Monday, December 10, 2007

PERFORMANCE: MEG STUART UND PHILIPP GEHMACHER IN "MAYBE FOREVER"-ROMANTIK

Im poetischen Liebesabschied: Meg Stuart und Philipp Gehmacher finden eine sperrige, doch innerlich gelebte Ausdrucksweise...













... sodass ihr weiblicher und sein männlicher Körper (ausnahmsweise bei den Zeitgenossen auch einmal) sinnlich wirkt. (Foto © Dieter Hartwig)


TANZQUARTIER MEG STUART UND PHILIPP GEHMACHER LERNEN GLAUBWÜRDIG ZU FÜHLEN, UND DAS AUCH NOCH AUF SPANNEND ABARTIGE UND NEUE WEISE - IN IHREM GEMEINSAMEN PROJEKT MAYBE FOREVER

Das ist ja jetzt mal etwas ganz Neues. Zeitgenössische Tänzer, die tatsächlich in ihrem Körperinneren etwas fühlen und sogar imstande sind, das auszudrücken. Der Romantische Konzeptualismus erobert demnach nicht nur das Ausstellungswesen der Bildenden Kunst, sondern auch die Performance-Szene. Das ist schön, das ist wichtig, das tangiert das Publikum. Ganz besonders wenn es um das Thema Verlust und Abwesenheit geht. So spannend war schon lange nichts mehr im Tanzquartier. Die eigenartige Künstlerkombination aus der psychoschüttelnden Amerikanerin mit Company Damaged Goods in Belgien, Meg Stuart, mit dem österreichischen Minimalgestikulierer Philipp Gehmacher setzt mit diesem Duo einen neuen Maßstab, nicht nur als Tanzkunst an sich, sondern auch für ihre jeweils individuellen Tänzerprofile. Es ist erstaunlich, wie gut die Beiden harmonieren, wie spannend sie sich ergänzen, wie bereichernd sie einander weiter bringen.

Neue Erzählweise im zeitgenössischen Tanz: das Liebesdrama

Neu ist auch der Weg, das Thema zu transportieren. Im Grunde verläuft er über die Erzählung eines klassischen Liebesdramas. Durch die Abstraktion in der Form, wo neue Zeichen und Gesten für etwas Bekanntes stehen, bekommt jenes aber eine geheimnisvolle Dimension. Verstärkt wird sie durch die Erzählweise, die nicht chronologisch ist, sondern in doppeldeutigen Abschnitten aus realen bzw. scheinbaren Rückblenden, Introspektionen, Monologen erfolgt; und doch ist sie insgesamt wieder linear. Das Bühnenbild von Janina Audick wirft ein weiteres Rätsel auf. Es zeigt eine halbrunde Bühne mit seitlichen Vorhängen und Kinoleinwand in der Mitte - was für literarisch erzählte Geschichten steht, für das Theater, und damit für das eigene Theater, das sich jeder Mensch aus seiner eigenen Liebesgeschichte macht. Poetisch wird irgendwann das Bild einer Pusteblume eingeblendet, die den Raum mit wehmütiger Vergänglichkeit füllt.

Poesie trotz Konzeptualismus und Trauer

Poesie dominiert daher, obwohl Meg Stuart, so cool wie sie ist, mit tiefer und fester Stimme ins Mikrofon spricht, sie habe eine Postkarte geschrieben, worin sie gesagt habe, sie könne nicht ohne "ihn" leben. - "Ich nehme es zurück." Sie meinte, es sei heute unnötig, romantisch zu sein. - "Ich nehme es zurück." - Ihre Arme gleiten angewinkelt zur Seite. - Sie wollte ihn (sein), obwohl er gar nicht ihr Typ war. - "Ich nehme es zurück." - Ihre Arme rucken parallel nach oben. - Sie hätte Angst vor der Nähe gehabt. - "Ich nehme alles zurück." Die Poesie dominiert, weil bereits zuvor ihre aneinander geschmiegten Körper, jener des Mannes, jener der Frau, mit wiederkehrender Abweisung kämpften, Körper, deren Inneres expressive und doch subtile Emotion fühlten, und die ein kalter Wind und Glockenklänge in Dröhnsound umwehte, als sie endgültig auseinander gegangen waren. Ausgeläutet hatte ihre Beziehung der sehr professionell-stimmige, fast duchgehend auf der Bühne präsente Brüsseler Singer-Songwriter mit Elektrogitarrenspiel Niko Hafkenscheid. Er sang: "It may be forever." - So auch der Titel der Performance, Maybe Forever, selbst wenn dessen Sinn nur noch als Utopie für die Zukunft in anderer Paarkonstellation gelten kann, denn tatsächlich haben sich diese Liebenden ja verloren.

Zwischen Erinnerung und Zukunft

Obwohl sie momentweise als Körper wieder zusammen kommen, scheint das doch in Abwesenheit des Anderen statt zu finden, als Bild ihrer Sehnsucht nach ihm, seiner nach ihr, während sie sich gegenseitig langsam, jeder für sich allein, von einander lösen. Die sperrigen Haltungen stehen für den psychischen Kampf ihrer Beziehungsunmöglichkeit. Zielen ihre beiden Arme synchron nach oben, steht das aber doch wieder für deren insgeheim erhoffte Möglichkeit, selbst jetzt noch, wo es aus ist. In den Momenten, wo die Gesten zum Takt der Gitarre harmonieren, scheint auch alles zuversichtlich, trotz des offensichtlichen Schmerzes. Auch wenn der Sänger einen Walzer ankündigt, der dann keiner ist. Und dann zieht Meg ihre Schuhe aus, läßt sie als Erinnerung für "ihn" (Philipp) auf der Bühne zurück, während sie hinter den Vorhang geht, aus seinem Leben geht, aus ihrer beider Liebesgeschichte.

Die Jahreszeiten ziehen vorbei, und sie kommt wieder zurück, denn manchmal holt sie beide die frühere Abhängigkeit ein. Sie versuchen gemeinsam zu fliegen, mit schwachen, eingeknickten Flügelarmen. Zwischen Todesgedanken und lautstarker Eigenmotivation eines erzwungenen Ausrufs von "next, next, next...". Und so verblaßt das "Zurück" irgendwann endgültig gegenüber dem "Nach Vorne". "Du hast mir den Beginn meiner Geschichte gegeben", sagt Meg, und sie findet im roten Glitterkleid ihre neue, echte, passende Liebe (im Singer-Songwriter), und "Ich bin bereit ....", sagt Philipp im schwarzen Anzug, während seine Finger eine Geste des "... zu gehen" zeichnen. e.o.


DAS URTEIL DAS IST ROMANTISCHER KONZEPTTANZ MIT NACHWIRKUNG - ENDLICH ZWEI ZEITGENOSSEN, DEREN KÖRPER EIN INNENLEBEN HABEN! ENDLICH WIEDER MAL WAS GUTES IM TANZQUARTIER.

Unser nächster Tanztipp im Tanzquartier
Le Sacre du Printemps * trockene Studie übers Dirigieren (möglicherweise auch zum Lachen) * Von und mit: Xavier Le Roy (F) * Ort: Tanzquartier / Halle * Zeit: 13.-15.12.2007: 20h30

2 comments:

mueckeh said...

Na, das war für mich ja hochinteressant, über Technorati-Tag auf Ihren Artikel zu stoßen.
Ich habe hier geschrieben: http://kultur.typepad.com/kultur/2008/02/meg-stuart-phil.html#more

Auch eher positiv als offenbar der "Maintream" ... Unsere Sichtweisen sind nicht unähnlich, oder? (Fachmann für Tanz bin ich aber nicht - Sie?)

Prima, Ihr Blog (oder ist eine Page, auch egal ...)

Grüße aus Hannover - Helge Mücke
P.S.: Kleiner Hinweis: Sie haben sich beim tag für gehmacher verschrieben ...

mueckeh said...

Pardon, "Mainstream" natürlich ...

und ist es eine Page

Und: Tag für Gehmacher

pardon, Publish-Button zu früh erwischt