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Friday, May 20, 2016

BALLETT: PATRICK DE BANAs STILBILDENDE PSYCHOSTUDIE „MARIE ANTOINETTE“


Marie Antoinette (Olga Esina) führt am französischen Hof lange ein Leben mit sich selbst und ihren Interessen ...


... sowie auch Ludwig XVI. (Jakob Feyferlik) zuerst nur Eifersucht und Widerstand gegenüber seiner Ehe-arrangierten Gattin Marie Antoinette empfindet. (Bei dieser  Besetzung kommt hinzu, dass Feyferlik viel kindischer wirkt als Esina, was deren gegenseitiges Liebesgefühl für den Zuseher zusätzlich spaltet.)
Marie Antoinette wird von Jugend an vom ominösen Schicksal (Andrey Kaydanovskiy) verfolgt, das es mit ihrem Schicksal der königlichen Entsprechung nicht gut meint, sodass sie innerlich beinahe daran zerbricht.

Dabei hadert sie mit ihrer österreichischen Kaiser-Mutter Maria Theresia (Rebecca Horner), die mit dem Berater, dem Namenlosen (Attila Bakó), Druck auf die französische Königin ausübt.
Nachdem Marie Antoinette im Gefängnis mit sich und allen Einflüssen der ihr nahen Lebensmenschen ins Reine kommt – wie hier mit ihrem Ehemann Ludwig XVI. -, wird sie am Schafott hingerichtet. (Fotos © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor)


VOLKSOPER – WIENER STAATSBALLETT
PATRICK DE BANA HAT JENES STÜCK, DAS 2010 FÜR EIN ZEITGENÖSSISCHES AUFATMEN UNTER DEN WIENER KRITIKERN SORGTE, NEU VERFASST. DADURCH WURDE DER ANFANG MITREISSENDER, DER SCHLUSS ERSCHEINT EIN WENIG LÄNGER. INSGESAMT BLEIBT MARIE ANTOINETTE EIN STILBILDENDES MODERNES WERK, MIT DEM MAN SICH UNTER DEN FÜHRENDEN BALLETTHÄUSERN NICHT (MEHR) VERSTECKEN MUSS.


Marie Antoinette vom deutsch-nigerianischen Choreografen Patrick de Bana Hamburger Herkunft war jenes moderne Antrittsstück in der Volksoper, mit dem Ballettdirektor Manuel Legris 2010 seinen Einstand hinsichtlich des zeitgenössischen Balletts in Wien feierte. Die Spannung diesbezüglich war unter Österreichs Kritikern groß. Denn man war nach der frustrierend altbackenen Harangozó-Ära auf alles gefasst, nachdem mit jeder Uraufführung-Premiere jegliche Hoffnung auf eine führend-stilprägende zeitgemäße Ballettsprache aufs Neue zerschlagen worden war. Legris selbst galt nun vor allem als perfekt eleganter „Balletthistoriker“, der „Altes“ so detailliert tanzt und einstudiert, als hätte man das gerade jetzt erst erfunden. Sozusagen in Pariser Manier, und nicht in ungarisch-russischer, was schon mal per se fortschrittlich westlicher ist.

Dramaturgische Mängel behoben


Und dann tatsächlich: De Banas Marie Antoinette ließ die österreichischen Ballettkenner auch in zeitgenössischer Hinsicht aufatmen: dieses Stück war in der Konzentration auf den tänzerischen Seelenausdruck ein echter künstlerischer „Hit“. Selbst wenn man bemängeln musste, dass „das Thema über die französisch-österreichische Königin ein Tourismusklischee ist, Wien als Monarchen-Stadt zu präsentieren“ und „der Wechselablauf zwischen Hofszenerien und Schicksals- und Schattenduett anfangs platt vorhersehbar“ (Elfi Oberhuber, Kritik in Falter 48/10) begann ...

Nun, diese beiden Mängel sind nach der Neufassung vom 6.5.2016 vergessen: da sich einerseits Österreich in Flüchtlingszeiten wie diesen mehr denn je fragen muss, welche „eigene“ historische Geschichte es eigentlich für sein kulturelles Selbstbewusstsein erhalten soll, um als würdige Identität im globalen Weltgeschehen aufzufallen. Und weil Patrick de Bana selbst die Korrektur vorgenommen hat, die den Beginn der Psychostudie jetzt so konzentriert spannend macht, wie weitgehend den Rest der Tanzerzählung. Außerdem hat er durch den zeitgenössischen Komponisten Carlos Pino-Quintana eine gegenwärtigere Techno-Anmutung zu den unheilbringenden Duetten von „Marie Antoinettes Schatten“ (fein: Solotänzerin Alice Firenze) und „Schicksal“ (ausdrucksvoll: Halbsolist Andrey Kaydanovskiy) gefunden als es zuvor die Auftragsmusik Luis Miguel Cobos suggerierte.

Konzentration auf die Psyche


Fesselnd an dem Werk ist allerdings nach wie vor jenes Detail, das sich auf mehreren Ebenen herausschält. Und zwar das Thema der Empathie, das je nach Einflussnahme oder Ablehnung der Charaktere hinsichtlich gegenseitigen Verständnisses sowohl durch die symbolischen Kostüme (von Agnès Letestu) als auch die Tanzsprache seine stetige Wandlung erfährt. Weshalb es auch so zu rühren vermag, den Zuschauer, der in die leidvolle Geschichte der Königin hineingezogen wird. Durch die geradezu zärtlich genaue Anwendung wie beispielsweise des Tanzvokabulars der Kontaktimprovisation, die in ihrer Aussagekraft schlechthin für Verantwortung und bedingungsloses Vertrauen steht, wenn sich Marie Antoinette nach anfänglicher Eigenbrötlerei doch von ihrem Mann Ludwig XVI. führen lässt, den sie ja auf Befehl ihrer Mutter aus Staatsbeziehungsgründen heiraten musste: auf Befehl der österreichischen Kaiserin Maria Theresia (modern-expressivste und außergewöhnlichste Erscheinung des Abends: Halbsolistin Rebecca Horner im ungemein erweiterten Rollendebut nach der gediegenen Dagmar Kronberger 2010).

Besetzung: Chance für junge Tänzer


Konkret geht es also um die Seelenentwicklung der Marie Antoinette (wie immer schön anzusehen: die perfekte und für das Klassische ebenso wie für das Moderne geeignete Erste Solotänzerin Olga Esina), die schon als junges, verträumtes Mädchen im hellblauen kurzen Reifröckchen-Kleid am Wiener Hof deplatziert wirkt, wo alle schwarz-weiß tragen, allen voran Mutter Maria Theresia im knöchellangen schwarzen Samt. Schon hier sind die ominösen schwarzen Gestalten da, Marie Antoinettes schattiges Alter Ego und das Schicksal, die just in jener Zeit, wo die französische Revolution zu rumoren beginnt, für Monarchen nichts Gutes bedeuten. Das drückt deren radikale, ruckartige Tanzsprache aus, wo plötzlich angehaltene Zeitlupen-Bewegungen auf prinzipieller Neoklassizismus- und Modern-Dance-Basis eine disharmonische Zukunft voraussagen. Noch vor ihrem fünfzehnten Geburtstag 1770 wird die Prinzessin mit dem um ein Jahr älteren französischen Thronfolger Ludwig XVI. vermählt. 



In Versailles Spiegellandschaft bekommt Marie Antoinette ein weißes Spitzen-Tutu mit Zacken-Saum verpasst, während nun der junge König im Frack die „blauäugige“ Farbe von Marie Antoinettes Wiener Outfit und die meiste Zeit auch nur die kurze hellblaue Unterhose unter dem Gilet trägt, sodass er wesentlich unreifer, trotziger - wenn nicht sogar lächerlich - wirkt als sie. Bekräftigt wird dieser Eindruck noch wegen der Verkörperung durch den blutjungen Corps-de-Ballet-Tänzer Jakob Feyferlik, der als gebürtiger Österreicher eine Tänzer-Hoffnung sein mag, jedoch an die mystisch-aristokratische, unverstandene Ausstrahlung Roman Laziks nicht heran kommt, insbesondere in dieser Rolle und im Duett mit Esina. (Der Erste Solotänzer Lazik war 2010 Ludwig XVI., den er wohl am stärksten in seiner Laufbahn meisterte und tritt jetzt alternierend auf; Feyferlik wird im Gegenzug auch mit der jungen Österreicherin, Halbsolistin Natascha Mair, kombiniert, was besser harmonieren sollte.)

Wer beeinflusst wen?




Umgeben sind die Eheleute von einer dekadent schwebenden französischen Aristokratie in luftig-leichten modischen Gewändern von türkis, grün, lila und rot.  Schnell wird klar, dass die Beiden die erste Zeit nicht allzu viel miteinander anfangen können: sie flirtet (tanzt) mit dem schwedischen Diplomaten Axel von Fersen (Rollendebut vom passablen Leonardo Basilio, Corps de Ballet), er umgibt sich mit seiner jüngsten Schwester, Madame Elisabeth (unaufgeregt routiniert: Erste Solotänzerin Ketevan Papava). – Deren harmonische Duette stehen für ein echtes zwischenmenschliches Verständnis, während Ludwig Marie Antoinette vorwurfsvoll und eifersüchtig begegnet, und Marie Antoinette Ludwigs Wohlwollen sucht, aber nicht erhält. Was Elisabeth und Marie Antoinette wiederum verbindet, sind deren Spitzenschuhe (ein neues Detail der Neufassung), wovon sie sich von der übrigen Gesellschaft sowohl in elitär künstlerischer, als auch in klassenkämpferischer Hinsicht unterscheiden. 



Im Zuge der Zeit vermag es Marie Antoinette die französische Hofgesellschaft so weit zu beeinflussen, dass jetzt auch jene die weißen, leichten Kleider der Königin trägt. Gleichzeitig steht das aber auch für das „durchsichtig werden“ der Aristokratie, die zerbricht, während Ludwig an der Bühnenkante sitzt und traurig ins Publikum blickt. Neben Schicksal und Schatten sucht Marie Antoinette der Geist ihrer inzwischen verstorbenen Mutter Maria Theresia heim, sowie deren Vertrauter „Der Namenlose“ (neu und gut: Attila Bakó, Corps de Ballet).  Die Ambivalenz von einem von ihnen ausgehenden Ruf nach Verantwortung und Schuldzuweisung und dem gleichzeitig wachsenden Verständnis und Mitgefühl gegenüber Marie Antoinette ist die sensibel transportierte Botschaft, die sich letztlich in Marie Antoinettes Innerem abspielt. Schließlich kommt es zu einem Versöhnungstrio zwischen Mutters Geist, Tochter und Schwiegersohn. – Allerdings zu spät: Zettel der Revolution fliegen vom Himmel, und es bleibt nur die Flucht.

Alle gegen einen und „alle“ regieren die kunstarme Welt




Die revolutionären Bürger, die in der Folge die Regierung übernehmen, erweisen sich als schicke schwarze Anzug-Gesellschaft von heute, die nicht davor zurückscheut, mit äußerster Brutalität aller gegen einen (Ludwig XVI.) einzuschlagen. Das Schicksal trägt jetzt einen blutroten Mantel, während Gefängnispfeiler von der Decke herab ragen. Auf zwei gläsernen Stühlen verbringt Marie Antoinette ihre letzte Zeit der Introspektion mit Schatten, Mutter, Elisabeth, Axel von Fersen, Schicksal – und Ludwig, mit dem sie am Ende doch eine sehr innige Liebe verbindet. Dass er bereits am Schafott hingerichtet wurde, wird nicht gezeigt. Bevor nun aber Gleiches Marie Antoinette blüht, zieht sie ihre Spitzenschuhe aus, was denn wohl neben dem Ende der Monarchie auch jenem der künstlerisch äußerst produktiven Ära des Rokoko gleich kommt.  e.o.

DAS URTEIL PATRICK DE BANA ZEIGT, DASS DIE PSYCHE EINES DER AUFREGENDSTEN THEMEN DES MENSCHEN IST. ER SAGT DAS IN EINEM THEATRALEN GESAMTKUNSTWERK MIT MODERNER TANZSPRACHE, DIE ZUGLEICH SCHÖN UND SPANNEND IST.
– IM CHOREOGRAFISCHEN NIVEAU EINE WÜRDIGE NACHFOLGE VON GIORGIO MADIA (2003-2005), DER VIEL ZU FRÜH GEHEN MUSSTE, UND EIN MEILENSTEIN NACH GYULA HARANGOZÓ (2005-2010).



BALLETT Marie Antoinette * Choreographie und Inszenierung: Patrick de Bana * Dramaturgische Vorlage: Jaime Millás * Musik: Georg Philipp Telemann, Antonio Vivaldi, Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Christian Bach, Jean-Philippe Rameau, Jean-Féry Rebel und eine Auftragskomposition von Carlos Pino-Quintana * Bühnenbild: Marcelo Pacheco, Alberto Esteban/Area Espacios Efimeros * Kostüme: Agnes Letestu * Licht: James Angot * Marie Antoinette: Olga Esina / Natascha Mair  / Maria Yakovleva * Ludwig XVI.: Jakob Feyferlik  / Vladimir Shishov / Roman Lazik * Madame Elisabeth: Ketevan Papava / Nina Tonoli / Oxana Kiyanenko * Das Schicksal: Andrey Kaydanovskiy / Francesco Costa * Schatten der Marie Antoinette: Alice Firenze / Kiyoka Hashimoto / Nikisha Fogo * Axel von Fersen: Leonardo Basílio / Kamil Pavelka / Alexandru Tcacenco * Maria Theresia: Rebecca Horner / Laura Nistor / Erika Kováčová * Der Namenlose: Attila Bakó / James Stephens * Corps de Ballet Wiener Staatsballett * Ort: Wiener Volksoper * Zeit: Wiederaufnahme: Freitag, 6., 9., 17., 23. Mai, 16., 21., 27. Juni 2016, 19h

Saturday, October 06, 2007

BALLETT: GYULA HARANGOZO´S "DER NUSSKNACKER" VOM EISERNEN VORHANG

Spiderman, Barbie und Roboter (Daniil Simkin) statt Puppe, Zinnsoldat und Bär - klingt gut, schaut aber in den zermanschten Farben der Eisernen-Vorhang-Zeit richtig grausig aus ...
Da kann Kirill Kourlaev als Drosselmeyer (hier neben Maria-Kind: Maria Tolstunova) noch sein Bestes geben ... bei dieser Choreografie-Regie hilft nichts mehr. (Fotos © Das Ballett/Wiener Staatsoper)


WIENER STAATSOPER IN SACHEN GESCHMACKLOSIGKEIT NICHT ZU TOPPEN: GYULA HARANGOZO MIT SEINEM KREATIVEN ERSTLING, DEM TSCHAIKOWSKY-KLASSIKER DER NUSSKNACKER - DR. WILD ÄRGERTE SICH DERMASSEN, DASS SEINE KRITIK INS ENGLISCHE RUTSCHTE (womit sich intimacy: art wiederum ab sofort sporadisch für internationale Leser öffnet). IN DIESEM SINNE: IRON CURTAIN CALL FOR HARANGOZO!

We expected with the beginning of the Harangozo-era (two years ago) a come back of old traditions in the Viennese ballet world. This was already something to bear, but now it even happened with a lack of quality and taste! The Nutcracker, considered worldwide a ticket office bonanza due to an established reputation as “the” Christmas time family performance, premiered last Friday, September 28th at the Staatsoper. It was the last and more tragic act of what many consider an intentional political decision to close the last Austrian classical ballet company. Gyula Harangozo´s choreography (after the old version of Wassili Wainonen) manages beyond expectations, to strip the show from the story, the fun, the lavish glamour, musicality, taste and ... dance. Bravo!

"First-class" ballet-dancers - non-logical, tasteless, embarrasing

The ballet begins (very slowly) with the Christmas party at Maria’s house where everyone is contemporarily dressed: men in suits, ladies in simple robes and pointed shoes. The "mother", the always elegant Dagmar Kronberger, wears a "virtiginous slit". After a projected amateur cartoon representing a stiff animated computer game about a royal couple molested by "Creepyman" (?!), Drosselmeyer brings Barbie, Roboter and Spiderman (falling loudly from a rope: András Lukács) to dance for the guest. The three figures replace the classical doll, tin soldier and bear of the traditional story in three solos without spark, fantasy and audience appreciation. After that the choreographer thinks that an intermission is deserved... Nobody knows why, because the second act just begins where the first one ended. Maria goes to bed and dreams of the just received Nutcracker-toy, coming alive and fighting, not the usual mouse, but clumsy dark creatures with huge leg warmers and obvious difficulty in movement called Creepies. Creepyman himself comes into the scene impressive, more for his hot pink sunglasses than for his old Russian-style body mimic. With the snow scene the show traditionally picks up whereas here the tragedy turns into comic. In her dream Maria dances as an adult (pretty classic-dancer: Aliya Tanikpaeva) with Nutcracker transformed into a prince as snow falls indoors. Outside the big glass windows, the white hills rest under a clear sky. Snowflake-girls move in a repetitive dance before they hop on one leg off the stage, off the rhythm, up, the steep white hills.

Time for a break - thank God

After this 20 minutes act, the disoriented audience has "earned" another 20 minutes intermission ... To those who courageously stay for the only third act of the Nutcracker-history, Harangozo offers a view of a grotto on a painted canvas. In front some untalented red bats - already shaky on their legs - are easily defeated by the couple on their way to the palace. The big picture opens with musical accent and bright light revealing the full cast in pose; the audience is stunned into embarrassing and shocked silence. Obviously the costume-designer has never heard of color-palettes where chosen colors are matching together. - In this show, there exists no visual concept - the widespread use of lycra reminds one of a review behind the iron curtain -, “divertissement” loses its etymological meaning, “virtuoso” is no longer an adjective but an unreached goal, “ensemble” means: every body on stage, not together nor in line! The stage lighting is sloppy with obvious mistakes and its concept misses every clue to the action. The set looks like (or is) a student essay with bits recycled productions from the remote past. The music direction of Sascha Goetzel is schizophrenic trying to follow fast and slow tempi of an illogical choreography in addition to full numbers repeated to double length (as if once wouldn´t be enough).

All in all: This dancing reminds of a bad provincial school performance where not even the (too) many entrances of kids seem to justify the poor quality. Andrian Fadeyev is a young talented Russian dancer who - with a stiff neck and personality - brings little to the prince-role. Only Kirill Kourlaev makes the best out of his Drosselmeyer-part adding verve to a sad evening. Dr. Wild


DAS URTEIL ARG: DIE TOURISTEN AN DEN STEHPLÄTZEN (AUS DEN USA UND ASIEN) VERLIESSEN DIE VORSTELLUNG IN DER ERSTEN PAUSE. ANDERE HARRTEN WEGEN DER TEUREN KARTEN AUS: IHRE BUHS FÜR GYULA HARANGOZO UND SEINE ERSTE CHOREOGRAFIE SCHAFFTEN IHNEN IMMERHIN ERLEICHTERUNG. ABER MEHR AUS PEINLICHKEIT ALS AUS SKANDALEMPFINDEN.

BALLETT Der Nussknacker * Von: Tschaikowski/Marius Petipa * Regie und Choreographie: Gyula Harangozó frei nach Wassili Wainonen * Bühne: Dorin Gal * Dirigat: Sascha Goetzel * Mit: Orchester der Wiener Staatsoper * Mit: Ballett der Wiener Saatsoper und Volksoper: Aliya Tanikpaeva, Andrian Fadeyev, Kirill Kourlaev, András Lukács, Dagmar Kronberger, u.a. + Studierende der Ballettschule der Wiener Staatsoper * Ort: Wiener Staatsoper * Zeit: 18., 28., 30.12.2007 + 3.,7., 9., 13., 15.1.2008

Sunday, September 24, 2006

BALLETT+LIVE-ORCHESTER: GYULA HARANGOZÓ SCHEITERT DIESMAL AN DER KLASSIK



Photos: Bilder versprechen manchmal mehr als sie halten:
Solistinnen-Zuwachs Olga Esina (oben), technisch zweifellos begabt, leider aber in nichtssagender Regie: in Paquita während der Wiener Ballett Gala. Eine geschmackvolle Wohltat dagegen: András Lukács und Dagmar Kronberger in Connection.
(© Das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper/Dimo Dimov)


BALLETT GALA IN DER VOLKSOPER DAS BALLETT DER WIENER STAATSOPER UND VOLKSOPER PRÄSENTIERT SEINE KLASSIK- SOLISTEN WIE IM ZIRKUS, AUF ERNST ZU NEHMENDE TANZKUNST LAESST NUR DIE MODERNE HOFFEN

"NACH PIMPI UND ROCCO SEHEN SIE JETZT JUMBO, IN UNSERER GROSSEN MANEGE-NUMMER!"
- Hatten wir uns Donnerstag-Abend in der Volksoper im Zirkus verirrt, oder waren das tatsächlich die Ballettstars der Wiener Staats- und Volksoper, die hier während der Ballett Gala in den klassischen Werken ihre Nummern rissen, als wären sie dressierte Tiere? Der Herr neben der Kritikerin, Alter Meister der Bildenden Kunst, meinte noch: "Ob sich ein Mann wohl gut fühlt, wenn er auf Befehl hüpft wie ein Blöder?"

Klassische Soli ohne Charakter

Der Vergleich war treffend, denn schließlich hätte es sich bei diesen Manege-Sprüngen um Ausschnitte literarischer Ballettklassiker handeln sollen. Schwanensee, Le Corsaire, Taras Bulba und Dornröschen erzählen für gewöhnlich "Geschichten menschlicher Charaktere", selbst bei den gezeigten Choreografie-Variationen von Lew Iwanov, Marius Petipa, Tschekrygin/Tschabukiani und Rostislaw Sacharow. Halbsolist Ivan Popov/Russ als Prinz Siegfried, Gastsolist Giuseppe Picone/I als Prinz Florimund, Gastsolist Rainer Krenstetter/A und Solotänzer Gregor Hatala/A als Sklavenmarktbesitzer, sowie Corps-ballerino Denys Cherevychko/Ukraine als ukrainischer Freiheitskämpfer waren von einander aber kaum zu unterscheiden, außer dass letzterer am dynamischsten seine Runden schlug. - Wo bleibt bitte die Rollengestaltung?

Bei den Frauen war es nicht anders, sie trippelten als Puppen ohne Innenleben und übten sich in schulmädchenhaften Pirouetten: Corps-Ballerina Elisabeth Golibina/Russ als Schwan, Solistin Irina Tsymbal/Russ als Dornröschen Aurora, die Solotänzerinnen Kathrin Czerny/A und Alina Tanikpaeva/Kasachstan als Sklavinnen Gulnare waren nur an Körperform und Gesicht zu erkennen. - Womit haben es diese großartigen Tänzerpersönlichkeiten verdient, in der standard-technischen Fertigkeit vorgeführt zu werden, als hätten sie sich bei der Abschlußprüfung ihrer Ausbildung zu beweisen, sodass möglicherweise dann sogar die ganz Jungen besser wirken?

Regie, Bühne und Musik aus der Rumpelkammer
Bei der verkümmerten Regie von Ballettdirektor Gyula Harangozó gab es auch in den Pas de Deux nicht den geringsten kommunikativen Funken zwischen den Tänzerpaaren. Und der als klassisches Highlight des Abends angekündigte "Grand Pas aus Paquita" von Petipa war so modrig, langweilig und zum Vergessen, dass wir nur berichten können: die neue, russische Solistin Olga Esina ist fähig, viele, auf einander folgende, "leere" Pirouetten zu drehen ... Ähnliches gilt für das als modernes Highlight angekündigte P.O.G.L.A.C.E, Uraufführung von Tunesier Raza Hammadi, das an ein einwöchiges Workshop-Resultat mit Jazztanz-Anfängern in russischem Disco-Licht erinnert. Bedenkt man, dass hier großteils das expressive Ensemble des ehemaligen Volksopernballettdirektors Giorgio Madia beteiligt ist, wird umso klarer, wie wichtig für ein Tänzerindividuum die passende Führung ist.

Kongenial, als hätte man zur Entrümpelung freigegebene kommunistische Requisiten wieder verwerten wollen, passte das Bühnenbild: Geschmacklose Riesenluster schwebten zuweilen über der schwammig ausgeleuchteten Bühne, farblich so monoton mit den Kostümen verwässert, dass die Tänzer noch nichts-sagender wirkten. Aber getoppt wurde all das dann doch noch vom Dirigat Andreas Schüllers, unter dessen Führung das Orchester der Volksoper zur tscheppernden Dorfkapelle mutierte - dafür kassierte er am Ende auch Buhs. (Gyula Harangozó kam erst gar nicht auf die Bühne ...)

Zwei kleine Hoffnungsschimmer


Aus diesem muffigen Grundtenor leuchtete Ungar András Lukács mit den zwei modernen Kurzstücken Whirling und Connection hervor. Ein gutes Auge für Dramatik in Licht, Bühne und Kostümen, hatte er schon in seinem letztjährigen Tabula Rasa bewiesen, diesmal war auch der Tanz ausgereift. Ballettinsider konnten ihm zwar wieder vorwerfen, mit seinem Faible für Minimalismus zu sehr an den 80-er Jahren zu hängen - wobei die Choreographie Whirling auch noch eins-zu-eins von Forsythe abgekupfert scheint - doch ist Lukács´ Arbeit in sich schlüssig und sauber, vom Inhalt über die Form zur Tänzerauswahl bis zum Tanz selbst:

Vom Film The Hours über die Schriftstellerin Virgina Woolf inspiriert, die sich mit Steinen beschwerend im Fluß ertränkte, ist Whirling (UA 2005) ein schwungvolles Duo der mit langem blondem Haar anziehenden Halbsolistin Karina Sarkissova/Russ und ihres ebenso attraktiven, dunklen Partners, des Halbsolisten Mihail Sosnovschi/Moldawien, in schwarzen, schenkelkurzen (Lack)anzügen. Als würden ihre soghaften Kreisbewegungen zur Filmmusik von Philip Glass (glücklicherweise vom Tonband!) sagen, "halten wir uns an einander fest, um uns die kurze Zeit, die uns bleibt, noch alle Kraft und alles Leben zu schenken, wozu wir fähig sind", wirbeln sie gezielt und in erdiger Harmonie, voll gegenseitigem Vertrauen und Zuversicht ihrem Schicksal entgegen, das sie alsdann zur endgültigen Aufgabe zwingt.

Durchtränken die Schönheit dieses Werks Erotik und Schmerz, so ist jene in Connection (UA 1999) nüchtern und kühl: Lukács tanzt selbst - ein überdurchschnittlich guter Tänzer - und nimmt sich Halbsolistin Dagmar Kronberger/A zur Partnerin. Die puristische Statik der Bewegungen mutet stark und entrückt an, dank der exakten Synchronität des Paares, die vom Kopf auszugehen scheint, wobei die Körper- obwohl Mann und Frau - gleich erscheinen. - Möglicherweise lebt dieses Werk nur vom simplen Trick der Monotonie basierend auf der musikalischen Wiederholungsmotivik Michael Nymans, aber immerhin: es wirkt!

Kleiner Daniil Simkin - große Entdeckung

Pantomimisches Talent und damit einzigartigen Charakter zeigte an diesem Abend nur der neue Halbsolist Daniil Simkin/Russ. In Chansonier Jacques Brels Les Bourgeoises und der Choreographie Ben van Cauwenberghs gab er einen rauchenden, sich über das Bürgertum lustig machenden Bohemien. Mit seinen leichten und doch sicheren Bewegungen ist ihm jedes klassische Werk zuzumuten. Nur hat er dabei wohl ein Handicap: Statur, Größe und zu starke, weibliche Konnotationen lassen ihn weder als "Prinz" noch vor einem Ensemble gut wirken. Doch an seinen Sprüngen, die wie selbstverständlich nebenbei in die zu erzählende Geschichte verwoben sind, sollte sich jeder Choreograf und Einstudierende ein Beispiel nehmen. (e.o.)
Für nähere Info zu Daniil Simkin, click --> www.intimacy-art.com; aKtuell/metanews/talents


DAS URTEIL
DAS SCHLECHTE KLASSIKPROGRAMM BEI SCHLECHTEM LIVE-ORCHESTER SIEHT NEBEN DEN AMBITIONIERTEN CHOREOGRAPHIEN VON ANDRÁS LUKÁCZ UND DER STARKEN PANTOMIME DANIIL SIMKINS MÜDE AUS. WAS SIE ALSO AN DIESEM ABEND BRAUCHEN WERDEN: VIEL GALGENHUMOR, WENIG STAUNEN, WENIG RÜHRUNG.

Ballett: Ballett Gala der Wiener Staatsoper und Volksoper * Mit: Daniil Simkin, András Lukács, Dagmar Kronberger, Karina Sarkissova * Künstlerische Leitung:
Gyula Harangozó * Dirigent: Andreas Schüller * Ort: Volksoper Wien * Zeit: 28.9., 20.10., 7./11.11.06, jeweils 19h