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Sunday, June 29, 2008

TANZTHEATER: ILLUSIONSPLÄDOYER VON JAMES THIÉRRÉE IN "AU REVOIR PARAPLUIE"



















Die Liebe fängt schwierig an, wenn sich ein Mann eine abgehobene Frau auf Seilen als Liebessubjekt (Satchie Noro) wählt
(Foto © Mario Del Curto) ...

Da wird die Anforderung (Kaori Ito) so gross, dass der Mann (James Thiérrée) seinen Grips wirklich anstrengen muss, um sie zu bekommen.

Der Mann Thiérrée schafft es mit seinem leidenschaftlichen Ungestüm, aber das Glück der Harmonie aller inneren Alter Egi (links: Magnus Jakobsson) des Liebespaars währt nicht lange ...

... sodass sich der wieder einsam Verlassene im zeitlichen Rücklauf auf die Suche nach dem Moment machen muss, als die Harmonie zerbrach ...

... diese Suche als Gang durch den Sumpf heißt: sich mit neuen, unheimlichen Wesen und eigenen Erkenntnissen zu konfrontieren.

... sich für den Entschluß zur Liebe selbst zu bekämpfen, an sich zu arbeiten, und sich dabei auch noch zusehen zu können ...

... dafür gibt es dann vielleicht den gemeinsamen, harmonischen Flug in der Luft - weil der Mann in die (Zirkus-)Welt der Frau wirklich bereit ist, einzutauchen. (Fotos © Jean Louis Fernandez)


HALLE E - WIENER FESTWOCHEN JAMES THIÉRRÉE HAT ÜBER DIE KONFRONTATION MIT DEM UNGLÜCK WIEDER ZUM MASSLOSEN GLÜCK DES THEATERS GEFUNDEN: IN AU REVOIR PARAPLUIE

Alles, was die Wiener Festwochen nach James Thiérrées La Veillée des Abysses 2004 im Bereich "Zirkustheater" eingeladen haben, - ob Tanztheater- oder Theaterakrobatik-Produktion - vermochte nicht annähernd an die Komplexität und Musikalität des Theaters dieses französisch-schweizerischen Universalgenies heran zu kommen. Das 2008 in Wien zu sehende Nachfolgewerk Au revoir parapluie hat das einmal mehr bestätigt. Thiérrées ins Surreale verpackte Slapstickmelodram der Körpersprache, entspricht in seinem ästhetischen Ausdrucksumfang ganz der logischen Erbfolge, Enkelsohn Charlie Chaplins, sowie Sohn des Zirkusehepaars Jean-Baptiste Thiérrée und Victoria Chaplin zu sein, mit dem der heute 34-jährige Akrobat, Tänzer, Mime und Violinist schon als Kleinkind in verschiedenen Zirkusformationen auf der Welt auftrat. Von daher erklärt sich die Reife im philosophisch-abstrahierenden Themenzugang voller zeitlich zerschnittener Erzählsprünge samt schwierigster Bewegungsinterpretationen dieses doch noch jungen Mannes. Das müßte hinsichtlich professioneller Einverleibung eigentlich von einem mindestens fünfzigjährigen Welt(star)künstler stammen. Dass er diese geistig reflektierte Vollendung mit seinem zart-starken Körper selbst tanzen kann, ist ein wahrer Glücksfall, für den das Publikum ihm oder auch Gott unendlich dankbar sein will.

Fabulöse Archetypen als Liebeskummer-Bringer

Zu Beginn erscheint eine Art Fee, die Schwedin mit Barockopernstimme und in schwarzem Fabelkostümgerüst (Kostüme: Victoria Thiérrée, Manon Gignoux), Maria Sendow, mit einem sagenumwobenen Brief in der Hand. Sie könnte auch Schicksalsgöttin oder innere Stimme des "Liebeskummernden" sein (Thiérrée, dem das Herz durch einzelne Körperteile wandert, sodass "es" an seinem Knie oder Schenkel "klopft"). Dieses Ohmen legt sich als Allmacht in Form einer schwarzen Tuchwolke mit mühsam zu durchwandernden Bauschblasen über die Bühne, "worauf" sich nachfolgende Geschichte in albtraumhaften Sequenzen abspielt: die freuden- und leidensvolle Liebesgeschichte des darauf stapfenden Träumers Thiérrée. Dass sie letztenendes nur durch sein Hirn so kompliziert wird, zeigt eine witzige Szene mit Partner bzw. der weiteren inneren Stimme Thiérrées, Magnus Jakobsson, der durch blitzschnelles Heben von Thiérrées Haarschopf wissen will, was da eigentlich drunter sei, das dem Mann so zu schaffen macht... - Insofern gilt einmal mehr: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". (Doch böte die Geschichte nur lineares Glück, wäre sie nicht außergewöhnlich genial ...)

Es fängt damit an, dass der Mann sich zum Liebesobjekt eine Frau wählt, die auf Stricken über den gewöhnlichen Dingen dieser Welt steht: Asiatin Satchie Noro, die zu poetischen Klaviertönen in der Luft tanzt. Und obwohl in diesen Stricken viele tote Herrenköpfe hängen, die wahrscheinlich Ähnliches wollten, läßt sich der junge Mann nicht davon abhalten, ihr - sich wild zu ihr raufschwingend - einen Kuss zu rauben. Und siehe da, es geschehen noch Wunder: Sie verliebt sich in ihn, angedeutet durch die Sängerin, die jetzt zur Leierkastenmusik ein Liebeslied singt. Den Liebeszauber, den die Beiden erleben, zeigt Jakobsson, der allerhand Zauberstücke mit Karten, Vögeln und einer erwartungshaltungsbrechenden Schere auf Lager hat. Das Unglück hat sich mit dem Glück automatisch barockmusikalisch archetypisch mitentwickelt: es taucht in Person der gnomhaft-asiatischen, zeitgenössischen Tänzerin Kaori Ito auf, die sich phasenweise auch als skeptische, innere Sphinx-Stimme des Träumers zu erkennen gibt. - Insofern wäre also auch jeder seines eigenen Unglückes Schmied.

Der Kampf mit sich selbst als Weg zum Glück

Denn das Paar, das jetzt zur Trio-Familie geworden ist, hat sich plötzlich im Unisono gegen den aufkommenden, überwältigenden Gegenwind des Alltags zu wehren. Es bewegt sich gleichförmig rückwärts, als wolle es die Zeit zurückdrehen, wo alles Unglück begann. Man sieht, wie die Liebesliedsängerin aus dem Bild gezerrt wird, wie der geliebten Frau im Bett sitzend statt vor Liebe frohlockend nur noch traurig die Haare vor dem Gesicht hängen. Dass sie zu zweifeln beginnt, zeigt ein schizophrenes Duett mit der sich nun ident bewegenden und aussehenden Kaori Ito. Dabei war die Liebe mit ihrem Mann unter der roten Decke gerade noch so schön. - "Wie schaffte es dieser Störfaktor Ito nur drunter zu kriechen?", denkt sich der Mann. Wie kam es, dass ihm plötzlich seine Jacke nicht mehr passen wollte, und es ihm geschah, dass er sich - beim Zusammenfalten - gleich mitfaltete? Warum wollen ihn seine Füße, seine Hände verlassen, obwohl sich sein Wille dagegen stämmt?

Nachdem er verwirrt allein ist, diktiert ihm daraufhin die Sängerin (in seinem Kopf) einen Brief, um die Einst-Geliebte vielleicht doch zurück zu gewinnen. Mit ihrer Retour-Antwort beutelt es ihn in seinem Schaukelstuhl derart, dass er ganze Rollen schlägt. Er tanzt in geistiger Wiedervereinigungs-Vorfreude in einem harmonisch-symmetrischen, zeitgenössischen Trio (Thiérrée kann also auch das bei erkennbar klassischer Ballettbasis perfekt!) und macht sich auf Wanderschaft, sie zurück zu holen. Doch dabei quält ihn auch schon wieder die einhergehende Skepsis, denn er gerät in eine mit elektronischer Musik durchflutete Sumpflandschaft mit unübersichtlichem Gestrüpp, worin er sich verirrt. Er begegnet einem unheimlich menschengroßen Fisch aus Bast, der sich in eine tanzende Bast-Grille verwandelt, schlägt sich zum Grillengezirpe mit kegelartigen Rutenbüscheln, indem er mit ihnen (also mit seinen Ängsten) leidenschaftlich schlagend jongliert. Schließlich fragt er einen vorbeikommenden Passanten (Jakobsson = sich selbst) um den richtigen Weg (die endgültige Entscheidung). - Wie ahnungslos dumm er ihm (er sich selbst) dabei vorkommt, zeigt dabei die (stummfilmlachreife!) Gesichtsmimik Thiérrées. Dann muss er sich im Sumpf in angstvoller Ohnmacht wieder mit der asiatischen Tänzerin, mit der Sängerin als Sensenfrau konfrontieren, die ihn anschreien, und die er danach als Gewissenskampf mit sich herumschleppt, bis er seinen inneren Schweinehund endgültig überwinden kann, indem er sich (Jakobsson) im virtuos wurfreifen Rutenfechtkampf besiegt. Oder auch nicht. - Denn man fragt sich: "Ist das Schicksal grundsätzlich gegen das Liebespaar?"

Der plötzliche Sprung zur Erkenntnis

In einem plötzlichen Szenenwechsel bekommt man als Antwort "nur" ein Musikquintett geboten, als müßten alle Akteure erst mal auf Distanz gehen, um sich selbst in ihren Entscheidungen bewerten zu lernen. Doch am Ende sind das Paar und die asiatische innere Stimme (des Mannes) auf einem Seil zu sehen, wie sie sich fragil aufeinander zu bewegen und phasenweise darauf harmonisch gleich tanzen. Da sind aber auch eine Menge schirmartiger weißer Federbälle, die von der Decke regnen. Sie stehen wohl für Thiérrées Vision, dass das Leben und die Liebe am besten unterm Zirkuszelt zu betrachten seien, denn ein ganzes Zelt stellen sie in Windeseile auch noch mitten in der Halle E im Museumsquartier auf ... Und wahrscheinlich hat er recht: Leben, Liebe und (sein) Theater bleiben mit urtümlich archetypischen Waagenfahrrädern ja tatsächlich am schönsten als staunenswerte Illusion zwischen Liebe und Hass, Glück und Unglück: Solange es unter der Schutzplane des mythischen Zaubers geschieht, dürfen die ewigen Gesetze für das Funktionieren von Gefühlen und Unterhaltung auch nicht anders lauten. e.o.


DAS URTEIL JAMES THIÉRRÉES ZIRKUSTHEATER IST DAS UNGLAUBLICH SCHÖNSTE, WAS ES AN UNTERHALTUNG UND ILLUSION AUF DER WELT GIBT ...

THEATER Au revoir parapluie * Von: James Thiérrée (Regie und Bühne) * Mit: Kaori Ito, Maria Sendow, Magnus Jakobsson, Satchie Noro, James Thiérrée * Sound Design: Thomas Delot * Ort: Halle E, Museumquartier im Rahem der Wiener Festwochen 2008 * Zeit 27.5.-1.6.08

Saturday, May 24, 2008

OPER: FRANK CASTORF NEIGT SICH VOR RIHMS "JAKOB LENZ"

Dichter Jakob Lenz (Georg Nigl) sucht Ruhe bei Pfarrer Oberlin (Mitte: Wolfgang Bankl), wofür er über die Alpen (- ein Schienenfaden -) wandert. Doch die Hoffnung am Glauben verliert er ...

... sowie auch am Freund Kaufmann (Volker Vogel), der Goethe repräsentiert, dessen gesellschaftlich angepaßte Dichtkunst Staat und Volk überzeugt, während jene Lenz - so makaber übergroß (siehe Kostüm) - gar nicht "paßt".

Lenz will über seine "gefühlte Wahrheit" schreiben. Doch selbst seine "Liebe Friederike", die mitsamt den Kreuzen des Pfarrers aus Lenzs Wahrnehmung "geht", "versteht ihn nicht".

Den Rest gibt Lenz seine Unfähigkeit, ein krankes Mädchen zu retten - eine letzte Metapher für den Glauben an sich selbst als fähiger Dichter. (Fotos © Dorothea Wimmer)


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN FRANK CASTORF HAT SICH ZÄHMEN LASSEN: WOLGANG RIHMS KAMMEROPER JAKOB LENZ NACH BÜCHNERS LENZ HAT OFFENSICHTLICH SEIN GEMÜT BEWEGT ...

Das hat er heuer wirklich toll hin gekriegt. Ohne Schmäh, die (zeitgenössische) Oper steht dem Castorf gut. Das, obwohl er eigentlich die Berliner Volksbühne leitet, "das" Schauspiel-Theater des urbanen Publikums schlechthin. Fakt ist aber auch: Castorfs Inszenierungen (wie letztes Jahr Norden) polarisieren Wiens Gäste. Ganze Zuschauerreihen verabschieden sich für gewöhnlich bei laufender Aufführung im Dreivierteltakt (sodass es jedes Jahr erstaunlich ist, dass zu Stückbeginn trotz offensichtlichen "Zuschauerprotests" alle Plätze ausverkauft sind). Der Takt heuer nun - bei der Kammeroper Jakob Lenz - ließ die Bildungsbürger bis zum Stückende ausharren. Das lag an der Musik Wolfgang Rihms, die zu Castorfs ex-/impressionistischem Stilbruch der Zeitnorm mit textlicher bzw. Handlungs-Wiederholung zwecks Verständnisnachdruck bestens harmoniert, aber auch an Castorfs - den Umständen entsprechend - diesmal doch sehr chronologisch, behutsam und schlüssig erzähltem Zugang.
Es scheint fast, als hätte Castorf beschlossen, - wenn schon Büchner in seinem Urstoff (dieser Fassung von Michael Fröhling) eine Welt ohne Zusammenhang und damit als totales Chaos im "notwendigen Fragment" beschreibt - dieses Chaos nicht auch noch stilistisch betonen zu wollen, selbst wenn das an-sich sein formales Credo ist. Das inhaltliche Chaos bezieht sich konkret auf den steigenden Wahn des Titelhelden "Jakob Lenz", ideologischer Dichter-Jugendfreund des jungen und Kontrahent des späten Goethe (1749-1832), der sich auf Wanderschaft in die Alpen begibt, um beim Pfarrer Oberlin seine Ruhe zu finden. Und so wie die Natur rundum des Gehenden in wirren Apocalypse-Visionen zerfällt, so verliert auch die Zeit ihr Kontinuum zugunsten beängstigender Momentimpressionen. (Büchner selbst starb 1837 als steckbrieflich gesuchter Politflüchtling mit 24 Jahren an Nervenfieber.)

Castorf in Demut und doch klar erkennbar

Das Ziel ist - so oder so - die Darstellung des Gemütszustands der Verzweiflung als artistische Herausforderung und als einzig authentische Sprache zur sozialpolitischen Anklage von Machtstrukturen - denn daran hat sich bis heute nichts geändert. Es scheint Castorf damit so ernst zu sein, dass er diesmal - auf jegliches grenzsprengende Spektakel verzichtend - in Demut verfällt. Und doch hat es noch genug "Saft", dass darin ein Castorf zu erkennen ist. Sich den Satz des Komponisten Rihm zu Herzen nehmend, "Vor allem gilt: der Faden, an dem Jakob Lenz hängt, ist der Strom ins Herz der Hörer", fädelt der deutsche Regisseur mithilfe von Bühnenbildner Hartmut Meyer auch dramaturgisch einen (zweimal sogar glühenden) "Schienenfaden" auf die sehr tiefe, nackte, schwarze Langbühne der Halle E im Museumsquartier. Der Weg auf ihm, wenn die Schauspieler und Sänger phasenweise in drollig-makaber überzeichneten Gnomen-Stereotyp-Riesenuniformen darauf schlafen und balancieren, ist also tatsächlich beängstigend schmal und lang. - Die Metapher von des Wanderers Lenz Gedankenzustand und stellvertretend für die unsicher schwankende Existenz aller Menschen auf Erden, sobald sie über ihr Dasein nachdenken und zwangsläufig zu zweifeln beginnen.

Wenn Freunde und Staat wegschauen ...

Der zweite Autenthaltsort stellt ein Müllwaggon dar, gefüllt mit kaltem (Castorf-typischem) Wasser, worin der arme Lenz (fragile Erscheinung: Georg Nigl) in weißer Unterwäsche und Kniestrümpfen immer wieder "schwimmt" - und "untergeht" in depressiver Ohnmacht vor dem Wust seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung über diese Erdenzustände mit immer mehr herein geschobenen Waggons, einer davon mit Kreuzen (Religion) gefüllt. Die zwillingshaften Figuren, Pfarrer Oberlin mit cooler Zigarette (Bass Wolfgang Bankl) und "Freund" ("Freund" Goethe ist das angesagte Dichter-Ideal, während die Welt "ihn=Lenz", der doch nur die Wahrheit schreiben wollte, nicht will) namens "Kaufmann" (in prächtig-rüttelndem Stahlwaggon auf der Schiene einfahrend und gesang-schauspielerisch als zynisch-kalter "Freund" eindringlich überzeugend: Tenor Volker Vogel) sind trotz ihrer gereichten Decke oberflächlich und kosmetisch, gerade wenn sie rufen: "Komm da heraus, Du holst Dir den Tod!", "Komm, ein Tag mit Arbeit gibt Zufriedenheit!" Die als höhere Wahrheit pointiert "gleich" Scheinenden aus dem "gegensätzlich" "schizophrenen" Blickwinkel Lenzs sind im Grunde sogar desinteressiert am Leid des lethargischen Freundes, weshalb sie in seinen Seelenzustand auch nicht einzudringen vermögen, als einziger Anker einer Überlebenschance. Spöttisch bitter wirkt dazu auch noch die potentiell im Leben alternative Hilfe von außen - eine umher getragene Mini-Fahne - die sagt, wie egal auch den Regierungsverantwortlichen der Schmerz außenseiterischer Zweifler ist: im hinteren Teil des Raums winzig klein wehend, kann die Sicht auf den Staat nur noch zynisch sein.

... wenn Glaubens- und Liebesfähigkeit zugrunde gegangen sind ...

So sind Staats-, Glaubensfähigkeit und gelebtes Berufsideal für Lenz obsolet, es bleibt nur die Hoffnung auf die Liebe. Doch auch da schwant ein Bild der Enttäuschung vor seinen Augen, begleitet von den unerwiderten Gefühlen von "Friederike". Ihr Bild der heiligen Unerreichbaren in Lenzs Kopf erhält für den Zuseher bald die wahre Deutung, wenn der Dichter - jetzt von einem Schauspieler (Georg Friedrich) gemimt - als schnurrender und an Friederike (Schauspielerin Winnie Böwe) zerrender Löwe von jener, ihn wegstoßend, nur mit schnoddrigen Worten bedacht wird wie, "Bist Du bescheuert? - Ich versteh Dich nicht!", um sogleich in eine Erzählerfigur zu mutieren und zu erklären: "Er verstand nicht, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." Das Verständnis liegt wohl darin: Die Natur des Menschen erfährt die Steigerung der Natur des Tieres, so wie Lenz in seiner Seelenwanderung die Natur der Landschaft sieht; jene ist zunächst so positiv und allmächtig, wie sie mit der Enttäuschung bedrohlich und unerträglich wird. Weshalb Lenz sich die Alpennatur als schweren Pappkarton-Ballast auf die Schultern nimmt und durch einen Kasperlguckkasten über seinen Alpen-Abgang in dritter Person wiederholt: "Er war nicht müde, es war ihm nur unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." - Und damit schließt sich der Kreis des Gefühls der Unverstandenheit von der Liebenden bis zur Gesellschaft, die "von Natur aus" keinen Sinn für das Unmögliche (Alternativen) haben. Und die Natur des Menschen begrenzt selbst jenen, der diesen Sinn hätte, also Lenz, - weshalb er letztenendes kapituliert. Das, obwohl der keilförmig in den Raum gesprühte Himmelspegel, echt wie ziehende Wolken in den Alpen, noch einmal von einer atemberaubenden Lebensbejahung ist, als zöge gerade der allmächtige Gott über die Bühne.

... braucht es nicht mehr viel, um aus dem Leben zu gehen

Gott steckt als Energiequelle auch immer wieder in der stellengenau dissonant und tonal gesetzten Musik Rihms mit Cembalo innerhalb des Orchesters, weshalb Castorf das einfühlsam und schön von Stefan Asbury dirigierte Klangforum Wien permanent präsent auf der Bühne - je nach momentanem Schutz - unter einem auf und ab fahrenden Dach verweilen läßt. Das Dach verliert seine suggestive Kraft aber völlig, als ein Kameramann ab Mitte des Stücks live den verwirrt-verlorenen Gesichtsausdruck von Lenz mitfilmt, der überlebensgroß auf die Dachplane projiziert wird. Dasselbe passiert mit dem wunderschön klingenden Chor (Barbara Achammer, Sabine Brunke, Selcuk Cara, Tijl Faveyts, Magdalena Anna Hofmann, Maria Weiß), der je nach Bedarf die Zwergen-Gnomgesellschaft, verdoppelte Friederike-Frauen oder Lenz-Alter-Egos verkörpert: durch genau diese Charakterisierung verliert sein Klang die Vertrauenswürdigkeit - und das ist einmal mehr: genial doppelbödig.

Das Aus des Permanentzweiflers Lenz tritt schließlich ein, als er versucht, ein Mädchen zu retten. Seine von Jesus entlehnten Worte, "Steh auf und wandle", gehen nicht auf, sodass das tote Mädchen sich in seiner Wahrnehmung verdoppelt, verdreifacht, jene toten Mädchen mit toten Friederikes zum potenzierten Tod verschmelzen, was in Lenzs Logik die einzig erlösende Erleichterung bringt, indem die "tote" Friederike in seiner Einbildung zu ihm sagt: "Jetzt erst bin ich dein." Gleichzeitig ist Lenzs innerlich immer noch gespürtes Selbstbild, von der allmächtigen Natur "wie der unverstandene Jesus" auserwählt zu sein, zerstört, womit seine "Göttlichkeit als Dichter und Mann" endgültig (im Selbstmord) ermordet wird. Castorf lenkt die Schuld aber auf die Gesellschaft. Mittels vertikal aufgestellten Bettes: es steht für Lenzs Todesruhe nach langem Sterben, verschuldet durch die unverrückbare Schranke des allgemeinen Blicks der passiven Zuschauer ... (e.o.)


DAS URTEIL EINE VIRTUOSE, GEISTREICHE UND SENSIBLE REGIE VON FRANK CASTORF - ER SOLLTE ÖFTER OPERN INSZENIEREN, DA SICH SEIN EXPRESSIONISMUS SO ZÄHMEN LÄSST!

OPER Jakob Lenz * Von: Wolfgang Rihm (Komposition) und Michael Fröhling nach Georg Büchners Lenz * Dirigat: Stefan Asbury * Neuinszenierung * Mit: Klangforum Wien * Mit: Georg Nigl, Wolfgang Bankl, Volker Vogel, Winnie Böwe, Georg Friedrich, u.a. * Produktion: Wiener Festwochen * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 17.-22.5.2008

Thursday, June 21, 2007

PERFORMANCE: NACH "SCLAVI" HABEN WIR LUST AUF THEATER DES WORTES

Ritueller Tanz als Ausdruck von heimatloser Verzweiflung (Foto © T. Karas) - Wann wird bei den Wiener Festwochen wieder literarisch hoch und zeitgenössisch international gesprochen?


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN DIE PRAGER GRUPPE, FARM IN THE CAVE, BILDET MIT SCLAVI DEN SCHLUSSPUNKT DES WORT- UND VOR ALLEM LITERARISCH KARGEN THEATERFESTIVALS

Die Wiener Festwochen gehen mit der letzten Produktion Sclavi - Das Emigrantenlied zuende. Was sich nun mit Sicherheit sagen lässt, ist: wir hätten jetzt wieder Mal große Lust auf neue, sprachgewandte Autoren, die dazu fähig sind, eine Geschichte zu erzählen. Ein paar internationale, zeitgenössische Entsprechungen zum deutschen Martin Heckmanns, zum Beispiel, wären an der Zeit, ausfindig gemacht und präsentiert zu werden. Denn schauspielerisch getanzt und theatral installiert wurde jetzt genug.

Das sagen wir nach dem bestimmt nicht schlechten, choreographischen Theaterstück Sclavi der Prager Gruppe Farm in the Cave, das mit auffällig guten rituellen Bewegungen und folkloristischen Gesängen einmal mehr im Rahmen des heurigen Forumfestwochen-Programm ff für Schauspieldirektorin Marie Zimmermanns tiefste Überzeugung Das Leben. Kein Traum stand. Gegangen ist es um einen Slowaken, der nach Jahren schwerem und herzlosem Arbeitsaufenthalt in Amerika, in sein Heimatdorf zurück kehrt und seine Wurzeln dort weder finden, noch schlagen kann. "Sklave" ist er daher im "Ausland" wie in der "Heimat". Und besonders bitter daran ist: Es wird davon tatsächlich in ostslowakischen Emigrantenliedern gesungen und erzählt, die in diesem Stück als musikalische Fetzen vorkommen.

Viel Körpersprache, zu wenig Wort

Dieses Thema lässt sich in schnellen Übergängen mit großem Körpereinsatz und grenzüberschreitendem Gefühlsexzess nachvollziehen. Garniert mit Akkordeon, Glaskonzert, Bläser- und Schlagzeugrhythmen, wozu die Darsteller tanzen, sich expressiv ausdrücken oder parallel neben ihrem musikalischen Spiel akrobatisch verausgaben, erinnert es phasenweise und passend zum Titel an Afrotanz, was auch die stärksten Eindrücke hinterläßt. Auf jeden Fall hat es existenzialistische Atmosphäre. Nur: Es endet, insbesondere als Letztaufführung dieser Flut an Performances der heurigen Festwochen, an der oberflächlichen Ausweglosigkeit.

- Das einzige, was uns jetzt lebens-sinnstiftend und kunst-sinnlich wieder weiterbringen kann, ist daher die optimistische Sprache des Wortes. Denn sie ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet und ihn kulturfähig macht. Das Tanzen kann man erst Mal getrost den Machern des ImPulsTanz-Festivals überlassen, denn Körpereinsatz und Bewegung sind hier in der Regel als Kunstform an sich kulturell vertieft und ästhetisch höher entwickelt. Vielleicht hätte das Wort aus richtiger Zunge ja auch Marie Zimmermann wieder Lebensmut gegeben, wer weiß. - In uns schreit es jedenfalls gerade sehr danach. a.c./ e.o./ r.r.


DAS URTEIL GUT BEWEGT, GETURNT, GETANZT, MUSIZIERT, GESUNGEN - ABER LEIDER ZU WENIG LITERARISCH GESPROCHEN: DAHER TROTZ EXISTENZIALISMUS ZU OBERFLÄCHLICH.

TANZTHEATER Sclavi - Das Emigrantenlied * Regie: Viliam Docolomansky * Mit: Farm in the Cave, Prag * Ort: Halle G, Museumsquartier * Zeit: 21., 22.6.2007: 20h30

Monday, June 18, 2007

THEATER: GANZ GUT GEBRÜLLT HAT FRANK CASTORF IN "NORDEN"

Hitler hätte sich geschmeichelt gefühlt: Castorf erhebt Gebrüll und mond-ballon-hafte Utopie-Denkensweise der Nazis zu( seine)m Ideal-Kunstausdruck, wobei er den Nazi-Gesinnungsinhalt als Gegenteil seines politischen Ideals natürlich verarschend angreift (Fotos © Thomas Aurin) ...

... sowie er auch den Widerspruch zwischen Homosexuellenablehnung und -begehren in Burschenschaften zum Thema macht (hier Nazi-Bärtchen-Mann mit Lust auf Transvestiten: Milan Peschel, Bernhard Schütz, Matthias Schweighöfer).


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN FRANK CASTORF IST BERÜHMT FÜR SEINE AKTIONISTISCHEN SCHAUSPIELER-PARTIES - MIT NAZI-GESCHÄDIGTEN FRANZÖSISCHEN KOLLABORATEUREN WIE CÉLINE IST DAS PSYCHOLOGISCH RECHT SPANNEND ...

Kurz vor Beginn der Wiener Festwochen brüllte Berliner Volksbühne-Chef Frank Castorf anläßlich seiner Norden-Uraufführung in die versammelte Presse: "In einem der letzten Gespräche mit Martin Bormann sagte Hitler: "Ich war Europas letzte Chance." - Hitler hatte damit nicht ganz unrecht, und Sebastian Haffner bemerkte, er hätte bloß vergessen, hinzuzufügen, dass er diese Chance grundlegend kaputt gemacht hat." - Dieser Satz und der Lärmpegel (hier spricht kein Schauspieler gelernt gedeckt, so wie er es zwecks Stimmbänderschonung sollte) ist symptomatisch für die Regie, die einem am Aufführabend entgegen knallt.

Man sieht ein paar als Kriegsveteranen, Russen, polnische Huren und travestierende Nazi-Soldaten verkleidete "französische Schauspieler" in einem Zugwaggon - wohl eine Doppelsarkastik zwischen endstationierenden Auschwitz-Zügen und reisenden Opportunistenkünstlern -, der gegen Ende des Krieges, in Deutschland zum Stillstand kommt: Denn hierher hat es den französischen Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline verschlagen, der sich als geduldeter Kollaborateur in den privilegierten Schutzräumen der sinkenden Nazi-Macht bewegte.

Hitler-Lärm als Ideal-Schauspielsprache

Der faschistische Symphatisant, Antisemit und Autor des Stücks Céline steckt sozusagen - neben den eigentlich verkörperten Rollenfiguren - in Köpfen und Körpern der Schauspieler: als "bösartiger Mensch, einem Querulanten, der rastlos durch Europa reist. Eine merkwürdig schillernde Figur, aber jemand, der sagt, was er denkt", beschreibt ihn Castorf. Und genau so präsentiert er ihn dem Publikum. Damit es sich der Lautstärke - die für die ganze, militant-hysterische Nazi-Generation steht und gleichzeitig aber Castorfs geheime Theater-Ausdrucksliebe zwischen Emotionalität, unmoralischer Aggression und physischer Grenzerfahrung ist - von Anfang an bewußt ist, werden zu Beginn Ohrschaumgummis verteilt. Die Stöpsel steckt sich niemand rein, die Angst, wann der Lärm "kommt", steht aber jedem spannungsgeladen ins Gesicht geschrieben. Obwohl er stimmlich durchgehend da ist. Doch dann kommen sie: die Maschinengeschoße ertönen im Zehnminuten-Takt. Immer dann, wenn ein dogmatischer "Nazi" kein Gehör findet.

Nazi-Ideologie als vertane Chance

Alle fünf Minuten verlassen indessen kleine bis größere Gruppen die Zuschauerreihen. Denn was man hier sieht, ist eigentlich eine Installation, die nur einen "Gemütszustand" einer Gesellschaft ausdrückt und keine großartige Wandlung durchmacht. Die Sprache ist so verworren und doch momentweise so zynisch genial, dass man einerseits bleiben will, andererseits gehen kann. Denn inhaltlich begriffen hat man diese "Ersatzparty der Maßlosigkeiten", als die Castorf-Inszenierungen unter Jugendlichen gehandelt werden, schon im ersten Eindruck. Doch da dem Auge und Ohr genug spektakuläre Abwechslung in Tönen und Bildern geboten wird, kann man sich ruhig ein wenig aufhalten unter diesen irren Nazi-Geschädigten. Dass sie als "Fantasten" im Grunde nur nach schönem Luxus und idyllischem Mond strebten, was sich aber leider zum dekadent Maßlosen zwischen Sexgier und Mordlust entwickelte, wird zwischendurch bildhaft und anhand von verehrten "japanischen" Sänger-Diven gezeigt.

Manch geistreiche Heute-Dada-Politik

Irritierende, teilweise geistreich-dadaistische Politbezüge zwischen Ausländerfragen von damals und heute sowie Castorfs "Schauspielerzugang" - Zitat: "Schauspieler müssen in Deutschland alle beschäftigt sein" - und Literatureinschübe wie das Gedicht vom Erlkönig ("Vater, Vater, jetzt faßt er mich an ..." mit "...und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt"), treiben den exzessiven Größenwahnsinn als allzeitgültige Nachwehe auf die Spitze, wobei die "Enttäuschung" über des Führers Tod als zerstörte und damit inhaltlich falsche Form von Utopie gleichzeitig durchgehend über dem Stück schwebt. Hier herrscht also "heutige" Endzeitstimmung, worin sich niemand bewegen kann, nicht mal in Richtung Tod. Denn die Bühne ziert der riesige Schriftzug: "Die another day". Der das Jesus-Kreuz schleppende Céline ist zum Heute-Castorf-Märtyrer geworden, unterstrichen vom doppeldeutigen Satz, "Keiner interessiert sich für französische Kunst, nur für Kriege". Und so wandeln demnach diese heutigen Schauspieler zwischen verkanntem Genie und opportunistischen Schildbürgern durch das Geschehen.

Manch echte Künstlerparty ist noch lebendiger

Mit dieser Erkenntnis verließen wir nach zwei Stunden Castorfs hoffnungslose 3-Stunden-Party, um jene eines verwandten Architekten anläßlich seines 40. Geburtstags zu besuchen. - Sie enthielt Beziehungsgeschichten, Sarkastisches und Geistreiches an erlebten Rückblenden und romantischer Zukunft, in sieben Stunden bis zum Morgen um 5h30; sodass wir am Ende sagen können: Echtes Leben ist doch noch mal lebendiger als Castorfs Theaterfeier, wobei sich das aber nicht in der Aktion, sondern im reflexiven Geist bewahrheitet. e.o./r.r.


DAS URTEIL DA CASTORF WAHRSCHEINLICH MIT WOLFGANG RIHMS LENZ DIE WIENER FESTWOCHEN 2008 ERÖFFNET, "WO SICH DIE SÄNGER ZUR MUSIK HINSCHREIEN WERDEN", KONNTE MAN DAS GUT GEBRÜLLTE NORDEN RUHIG VORZEITIG VERLASSEN. - NETTE AKTIONS-INSTALLATION, KEINE LEBENSNOTWENDIGE THEATERERFAHRUNG.

Thursday, June 07, 2007

PERFORMANCE: "THE CLEANSING OF CONSTANCE BROWN" VON JAMES YARKER UND STAN´S CAFE

Theater ohne Worte im tiefen Guckkasten: Die "Schädlinge" des Wirtschaftsalltags können nur durch Gift ausgerottet werden. (Foto © Stan’s Cafe)


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN DIE THEATERINSTALLATION THE CLEANSING OF CONSTANCE BROWN VON JAMES YARKER ERINNERT SCHWER AN MAGUY MARINS UMWELT

Wer letztes Jahr während des Wiener ImPulsTanz-Festivals Maguy Marin & CCN de Rillieux-de-Papes Stück Umwelt sah, wird bei James Yarker & Stan´s Cafes The Cleansing of Constance Brown während der heurigen Wiener Festwochen 2007 schwer daran erinnert: Yarkers Theater-Installation läuft lediglich in vertikaler Tiefe, statt wie bei Marins Tanz-Installation in horizontaler Länge. Darüber hinaus ist der suggestive Effekt bei einer "Performance ohne Worte" bei tänzerisch durchgehender "Synchronität" und choreografischer "Musikalität" in Abgängen und Auftritten noch einmal stärker. Degegen anzukommen ist für dieses britische Stück daher schwer, obwohl es sozialkritisch ebenso stark ist, wie das Umweltkritische der Französin.

Ein Putztrupp gegen die Gross- und Kleinkriminellen des Alltags

Wie der Titel des Stückes besagt, putzt hier "Constanze Brown". Sie steht stellvertretend für all die angestellten Putztruppen, die in den Gängen von Börsebüros, Hotels und Anwatskanzleien sauber machen. Dort, in den Seitenräumen, spielen sich Korruptionen, Machtspiele und Sexeskapaden ab, was die auf- und abgehenden Performer (ersichtlich: Schauspieler, keine Tänzer) durch ihre Gestik und Sprechmimik ausdrücken. Die Auf- und Abgänge sind daher der Star des Stücks: sie stehen für die Wiederholbarkeit und Relativität der Menschen in ihren Alltagsabläufen, worin sie sich in der Regel wichtig nehmen, aber doch so lächerlich sind - und mitunter gerade deshalb, weil sie es im Grunde wissen, fabrizieren sie durch hysterische Anerkennungsaktionen lauter Unglück.

Sie sind daher nichts als "Ungeziefermist", den nur noch ein Stoßtrupp an Ausräuchern und Ausbrennern ausrotten kann. Ihr Licht auf den Kopfschutzmasken ist dabei so grell, dass die Zuschauer, die in die 3 Meter breite und 20 Meter tiefe Öffnung starren müssen, grausam geblendet werden. Sie kommen der Quälerei nicht aus, wollen sie das Geschehen verfolgen. - Eine auferlegte Strafe also, als müßten auch sie sich wie die Leute in den Seitenräumen angesprochen fühlen. Und tatsächlich: das Publikum muss am Ende durch den Gang, um wieder ins Freie zu gelangen. Einerseits, um den Raum der "Putzfrau" zu betreten, andererseits um in "seine" Räume zu blicken und sich zu konfrontieren. - Denn wir sind alle Teil davon. a.c./e.o.


DAS URTEIL EINE ORIGINELLE FORMALE IDEE, NUR HAT SIE MAGUY MARIN SCHON "FORMVOLLENDETER" GEHABT.

PERFORMANCE The Cleansing of Constance Brown * Von: Stan´s Cafe * Regie: James Yarker * Mit: Stan´s Cafe * Ort: Hofstallung im MuseumsQuartier (Eingang Kunsthalle) * Zeit: 6., 7., 8., 9., 10.6.: 19h und 21h30

Saturday, June 02, 2007

THEATER: SYLVAIN CREUZEVAULT MACHT "BAAL" ZUM FRAUENHAUS-HELDEN "JESUS"

Baal-Jesus (Damien Mongin) füllt seine Freunde, sich selbst und die ihn liebenden Frauen ab. (Fotos © Pidz)

Baal zieht die Frauen an, wie das Licht die Motten - für Frauen von heute unverständlich - schon weil er gar nie richtig erregt ist (siehe Foto!) ...

... weshalb die Schlußbemerkung, wir seien alle Baal, wohl zu weit gegriffen ist - wie die Länge des Stücks!


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN LE D´ORES ET DÉJÀ BRINGT EINEN SÄUFER-BAAL IN ÜBERLÄNGE ZUM STURZ

Baal, die Neuinterpretation der französischen Theaterformation Le d´ores et déjà des frühen Bert Brecht ist mit drei Stunden und 45 Minuten viel zu lang. Wir haben daher beschlossen, Regisseur Sylvain Creuzevault für seine maßlose Inanspruchnahme mit einer Kurzkritik zu bestrafen. Warum die Zeit tatsächlich so lang erscheint, liegt zwar prinzipiell am Episoden-Bau des Autors, doch wenn sich jemand unserer Zeit eines 1919 erschienenen Stoffes annimmt, sollte er ihn - ob analog erzählt oder bildhaft - gefälligst kürzen: Das würde also auch für einen Shakespeare gelten!

Jesus als saufender Frauenverführer

Baal ist hier als rastloser Dichter ein "Jesus" (Damien Mongin), der in jedem Sinne des Wortes von einer nackten Frau zur nächsten stößt. Er muß keine von ihnen erobern, jede verfällt ihm wegen seiner arroganten Unwirschheit; und jede lässt sich - obwohl ihn im Grunde verachtend - von ihm - ebenfalls in jedem Sinne des Wortes - "abfüllen". - Denn dieser "Jesus" ist auch als Säufer und Fresser ein Held. Deshalb haßt er sich selbst, was er auf diese Weise auf die Frauen, die ihn lieben, abwälzen kann. Das hat nun zur Folge, dass er mit einem immer größer werdenden Opfermeer "frei" ist.

Er taumelt weltverachtend philosophierend, singend und Gitarre spielend von der Party-Gesellschaft zur Holzkiste, worin er es in der Regel nackt treibt, die eng ist, wie ihm sein ganzes Leben erscheint. Er geht mit einem Schwarzen auf Wanderschaft, durchs idyllische Heuballen-Land, und verliebt sich erstmals. Sein Sex ist noch immer brutal, läuft aber mit Sahne geschmierter. Nach dem Alltag in Konsum und mit Frühstück endet auch das wieder im Alkohol. So wandert er weiter. Und begegnet irren Buckligen, Verwachsenen und Holzfäller-Gestalten mit Hohlkreuz aus dem Mittelalter, und gegen Ende seiner Mutter. Schließlich stirbt er in Einsamkeit - als Mann "das Tier". Mit dem Gag, dass zehn Schauspieler seine Gesichtsmaske tragen, was heißen soll: "Wir sind alle Jesus - das Tier." - Das haben wir nur gelesen, da wir das Ende zwar körperlich, aber geistig nicht mehr aufnehmen konnten. Und dazu nun aber nur so viel: "So ein(en) Jesus bin ich und will ich (zum Mann) sicher nicht!" e.o./a.c.


DAS URTEIL EINE TYPISCH FRANZÖSISCHE, AGGRESSIVE, TOLLE UND FANTASIEVOLLE AUFFÜHRUNG. ABER MIT DER ÜBERLÄNGE EINE ZUMUTUNG, DIE DAS BESONDERE VERDECKT. - AUSSERDEM IST DIESER JESUS (BAAL) NICHTS ZUM VERLIEBEN, AUCH NICHTS FÜR SEX: HÖCHSTENS WAS FÜR FRAUENHAUS-KANDIDATEN!

Friday, June 01, 2007

THEATER: COMPLICITE VERWIRRT IN "A DISAPPEARING NUMBER" RAUM UND ZEIT

Was ist Mathematik? - Etwas Reales oder doch etwas Irreales? - Man kann sie ja eigentlich nicht greifen ...

...sie ist unsichtbar und wird erst sichtbar, wenn sie einmal gelernt ist.

Das indische Genie Ramanujan schöpfte als Autodidakt für seine Erkenntnisse aus seiner Liebe und seinem vegetarischen Körper ...












... doch als er nach England zu den Akademikern gebeten wird, ist er nur krank. Und stirbt mit 33. Zuvor hat er aber noch einen Geistesblitz. (Fotos: © Robbie Jack)




MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN A DISAPPEARING NUMBER DES BRITEN SIMON McBURNEY UND SEINER COMPANY COMPLICITE BEFASST SICH MIT DER MATHEMATIK DES INDERS RAMANUJAN UND IST DABEI ALLES ANDERE ALS TROCKEN

Es beginnt mit einer halben Stunde Verspätung.Herein kommt eine Frau, die meint, es gäbe technische Probleme. Sie vertreibe die Zeit des Publikums derweilen mit Mathematik-Unterricht, und notiert die Formel: 1+2+3+Unendlich = -1:12. Darauf kommt ein Mann, der sich Alex nennt und der Regisseur Simon McBurney ist. Dieser Alex wird sich später in die Mathematiklehrerin verlieben und sie heiraten. Sie werden ein Kind erwarten, und sie wird es verlieren. Aber nicht chronologisch und auch nicht so schnell.

Denn "glatt" - eins nach dem anderen - verläuft hier gar nichts. 1, 2, 3, 4, 5, ... die analoge Abfolge wird formal einem Bruch unterzogen. Erzählt wird in Sequenzen, die Vergangenheit und Zukunft und damit Raum und Zeit über den Haufen werfen. Dennoch ist der Verstand in der Lage, sich eine kontinuierliche Geschichte, bzw. mehrere parallel laufende Geschichten zwischen Gegenwart und Vergangenheit zusammen zu reimen. Aufgrund seiner Erfahrung, gelernte Muster als logisch zu begreifen. Mit dem Aufbrechen der herkömmlichen Erzählmethode versetzt Regisseur McBurney den Zuseher nun in das Gefühl, das das grundsätzliche Wesen der Mathematik offenbart: sie scheint nur echt, solange der Mensch noch in der Lage ist zu zählen und zu kombinieren, sie mit der Empirie der Naturgesetze zu belegen, doch irgendwann endet sie auf Mikro- wie Makroebene in der Unendlichkeit: Und da beginnt sie nun, metaphysisch zu werden, womit sie nichts anderes wäre als ein Gefühl.

Mathematik als Produkt des Gefühls

Das Gefühl, die Intuition, die Inspiration, die Kreativität sind es in der Mathematik, wie in der Kunst, die den Keim für neue Entdeckungen auf der Schnittebene von gerade noch Bekanntem zum unendlich Unbekannten darstellen. Das war bei Albert Einstein so und auch bei einem autodidaktischen Hobbymathematiker aus Indien, der Anfang des 20. Jahrhunderts die europäisch-akademische Naturwissenschaft verblüffte: Ramanujan war eigentlich Postangestellter in Madras. So wie man nur die Freizeit, das Hobby lieben kann, liebte er die Mathematik. Und kam dabei auf die geniale Formel von -1:12. Er schöpfte mit seinen Ideen aus seiner Liebe und seinem Körper, der jener eines Vegetariers war. Und das wurde ihm später, als er in England für die Akademie forschte und rechnete, zum Verhängnis. Aber nicht so schnell.

Heute-Einschübe neben der Vergangenheits-Biografie

Denn vorher wird noch von Alter gesprochen, das ja auch nichts ist, als eine Zahl, und gleichzeitig durch Vergangenheits- und Zukunftsangabe für Voher und Nachher, für Aktion und Reaktion, für Handlung und Folge steht.
Gezeigt wird ein heutiger, indischer Arzt auf Vortragstour via Flugzeug, der seine Frau via mathematisch eingerichtetem Telefon "unendlich" liebt, ein ebenfalls reisender Businessman, der von Indien träumt, und der irgendwann auf den Arzt trifft.
Die Rede ist vom Krieg, wo die Mathematik Schaden anrichtet und ihn gleichzeitig lindert.
Und gesellschaftlich revolutionierendste Mathematik liegt schließlich im unfaßbaren Internet, das im unendlich großen Datenall ebenfalls nur durch Zahlen funktionierbar gemacht wurde. So muss auch der Satz sinnvoll erscheinen: "Wenn Dinge keinen Sinn machen, hilft es manchmal, eine Verbindung herzustellen." Womit wir wieder bei der Kreativität wären.

Das Genie starb mit 33

Und da nun eben das Bauchgefühl so wichtig ist für einen Mathematiker, und - kreativ verbunden - jede Geschichte ihren emotionalen Kick braucht, muss dieses Schicksal traurig enden - allerdings endete es auch echt so, was wiederum die Nähe von Leben und Kunst, Realität und Fiktion beweist: denn der im warmherzigen Indien durch hörbare Tabla und getanzten Katak verwöhnte Ramanujan, vertrug weder die englische Mentalität, noch das englische Essen oder Klima. Er war es nicht gewohnt, mit Schuhen zu gehen, so zog er sich zum Spazieren Handschuhe über die Füße. Und doch kam er noch auf eine große mathematische Erkenntnis, bevor er mit 33 Jahren starb.

Und das Leben geht logisch weiter

Und so stirbt auch Alexs - Ramanujan verehrende - Frau "heute" mit 43, was einer Zehnerlogik gehorchen muß. Doch die Chance für Alex, sich neu zu verlieben, liegt schon am anderen Ende der Telefonleitung... Denn die Liebe ist unendlich und deshalb immer "wahrscheinlich".

Das Stück - eine schöne, musikalische, visuelle, witzige, ernste Metapher für Raum und Zeit, für die Umkehrung der Bedeutsamkeit von Erster und Dritter Welt im Verlauf der Zeit (als Utopie für die Zukunft), für das Verschmelzen von Körper und Geist. Und ein Plädoyer für das Leben: in seiner Rede nach dem Applaus gedachte Regisseur Simon McBurney der Schauspieldirektorin Marie Zimmermann, die ihn vor ihrem Freitod aufforderte, etwas abzuliefern, wo "sie etwas wachsen sehen könne". Und McBurney ist davon überzeugt: "Sie hat von der anderen Seite der Unendlichkeit aus zugeschaut." e.o.


DAS URTEIL EIN SPIEL VON VERDREHTER VERGANGENHEIT, ZUKUNFT, LOGIK, PHYSIK, METAPHYSIK. DER ABEND VERGEHT DAHER WIE IM FLUGE: OHNE GEFÜHL FÜR RAUM UND ZEIT.

PERFORMANCE: NIGEL JAMIESON SORGT IN "HONOUR BOUND" FÜR MITLEID

Die Gehirnwäsche im US-Terroristen-Gefängnis Guantanomo Bay als grafisch klares Körperarrangement im Käfig übersetzt (Fotos: © Jeff Busby)

Äußerlich erzähltes Tanztheater mit Breakdance und Akrobatik wird mit Interview- und Dokumentarfilm-Einspielung zum existenzialistischen Trip

Ein Folterbild, das man aus dem US-Irak-Gefängnis kennt: der Kommandant General Miller war zuvor auf Guantanomo Bay

Australier David Hicks war einer von vielen Insassen, der durch fünfjährige Körperschändung zu eventuellen Geständnissen gezwungen werden sollte


MUSEUMSQUARTIER - WIENER FESTWOCHEN DIE AUSTRALIER NIGEL JAMIESON UND CHOREOGAF GARRY STEWART DECKEN IM SPEKTAKULÄREN TANZTHEATER HONOUR BOUND DIE FOLTER AM UNSCHULDIG INHAFTIERTEN "TERRORISTEN" DAVID HICKS AUF

Wenn Theater die bessere Nachricht ist, dann drückt Honour Bound dafür ziemlich auf die Tränendrüse. Sicher liegt es auch daran, dass wir Europäer für sensationslüstern halten, was für Amerikaner oder Australier glaubwürdig ist. Denn sie nehmen in der Regel erlebender (theatralischer) auf. Und bekommen die Nachrichten auch lebendiger serviert (Stichwort: CNN). - Dass die wirtschaftliche und verteidigungspolitische "rechte" Nähe der beiden Staaten (Kontinente) damit zusammen hängt, ist wahrscheinlich mehr als nur spekulativer Grund dafür. - Es ergibt sich also die Frage nach tatsächlicher Wahrheit und dem Verhältnis von Ausdruck und Wirkung. Sicher ist diesbezüglich eines: David Hicks hat bestimmt noch größere Qualen erlitten, als hier ausgedrückt wird. Deshalb hat diese Sensation vollauf Berechtigung. Schon da es galt, die Australier zu einer Reaktion zu bewegen.

Ein verirrter Mensch wird gefoltert

Konkret geht es um die Gefangennahme des Australiers Hicks im US-"Kampf gegen den Terror"-Gefängnis Guantanomo Bay auf Kuba. Er wird dort ohne Angabe von Gründen, sprich bei Mißachtung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, ab Jänner 2002 gefangen gehalten. Ausgeschlachtet werden mit Dokumentarfilm-Einspielungen - bzw. Projektionen von Interviews, Texten, eidesstattlichen Erklärungen und Dokumenten (von Donald Rumsfeld, Pentagon und FBI) sowie Zeitungsausschnitten, die Hicks als "australisch-fundamentalistischen Terroristen" anprangern - die biografischen Stationen des Inhaftierten: Wie er als blauäugiger Weißer und sensibles Scheidungskind zu Drogen griff, in ein schlechtes Milieu kam, sich in einer Heirat als Vater zweier Kinder wieder fing, dann erneut ruhelos als Taliban-Berufssoldat in den afghanistanischen Krieg zog, worauf er psychisch traumatisiert zurückkam und zwecks innerer Heilung zum Moslem wurde. Hatte ihm der Glaube zunächst geholfen, geriet er danach in den Sog der Al-Kaida. Was er da genau machte, bleibt unklar. Hicks´ Eltern berichten von seinen Folter-Erzählungen bei Verhören und im Gefängnisalltag. Nur eine ganz schlimme Sache, die er den Eltern anvertraute, wird dann doch ausgeblendet. Da bereits stundenlanges Verharren-müssen in Handschellen, Prügel bei Drogeneinfluß zur Entlockung von Geheimnissen, Streß- und Angstmethoden wie Hundeeinsatz, Kapuzentragen, jahrelange Einzelhaft, extreme Temperaturschwankungen und sexuelle Quälerei bei Nacktheit gefallen sind, kann man nur an eines denken, das einen Menschen restlos demütigt ...

Eine Theaterproduktion verhilft zum Recht

Die Konzentration auf eine Person unter Hunderten von Insassen erhöht die emotionale Wirkung umso mehr, da die Gefangenen anderer Länder viel früher von ihrer Heimat zurück geholt und einem ordentlichen Urteil unterzogen wurden, während Hicks als Einziger noch lange inhaftiert blieb. Dieses Stück, das sich gegen die vorherrschende Regierungspolitik, öffentliche Meinung und damit die Presse Australiens richtete, hat mit der Uraufführung 2006 (trotz politischen Verhindungsversuchs) dazu beigetragen, seine Überstellung endlich zu initiieren.

Über fünfeinhalb Jahre war er "unschuldig" inhaftiert, bis er 2006 "ordentlich" angeklagt wurde. "Ja", er habe den Terrorismus praktisch unterstützt, gestand Hicks zur Bestürzung seines Verteidigers, und wurde zu sieben Jahren Haft in Adeleide verurteilt, allerdings mit Option auf 9 Monate, falls er die Klage und Mißhandlungvorwürfe gegen die USA und das Sprechen mit Medien für ein Jahr (bis nach den nächsten australischen Wahlen 2008) unterließe. Hicks akzeptierte und wird im Mai 2007 überstellt.

Von der Körperschändung zum Körpertheater

Dass sich Körperschändung und innerer Zerfall dieser Art bestens für Körpertheater und Tanz eignen, liegt auf der Hand. Und da muss gesagt werden: letztlich ist es die akrobatisch-sportliche, bildliche und inszenatorische Umsetzung, die hier tatsächlich gefangen macht. Dadurch entfernt sich das Stück auch für die australische Roman- und Theater-Blogautorin Alison Croggon, "von der Dokumentarpolemik, die das englischpsprachige Protesttheater bislang dominiert hatte". Für sie ist die spektakuläre Ästhetik genauso "komplex" wie die Politik des Werks. Und in dieser Relation hat sie selbstverständlich recht, in jener zur "Nachricht" könnte man noch einmal darüber streiten.

Emotionslose Körper, die äußerlich leiden

Nigel Jamieson hat als Regisseur aber auf jeden Fall eine fesselnd dynamische Handlung als Mischung von Journalismus und Ausdruckstheater geschaffen, über einen Menschen, der äußerlich kalt in einem multiplen Käfigkomplex (Bühne: Nigel Jamieson und Nicholas Dare) gequält wird und in seltenen inneren Gefühlsexpressionen seine Sehnsucht als Einsamer nach Liebe mit (s)einer Frau gesteht, indem sie in einer ebenfalls nur äußerlich gezeigten Sexstellung über ihm schwebt. Die Liebe der und zu den Eltern, wird dagegen intensiv via Interviewfilm "besprochen".

Die Choreografie von Garry Stewart ist hart, kühl und körperstark, wenn die Insassen im Käfig wie Bergsteiger umherklettern und am Boden zwischen Breakdance und Bodenausdruckstanz "leiden". Grafisch schön und inhaltlich klar eingerichtete Bilder durch Körperarrangements in Luft und Erde verleihen dem Ganzen die Aura von Perfektion, die zum Staunen des Publikums beiträgt, während es gleichzeitig voyeuristisch und neugierig alles über die unmenschlichen Folterungen wissen will. Doch letztlich zählt zu erfahren, ob der Inhaftierte nun schuldig war oder nicht, und wie das Verhältnis zur Politik ist. Und da man danach noch weiter recherchiert, ist dieses Werk tatsächlich stark. e.o.


DAS URTEIL EINES DER SELTENEN BEWEISE, DASS THEATER (KUNST) LEBEN UND POLITIK VERÄNDERN KANN: UND OBENDREIN EINE UNTERHALTSAM-EXPRESSIVE, WENN AUCH EIN WENIG SENSATIONSLÜSTERNE DARBIETUNG - SELBST WENN DIESE SENSATION DAS AUSMASS DER ERLEBTEN EMOTION NOCH LANGE NICHT TRIFFT.