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Saturday, March 15, 2008

OPER: GLANERTS "SCHERZ, SATIRE, IRONIE UND TIEFERE BEDEUTUNG" IN NICOLA RAAB - REGIE

Der Teufel (Bernhard Landauer) und der Dichter Rattengift (Camillo dell´Antonio) verstehen sich ganz gut: weil die Hölle ja das ironische Nachspiel der Welt darstellt ...

... getanzt wird in dieser Welt auch; wie bei James Bond, selbst wenn es optisch nicht richtig ins Stück passt (Fotos © Armin Bardel) ...

















... aber immerhin passt der Revolver als der Weisheit letzter Schluss. - Er sagt: das Böse bleibt der Welt auch erhalten, wenn der Teufel längst wieder in der Hölle hockt.


MUSEUMSQUARTIER - NEUE OPER WIEN NICOLA RAAB HAT SICH FÜR DETLEV GLANERTS SCHERZ, SATIRE, IRONIE UND TIEFERE BEDEUTUNG VIEL EINFALLEN LASSEN. EINGESCHLAGEN IST IHRE REGIE DENNOCH NICHT

Walter Kobéra, Leiter der Neuen Oper Wien, hat sich mit der Wahl einer zeitgenössischen Opernsatire und von Nicola Raab als Regisseurin zwar sichtlich zweier Erfolgsstrategien bedient, nachdem die junge, deutsche Regisseurin mit der Doppelinszenierung von Doves When She Died und Peter Maxwell Davies´ Eight Songs For a Mad King an der Wiener Kammeroper, sowie er selbst mit Gerhard Schedls wahnsinnsschrägem Triptychon letztes Jahr zwei Knüller gelandet haben - dennoch wurde Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung des deutschen Komponisten Detlev Glanert (UA 2001 in Halle) nun doch nur eine "ganz passable Routinevorstellung". Genau so, wie man eine zeitgenössische Oper gewohnt ist, vorgesetzt zu bekommen. Die freudige Überraschung über etwas Eigentümliches blieb aus.

Originelle Geschichte

Das, obwohl die Geschichte von Jörg W. Gronius, die sich auf einen Text von Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) bezieht, mit provokant pessimistischer Behauptung ausgesprochen originell ist. Denn sie zielt auf die Dominanz des zerstörerischen Bösen in der Welt ab - als überspitzte Karikierung auf Goethes diabolischen Faust gilt sie damit als Grundsatzkritik auf den deutschen Idealismus und dessen starres Bildungssystem sondergleichen. Explizit ist das daran zu sehen, dass ein Teufel auf die Erde kommt, wo er von sinnlos geschäftigen Raupenform-Unisono-Naturhistorikern (witzig schrullig: Johanna von der Deken, Eva Hinterreithner, Gernot Heinrich, Michael Schweninger) nicht identifiziert werden kann, die ihn folglich kurzerhand zum Oberkirchenrat des schildbürgerhaften Kleinfürstentums erklären. Vierstimmig (wirklich nett anzuhören!) singen sie nach jedem Versagen wiederholend, "lassen Sie es uns noch mal probieren", und bleiben doch Gestalten ohne Durchblick (wirklich zum Abhauen!). Das bleiben sie wahrscheinlich auch noch in der zerstörten (Bühnen-)Welt am Ende, wonach sie (endlich) "von Neuem beginnen" müssen. So ist auch der Schulmeister, Repräsentant für die Pädagogik unserer Kinder, alles andere als vertrauenserweckend. In Napoleonmontur herrscht er (Rupert Bergmann) "das neue Wunderkind" Gottliebchen (Heidi Wolf) an und schüchtert es zur Marionette degradierend so ein, dass es in Gegenreaktion zum zornigen Genie und damit zum wahren "Satansbraten" werden muss, und sich der Teufel seiner Seele auch gleich bestens bedienen kann: damit dirigiert des Teufels Geist auch noch die Welt, nachdem jener schon längst von seiner Großmutter mit Löwenkopf in die Hölle zurück geholt worden ist. - Ein unausweichliches Schicksal unserer bösartig getriebenen Menschenerde.

Bunte Regie

Vor alledem tobt eine Liebeskeilerei, worin vier Männer - der Mitgiftjäger Von Wernthal (Andreas Jankowitsch), der Mörder Von Mordax (Thomas Tatzl), der egozentrisch-ruhmsüchtige Dichter Rattengift (ausdrucksstark-theatral ironischer Sänger: Camillo dell´Antonio) und der häßliche, aber gutherzige Herr Mollfels (gewinnend schöne Stimme: Michael Spyres) - um des Barons (mit Barockperücke lachhaft: Alfred Werner) Tochter kämpfen: um Liddy im kitschigen Blumendekor-Petticoat (standardisierte Mädchenrolle: Magdalena Anna Hofmann). Damit sie Mollfels bekommt, sorgt der eunuchenhafte Teufel mit akustisch verzerrter Stimme (Countertenor Bernhard Landauer) dafür, dass die schlechten Anlagen der verkommenen Nebenbuhler zutage treten: Mordax etwa, muss 13 Schneidergesellen erschlagen - was sich in einer abstrakten Tanzszene mit sieben Tänzern in schwarzen Tricots unter der Choreografie von Nikolaus Adler zu Beginn des zweiten Akts tatsächlich realisiert, sodass einem mit der plötzlich schwarz-leeren Bühne, wo gerade noch der kindlich-symbolhafte Märchen-Kasperlguckkasten von Benita Roth stand, vorkommt, als befände man sich in einem anderen "Film": in jenem von James Bond.

Tatsächlich geistreich, da außergewöhnlich zynisch, sind die Sager des Dichters, der innerhalb dieser Theatersituation über das Theater lästert, weil sie Ruf und Stellung der Darstellungskunst innerhalb der Gesellschaft und der Welt spiegeln: "Diese Unsummen, die diese Schauspieler und Regisseure verschlingen, während sich die Leute im Theater doch eh nur für die Frauen in den Logen interessieren ...", schimpft er, während er sich selbst für Shakespeare hält und geschmeichelt fühlt, dass der Teufel seine Werke gelesen habe, der sich wiederum als Katastrophendichter zu verstehen gibt, weil er mit seiner Hölle das ironische Nachspiel der Welt darstelle. In einer Debatte innerhalb dieses ironischen Theaters wird dem ironischen Theater dann ironisch abgesagt: "Schreiben Sie Tragödien. Dann wird man Sie auf Händen tragen. Und hören Sie auf keinen Fall auf Kritiker."

Zu buntes Gesamt

Und obwohl auch die klassisch-jazzige Musik Glanerts eine kongeniale Übersetzung der bunten Geschichte ist - es passieren immer wieder akustisch spannende, da lautmalerische Momente durch auffällige Orchesterpassagen und ungewöhnliche Instrumentierungen (wie hohe Flöten und tiefe Bläser, wie unheimliches Streichergeflamme zum Teufelsfeuer); wie wenn Melodramatik in bedrohliche Atonalität wechselt, Vogelgezwitscher in Flügelschlagen endet, Geräuschgebläse in Flüstergesang übergeht; ein Löwe aufbrüllt; es donnert; schnelle, kurzgespielte Ton-Rhythmen auf subtil lustige Weise den Weltuntergang einläuten - so ist es mit den vielen närrischen Requisiten und Einfällen insgesamt wahrscheinlich doch einfach zu viel des Guten. Es ist "zu" bunt, um wirklich einschlagend zu sein. Da kann Walter Kobéra sein amadeus ensemble-wien noch so gut dirigieren ... Dr. Wild / e.o.


DAS URTEIL WITZIGE GESCHICHTE - ABER DENNOCH NUR ROUTINE IM STIL EINER TYPISCHEN (KOMISCHEN!) NEUEN OPER.

OPER scherz, satire, ironie und tiefere bedeutung * Komische Oper frei nach Christian Dietrich Grabbe * Musik: Detlev Glanert * Text: Jörg W. Gronius * Regie: Nicola Raab * Bühne: Benita Roth * Choreografie: Nikolaus Adler * Dirigat: Walter Kobéra * Mit: amadeus ensemble wien * Mit: Bernhard Landauer, Camillo dell´Antonio, Gernot Heinrich, Heidi Wolf, Michael Spyres, u.a.

Nächstes Neue Oper-Werk
OPER eine marathon-familie * UA nach Dusan Kovacevic * Musik: Isidora Zebeljan * Regie: Nicola Raab * Dirigat: Walter Kobéra * Mit: amadeus ensemble wien * Mit: Martin Winkler, Hubert Dragaschnig, u.a. Ort: Werkstattbühne Bregenzer Festspiel * Zeit: 20., 22., 23.8.2008
Ort: Halle E / MQ Wien * Zeit: 22., 24., 25.10.2008: 19h30
Ort: Jugoslawisches Schauspieltheater, Belgrad * Zeit: 14., 15.10.2008: 19h30

Sunday, September 16, 2007

OPER: CARLOS WAGNER FÜHRT IN DIE MASSVOLLE "TEA"-WELT VON TAN DUN

Der Umgang mit Streben und Gefühlen sollte im Leben so maßvoll und bewußt gehandhabt werden, wie die Tee-Zubereitung und -Servierung - das weiss der Mönch Seikyo (Klemens Sander) jetzt ...

... denn er verliebte sich einst in die Prinzessin Lan (Cornelia Horak), die ihr eifersüchtiger Bruder (mit Maske: Alexander Kaimbacher) nicht hergeben wollte ...

... sodass er sich von ihm provozieren ließ, das "echte Buch vom Tee" zu suchen. Auf der Reise begleitete ihn Lan. - Immerhin kommt es dort zum schwindelerregenden Kuss, aber auch zum fatalen Ende! - Fotos © Armin Bardel


SEMPER DEPOT CARLOS WAGNER VERFÜHRT IN DER NEUEN OPER VON TAN DUN, TEA, IN DIE ÖSTLICH-WESTLICHE MEDITATIONSWELT WIDER LIEBE, EHRGEIZ UND EIFERSUCHT

Wenn im Tee die fünf aus der reinen Natur zur Vollkommenheit entwickelten Elemente - Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde - vereint sind, so muss der Tee der Inbegriff der perfekten Harmonie sein. - Das war die Schlußfolgerung des ersten Tee-Literaten bzw. -Wissenschaftlers Chinas und später erkorenen "Teegotts", Lu Yu. Wobei diese Harmonie aber noch einmal durch die "Kultur des Tees" in sich selbst gesteigert wird, da sie erst durch "Einfachheit, Mäßigkeit und besonnenes Gleichgewicht zwischen den Hauptelementen" erreicht wird. - Das sollte man wissen, um die Quintessenz von tea, der Oper aus dem Jahr 2002 des zeitgenössischen Starkomponisten Tan Dun, vollends zu verstehen, die die Neue Oper Wien im Semper Depot unter Carlos Wagners tänzerisch-melodiöser Regie gerade aufführt.

Eine Musik, die Seelen reinigt

Aber auch ohne diese Vorkenntnis lässt sich erahnen: Tan Duns Musik kann Seelen reinigen. Die ganze Welt liegt darin und treibt in parallel laufenden, stilistisch eigenständigen Tonfolgen und -elementen ihr facettenreiches, vielfärbiges Spiel in harmonischer Ganzheit, wo westliche Gefühlsdramatik in wundersamer Symbiose mit gregorianisch-buddhistischem Mönchsgesang und Tempelklängen einher geht. Simpel gesehen schlägt sich die chinesische Herkunft und das New Yorker Lebensumfeld Tan Duns zu gleichen Teilen in seiner Musik nieder; sie ist jedoch "westlicher" als Libretto und Aufführungsatmosphäre des Stücks und schafft es, begeistert gesagt, als eine der ganz wenigen zeitgenössisch-melodischen Mischformen, in atonaler Struktur weder zu geistig-verloren abstrakt, noch zu spekulativ unterhaltend angepaßt zu sein. In sich stimmig ist diese Musik sowohl höchst neu, modern, edel, als auch rhythmisch, lautmalerisch, emotional - weil sie - neben dem Ineinanderfließen von Geschichte, Text und Musik - nach dem, von Tan Dun bezeichneten "organischen" Musikkonzept funktioniert: Im ersten Akt plätschert Wasser (zu Feuer als Gegensatz) zu Dirigent Walter Kobéras exzellentem amadeus ensemble-wien - als Kunde der Wiedergeburt -, im zweiten verbreitet Papier-Wedeln die Kunde des Windes, im dritten Akt bereiten geschlagene Steine und Keramik-Töpfe die Kunde des Schicksals.

Vom Maß der gesunden Liebe

Materie und Geist fließen demnach in die Musik ein, so wie sie als Diskussionsgegenstand im Libretto von Tan Dun und des Chinesen Xu Ying dominieren: im Stil zwischen traditionell westlicher und chinesischer Oper, von No- und Kabuki-Theater verstecken sie sich in der fiktionalen Geschichte vom Geschwisterpaar, der chinesischen Prinzessin Lan (die intelligent und leidenschaftlich schön singende Sopranistin Cornelia Horak) und ihres Bruders (der lyrische Tenor Alexander Kaimbacher), der seine Liebe zu ihr verteidigt, als sich der japanische Mönch Seikyo (Bariton mit Fähigkeit zur Kopfstimmen-Jonglierung Klemens Sander) ernsthaft um sie bemüht. Dass die Geschwisterliebe seitens Bruder bereits das gesunde Maß von "Ausgewogenheit" verloren hat, liegt auf der Hand. Denn er trägt doppeldeutig immer wieder eine chinesische Affenmaske, was einerseits sein krankhaftes Festhalten an die gemeinsame Kinderzeit beim Spielen, andererseits seine aggressive Tarnung ausdrückt. Diese kranke Liebe ist dann trauriger Ausgangspunkt für eine weitere Unmäßigkeit, die selbst Mönch Seikyo ergreift. Denn er provoziert den Prinzen, indem er sagt, "dein Buch vom Tee ist eine Fälschung". - Sonst würde er ja kaum das falsche Maß von Tee (von Liebe) pflegen. - Und Seikyo muss sich aufmachen, um das "echte" Buch zu finden, um ihm das gesunde Maß zu beweisen.

Lan begleitet Seikyo. Auf einer drachenähnlichen Flugzeugsänfte mit zwei Passagierstühlen, wo es auch einen Steward gibt, der ihnen auf überhöhte Weise die Sicherheitsregeln beibringt - die einzige komische Stelle im Stück - reisen sie ins Ungewisse. In immer schneller werdender Drehung wird das aber auch der Platz ihrer ausgelebten Liebe und Leidenschaft. Einblicke auf Busen und Bein Lans und Kussszenen verdeutlichen raffiniert ihre Romantik, während die Windgeräusche lauter werden, und grüne Blätter von der Decke fallen. Kurz erinnert die Musik an Strawinsky als die Liebenden schließlich zur Tochter des Teegottes Lu Yu gelangen, der Ritualistin (Maren Engelhardt - einmal in mythisch-zerzauster, einmal in klerikal-gepflegter Montur), der von ihrem Vater aufgetragen wurde, Seikyo das Buch zu überreichen. Doch Lans, auf einer Liane herein gesprungener Bruder erträgt die Wahrheit nicht und fordert Seikyo zum Schwertkampf auf. In den traditionellen Kampftanz wirft sich Lan. Sie wird dabei von der Klinge getroffen. - Erst ihr Tod bringt die beiden Männer zur Einsicht, doch dem Kaiservater (schöner, bedrohlicher Bass Steven Gallop) bleibt nur die Trauer: "Ohne Dich ist das Leben lebendiger Tod!"

Tee ist der Spiegel der Seele

Zu Harvenklängen und Orchester singen die Mönche rituell und mit gesprochenen Tonspitzen wie "kkkkkkk" oder "sssssss", während sie im Kreis sitzen. Gehen sie, schweben Gesangsfetzen in unterschiedlicher Lautstärke und Betonung an den Ohren der - wie im Amphitheater - aufgereihten Zuschauer vorbei. Der Sandstein kitzelt unter den Füßen der Sänger in nacktschultrigem, weißem Binde- und Kittelgewand (Bühne und Kostüme Christof Cremer); denn der Sand ist die Materie, die zum Ausgleich führt wie der Tee. Beides sagt: Sowohl im ehrgeizen Erkenntnisstreben gibt es den Fanatismus, als auch in der Liebe (Zitat: "... wenn du weniger liebtest..."). Und nur die Natur und der bewußte Umgang mit ihren Elementen kann zur gesunden Ausgewogenheit führen. Die Eifersucht ist meist das erste Signal zum bewußten Erkennen. Man sollte jene nur so weit zulassen, um zu wissen, "man liebt", "man will". Kommen dem Menschen beim Servieren von Tee - wie wahrscheinlich Seikyo zu Beginn und Ende des Stücks - solche Gedanken, so wird er feststellen: "Tee zu servieren, ist das schwerste". Denn bereits hier muss die maßlose Liebe, das maßlose Streben, durch Besinnung unterdrückt werden. Deshalb ist auch der Tee, gleich dem Untertitel der Oper: "der Spiegel der Seele". Also: nicht zu lang ziehen lassen! Ist er bitter, hat die Seele Schrammen - dann wird´s mit Liebe und Beruf sicher nichts! e.o.


DAS URTEIL EINE DURCH UND DURCH BEDACHTE KOMPOSITION SEITENS MUSIK UND LIBRETTO: SEHR PRÄZISE ERARBEITET VOM TEAM, AUFWÜHLEND GESUNGEN. DOCH NUR, WER DIE SYNOPSIS KENNT, WIRD DIESEN SCHATZ ZUR GÄNZE MITBEKOMMEN. SELBST WENN DIE MUSIK ALLEIN VERZAUBERT.

OPER tea * Von: Tan Dun & Xu Ying (Co-Libretto) * Regie. Carlos Wagner * Dirigent: Walter Kobéra * Bühne: Christof Cremer * Mit: Klemens Sander, Cornelia Horak, Alexander Kaimbacher, Steven Gallop, Maren Engelhardt, u.a. * Mit: amadeus ensemble-wien * Ort: Semper Depot Wien * Zeit: 18., 20., 21., 22.9.2007: 20h30

Sunday, July 15, 2007

OPER: JOHANNES ERATH FÜR EXZESSIVES WAHNSINNS-"TRIPTYCHON" SCHEDLS

Der Tod lauert im 1. Weltkrieg von außen auf dem Liebespaar Pierre (Alexander Kaimbacher) et Luce (Isabel Marxgut), die zur Schlachtbank kommen wie "Osterlämmer".

Der 2. Weltkrieg hat dem Kontrabass-isten (Gerhard Karzel) seine Frau genommen, sodass er wegen dieser "unheilbaren Wunde" wahnsinnig wird.

Aber auch ohne Kriege werden die Leute aus perverser Lust (an Hitler) wahnsinnig - wie in S.C.H.A.S.. Oder depressiv, wie Komponist Gerhard Schedl. (Fotos © Armin Bardel)


MUSEUMSQUARTIER - NEUE OPER WIEN HABEN DEPRESSION UND SINN FÜR WAHNSINN ETWAS MITEINANDER ZU TUN? - DAS LÄSST DIE BIOGRAFIE DES KOMPONISTEN GERHARD SCHEDL OFFEN, DESSEN TRIPTYCHON JOHANNES ERATH GROTESK INSZENIERT

Es ist interessant, dass Komponist Gerhard Schedl die hoffnungsvollste und dabei aber heimtückischste Oper seines Triptychons, Teil 1 Pierre et Luce, als letztes komponierte: nämlich 1990, während er Teil 3 S.C.H.A.S. 1989, und Teil 2 Kontrabaß schon 1982 geschaffen hat. Und das alles aber zehn Jahre, bevor er sich 2000 nach immer stärker werdender Depression das Leben nahm. Das zeigt doch, dass es in einem zur Melancholie geneigten Leben, immer wieder selbstmotivierte Hau-Rucks zum romantischen Lebenswillen gibt. Und das sollten sich ähnlich Veranlagte ganz groß vor Augen halten: nämlich dass es immer wieder aufwärts gehen kann.

Dass wir das überhaupt erwähnen, soll Künstlern, die sich im irrealen Zustand der Schaffensphase im Detail verlieren - und die damit auch den realistischen Halt, die Sicherheit verlieren -, das Gefühl geben, dass sie für ihren durchlaufenen Psycho-Trip geliebt werden; und was für sie noch viel wichtiger sein wird: dass sie darin auch verstanden werden. Nicht von allen Menschen - denn Leute, die "Ja" sagen, obwohl sie nichts verstehen oder empfinden, sind meist in der Überzahl. Diese Tatsache der realen Anerkennung als Wert, müßte dann auch der Anker sein, an dem sich der Künstler als sinnvolle Existenz innerhalb der Menschheit festmachen kann. Der Trip hat seinen Sinn, doch muß man daraus auch wieder erwachen können.

Kunst und Musik als Hoffnung und Kraftakt im Leben Gerhard Schedls

Die Schaffensreise und der hohe Anspruch an sich selbst sind bei einem Fantasie-Menschen wie Gerhard Schedl (geb: 05.08.1957 - Sternbild Löwe, gest. 30.11.2000) während der Komposition, nachvollziehbar komplex. Denn beides ist an seiner detailreichen, je nach Thema gezielt theatralen Musik zu hören. Wobei Schedl lange visionär zuversichtlich und bestimmt meint: "Dass das Experiment von Anfang an nicht meine Sache war, gebe ich zu, dass dagegen Kunst als utopisches Potential menschlicher Träume und Hoffnungen formuliert wird, dazu stehe ich." Die vorkommenden Gefühle in Triptychon, das als bitterböse Farce endet und als zartes Liebstraumspiel beginnt, erlebt Schedl in sich - wie gesagt - während des Komponierens umgekehrt.

Zugunsten des theatralen Themas pflegte Schedl musikalische Traditionen und brach sie wieder: mit "Lust am expressiven Klang, gesteigerter Dramatik, durchdachter Konstruktion, dem bewußten Experiment mit Zahlen, Intervallen, Symbolen, Techniken und dem plakativen Reiz emotionaler Darstellungsformen". Das zarte Lauschen in der Stille, das ungebändigte Aufschreien, der resignative Abgesang, die großen wilden pathetischen Gesten, die Schönheit des durchdachten Details . . . all das gibt es bei Schedl: "Es treibt mich an und zwingt mich, am weiten Material zeitgenössischer Ausdrucksmittel mich immer wieder neu zu versuchen", sagt er. - Musik, Kunst als Sucht und selbsthinterfragende Qual zugleich: um immer neue Geheimnisse darin zu entdecken, gibt sich dem der Künstler hin und wird sich dennoch immer nur auf eine Entscheidung beschränken können. Darauf, was er für sein aktuelles Werk verwenden kann. Mit der Entscheidung, fällt aber auch das Gefühl für das Große, die Energie auf einen Schlag in sich zusammen. Die Suche scheint viel wichtiger als das Ziel. - Diese Erkenntnis kann zu jener Depression führen, vor der sich alle Künstler fürchten.

Doch je intensiver der Betrachter und Hörer im Werk letztendlich noch die Energie des Antriebs ausmachen kann, desto größer ist wohl die Leistung des Künstlers, und war auch sein Kraftakt im Schaffungsprozeß, zu messen am persönlichen Einsatz, bei all den bewußt wahrgenommenen Möglichkeiten, "präzise" zu sein. - Diese Anstrengung, die bestimmt auch Gehirn und Seele des Menschen strapaziert, ist in Schedls Musik definitiv zu hören und zu spüren.

Triptychon - vom Romantikwillen zur Ohnmacht

Der erst 31-jährige deutsche Regisseur Johannes Erath hat die Trilogie für die Neue Oper Wien als Steigerung in die Ohnmacht angelegt, und das Publikum ist als passiv-sitzender Statist auf der Bühne live dabei. Es ist quasi Besucher eines Cafés an Tischen, wo es sogar Getränke serviert bekommt. Da, wo normalerweise im Museumsquartier, Halle G, die Zuschauerreihen sind, befindet sich die Zweitbühne, sodass der Zuschauer ab und zu auch wieder "Zuschauer" ist, wenn die Darsteller rüberwechseln. Zuerst, im romantischsten Stück Pierre et Luce: Die Osterlämmer, das in einer Art weißer Wolkenlandschaft spielt, mit weißen Kostümen und Tüchern, wo ein - mit verbundenen Augen - einander vertrauendes Liebespaar in Paris im ersten Weltkrieg zu Ostern in einer Kathedrale heiraten will. Nur dass der heranrückende Krieg seine Bombe platziert, womit das Glück von außen zerstört wird. Dementsprechend neigt die Musik zu romantisch-tonalem Klang intim-sphärischer Entrückung und wird darin ständig unterbrochen. So wie der Satz im Dialog des Paares suggeriert: "Vor der Auferstehung kommt das Sterben."

Der Untergang liegt also bereits im Glückszustand in der Luft, er ist nur, bis auf den Knall am Schluß, kaum zu erkennen, weil Isabel Marxgut und Alexander Kaimbacher, umgeben von weißen Vogelfedern, durchgehend hingegeben schwelgen. Das ist dramaturgisch und musikalisch - bei drei Streichern, Oboe, Klarinette, Horn(!) und Harfe(!) sogar ein wenig eintönig. So wie es puristisch-schön aufgemotzter Kitsch nun mal ist. Makabrer Weise.

Kontrabass mit übergroßer Wunde

Im Kontrabass kommt die Spannung in gesteigerter Abnormalität dagegen auf ihre Kosten. Das fängt damit an, dass Schedl typisch detailbesessen für seine jazzig-atonale Rhythmik eine völlig andere Instrumentation benutzt: 6 Vionloncelli, einen Kontrabass und Schlagwerk mit Pauken und Trommeln (Xylophon?). Begann das erste Stück in der Metro (unter den Zuschauern), so steht derselbe Ort nun für ein Bahnhofscafe - zu erkennen an Lautsprecher-Durchsagen -, wo sich das Pärchen Isabel Marxgut und Gernot Heinrich zum Frühstück trifft. Das ist nun schauspielerisch weniger lyrisch wie zuvor, als realistisch - und von beiden wirklich gut gespielt. Besonders Heinrich ist ein echter Sänger-"Schauspieler".

Getoppt wird sein Spiel nur vom diesbezüglich einschlägigen Profi Gerhard Karzel, der sich als Kontrabassist "Silbermann" in fein-säuberlichem Anzug zum jungen Paar setzt, und zwischen Irrsinn und Aufdringlichkeit unheimliche Atmosphäre verströmt. Er bestellt Kaffee für seine "Frau", die er während des zweiten Weltkriegs im Bombenhagel von Dresden verloren hat. Die Jungen halten ihn - bei gezogen-betrunkenen Tönen - für betrunken, begreifen in ihrer Naivität seine "Wunde" nicht, die aber so überdimensional im Raum steht, weil sich plötzlich vier weitere "Silbermanns" - alle mit anderem psychischen und körperlichen Leiden - zu den Zuschauern an die Tische setzen. Selbst die Kontrabassistin des amadeus-ensemble-wien, Caroline Menke, trägt das Kostüm Silbermanns. - Es herrscht in jedem beklommene Stimmung, sodass das Mädchen nur noch verstört weinen, der Junge vor Angst schreien muss.

S.C.H.A.S. als irrwitziges Mißtrauen auf die Menschheit

Im Stil des absurden Theater, wo Nonsense-Texte in rhythmischer Steigerung echte Gefühle ausdrücken, ist S.C.H.A.S. nach dem Gleichnis von H.C. Artmann Erlauben, Schas, sehr heiß bitte! angelegt. Und das ist nun so exzessiv schräg umgesetzt, und von Gernot Heinrich als Kellner so herausragend gelungen wahnsinnig gespielt, dass es schon wieder lustig ist. Selbst wenn anfangs Eugeniy Chevkenov als zigeunerisch-jüdischer Stehgeiger gleich klar macht, dass es hier auch um rassistische Degradierung geht. Wobei dieser Musiker vom Gast "Herr Lackl" (expressiv: Andreas Jankowitsch) im nun Wiener Lokal, als "jüdelach" wie ein Konsumobjekt, gleich dem Getränk "Schas mit Schlag", bestellt wird - Zitat: "Spiel, Jud, a Loch!"

Als nun noch ein Pärchen mit Namensmetaphern für Engel und Teufel herein kommt, eskaliert das Ganze, weil dem unwirschen Gast das Warten auf den Jud zu lang wird und er mit "Dolpherl", seinem Freund, droht, während daneben eine unwirsche Sexszene unter dem Pärchen, Gästen und vielen, wahnsinnigen Kellnern abrennt. - Kellner Josef treibt es etwa mit einer Kloschüssel. - Hitler steht als Ersatz für sexuelle Befriedigung und haltlosen Exzess - als Prinzip für die Schwäche des Menschen. Denn all diese triebgesteuerten Menschen beruhigen sich erst, als sie tatsächlich unisono im Hitlergruß dem Licht in einem Tunnel entgegen steuern: und da kommt dann der erlösende Hitler in Miniaturformat heraus getragen: als infantiles, lächelndes Kind.

Und das erschreckende Fazit nach alledem ist nun aber: je mißmutiger, pessimistischer und wahnsinniger die Musik und das Stück eines Gerhard Schedl wird, desto spannender und unterhaltsamer ist es für das Publikum. Wenn der Preis für diese Originalität aber echte Depression und Selbstmord bedeutet, kann es auch gerne anders laufen ... h.o./e.o


DAS URTEIL KOMPONIST SCHEDL AUF PSYCHOTRIP, ORIGINELL UND ERLEBNISREICH VON JOHANNES ERATH INSZENIERT UND VON STEFAN HEINRICHS AUSGESTATTET, STIMMIG VON WALTER KOBÉRA DIRIGIERT. - EIN UNTERHALTSAMER DEPRESSIONSEXZESS.

Sunday, January 28, 2007

OPER: GIL MEHMERTS UND RICHARD DÜNSERS POLITICAL KORREKTER "RADEK"

Das ist der "Dank": Der Einsatz für verschiedene Kommunismus-Ideologien - wobei Stalin kurz auch mal mit Hitler paktiert -, bringt den opportunistischen Fanatiker Radek ins sibirische Gefängnis. Foto ©andereart


NEUE OPER WIEN, MUSEUMSQUARTIER RICHARD DÜNSERS OPER RADEK - EIN PORTRÄT DES JÜDISCHEN DEMAGOGEN ZWISCHEN LINKS UND RECHTS - IST BEI GIL MEHMERT EIN KONVENTIONS-STATEMENT DER ANKLAGE UND BEDAUERUNG

Was bleibt, ist die Sicht auf einen politisch-radikalen Menschen, wie wir ihn gelernt haben zu sehen, oder besser, zu bewerten. Diese Sicht dominiert das ganze Stück über. Kein Verständnis für den Fanatiker Karl Radek. Selbst wenn zwischen 1900 und 1945 viele Leute zum Fanatismus neigten und dafür Beachtung fanden. Diese Tatsache wird in der Kammeroper Radek nach dem Libretto von Thomas Höft vernachlässigt. Obwohl nur über sie verständlich würde, wie ein Mensch so leidenschaftlich für Überzeugungen leben und manipulieren kann, wobei ihm der Einsatz und das "Machen" vordergründig wichtiger zu sein schienen, als die Sache selbst.

Im Grunde suchte dieser Karl Radek Erfolg. Genauso wie es jeder anerkannte Business- bzw. Werbemensch unter uns tut, wenn er heute "die" Marke und morgen jene der Konkurrenz zum Absatzrenner pusht. Dafür bekommt er Geld, Applaus, Frauen und den nächsten Auftrag. Er ist also ein großer Mann. - Auch dieses Verhalten ist Politik, nur wird es nicht als solches erkannt.

Ideologe mit Wendehalsbiografie

Karl Radek (eigentlich Karl Sobelsohn) machte sich als galizischer Jude - 1885 in armen, kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren - zuerst für die Sozialisten stark. Dafür kam er 1905 ein Jahr ins Gefängnis. Von der SPD wurde er zwei Jahre später in Deutschland ausgeschlossen. 1914 fand er eine neue geistige Heimat: bei Lenin. Er gründete zusammen mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die KPD. - Eine Wende, die viele hoffnungsvolle Freigeister eingeschlagen hatten. - 1922 war Radek Mitglied der Kommunistischen Partei in Moskau, wovon er 1924 wegen Unterstützung Trotzkis ausgeschlossen wurde. Und dann folgte 1929 das, was man ihm heute - charakterlich gesehen - am meisten ankreidet: Radek unterwarf sich Stalin. Dafür wurde er begnadigt. Im Zuge des Pakts zwischen Stalin und Hitler, warb Radek folglich für Hitler und die Nationalsozialisten. 1937 wurde er im 2. Moskauer Schauprozess zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Doch schon 1939 starb er im sibirischen Lager - ermordet.

Wendehals wie heutige Welchselpolitiker

Karl Radek gilt als Wendehals sondergleichen. Wie es heutige Wechselwähler oder Wechselpolitiker sein mögen... Für Juden war das in vielen (kommunistisch gewordenen) Ländern Europas bis lange nach dem 2. Weltkrieg (!) allerdings eine Frage des Überlebens. - Etliche jüdischen Filme handeln in bitterer Selbstironie davon. Aber bei diesem Opern-Radek, der bei den Bregenzer Festspielen 2006 uraufgeführt wurde, bleibt nichts als Anklage. Die gut durchdachte a- und tonale Musik des Vorarlberger Komponisten Richard Dünser ist mit musikalischen Zitaten bekannter Musikstücke und -genre dem Geschehen in puristisch-surrealer Regie Gil Mehmerts untergeordnet.

Rückblenden aus dem Gefängnis

Die ganze Geschichte spielt 1937 im sibirischen Gefängnislager auf karger Bühne, wo Radek mit den Gefangenen sein Leben inszeniert. Als Kind ist Karl ein Außenseiter, mit dem niemand spielen möchte, weil er immer alles umhaut. Die familiäre Armseligkeit ist ihm "zu klein, das ist kein Leben", sagt er, "ich bin der Messias". - "Du bist krank", antwortet seine Mutter.

Zeitsprung: Über eine Doppelfigur schaut sich Karl Radek (ambitioniert: Georg Nigl) selbst zu, wie er vom sozialen Lebensumfeld (der KZ-Aufsicht?) gedemütigt wird. Lichter leuchten zu seinen politisch geschrieenen Ideologien, die ihm als Halt dien(t)en, "Krieg, das ist gut!", scheint ihm die nötige Konsequenz zu sein. Doch ein Koffer steht symbolisch für die Durchläufigkeit seiner Gesinnung und der Kriege.
Privat verläßt Radek indessen seine Ehefrau Rose für die Politik, wegen der er wiederum später selbst von seiner Geliebten Larissa verlassen wird.

Dann der entscheidende Moment, der bis heute verwundert: Radek singt: "Was ist Deine Revolution? Braune marschieren durch Berlin. Sind die Braunen nicht auch Sozialisten?" So kommt es, dass er in jiddischer Propaganda fidelt, während Hitler mit deutscher Nazi-Fahne und Stalin mit kommunistischer Fahne wedeln. Beide Führer grüßen mit ihren jeweils typischen Handzeichen, begleitet vom dirigierenden Radek und verdoppelt durch das Echt-Dirigat Walter Kobéras hinter Radeks Rücken. Da es ihm so am besten zu gehen scheint, mausert sich Radek also zum guten Freund Stalins (Stefan Cerny mit Countertenor-Stimme), indem er zu Jazz-Samba-Rhythmen mit ihm Schach spielt. Währendessen wird sein einstiger Freund Trotzki (auf Auftrag Stalins, was allerdings chronologisch erst viel später geschah) erstochen, der zuvor geplant hatte, Stalin ermorden zu lassen.

Zeitsprung: Radek wird des Vaterlandsverrats verurteilt und nimmt das Urteil an. Sein verworrenes Gedankengebäude fällt als Steinschlag in sich zusammen. "Es ist kalt hier", sind die letzten Worte des Opportunisten. e.o.


DAS URTEIL POLITICAL KORREKTE NEUE OPER, DIE GENAU DAS BILD VON KARL RADEK ZEIGT, DAS SICH EIN EUROPÄER ERWARTET. DIE MUSIK UNTERSTREICHT DIE HANDLUNG UND IST EBENFALLS POLITICAL KORREKT - ALSO EHER UNAUFFÄLLIG.

OPER Radek * Kammeroper von Richard Dünser * Regie: Gil Mehmert * Musikalische Leitung: Walter Kobéra * Mit: Georg Nigl, Rebecca Nelsen, Anna Clare Hauf, Bernhard Landauer, Manfred Equiluz, Stefan Cerny * Wiener Concert-Verein * Ort: MuseumsQuartier, Halle E * Zeit: 25.-29.1.07, 20.00 h
* Ort: Nederlands Kameropera Festival in Zwolle/NL * Zeit: 18.4.2007