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Monday, July 25, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 2: ANNE TERESA DE KEERSMAEKER SPRICHT „DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE“

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Die Liebe des jungen Cornets spielt sich eher nur textlich im Kopf von Tänzer Michael Pomero ab; und Anne Teresa De Keersmaeker zeigt weniger dessen 15 Jahre ältere Geliebte ...

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... als die ältere, berühmte Choreografin, die sich innerlich romantisieren lässt, um dann ein intellektuelles, reflektiertes Werk zu schaffen. Und doch rührt „sie“ als fragile Ikone Anne Teresa De Keersmaeker, die als ältere Frau und Mutter mitleidet. (Fotos © Anne Van Aerschot)
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Wie sie einen doch immer wieder bewegen kann ...




15.7., gegen 22h30, im Wiener Odeon:



„Im nächsten Frühjahr (es kam traurig  und kalt) ritt ein Kurier des Freiherrn von Pirovano langsam in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen.“ – So lauten die letzten Worte des „sehr langen“ Gedichts, das eine innerlich sichtlich zutiefst bewegte Anne Teresa De Keersmaeker an diesem zweiten Aufführungstag des ImPulsTanz-Festivals 2016 vorträgt. – Vorträgt, nicht etwa vortanzt. Sie spricht auch insgesamt mehr, als sie sich bewegt. Das hat in diesem Fall trotzdem mehr mit Tanzen zu tun, als es oberflächlich betrachtet scheint.

Hat man das in diesem intimen Rahmen für relativ wenig Zuschauer verstanden, ist es dennoch Anne Teresa De Keersmaeker, die jetzt in ihrer Gesamtheit als Tanzikone betroffen macht: weil hier eine reife, angegraute Frau über das vergangene Spektakuläre der Liebe nachsinnieren mag, sowie über das Großartige all dessen, was einer jungen Tänzerin und Choreographin an Aufregung und Ruhm passiert. Und jede Frau und jeder Mann im Theatersaal jenseits der 45 fühlt mit ihr mit, weil irgendwann die größte Dramatik nur noch im Kopf stattfindet. Das erlebte Gefühl kann dadurch intensiver sein, als wenn man es tatsächlich erlebt. Gleichzeitig wird es aber von der Nostalgie einer verlorenen Zeit begleitet, was den Beigeschmack der Melancholie erklärt. (Weinen deshalb alte Menschen so schnell?)


Dabei ist in dem Gedicht mit der am Ende „alten, weinenden Frau“ nicht einmal die Vortragende selbst gemeint. Sondern höchstwahrscheinlich eine Mutter, die über ihren, im Krieg gefallenen, 18-jährigen Sohn trauert. Über den Tod des Cornets Christoph Rilke, Verwandter des Dichters der Ballade, Rainer Maria Rilke. Diesem wiederfährt auf seinem Ritt zum Kriegsfeld ein Geschenk: während einer Rast in einem Schloss verbringt er eine Liebesnacht mit der um 15 Jahre älteren Schlossherrin.


Jetzt wäre es naheliegend, den jungen Tänzer Michael Pomero mit dem Cornetten Rilke gleichzusetzen, und De Keersmaeker mit der älteren Schlossherrin. Stattdessen sind die Assoziationen und Absichten jedoch eher so, dass die Choreographin lediglich ausdrückt, inwiefern sich der Sprachinhalt, dessen Sinn und Melodie in zeitgenössische Tanzbewegungen umsetzen lassen. Dass das nicht primär über Charaktere läuft, liegt insbesondere bei De Keersmaeker auf der Hand.


Der belgischen Choreografin ist es darüber hinaus so wichtig, dass auch das Publikum den Text, dessen Atmosphäre und Rhythmus bereits im Aufführungsvorfeld versteht, dass er über die ImPulsTanz-Homepage bei ihrer Stückankündigung herunter zu laden war, Kartenbesitzer per e-mail damit versorgt wurden, und letztlich während der Vorstellung die einzelnen Seiten auf die Bühnenrückwand auf Deutsch und Englisch projiziert werden. Diese dreifache Absicherung wird inhaltlich noch einmal getoppt durch den abermaligen Vortrag von De Keersmaeker höchstpersönlich, den sie nach und zwischen ihrem Tanz - und nicht etwa begleitend – auswendig gelernt absolviert.


Das hat seinen Sinn: erst so wird klar, inwiefern ihr künstlerisch interpretiertes und erlebtes Sprechen sich vom auf bloßes Verständnis bedachten Lesen des Zuschauers unterscheidet, und wie ident ihre Art der Bewegung mit ihrer Art der Textbetonung (die so professionell ist wie von einer einschlägigen Schauspielerin) im Grunde ist. In beiden Fällen ist wiederum die verhaltene Ausdruckweise von De Keersmaeker charakteristisch, ihre Sprache enthält jedoch um einiges mehr an Emotion, als man in den spröden Bewegungen vermuten würde. (Wobei andere Stücke De Keersmaekers aber sehr viel Gefühl offenbaren, selbst wenn sie intellektuell gebaut sind.) Gleich sind die Präzision der Bewegung und der Aussprache, die Fehlerlosigkeit des Vokabulars (De Keersmaeker sagte nur einmal ein anderes Wort als im Text), sowie Spannungshaltung und -betonung im dramatischen Prozedere.


Die beiden weiteren Charaktere des Abends, die Querflötistin Chryssi Dimitriou und Co-Tänzer Michael Pomero, interpretierten den Text auch dementsprechend. Nur am Rande verkörpert der Tänzer den jungen Soldaten. Als meine er: „Wenn ich schon den Soldaten mimen soll, dann in der romantischen Sicht eines jungen, in den Drehungen kräftig springenden Menschen, der auf eine geheimnisvolle, abenteuerliche Liebesaffäre hofft.“ Die Querflötistin begleitet die mehrseitige Leseaufgabe des Publikums bis zu der Stelle, bevor der adelige Cornet auf die Gräfin stößt: kurzatmig rhythmisch pustend und repetitiv, ohne melodisch klingenden Ton (Musikstück: Opera per flauto von Salvatore Sciarrino: Imagine fenicia, All´auro in una lontananza). Die nahende, inhaltliche Melodramatik suggeriert hauptsächlich ihr unaufhörlich gequälter, angestrengter Gesichtsausdruck.


Das aus sich wiederholenden Phrasen bestehende Tanzduett von De Keersmaeker und Pomero danach ist eine Ankündigung hinsichtlich der kommenden Affäre, keine echte Begegnung, so, als ob sich beide, unabhängig von einander, die Liebesnacht vorstellen würden: es ist ein unpersönliches Treffen, in kurzen, synchronen Momenten, ohne richtige Berührung und gegenseitigen Blickkontakt. – Hier wollen sich zwei Menschen nicht kennen lernen, sondern einander einfach geben, was sie gerade brauchen. Unterstrichen wird die Anonymisierung durch die Unscheinbarkeit der Farbe Grau, die beide tragen. Die identen Kleider von Hose und T-Shirt verheißen darüber hinaus die Belanglosigkeit von Geschlechtern und Konventionen in diesem Moment, wo doch nur noch der Tod wartet. Alle Erinnerungen an diese Liebesnacht gehen verloren ... sowie ihr Leben in der Grauzone, wo nichts Persönliches bleibt, als ein, sein Leben opfernder Mann, der ein Familienerbe hinterlässt. 


Interessant ist – wie immer bei ImPulsTanz, das je nach Stück, ein vollkommen anderes Publikum anzuziehen vermag –, hier innerhalb dieser älteren „Konzerthaus- und Literaturgesellschaft“-Besucher Kulturstadtrat Andreas Mailath Pokorny neben seinen Subventionsgebern anzutreffen. Haben diese Leute das Stück in seiner Gesamtheit begriffen, dann können wir stolz sein, solche Kulturpolitiker in Wien zu haben. Denn dafür braucht es ein gewisses Hintergrundwissen. Aber: ein antikes Gedicht (Urfassung 1899) über die Zeit der Türkenbelagerung (1663) zu hören, ist an sich ja auch anregend. Insbesondere in der heutigen Zeit. e.o.






DAS URTEIL DE KEERSMAEKER ZEIGT SICH IN IHRER RILKE-UMSETZUNG ROMANTISCH, OHNE ROMANTISCHES EINZUSETZEN. MAN ERFÄHRT, WELCHE GEFÜHLE SICH IN IHREM KOPF ABSPIELEN, WENN SIE IHREN KÜHLEN TANZ DARBIETET. MAN IST GERÜHRT UND SCHÄTZT, DASS SIE AUS IHREM ALTER KEIN GEHEIMNIS MACHT. - KEINE GRAUE, SONDERN EINE ZIEMLICH SPANNENDE ZONE!





TANZ Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke * Von: Anne Teresa De Keersmaeker * Kreation und Performance: A.T. De Keersmaeker, Michael Pomero, Chryssi Dimitriou * Text: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke von Rainer Maria Rilke * Musik: Opera per flauto, Salvatore Sciarrino Imagine fenicia, All´aure in una lontananza * Ort: Odeon Wien * Zeit: 15., 17., 18.7.2016, 21h

Friday, July 18, 2008

TANZ: IMPULSTANZ FEIERT DIE ZEITGENOSSEN MIT "BALLETTGALA" UND AHA-ERLEBNIS

Was gibt es für ein Risiko für die Frau, dem Liebesdrängen eines Mannes nachzugeben? (Foto © Sébastien Mathé)

Ein Großes - und dennoch gibt sich Laetitia Pujol dem kokett drängenden Manuel Legris in Le Parc von Angelin Preljocaj hin, sodass es beide nur so dreht. (Foto © Christian Leiber)

Andererseits ist die Sehnsucht eines Mannes aber auch ziemlich herzzerreißend, wenn seine Begierde nicht gestillt wird, wie in Prélude à l´après-midi d´un faune von Rosas. (Foto © Herman Sorgelos)





















Da ist es doch leichter, wie William Forsythe über formale Bühenpraktika in Steptext zu reden: wie das Kirov-Ballett (expressiv stark: Ekaterina Kondaurova) (Foto © Rieder
Promotions)

Oder über Forsythes neoklassische Bewegungsdekonstruktionen in Approximate Sonata, die (nicht im Bild) Forsythes Muse Antony Rizzi mit Leslie Heylmann lustig bei ImPulsTanz persiflierte.




















Bei diesem schlüssig-dichten, aber anstrengenden Gala-Programm war Chouinards Le Sacre du printemps-Ritualklassikerpop dann fast schon zu viel des Guten (Foto © Marie Chouinard).



BURGTHEATER - IMPULSTANZ BEI DER BALLETTGALA ZEIGTE SICH, WAS NACH 25 JAHREN ZEITGENÖSSISCHEN TANZES WIRKLICH ZÄHLT: IM BALLETT UND BEI DEN ZEITGENOSSEN

Wer hätte das gedacht. Da strengt sich der zeitgenössische Tanz im Unisono bis zum Erbrechen an, klug zu erscheinen - denn die klassischen Balletttänzer einschließlich hierarchischer Institution und damit die Tanzgeschichte seien ja "so (undemokratisch) dumm"! Kommt der außenstehende Betrachter aber zu einer Vergleichsmöglichkeit mehrerer gezeigter bahnbrechender Produktionen, bleibt doch das am stärksten transportierte, kopflose Gefühl eines bestimmten Werks hängen, nämlich beim dritten Teil aus Le Parc - Pas de deux, von Franco-Albanier Angelin Preljocaj, wo die Rebellion der Bewegung lediglich unterbewußt zu spüren ist. Der Gefühlsausdruck drängt sich in der Erinnerung des Betrachters bildstark und sehnsuchterweckend vor alles andere. Preljocaj leuchtet im Rahmen der Ballettgala zum 25-Jahre-Jubiläum des Wiener Tanzfestivals ImPulsTanz aus all den gefeierten De(kon)struktionsgrößen des klassischen Tanzes hervor, zwischen Forsythe, De Keersmaeker, Chouinard. Sie alle verblassen, weil sie inzwischen dasselbe vordergründige Bewußtsein eint, die technische Formzeichnung für das Publikum an die Front zu hieven.

Das also, was früher einmal revolutionär, neu und einzigartig war, ist schon allzu allgemein, bekannt, etabliert. Ein Preljocaj dagegen, der mit der Empfindung als führende Zugkraft in seinem Schaffen arbeitet, ist zur Ausnahmeerscheinung geworden. Sein Thema der Liebe in der Handlung ist dabei nicht ausschlaggebend, sondern die Bewegung der Tänzer aus Liebe, als ihr subjektiv empfundenes, romantisches Bild aus tiefster Seele. Dass das viel mehr Kraftinvestition und Verinnerlichung seitens der Tänzer bedeutet, liegt auf der Hand. Und verblüffend ist im Nachhinein aber festzustellen, dass diese Bewegung genauso zeitgenössisches Dekonstruktionsmaterial enthält wie die Arbeiten der einschlägig bekannten Dekonstruktions-Ikonen. Am Ende gilt für den zeitgenössischen Tanz dasselbe Gesetz wie für den Klassiktanz: nicht die Technik darf das Hauptaugenmerk der Aufführung sein, sondern der gelebte Ausdruck, selbst wenn die Technik neu ist.

Wenn Tanzdenker mit ihren Tränen kämpfen herrscht Demokratie

Allerdings: im konkreten - 1994 für das Ballet de l´Opera National de Paris choreografierten - Le Parc - Pas de deux wirkt die dominante Emotion, gerade wegen der neuen Bewegung, nicht platt und eindimensional, sondern zunächst ironisch, subtil und im gesteigerten Fortlauf als intime Spitze, gleich einer inneren Befreiung der Tänzer, verhalten tief und aufrichtig innig. Man kann sich kaum der Tränen verwehren, wenn die Ètoile-Tänzerin des Pariser Opernballetts, Laetitia Pujol, in absolut parallel laufender Bewegung zur sensibel gefühlten Musik Mozarts nach langer spielerischer Sprödigkeit in barocken Herrenkleidern dem kokett werbenden Mann nachgibt, so wie er, mit nichts mehr an als eines weißen, großen Herrenhemdes. Die Musik ist dabei mindestens genauso präsent wie der Tanz. In diesem Sinne findet hier auf der Bühne die harmonischste Gleichberechtigung der Künste statt, die man sich vorstellen kann. - So viel zum Kampfeswillen des zeitgenössischen Tanzes, sich gegen Raum, Theaterregeln und Musik aufbäumen glauben zu müssen, um als vollwertig zu gelten. Und deshalb aber auch die dringende Reklamation eines, sich ebenso wie ein Bildender Künstler (!) für Tanz interessierten Musikers an die ImPulsTanz-Programmheft-Beschreiber: Welches Orchester und welcher Pianist haben da gespielt? Das nicht zu erwähnen, wäre in diesem Fall doch recht undemokratisch!!!

Hebt die dunkelblond-langhaarige Elfe Pujol zum leise anwachsenden hohen Ton der Flöten und Geigen im Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur, KV 488 - Adagio küssend, kerzengerade und waagrecht zur Bühne im Zeitlupentempo ihre Beine, fest den Hals von Étoile Manuel Legris umklammernd, sodass er kurz taumelnd ins immer schneller werdende Kreisen mit weit ausgebreiteten Armen gerät, erscheint jene Welt, die sich in ihrem Inneren breitmacht: eine Welt in immer schneller drehendem Liebesrausch, die nur geschützt ist durch die Stärke der aufeinander gepreßten Münder und der Arme des Mannes, die die Frau halten, als beide zu kippen drohen. Doch bei all dem Vertrauen flüstert das Piano eine Ahnung von wehmütigem Schmerz einer Vergänglichkeit ein, die Frau bohrt ihren Kopf zweifelnd in des Mannes Brust, als ob sie bäte: "Verlaß mich nicht!" - Das ist umso ergreifender, als der Titel dieses letzten Teils Abandon übersetzt "Hingabe" lautet, doch im Verb "abandonner = im Stich lassen, verzichten auf...". Die dunklen Wolken im Bühnenhintergrund verheißen ebenfalls Ungewißheit ... Als Optimist will man jedoch allein an die beidseitige Preisgabe an den anderen glauben, selbst wenn die Trauer um das mögliche Ende mitschwingt ... Immerhin suggeriert das tiefe Cembalo so etwas wie standfesten Halt, als gäbe dieser attraktive Mann der bittenden Frau tatsächlich sein endgültiges Versprechen ...

Das gelungen gesteigerte Vorspiel ...

Dieses Stück lief an fünfter Stelle innerhalb der von der künstlerischen ImPulsTanz-Leitung, sehr geschmackvoll zusammengestellten Ballettgala (großes Kompliment, denn das ist bei Ballettgalas eine Seltenheit!). Davor paßte Prélude à l´après-midi d´un faune von Anne Teresa De Keersmaeker und Rosas fast noch besser in diesen Ablauf als in De Keersmaekers eigenes Stück aus dem Jahr 2006 D´un soir un jour. Denn es stellte den idealen Übergang zwischen impressionistischer Liebes-Illusion in Atmosphäre und Thema dar, sowie es auf die abstrakte Bewegungssprache-Analytik Bezug nimmt und die Unterbrechungsmethoden in Licht- und Bühnenkontinuitätskonventionen, die im Vorfeld von Forsythes Stücken ausgegangen sind, wieder aufnimmt. Doch Keersmaekers Interpretation des Debussy-Klassikers ist schon für sich allein eines ihrer besten Kreationen, bei der ihr Choreograph David Hernandez im Tanzvokabular maßgeblich "geholfen" hat. Dieser Mann ist ein wahrer Geschichtsprofi, was skulpturhafte Posen aus der griechischen und ägyptischen Antike anbelangt, die perfekt ins zeitgenössische Heute transferiert und integriert wurden. - Das freut übrigens wieder unseren mitkritisierenden Musiker, der das Debussy-Thema aus dem antiken Faun-Mythos exakt übersetzt empfand. Abgesehen davon, dass die Musik dieses Komponisten mit seiner großen Romantik einmal mehr, extra illusionsförderlich ist, sodass das Herz ins Schwingen gerät! Selbst wenn der dazu zurückhaltend sperrig und konträr kühl vor sich hinträumende Faun (Mark Lorimer - er gehörte einmal zu The Featherstonehaughs, neben The Cholmondeleys die zweite Top-Company von Britin Lea Anderson, die mindestens so berühmt wie De Keersmaeker / Rosas ist, aber in Österreich noch nie zu sehen war!!!) im aufwirbelnden Sand nur von schönen, bunt gekleideten Frauen träumen darf. Denn diese - Kosi Hidama, Kaya Kolodziejczyk, Zsuzsa Rozsavölgyi, Sue-Yeon Youn - huschen nur (eine auch rasend schnell nackt) am Bühnenhintergrund umher oder posieren weit entfernt neben ihm, um seine Begierde zu steigern und nie zu befriedigen.

... mit der Suche nach neuen Bühnen- und Vokabular-Praktika am Anfang

Vor der ersten Pause konnte man sich indessen anhand von drei Stücken auf die neuen Ballettsprachen und Versuche, solche in den letzten 20 Jahren zu finden, einstimmen. Das gelingt mit William Forsythes Stück Steptext aus dem Jahr 1985 ganz gut, der als "Antichrist des Balletts" 2006 das russische Mariinsky-Kirov-Ballett nach langer Traditionspflege regelrecht zu neuen Ufern vergewaltigt hat. Dass die vier darin tanzenden Solisten perfekte klassische Techniker sind - die Männer: Anton Pimonow, Michail Lobuchin, Islom Baimuradow -, erkennt man sofort; expressiven Ausdruck vermag der spöttischen Bach-, Licht- und Tanzformen unterbrechenden Theaterpraxis-Dekonstruktion aber nur Solotänzerin Ekaterina Kondaurova einzuhauchen. So erscheinen die Duos sogar emotional aufgeladen, womit danach das Liebesthema im ersten Teil von Preljocajs Le Parc, wo sich das Tänzerpaar des Pariser Opernballetts erstmals "im Park" zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 14 Es-Dur, KV 449 - Andantino begegnet, schlüssig aufbauend wirkt. Gleichzeitig wird dort auch die heute noch funktionierende (!) klassische Bühnenpraxis als Gegenüberstellung zu Forsythe betont.

In Forsythes Approximate Sonata (UA 1996) tanzt der sehr unterhaltsame Antony Rizzi danach mit der brasilianischen Solotänzerin Leslie Heylmann zum popig-griffigen Gesang "Pumpkin" von Tricky innerhalb des Musiksounds von Thom Willems ein selbstpersiflierendes Duo hinsichtlich Forsythes Neoklassik-Ballett-Dekonstruktion. Wie Rizzi grimassenziehend entlang einer roten Fadenlinie balanciert und ins muchsmäuschenstille Publikum fragt, ob er seine Brille aufsetzen dürfe, was ihm die Stimme Forsythes als traditionell befehlender Vorgesetzter gewährt, der Rizzis Einwand "I feel stupid" aber dann nicht so ernst zu nehmen scheint, ist zum Schießen lustig, und damit der einzige Grund zur Erheiterung im ganzen Abend. Die Requisite mit einem "Ja" auf hinterleuchteter Schultafel" steht da wohl für den guten Willen zum Tanz, allerdings mit neuen Ansätzen.

Am Schluß zu viel des Guten

Kanadierin Marie Chouinards legendärer, zum dritten Mal bei ImPulsTanz gezeigter Strawinski-Le Sacre du printemps-Interpretation mit ritueller Tanzsprache, die auf jegliche Narration des Ur-Stoffs verzichtet und einfach nur die animalische Bewegung feiert, gebührt ob der Sportlichkeit ihrer elf Tänzer am Ende des schönen, aber anstrengenden Abends ein dickes Lob - schon weil sie damit viele heutig-orientierte Tanzeinsteiger anzuziehen vermag. Für den Besucher dieser Veranstaltung war es aber doch etwas zu viel des Guten! Denn irgendwann ist die Auffassungsgabe erschöpft. Andererseits könnte diese Empfindung auch daher rühren, dass dieses Stück als Einziges nicht in die Atmosphäre der Stückfolge passen wollte, selbst wenn man das "Zusammenpassen" inhaltlich und bewegungsformal mit logischem Wollen herstellen könnte ... e.o./p.p.s.


DAS URTEIL INNERHALB DER INTELLEKTUELLEN DEKONSTRUKTIONSINVASION LEGENDÄRER CHOREOGRAFEN-IKONEN BESTICHT JENER NEU-INTERPRETIERER, DER DAS GEFÜHL IN DEN VORDERGRUND ARBEITET: ANGLELIN PRELJOCAJ - WANN SEHEN WIR DAS VOLLSTÄNDIGE LE PARC IN WIEN - MIT KOMPLETTER PARISER OPERNBALLETT-COMPAGNIE?

Click auf diesen Link, um Le Parc-Videoausschnitt anzusehen - Click dort auf: Vidéo - Le Parc
Présentation de la Saison 2008-2009 par Brigitte Lefèvre - mars 2008


TANZ Ballett-Gala ImPulsTanz´08 * Sücke von und mit: I. Steptext, von William Forsythe & Mariinsky-Kirov-Ballett zur Musik von Bach/Nathan Milstein, II. Le Parc - pas de deux, 1. Akt Rencontre + 3. Akt Abandon von Angelin Preljocaj & Le Ballet De L´Opera National De Paris, Musik: Mozart/Klavierkonzerte, III. Approximate Sonata von William Forsythe mit Antony Rizzi, Leslie Heylmann, IV. Prélude à l´après midi d´un faune / Claude Debussy von Rosas, V. Le Sacre du printemps / Igor Strawinsky von Compagnie Marie Chouinard * Ort: Burgtheater Wien * Zeit: 14.+16.7.2008

BALLETT Le Parc * Von: Angelin Preljocaj (Opéra national de Paris, 1994), Création sonore Goran Vejvoda * Musik: Wolfgang Amadé Mozart, u.a. mit Klavierkonzerten * Orchester: Orchestre Colonne * Dirigent: Koen Kessels * Mit: den Étoiles, 1. Tänzern und Corps de Ballet des Ballet de l'Opera National de Paris * Ort: Palais Garnier, Paris * Zeit: 6.. 7., 9., 10., 12., 13., 16., 18., 19.3.2009: 19h30 + 15.3.2009: 14h30; Dauer 1h40

Sunday, July 15, 2007

TANZ: VINCENT DUNOYER UND A.T. DE KEERSMAEKER ALS ENTTÄUSCHTE "SISTER" -s

Eine von Fumiyo Ikedas Posen, die 31 Rosas-TänzerInnen interpretierten, was dann Vincent Dunoyer und Anne Teresa De Keersmaeker in zwei Solos tanzten - inhaltlich kompliziert und am Ende zu simpel. (Foto © Mirjam Devriendt)


VOLKSTHEATER - IMPULSTANZ KEINE GLÜCKLICHE SISTER- URAUFFÜHRUNG VON VINCENT DUNOYER ALS CHOREOGRAF, WORIN ER UND ANNE TERESA DE KEERSMAEKER EIN DUO AUS SOLOS TANZEN

Anstandsapplaus bei vier Verbeugungen. Viele enttäuschte Gesichter im Publikum. Zwei enttäuschte Gesichter auf der Bühne. Als sie merken, dass diese Sister-Uraufführung nicht angekommen ist. In solchen Momenten zeigt sich, wie unbarmherzig das Showgeschäft ist. Dabei können nicht nur Anne Teresa De Keersmaeker und Vincent Dunoyer etwas für diesen Mißerfolg. Sie wurden Opfer einer übertriebenen und falschen Marketingmaßnahme, mit diesem Stück der eigentliche Höhepunkt des heurigen ImpulsTanz-Festivals zu sein. Man wollte sich mit einer Uraufführung bzw. Weltpremiere schmücken, obwohl von Anfang an klar war, dass es sich hierbei um ein intimes Unterfangen handeln würde, fernab von einem Keersmaeker-Stil und -Status.

Dafür hätte ein kleiner Aufführort wie das Schauspielhaus gepaßt, um von vornherein zu suggerieren, dass es sich eben um kein Grossereignis handelt. Abgesehen davon, dass sich Choreograf Vincent Dunoyer für dieses Stück natürlich ein wenig mehr einfallen lassen hätte können, als nur zuerst inhaltlich unzusammenhängende und damit nichts-sagende Schritte und Posen zu tanzen, auf die dann Keersmaeker im Sinne eines gleichen Tanzmaterials ebenfalls in einem Durchgang individuell zu reagieren hat. Der Zuschauer kann weder mit seinem ersten Teil viel anfangen, noch mit ihrem Zweiten, geschweige denn, dass es eine tänzerische Kommunikation zwischen den beiden geben würde. Dunoyers Aussage im Vorfeld, "ich will nicht wissen, wer Anne Teresa ist", scheint mehr als nur ehrlich gemeint zu sein. - Was allerdings positiv auffällt, ist die Tatsache, dass Vincent Dunoyer an-sich ein außergewöhnlich guter Tänzer ist - da er ja auch Ballett beherrscht und lange Solotänzer bei Keersmaeker war -, und Keersmaeker sich selbstverständlich auch zu bewegen weiss.

Hommage mit komplexem Innenleben ...

Eigentlich geht es um eine ungewöhnliche Hommage auf Keersmaekers Compagnie Rosas, worin Dunoyer die Langzeittänzerin Fumiyo Ikeda bat, alle ihre Posen im Laufe der zwanzigjährigen Geschichte auf Foto festzuhalten. Diese ließ er dann von allen 31 Tänzern von Rosas - also auch von jenen, die nicht mehr dabei sind - interpretieren. Diese faßte er wiederum zu seinem Solo - spärlich angereichert durch vier kurze, zum Teil peinliche Videoausschnitte aus diesem Recherchematerial - zusammen (etwa mit einem molligen, sichtlich lange nicht mehr tanzenden Ex-Mitglied). Der tiefere, bedeutungsvolle Sinn ist, die Compagnie-Chefin von ihrer Führungsrolle auf die andere, die Tänzer-Seite zu holen, sie zu zwingen, sich ihrer TänzerInnen zu erinnern, die "viel geben und wieder verschwinden".

... aber keiner Kommunikation

Keersmaeker posiert diesbezüglich anfangs in Stöckelschuhen und damenhaftem Stiftkleid bewußt überlegen, in nachdrücklich verzögerter und bestimmter Bewegung, von oben herab - und auch ein wenig mit dem Sex einer reifen Frau -, bis sie selbsterkennend und demütig gesteht: "Ich habe vergessen, wie es geht." (Allerdings sagt sie das unehrlich vortäuschend.) Das führt zum einzigen, kurzen Miteinander: indem ihr Dunoyer kleinlaut den nächsten Schritt zeigt. Dann zieht sie irgendwann die Schuhe aus, um zu konstatieren: "Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht kenne ich dich von einem Foto. Du hast dich verändert, ich habe mich verändert. Ich habe die Position geändert." Und dann bekommt sie zu ihrem Tanz hinzu endlich Musik, die sie ja ausmacht, ein deutsches Opernlied mit einem Chor, der singt: "Menschen sind uns geneigt und hold... so sollst du nun auch Ruhe haben. ... Leise schleichen wir uns wieder fort." - Das Lied wenigstens war rührend. e.o.


DAS URTEIL VINCENT DONOYER HAT EINE INTIME HOMMAGE AUF ROSAS GESCHAFFEN: DAFÜR HÄTTE ES AUCH EINEN INTIMEN RAHMEN GEBRAUCHT. DOCH SELBST DA HÄTTE ER AN EINEN AUSTAUSCH ZWISCHEN TÄNZER/IN UND CHOREOGRAF/IN DENKEN MÜSSEN, SOWIE DARAN, DASS ES AUCH EIN PUBLIKUM GIBT, DAS TEILHABEN MÖCHTE.

TANZ Sister * Von: Vincent Dunoyer * Mit: Vincent Dunoyer, Anne Teresa De Keersmaeker * Ort: Volkstheater * Zeit: 16.7.2007: 21h

Wednesday, June 20, 2007

TANZ: ANNE TERESA DE KEERSMAEKER SPRICHT IN "NACHT" VON IHREN SCHLÜSSELWERKEN

Bei Béla Bartók tanzte Anne Teresa De Keersmaeker nach Ausfall einer Tänzerin im Mädchen-Frühlingserwachen selbst: das war nicht wirklich passend.

Zu Beethoven kreierte De Keersmaeker einen Tanz der "Männer", wo sie ihnen zeigt, wie befreiend weibliche Lässigkeit sein kann. - So kennt man sie in Wien.

In Verklärte Nacht zu Arnold Schönberg entscheidet sich ein Mann für eine Frau, die das Kind eines anderen erwartet - inhaltlich auch typisch. (Fotos © Herman Sorgeloos)


THEATER AN DER WIEN / IMPULSTANZ EINE NACHT IN DREI TEILEN HANDELT ANNE TERESA DE KEERSMAEKER-SYMPTOMATISCH VON MUSIK UND LIEBE

Anne Teresa De Keersmaeker hat es also wieder mal getan: von der Liebe gesprochen, von Beziehungen zwischen Mann und Frau - und das aus ihrer Sicht als Frau. Inhaltlich eine Rosamunde Pilcher, formal dafür jedoch zu intellektuell, und andererseits auch wieder nicht. Liebe suchen - mit der Liebe spielen - Liebe finden - mit Männern ringen - Schwanger werden - Liebe verlieren - trauern - sich wieder verlieben - mit Mann ringen - der die Frau dann vielleicht trotz Kind des anderen nimmt. - Das alles brachte sie letztes Wochenende am Theater an der Wien in Form eines dreiteiligen Werkabends unter dem Titel Nacht auf einen Nenner. Wobei bemerkenswert ist, dass es sich dabei um Uraufführungen in Quartalssprüngen im Laufe eines Jahrzehnts handelt, es inhaltlich aber dennoch wie aus einem Guß erscheint.

Keersmaeker als junges Füllen

Quartett Nr.4 zur Musik Béla Bartóks aus dem Jahr 1928 entstand 1986 als widersprüchliches Vier-Mädel-Quartett: ein streng präzises Unisono von charakterlich erkennbaren Individuen, worin jedes auf eigene Weise mit seiner heranreifenden sexuellen Neugierde kokettiert. Am auffälligsten und atmosphärisch passendsten wirkte darin die beschwingte und vertrauensvoll lachende Taka Shamoto. Tale Dolven und Elizaveta Penkóva boten die stabile Basis bei all den Drehungen, die nicht zu enden schienen. - Eine Entsprechung zur Fröhlichkeit dieser Mädchenzeit, die mit Hüpfen und Springen von Übermut zeugt, was jedoch - gemäß dem Charakter der Werk-Schaffenden - durch abrupte Launenhaftigkeit und plötzlich stolzem Rückzug unterbrochen wird: indem sich die Mädchen, gleich der künftigen Diva etwa - Gesicht frontal zum Publikum - das Haar glatt streichen, und sie lässig und frech ihre Röcke ausziehen, um mit nichts als in Unterhosen und T-Shirt absichtslos verführerisch zu tanzen.

Das paßte auch noch - wie übrigens die dissonant unberechenbare Musik, live gespielt vom Duke Streich-Quartett - ganz ausgezeichnet zur vierten Tänzerin: zu Anne Teresa De Keersmaeker höchstpersönlich. Was aber nicht paßte, war ihr Alter von Mitte vierzig, und zwar nicht so sehr wegen der Optik, sondern weil diese erfahrene Frau mit "Chefposition" einfach von Haus aus schon ganz etwas anderes ausstrahlt, selbst wenn sie sich mental und schrittabsolvierend in diese Jung-Mädchen-Stimmung hinein zu versetzen schien und sie irgendwo sogar noch so ein Mädchen sein mag. - Der Reiz dieses Werks liess sich somit zwar logisch nachvollziehen, die beabsichtigte Wirkung war aber völlig zerstört. Im Tanz, wo nur mit Körper, Ausstrahlung und Bewegung gearbeitet wird, lässt sich die Naivität eines Füllen nun mal nicht herbei schwindeln. Und für den Gag, dass ein Starregisseur als Nebendarsteller wie zufällig à la Hitchcock durch die Szenerie huscht - dafür war die Keersmaeker in diesem Stück zu dauer-präsent.

Steife Herren als lässige Burschen

Die Große Fuge zur Musik Ludwig van Beethovens (1825) diente indessen als kreisförmige Tutti-Harmonie unter Männern - ein Choreografiestil des Kommen und Gehens, Ausscherens und Wieder-Einfügens, den man bei Keersmaeker schon öfter gesehen hat und der offensichtlich hier (1992) seinen Ausgang nahm. Am schönsten - und tatsächlich sehr sexy - ist hier die neben Kaya Kolodziejczyk als Mann verkleidete Frau Moya Michael, deren langes rotes Haar unter all den Herrenhemd- und Hose-Trägern geschmackvoll "störend" auffällt. Anfangs streng horizontal in Linie aufgereiht, löst sich diese männliche Linien-Striktheit im leicht versetzten und freudig bewegten runden Kreis auf, worin die "Herren" ständig von außen ins Zentrum-Innere strömen, als gäben sie ihre sturen Werte und Machismen liebend gerne auf. Schon weil sie sich auch immer wieder in fliehender Drehung plötzlich fallen und vom Partner auffangen lassen und sich - wie schon zuvor die Mädchen - irgendwann ihrer steifen Hemden entledigen, um sie durch T-Shirts zu ersetzen.

Und Keersmaeker - opernhaft neu

Verklärte Nacht - von Arnold Schönberg 1899 als ein op.4-Sextett schmerzlich dramatisch komponiert - hat Keersmaeker 1995 erstmals aufgeführt. Und so hat man sie in Österreich eigentlich noch nicht gesehen: Eingerichtet wie eine Oper, tanzen hier Männer und Frauen die Geschichte einer aufkommenden Liebe in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht Richard Dehmels, worin ein Mann und eine Frau durch den Wald schlendern, sie jedoch von einem anderen schwanger ist. Da sie aber den Mann neben sich liebt, hofft sie auf dessen Liebe. - Dieses Thema der allein gelassenen werdenden Mutter hat Keersmaeker später in Raga For The Rainy Season aufgegriffen, was wiederum formal wie Die Große Fuge umgesetzt ist. - Hier dagegen stehen einige ablehnende Tänzer wie die Waldbäume mit dem Rücken zum Publikum bzw. zur Frau, während Paartänze schlechtes Gewissen, Hoffnung auf Gefühlserwiderung und Angst der Frau offenbaren: Sie springt auf ihn zu, wirft sich ihm hin, er fängt sie - fast zwanghaft - auf. Damit er sie tatsächlich auffangen "will", muss er erst mal durch einen Konflikt mit sich selbst hindurch. Und dafür findet Keersmaeker eine schöne Metapher: Eine Tänzerin trägt sein Hemd, er nur seine Hose, und sie ringen beide miteinander, bis sie sich in Harmonie einigen. Und da das nicht nur seine Angelegenheit ist, wiederholt es sich im exakten Pendant in ihr: eine andere Tänzerin tanzt als "ihr Unterkleid" mit ihr als "Überkleid".

Das alles in großer Leidenschaft getanzt - und von ebenso großer inhaltlichen Dramatik - beweist doch, wie anders die belgische Choreografin innerhalb der Zeitgenossen-Szene ist. Keersmaeker mag nicht die technisch und ästhetisch beste Choreografin der Welt sein, aber sie hat Charakter, und der ist selbstbewußt weiblich. e.o.


DAS URTEIL WAHRSCHEINLICH LIEGT KEERSMAEKERS GRÖSSTE QUALITÄT IN DER PERFEKTEN BEHERRSCHUNG DES UNPERFEKTEN, AUS ÄSTHETISCHER UND PERSÖNLICHER ÜBERZEUGUNG. DARIN IST SIE EXTREM WEIBLICH. - DIESE SCHLÜSSELWERKE ZEIGEN ES, SELBST WENN SIE MITTLERWEILE SCHON WELTBEWEGENDERES GEZEIGT HAT.

Tanz: Steve Reich Evening * Mit: Rosas * Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker * Mit: Ictus Ensemble * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 17.+19.6.2008: 20h

TANZ Gala-Abend "Preljocaj/Forsythe/Rosas/Chouinard" * Mit: Manuel Legris und Laetitia Pujol vom Ballet de l’Opéra National de Paris; Tänzern des Mariinsky-Kirov-Balletts; Antony Rizzi & Leslie Heylman, Ex-Tänzer des Ballett Frankfurt; Mitgliedern von Rosas und Chouinard * Ort: Burgtheater, im Rahmen von ImPulsTanz Wien * Zeit: 14.7.2008: 19h30, 16.7.2008: 20h

TANZ Zeitung * Von und mit: Rosas / Anne Teresa De Keersmaeker & Alain Franco & David Hernandez * Piano: Alain Franco (Johann Sebastian Bach, Arnold Schönberg und Anton Webern) * Ort: MQ Halle E * Zeit: 7., 9.8.2008: 21h