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Friday, July 18, 2008

TANZ: IMPULSTANZ FEIERT DIE ZEITGENOSSEN MIT "BALLETTGALA" UND AHA-ERLEBNIS

Was gibt es für ein Risiko für die Frau, dem Liebesdrängen eines Mannes nachzugeben? (Foto © Sébastien Mathé)

Ein Großes - und dennoch gibt sich Laetitia Pujol dem kokett drängenden Manuel Legris in Le Parc von Angelin Preljocaj hin, sodass es beide nur so dreht. (Foto © Christian Leiber)

Andererseits ist die Sehnsucht eines Mannes aber auch ziemlich herzzerreißend, wenn seine Begierde nicht gestillt wird, wie in Prélude à l´après-midi d´un faune von Rosas. (Foto © Herman Sorgelos)





















Da ist es doch leichter, wie William Forsythe über formale Bühenpraktika in Steptext zu reden: wie das Kirov-Ballett (expressiv stark: Ekaterina Kondaurova) (Foto © Rieder
Promotions)

Oder über Forsythes neoklassische Bewegungsdekonstruktionen in Approximate Sonata, die (nicht im Bild) Forsythes Muse Antony Rizzi mit Leslie Heylmann lustig bei ImPulsTanz persiflierte.




















Bei diesem schlüssig-dichten, aber anstrengenden Gala-Programm war Chouinards Le Sacre du printemps-Ritualklassikerpop dann fast schon zu viel des Guten (Foto © Marie Chouinard).



BURGTHEATER - IMPULSTANZ BEI DER BALLETTGALA ZEIGTE SICH, WAS NACH 25 JAHREN ZEITGENÖSSISCHEN TANZES WIRKLICH ZÄHLT: IM BALLETT UND BEI DEN ZEITGENOSSEN

Wer hätte das gedacht. Da strengt sich der zeitgenössische Tanz im Unisono bis zum Erbrechen an, klug zu erscheinen - denn die klassischen Balletttänzer einschließlich hierarchischer Institution und damit die Tanzgeschichte seien ja "so (undemokratisch) dumm"! Kommt der außenstehende Betrachter aber zu einer Vergleichsmöglichkeit mehrerer gezeigter bahnbrechender Produktionen, bleibt doch das am stärksten transportierte, kopflose Gefühl eines bestimmten Werks hängen, nämlich beim dritten Teil aus Le Parc - Pas de deux, von Franco-Albanier Angelin Preljocaj, wo die Rebellion der Bewegung lediglich unterbewußt zu spüren ist. Der Gefühlsausdruck drängt sich in der Erinnerung des Betrachters bildstark und sehnsuchterweckend vor alles andere. Preljocaj leuchtet im Rahmen der Ballettgala zum 25-Jahre-Jubiläum des Wiener Tanzfestivals ImPulsTanz aus all den gefeierten De(kon)struktionsgrößen des klassischen Tanzes hervor, zwischen Forsythe, De Keersmaeker, Chouinard. Sie alle verblassen, weil sie inzwischen dasselbe vordergründige Bewußtsein eint, die technische Formzeichnung für das Publikum an die Front zu hieven.

Das also, was früher einmal revolutionär, neu und einzigartig war, ist schon allzu allgemein, bekannt, etabliert. Ein Preljocaj dagegen, der mit der Empfindung als führende Zugkraft in seinem Schaffen arbeitet, ist zur Ausnahmeerscheinung geworden. Sein Thema der Liebe in der Handlung ist dabei nicht ausschlaggebend, sondern die Bewegung der Tänzer aus Liebe, als ihr subjektiv empfundenes, romantisches Bild aus tiefster Seele. Dass das viel mehr Kraftinvestition und Verinnerlichung seitens der Tänzer bedeutet, liegt auf der Hand. Und verblüffend ist im Nachhinein aber festzustellen, dass diese Bewegung genauso zeitgenössisches Dekonstruktionsmaterial enthält wie die Arbeiten der einschlägig bekannten Dekonstruktions-Ikonen. Am Ende gilt für den zeitgenössischen Tanz dasselbe Gesetz wie für den Klassiktanz: nicht die Technik darf das Hauptaugenmerk der Aufführung sein, sondern der gelebte Ausdruck, selbst wenn die Technik neu ist.

Wenn Tanzdenker mit ihren Tränen kämpfen herrscht Demokratie

Allerdings: im konkreten - 1994 für das Ballet de l´Opera National de Paris choreografierten - Le Parc - Pas de deux wirkt die dominante Emotion, gerade wegen der neuen Bewegung, nicht platt und eindimensional, sondern zunächst ironisch, subtil und im gesteigerten Fortlauf als intime Spitze, gleich einer inneren Befreiung der Tänzer, verhalten tief und aufrichtig innig. Man kann sich kaum der Tränen verwehren, wenn die Ètoile-Tänzerin des Pariser Opernballetts, Laetitia Pujol, in absolut parallel laufender Bewegung zur sensibel gefühlten Musik Mozarts nach langer spielerischer Sprödigkeit in barocken Herrenkleidern dem kokett werbenden Mann nachgibt, so wie er, mit nichts mehr an als eines weißen, großen Herrenhemdes. Die Musik ist dabei mindestens genauso präsent wie der Tanz. In diesem Sinne findet hier auf der Bühne die harmonischste Gleichberechtigung der Künste statt, die man sich vorstellen kann. - So viel zum Kampfeswillen des zeitgenössischen Tanzes, sich gegen Raum, Theaterregeln und Musik aufbäumen glauben zu müssen, um als vollwertig zu gelten. Und deshalb aber auch die dringende Reklamation eines, sich ebenso wie ein Bildender Künstler (!) für Tanz interessierten Musikers an die ImPulsTanz-Programmheft-Beschreiber: Welches Orchester und welcher Pianist haben da gespielt? Das nicht zu erwähnen, wäre in diesem Fall doch recht undemokratisch!!!

Hebt die dunkelblond-langhaarige Elfe Pujol zum leise anwachsenden hohen Ton der Flöten und Geigen im Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur, KV 488 - Adagio küssend, kerzengerade und waagrecht zur Bühne im Zeitlupentempo ihre Beine, fest den Hals von Étoile Manuel Legris umklammernd, sodass er kurz taumelnd ins immer schneller werdende Kreisen mit weit ausgebreiteten Armen gerät, erscheint jene Welt, die sich in ihrem Inneren breitmacht: eine Welt in immer schneller drehendem Liebesrausch, die nur geschützt ist durch die Stärke der aufeinander gepreßten Münder und der Arme des Mannes, die die Frau halten, als beide zu kippen drohen. Doch bei all dem Vertrauen flüstert das Piano eine Ahnung von wehmütigem Schmerz einer Vergänglichkeit ein, die Frau bohrt ihren Kopf zweifelnd in des Mannes Brust, als ob sie bäte: "Verlaß mich nicht!" - Das ist umso ergreifender, als der Titel dieses letzten Teils Abandon übersetzt "Hingabe" lautet, doch im Verb "abandonner = im Stich lassen, verzichten auf...". Die dunklen Wolken im Bühnenhintergrund verheißen ebenfalls Ungewißheit ... Als Optimist will man jedoch allein an die beidseitige Preisgabe an den anderen glauben, selbst wenn die Trauer um das mögliche Ende mitschwingt ... Immerhin suggeriert das tiefe Cembalo so etwas wie standfesten Halt, als gäbe dieser attraktive Mann der bittenden Frau tatsächlich sein endgültiges Versprechen ...

Das gelungen gesteigerte Vorspiel ...

Dieses Stück lief an fünfter Stelle innerhalb der von der künstlerischen ImPulsTanz-Leitung, sehr geschmackvoll zusammengestellten Ballettgala (großes Kompliment, denn das ist bei Ballettgalas eine Seltenheit!). Davor paßte Prélude à l´après-midi d´un faune von Anne Teresa De Keersmaeker und Rosas fast noch besser in diesen Ablauf als in De Keersmaekers eigenes Stück aus dem Jahr 2006 D´un soir un jour. Denn es stellte den idealen Übergang zwischen impressionistischer Liebes-Illusion in Atmosphäre und Thema dar, sowie es auf die abstrakte Bewegungssprache-Analytik Bezug nimmt und die Unterbrechungsmethoden in Licht- und Bühnenkontinuitätskonventionen, die im Vorfeld von Forsythes Stücken ausgegangen sind, wieder aufnimmt. Doch Keersmaekers Interpretation des Debussy-Klassikers ist schon für sich allein eines ihrer besten Kreationen, bei der ihr Choreograph David Hernandez im Tanzvokabular maßgeblich "geholfen" hat. Dieser Mann ist ein wahrer Geschichtsprofi, was skulpturhafte Posen aus der griechischen und ägyptischen Antike anbelangt, die perfekt ins zeitgenössische Heute transferiert und integriert wurden. - Das freut übrigens wieder unseren mitkritisierenden Musiker, der das Debussy-Thema aus dem antiken Faun-Mythos exakt übersetzt empfand. Abgesehen davon, dass die Musik dieses Komponisten mit seiner großen Romantik einmal mehr, extra illusionsförderlich ist, sodass das Herz ins Schwingen gerät! Selbst wenn der dazu zurückhaltend sperrig und konträr kühl vor sich hinträumende Faun (Mark Lorimer - er gehörte einmal zu The Featherstonehaughs, neben The Cholmondeleys die zweite Top-Company von Britin Lea Anderson, die mindestens so berühmt wie De Keersmaeker / Rosas ist, aber in Österreich noch nie zu sehen war!!!) im aufwirbelnden Sand nur von schönen, bunt gekleideten Frauen träumen darf. Denn diese - Kosi Hidama, Kaya Kolodziejczyk, Zsuzsa Rozsavölgyi, Sue-Yeon Youn - huschen nur (eine auch rasend schnell nackt) am Bühnenhintergrund umher oder posieren weit entfernt neben ihm, um seine Begierde zu steigern und nie zu befriedigen.

... mit der Suche nach neuen Bühnen- und Vokabular-Praktika am Anfang

Vor der ersten Pause konnte man sich indessen anhand von drei Stücken auf die neuen Ballettsprachen und Versuche, solche in den letzten 20 Jahren zu finden, einstimmen. Das gelingt mit William Forsythes Stück Steptext aus dem Jahr 1985 ganz gut, der als "Antichrist des Balletts" 2006 das russische Mariinsky-Kirov-Ballett nach langer Traditionspflege regelrecht zu neuen Ufern vergewaltigt hat. Dass die vier darin tanzenden Solisten perfekte klassische Techniker sind - die Männer: Anton Pimonow, Michail Lobuchin, Islom Baimuradow -, erkennt man sofort; expressiven Ausdruck vermag der spöttischen Bach-, Licht- und Tanzformen unterbrechenden Theaterpraxis-Dekonstruktion aber nur Solotänzerin Ekaterina Kondaurova einzuhauchen. So erscheinen die Duos sogar emotional aufgeladen, womit danach das Liebesthema im ersten Teil von Preljocajs Le Parc, wo sich das Tänzerpaar des Pariser Opernballetts erstmals "im Park" zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 14 Es-Dur, KV 449 - Andantino begegnet, schlüssig aufbauend wirkt. Gleichzeitig wird dort auch die heute noch funktionierende (!) klassische Bühnenpraxis als Gegenüberstellung zu Forsythe betont.

In Forsythes Approximate Sonata (UA 1996) tanzt der sehr unterhaltsame Antony Rizzi danach mit der brasilianischen Solotänzerin Leslie Heylmann zum popig-griffigen Gesang "Pumpkin" von Tricky innerhalb des Musiksounds von Thom Willems ein selbstpersiflierendes Duo hinsichtlich Forsythes Neoklassik-Ballett-Dekonstruktion. Wie Rizzi grimassenziehend entlang einer roten Fadenlinie balanciert und ins muchsmäuschenstille Publikum fragt, ob er seine Brille aufsetzen dürfe, was ihm die Stimme Forsythes als traditionell befehlender Vorgesetzter gewährt, der Rizzis Einwand "I feel stupid" aber dann nicht so ernst zu nehmen scheint, ist zum Schießen lustig, und damit der einzige Grund zur Erheiterung im ganzen Abend. Die Requisite mit einem "Ja" auf hinterleuchteter Schultafel" steht da wohl für den guten Willen zum Tanz, allerdings mit neuen Ansätzen.

Am Schluß zu viel des Guten

Kanadierin Marie Chouinards legendärer, zum dritten Mal bei ImPulsTanz gezeigter Strawinski-Le Sacre du printemps-Interpretation mit ritueller Tanzsprache, die auf jegliche Narration des Ur-Stoffs verzichtet und einfach nur die animalische Bewegung feiert, gebührt ob der Sportlichkeit ihrer elf Tänzer am Ende des schönen, aber anstrengenden Abends ein dickes Lob - schon weil sie damit viele heutig-orientierte Tanzeinsteiger anzuziehen vermag. Für den Besucher dieser Veranstaltung war es aber doch etwas zu viel des Guten! Denn irgendwann ist die Auffassungsgabe erschöpft. Andererseits könnte diese Empfindung auch daher rühren, dass dieses Stück als Einziges nicht in die Atmosphäre der Stückfolge passen wollte, selbst wenn man das "Zusammenpassen" inhaltlich und bewegungsformal mit logischem Wollen herstellen könnte ... e.o./p.p.s.


DAS URTEIL INNERHALB DER INTELLEKTUELLEN DEKONSTRUKTIONSINVASION LEGENDÄRER CHOREOGRAFEN-IKONEN BESTICHT JENER NEU-INTERPRETIERER, DER DAS GEFÜHL IN DEN VORDERGRUND ARBEITET: ANGLELIN PRELJOCAJ - WANN SEHEN WIR DAS VOLLSTÄNDIGE LE PARC IN WIEN - MIT KOMPLETTER PARISER OPERNBALLETT-COMPAGNIE?

Click auf diesen Link, um Le Parc-Videoausschnitt anzusehen - Click dort auf: Vidéo - Le Parc
Présentation de la Saison 2008-2009 par Brigitte Lefèvre - mars 2008


TANZ Ballett-Gala ImPulsTanz´08 * Sücke von und mit: I. Steptext, von William Forsythe & Mariinsky-Kirov-Ballett zur Musik von Bach/Nathan Milstein, II. Le Parc - pas de deux, 1. Akt Rencontre + 3. Akt Abandon von Angelin Preljocaj & Le Ballet De L´Opera National De Paris, Musik: Mozart/Klavierkonzerte, III. Approximate Sonata von William Forsythe mit Antony Rizzi, Leslie Heylmann, IV. Prélude à l´après midi d´un faune / Claude Debussy von Rosas, V. Le Sacre du printemps / Igor Strawinsky von Compagnie Marie Chouinard * Ort: Burgtheater Wien * Zeit: 14.+16.7.2008

BALLETT Le Parc * Von: Angelin Preljocaj (Opéra national de Paris, 1994), Création sonore Goran Vejvoda * Musik: Wolfgang Amadé Mozart, u.a. mit Klavierkonzerten * Orchester: Orchestre Colonne * Dirigent: Koen Kessels * Mit: den Étoiles, 1. Tänzern und Corps de Ballet des Ballet de l'Opera National de Paris * Ort: Palais Garnier, Paris * Zeit: 6.. 7., 9., 10., 12., 13., 16., 18., 19.3.2009: 19h30 + 15.3.2009: 14h30; Dauer 1h40

Saturday, May 31, 2008

THEATER: ANDREA BRETHs THRILLER "MOTORTOWN" VON SIMON STEPHENS

Danny (Nicholas Ofczarek) nistet sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bei seinem geistig debilen Bruder Lee (Markus Meyer) ein ...

... der gerne dumm bleibt, genauso wie Dannys Ex-Freundin Marley (Johanna Wokalek). Sie hat studiert und bleibt vom Wesen her dennoch eine Proletin.

So droht Danny der einen, und schlägt er die andere - Teenager Jade (Astou Maraszto) - bis zum Mord. Denn Schule ist heute nur noch fad...

... wo sich perverse Lehrer wie Justin (Udo Samel) herumtreiben und die Schüler zu ebenso perversen Medienmanagern wie Helen (Andrea Clausen) ausbilden. Fotos © Bernd Uhlig


AKADEMIETHEATER ANDREA BRETH PROVOZIERT MIT SIMON STEPHENS´ MOTORTOWN ALS PACKENDEM GRENZGANG DER VERLORENEN JUGEND

Eigentlich könnte Danny genauso gut aus dem Knast heimkehren. Es müßte nicht Basra sein, wo er fürs britische Vaterland gekämpft hat. Knast und Krieg bewirken im Menschen dasselbe. - Diese Assoziation hat Simon Stephens in seinem Stück Motortown aus dem Jahr 2005 in vier Tagen Schreibarbeit, zur Zeit der Explosion der vier Bomben in den Bussen und der U-Bahn Londons, wahrscheinlich beabsichtigt. Und Regisseurin Andrea Breth hat das noch einmal betont. Aber nicht, um den Krieg zu verdammen, sondern die Umstände, warum es zu diesem Krieg und seinen verwirrt-verbohrten Kriegsheroen kommen kann. Danny stammt aus einem niedrigen, bzw. kleingeistigen Milieu, vielleicht auch nur aus der ganz normalen, unsensiblen, "beschränkten" Proletarier- oder Mittelschicht; Nicholas Ofczarek spielt diesen Danny mit roten Haarstoppeln im Akademietheater faszinierend unberechenbar, engstirnig und brutal. So ist es wohl passend, dass seine Wohngegend mit (amerikanisch einwirksamem) Ford-Nummernschild und Reifen auf der zum Rechteck verkleinerten Garagenbühne von Annette Murschetz spielt. Darauf versteht es wiederum Breth, eine packende Handlung in einer rhythmisch-intellektuellen und damit modernen Erzählmethode mit Schauplatz- und Zeitsprüngen bei Schwarzbildern und Toneffekten zu inszenieren.

Der Raum ist begrenzt wie Möglichkeiten und Geist

Im Wohnraum begegnet Danny seinem Bruder Lee (Markus Meyer), den Kostümbildnerin Sabine Volz mit verwachsenen Riesenzähnen, grotesk großer Brille und wildem Bart- bzw. Haarwuchs absichtlich übertrieben "verkleidet" und damit - für den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken anregend - verfremdet hat, als Hinweis zur genetischen Debilität dieser Menschen, aber auch zum bewußten Festhalten derselben an ihrem defekten Dasein. Denn es garantiert jenen Menschen innerhalb ihrer Lage eine Zone des Schutzes und der Bequemlichkeit: Der putzende, kochende und bügelnde Lee kann sich und Danny so immerhin eine Wohnung halten. Ähnliches suggeriert Dannys Freundin vor dem Krieg, Marley, die sogar auf der Universität studierte, aber dennoch redet, als käme sie aus der Gosse nie heraus (Johanna Wokalek als "Proletin" in ungewohnter Rolle). Ihre Angst vor Danny ist hysterisch gross, nachdem er ihr aus dem Krieg verstörende Briefe geschrieben hat. Sie will von ihm nichts mehr wissen und meint zwischen Stottern und Weinen, ohne nachzudenken, wie provokant das ist: "Du hast eh keinen hoch gekriegt, und wenn, dann bist du nach zwei Sekunden gekommen!" - Frauen dieser Schicht scheinen Schläge auf diese Weise förmlich "herbei zu sticheln", nur lässt es Breth bei Marley nicht so weit kommen, was wiederum den Schrecken für den Zuschauer umso anhaltender macht, sodass er ständig auf der Lauer liegt.

Der Psychothrill kann beginnen

Mit Marleys Abfuhr ist der Psychothriller eingeläutet. Obwohl Danny irritierender Weise auch noch einen spannenden Job bekommt - nämlich Spezialeffekte-Macher beim Film (einem Blockbuster-Musical über den 11. September) -, kauft er bei einem ebenfalls übertrieben-verfremdeten Yuppie-Sandler-Freund aus früheren Zeiten eine Waffe. Dabei deckt der philosophisch angehauchte Weltpessimist Paul (passend zu seinem Typ: Wolfgang Michael) Danny mit einer Nonstop-Nörgelei über die Jugend von heute ein: "Drogen können die Jungen im Supermarkt kaufen, solche, die man heute gar nicht mehr kennt ... Und ihre gespaltene Sexualität leben sie, weil ihre Partnerschaften nicht lange dauern, online aus." Das scheint weniger moralische Anklage als abgefundene Tatsache für den doppelmoralischen Nörgler zu sein, der als Mitfünfziger selbst etwas mit der 14-jährigen Jade (Astou Maraszto) hat. - "Sie langweilt sich in der Schule und geht nicht mehr hin", sagt er über sie. Die Erlebnis-gierige Jade sucht sich zur Unterhaltung also die Gefahr - wobei sie beim aggressiv aufgeladenen Danny gut aufgehoben ist. Nachdem er der bereits wieder vergebenen Marley gedroht hat, "alle ihre Typen umzubringen", geht er mit dem naiv-geilen Teenager auf Spritztour ...

Je schwächer das Opfer, desto besser für den Sadisten

"Das ist das Problem mit der Jugend von heute. Sie weiß nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen soll", frotzelt Danny Jade in einer spannungsgeladenen Mischung aus Sex und überlegener Drohgebärde, sodass sie sich unter seiner (Zuhälter-)Masche, sie zwischen Abscheu und Versöhnung zum unterlegenen, wertlosen Objekt zu degradieren, zunächst noch angezogen fühlt. - Das mag übrigens der Grund sein, warum Frauen bei "Schlägern" bleiben: Weil jene ihnen Stärke nach außen hin weismachen, während sie sie nach innen (also bei ihnen) ausüben. - Er schüchtert das Kind immer mehr ein, indem er ihm befiehlt, sich auf einem Bein stehend zu bücken und nicht zu bewegen. Und während sie gehorcht, drückt er eine Zigarette auf ihr aus, sodass sie sich bewegen muss ... Danny treibt sein sadistisches Spiel, damit er seine (Freude an der) Wut los werden kann. Dass sie eigentlich aus der Kriegszeit kommt, sagt er beiläufig zu seinem Befehl, Jade solle ein Kleidungsstück nach dem anderen ausziehen: "Ich tu mit dir das, was mein Vorgesetzter mit mir gemacht hat." Er überschüttet sie mit Benzin und spielt mit dem Feuer, sodass sie vor Angst nur noch schreit. Doch für ihr Sterben hat er eine andere Lösung, festgehalten in einer trophäenartigen Fotoserie.

Behinderte haben es gut, denn sie wissen nicht, was sie tun

Auf der Heimfahrt, wo die Worte fallen, "die jungen Leute gehen auf die Uni, bekommen kleine Jobs und hoffen, irgendwann Überflieger zu sein", trifft er noch auf ein perverses Paar, den biederen Lehrer Justin (aberwitzig gut: Udo Samel) und die Medienmanagerin Helen im schicken Kostüm (Andrea Clausen), der Dannys Militärvergangenheit besonders imponiert. Sie fordern ihn zum Dreier-Sex auf, weil der Lehrer gerne zusehe, wenn seine Geliebte glücklich sei. Darauf meint Danny nur angewidert: "Meine Ma hat meinen Pa nie so was gefragt. Wird man so, wenn man in den Medien arbeitet? - Ich konvertiere zum Islam, da schützt man sich vor Abschaum, wie ihr es seid!" - Doch damit nicht genug, der Perversität zwecks sozialer "Integrität" kommt selbst Danny in seiner Familie nicht aus: sein staunender, nur nach Behinderten-Instinkten reagierender Bruder - was für die Menschen von heute ohne Gefühl für Recht und Moral stehen mag -, bekommt einen Ständer, während Danny ihn küßt, und er ihm vom Mord erzählt. Das ist nun ihr beider Geheimnis, das nicht nach außen dringen darf und sie eng verschweißt .. Und wahrscheinlich ist das im Leben erst der Anfang vom perversen Terror-Ende, wo man partizipieren muß, um nicht drauf zu gehen. Denn das ist das Resultat einer Weltsicht ohne bestehende - und vor allem lebbare - Ideale. e.o./a.c.


DAS URTEIL VOR ALLEM VON NICHOLAS OFCZAREK GRANDIOS GESPIELTER PSYCHOTHRILLER MIT REALISTISCHER AHNUNG VON DEN PROBLEMEN JUNGER MENSCHEN VON HEUTE. BEI MODERNER UND PACKENDER REGIE.

THEATER Motortown * Von: Simon Stephens * Regie: Andrea Breth * Mit: Markus Meyer, Nicholas Ofczarek, Johanna Wokalek, Jörg Ratjen, Wolfgang Michael, Astou Maraszto, Udo Samel, Andrea Clausen * Ort: Akademietheater Wien * Zeit: * Zeit: 12.6.: 18h30, 18.6.: 20h, 29.6.2008: 18h

Sunday, December 09, 2007

THEATER: "DER LÖWE IM WINTER" IM YUPPIE-LOOK VON GRZEGORZ JARZYNA

Henry (Wolfgang Michael) und seine Schneekönigin-intrigant-kalte Frau Eleanor (Sylvie Rohrer) züchten sich durch ungerecht polarisierte Liebe verschrobene Söhne heran ...

... sodass etwa Mamas Liebling, der Erstgeborene Richard (Markus Meyer hinten), verliebt in Philippe (Tomasz Tyndyk) schwul, aber ebenso kalt wie die Mutter wird ...

... und Richard nicht nur seine machthungrigen Brüder Geoffrey (Philipp Hauß) und Papa-Söhnchen John (Sven Dolinski) bedroht, sondern am Ende auch den Vater. (Fotos © Georg Soulek)


BURGTHEATER REGIE-NESTROY-PREISTRÄGER GRZEGORZ JARZYNA MACHT AUS DER LÖWE IM WINTER EIN POLNISCH GEFÄRBTES FAMILIEN-WIRTSCHAFTSIMPERIUM AUS DEM HAUSE HENRYS II

Die Atmosphäre ist in Regisseur Grzegorz Jarzynas Burgtheater-Inszenierung Der Löwe im Winter ganz so, als würde man durch die teuren Einkaufsstraßen in Warschau schlendern, wo die Herren über Anzügen lange Mäntel und elegante Hüte tragen, manche junge Neureiche in chiquen, leicht flippigen Silhouetten dazwischen treiben, und die Frauen gestylt als Diven, Kreative oder Sexobjekte trippeln. In Warschau herrscht zweifellos Stilbewußtsein, genauso wie in Mailand oder Paris. Modernen Stil trägt so auch das James Goldman-Historienstück über den Familienkampf des englischen Königs Henry II, umgesetzt vom 40-jährigen Jarzyna, Theaterdirektor des TR Warszawa, der gerade den österreichischen Regie-Nestroy für seine Medea im Kasino am Schwarzenbergplatz bekommen hat. Obwohl man nörgeln könnte, dass seine neue Arbeit für westliche Verhältnisse eigentlich eher unserer Mode der 80-er entspricht, jener von Denver Clan und Dallas, die da auf der Bühne zu sehen ist. Selbst wenn Magda Maciejewskas ausgestatteter "Wohnraum der Familie" - mit Drehtüre und Möbeln, Glaswänden und geradliniger Großräumigkeit - an eine Hotellobby erinnern mag, was dem globalen Jetzt wieder näher wäre als etwa eine "Villa" oder ein "Schloß".

Familienwirtschaftsbonzen als Könige von heute

Äußerlich edles Business - das steht für die weltweite, jetzige High-Class-Menschheitsrepräsentation, die das höchste Ansehen der Geschicke-lenkenden Monarchen und Staatsherren ersetzt. Durchgehend auf der Bühne präsent spielt dazu ein fantastisch virtuoser Pianist (z.Bsp. Leszek Mozdzer) wie ein exklusiv engagierter Privat-Clubmusiker neue bis postmoderne Klassik. Sein angenehmer, untermalender und dramatikbegleitender Klang hebt die vor einander offen praktizierte Zu- und Abneigung einzelner Familienmitglieder auf eine überhöhte, doch scheinheilig distanzierte Ebene, sodass der Schmerz jener, die sich ungeliebt oder weniger geliebt fühlen, über Videomonitore umso heftiger zum Ausdruck kommt. Ein Gefühl einer von Eifersucht getriebenen Eiseskälte, die von der märchenhaften "Schneekönigin" abstrahlt - übrigens ein oft vorkommender Querverweis im polnischen Theater -, deren eisige Silhouette zeitweilig die Gattin Henrys, Eleanor (die auratisch-präsente Sylvie Rohrer), annimmt. Sie ist die Antriebsfeder für den zwischenmenschlichen Gefühlsuntergang dieser Familie, die sprichwörtlich durch sichtbaren Regen und Schneefall wandert. Jedes Vertrauen, jede Liebesbekundung wird mit Mißtrauen und Enttäuschung belohnt. Denn die Macht und Gier scheint die Menschen zu verändern, die anfangs doch nur Liebe wollten und sich am Ende noch immer danach sehnen. Bekommen werden sie sie nie, nach all den Schandtaten voller böswilliger Vorhaben bis zu Mordabsichten, die jedes Vertrauen untergraben haben.

Gier nach Macht, obwohl nach Gefühl

Stellt Vater Henry (starker Charakter: Wolfgang Michael) innerhalb seines dekadenten Erscheinungsbildes mit langen Zotteln einen anarchischen Querdenker dar, so finden wir das in geschwächelter Ableitung auch in seinem jüngsten, leicht hysterischen Sohn Johnny (Sven Dolinski), den er "als schwarzes Schaf der Familie" am meisten liebt: ein "Schaf" in ewig betrunkener Partystimmung, das in Stöckelschuhen nicht zur Jagd gehen will. Ein wenig erinnert das Ganze an Tennessee Williams´ Die Katze auf dem heißen Blechdach, da der älteste, seriöseste Sohn, Richard (Markus Meyer), als natürlicher Nachkomme für die Chefposition vom Vater dafür kaum in Erwägung gezogen wird. Denn er ist der, bis zur erotischen Anziehung erkorene Liebling von Gattin Eleanor, der sie als Erstgeborener einst von ihrem Ehemann entfernte.

Gänzlich auf der Zuneigungsstrecke bleibt das typische Sandwich-Kind Geoffrey (Philipp Hauß), der vergebens um Liebe bettelt und deshalb zum Intrigantesten von allen wird. Der einzig logische Sinn liegt für ihn in der von den Kapitalisten legitimierten "Wirtschaftsheilung", die akustisch verstärkt ertönt: "Gier bringt die Befreiung, um die Firma zu retten." Die Fähigkeit zur Intrige erbte er zynischerweise von seiner Mutter, die ebenfalls von niemandem (außer Geoffrey) geliebt wird, nicht einmal von Richard, der ihr "Medea-kaltes Herz" verachtet und eigentlich schwul ist, nachdem er in Paris als Junge von Vaters Wirtschaftspartner, Philippe, verführt wurde, der wiederum seine Schwester Alias Capet als künftige Braut des herrschenden Nachkommen an die englische Familie verschachert hat. Alias treibt es aber schon seit Teenager-Tagen mit Henry. Brisant dabei ist, dass sämtliche ernste und nur zum-Schein-nach-außen-eingegangenen Liaisonen jedem Familienmitglied klar sind. Die bildliche Vorstellung beim ernstgefühlten Liebesakt wird in den Köpfen der eifersüchtig Außenstehenden umso lebendiger. Sie ist so präsent, akut, sie tut so weh, dass die Söhne irgendwann mit dem Revolver gegen den Vater vorgehen, und der Vater gegen die Söhne - entsprechend Alias´ Worten während eines Wunschmoments der gemeinsamen Zukunft mit "Löwe" Henry: "Du mußt Deine Söhne töten, weil sie sonst dich oder unsere Kinder töten werden."

Polen als globales Opfer

Mit melodiös und subtil eingeflochtenen, visuellen Effekten - wie von einem, sich zwecks neuerlicher Stärkung hantelnden Henry in der Ferne, während Eleanor Richard gegenläufig die Firma verspricht oder akustischem Mix wie kaltem Windgebläse -, werden die einstigen Ziele von Macht und Poesie von Eleanor spürbar, die den Zuschauer mit mikrofon-verständlichen Schauspielern eindringlich und durchgehend gefangen nehmen. Makaber unser Jetzt aufzuwühlen, scheint dabei ausgerechnet Eleanors Satz: "Wir haben alle Waffen, im 21. Jahrhundert sind wir Barbaren. Um Christi Willen sollten wir uns lieben!" Er zeugt für die rare globale, aber polnische Religiosität. Und dass Jarzyna Philippe und Alias sehr bewußt mit zwei akzentsprechenden Polen besetzt - mit der billigblond aufgemotzten, naiven Katarzyna Warnke und dem Yuppie-schwul-gestylten Tomasz Tyndyk - das steht auch für die Angst der Polen, sich an den Westen verkaufen zu müssen, um am Weltmarkt teilhaben zu können. e.o./a.c.


DAS URTEIL EIN EINDRINGLICH ERZÄHLTES, YUPPIE-GEFÄRBTES STÜCK DER GLOBALEN GEFÜHLSKÄLTE IN POLNISCHER MODERNE. GUT VERSTÄNDLICH UND VIRTUOS GEMACHT, SEHR GUT BESETZT, ABER DENNOCH KEINE ABSOLUTE SENSATION.

THEATER Der Löwe im Winter * Von: James Goldman * Neu übersetzt von Susanne Meister * Fassung und Regie: Grzegorz Jarzyna * In Zusammenarbeit mit TR WARSZAWA * Ausstattung: Magda Maciejewska * Musik: Jacek Grudzien * Mit: Wolfgang Michael, Sylvie Rohrer, Markus Meyer, Philipp Hauß, Sven Dolinski, Katarzyna Warnke, Tomasz Tyndyk * Wechselnde Pianisten: Stefan Kallin, Piotr Mania, Leszek Mozdzer * Ort: Burgtheater * Zeit: 117.+25.3.2008: 20h, 11.+15.4.2008: 19h30

Wednesday, October 17, 2007

THEATER: JOACHIM MEYERHOFF IM SELBSTPORTRAIT "ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH"

Wenn Privates zur Kunst wird: Burgschauspieler Joachim Meyerhoff (Nr. 23) spricht über seine Basketball-Austauschzeit in Amerika (Foto: © privat Joachim Meyerhoff)


BURGTHEATER IM VESTIBÜL BURGMIME JOACHIM MEYERHOFF IN ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH - TEIL 1: AMERIKA ALS SCHLECHTER LITERAT, DAFÜR ALS UNGLAUBLICHER THEATERGENRE- ERNEUERER

Joachim Meyerhoff hat nicht das Zeug zum Jahrhundertliteraten. Vielleicht liegt es daran, dass er über eine Zeit schreibt, die er als Jugendlicher erlebte. Erstens ist er da schon mal durch die Realität befangen, indem er ausschließlich äußerliche Handlungen schildern muss, so, wie sie waren. Zweitens lebt er - typisch Schauspieler, der er ist - dermaßen mit seinem Lebensabschnitt mit, dass er sich sprachlich nicht von sich selbst distanzieren kann: Er schreibt, als würde sich ein 18-Jähriger (oder ein noch jüngeres Kind!) einen Schulaufsatz abringen; wo er als braver, gutherziger Junge - von wohlbehüteter, deutscher Herkunft - berichtet, wie er durch die wilde Cowboywelt Amerikas "stolpert". Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika von und mit Joachim Meyerhoff im Burgtheater im Vestibül ist textästhetisch sogar lächerlich. Und doch ist das Ganze als Darstellungsereignis einschneidend: Selten kommt eine Theatergeschichte so echt und wahr, wie diese. Fast ist anzunehmen: Joachim Meyerhoff hat soeben eine neue Theatergattung erfunden: Die der "autobiografischen Theaterreportage".

Schauspielstar verschmilzt mit unbekanntem No-Name

Das ist so außergewöhnlich, weil sich Meyerhoff - als "der" ausgezeichnet vortragende "Schauspieler"- mit seiner Introspektion selbst so in Szene setzt, wie es sonst nur bildende Künstler in Selbstbildnissen tun (jenseits der "Performance", wo die Selbstbespiegelung ebenfalls praktiziert wird). - Wann ist ein (bekannter) Schauspieler sonst schon mehr als ein Medium? - Das Stück wird zu etwas Einzigartigem, da Meyerhoff als Erzähler im Rückblick über Bildprojektor mit Echt-Fotos aus den 80-er Jahren (Dramaturgie: Sibylle Dudek) immer mehr mit sich selbst aus der damaligen Zeit verschmilzt. Zuerst über die identen Kleider, die er sich vor dem Publikum anzieht. Dann durch eine Perücke, die genau seiner Frisur von damals entspricht, als er noch lockiges, blondes Haar hatte - nicht wie heute, eine "Künstlerglatze". - So wird die nachgestellte Realität zur perfekten echten Illusion: Vor uns steht jener 18-jährige Teenager und Basketballer, der naiv von den rauhen Amerikanern in Wyoming spricht, unter denen er als Austauschschüler bei einer Gastfamilie mit drei Söhnen lebt(e). Das alles hat eine Portion Witz, wenn auch eher einen Privat-Oberflächlichen, indem scheinbar ein unspektakulärer Normalo im Wohnzimmer eine Fotovorführung mit Reise-Erzählung vor engen Freunden macht.

Ein mörderisches Souvenir aus den USA

Der Meyerhoff-Burgschauspieler-Fan erfährt so wiederum allerhand Privates über sein Idol - allerdings mit dem Risiko, dass ihm die Künstlerfigur Meyerhoff abhanden kommt. Er wirkt jetzt weniger intellektuell, männlich und bestimmt als sonst auf der Bühne; er gibt sich im Gegenteil ziemlich ausgeliefert, emotional und bodenständig: Meistens sind ihm die Amerikaner suspekt. Sie machen ihm Angst, wenn sie ihn als "schwulen Nazi" oder seine Mutter als "Hitlers Schwanzlutscher" beschimpfen, während sie selbst doppelmoralisch von einer "Hure Michelle" schwärmen, die - bis auf Einen - jeden "ohne Geld anzunehmen" ließe ... Wenn der 1,60 Meter große Kurt Schumacher aber im Pinkel-Unisono versucht, die Höhe des Hühnen Meyerhoff zu erreichen, dann ist das nicht nur für ihn komisch, sondern auch für die Zuschauer. - Einer der Momente, der inhaltlich tatsächlich unterhält.

Schließlich tun sich auch noch perverse Abgründe in Meyerhoffs wahrem Charakter auf: Er hegt eine eigenartige Faszination gegenüber Gefängnissen. Deshalb besuchte er einen Todestrakt in Wyoming und brachte danach gleich ein Souvenir daraus mit ins Elternhaus nach Deutschland .. es schwingt dabei so etwas wie Vorsehung mit... Und es hat etwas "Mörderisches" an sich - namens Randy Heart, "das" live im Vestibül zu sehen ist!!! "Es" ersetzte praktischerweise den - exakt zu jener Zeit - im Auto verunglückten Bruder Meyerhoffs...

Wie das Leben eben so spielt, wenn man sich ihm öffnet! - Und bei einem Sohn eines Psychiatriedirektors sind die Hemmschwellen gegenüber den Schattenseiten kleiner. Es gibt allerdings Meinungen, die sagen, dass an dieser Geschichte doch Einiges nicht ganz so wahr ist wie es scheint... - Liegt hinter den Phantasie-Auswüchsen dennoch die größte Wahrheit? Das Burgtheater wird Meyerhoffs skurril-sentimentale Intim-Serie jedenfalls noch weiter führen. Sind gespannt, was da noch alles kommen wird! e.o.


DAS URTEIL INHALTLICH UND DRAMATURGISCH EIN KLEINES ABENTEUER, SPRACHLICH UND REFLEXIV DAGEGEN GAR NICHT. ENTWEDER EINE KOMPLETTE IRONIE MEYERHOFFS SEINER SELBST, ODER EINE EGO-EHRFURCHT.

THEATER Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika * Von und mit: Joachim Meyerhoff * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 24.3.2008: 19h

THEATER Alle Toten fliegen hoch - Teil 2: Zuhause in der Psychiatrie * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 25.3.2008: 20h30

THEATER Alle Toten fliegen hoch - Teil 3: Die Beine meiner Großmutter * Ort: Vestibül * Zeit: 20.4.2008: 19h + 21.4.2008: 19h30 + 4.5.2008: 18h30

THEATER Alle Toten fliegen hoch 1-3 * Ort: Akademiethater * Zeit: 20., 28.6.2008: 17h-22h15

Monday, September 24, 2007

THEATER: "ROMEO UND JULIA" ALS TRAUM-TRAUMA VON SEBASTIAN HARTMANN













Romeo (Sven Dolinski) und Julia (Julia Hartmann) laufen viel vor einander davon und zu einander hin - zuerst noch wie im reinsten Fantasy-Action-Film ...


... doch mit Julia in vierfacher Ausfertigung im hysterischen Kampf mit Vater-Patriarch Capulet (Martin Schwab) kippt das Ganze ins angstvolle Horror-Science-Fiction-Genre ...

... wo Pater Lorenzo (Thomas Lawinky) die toten Kinderkörper von Romeo und Julia wie im Alptraum des Schlafes durch einen Regen aus Körperstummeln trägt. Fotos © Reinhard Werner / Burgtheater


BURGTHEATER SEBASTIAN HARTMANN ÜBT SICH IM FREIEN ASSOZIIEREN: ROMEO UND JULIA WIRD BEI IHM ZUM ALPTRAUM IM GOTHIC-LOOK

Entweder Regisseur Sebastian Hartmann ist ein Mann, der noch nie richtig geliebt hat, oder er ist ein Anhänger des Trash - jener alles zusammen stopfenden Kunstrichtung, die in Deutschland momentan so gefragt ist, Stichwort Jonathan Meese (derzeit in der Sammlung Essl) oder auch bei Polens Künstlerjugend, Stichwort Piotr Uklański (derzeit in der Wiener Secession). Der Trash bildet sozusagen den extremen Gegenpol zur anderen, gerade gehypten Linie: die der ästhetisch streng durchgezogenen Reduktion in stilistischer Dichte. Beide Trends schlagen sich nun also auch im Theater nieder: Hartmann veranstaltet den Trash bei Romeo und Julia im Burgtheater.

Vom Fantasy-Filmtheater zum Horror-Trash

Romeo und Julia sind mit Sven Dolinski und Julia Hartmann (des Regisseurs Halbschwester im letzten Schuljahr - ärger geht´s kaum noch mit der Protektion!) zwei hübsche, blutjunge Stereotype, wie man sie - egal wie (gut) sie spielen - in einem Hollywood-Film besetzen würde. Und tatsächlich denkt man bei Hartmanns Zugang zunächst an einen Fantasyfilm. Die schrille Überzeichnung, wenn Julia als oberflächlich übermütiges Kind ins Publikum grinst und quasselt, macht aber gleich klar, dass hier eine Art von Irrwitz mitschwingt (denn so schlecht kann nicht einmal eine Schauspielschülerin spielen). Hinzu kommt die plötzliche, irreal motivierte Herumspringerei von allen Darstellern. Jedoch auch hier meint man noch, der Regisseur imitiere einfach den Rhythmus des Films, wolle Schnitte und Kamerafahrten simulieren, indem sich ständig etwas oder jemand auf der Bühne bewegt, Geräusche und Musik schlagartig einfallen, sodass permanente Action tobt. Spätestens nun, wenn Julia in vierfacher Ausfertigung auftritt, erfaßt man aber, dass dahinter ein anderer Gedanke liegt. Neben der Bemerkung der generellen Unterdrückung der Frau, indem der Vater (Martin Schwab) Julia autoritär und brutal zwingt, den ungeliebten Paris zu heiraten, verströmen Mutter Capulet (die es heimlich mit dem jungen Tybalt hat: Myriam Schröder), der Geist und die Amme (Kirsten Dene) als "Julias" das wachsende Gefühlsausmaß an Unheimlichkeit, das sich im Geschehen breit macht. Schon der Geist (Mareike Sedl - eindrucksvoll; wäre wahrscheinlich auch eine bessere Julia gewesen), der von Beginn an als kryptische Figur des Schicksals oder Alter Egos verschiedensten Personen deren Sätze abnimmt und alles zu dirigieren scheint, nimmt die Unausweichlichkeit der höheren, grausamen Macht vorweg, die dem Menschen am stärksten in seinen Träumen begegnet. Das wird dem Zuschauer vor Beginn des Theaterabends auch wiederholend (auf Englisch) eingetrichtert: "Alles, was Sie hier sehen werden, ist ein Traum im Traum."

Das Fantasytheater in Videoclipatmosphäre entwickelt sich also mehr und mehr zum Theater-Alptraum aus Horror- und Sciencefictionfilm in blitzschnell ortsdurchspringender Wahrnehmungstäuschung, wobei Bewegung und Personenverdoppelungen für die assoziativen Gedankensprünge der Angst im Schlafzustand stehen. Ab und zu kommt noch eine typisch groteske Shakespeare-Figur vor, wie Sampson (wirklich lustig: Karim Chérif) als geistig angeschlagener Tölpel. Shakespeare-typisch sind auch die in burschenhafter Liebe verbundenden Kumpane, wie der aggressiv schlagende und zotenordinär potente Mercutio (wollüstern und körperpräsent: Markus Meyer), der von Tybalt (Patrick O. Beck) erstochen wird. Die stilistische Verdoppelung kehrt wieder, sooft ein gefährlich nahender Schicksalsschlag droht - beim Giftmischen und -trinken des Pater Lorenzo (Thomas Lawinky) etwa, der bei seinem ersten Auftritt wie das leibhaftige böse Ohmen in schnellem sex- und todesbetontem Körperspiel mit dem Geist die nachfolgende Geschichte von Romeo und Julia einläutet.

Fehlende Disziplin beim freien Assoziieren

Dass all das Böse und die Ängste der Menschen in der Natur ("Mutter Erde") begründet liegen - mag Hartmanns bestimmende und gleichermaßen provokante Logik für seinen Zugang sein. Sie schließt mit ein, dass des Menschen Furcht auch an eine gewisse Lust gekoppelt ist. - Wer würde sich sonst ein todgeweihtes Kinderpaar im Alter von 14 ansehen, das abwechselnd stirbt und wieder erwacht. Eigentlich ist das ja pervers! Pervers ist somit auch in immer schneller werdendem, eskalierendem Wahn, voll von schwarzer Magie im Gothic-Look dieses Stück. Langweilig ist´s mit den Todesengeln und von der Decke fallenden Körperstümpfen auf keinen Fall, rundum gelungen ist es als Inszenierung trotz illusionsreicher Bühnenoptik von Jürgen Bäckmann aber auch nicht. Hätte Hartmann den grafisch-gestischen Körperbild-Stil des ersten Drittels bis zum Ende durchgezogen, hätte er einen fantasievollen Romeo-und-Julia-Neumaßstab gesetzt, der ernst genommen werden hätte können. Denn für die Beständigkeit braucht es ein wenig mehr an Maß und Disziplin - selbst in der freien Kunst. (Obwohl die ungemeine Chuzpe des Regisseurs, auf Konformität und Gefälligkeit - speziell am Bürg(er)theater - zu scheißen, natürlich immens imponiert!) e.o./a.c.


DAS URTEIL ROMEO UND JULIA ALS AUSGEBURT EINER TEENAGER-ASSOZIATIONSFLÜSSIGKEIT IN TRAUMATISCHEN ÄNGSTEN. DYNAMISCH, PROVOKANT, EFFEKTVOLL - UND TROTZDEM NICHT WIRKLICH GUT!

THEATER Romeo und Julia * Von: William Shakespeare * Regie: Sebastian Hartmann * Mit: Mareike Sedl, Sven Dolinski, Julia Hartmann, Markus Meyer, Karim Chérif, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 25.5.2008: 18h

Wednesday, September 19, 2007

THEATER: FRIEDERIKE HELLER BASTELT PAARE IN HANDKES "SPUREN DER VERIRRTEN"

Konventionelle Paarbildungen gibt es genug. Selbst Gruppensex ist das schon: mit Sachiko Hara, Petra Morzé, Philipp Hochmair, Jörg Ratjen ...

Die Paare sind demnach so überholt, dass sie wie der Zeit-Raum individuell von jedem einzelnen Menschen erneuert gehören ...

Philipp Hochmair legt deshalb ein Ei, das neben hoffnungsvollen Zukunftsfedern nur noch männliche Relikte wie einen Heroenhelm enthält. (Fotos © Georg Soulek)


AKADEMIETHEATER GEGEN DIE KONVENTION TANZT PETER HANDKES STÜCK SPUREN DER VERIRRTEN UND INSZENIERT ES FRIEDERIKE HELLER

Genau genommen ließe sich die Aussage von Peter Handkes Spuren der Verirrten am Akademietheater auf fünf Minuten Spiel- und Handlungszeit reduzieren. Man könnte ein Paar zeigen, das heiratet, sich liebt, haßt, streitet, Sex hat, sich vielleicht scheiden lässt, oder auch zusammen bleibt. Und dann könnte man es sagen lassen: "Ich habe nur so mit dir geliebt und gelebt, weil es von außen, "mit den Augen von Dritten", so verlangt wird. Ginge es allein nach uns beiden, wären wir nie so konventionell geendet, sondern hätten uns unsere eigene Idee vom Paar geboren." - Auf diesen Aufruf scheint Handkes Stück hinaus zu laufen, und er ist doch in rebellischem Sinne so sehr Klischee wie im Inhalt eine Illusion. - Man könnte genauso gut sagen: In der Konvention liegt das eigentliche Glück verborgen, sonst hätte sie sich im Laufe der Geschichte kaum durchgesetzt. Wobei aber gar nicht klar ist, was Handke nicht alles unter der Konvention versteht. (Und außerdem leben heute ohnehin die meisten Pärchen unkonventionell zusammen... )

Reiz der Sprache und des Rhythmus

Der Reiz dieses Stücks liegt also nicht so sehr in Handkes Aussage, sondern in seinen fantasievoll schlagfertigen Satz- und Wortwandlungen, in der Musikalität der Textarchitektur und rhythmischen Handlungsform, in der Spannung der kurz angedeuteten Konventionsszenen, sodass das Zuschauerhirn sofort das ganze Umfeld hinzu kombiniert. Das Publikum bekommt geistig sehr viel zu tun, obwohl dieses Theater genauso als Konzert erlebt werden könnte. - Schon weil die anregende Hamburger "In"-Band Kante, mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Klavier (Melodica) und Sänger, (fast) durchgehend auf der Bühne weilt und sie das ganze Geschehen rhythmisch zu leiten scheint.

Raum mit Leben

Das soll keinesfalls die Leistung von Regisseurin Friederike Heller schmälern. Sie arbeitet grafisch und rhythmisch detailreich mit den Darstellern, sowie mit einem sehr guten Auge für den Raum, sodass dieser fast so lebendig ist wie ein weiterer Darsteller. Ja, der Raum mit der futuristisch-technisch-kühlen Ausstattung von Sabine Kohlstedt hat ein Leben. Er besteht aus einem schick designten, schiefen Boden mit Karomuster - das wohl das Kästchendenken der Paare andeutet - mit seitlichen Videomonitoren oben, die abwechselnd das Bodenmuster im bewegten Aufbruch und ein Einfamilienhaus mit Auto am Land wiedergeben. An den Seiten stehen noch sechs Stühle, auf denen die Darsteller mit Mikrofonen sitzen: die Männer rechts, die Frauen links. Im Zuge der Handlung fällt der Raum sowie die Geschlechterordnung computerdesign-artig zusammen, sodass die Karos verzerrrt erscheinen, die Decke - den Boden spiegelnd - schräg nach hinten abfällt, und die ganze Raumform vom "Recht-" zum "Tiefeck" geworden ist. So viel zur suggestiven Bühnen-Aufforderung zur eigenen Lebensraum-Gestaltung als Parallele zu jener des "eigenen Paarraums".

Schemenhaftes Paarleben

Während nun ein Darsteller einzelne Paarkonstellationen in Prosa beschreibt, die andere oder er selbst sogleich auf abstrakte Pointe hin reduziert darstellen, steigert sich die wechselnde Perspektive - von Beobachtung zu Handeln, von Zuschauer zu Akteur, vom Dritten zum Paar - zum Kollaps (Zusammenbruch) hin - wie in der guten alten Rockmusik. Die Sprünge von Zuneigung auf Ablehnung sowie von Nähe auf Entfernung, bieten innerhalb der Paarbeziehungen manches erotische Moment, was so viel wie dem Kollaps im Kleinen entspräche. Da es Handke aber ums Prinzip geht, zählt hier der große Pauschalkollaps, der sich selbstverständlich gegen die Zeit richtet, gegen routinierte (Helden-)Väter und Söhne, Mütter und Töchter. Von den überlieferten Bildern und beobachteten Dramen sollen wir zum eigenen, individuellen, nackten (= Philipp Hochmair superkurz am Ende) Leben gelangen, denn die Zeit zur Konventions-Verirrung auf der Erde ist für den einzelnen Menschen zu knapp.

Die Highlights

Obwohl also Band Kante, Raum und Text/form die eigentlichen Stars des Abends sind, kommen auch die Schauspieler ambitioniert rüber. Selbst wenn sie als eigenwillige Typen - von außen (vom Dritten, "konventionell") betrachtet - nicht alle passend gepaart sind. Aber dass sie innerhalb ihrer permanenten Paarbildung (Petra Morzé - Philipp Hochmair, Rudolf Melichar - Bibiana Zeller und Sachiko Hara - Jörg Ratjen) immer wieder andere Paarmuster spielen - so wie ein gleich bleibendes Tanzpaar verschiedene Tanzstile bzw. -schritte umsetzen würde - verlangt ihnen minutenschnelle Verwandlungskunst ab. Und doch tritt jede einzelne Persönlichkeit über die Fülle an Figuren hinter die allgemeine Schemenhaftigkeit zurück. Logischerweise fallen jene positiv auf, die sich gut zu bewegen wissen, wie Sachiko Hara - deren asiatisch-übertriebene Schauspielweise als aggressiv-trotzige Kindfrau ansonsten nicht jedermanns Sache ist - und Philipp Hochmair, der als ei-legender Vogel zwecks Neuanfangs wieder einmal den Vogel höchster Darstellungskunst abgeschossen hat! e.o./r.r.


DAS URTEIL HANDKE IST NOCH IMMER EIN SEHR MODERNER AUTOR, WOMIT AUCH DIE BURG ZUM ZEITGEMÄSSEN BÜRGERTHEATER WIRD. ETWAS FÜR MUSIK- UND TANZTHEATER-LIEBENDE, DIE SICH ZEITWEILIG AUCH MIT SPRACHLICHEN INTELLIGENZBESTIEN UMGEBEN WOLLEN.

THEATER Spuren der Verirrten * Von: Peter Handke * Regie: Friederike Heller * Ausstattung: Sabine Kohlstedt * Musik: Kante * Mit: Philipp Hochmair, Rudolf Melichar, Petra Morzé, Sachiko Hara, u.a. * Ort: Akademietheater * Zeit: 3.4.2008: 20h

Friday, September 14, 2007

THEATER: CAROLIN PIENKOS GLÜCKSHAND FÜR "DIE ZOOGESCHICHTE"

Der unheimlich-komische Jerry (stark: Daniel Jesch) spricht den zufriedenen Durchschnittsbürger, Verleger Peter (Cornelius Obonya, jetzt ohne Bart), im Park an. - Was will er von ihm?


AKADEMIETHEATER EINE HAND ZUR CHARAKTERFÜHRUNG HAT REGISSEURIN CAROLIN PIENKOS IN DIE ZOOGESCHICHTE VON EDWARD ALBEE

Ganz schön unheimlich. Da sitzt man seelenruhig - wie jeden Sonntag - im Park, auf seiner Lieblingsbank, plötzlich kommt dieser komische Typ daher und will von seinem Erlebnis im Zoo erzählen. Er sagt darüber aber nichts, sondern demontiert viel mehr, sukzessive, Stimmung und Existenz des Wohlgelaunten - des Verlegers Peter (Cornelius Obonya). Zwei Töchter zu haben, sei schließlich nicht dasselbe wie ein Sohn, Katze und Wellensittiche reichten kaum an einen Hund heran, und hat man einen Lieblingsschriftsteller, zählt die Meinung, warum, nichts. Dazu die unheimlichen Horror-Geräusche, die an den zwei Bänken vorbei ziehen und durch die hohen grauen Büsche rauschen, wo die Beiden vor den fremden Blicken geschützt, oder besser... den schützenden Blicken Fremder entzogen sind.

Ein liebeshungriger Irrer geht um

Dieser Jerry (Daniel Jesch) ist Peter nicht geheuer, und dennoch hört er ihn ab, legt sein Buch, das er lesen wollte, beiseite. Er erzählt ihm von seinen Liebeserfahrungen, worin er mit keiner Frau öfter als einmal ins Bett gegangen ist, nachdem er mit 15 schwul gewesen war, weil er es aus reiner Sexsucht, regelmäßig mit einem Jungen treiben mußte. So viel Intimität ist Peter unangenehm. So erzählt ihm Jerry von seinen Lebenseindrücken im herunter gekommenen New Yorker Mietshaus, wo er wohnt, mit der schwarzen Tunte am einen Ende des Ganges und der puertorikanischen Familie am anderen, und der weinenden Frau in der Mitte. Von der hundsgeilen, nach Alkohol stinkenden Vermieterin, die passenderweise auch gleich einen schwarzen Hund mit blutunterlaufenen Augen und ständig erigiertem Glied um sich hegt. "Diese Tatsachen gehören in Romane!", klagt Jerry, sodass man glauben könnte, das alles sei nur ein Trick, um Peter sein Manuskript einzureden. Und Peter fragt nun tatsächlich mißtrauisch: "Warum erzählen Sie mir das alles? Was wollen Sie von mir?"

- Jerry erzählt weiter von seinem Hass gegenüber dem Hund, der ihn anfällt, sobald er das Haus betritt, sodass er ihn schon töten wollte. Er versuchte ihn zu vergiften, was der Hund aber überstand, und durch den an die Substanz gehenden Zweikampf verliebte sich Jerry in das Tier. - Die einzige Gefühlsbindung, die Jerry jemals entwickeln konnte. "Der Mensch ist des Hundes bester Freund", sagt er. Und komme er jetzt nach hause, schaue ihn der Hund nur an, in geheuchelter Gleichgültigkeit. Als hätten sie den Deal abgeschlossen, sich aus dem Weg zu gehen... "Es ist ja auch der Hund der Vermieterin", meint Peter und will jetzt gehen, doch Jerry lässt ihn nicht ... Und ein neuer Zweikampf beginnt, und die Polizei hört Peter nicht, wenn er nach ihr ruft ...

Amerikanische Antwort auf das absurde Theater

Wo liegt Jerrys Absicht? Und was ist nun mit der Zoogeschichte? - Diese beiden Fragen lassen den Zuschauer bei der Geschichte von Anfang an nicht los, die in Wahrheit ein verzweifeltes Bild von gesellschaftlicher Einsamkeit, Entwurzelung und Scheinheiligkeit in der Großstadt zeichnet. Großartig gespielte, klaustrophobe Charakterstudie der beiden Burgschauspieler Jesch (expressiv viel redend!) und Obonya (impressiv zuhörend!), in dem heute noch aktuellen, lebensnahen Stück Die Zoogeschichte. Obwohl Edward Albee damit 1958 das künstlerisch abstrakte, absurde Theater Europas durch emotionale Spannungssteigerung den amerikanischen Verhältnissen angepaßt hat. (Am 7. Oktober 2007 hat übrigens Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf am Volkstheater Premiere!) Anders wie ein auf 1h 20min gestutzter Sturm von Shakespeare am Akademietheater, ist diese Inszenierung mit derselben Kürze in sich geschlossen vollendet. Ein intensives, expressives Theatererlebnis, sehr fein zugespitzt von Regisseurin Carolin Pienkos. e.o.


DAS URTEIL FÜR FANS DES ABSURDEN THEATERS, DRAMATISCH ERLEBT UND GESPIELT: EIN UNHEIMLICHER PSYCHOTURBO MIT ÜBERRASCHEND BITTEREM SCHLUSS.

Theater Die Zoogeschichte * Von: Edward Albee * Regie: Carolin Pienkos * Mit: Daniel Jesch, Cornelius Obonya * Ort: Akademietheater * Zeit: 19., 28.11.2007: 20h + 2.12.2007: 20h30 + 16.12.2007: 19h

Wednesday, September 12, 2007

THEATER: BARBARA FREY MACHT SHAKESPEARES "STURM" FAST LEBLOS KURZ

Drei sehr gute Schauspieler in mehreren, zum Teil verfremdeten Rollen: Joachim Meyerhoff (u.a. Ariel, Ferdinand), Johann Adam Oest (u.a. Prospero), Maria Happel (Miranda und Caliban) - Foto © Matthias Horn


AKADEMIETHEATER DER STURM KOMMT ALS LEBENS- UND KUNSTBILANZ VON WILLIAM SHAKESPEARE EIN WENIG ZU KURZ. DA HÄTTE SICH DER WELTDRAMATIKER WOHL DOCH MEHR LEBEN ERWARTET

Kennt jemand die Inhaltsangabe von Shakespeares Sturm noch nicht? - Wenn nein, dann gehe er bitte ins Akademietheater und schaue sich die auf 1 Stunde und 20 Minuten geraffte Kurzerzählung von Regisseurin Barbara Frey an. Denn drei Schauspieler erzählen einander, während sie zwischenzeitlich auch mehrere Rollen verkörpern, die Geschichte. Prospero (Johann Adam Oest) macht dann noch klar, dass es bei dem ganzen Stück um Shakespeares Bilanz über die Grenzen und die Relativität der Kunst geht. - Das müßte man normalerweise am Ende vom Schauspielführer lesen. - Also immerhin eine Studienerleichterung.

Bei diesem Zugang handelt es sich aber auch um eine Verfremdung - was die Moral von der Geschicht´ umso stärker betont. Und da das Liebespaar - als Symbol für Friede durch die nächste Generation und Fortschritt der Welt - außerordenlich ironisch und grotesk präsentiert wird (Tochter Miranda ist das Ungeheuer Caliban ist die mollig-starke Maria Happel; Sohn Prinz Ferdinand ist der gefangene Luftgeist Ariel ist u.a. der diesmal ein bißchen kindisch-liebe Joachim Meyerhoff), streift das Ganze auf lustige Weise auch die Shakespeare-Praxis, Frauenrollen mit Männern zu besetzen, nur in etwas veränderter bis verkehrter Form.

Das Stück ist außerdem sprachlich so altdeutsch (bzw. altenglisch) gekürzt, als hätte Shakespeare selbst die Raffung vorgenommen - weshalb es auch einen niveauvollen Grundton hat. Alles in allem, kurz und lehrreich, von drei guten Schauspielern präzise und melodiös gemeistert, insgesamt aber doch eher eine Inhaltsangabe als ein zum Leben erweckter Text. Die Zauberwelt des Theaters wurde gerade nur gestreift. - Hätte sich das Shakespeare so gewünscht? - Wohl kaum. e.o.


DAS URTEIL EIN BISSCHEN ZU KURZ FÜR DIE SHAKESPEARSCHE LEBENDIGKEIT. PASST ABER IMMERHIN ALS GUTE-NACHT-GESCHICHTE, KURZ VORM EINSCHLAFEN.

THEATER Sturm * Von: William Shaekespeare * Regie: Barbara Frey * Mit: Joachim Meyerhoff, Johann Adam Oest, Maria Happel * Ort: Akademietheater * Zeit: 4.10.2008: 20h

Sunday, May 06, 2007

THEATER: NIKLAUS HELBLINGS UND DIMITRÉ DINEVS "DAS HAUS DES RICHTERS" FÜR INSIDER



Metaphorische Wendung Dinevs: Der doppelt besetzte Dietmar König (Foto © Reinhard Werner - rechts und links mit Maske) tötet sich als ungewollter Seitensprung-Sohn (Minotaurus) als Dieb (Theseus) selbst. Lösen sich Fehlhandlungen also irgendwann selbst auf? - Und reinigen sie auch die Umwelt (oben): Meister (Daidalos, Martin Reinke), Richter (Michael König), Iko (Daniel Jesch) und Wera (Dorothee Hartinger)?


AKADEMIETHEATER NIKLAUS HELBLING INSZENIERT MIT DIMITRÉ DINEVS DAS HAUS DES RICHTERS EIN STÜCK FÜR INSIDER DER GRIECHISCHEN MYTHOLOGIE. ALLE ANDEREN WERDEN EIN WENIG ENTTÄUSCHT SEIN

Sieht man sich des 1990 nach Wien emigrierten Erfolgsautors (Engelszungen) - Dimitré Dinev - Burgtheater-Auftragswerk Das Haus des Richters an, ohne den Minotaurus-Mythos zu kennen, wird man enttäuscht sein. Weniger, wenn man ihn kennt. Der kreative Akt liegt in der Aufstellung der neuzeitlich umbenannten Mythen-Figuren, und vielleicht noch, in der endgültigen ethischen Conclusio. Die dramatische Entwicklung selbst ist kaum aufregend, da sie auf das Publikum stellenweise zu "alltäglich" und platt, zu "durchschnittsmenschlich" weder durch Figuren, Geschichte, noch Darsteller imponierend wirkt.

Untreue - ein ewiges Thema

Was von Regisseur Niklaus Helbling in der Charakterführung der Darsteller prinzipiell klar und gut heraus gearbeitet wird, ist die Ur-Debatte der Liebesbindung, wenn es zur Untreue kommt - sei es aus bloßem Nicht-Widerstehen können, instinktiver Lusterfüllung oder aus echtem neuen Verlieben. So ist nicht nur unklar, von welchem Vater - Richter (Minos) oder Meister (Daidalos) - das "Monster" Minotaurus der Sohn ist; Sondern das Hin und Her von Liebe, Verrat und Betrug weitet sich auf alle anderen Figuren aus. Da kommt es auch zur einen oder anderen Verwechslungskomik, da sich alle abwechselnd beim Sex den Stierkopf (den historisch eigentlich Minotaurus trug) aufsetzen. Die Liebesfähigkeit (bzw. Treue) interpretiert der Zuschauer am Ende als "Charakter"-abhängig. - Ganz nach dem Motto: Es prüfe, wer sich ewig bindet. Und ist man sich des anderen sicher, kann man sich dennoch nie ganz sicher sein. Was wiederum bedingt, dass man sich stets um den Anderen bemühen wird müssen ...

Der Richter (Michael König) wurde also nicht nur einst von seiner Frau (Pasiphae) betrogen, sondern betrügt auch selbst: mit der Erzieherin Wera (Dorothee Hartinger). Die Halbgöttinnen Ariadne (Alexandra Henkel), Phädra (Mareike Sedl) und Xenodike (Nicola Kirsch) macht Dinev zu den "standesgemäßen" Töchtern des Richters, Ada, Phädi und Xeni, die dann der Mythologie entsprechend lieben, herzlos verführen oder betrogen werden. Der, der durch zwei Frauen gleitet, die eine liebend, die andere nur wegen des Sexes, ist Iko (= Ikarus, Daniel Jesch), der Sohn des Daidalos, der mit seinem Vater das Labyrinth bauen muss, wo Minotaurus versteckt gehalten werden soll. - Eine klare Metapher für das schuldbewußte Verbergen-Wollen des Menschen ungeplanter "Beweise" für Handlungen (Kinder), die nicht geschehen hätten sollen.

Der Bastard rehabilitiert sich selbst

Gelungen, obwohl zunächst fragwürdig, ist, dass sich Minotaurus in Dinevs Fassung durch den vom selben Darsteller, Dietmar König, verkörperten Theseus als "Dieb" über Video selbst umbringt. Das hieße also: das Ungewollte löst sich früher oder später selbst auf. Es führt sogar dazu, eingefahrene "Familienverlogenheiten" aufzudecken und zu reinigen, selbst wenn sie schmerzhaft sind. Was diesen Dinev-Minotaurus in den echten Helden-Status erhebt.

Störend aufgesetzt wirkt nur die Ausländer-Thematik: Denn der Architekt Daidalos ist ein Flüchtling aus dem Balkan (mit DDR- oder zumindest deutschem Akzent!), und sein Sohn Iko "bereits" in Österreich geboren. Die Ausländerfrage wird noch einmal bekräftigt, indem die auf der Bühne ständig präsenten Balkan-Musiker, Martin Lubenov und Imre Bozoki-Lichtenberger, während einer Familienfeier als Musikanten engagiert werden und mit "Gut, Chef" antworten. - Abgesehen davon, dass diese Musiker in Österreich anerkannt und geschätzt sind. - Wirklich übertrieben und insgesamt Stück-abwertend.a.c./e.o.


DAS URTEIL DIE QUALITÄT VON DINEVS MINOTAURUS-FASSUNG ENTDECKT MAN ERST IM DIREKTEN VERGLEICH MIT DEM UR-STOFF. DANN BEGINNT MAN ÜBER MENSCHLICHE UR-FRAGEN NACHZUDENKEN. OB DAS ABER FÜR EINEN THEATERABEND GENÜGT, WIRD ZUM GROSSEN FRAGEZEICHEN.

THEATER Das Haus des Richter * Von: Dimitré Dinev * Regie: Niklaus Helbling * Mit: Michael König, Barbara Petritsch, Alexandra Henkel, Mareike Sedl, Nicola Kirsch, Dietmar König, Dorothée Hartinger, Martin Reinke, Daniel Jesch, Imre Bozoki-Lichtenberger, Martin Lubenov * Ort: Akademietheater * Zeit: 23.9+3.10.2008: 20h + 24.9.2008: 19h30

Thursday, January 25, 2007

THEATER: RUDOLF FREY UND MARTIN HECKMANNS KONGENIAL - IN "DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING"

Wie hält ein Künstlerpaar sein Sexleben spannend? - Es dreht einen Film und macht es dabei mal in der Badewanne statt im Bett: Johannes Krisch (Johann), Stefanie Dvorak (Anne), Foto © Georg Soulek / Burgtheater

Wie integriert ein Künstlerpaar den Mann vom Amt (Roland Kenda) in den Film? - Er wird zum Gegenspieler seiner Liebe und darf als neuer Patschenmann zu Anne (Stefanie Dvorak) ins Haus. Das macht Johann (Johannes Krisch) sauer, aber es ist ohnehin nicht "echt" - oder doch?, Foto © Georg Soulek / Burgtheater


BURGTHEATER
REGISSEUR RUDOLF FREY VERSTEHT MIT SEINEN JUNGEN JAHREN ERSTAUNLICH VIEL VON BEZIEHUNGEN. ODER AUTOR MARTIN HECKMANNS HAT ES IHM NUR SCHLAU UND EINFÜHLSAM EINGESAGT


Da trifft ja mal ein ausnehmend guter Regisseur auf ein ausnehmend gutes Stück! - Der erst 24-jährige Rudolf Frey hat Das wundervolle Zwischending des Deutschen, Martin Heckmanns (35), im Burgtheater-Vestibül verstanden und interpretiert. Intelligent interpretiert. Heckmanns´ Text entschachtelt sich durch Wortspiele. Frey betont sie puristisch verspielt durch mehrdeutige, symbolhafte und vielfach verwendbare Bühnendetails. Eingerichtet von Vincent Mesnaritsch, der genau das richtige Maß an erträglicher Requisitenfülle für den schwierig zu gestaltenden barocken Raum gefunden hat. Um zu betonen, dass sich jeder Zuschauer angesprochen fühlen darf, stehen anfangs auf der Bühnenseite Zuschauerstuhlreihen spiegelverkehrt zum Zuschauerraum, verstärkt durch einen Spiegel an der Rückwand.

Unfreie freischaffende Künstler

Warum, das erzählt die einfache Handlung: Ein Pärchen, das seit sieben Jahren zusammen ist, versucht seine einstige Liebe aufzufrischen, indem es sie ab dem ersten Kennenlernen verfilmt. Zeit dazu hat es. Denn es "genügt" ihm, ein vom Sozialamt finanziertes Künstlerdasein zu leben. Was machen da schon die paar Stunden Schneeschippen zwischendurch, ohne das die Gelder gestrichen würden? Oder der Kontrolleur, der als Mann vom Amt wie die Frau Oberlehrer aller Schüleralbträume, das ganze Stück über "fast wortlos" auf der Bühne steht? - Obwohl sich hier also zwei Menschen offensichtlich zugunsten freischaffender Tätigkeit für die Armut und gesellschaftliche Machtlosigkeit entschieden haben, sind sie dennoch nicht "frei": Nicht nur, dass dieser Mann vom Amt durch seine Dauerpräsenz auf Annes (Stefanie Dvorak) und Johanns (Johannes Krisch) Psyche einwirkt, er versucht sie auch zu überreden, öffentliche Förderungen für ihr Projekt in Anspruch zu nehmen. - Die paar kleinen Änderungen in "ihrem" intimen Film als Bedingung dafür - wie "nur mit anderen Darstellern" - sollten "echte" Künstler im hippen Wirtschaftszeitalter doch hinnehmen können! Und darum geht es im Grunde: um die Relevanz der Echtheit in Kunst und Liebe, wobei "diese Künstler" ihre "echte Kunst" aber gar nicht veröffentlichen wollen, sondern als "echte Liebe" für sich behalten wollen.

"Echte" Liebe, "echte" Kunst

Erkennbar wird die Echtheit erst durch Provokationen und Diskussionen, über reflexives und aktives Schaffen: Doch beginnen Anne und Johann schon während des Filmdrehs mit bewußter Manipulation, um die Dramaturgie des Films spannender als die Realität zu machen. Der Mann vom Amt wird kurzerhand als - auch privater! - "Gegenspieler" eingesetzt, indem er den Liebhaber von Anne mimt - was dank Regie und Spiel von Roland Kenda zum Schießen trocken pointiert ist, während er an Johanns Statt neben Anne wie selbstverständlich Hauspatschen anzieht.

Da die Inszenierung dann in gewisser Weise aber auch ins reale Leben überfließt, wird klar: Selbst im "Echten" dominiert die Konstruktion. Nur über sie behält das Leben seinen Reiz. Alles neu oder alt Gelernte wurde ja auch einmal als Inszenierung angeeignet. Und erst durch die Automatisierung bekam es den Wert der Echtheit. Also: die Inszenierung muß immer wieder auf ein Neues passieren, damit das soziale Leben überhaupt stattfinden kann. Am plakativsten geschieht das im Sex:

Die Krux mit dem langweiligen Sex

So konstatiert Johann, nach sieben Jahren mit Anne: "Warum gibt es keine aufregenden Bilder über Treue?" Doch die Beiden sind dann beim Dreh - oder geschieht das nun privat? - so kreativ und leidenschaftlich, dass Anne Johann beim Badewannen-Fick beinahe ertränkt. Später reflektiert Johann: "Ich hasse es, dass ich dich begehre, wenn du dich wie eine Nutte herrichtest", und hat - da ein Mann - Angst davor, eines Tages die Lust an ihr zu verlieren: "Vielleicht werde ich später einmal zum Kinderschänder?" Worauf sie - da eine Frau - an ihrem dauerhaften Glück festhält und sagt: "Gut, dass wir im Alter viel schlechter sehen und nicht erkennen müssen, wie häßlich wir werden." Darauf er: "Ich glaube, wir reden an einander vorbei." In der Altersszene scheint das mit dem Sex dann aber gar nicht mehr so wichtig zu sein, denn Johann sagt nur noch: "Hier bin ich." Und sie: "Willst Du mich retten?" (Eine Frage, die sie ihm schon in jungen Jahren stellte.)

Die ewigen Rätsel sind es, die man liebt

All das Unverständnis und Geschlechter-Typische, das bereits anfangs bestand - indem ihre Bilder von einander weder übereinstimmten, noch dass sie einander durchschauten -, bleibt bis zuletzt erhalten. Genau diese Rätsel sind es, diese "echten Fakes" - ob automatisiert oder inszeniert - die sie zusammen bleiben und sich ergänzen läßt. Und sollte einmal jemand gelangweilt glauben, alles von seinem Partner zu kennen, so muss er nur genauer hinsehen. Denn die liebenswerten Geheimnisse liegen überall als rote Bälle um ihn herum verstreut oder stecken in seinen roten Kleideraccessoires - zumindest bei Anne und Johann ist es so. - Zur Feier dieser Erkenntnis ein Feuerwerk! Denn echt kann die kitschige Liebe sein! Sie immer wieder neu zu "erschaffen", darum muss sich allerdings jeder selbst zuerst bemühen. e.o.


DAS URTEIL EIN FEINES STÜCK ÜBER DIE ECHTHEIT VON LIEBE UND KUNST. MIT SCHÖNEM, INTELLIGENTEM TEXT UND EBENSOLCHER REGIE. UNGEWOHNTER KITSCH, DA MIT TROCKENEM HUMOR VERSEHEN.

Auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks ist Autor MARTIN HECKMANNS im O-Ton zu hören und zu lesen!

Theater Das wundervolle Zwischending * Von: Martin Heckmanns * Regie: Rudolf Frey * Mit: Stefanie Dvorak, Johannes Krisch, Roland Kenda * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 15.2.2008: 20h

Monday, October 09, 2006

THEATER: SANDRA SCHÜDDEKOPF INSZENIERT "EFFI BRIEST" - WENIG AUFREGEND



Photo: Dietmar König als kunstsinniger Beamter und Ehemann Innstetten, und Alexandra Henkel als seine ungestüme Ehefrau Effi Briest. Einmal überhäuft sie ihn zur Begrüßung mit Tand, und immer sehnt sie sich fort, von seinem unheimlichen Haus (© Reinhard Werner)


VESTIBÜL IM BURGTHEATER FONTANES EFFI BRIEST KÖNNTE AUCH HEUTE NOCH GELTEN - ETWA ALS NATASCHA KAMPUSCH. WARUM ZEIGT MAN UNS DAS WERK SO WENIG ZEITGEMÄSS UND DABEI ABER IN VERSUCHT MODISCHER FORM?

Effi Briest ist einerseits die Geschichte der zuhause sitzenden Naturkindfrau und ihres karrierebewußten, an ihren Bedürfnissen wenig interessierten, älteren Geistesmannes. Andererseits ist das die Geschichte vom Individuum, das sich gegen die eigene Empfindung dem moralischen Gesellschaftsdruck unterwirft. Denn der Ehemann Innstetten tötet aus reiner Prinzipientreue, und nicht, weil er sich verletzt fühlt, im Duell den Verführer Crampas, der "vor Jahren" seine vernachlässigte Effi getröstet hat.

Heute arrangiert man sich mit Untreue

Womit nun Theodor Fontane im ausklingenden 19. Jahrhundert hinsichtlich des allgemeinen Schwindens des preußischen Ehrbegriffs provozierte, hat heute in weitestem Sinne höchstens noch im Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft Gültigkeit. Denn eine ausschließlich vom Mann ausgehaltene, im Haus wartende, blutjunge, westliche Ehefrau, existiert wohl nur noch im abstrusen Beispiel einer Natascha Kampusch. - Die nach diesem Modell aber auch nur in Abschottung der Gesellschaft leben konnte; sobald sie mit der Gesellschaft konfrontiert war, mußte (wollte) sie selbst Geld verdienen - wie übrigens schon die "echte" Effi Briest, Else von Plotho, von deren Ehebruch und anschließenden Konsequenzen sich Fontane inspirieren lassen hat. - Ja, heute findet sich doch sogar schon jede/r Zweite mit der Wahrscheinlichkeit der "Untreue des Partners" ab, selbst wenn es ihn/sie schmerzt!

Unpassender Versuch von formaler Aktualisierung

Hätte sich Regisseurin Sandra Schüddekopf in ihrer Inszenierung der Effi Briest, die am 5.10. im Burgtheater-Vestibül Premiere hatte, in Sachen Aktualität auch nur irgendetwas zu diesem Stoff überlegt, wäre der Theaterabend spannender geworden. Denn wenn sie nur die Literaturvorlage erzählt - die wir schon des öfteren im Fernsehen bewundern konnten -, soll sie sie bitte auch gleich formal in der Vergangenheit spielen lassen. Doch was hat sie gemacht? - Ihre beiden Darsteller, Dietmar König und die körpersprachlich begabte Alexandra Henkel, switchen jeweils zwischen den weiblichen Figuren (Erzählerin, Effi, Annie=Haushälterin) und den Männlichen (Erzähler, Innstetten, Crampas) hin und her und raffen dadurch die Geschichte. Dazu ein bißchen Musik, ein paar an die Wand geworfene Bilder, ein paar nette Szenen, wie wenn Effi als jiddisch sprechende Frau zur Verführerin wird. Das ist aber auch schon alles. Vom Bühnenbild (Eva Maria Schwenkel) ganz zu schweigen, wo in den barocken Raum unpassend-Modernes (und auch Altes) hineingezwängt worden scheint.

Erkenntnisse zum Auffrischen

Wenn man als Zuschauer aber etwas wieder auffrischen konnte, dann waren es folgende Erkenntnisse: Mann und Frau sind in ihren Rollen (bis zu einem gewissen Grad auch heute noch) gefangen, wobei zu wenig gegenseitiges Verständnis und Interesse aufgebracht wird. Öfters passiert es, dass jemand sagt (in diesem Fall sagt es Effi), "Ich habe Dich eigentlich nur aus Ehrgeiz geheiratet", wonach man (sie) seine Zärtlichkeit über sich ergehen läßt, weil man (sie) es muß. (Oder Männer sind zärtlich, weil sie es müssen.) Es geschieht auch, dass man sich selbst verachtet, nachdem man glaubt, die Gesellschaft würde einen verachten. (Der Grund spielt dabei keine Rolle.) Und meist ist uns die mitmenschliche Tugend im realen Alltag wichtiger als in der Literatur oder Fiktion: nur da lieben wir die Rebellin, den Piraten, den Casanova, die Hure... e.o./ a.c.


DAS URTEIL VIEL IST REGISSEURIN SANDRA SCHÜDDEKOPF NICHT EINGEFALLEN ZU IHRER EFFI BRIEST. EINE MITTELMÄSSIGE AUFFÜHRUNG, AUF DIE MAN VERZICHTEN KANN, HAT MAN DEN FILM BEREITS GESEHEN.

THEATER Effi Briest * Autor: Theodor Fontane * Regie: Sandra Schüddekopf * Mit: Dietmar König, Alexandra Henkel * Ort: Jetzt im Akademietheater! * Zeit: 17., 25., 26.9.2008: 20h