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Tuesday, August 02, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 4: SIMON MAYER ZWISCHEN FOLKLORE-MODE UND -PROVOKATION IN „SONS OF SISSY“

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Das ist selten: Tänzer, die gleichsam Musiker sind. Am naturnahen Land ist das aber gar nicht so selten ...

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... der Tanz im Kreis bekräftigt den rituellen Charakter, der historisch und kontinental übergreifend ist.

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Erst als sich die Musiker-Tänzer ausziehen, treten die Tabubrüche zutage. Denn die Bühnenbilder waren live ja nicht – wie hier im Foto – oberhalb des Penis  abgeschnitten ... (Fotos © Rania Moslam)
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Wie doch das Nazi-Vorurteil die hohe Volkskunst verscheucht hat ...




20.7., gegen 20h25, im Wiener Odeon:




Anfangs haben sie noch etwas an.

Simon Mayers Sons of Sissy beginnt mit einem Ländler mit Jodel-Gesang. Da spielen zwei Geiger, Matteo Haitzmann und Mayer selbst, der Knopf-Akkordeonspieler, Patric Redl, sowie der Kontrabassist, Manuel Wagner. Letztere drei können außerdem auf Ausbildungsjahre in der Wiener Staatsopernballettschule hinweisen, Haitzmann studierte mit Volksmusikerfahrung Jazz- und Barock-Violine und Performance-Art, Redl elektronische Musik, der Volkstanz erprobte Mayer und Wagner sind multiinstrumentale Autodidakten.

Das zu erwähnen, scheint mir wichtig, da während der Aufführung nicht immer sicher ist, ob diese Künstler sich nun über die tradierte Volkskunst lustig machen oder sie respektiert wissen wollen. Insbesondere wenn sie sich beim Schuhplattler gegenseitig auf den Po klatschen, oder wenn sie im schönsten vierstimmigen Volkslied-Chorgesang brillieren. Wahrscheinlich führt diese Frage aber auch zu nichts, weil es sichtlich nur darum geht, die Vorurteile seitens internationaler Kunstbefürworter, sowie jene der Volkskunstvertreter von der jeweils anderen Seite aus zu betrachten. Nur das „Kostüm“ sorgt für Überschneidungen, und aus der jeweiligen Perspektive auch für Provokation.

Die musikalische Einführung fließt rasch ins stampf- und marschartige Volkstanz-Quartett über. Es dreht sich das ganze Stück über im kleinen und großen Kreis, sowie in Paar- und Viererdrehungen. Das tempelartige Odeon eignet sich für diese rituelle Bewegungsweise hervorragend. Die Aufführung hat etwas Klerikales, insbesondere wenn in einem der Rundgänge wallfahrt- bzw. messeartige Weihrauchgaben in der Luft verteilt werden. Drehrasseln, Kuhglocken, einfache Hörner, Peitschenknallen, Hecheln, Rufe und Schreie sind die direkten alpinen Zuschreibungen für den deutschsprachigen ländlichen Raum. Über Tanzschritte, wie gebeugt am Stand und im Kreis zu laufen, kommen jedoch Verwandtschaftsassoziationen zu afrikanischen Busch- und indianischen Kriegstänzen auf, über den rhythmischen Steppcharakter zum irischen Volkstanz, über Hand-Gesten zu ägyptisch überlieferten Bewegungen in Höhlenmalereien, und über die Drehungen von Haitzmann im wadenlangen Tellerrock zum spirituellen Tanz der Derwische (Sufi).


Die zeitgenössische Dimension wird endgültig erreicht, als sich die vier stolzen, kraftstrotzenden „Landburschen“ ihrer Kleider entledigen. Sie absolvieren ihren Dreh- und Sprungtanz also vollkommen nackt. Das ist der völlige Kontrapunkt zur Sittenhaftigkeit des „Ländlertums“. Es suggeriert den gewaltsamen Stolz- und Schutzentzug, insbesondere, wenn die Penisse der Burschen in unterschiedlicher Länge entgegen dem Takt nachhüpfen.  – Da fällt mir die Direktorin des Pariser Opernballetts (1995 bis 2014), Brigitte Lefèvre, ein, die mir gegenüber bezüglich „Nacktheit“ meinte: „Wenn es künstlerisch und ästhetisch nötig ist, warum nicht? Aber ich sehe das Geschlechtsteil der Männer nicht so gern, wenn sie tanzen. Es lenkt mich ab. Und falls ein Choreograf damit alte Damen wie mich schockieren will, gibt es provozierendere Kostüme.“  – Ich muss sagen, mich lenkt das auch ab, so weit, dass ich sogar über die unterschiedliche Länge in Bezug zum Körperbau nachzudenken beginne.


Selbst wenn ich die Nacktheit in diesem Fall akzeptieren will. Es zeigt ja diese vordergründig zugeknöpfte Gesellschaft ohne Knöpfe und damit ihre fragile Seele. Als sich die zwei ausgezogenen Tänzer, Mayer und Wagner, aber plötzlich auch mit ihren Händen und Blicken näherkommen, als würden sie sich lieben und begehren, ist das ein Tabubruch sondergleichen. "Diese Traditionalisten" gelten ja allgemein als Rechte und FPÖ-Wähler und damit als militant hetero. Und mit dem Klischee „Jörg Haider“ (gleich den weiteren aufrechten Nazis), dem man „romantischerweise“ den in Wahrheit „Schwulen“ anhängte, will man dieses Stück nun auch nicht unbedingt gleichsetzen. (Umso mehr verwundern die vielen homosexuellen Pärchen im Publikum, die andererseits genau wegen dieser Szene und der nackten Männer kommen mögen, sowie, weil sie sich bekanntlich als Community immer wieder neue Schichten für ihre Überzeugungsarbeit erschließen wollen.)


Ich denke daher, mit dieser Liebeserklärung ist eher eine bestimmte Form von Narzissmus gemeint: Da Mayer und Wagner mit ihrem Siebentagebart und gleicher Statur wie ein und derselbe Mann erscheinen, bedeutet dies wohl das Finden, Akzeptieren und Lieben des Landmannes in einem selbst, und zwar gegen alle Widerstände und trotz der eigenen akademischen Bildung.

Ich frage mich dennoch, ob diese Form der Tanz-Begegnung zweier komplett gegensätzlicher Richtungen mehr als eine Modeerscheinung sein kann? In kulturell eigenstaatlicher Hinsicht ihrer Länder betrieb die EU bisher die ausschließliche Nivellierung, wenn nicht die aktuell europaweite Gegenbewegung wäre. Laut Michael Stolhofer von ImPulsTanz hat die EU dieses Werk neben weiteren 11 Projekten (
„nur“!) von insgesamt 400(!) Einreichungen gefördert, wobei aber nicht sicher ist, ob das in diesem Fall wegen des folkloristischen oder wegen des auch für Blinde geeigneten Inhalts geschah.

Sons of Sissy hätte andererseits – parallel zur politischen Entwicklung mit mehr kulturspezifischer Staatensouveränität der einzelnen Mitgliedsstaaten – durchaus das Potential, den Anfang einer neuen Stilrichtung zu bilden. Denn der höchste künstlerische Moment liegt im Chorgesang der vier Multikünstler, sowie in den akustischen, die Sinne ansprechenden, archaischen Landimpressionen. Schafft es Mayer an diesen fragilen Spitzen aufzubauen – möglicherweise sogar auf Spitzen(!) – dann könnte da noch ganz Großartiges auf uns zukommen. e.o.



DAS URTEIL SIMON MAYER IST MIT SEINEN KÜNSTLERKOLLEGEN DAS BESTE BEISPIEL DAFÜR, DASS MAN HEUTE VOM LAND KOMMEN UND DENNOCH ETWAS VON HOHER KUNST VERSTEHEN KANN. (EINIGE ANSÄTZE VERSPRECHEN IN DIESEM STÜCK NOCH VIEL HÖHERES.) VOR 1938 WURDE DER KUNSTKENNER VOM LAND JA AUCH NIE INFRAGE GESTELLT. ERST DIE SICHT AUS VIELEN PERSPEKTIVEN ERÖFFNET DIE GANZHEITLICHE SICHT, SODASS VERBORGENES ZUTAGE TRITT, UND TABUS RELATIVIERT WERDEN KÖNNEN.

TANZ & MUSIK Sons of Sissy * Idee, Choreografie, Performance, Musik: Simon Mayer * Performance & Musik: Matteo Haitzmann, Patric Redl, Manuel Wagner * Klangkörper & Spezialinstrumente: Hans Tschiritsch * Bühne & Kostüm: Andrea Simeon * Künstlerische Beratung: Frans Poelstra * Sehbehindertenfassung, Text: Valerie Castan * Ort: Odeon Wien * Zeit: 20.7., 19h; 21.7.: 19h30; Sehbehindertenfassung, 22.7., 19h30

Monday, July 25, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 2: ANNE TERESA DE KEERSMAEKER SPRICHT „DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE“

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Die Liebe des jungen Cornets spielt sich eher nur textlich im Kopf von Tänzer Michael Pomero ab; und Anne Teresa De Keersmaeker zeigt weniger dessen 15 Jahre ältere Geliebte ...

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... als die ältere, berühmte Choreografin, die sich innerlich romantisieren lässt, um dann ein intellektuelles, reflektiertes Werk zu schaffen. Und doch rührt „sie“ als fragile Ikone Anne Teresa De Keersmaeker, die als ältere Frau und Mutter mitleidet. (Fotos © Anne Van Aerschot)
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Wie sie einen doch immer wieder bewegen kann ...




15.7., gegen 22h30, im Wiener Odeon:



„Im nächsten Frühjahr (es kam traurig  und kalt) ritt ein Kurier des Freiherrn von Pirovano langsam in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen.“ – So lauten die letzten Worte des „sehr langen“ Gedichts, das eine innerlich sichtlich zutiefst bewegte Anne Teresa De Keersmaeker an diesem zweiten Aufführungstag des ImPulsTanz-Festivals 2016 vorträgt. – Vorträgt, nicht etwa vortanzt. Sie spricht auch insgesamt mehr, als sie sich bewegt. Das hat in diesem Fall trotzdem mehr mit Tanzen zu tun, als es oberflächlich betrachtet scheint.

Hat man das in diesem intimen Rahmen für relativ wenig Zuschauer verstanden, ist es dennoch Anne Teresa De Keersmaeker, die jetzt in ihrer Gesamtheit als Tanzikone betroffen macht: weil hier eine reife, angegraute Frau über das vergangene Spektakuläre der Liebe nachsinnieren mag, sowie über das Großartige all dessen, was einer jungen Tänzerin und Choreographin an Aufregung und Ruhm passiert. Und jede Frau und jeder Mann im Theatersaal jenseits der 45 fühlt mit ihr mit, weil irgendwann die größte Dramatik nur noch im Kopf stattfindet. Das erlebte Gefühl kann dadurch intensiver sein, als wenn man es tatsächlich erlebt. Gleichzeitig wird es aber von der Nostalgie einer verlorenen Zeit begleitet, was den Beigeschmack der Melancholie erklärt. (Weinen deshalb alte Menschen so schnell?)


Dabei ist in dem Gedicht mit der am Ende „alten, weinenden Frau“ nicht einmal die Vortragende selbst gemeint. Sondern höchstwahrscheinlich eine Mutter, die über ihren, im Krieg gefallenen, 18-jährigen Sohn trauert. Über den Tod des Cornets Christoph Rilke, Verwandter des Dichters der Ballade, Rainer Maria Rilke. Diesem wiederfährt auf seinem Ritt zum Kriegsfeld ein Geschenk: während einer Rast in einem Schloss verbringt er eine Liebesnacht mit der um 15 Jahre älteren Schlossherrin.


Jetzt wäre es naheliegend, den jungen Tänzer Michael Pomero mit dem Cornetten Rilke gleichzusetzen, und De Keersmaeker mit der älteren Schlossherrin. Stattdessen sind die Assoziationen und Absichten jedoch eher so, dass die Choreographin lediglich ausdrückt, inwiefern sich der Sprachinhalt, dessen Sinn und Melodie in zeitgenössische Tanzbewegungen umsetzen lassen. Dass das nicht primär über Charaktere läuft, liegt insbesondere bei De Keersmaeker auf der Hand.


Der belgischen Choreografin ist es darüber hinaus so wichtig, dass auch das Publikum den Text, dessen Atmosphäre und Rhythmus bereits im Aufführungsvorfeld versteht, dass er über die ImPulsTanz-Homepage bei ihrer Stückankündigung herunter zu laden war, Kartenbesitzer per e-mail damit versorgt wurden, und letztlich während der Vorstellung die einzelnen Seiten auf die Bühnenrückwand auf Deutsch und Englisch projiziert werden. Diese dreifache Absicherung wird inhaltlich noch einmal getoppt durch den abermaligen Vortrag von De Keersmaeker höchstpersönlich, den sie nach und zwischen ihrem Tanz - und nicht etwa begleitend – auswendig gelernt absolviert.


Das hat seinen Sinn: erst so wird klar, inwiefern ihr künstlerisch interpretiertes und erlebtes Sprechen sich vom auf bloßes Verständnis bedachten Lesen des Zuschauers unterscheidet, und wie ident ihre Art der Bewegung mit ihrer Art der Textbetonung (die so professionell ist wie von einer einschlägigen Schauspielerin) im Grunde ist. In beiden Fällen ist wiederum die verhaltene Ausdruckweise von De Keersmaeker charakteristisch, ihre Sprache enthält jedoch um einiges mehr an Emotion, als man in den spröden Bewegungen vermuten würde. (Wobei andere Stücke De Keersmaekers aber sehr viel Gefühl offenbaren, selbst wenn sie intellektuell gebaut sind.) Gleich sind die Präzision der Bewegung und der Aussprache, die Fehlerlosigkeit des Vokabulars (De Keersmaeker sagte nur einmal ein anderes Wort als im Text), sowie Spannungshaltung und -betonung im dramatischen Prozedere.


Die beiden weiteren Charaktere des Abends, die Querflötistin Chryssi Dimitriou und Co-Tänzer Michael Pomero, interpretierten den Text auch dementsprechend. Nur am Rande verkörpert der Tänzer den jungen Soldaten. Als meine er: „Wenn ich schon den Soldaten mimen soll, dann in der romantischen Sicht eines jungen, in den Drehungen kräftig springenden Menschen, der auf eine geheimnisvolle, abenteuerliche Liebesaffäre hofft.“ Die Querflötistin begleitet die mehrseitige Leseaufgabe des Publikums bis zu der Stelle, bevor der adelige Cornet auf die Gräfin stößt: kurzatmig rhythmisch pustend und repetitiv, ohne melodisch klingenden Ton (Musikstück: Opera per flauto von Salvatore Sciarrino: Imagine fenicia, All´auro in una lontananza). Die nahende, inhaltliche Melodramatik suggeriert hauptsächlich ihr unaufhörlich gequälter, angestrengter Gesichtsausdruck.


Das aus sich wiederholenden Phrasen bestehende Tanzduett von De Keersmaeker und Pomero danach ist eine Ankündigung hinsichtlich der kommenden Affäre, keine echte Begegnung, so, als ob sich beide, unabhängig von einander, die Liebesnacht vorstellen würden: es ist ein unpersönliches Treffen, in kurzen, synchronen Momenten, ohne richtige Berührung und gegenseitigen Blickkontakt. – Hier wollen sich zwei Menschen nicht kennen lernen, sondern einander einfach geben, was sie gerade brauchen. Unterstrichen wird die Anonymisierung durch die Unscheinbarkeit der Farbe Grau, die beide tragen. Die identen Kleider von Hose und T-Shirt verheißen darüber hinaus die Belanglosigkeit von Geschlechtern und Konventionen in diesem Moment, wo doch nur noch der Tod wartet. Alle Erinnerungen an diese Liebesnacht gehen verloren ... sowie ihr Leben in der Grauzone, wo nichts Persönliches bleibt, als ein, sein Leben opfernder Mann, der ein Familienerbe hinterlässt. 


Interessant ist – wie immer bei ImPulsTanz, das je nach Stück, ein vollkommen anderes Publikum anzuziehen vermag –, hier innerhalb dieser älteren „Konzerthaus- und Literaturgesellschaft“-Besucher Kulturstadtrat Andreas Mailath Pokorny neben seinen Subventionsgebern anzutreffen. Haben diese Leute das Stück in seiner Gesamtheit begriffen, dann können wir stolz sein, solche Kulturpolitiker in Wien zu haben. Denn dafür braucht es ein gewisses Hintergrundwissen. Aber: ein antikes Gedicht (Urfassung 1899) über die Zeit der Türkenbelagerung (1663) zu hören, ist an sich ja auch anregend. Insbesondere in der heutigen Zeit. e.o.






DAS URTEIL DE KEERSMAEKER ZEIGT SICH IN IHRER RILKE-UMSETZUNG ROMANTISCH, OHNE ROMANTISCHES EINZUSETZEN. MAN ERFÄHRT, WELCHE GEFÜHLE SICH IN IHREM KOPF ABSPIELEN, WENN SIE IHREN KÜHLEN TANZ DARBIETET. MAN IST GERÜHRT UND SCHÄTZT, DASS SIE AUS IHREM ALTER KEIN GEHEIMNIS MACHT. - KEINE GRAUE, SONDERN EINE ZIEMLICH SPANNENDE ZONE!





TANZ Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke * Von: Anne Teresa De Keersmaeker * Kreation und Performance: A.T. De Keersmaeker, Michael Pomero, Chryssi Dimitriou * Text: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke von Rainer Maria Rilke * Musik: Opera per flauto, Salvatore Sciarrino Imagine fenicia, All´aure in una lontananza * Ort: Odeon Wien * Zeit: 15., 17., 18.7.2016, 21h

Saturday, August 03, 2013

impulstanz 2013 -TAGEBUCH 2: ANWESEND BEI RODRIGO SOBARZOS PHYSIKSTUNDE "APNEA"

--> Rodrigo Sobarzo de Larraechea macht die Bewegung von Luft in Ohr, Erde, Wasser und Eis sichtbar. (Foto © Christine Brorsson)  -->

ODEON WIE LUFT UND WASSER IN IHREN AGGREGATZUSTÄNDEN MATERIALFREMD SICHTBAR GEMACHT WERDEN, ZEIGT „PHYSIKLEHRER“ RODRIGO SOBARZO DE LARRAECHEA IN APNEA – ZWEITE TAGEBUCHAUFZEICHNUNG.


Befinde mich im Odeon
kurz vor Beginn des Stücks APNEA von Chilene Rodrigo Sobarzo de Larraechea –
- allein der Name klingt nach Kunst,
oder zumindest nach alter spanischer Handelsfamilie oder gar nach Adel in einem armen Land Südamerikas.
Vielleicht erklärt das den außergewöhnlichen Zugang...
Den Mut zum eigenen Ich und Weg aufgrund einer autonom genossenen, privilegierten Erziehung.
Hat etwas Romantisches, an so etwas zu denken.
Das könnte aber auch eine völlige Fehlinterpretation sein ...

Ich muss etwas länger warten, weil das Vorstück Never Live Twice ein flexibles Ende hat.
Hm. Hoffentlich schaffe ich es dann noch bis 21h ins Burgtheater, wo der kolportierte Geniestreich Desh von Akram Khan stattfinden wird.
Zeit zum Nachdenken:
Sobarzos Wahnsinnsplane, sein wichtigstes Requisit, wird sich im Odeon gut machen. Das sonst dort beheimatete Serapionstheater arbeitet auch mit solchen bewegten, den hohen Raum durchwandernden Riesenlaken.

Sobarzos „Tanztheater“ entpuppt sich allerdings eher als interessante, physikalische Demonstration mit kraftvollem, doch wenig artifiziertem Körpereinsatz. Das vom Künstler beabsichtigte „Anhalten des Atmens unter Wasser“ kommt nur bedingt beim Publikum rüber.
Wie Luft sich allerdings in diversen Materien visualisiert bewegt, ist ungemein spannend zu beobachten. Jenseits von aller Theatralität wird die dröhnende Technokraft von Musik über Boxen sehr laut ansteigend und raumakustisch richtungswechselnd spürbar gemacht, bis sie schließlich im Kampf gegen aufgeschüttete Erde immer kleinlauter und in der Bewegung immer kraftloser werdend begraben ist. Mit einem endgültigen Mischpult-Dreh „erstickt“ sie ganz.

Darauf folgt der Einzug des besagten Riesen-Plastikvorhangs. Durch rhythmische, tempo-ansteigende Klopfbewegung entstehen vor den Zuschaueraugen Meeresrauschen, kreisförmige Wellen, als hätte man gerade einen Stein ins Wasser geworfen, bis man wieder auf die Bewegung des Performers achtet, der inzwischen wie ein verzweifelter Krauler auf der Wasseroberfläche um sein Leben "schwimmt" und mit einem rutschenden Handflächen-Klang seine Atemnot demonstriert. Ein zuvor wahrgenommenes „Feuerflackern“ auf der Plastikfläche geht schließlich in Rauch über, der allerdings für sich im Raum kreisförmig ausbreitender „Wasserdampf“ steht. Das macht wiederum bewusst, wie ähnlich sich materiell gegensätzlich hervorgerufene Aggregatzustände doch sehen.
Ein Laserstrahl wird letztendlich durch den „Dampf“ aus Rauch gebrochen und nimmt je nach Strahlrichtung kristallförmige Auswüchse an. Was denn nun das gefrorene Eis oder eine Schneeflocke darstellen müsste.

Zwischen all dem Rauch fällt mir ein Zuschauer auf, den ich bei diesem außergewöhnlichen „Insiderstück“ eigentlich nie vermuten würde, weshalb ich mir lange nicht sicher bin, ob er es auch ist: Trompeter Bernhard Rabitsch. Ich muss ihn beim Verlassen des Saals unbedingt ansprechen, um mir sicher zu sein, ob er es auch war.
Er war.

Jetzt aber schnell ins Burgtheater zu Khan, es beginnt in 15 Minuten.
e.o.





DAS URTEIL AUFGRUND DES EINZIGARTIGEN ZUGANGS IM BEREICH TANZTHEATER SPANNEND. EIGENTLICH EINE KLASSISCHE KONTEXTVERSCHIEBUNG DER ZEITGENÖSSISCHEN BILDENDEN KUNST. HAT ABER MEHR VON EINEM PHYSIKUNTERRICHT ALS VON EINER THEATRALEN PERFORMANCE, DIE GEFÜHLE TRIFFT.

PERFORMANCE APNEA * Konzept & Performance: Rodrigo Sobarzo de Larraechea * Ort: Odeon * Zeit: 16., 18.7.2013, 19h30

Thursday, August 01, 2013

impulstanz 2013 -TAGEBUCH 1: MIT DEM RAD VON NAVARIDAS / DEUTINGER ZU OLIVIER DUBOIS

--> Speaking of which: Zu zaghaftes Körperkommentar zu komplexen Sachverhalten, Gedanken und verbalen Analysen von Marta Navaridas und Alex Deutinger ....
--> ... weil man die Bewegungstöne und Raumakustik im Video nicht hört. So ging der Kommentar unter. Den darauf bezogenen gesprochenen Wissenschaftstext verstand man wegen des Haltens auf Englisch auch nur in Fetzen. (Video-Screenshots © Navaridas/Deutinger)
--> Le Sacre du Printemps als Vorlage von Olivier Dubois´ Pret a baiser: Der Kuss zwischen Künstler (Dubois) und Muse (Mohamed Kouadri-Sameut) ...
--> ... lässt lange auf sich warten. Dafür dauert er dann ...
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... umso länger. Weil der Künstler seinen kleinlauten Partner wie ein schweres Vieh übermannt. (Fotos © Boris Munger)


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VOM SCHAUSPIELHAUS ZUM ODEON DIE ERREGUNG GEGENÜBER DEM IMPULSTANZ-FESTIVALSTART IST GRÖSSER ALS DIE BEFRIEDIGUNG DURCH DEN KÜNSTLERISCHEN AUFTAKT OLIVIER DUBOIS PRET A BAISER SOWIE DES 8:TENSION-STÜCKS SPEAKING OF WHICH VON NAVARIDAS & DEUTINGER – ERSTE TAGEBUCHAUFZEICHNUNG.


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HURRA, HURRA, impulstanz!

Am 11. Juli 2013 schwinge ich mich gegen 19 Uhr auf mein Fahrrad.
Zum Wiener Schauspielhaus, 20 Uhr Speaking of which von Marta Navaridas und Alex Deutinger aus der 8:tension-Newcomer-Schiene.

42 bin ich jetzt. Schäme mich nicht zu sagen, dass ich mit dem Rad zu einer Theater-Aufführung fahre.

Ich besuche ImPulsTanz seit zehn Jahren, weil ich dorthin mit dem Rad fahren kann. „Muss“. Alle Eingefleischten kommen so.

ImPulsTanz macht im wahrsten Sinne des Wortes „frei“, frei von Eitelkeit, frei von Konvention, frei vom Alltag, frei von Prüderie. Nirgends ist das Individuum so sehr Substanz wie hier.

Deshalb die Tagebuch-Form. Mein Falter-Kollege, Wolfgang Kralicek, hat sie auch öfter gewählt, für seine Wiener-Festwochen-Marathon-Besuche. Sein Grund war der Marathon.
 
Ich gehe nicht zu allen „wichtigen“ Stücken. Etwa nicht zum Duo Partita 2 zur Musik Bachs. Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz waren mir im Werbe-Kurzvideo zu angestrengt.

Zu moralisierend.
Geht mit meinem Bedürfnis nach sommerlicher Freiheit nicht überein.
Jetzt, im Schauspielhaus, sehe ich auch so etwas Ähnliches:
It´s completely English spoken.


As an audience I should have spoken a lot of English in my pre-show-rehearsal to get into it. ´Cause they deal with difficult science-stuff that I hardly would understand in my native language. The two performers, Navaridas and Deutinger, sit on the side of the stage, looking to the video-wall on the stage. They say the English text while their bodies in the video comment their words with their movements. The main problem, why this attempt to show something in a new (inverted) form fails (normally the text comes from the loudspeaker whereas the movement comes live from stage), is that they turn off the whole movement- and room-acoustic-sound of the video. So you don´t perceive whether the words nor the movement within the understanding-department of your brain.
Die Frau sagt zwar am Ende, „I think, I got it“, was wohl heißt, dass der (weibliche) Instinkt mehr mitkriegt als er bewusst auszusprechen vermag. Für diese Aussage hätte man aber besser den Film-Klassiker aus dem Jahr 1977 Die Spitzenklöpplerin mit Isabelle Huppert in ihrer ersten Rolle gezeigt. Der rührt einen bis ins Mark, nachdem ihr philosophisch verkopfter Studenten-Liebhaber nicht wahrhaben will, dass das instinktive Verständnis für vertiefende Reflexionen für ein familiäres Dasein genug sein kann.



Ich treffe Festivalleiter Karl Regensburger nach der Vorstellung im Odeon und sage ihm anhand genau jenes Vergleichs: „Jedem Medium seinen Stoff.“
Worauf er meint, jene Schauspielerin habe auch in Akram Khans In-I fantastisch gemimt.
Ich staune und denke die ganze folgende Haupt-Vorstellung des ImPulsTanz-Eröffnungsabends Pret à Baiser von Olivier Dubois, der einen 35-Minuten-Nonstop-Zungenkuss mit Mohammed Kouadri-Sameut nach einer 15-minütigen Zeitlupen-Sitz-Annäherung hinlegt, darüber nach, bis mir einfällt, dass jene Khan-Schauspielerin viel mehr Juliette Binoche gewesen sein muss.
Das Dubois-Stück war übrigens auch nur ein origineller Versuch, eine Künstler-Liebe mit seiner Muse zu zeigen, worin der mächtige Dubois seinen kleinlaut aufmüpfigen Geliebten zur Musik von Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps nicht aufkommen lassen will. Die Kräfte in diesem Münder-Dialog waren zu einseitig verteilt. Geschweige denn, dass es erotisch gewesen wäre. Nur Dubois´ dicklicher Körper und seine Vehemenz gleich einem schweren Vieh waren einmal mehr ein Blickfang jenseits der Gewohnheit. Ein unübersehbarer Tänzer-Charakter.


Das schönste an diesem Doppelabend ist die Heimfahrt mit dem Rad. Ich kann wieder mal nachts allein durch die Innenstadt Wiens fahren. Als Mutter eines kleinen Kindes kommt man eigentlich nie mehr dazu. e.o.





DAS URTEIL MITTELMÄSSIGER SACRE-AUFTAKT VON IMPULSTANZ MIT OLIVIER DUBOIS SOWIE VON 8:TENSION. DAFÜR IST DIE FESTIVAL-ATMOSPHÄRE VON ANFANG AN SPANNUNGSGELADEN.

PERFORMANCE Speaking of which * Konzept & Performer: Marta Navaridas & Alex Deutinger * Ort: Schauspielhaus * Zeit: 11.7.2013, 20h + 14.7.2013, 23h

PERFORMANCE Pret à baiser - Ready to kiss * Performance: Olivier Dubois, Mohamed Kouadri-Sameut * Ort: Odeon * Zeit: 11.7.2013, 21h30

Friday, April 11, 2008

OPER: PHILIPP HARNONCOURT MIT BOROCKER "ALCIONE" IM ODEON

Alcione (Svetlana Smolentseva) und Ceix (Johannes Weiß) befinden sich am festen Meeressteg noch auf sicherem Terrain ihrer Liebe ...

... wenn nur nicht der attraktive und eifersüchtige Pelée (Steffen Rössler), angetrieben durch den bösen Phorbas = Gott Pan (Yasushi Hirano), Alcione für sich haben wollte ...

... sodass der manipuliert aufgehetzte Ceix auf stürmische Irrfahrt gehen muss, wo ihn alle möglichen Unterwelt-Gestalten begleiten ... Fotos © Odeon/Stefan SMIDT


ODEON WIEN PHILIPP HARNONCOURT ERWEITERT DAS PROGRAMM DES RENOMMIERTEN BUTOH-HAUSES UM BAROCKE TÖNE: MIT DER ALLEGORISCHEN ALCIONE VON MARIN MARAIS LÄSST SICH DIE LINIE SINNVOLL AUSBAUEN

Regisseur Philipp Harnoncourt schöpft genetisch und biografisch aus zwei Urtrieben: als Sohn des genialen Dirigenten und Barockorchester-Leiters Nikolaus Harnoncourt hat er genau dasselbe Gespür für Cembalo, Laute, Tamburin, etc. wie der Vater; darüber hinaus baut er bei seiner Inszenierung von Marin Marais´ Alcione wie jener auf dasselbe Prinzip: auf durch und durch hervorragende Spitzensänger bis in die kleinste Rolle, die jeden Ton mitdenken und aus ihrem Innersten heraus erleben. Und als ursprünglicher Wiener ImPulsTanz-Mitverantwortlicher hegt Philipp Harnoncourt eine tiefgreifende Affinität für zeitgenössischen Tanz und Raumgestaltung. - Diese zwei Parameter lassen sich im Odeon bestens vereinen, in jenem schönsten, die humane Ewigkeit vermittelnden Theaterraum Wiens, der zuletzt viel im Gerede war, wegen der Subventionsverzögerungen für das dort residierende Serapions-Tanzensemble von Erwin Piplitz und Ulrike Kaufmann, das zwar hervorragend, über die Jahrzehnte aber für manchen zu eindimensional und damit zu wenig ausgelastet war.

Wenn sich zwei Götter streiten, leidet der Mensch

Nun ist die achtmal gespielte Barockoper aus dem Jahr 1706 wohl die Antwort darauf. Diese Antwort hat sowohl Niveau, sie macht aber auch abwechslungsreichen Sinn. Kaufmann und Piplitz steuern ihre Butoh-Tänzer bei und verantworten die Ausstattung - klar erkennbar am lagenlookigen Kleiderstil in A-Form aus feinsten Materialien, die "diese Götter" als erlesene Clochards ihren Gefühlen zwischen Liebe und Eifersucht, Gefühlserwiderung und Neid, Eroberung und Verzicht ausliefern. Jener Zerrissenheit zwischen Gut und Böse, Glück und Unglück, Erfolg und Untergang, die der Menschheit seit ihrer Existenz zu schaffen macht und die für ihr Leid in Reinkultur steht. Denn wenn sich zwei entgegengesetzte Götter streiten, leidet der Mensch. So haben es sich zumindest die Griechen erdacht. - Konkret geht es um den neidischen, zum Kampf provozierenden Pan, den der friedvolle Apollon besiegt und mit einer lehrreichen Parabel besänftigt: darin will der verschmähte Pélée, angetrieben durch den bösen Phorbas und die Zauberin Ismène, die Liebe zwischen König Ceix und Alcione zerstören. Ceix denkt, jene nur mit dunklen Kräften der Unterwelt besiegen zu können und erleidet eine qualvolle Meeresreise des Irrsinns, um letztendlich harmonischen Frieden des weisen Orakels (die Weissagung tugendhaften Tuns) zu erfahren. Auf die ihn zurückhaltenden Worte Alciones will Ceix nicht hören, die dann wiederum - allein zurückbleibend - mit sorgenvollen Träumen um ihn und Abwehrkämpfen gegenüber der Versuchung nach Pélée mit sich selbst zu ringen hat. In einer Art Romeo und Julia treffen sich die Liebenden dann im Tod in der Weisheit letzter Schluß: sich treu zu sein, gleich zweier Eisvögel, in die sie der, die Meeresbewohner beschützende, Meeresgott Neptun verwandelt hat. - Dieses Symbol als menschlich zu erstrebenswertes Ziel braucht es offensichtlich, da Gefühle wie kleinste Teilchen im Wasser rasend schnell in Unordnung geraten können. Und der Untertitel zum Stück, "Von der Unmöglichkeit, die große Liebe zu überleben", sagt auch, in welche Richtung sich der Regisseur diese Moral zu interpretieren gedacht hat: dass nur die Mäßigung der Gefühle lebensfähig ist.

Von der schwierigen Mäßigung der Gefühle

Wie groß die Verführung, sich den absoluten Gefühlstrieben hin zu geben, aber ist, unterstreicht Harnoncourt durch die widersprüchlich positive Besetzung des zurückgewiesenen Pélée durch den ausgesprochen anziehenden und mit seinem Bariton wohlklingenden Steffen Rössler. Er wirkt als Mann um vieles anziehender als der Tenor und positive Held "Ceix", auch wenn Johannes Weiß wahrscheinlich zu Barockzeiten den größeren Anziehungsfaktor bedeutet hätte, da die hohen Männerstimmen zu jener Zeit gleich Göttern verehrt wurden. Johannes Weiß singt dementsprechend - auch heute noch - ungewöhnlich schön. In Sachen Sexappeal wirkt Rössler aber stärker. Das macht das Ganze spannend. Denn es geht ja (auch) um die Abwehr der Verführung zugunsten des Erhalts des Treuegefühls von Alcione, der Russin Svetlana Smolentseva mit heller und junger Stimme, der unglaublich filigran und zartfühlend singendsten Sopranistin dieser Inszenierung. Heißt es, "die Liebe wird beleidigt, wenn man ihrem Leid folgt", hinterfragt von "ob die Ehe die Liebe vernichtet", beantwortet im durch schwankend kämpfende Gestalten dargestellten, gestörten Meer, "die Liebe glättet alle Wellen", wonach Ceix aber doch "flieht, vor ihren Tränen", wird das für den Zuschauer umso bewegender. Und wenn Pélée auch noch Gewissensqualen durchsteht und sich für einen Verräter hält, erst recht, weil es den Kampf mit der eigenen Schwäche in jedem Menschen ausdrückt. Stimmig ist dabei das Ineinandergreifen von Tänzern und Sängern, indem die Sänger, wie Bass Yasushi Hirano als Pan und Phorbas, manchmal auch tanzen, die Tänzer auch singen (da können die Iribar-Tänzerinnen durchaus ein bißchen peinlich klingen, insgesamt kommt es sympathisch). Bewegt wie das "gefühlvolle" Meer ist das (sehr interessant) originalinstrumentierte Orchester unter Dirigent Lorenz Duftschmid, das letztlich für den schwankenden Gefühlsverlauf des Stücks steht. Denn es spielt einmal von links, dann von rechts, dann wieder in reduzierter Besetzung und am Schluß, von jedem bösen Fluch (= innerem Schweinehund) befreit offen aufgereiht am Bühnenhintergrund.

Wo bleibt der Wahnsinn?

Neben den Sängern - mit Glanznummer eines siebenköpfigen Frauenchors unter Weihrauch mit Übergang in Flötentöne - am ergreifendsten sind die inszenierten Metaphern, die Zerrissenheitsgefühlsbilder wie ein Besteck-Tanz an der versuchten Hochzeits-Festtafel, ein wankender, verführerisch und todesbedrohlich eingarnender Schnurtanz, "manipuliert-vereinnahmte" Marionetten-Tänzer, ein irischer Volkstanz als stürmische See, und das Segelschiff mit Riesenbett als mehrdeutiges Symbol von potentiellem Liebesrausch, gefährlicher Erkenntnisreise bis sorgenvollem Alptraum. Das alles ist bei insgesamt edel-purem Anblick perfekt-gesittet arrangiert und ineinander verschlungen ausgedacht. Nur eines fehlt diesem Kunstakt aber doch: der Wahnsinn, der Ausbruch aus der sofort eintretenden Erwartungshaltung - da könnte sich Philipp Harnoncourt noch ein Beispiel an seinem Vater nehmen, so unangenehm derartige Vergleiche auch sein mögen und so angebracht das inhaltlich motivierte Ziel der Mäßigung hier auch formal erscheinen mag ... e.o./r.r.


DAS URTEIL EINE FEINE, SCHÖNE, PERFEKTE KOMBINATION, FÜR MANCHEN VIELLEICHT ZU PERFEKT ...

OPER Alcione * Von: Marin Marais * Regie: Philipp Harnoncourt * Musikalische Leitung: Lorenz Duftschmid, Armonico Tributo Austria * Ausstattung: Ulrike Kaufmann, Erwin Piplits * Mit: Svetlana Smolentseva, Johannes Weiß, Steffen Rössler, Yasushi Hirano, Martina Prins, Andreas Jankowitsch, Bernd Lambauer; Johanna von der Deken, Agnes Scheibelreiter * Mit: J.J.Fux-Madrigalisten: Agnes Scheibelreiter, Elisabeth Breuer, Nozomi Yoshizawa, Victoria Rona, Rudolf Brunnhuber, Kurt Kempf, Guy Putz, Jörg Espenkott, Dominik Rieger, Jens Waldig * Mit: Serapions Ensemble: Carlos Delgado Betancourt, Marcelo Cardoso Gama, Sandra Rato da Trindade, Kyung In Choi, José Antonio Rey Garcia, Mercedes Vargas Iribar, Miriam Vargas Iribar

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OPER Kaspar Hauser oder Unter Menschen * Ein chorisches Musiktheater von Friedrich Karl Waechter * Regie: Christian Schidlowski * Musikalische Leitung & Musik: Martin Zels * Bühnenbild: Andreas Wagner * Mit: Jürgen Decke, Petra Javorsky, Martin Zels, Ein Chor, Menschen: „Auftakt“ * Mit: Kammerensemble: Hela Risto, Birgit Trost, Jacub Horacek, Daniela Grams, Daniel Sauermann * Ort: Odeon Wien * Zeit: 12.4.2008: 20h