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Saturday, August 30, 2008

OPER: ERNST KRENEKs "KARL V." ALLZEIT-ERMAHNEND BEI UWE ERIC LAUFENBERG



















"Lehrer" Karl V. hat sich in seiner Verantwortung nicht nur vor dem Gemälde "Jüngstes Gericht" und damit Gott (seinem Gewissen) zu stellen ...

... sondern auch als Historiengestalt dem "lernenden Menschennachwuchs", der ihn bestenfalls nicht zum Vorbild nehmen sollte.

Denn sonst wird sich der Mensch wie in allen Jahrhunderten zuvor, - von seinen Trieben geleitet - militant nehmen, was ihm nur vordergründig zu nützen und seine Macht ebenso zu befriedigen scheint. Wie hier die verschacherte Schwester Eleonore (Nicola Beller Carbone) als symbolisches "Frauenobjekt" der Begierde.













Die groteske globale Kugel wirkt zwar ästhetisch schön, der Traum vom Weltreich muss aber anders ausgelebt werden: in der menschlichen Größe der Humanität vielleicht - das weiß der sterbende Karl V. (Fotos © Bregenzer Festspiele / Karl Forster)


FESTSPIELHAUS - BREGENZER FESTSPIELE UWE ERIC LAUFENBERG MACHT DIE PACKENDE HISTORIENGESTALT KARL V. IN ERNST KRENEKS ZWÖLFTONOPER ZUM AUSGEBUHTEN LEHRER DER 30-er JAHRE

Man wundert sich zuweilen ob der in Ignoranz "gekleideten" Unkultur sogenannter Kritiker. Auf einen privat seit fünfzig Jahren chorisch tenor-singenden Musikliebhaber, der sich nun in der Funktion eines ebensolchen Opernbeschreibers wiederfindet, macht so eine Person, die während der heuer von den Bregenzer Festspielen aufgespürten Opernrarität Karl V. (Uraufführung 1938 in Prag) durchgehend schläft, einen nicht gerade überzeugenden Eindruck. Ich dagegen kann für meine Person versichern, mich zu diesem Behufe in einen meiner "besten Anzüge samt weißen Hemdes" geschmissen zu haben. Sollte das "die alte Generation" repräsentieren, dann gehöre ich gerne dazu. Denn "wach" dem Anlaß entsprechend eingestellt und aufgewertet, sollte der Anlaß im besten Fall so besonders sein wie das ins Innere gekehrte Äußere des Kritikers selbst. Ernst Kreneks durchgehende Zwölftonoper - die erste der Operngeschichte - hat vielleicht deshalb tatsächlich einen bleibenden Effekt hinterlassen. Da kann der Mensch daneben noch so schnarchen, diese sehr eigentümliche, lebhaft von Lothar Koenigs dirigierte und von den Wiener Symphonikern gespielte Musik wird in der Erinnerung haften bleiben. So ungewöhnlich, dass sie verblüfft. Bei Tonfolgen, die zu einer akustisch vor allem dramatischen Schönheit finden, obwohl und weil sie weit von dem entfernt ist, wovon man sonst in der zeitgenössischen Oper hört. Dem leidenschaftlichen Chorsänger fällt natürlich zuerst der vielfältig und häufigst eingesetzte Solisten-Chor Camerata Silesia aus dem polnischen Katowice, einstudiert von Anna Szostak, auf, der von Schülern, Studenten bis zu Soldaten alles zu verkörpern hat. - Wie dieser den gewaltigen Text bei einer nicht gerade einfachen Melodie auswendig singt, ist schlicht gesagt eine Wucht.

Von der Gesangswucht zur subtil-doppeldeutigen Charakter-Dramaturgie

Hingegen subtil schön ist, dass diese Soldaten und Studenten keine von einander getrennten Menschengruppen repräsentieren. Regisseur Uwe Eric Laufenberg nimmt diese Besetzung bewußt vor, um zu betonen, dass zwischen den von einem Typus verkörperten Charakteren Verbindungen und psychologische Folgewirkungen quer durch die Jahrhunderte bestehen. Was dazu dient, ewige Mechanismen der Demagogie und Pädagogik zu entlarven, mit mehr oder weniger starken Kontrast-Ausscherungen zu Religion als moralische Instanz (Jüngstes Gericht) und Erotik als machtpervertierte Liebe. Da wäre zuerst die neu eingeführte "Lehrerfigur" vor der Schultafel, die bei den mit dem Rücken zum Publikum sitzenden Studenten in Kleidern aus den 30er Jahren einen Geschichtsunterricht hinsichtlich Politik und Religion abhält, in Wahrheit (im Urstoff von Anfang an) aber Karl V. entspricht, der dem jungen Beichtvater (eine von vier Sprechrollen) Juan de Regla (Moritz Führmann) nach seiner Thron-Entsagung im Kloster sein Leben und Wirken beichtet. - Diese Offenlegung im insgesamt eher puristischen Bühnenbild von Gisbert Jäkel erfährt der Besucher in Bregenz erst nach der Pause, wenn dem "Professor" als aufgebahrtem Kaiser abermals seine Geschichte vor den Augen abläuft. - Jene geisterhaften Lebensimpressionen, die einem Sterbenden bekanntlich kurz vor dem Tod erscheinen: Karl begegnen so seine wahnsinnige Mutter Juanna, Martin Luther als populärer, protestantischer Glaubensgegner, Papst Clemens VII., sowie neben anderen (Kriegs)figuren - auch solche, die im Zuge des Expansionsdrangs Karls ihr Leben ließen - Franz 1. von Frankreich, der die Uneigennützigkeit von Karl nicht versteht und deshalb von Karl bekämpft und gefangen genommen werden musste. Eine zusätzlich doppeldeutige Irritation - nämlich klanglich und charakterinterpretatorisch - schafft in dieser "Beichtsituation" ein "stotternder" Leibarzt, der Karl nicht mehr helfen kann. Selbst wenn jener kurzfristig wieder zu sich kommt und noch einmal stirbt, nachdem er schon einmal gestorben schien. Es wirkt wie ein langer, schwerer Kampf um die innere Ruhe, um endgültig aus dem Leben gehen zu können ...

Lehre aus der Geschichte wörtlich genommen

Das Sprichwort "die Lehre von der G´schicht" scheint dem Regisseur so am Herzen zu liegen, dass er es wortwörtlich und erweitert als "Lehre aus der Geschichte" auf die Bühne gestellt hat. Als wolle er sagen: Hätten die Menschen (Schüler) in den 30er Jahren, als Krenek vor dem aufkommenden Nationalsozialismus und dem ideologischen Welteroberer Adolf Hitler diese Oper schrieb, eine derartige Pädagogik erfahren und bereits zu diesem Zeitpunkt - wie hier der Studentenchor gegen die Eroberungspolitik eines Weltführers (Karl V.) - aufgeschrien, dann wäre es nie zu einem Krieg gekommen. Dann könnten derartige, ideologisch "selbstüberzeugt und (für sich selbst) gut" gemeinten Parolen eines jeweiligen Ideologen zur Einigung / Vereinheitlichung kaum fruchten - egal ob im Sinne der katholischen Religion als Weltfrieden eines Karl V. oder der "besseren nationalsozialistischen Herrenrasse" eines Hitlers ... oder ob im Sinne wirtschaftskapitalistischer, globaler oder auch nur EU-pauschal-weiter Interessen wie heute.....womit wir - sehr subtil angedeutet - auch im politischen Jetzt gelandet sind.

Auf dritter Ebene steht die rebellische Studentenreaktion schließlich noch für die generelle Ablehnung des derzeit bestehenden Schulwesens, das keine Menschen mit Zivilcourage und humaner Eigenmeinung hervor zu bringen vermag. Das betont dezidiert eine Szene im zweiten Akt, wo aus den Studenten Soldaten geworden sind, die Karls Schwester Eleonore (schöner Sopran: Nicola Beller Carbone) sexuell mißbrauchen - eine Metapher dafür, dass Bruder Karl sie (als Frau) zugunsten der Weltpolitik mit seinem "Feind" Franz I. von Frankreich verkuppelte und jenen dann im Säbelgefecht wegen einer Liebesaffäre mit einer anderen tötete. - So viel Blut am Ende des Lebens lässt Karl einsichtig werden: Er will nicht mehr kämpfen und ächzt: "Der wahre Weise soll die Welt ihren Weg gehen lassen, ohne einzugreifen."

Assoziation zum Weltreich im globalen Heute

Trotz Aufforderung seines Bruders Ferdinand, das gefährdete Reich zu retten, entsagt Karl noch der Weltreich-Idee, bevor er stirbt. Karl V., den Bariton Dietrich Henschel als magerer Professor expressiv verunsichert interpretiert, hinterlässt als mächtige Historiengestalt somit einmal mehr die Erkenntnis, dass ein Weltreich nur so lange einigermaßen harmonisch zu halten ist, sofern es - wie bei ihm selbst - durch glückliche Heirat und Erbschaft gewonnen wurde. Sobald jedoch mit kriegerischem Gedanken "noch mehr" gewollt wird, ist es auch schon zum Untergang verurteilt. Ob das heutige Motiv des "Marktes" bessere Chancen hat? ... Nichts Gutes verheißt jedenfalls die rollende, schwarze Riesenkugel über dem und um den sterbenden Staatsmann als satirisch aberwitziges und mahnungsvolles "Global-Symbol"...

So viel von einem alten Mann, der wach geblieben ist, zu einem von vielen jungen Männern, die es vorziehen zu schlafen ...
Kritiker: Josef Oberhuber (Red. e.o.)


DAS URTEIL KRENEKS SEHR EIGENE MUSIK MIT GROSSARTIGEM CHOR LÄSST EINEN WUNDERN, WIE SICH GLOBALER EXPANSIONSDRANG ÜBERHAUPT ENTWICKELN KANN: WELTENHERRSCHER KARL V. WIRD ZUR TRAUERGESTALT.

OPER Karl V. * Von: Ernst Krenek * Regie: Uwe Eric Laufenberg * Dirigat: Lothar Koenigs * Mit: Wiener Symphonikern * Mit: Sängerensemble Katowice - Camerata Silesia - Chorleitung: Anna Szostak * Mit: Dietrich Henschel, Dietrich Henschel, Chariklia Mavropoulou, Nicola Beller Carbone, Hubert Francis, Cassandra McConnell, Moritz Führmann, Christoph Homberger, Matthias Klink, Alexander Mayr, Thomas Johannes Mayer, Cassandra McConnell, Katia Velletaz, Chariklia Mavropoulou, Katrin Wundsam * Ort: Bregenzer Festspielhaus * Zeit: 27.7.-3.8.2008

Wednesday, August 08, 2007

MUSIK: SCHOSTAKOWITSCH LEBT IN LOTHAR KOENIGS MEHR ALS BRITTEN

Lothar Koenigs versteht Schostakowitsch sichtlich als ...

...dramatischen Komponisten: dementsprechend erlebt er ihn als Dirigent. (Fotos © Mark Wohlrab)


FESTSPIELHAUS - BREGENZER FESTSPIELE DIRIGENT LOTHAR KOENIGS GERÄT BEI SCHOSTAKOWITSCH INS FILMISCHE ERLEBEN - EIN HOCHGENUSS MIT DEN WIENER SYMPHONIKERN, WÄHREND BRITTEN ETWAS ZU KURZ KAM

Perfekt arrangiert war das 2. Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker im Festspielhaus während der Bregenzer Festspiele. Nicht nur dass sich die drei gespielten Komponisten Aaron Copland, Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch zu Lebzeiten schätzend bis amikal gegenüber standen, sie haben auch alle drei zur ziemlich selben Zeit Werke geschrieben, deren Elemente sich zu überschneiden scheinen. Und das, obwohl sie aus verschiedenen Kontinenten stammen. Wie es die Zeit des Zweiten Weltkriegs aber an sich hatte, vermochte sie (der Krieg) es, Künstler auf der ganzen Welt zur kompositorischen "Kommunikation" zu bewegen. - Logischerweise in "patriotischer" Weise, zum Teil direkt geradlinig, zum Teil verhalten, zum Teil doppelbödig genial. Eigenschaften, die der Reihenfolge nach Amerika (Copland), Großbritannien/Europa (Britten) und der Sowjetunion (Schostakowitsch) zuzuordnen wären.

Das Fanfaren-Vorspiel von Copland und Britten

D.h., mit drei Minuten schwindend kurz, mit scharf abwechselnden Pauken und Bläsern super präsent, gibt Coplands Fanfare For A Common Man, die er 1943 auf Auftrag des Cincinnati Symphony Orchestra geschrieben hat, den Auftakt und gleichsam das Leading-Thema des Abends vor. Aus amerikanischen Historienfilmen, wenn die Armee loszieht, nur allzu bekannt und damit heute als klischeehaft empfunden, scheint Britten dieser Art von "mit Mut, auf in den Krieg!" schon 1940 ein subtiles Begleitwerk beisteuern zu wollen - und das, obwohl er die Sinfonia Da Requiem op. 20 ebenso wie die Operette Paul Bunyan während seines vierjährigen Aufenthalts in Amerika erarbeitete: auf seine Fanfaren folgen schmerzliche Geigen. Ihre Phrase in Wiederholungen mit den Bläsern gleicht einem unaufhörlich traurigen Frage-Antwort-Spiel, das im erlösenden Pauken-Schlagwerk seinen Höhepunkt findet. Nach dem so genannten Lacrymosa leitet eine stakkatohafte Querflöte zusammen mit den Geigen den ungestümen Totentanz Dies irae als Zentrum der Komposition ein. Leise, aber sehr schnell und rhythmisch steigert sich der Takt, rasend schnell zu immer lauter werdendem Trompeten-Exzess, als hätte sich Strawinskys Feuervogel in der Partie verflogen. Doch das Finale klingt langsam beruhigend, mit lyrischer Querflöte als Requiem aeternam aus, es wächst noch einmal langsam zu Romantik und Fülle an, bevor es in ewigem Tod verstummt.

Der dramatische Höhepunkt bei Schostakowitsch

Mit Dmitri Schostakowitschs passagenweise pur instrumentierter Symphonie Nr.7 op.60 (Leningrader, 1942) erwacht Dirigent Lothar Koenigs nun vollauf, sodass auch er als Person zu spüren und nicht nur die Musikarchitektur nachvollziehbar ist. Und tatsächlich, der Aachener (geb. 1965) ist schon 2003 Kritikern mit Schostakowitsch-Interpretationen positiv aufgefallen. Diese Musik liegt ihm im Blut. Gefühl und Leben erfüllt die Noten. Tiefe rhythmische Streicher und hohe Geigen im Wiederholungsrhythmus, die Querflöte spielt ein verträumtes Solo, die Piccoloflöte fordert klagend ihr Moll, bevor mit leisestem Trommel-Schlagwerk ein subtiler Marsch anfängt. Der Kontrast der hohen Flöte, lieblich zweistimmig verschmiert mit einer zweiten, ergibt eine spannende Mischung zu den tiefen Streichern, die für den heimtückisch drängenden "Krieg" stehen, Titel des ersten Teils Allegretto. Als handle es sich um eine morbide Form des Bolero, wiederholt sich dieselbe Passage. Sie schwillt immer mehr an, immer dramatischer werdend erinnert sie an Prokofjews Filmmusik. Dieser so starke und herrschaftsorientierte Klang zeigt den widerstrebenden Blick des Komponisten auf die feindlichen Faschisten. Dagegen wehrt sich die zerbrechliche Querflöte zart und leise, bis die ganze Musik zum Stillstand kommt, während die Geigen in der Funktion von Schlagwerk den Rhythmus angeben. Zu dem Geigenmarsch fabuliert noch die Oboe in verträumtem Solo, als wolle sie sich vor der Gefahr verschließen.

Im zweiten Satz Moderato, poco allegretto unter dem Titel "Erinnerungen" schleicht sich in den subtil, auf zwei Tönen gestreichten Geigenrhythmus Zupfen ein, während Klarinette und Harve dazu spielen. Im Adagio "Die großen Lebensräume meines Vaterlandes" "stören" Trompeten fanfarenhaft als dramatischer Einbruch. Der Krieg treibt sein Unwesen. Dagegen ist etwas zu tun. Alles schreit nach "Sieg" in Allegro ma non troppo, im fließenden Kontrast von tiefen gegen hohe Geigen, die in windhaftem Auf und Ab zu ungestümem Wirbel anschwellen, bis die Trommeln laut, fordernd und doch behäbig im Paukenschlag ein für allemal ein Ende setzen. - So viele Farben in einem Werk, und dabei aber anspruchsvoll geistreich und zugleich rührend unterhaltsam zu sein - das schaffen auch nur die Russen. e.o./g.o.


DAS URTEIL EIN BEISPIEL, DASS EIN GELEBTES ORCHESTERKONZERT ZU DEN SCHÖNSTEN KUNSTEREIGNISSEN ÜBERHAUPT ZÄHLT: LOTHAR KOENIGS HAT EIN GROSSES GESPÜR FÜR SCHOSTAKOWITSCH, WÄHREND ER BRITTEN EHER MIT LOGIK BEGEGNET.

NÄCHSTE ORCHESTERKONZERTE:
Orchestermatinee: Schostakowitsch-Dünser-Britten-Schostakowitsch * Mit: Symphonieorchester Vorarlberg * Dirigent: Gérard Korsten * Mit: Benjamin Schmid, Violine * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 12.8.2007: 11h

Orchestermatinee: Britten-Britten-Schostakowitsch * Mit: Symphonieorchester des Bayrerischen Rundfunks * Dirigent: Mariss Jansons * Mit: Frank Peter Zimmermann, Violine * Ort: Festspielhaus Bregenz * Zeit: 19.8.2007: 11h

Monday, August 06, 2007

OPERETTE: NICHOLAS BROADHURST SCHEITERT AN "PAUL BUNYAN"

Es fängt vielversprechend an, mit dem Prolog der jungen Bäume, die zur großen amerikanischen Wirtschaftsmacht auswachsen wollen ...

... mit lustigen Holzfällern, die von Schildbürgern zu ernsten Arbeitern werden ...

... doch Cheerleader, Boxer, uvm., kippen von der absichtlichen Überzeichnung zum Lachen lediglich in grenzenlose Peinlichkeit. (Fotos © Bregenzer Festspiele/ Karl Forster)


KORNMARKTTHEATER - BREGENZER FESTSPIELE NICHOLAS BROADHURST STOPFT ALLES IN EINEN DEUTSCHEN PAUL BUNYAN, SODASS NICHT EINMAL MEHR BRITTENS MUSIK FUNKTIONIERT

Es fängt mit der Sicht auf das Baum-Bühnenbild der Gebrüder Quay vielversprechend an, aber der Gesang in deutscher Sprache ist bereits das Zeichen, dass die Inszenierung von Nicholas Broadhurst zu einem absoluten Schas ausarten wird. Versucht wird so etwas, wie eine Monty-Python-Überzeichnung, vom Werden und Gedeihen der amerikanischen Zivilisation, von der in Brittens Operette Paul Bunyan märchenhaft erzählt wird. Die beabsichtigt groteske Ironie ist allerdings nie zu spüren, sondern wird nur als geschmacklose Aneinanderreihung naiver Nummern empfunden. Was dieser österreichischen Erstaufführung im Bregenzer Kornmarkttheater sichtlich fehlt, ist die Distanz, damit der Effekt des Witzes greifen kann.

Paul Bunyan als deutscher Gott

Ein Paul Bunyan, mit der bühnendeutschen Gottesstimme des Schauspielers Helmut Krauss, die dummen Schildbürger aus Holzfällern, die dann zum Teil zu Zivilisten werden, die Eifersucht im Alltagskampf, die banal-oberflächlichen Liebenden mit zumindest einer auffällig guten Sängerin Gillian Keith als Tiny, der unpassend deutsche und gitarrespielende Barden-(Schlager)-Sänger als Erzähler Markus Pol in Cowboy-Indianer-Verkleidung zwischen den Szenen, und das Sauf- und Freßgelage am Ende, das dem Schlußbild eines Asterix-und-Obelix-Comics entnommen ist, sowie utopische Cheerleader, Boxer- und Raumfahrerfiguren zwischendurch von der Zukunft Amerikas als Wirtschaftsmacht als Running Gag - das alles wirkt überhaupt nicht, weil schon die Musik Brittens ohne jede Reflexion nummernhaft direkt komponiert ist.

Nicht gelungene Überzeichnung

Diese Musik (Brittens erste Musiktheater-Komposition), die von Steuart Bedford geradlinig dirigiert und vom Symphonieorcheser Vorarlberg beschwingt gespielt wurde, hätte also unbedingt eine reduzierte Form gebraucht, damit das naive, in der Handlung bereits üppige Werk insgesamt halbwegs erträglich kommt. Doch auch noch die Choregrafie von Struan Leslie ist platt und ohne Raffinesse. Damit wird der ganze Abend zur Qual, und wäre nicht eine Kritik zu schreiben, würde ich normalerweise aus Protest aufstehen und vorzeitig gehen! - Dieser Müll wird auch noch an der Volksoper Wien laufen. Hoffentlich wird er umgearbeitet! e.o.


DAS URTEIL DER AMERIKANISCHE TRAUM IN DEUTSCHER SPRACHE IST SCHON MAL MISSLUNGEN. DIE NUMMERNHAFTE TONALE MUSIK KÖNNTE WIRKEN, WÄRE DIE INSZENIERUNG REDUZIERT. OHNE FUNKTIONIERENDEN WITZ. EINE QUAL.

Sunday, August 05, 2007

OPER: "TOD IN VENEDIG" ASIATISCH-BRITISCH- ITALIENISCH VON YOSHI OIDA

Der deutsche Dichter Aschenbach (Alan Oke) in Schaffenskrise lässt sich zu einer Venedigreise überreden - doch von Beginn an lauert hier der Tod: beim unheimlichen Gondoliere-Fährmann.

Und obwohl er sich vom klassischen Antlitz eines polnischen Knaben faszinieren lässt ...

... sodass er sich wie zufällig in dessen Nähe begeben muss ...

... sein Geist in antiken Sportkämpfen um Gott Apoll fantasievoll umher wandert ...

... hat er doch mit seinem Leben abgeschlossen. Aschenbach stirbt mit seinen visionären Kunstidealen in Venedig. (Fotos © Bregenzer Festspiele / Karl Forster)


FESTSPIELHAUS - BREGENZER FESTSPIELE YOSHI OIDA VERPACKT ASCHENBACHS LETZTE REISE IN EIN GESCHLOSSEN GLATTES SELBSTMORD-SYSTEM: ALS TOD IN VENEDIG EBEN

Wer sich mit der Beziehung zwischen Homosexualität und Kunst auseinandersetzt, gelangt früher oder später an einen vagen Schweigepunkt. Denn themenbezogene Kunstereignisse schwanken als Antwortquelle stets zwischen "keinem Zusammenhang" und "einem Zusammenhang". In Benjamin Brittens letzter Oper Tod in Venedig trifft zweites zu. Sie läßt dennoch offen, was der stärkere Antrieb bzw. die Bedingung des einen für das andere sein mag: das sexuelle Empfinden oder das Streben nach formvollendet höchster Ästhetik. Des weiteren bleibt zu fragen, ob das, aus gesellschaftlichen Gründen unterdrückte Verlangen zu umso größerem künstlerischem Schaffenswillen führt, oder ob es allein am vorschwebenden Objekt der Begierde liegt, das die konstruktive Energie freisetzt.

Zu glatte Regie

Auch die Inszenierung des gebürtigen Japaners Yoshi Oida im Bregenzer Festspielhaus gibt keine endgültigen Antworten auf all diese Fragen, sie stellt sie viel mehr. Und das ist das große Plus dieser Aufführung. Pur, klar, ästhetisch in sich geschlossen, entspricht ihre schöne Form dem Kunstbegriffsideal des homoerotischen Roman- und Ausgangsstoffautors Thomas Mann, sowie jenem der von allem Überflüssigen befreiten, ausdrucksklaren Musik des homosexuellen Benjamin Britten: "Der Komponist muss fähig sein, eine Stimmung, eine Atmosphäre in einer einzigen Phrase wiederzugeben, und muss unaufhörlich nach der einen geeigneten suchen!" Es ist der Nachsatz, mit dem Britten über die ästhetische Perfektion, die allzu klinisch wirken kann, hinauswächst, weshalb seine Musik in diesem letzten Werk, das er unter quälender Krankheit schrieb, gefühlvoll dirigiert von Paul Daniel und gespielt von den Wiener Symphonikern, um vieles interessanter ist, als Oidas perfekte Regie. Denn so schön das Stück im Bregenzer Festspielhaus anzusehen ist, so lang wirken manche Passagen im zweiten Akt.

Raffinierte Musik

Glücklicherweise strebt das menschliche Sensorium in diesem Fall danach, die Langatmigkeit mit dem bewußten Hören auf Brittens subtile Musik auszugleichen, die jede Euphorie unterdrückt, selbst wenn der von Beginn an lebensmüde Titelheld und Schriftsteller in Schaffenskrise, Aschenbach, in vorübergehender Hoffnungsstimmung schwelgt, als er um 1900 von München nach Venedig reist. Trotz der Geigenklänge bricht der Ton von Freude nie ganz durch, er bleibt indirekt - und das macht Brittens Musik so eigenständig. - Ein Beispiel für den gesamten Kompositionsstil der reifen Phase des britischen Komponisten: er spricht jedes negative und positive Gefühl hörbar an, verfremdet es jedoch intellektuell. Genau so, wie er seine lebenslange, große, auch künstlerische Liebesbeziehung zu seiner Muse - dem Tenor mit der ihn inspirierenden hellen und klaren Stimme - Peter Pears, von der Öffentlichkeit bestmöglich verbarg. Mit 23 schrieb Britten in sein Tagebuch: "Jetzt ist für mich die Zeit gekommen, eine Entscheidung über mein Sexualleben zu fällen." Diese Beziehung steht dafür, dass eher die kongeniale künstlerische Vision zur Liebe führt, als primär die körperliche Anziehung zweier Männer. Was wiederum die Theorie des Narziß aufwirft, der hinter allem homosexuellen Begehren stehen mag. Dass der Mensch (Künstler) in religiöser Ehrfurcht vor seinem Willen zum Sein über sein eigenes Idealbild hinaus zu wachsen versucht.

Handlung als Selbmordverlauf

Yoshi Oida, der das ganze Stück als Selbstmord-Verlauf Aschenbachs sieht, worin sich der Künstler mit seinem Ideal von Schönheit und Kunst begräbt, lässt die Handlung von Anfang an in einem geschlossenen, von Tom Schenk verbarrikadierten Raum spielen, indem die Bühnenrückwand wie die braunen Wände des Festspielhaus-Auditoriums in langen Holzsträngen gehalten ist. Lediglich ein kleines Bild in Rückwandmitte enthält vom zweidimensionalen Gemälde-Inhalt zum dreidimensionalen Meeresbrandung-Video mehr oder weniger Vitalität, je nach Gemütszustand des Dichters, der sich in endlosen Monologen in Zerrissenheit, Selbsterkenntnis und Selbstdisziplin übt, während er auf schwarzen Stegen und asiatisch-choreografiert fortbewegten Gondeln zwischen Leben und Tod balanciert. Tenor Alan Oke meistert die Partie in verhaltener Distanz, sodass sein Gesang genau die lyrische Klangfarbe erhält, die diese Figur haben muss. Nie ist sein Ton kräftig und lebenbejahend, denn dieser Mensch liebt nur noch stumm in sich hinein. Als Bilanz seines Lebens.

Zu schwach für den Lebensmut

So ist die britisch-asiatisch verfremdete italienische Frauen-Aufreißerszene, mit der Aschenbach typisch für Venedig empfangen wird, ein extremes Gegenbild dafür, wie außenseiterhaft sich der Künstler auf dieser konventionell sexistischen Welt fühlt. Ihn reizt nur die klassische Anmut in Gesicht und Körper eines polnischen Jungen, der mit seiner Mutter und seinen drei Schwestern im selben Hotel wohnt. So gerne Aschenbach den Jungen ansprechen wollte, schon weil die Cholera herrscht und er ihn dadurch schützen könnte, so wenig kann er sich dazu aufraffen: weil er in Wahrheit mit dessen Schönheit begraben sein will. Alles, was ihm begegnet - der unheimliche Fährmann Charon, die Verkäuferin fauler Erdbeeren - deutet auf den nahenden Tod hin. Und doch ist es der Glaube an die antike Schönheit wie in griechischen Sportkämpfen unter Gott Apoll (Kontratenor Will Towers) und umgesetzt vom athletischen Tanztheater Nürnberg, der ihn sein Leben friedlich ausklingen lässt. Träumend sagt er: "Schönheit ist des Geistes Sieger."

Ein letztes Aufbäumen der ersehnten Lebenshoffnung, "Was, wenn alle tot wären und wir beide hier allein?", zeichnet einerseits das optionale Bild vom gemeinsamen Liebestod, da sich der Dichter aber "verabschiedet", "Wir müssen alles verlassen, was wir lieben", dominiert letztlich doch die selbstlose Aufgabe. Denn unter trivialen Leuten wie dem Reisenden, dem älteren Geck, dem alten Gondoliere, dem Hotelmanager, dem Coiffeur, dem Strassensänger-Führer und dem Dionysos - alle schauspielerisch farben- und typenreich verkörpert von Bassbariton Peter Sidhom -, sowie den Reisebüro-Schauspielern Tom Lawrence und Duncan Macdonnell, scheint der Kampf einer derart übernatürlichen Liebe aussichtslos. e.o.


DAS URTEIL - EINE GESCHICHTE, WIE EHER EIN NARZISS ALS EIN UNTERDRÜCKTER HOMOSEXUELLER AUS DEM LEBEN GEHT. - GUT DIRIGIERT, GUT MUSIZIERT, ABER FORMAL ZU GLATT. DAS TRIFFT DIE ÄSTHETISCHE VISION DES STÜCKS, STELLT SIE IN DER WIRKUNG (ALS HOMOSEXUELLENIDEAL) ABER INFRAGE.

Tuesday, July 31, 2007

OPER: THEMEN-NEUHEIT "THE SHOPS" VON THE OPERA GROUP

Christoph Schmalhans (Darren Abrahams links mit Brille) steht gleich zu Beginn vor Gericht, bevor seine Lebensgeschichte rückgeblendet wird ...

... während seine Freundin (Anna Dennis mit Kamera) die Museumsleute ablenkt, klaute er ...

... denn er ist wie jeder Mensch von heute beziehungsunfähig und dafür kauf- und sammelsüchtig. (Fotos © Alastair Muir)


WERKSTATTBÜHNE - BREGENZER FESTSPIELE JOHN FULLJAMES INSZENIERT DIE BRANDNEUE, THEMATISCH ORIGINELLE OPER THE SHOPS VON THE OPERA GROUP DYNAMISCH, ABER OHNE GLANZPUNKTE

Wenn die britische Oper in einem vorbildhaft sein kann, so ist das die Motivation von Autoren und Komponisten, neue Werke zu schreiben, während in Europa bzw. Österreich der Repertoirepflege bei unterschiedlicher Regie gehuldigt wird. Die Themen junger Urheber wie von The Opera Group sind dabei neu, was auch eine neue Werkform bedingt. Während sich die Oper in früheren Zeiten um Liebe und Macht drehte, treten Beziehungen und Politik in den Hintergrund, um innerpsychische und wirtschaftsmanipulative Vorgänge des Individuums zu durchleuchten. - So wird die Oper zur direkten Antwort auf die Probleme unseres heutigen Alltags, wo nicht mehr für das große Gemeinsame gelebt wird, sondern ausschließlich für die eigene maßlose, objektbezogene Befriedigung. Das zeigt die Koproduktions-Uraufführung mit den Bregenzer Festspielen The Shops in der Regie von John Fulljames in der Werkstattbühne allzu gut.

Phänomenologische Ausgangsbasis

Mit der Konzentration auf das Phänomen der Kaufmanie und Sammlerbesessenheit bis zum Diebstahl in wissenschaftlicher Herangehensweise gibt die in Bern geborene Librettistin Dagny Gioulami die verdichtende Struktur für Musik, Bühne und Ästhetik vor: die Musik des 35-jährigen Briten Edward Rushton ist typische Neue Musik, wo die der Erzählung untergeordneten Sänger als teamorientierte Ensembleleistende eher in einer Tonhöhe atonal sprechen als singen, unterbrochen durch wenige, dramaturgisch bedingte, beschwingt-harmonische Gruppennummern, die ironisch zur Andeutung einer psychischen Kollektivdeformierung eingesetzt werden. Durchgehend präsente Rieseneinkaufstüten auf der Bühne stehen zeitgleich für die Schauplätze Museum, Gerichtssaal/Gefängnis, Laden und Zuhause des Diebes Schmalhans. Einerseits hat Soutra Gilmour damit einen witzig-grotesken Eyecatcher gefunden, andererseits ermöglicht das permanente Bühnenbild schnelle Ortswechsel und Handlungssprünge in Vor- und Rückblenden auf parallelen Schauplätzen, sodass der Erzählrhythmus dynamisch und kompakt ist.

Alle Menschen als kommerzverseuchte Sammler

Gezeigt werden sechs Hauptfiguren, die alle etwas sammeln und miteinander verstrickt sind: Christoph Schmalhans (Darren Abrahams) ist ein Briefmarken-sammelnder Dieb mit gezielter Jagd auf die "Blue Honolulu", dem die dem Kleiderkaufrausch verfallene Francesca hilft, indem sie für ihn die Museumswärter ablenkt, wonach er sie mit Geld bezahlt, sodass sie sich wieder Kleider kaufen kann, wissend: "Die Kleider befriedigen mich nur im Geschäft, und nachher kann ich sie nie tragen." Gleich anfangs steht Schmalhans vor Gericht, im Rückblick wird er im Museum auf frischer Tat ergriffen, da ihm ein Journalist (Paul Reeves) in Pension auf der Spur war, der in manischer Ehrfurcht ein kaum gelesenes Special-Interest-Medium namens "Wasserzeichen" führt, das er viel mehr liebt, als die Medien zu seinen Broterwerbszeiten. Schmalhans´ Mutter ist eine Hausfrau, die Müllsäcke und dergleichen kauft und die Briefmarken ihres Sohnes ins Klo schüttet, als sie erfährt, dass er verhaftet wurde. Die Kriminalpsychologin Cordula Wagner (Louise Mott) neigt dazu, vorschnell psycholgische Ateste für Schmalhans Klaugründe zu stellen - worauf er meint: "Und für diesen Scheiß werden sie so gut bezahlt?" Und sie: "Jetzt kaufe ich mir gleich eine Tasche, denn ich habe sie mir verdient." - Womit auch der Wert eines anerkannten Jobs und das Gefühl von Befriedigung dabei hinterfragt werden. Und schließlich wird Schmalhans ein echter Sammler gegenüber gestellt, der die Kunstwerke seines sammelnden Vaters übernommen hat und den Ablauf von Kaufen und Verkaufen wie ein Investmentbanker betreibt. - Was wiederum die Debatte von Kunst und Museen als Ware eröffnet.

Subtiler Witz in britischem Understatement

Sehr subtil und unterhaltsam genau gemacht ist die nicht zu unterschätzende Choreografie von George Lamb. Die erste Szene, wo alle Figuren als unisono aufgereiht singen und plötzlich wie zufällig eine einheitliche, superkurze Fußbewegung machen, ist mit britischem Understatement zum Schießen komisch und sagt doch alles über die verbindenden Obsessionen, die alle Menschen im Kapitalismus-Zeitalter eint. Selbstironisch nimmt sich der Librettist nicht aus, indem er einen Darsteller - die Theaterillusion brechend - einen Brief vortragen läßt, worin er zugibt, für diese Geschichte geklaut und gekauft zu haben, wonach er dem Publikum vor der Pause wünscht: "Und jetzt kaufen auch Sie sich etwas Schönes an der Bar." Der Unisono-Aufruf zur moralischen Selbsthinterfragung, "Glaubst du, du könntest alle deine Besitztümer Menschen geben, die nichts haben?" als harmonische, herausgegriffene, rhythmisch choreografierte Liednummer hat schließlich als Höhepunkt doppelbödigen Charme, indem sie einerseits schwungvoll unterhält, andererseits betroffen macht.

Obwohl das alles griffig und schlüssig durchgearbeitet ist - einschließlich der ambitionierten musikalischen Wiedergabe von Dirigent Patrick Bailey und seines zehnköpfigen The Opera Group Ensembles mit fünf Klarinetten, drei Streichern und Percussion -, geht dieses Werk dennoch nur als besserer Durchschnitt durch - da kein Moment künstlerisch und emotional herausragend wirkt. e.o./j.o.


DAS URTEIL NEUES THEMENFELD INNERHALB DER OPER. WITZIGE STORY MIT BRITISCH INTELLEKTUELLEM HUMOR. IN SICH GESCHLOSSENE, RHYTHMISCHE UND DICHT VERWOBENE HANDLUNG UND MUSIK. ABER OHNE KÜNSTLERISCHES HOCH-MOMENT.

Saturday, July 28, 2007

OPER: PHILIPP HIMMELMANNS EXPERIMENTAL-BLOCKBUSTERFILM "TOSCA"

Das Stilelement Auge bindet formal als ästhetisch Ganzes und erklärt psychologisch die Vorgänge, ...

... worin die eifersüchtig besitzergreifende Diva Tosca (links) den Maler Cavaradossi liebt, weshalb ihn der machthungrige Polizeichef Scarpia (rechts) verhaften lässt ...

... denn er will wiederum Tosca besitzen - die ihm bei all seinen Handlungen ganz starr im Blick sitzt.















So starr, wie es die Politik eines Polizei- oder Kirchenstaates ist. (Fotos © Bregenzer Festspiele / Karl Forster)



SEEBÜHNE AM BODENSEE - BREGENZER FESTSPIELE EINE FILMISCHE OPER, DIE DANK EXPERIMENTALFILMS MEHR ALS NUR SPEKTAKEL IST. JEDES DETAIL HÖRBAR UND VERSTÄNDLICH SCHLÄFT HIER NIEMAND EIN ...

Nach der Seebühnen-Oper Tosca der Bregenzer Festspiele 2007 stellt sich aus mehreren Blickwinkeln die Frage, wo die Kunst beginnt, wo das Event endet. Zweifellos ist diese Oper die technisch effektivste; sie ist dabei aber keinesfalls billig. - Selbst wenn man sich dazu hinreißen lassen könnte, es aufgrund vordergründiger Wahrnehmungsmuster so zu empfinden.

Vom Blockbuster zur Kunst

Das beginnt mit dem Anblick auf ein Riesenauge, das dem Zuschauer als tiefenlose Wand zweidimensional und plump entgegenstarrt, erstreckt sich über eingesetzte Stunts, wo Menschen in schwindelerregender Höhe singen und ins Wasser stürzen, und setzt sich mit der Dolby-Surround-Akustik fort, wobei die verstärkte Musik der Wiener Symphoniker unter dem Dirigat von Ulf Schirmer aus vier Richtungen, durch Geräusche betont, an die Filmmusik eines B-Blockbuster-Movies im Kino erinnert. Dass dies aber nur die ersten Verführungsschritte darstellt, um sich als Zuseher in die Geschichte hineinfallen zu lassen, zeigt sich sehr bald, indem die Technik zwar tatsächlich bombastisch bleibt, jene aber ästhetisch immer tiefer, dreidimensionaler und künstlerischer wird: sei es, dass sie mit der Musik atmet oder für exakte, subtil-dramaturgische Deutung steht. Denn sie bedient sich im Bereich des Filmgenres nicht mehr des Spielfilmstils, sondern jenes des experimentellen Films, der aus der Bildenden Kunst kommt.

Die mitreißende Technik zum Staunen ist es nicht allein, warum diese Tosca unter der Regie Philipp Himmelmanns letztendlich zum ergreifendsten Seeopernstück seit Festivalbestehen wird. Auch die digitalen Dialog-Titel, links und rechts der Szenerie, machen das Geschehen genau verfolgbar, sodass die Oper in Originalsprache gesungen werden kann. Man versteht alles und noch mehr, ohne zuvor auch nur einen Satz einer Inhaltsangabe gelesen zu haben. Sollte es also Menschen geben, die bei Musik leicht einschlafen, so kommt es hier mit Sicherheit nicht dazu. Denn man lebt als Zuseher mit den Agierenden mit - ganz wie im Film.

Herausragender Sänger Brandon Jovanovich

Die Festspiele achten auch immer auf überdurchschnittliche Sänger und Gesangspartien, damit auch der ausschließliche Musikfreund auf seine Kosten kommt. Heuer sorgte einer der Cavaradossi-Darsteller, Brandon Jovanovich, dafür. Er verleiht der Maler-Figur mit seiner berückend hellen und doch vollen Bariton-Tenor-Stimme ein warmes Temperament und intoniert so innig in der Kerkerszene, dass es zu einem jener Momente wird, warum man überhaupt Oper und Liederabende liebt. Ein ausgezeichneter Sänger-Darsteller ist wie gewohnt Martin Winkler als Mesner, der eine intelligent lustige Note einbringt, wenn er mit den über des Malers Werke staunenden Kindern singt. Walküren-Stimmen haben die Tosca-Besetzungen - also nicht jedermanns Sache. Peter Sidhom liefert als Polizeichef Scarpia beste Routine.

Kammerspiel mit Hauptdarsteller "Auge"

Dass dieses dramaturgische Kammerspiel aus Liebe, Macht und Religion, das im Grunde nur aus drei Hauptfiguren besteht, auf der großen Seebühne überhaupt funktioniert, liegt aber am Hauptdarsteller der Inszenierung: dem Auge. Das, was anfangs so platt wirkt, steht für den besessenen Blick, den alle Figuren in diesem Überwachungsstaat haben: Cavaradossi, der die Augen aus reinem Schönheits- und Romantiksinn malt; Tosca, die als Bühnendiva keine andere Frau neben sich ertragen kann und überall Konkurrenz wittert; und Scarpia, der die Liebe der Tosca erzwingen will, indem er ihren Körper besitzen und sie hintergehend ihren Geliebten Cavaradossi ermorden lässt. Es handelt sich hauptsächlich um sein Auge, das da blutdurchtränkt, in Mustern aufgelöst, immer verengend-dunkler wird, und sich vom Augapfel löst, wenn die böse Absicht, das Glück der anderen zu zerstören, wahr wird. - Im Grunde ist Scarpia in seiner entschieden harten Absichtlichkeit dem Charakter der ihn erstechenden Tosca viel näher als der naive Cavaradossi. Toscas letzte Worte gelten (sinngemäß) deshalb auch dem Polizeichef, bevor sie sich in die filmische Tiefe des Auges stürzt: "Vor den Augen Gottes werden wir uns verantworten."

Neben den politischen Seitenvermerken, mit totalitärem Kirchenstaat gegen demokratische Freiheit, ist die Inszenierung in kompakten zwei Stunden also mehr als nur ein Event geworden. - Ein Weg, tiefenpsychologische Vorgänge mittels Filmeinsatz zu demonstrieren und dabei wegweisend in Sachen Freiluft-Oper. e.o./j.o.


DAS URTEIL DER FILM REVOLUTIONIERT DIE SEEOPER: IM STIL DES BLOCKBUSTER-KINOS, UND VOR ALLEM DES TIEFENPSYCHOLOGISCHEN EXPERIMENTALFILMS: SPANNEND, INNOVATIV UND GERADE WEGEN DES TECHNIKSPEKTAKELS KUNST.

OPER Tosca * Von: Giacomo Puccini * Regie: Philipp Himmelmann * Dirigent: Ulf Schirmer * Bühnenbild: Johannes Leiacker * Mit: Wiener Symphoniker * Mit: Brandon Jovanovich (Zweitbesetzung), Martin Winkler, Peter Sidhom * Ort: Seebühne Bregenz * Zeit: bis 19.8.2007 und im Sommer 2008: 21h15

Sunday, May 06, 2007

OPERETTE: DAVID POUNTNEY MACHT KURT WEILLS "DER KUHHANDEL" NICHT WIEN-FEIN

Der General (Rolf Haunstein, Fotos: © Dimo Dimov / Volksoper Wien) wird nach der Machtergreifung genauso liederlich wie sein Vorgänger. Wobei er auch noch ins Bordell geht... Übrigens: wer ist die Tänzerin ganz rechts? ...

... die Tänzerin rechts ist nicht nur hier am Bild ein leidenschaftlicher, körperschöner Augenschmaus, sondern auch auf der Bühne - Könnte demnächst die Volksoper nicht auch die Namen der Ballettleute anführen? Sie haben doch Namen, oder? Ansonsten auf dem Bild: Rolf Haunstein, Wolfgang Gratschmaier (mit Sonnenbrille); und das Liebespaar auf der Kuh: Ursula Pfitzner, Dietmar Kerschbaum


VOLKSOPER DAVID POUNTNEY HATTE MIT KURT WEILLS DER KUHHANDEL IN WIEN PREMIERE. DAS IST EINE OPERETTE, WIE MAN SIE SICH KLASSISCH-ÜPPIG VORSTELLT. MIT VIEL TANZ, VIELEN MENSCHEN AUF DER BÜHNE, ABER MIT VIEL MEHR BÖSARTIGKEIT ALS ÜBLICH

Kurt Weills Der Kuhhandel war die Produktion, mit der David Pountney im Sommer 2004 sein Einstandsjahr bei den Bregenzer Festspielen feierte, mit der er Vorarlberg sozusagen Operetten-tauglich machte. Seitdem ist die allsommerlich gespielte "Operette" im Kornmarkttheater ausverkauft. Das Stück nun in der Wiener Volksoper gezeigt - könnte man nörgeln - hätte ruhig ein wenig stadtfeiner adaptiert werden können. Andererseits: Für einen Briten, wie es David Pountney einer ist, ist Vorarlberg oder Wien wahrscheinlich - g´hupft wie gsprung´n - immer "die Alpenrepublik Österreich" - die als solche eben mit Kühen zu wirtschaften hat. (Abgesehen davon, dass es die Kühe schon im Libretto von Robert Vambery gegeben haben muss.) Dazu gehört auch bestens getanzter Schuhplattler, der sich schmissig mit Walzerklängen vereint, und Männer, die sagen: "Die Brüste der Frauen haben entweder die Form von Äpfeln oder von Birnen - und ich bevorzuge ersteres." - Na, wenn das nicht sämtliche Feministinnen Wiens auf die Palme bringt...

Österreicher, Briten ... die Weltpolitiker sind gemeint

Damit all das also nicht ins falsche Ohr dringt, muss von vornherein gesagt werden: Hierbei handelt es sich um eine Komplettgroteske: hier geht es nicht gegen Vorarlberg, gegen Wien oder gar Österreich, sondern schlicht gegen die ganz große Weltpolitik. Und die besteht meistens aus müden Präsidenten, Einsagern (den eigentlichen Lenkern), und Dritten, die sich ein Geschäft mit jenen erhoffen. Es gäbe nun die Möglichkeit, mit Landwirtschaftsmaschinen zu handeln, man entscheidet sich aber doch lieber für Waffen. Und damit man sieht, wie generell Pountney das sieht, nimmt er auch gleich sein eigenes Herkunftsland mit auf die Schippe - was er in Sachen "Humor" naturgemäß auch am besten versteht: der Präsident (köstlich Carlo Hartmann) ist ein müder "britischer Royal" mit Backenbart, der hysterisch rufend auf seine "Prinzipien" pocht und sich dann doch immer wieder über den Tisch ziehen läßt. Bis er durch einen Putsch seinem General das Regierungszepter überlassen muss, dem zweitbesten "Schauspieler" des Abends: Rolf Haunstein. Dessen Wandlung vom Machthungrigen zu jenem, der mit der Macht immer mehr dem liederlichen Leben verfällt, ist intensiv zu beobachten: er vergnügt sich im Bordell, mit Alkohol, und endet in wachsender Überheblichkeit bei Kurzschlußbefehlen.

Weills zuhaufe eingebauten Hymnen in die rhythmisch ironische Revue-Chanson-Opernkomposition mit großen Choreinlagen, wo auch mal Gitarrenklänge und Kastagnetten bis zu Cancan vorkommen, untermalen die Metamorphose, lebhaft dirigiert von Christoph Eberle, als befände man sich auf einem Musikkarussell. Doch als erneut das korrupt aufgebaute Staatsgeflecht zusammen zu brechen droht, weiss sich der zum Volk zu sprechen aufgeforderte General gleich wieder zu helfen: "Eine Rede halten, das kann ich. Ich bin ja Politiker. Was kümmert mich das Schicksal von gestern?"

Wegen Korruption vom Kuhstall ins Bordell

Dem entgegen gesetzt ist die Liebe eines bescheiden lebenden Paars (Ursula Pfitzner hat ihre stimmlichen Hoch-Zeiten nur in den Höhen, Dietmar Kerschbaum singt passabel), das zur Eheschließung nur eine sie ernährende Kuh benötigt. Da nun aber die "Regierung" für die Waffenkäufe vom Ausland über eingeführte "Wohlstandssteuern" Geld einfordert, wird ihnen nicht nur einmal die Kuh gepfändet. Und schließlich beruft sie auch noch den Mann in den Krieg, sodass nun die Frau im Bordell das Geld für eine neue Kuh verdienen muss: und da geht es mit Transvestiten und sexy Ballettgirls rund. Die TänzerInnen Bernhard Bläuel, Ekaterina Davydova, Patrik Hullman, Florian Hurler, Silvia Schreger, Josephine Tyler bringen überhaupt die ganze Produktion unter der Choreographie von Craig Revel Horwood zum Fetzen. Ob sie nun im Bordell oder im Dirndl oder als Henker tanzen... Nur das Gerenne durch die Zuschauerreihen zu Beginn des zweiten Akts ist überflüssig - aber das ist eine Frage der Regie.

Eine klassische Operette mit allem Drum und Dran und mit Details

David Pountney hat überhaupt üppig inszeniert. Da ist alles drinnen, was zu einer Operette gehört, von der großräumigen, dramatisch-elipsoiden Bühne (Duncan Haylor), mit zuweilen tanzender, bunter Wäsche auf der Leine, bis zum Massenaufgebot an Darstellern. Insofern könnte man sagen: eine klassisch inszenierte Operette, mit viel Erotik, aber eben auch mit groteskem Zynismus. Und das macht sie ungemein unterhaltsam. Mit feinen oder interpretatorisch subtilen Details: etwa Fliegen, die über der Kuh schwirren; der während des ganzen ersten Akts über der Bühne schwebend auf einem Bett schlafende (= regierende) Präsident; der Sarkophag, den der Liebende wie zu pharaonenzeiten sklavenhaft schleppen muss, der dann plötzlich die Waffenrakete (Eurofighter) entblößt; eine sich zeitlupenhaft im Hintergrund bewegende Mitläufer-Festgesellschaft, während sich vorne die hungernden Liebenden im Krieg Briefe schreiben; und ein Zoom auf - den widerständigen Möchtegern-Ehemann abknallen wollende - Soldaten mit Riesengewehren, die aber nicht funktionieren, womit der ganze Staatsdeal für die Katz war.

Umzuschulen: zwei deklamierend sprechende Sänger

Schuld daran ist der korrupte Mr. Jones, der mit des Präsidenten falschem Berater Ximenez den Deal ins Laufen gebracht hat. Michael Kraus und Wolfgang Gratschmaier stechen als aalglatte Herren in schwarzem bzw. weißem Anzug und schwarzen Sonnenbrillen hervor. Leider gehen sie einem aber nicht nur als Negativcharaktere auf die Nerven, sondern auch in ihrer Art zu Deklamieren. Sie haben noch nicht gelernt, was heutige Schauspieler-Sänger können sollten: Normal sprechen und agieren und trotzdem gut singen. Diese beiden sind passable Sänger. Ihrem gesprochenen Gebrüll ist dagegen kaum zu folgen. So freut man sich wirklich, als sich wenigstens Jones noch vor dem Schluß per (witziger) "Hubschrauber-Leiter" aus dem Staub machen muss. - Selbst wenn der Unheilbringer - so typisch für diese Welt - hiermit einmal mehr davon kommt. r.r./e.o.

Regisseur David Pountney ist in seiner Funktion als Intendant der Bregenzer Festspiele demnächst im Interview auf www.intimacy-art.com / aKtuell / REALNEWS / INTERVIEW zu lesen.


DAS URTEIL GEMÄSS DES DRAMATISCHEN VERLAUFS TREFFEND ÜPPIG UND GROTESK. HAT MAN DAS GECHECKT, LÄSST MAN SICH AUF DIESE DETAILREICHE ÜBERRASCHUGSLAUNE GERNE EIN. AM LUSTIGSTEN: DER PRÄSIDENT CARLO HARTMANN, AM MITREISSENDSTEN: DAS SEXY BALLETT, INSGESAMT STIMMIG: DIE REGIE, ABWECHSLUNGSREICH: WEILLS MUSIK.

OPERETTE Der Kuhhandel * Von: Kurt Weill / Text: Robert Vambery * Regie: David Pountney * Dirigat: Christoph Eberle * Choreographie: Craig Revel Horwood * Mit: Carlo Hartmann, Rolf Haunstein, u.a. * Mit: Chor und Orchester der Volksoper Wien * Mit: Das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper (Bernhard Bläuel, Ekaterina Davydova, Patrik Hullman, Florian Hurler, Silvia Schreger, Josephine Tyler) * Ort: Volksoper Wien * Zeit: 7., 10., 24.5.; 11., 20.6.2007: 19h

Sunday, January 28, 2007

OPER: GIL MEHMERTS UND RICHARD DÜNSERS POLITICAL KORREKTER "RADEK"

Das ist der "Dank": Der Einsatz für verschiedene Kommunismus-Ideologien - wobei Stalin kurz auch mal mit Hitler paktiert -, bringt den opportunistischen Fanatiker Radek ins sibirische Gefängnis. Foto ©andereart


NEUE OPER WIEN, MUSEUMSQUARTIER RICHARD DÜNSERS OPER RADEK - EIN PORTRÄT DES JÜDISCHEN DEMAGOGEN ZWISCHEN LINKS UND RECHTS - IST BEI GIL MEHMERT EIN KONVENTIONS-STATEMENT DER ANKLAGE UND BEDAUERUNG

Was bleibt, ist die Sicht auf einen politisch-radikalen Menschen, wie wir ihn gelernt haben zu sehen, oder besser, zu bewerten. Diese Sicht dominiert das ganze Stück über. Kein Verständnis für den Fanatiker Karl Radek. Selbst wenn zwischen 1900 und 1945 viele Leute zum Fanatismus neigten und dafür Beachtung fanden. Diese Tatsache wird in der Kammeroper Radek nach dem Libretto von Thomas Höft vernachlässigt. Obwohl nur über sie verständlich würde, wie ein Mensch so leidenschaftlich für Überzeugungen leben und manipulieren kann, wobei ihm der Einsatz und das "Machen" vordergründig wichtiger zu sein schienen, als die Sache selbst.

Im Grunde suchte dieser Karl Radek Erfolg. Genauso wie es jeder anerkannte Business- bzw. Werbemensch unter uns tut, wenn er heute "die" Marke und morgen jene der Konkurrenz zum Absatzrenner pusht. Dafür bekommt er Geld, Applaus, Frauen und den nächsten Auftrag. Er ist also ein großer Mann. - Auch dieses Verhalten ist Politik, nur wird es nicht als solches erkannt.

Ideologe mit Wendehalsbiografie

Karl Radek (eigentlich Karl Sobelsohn) machte sich als galizischer Jude - 1885 in armen, kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren - zuerst für die Sozialisten stark. Dafür kam er 1905 ein Jahr ins Gefängnis. Von der SPD wurde er zwei Jahre später in Deutschland ausgeschlossen. 1914 fand er eine neue geistige Heimat: bei Lenin. Er gründete zusammen mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die KPD. - Eine Wende, die viele hoffnungsvolle Freigeister eingeschlagen hatten. - 1922 war Radek Mitglied der Kommunistischen Partei in Moskau, wovon er 1924 wegen Unterstützung Trotzkis ausgeschlossen wurde. Und dann folgte 1929 das, was man ihm heute - charakterlich gesehen - am meisten ankreidet: Radek unterwarf sich Stalin. Dafür wurde er begnadigt. Im Zuge des Pakts zwischen Stalin und Hitler, warb Radek folglich für Hitler und die Nationalsozialisten. 1937 wurde er im 2. Moskauer Schauprozess zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Doch schon 1939 starb er im sibirischen Lager - ermordet.

Wendehals wie heutige Welchselpolitiker

Karl Radek gilt als Wendehals sondergleichen. Wie es heutige Wechselwähler oder Wechselpolitiker sein mögen... Für Juden war das in vielen (kommunistisch gewordenen) Ländern Europas bis lange nach dem 2. Weltkrieg (!) allerdings eine Frage des Überlebens. - Etliche jüdischen Filme handeln in bitterer Selbstironie davon. Aber bei diesem Opern-Radek, der bei den Bregenzer Festspielen 2006 uraufgeführt wurde, bleibt nichts als Anklage. Die gut durchdachte a- und tonale Musik des Vorarlberger Komponisten Richard Dünser ist mit musikalischen Zitaten bekannter Musikstücke und -genre dem Geschehen in puristisch-surrealer Regie Gil Mehmerts untergeordnet.

Rückblenden aus dem Gefängnis

Die ganze Geschichte spielt 1937 im sibirischen Gefängnislager auf karger Bühne, wo Radek mit den Gefangenen sein Leben inszeniert. Als Kind ist Karl ein Außenseiter, mit dem niemand spielen möchte, weil er immer alles umhaut. Die familiäre Armseligkeit ist ihm "zu klein, das ist kein Leben", sagt er, "ich bin der Messias". - "Du bist krank", antwortet seine Mutter.

Zeitsprung: Über eine Doppelfigur schaut sich Karl Radek (ambitioniert: Georg Nigl) selbst zu, wie er vom sozialen Lebensumfeld (der KZ-Aufsicht?) gedemütigt wird. Lichter leuchten zu seinen politisch geschrieenen Ideologien, die ihm als Halt dien(t)en, "Krieg, das ist gut!", scheint ihm die nötige Konsequenz zu sein. Doch ein Koffer steht symbolisch für die Durchläufigkeit seiner Gesinnung und der Kriege.
Privat verläßt Radek indessen seine Ehefrau Rose für die Politik, wegen der er wiederum später selbst von seiner Geliebten Larissa verlassen wird.

Dann der entscheidende Moment, der bis heute verwundert: Radek singt: "Was ist Deine Revolution? Braune marschieren durch Berlin. Sind die Braunen nicht auch Sozialisten?" So kommt es, dass er in jiddischer Propaganda fidelt, während Hitler mit deutscher Nazi-Fahne und Stalin mit kommunistischer Fahne wedeln. Beide Führer grüßen mit ihren jeweils typischen Handzeichen, begleitet vom dirigierenden Radek und verdoppelt durch das Echt-Dirigat Walter Kobéras hinter Radeks Rücken. Da es ihm so am besten zu gehen scheint, mausert sich Radek also zum guten Freund Stalins (Stefan Cerny mit Countertenor-Stimme), indem er zu Jazz-Samba-Rhythmen mit ihm Schach spielt. Währendessen wird sein einstiger Freund Trotzki (auf Auftrag Stalins, was allerdings chronologisch erst viel später geschah) erstochen, der zuvor geplant hatte, Stalin ermorden zu lassen.

Zeitsprung: Radek wird des Vaterlandsverrats verurteilt und nimmt das Urteil an. Sein verworrenes Gedankengebäude fällt als Steinschlag in sich zusammen. "Es ist kalt hier", sind die letzten Worte des Opportunisten. e.o.


DAS URTEIL POLITICAL KORREKTE NEUE OPER, DIE GENAU DAS BILD VON KARL RADEK ZEIGT, DAS SICH EIN EUROPÄER ERWARTET. DIE MUSIK UNTERSTREICHT DIE HANDLUNG UND IST EBENFALLS POLITICAL KORREKT - ALSO EHER UNAUFFÄLLIG.

OPER Radek * Kammeroper von Richard Dünser * Regie: Gil Mehmert * Musikalische Leitung: Walter Kobéra * Mit: Georg Nigl, Rebecca Nelsen, Anna Clare Hauf, Bernhard Landauer, Manfred Equiluz, Stefan Cerny * Wiener Concert-Verein * Ort: MuseumsQuartier, Halle E * Zeit: 25.-29.1.07, 20.00 h
* Ort: Nederlands Kameropera Festival in Zwolle/NL * Zeit: 18.4.2007