzel is schizophrenic trying to follow fast and slow tempi of an illogical choreography in addition to full numbers repeated to double length (as if once wouldn´t be enough).

All in all: This dancing reminds of a bad provincial school performance where not even the (too) many entrances of kids seem to justify the poor quality. Andrian Fadeyev is a young talented Russian dancer who - with a stiff neck and personality - brings little to the prince-role. Only Kirill Kourlaev makes the best out of his Drosselmeyer-part adding verve to a sad evening. Dr. Wild


DAS URTEIL ARG: DIE TOURISTEN AN DEN STEHPLÄTZEN (AUS DEN USA UND ASIEN) VERLIESSEN DIE VORSTELLUNG IN DER ERSTEN PAUSE. ANDERE HARRTEN WEGEN DER TEUREN KARTEN AUS: IHRE BUHS FÜR GYULA HARANGOZO UND SEINE ERSTE CHOREOGRAFIE SCHAFFTEN IHNEN IMMERHIN ERLEICHTERUNG. ABER MEHR AUS PEINLICHKEIT ALS AUS SKANDALEMPFINDEN.

BALLETT Der Nussknacker * Von: Tschaikowski/Marius Petipa * Regie und Choreographie: Gyula Harangozó frei nach Wassili Wainonen * Bühne: Dorin Gal * Dirigat: Sascha Goetzel * Mit: Orchester der Wiener Staatsoper * Mit: Ballett der Wiener Saatsoper und Volksoper: Aliya Tanikpaeva, Andrian Fadeyev, Kirill Kourlaev, András Lukács, Dagmar Kronberger, u.a. + Studierende der Ballettschule der Wiener Staatsoper * Ort: Wiener Staatsoper * Zeit: 18., 28., 30.12.2007 + 3.,7., 9., 13., 15.1.2008

Sunday, September 24, 2006

BALLETT+LIVE-ORCHESTER: GYULA HARANGOZÓ SCHEITERT DIESMAL AN DER KLASSIK



Photos: Bilder versprechen manchmal mehr als sie halten:
Solistinnen-Zuwachs Olga Esina (oben), technisch zweifellos begabt, leider aber in nichtssagender Regie: in Paquita während der Wiener Ballett Gala. Eine geschmackvolle Wohltat dagegen: András Lukács und Dagmar Kronberger in Connection.
(© Das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper/Dimo Dimov)


BALLETT GALA IN DER VOLKSOPER DAS BALLETT DER WIENER STAATSOPER UND VOLKSOPER PRÄSENTIERT SEINE KLASSIK- SOLISTEN WIE IM ZIRKUS, AUF ERNST ZU NEHMENDE TANZKUNST LAESST NUR DIE MODERNE HOFFEN

"NACH PIMPI UND ROCCO SEHEN SIE JETZT JUMBO, IN UNSERER GROSSEN MANEGE-NUMMER!"
- Hatten wir uns Donnerstag-Abend in der Volksoper im Zirkus verirrt, oder waren das tatsächlich die Ballettstars der Wiener Staats- und Volksoper, die hier während der Ballett Gala in den klassischen Werken ihre Nummern rissen, als wären sie dressierte Tiere? Der Herr neben der Kritikerin, Alter Meister der Bildenden Kunst, meinte noch: "Ob sich ein Mann wohl gut fühlt, wenn er auf Befehl hüpft wie ein Blöder?"

Klassische Soli ohne Charakter

Der Vergleich war treffend, denn schließlich hätte es sich bei diesen Manege-Sprüngen um Ausschnitte literarischer Ballettklassiker handeln sollen. Schwanensee, Le Corsaire, Taras Bulba und Dornröschen erzählen für gewöhnlich "Geschichten menschlicher Charaktere", selbst bei den gezeigten Choreografie-Variationen von Lew Iwanov, Marius Petipa, Tschekrygin/Tschabukiani und Rostislaw Sacharow. Halbsolist Ivan Popov/Russ als Prinz Siegfried, Gastsolist Giuseppe Picone/I als Prinz Florimund, Gastsolist Rainer Krenstetter/A und Solotänzer Gregor Hatala/A als Sklavenmarktbesitzer, sowie Corps-ballerino Denys Cherevychko/Ukraine als ukrainischer Freiheitskämpfer waren von einander aber kaum zu unterscheiden, außer dass letzterer am dynamischsten seine Runden schlug. - Wo bleibt bitte die Rollengestaltung?

Bei den Frauen war es nicht anders, sie trippelten als Puppen ohne Innenleben und übten sich in schulmädchenhaften Pirouetten: Corps-Ballerina Elisabeth Golibina/Russ als Schwan, Solistin Irina Tsymbal/Russ als Dornröschen Aurora, die Solotänzerinnen Kathrin Czerny/A und Alina Tanikpaeva/Kasachstan als Sklavinnen Gulnare waren nur an Körperform und Gesicht zu erkennen. - Womit haben es diese großartigen Tänzerpersönlichkeiten verdient, in der standard-technischen Fertigkeit vorgeführt zu werden, als hätten sie sich bei der Abschlußprüfung ihrer Ausbildung zu beweisen, sodass möglicherweise dann sogar die ganz Jungen besser wirken?

Regie, Bühne und Musik aus der Rumpelkammer
Bei der verkümmerten Regie von Ballettdirektor Gyula Harangozó gab es auch in den Pas de Deux nicht den geringsten kommunikativen Funken zwischen den Tänzerpaaren. Und der als klassisches Highlight des Abends angekündigte "Grand Pas aus Paquita" von Petipa war so modrig, langweilig und zum Vergessen, dass wir nur berichten können: die neue, russische Solistin Olga Esina ist fähig, viele, auf einander folgende, "leere" Pirouetten zu drehen ... Ähnliches gilt für das als modernes Highlight angekündigte P.O.G.L.A.C.E, Uraufführung von Tunesier Raza Hammadi, das an ein einwöchiges Workshop-Resultat mit Jazztanz-Anfängern in russischem Disco-Licht erinnert. Bedenkt man, dass hier großteils das expressive Ensemble des ehemaligen Volksopernballettdirektors Giorgio Madia beteiligt ist, wird umso klarer, wie wichtig für ein Tänzerindividuum die passende Führung ist.

Kongenial, als hätte man zur Entrümpelung freigegebene kommunistische Requisiten wieder verwerten wollen, passte das Bühnenbild: Geschmacklose Riesenluster schwebten zuweilen über der schwammig ausgeleuchteten Bühne, farblich so monoton mit den Kostümen verwässert, dass die Tänzer noch nichts-sagender wirkten. Aber getoppt wurde all das dann doch noch vom Dirigat Andreas Schüllers, unter dessen Führung das Orchester der Volksoper zur tscheppernden Dorfkapelle mutierte - dafür kassierte er am Ende auch Buhs. (Gyula Harangozó kam erst gar nicht auf die Bühne ...)

Zwei kleine Hoffnungsschimmer


Aus diesem muffigen Grundtenor leuchtete Ungar András Lukács mit den zwei modernen Kurzstücken Whirling und Connection hervor. Ein gutes Auge für Dramatik in Licht, Bühne und Kostümen, hatte er schon in seinem letztjährigen Tabula Rasa bewiesen, diesmal war auch der Tanz ausgereift. Ballettinsider konnten ihm zwar wieder vorwerfen, mit seinem Faible für Minimalismus zu sehr an den 80-er Jahren zu hängen - wobei die Choreographie Whirling auch noch eins-zu-eins von Forsythe abgekupfert scheint - doch ist Lukács´ Arbeit in sich schlüssig und sauber, vom Inhalt über die Form zur Tänzerauswahl bis zum Tanz selbst:

Vom Film The Hours über die Schriftstellerin Virgina Woolf inspiriert, die sich mit Steinen beschwerend im Fluß ertränkte, ist Whirling (UA 2005) ein schwungvolles Duo der mit langem blondem Haar anziehenden Halbsolistin Karina Sarkissova/Russ und ihres ebenso attraktiven, dunklen Partners, des Halbsolisten Mihail Sosnovschi/Moldawien, in schwarzen, schenkelkurzen (Lack)anzügen. Als würden ihre soghaften Kreisbewegungen zur Filmmusik von Philip Glass (glücklicherweise vom Tonband!) sagen, "halten wir uns an einander fest, um uns die kurze Zeit, die uns bleibt, noch alle Kraft und alles Leben zu schenken, wozu wir fähig sind", wirbeln sie gezielt und in erdiger Harmonie, voll gegenseitigem Vertrauen und Zuversicht ihrem Schicksal entgegen, das sie alsdann zur endgültigen Aufgabe zwingt.

Durchtränken die Schönheit dieses Werks Erotik und Schmerz, so ist jene in Connection (UA 1999) nüchtern und kühl: Lukács tanzt selbst - ein überdurchschnittlich guter Tänzer - und nimmt sich Halbsolistin Dagmar Kronberger/A zur Partnerin. Die puristische Statik der Bewegungen mutet stark und entrückt an, dank der exakten Synchronität des Paares, die vom Kopf auszugehen scheint, wobei die Körper- obwohl Mann und Frau - gleich erscheinen. - Möglicherweise lebt dieses Werk nur vom simplen Trick der Monotonie basierend auf der musikalischen Wiederholungsmotivik Michael Nymans, aber immerhin: es wirkt!

Kleiner Daniil Simkin - große Entdeckung

Pantomimisches Talent und damit einzigartigen Charakter zeigte an diesem Abend nur der neue Halbsolist Daniil Simkin/Russ. In Chansonier Jacques Brels Les Bourgeoises und der Choreographie Ben van Cauwenberghs gab er einen rauchenden, sich über das Bürgertum lustig machenden Bohemien. Mit seinen leichten und doch sicheren Bewegungen ist ihm jedes klassische Werk zuzumuten. Nur hat er dabei wohl ein Handicap: Statur, Größe und zu starke, weibliche Konnotationen lassen ihn weder als "Prinz" noch vor einem Ensemble gut wirken. Doch an seinen Sprüngen, die wie selbstverständlich nebenbei in die zu erzählende Geschichte verwoben sind, sollte sich jeder Choreograf und Einstudierende ein Beispiel nehmen. (e.o.)
Für nähere Info zu Daniil Simkin, click --> www.intimacy-art.com; aKtuell/metanews/talents


DAS URTEIL
DAS SCHLECHTE KLASSIKPROGRAMM BEI SCHLECHTEM LIVE-ORCHESTER SIEHT NEBEN DEN AMBITIONIERTEN CHOREOGRAPHIEN VON ANDRÁS LUKÁCZ UND DER STARKEN PANTOMIME DANIIL SIMKINS MÜDE AUS. WAS SIE ALSO AN DIESEM ABEND BRAUCHEN WERDEN: VIEL GALGENHUMOR, WENIG STAUNEN, WENIG RÜHRUNG.

Ballett: Ballett Gala der Wiener Staatsoper und Volksoper * Mit: Daniil Simkin, András Lukács, Dagmar Kronberger, Karina Sarkissova * Künstlerische Leitung:
Gyula Harangozó * Dirigent: Andreas Schüller * Ort: Volksoper Wien * Zeit: 28.9., 20.10., 7./11.11.06, jeweils 19h

Friday, September 08, 2006

BALLETT: DORNRÖSCHEN - MATCH ZWISCHEN GIORGIO MADIA & GYULA HARANGOZÓ

Photo: "Aurora" Joanna Jablonska und "Prinz Desiré" Piotr Ratajewski im leidenschaftlichen Finale von Giorgio Madias fantasie- voll-ästhetischer Ballett-Groteske Dornröschen
(© Chwalislaw Zielinski / Lodz)


LIVE AUS LODZ/POLEN
GIORGIO MADIAS INNOVATIVES DORNRÖSCHEN, DAS IM MAI URAUFFÜHRUNG FEIERTE UND PROMPT MIT DEM BEGEHRTEN THEATERPREIS "DIE GOLDENE MASKE" AUSGEZEICHNET WURDE, STEHT IM OKTOBER WIEDER AUF DEM PROGRAMM.
IN WIEN SEHEN WIR DORNRÖSCHEN, FASSUNG "ALT".


Dornröschen in Lodz und im Schmalformat in Wien: Das zur russischen Ballettklassik mutierte Wien - gerade hat Ballettdirektor Gyula Harangozó wieder um drei neue russische Solisten aufgestockt - schielt im Oktober neidvoll nach Lodz. Denn die polnische Stadt hat etwas, das zuvor noch die Wiener Volksoper körperpräsent voran getrieben hatte: Modernes Ballett, choreografiert von Giorgio Madia.

Läuft also nun im Großen Theater Lodz - nach jenem in Warschau das zweitbedeutendste Haus des jungen EU-Landes - Madias radikal heutiges und dennoch ästhetisch bezauberndes Dornröschen, kann man sich sicher sein, ab September im Wiener Pas-de-Deux-Auszug während der Wiener-Staatsballett-Gala, keine Neu-Interpretation des Petipa-Stoffes vorgeführt zu bekommen. Fazit: In Wien wird uns - trotz kleiner Hoffnung im Patchwork-Abend durch P.O.G.L.A.C.E. (Uraufführung von Raza Hammadi im „jazz-contemporain“- Stil über Die sieben Todsünden) - Klassiknostalgie aufgezwungen, Lodz dagegen schreit nach Aufbruch.

Tanz-Match zwischen Harangozó und Madia

So toll Madias Inszenierung aber ist, vom tänzerischen Vermögen her, mußte er sich aus finanziellen Gründen leider mit der B-Liga begnügen. Und wieder denken wir an seine unglaubliche Company aus Wiener Tagen, die um vieles persönlicher und expressiver tanzte. Besonders bei den klassischen Passagen im ersten Teil fällt der lediglich "bessere Standard" auf. - Nun denn, vielleicht hat Harangozó diesmal diesbezüglich ja die bessere Karte.- Wir werden sehen.

Doch Madia holt dennoch, wie immer, das Beste aus seinem Ensemble heraus: es ist extrem motiviert und tanzt sich im Modern Dance dann auch in überraschende Höhen, sodass man sich von den leidenschaftlichen Gefühlen mitreißen lassen kann. Persönliche Ausstrahlung verströmt dabei die junge "Prinzessin Aurora", Joanna Jablonska: auf sie wartet mit ihrer eleganten Grace-Kelly-Aura, Leichtfüßigkeit und schmalen Silhouette, sicherlich eine Prima-Ballerina-Zukunft. Nur muß sie dafür noch mehr von der Erotik in ihr investieren.

In der Inszenierung gewinnt Madia

Was Madias grotesk-witzigen Abend in hellem Bühnenlicht und weiß-ausgestellten Kostümen so spannend, originell und kurzweilig macht, ist die dem Stummfilm entlehnte Erzähltechnik: Auf Takt geschnittene Hinterglaszeichnungen liefern als Videoblöcke die Erklärungen zum Geschehen. Die fantasieanregenden Linienschwünge von Bühnenbildner Daniel Ioan Roman, verleihen dem Ganzen eine zusätzliche, tiefenpsychologische Dimension. Denn Aurora wird von der bösen, ungeladenen und deshalb erzürnten Fee, Carabosse zum hundertjährigen Schlaf unter einem Wolkentuch verflucht (tolle Akrobatikleistung der Direktorin der Company, Edyta Waslowska, die auf Springstelzen und ganz in Schwarz durch die effektvolle Kinderballett-Festgesellschaft stürzt). Aurora erliegt dem Fluch allerdings nicht nach einem Spindelstich, sondern durch Drogen.- Ein Jugendproblem, mit dem der Westen momentan noch stärker konfrontiert ist als der Osten. Und Madias feine Ironie dabei: Aurora nimmmt als 16-jähriges, "westlich"verwöhntes Luxusmarken-Girl "westliche" Designerdrogen. Deshalb muß sie dann nach den hundert Jahren auch heftig Charakterarbeit leisten, bevor sie sich die Liebe des Prinzen sichern kann. Und er sich im qualvollen Umwerben via Pas de Deux und Soli ihre ebenso.

L(i)eben statt Drogen

Wie schon bei Petipa sind auch Madias Choreografien eng mit Tschaikowskis Musik verwoben, alles fließt und entwickelt Spannung wie im Film. Das trifft sich mit der Affinität der Leute vorort, da sämtliche polnischen Regisseure - Polanski, Wajda, Kieslowski - Absolventen der Filmhochschule Lodz sind. Stehen jene Filmer nun für individuelle Wahrheiten, so findet auch Madia zu einer Erkenntnis, die er kurzerhand zu "seinem" dritten Akt erklärt: Darin deuten vermenschlichte Schachfiguren via charmant getanztem Schachspiel an, dass zum Leben auch der Kampf und das vermeintlich Böse gehören. Und so gerät am Ende der ganze Hofstaat - samt Aurora, dem Prinzen und der nun schwarz-weiss getupften (!) Carabosse erneut unter die Wolke, allerdings ist das jetzt die Wolke des L(i)ebens, mit all seinen Hochs und Tiefs, ganz ohne Ausgrenzung, und ohne Drogen ...

P.S.: Im Mai wird es in Lodz wieder eine abendfüllende Ballett-Neuproduktion von Madia geben. Wer kann, sollte hinfahren. Schon allein, da der Ort (á la "strange Hollywood-Western-Town", nur "östlich" gefärbt) das reinste Abenteuer ist ... Mit extremem Kontrast dazu, dem absolut modernen Ballett von Madia!
Trip-Gefühl garantiert! (e.o.)

Videolink zu Dornröschen-Ausschnitt auf YouTube


DAS URTEIL WIEN KÖNNTE SICH GUTE TÄNZER UND CHOREOGRAFEN LEISTEN - LODZ LEISTET SICH BEGABTE CHOREOGRAFEN (im Sinne von Qualität, nicht Gage ...)

Ballett-Gala in Wien * Mit dem Ballett der Wiener Staats- und Volksoper * Künstlerische Leitung: Gyula Harangozó * Ort: Volksoper Wien * Dirigent: Andreas Schüller * Termine: 21.+28.9., 20.10. * 19h

Spiaca Królewna (deutsch: Dornröschen) * Mit Edyta Waslowska, Joanna Jablonska * Von Giorgio Madia * Ort: Teatr Wielki w Lodzi * Termin: ab 6.10. * 19h