Showing posts with label Akademietheater. Show all posts
Showing posts with label Akademietheater. Show all posts

Wednesday, August 17, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 7: IVO DIMCHEV IN SEINER SADO-MASO-OPERNSTADT „OPERVILLE“

-->
Stimmt es, dass der höchste Punkt der Trio-Vereinigung in der Oper nur durch koitale Intensität entstehen kann?

-->
Oder stimmt es, dass sich einer von den Dreien dafür stets zum Hund unterwerfen und demütigen lassen muss?

-->
Es stimmt auf alle Fälle, dass sich ein Sänger in den anderen so einfühlen muss, dass sie zusammen verschmelzen können. Hier fühlt sich allerdings nur der Bass-Bariton Nickolay Voynov in den nervös-dominanten Ivo Dimchev ein: er bekommt dessen Perücke aufgesetzt und verliert sein Gesicht. (Fotos © Ivo Dimchev)



„this stage is an ugly wired paradise“



25.7., gegen 22h15, im Akademietheater:


Was habe ich gelacht,
plötzlich befreit von schier unendlich großer, innerer Anspannung,
als der querste aller queeren Künstler,
Bulgare Ivo Dimchev,
ob seiner eigenen seelischen Verkrampftheit,
an die Rampe tappt,
und versucht,
das Keyboard hervorzuzerren,
das unter einer schwarzen Abdeckung am vorderen Bühnenrand
verborgen liegt.


„with hard pain“


Dieser zögerliche Moment war keinesfalls geplant,

und doch hat ihn Dimchev zur eigenen Befreiung genutzt,
um stoßzornig auszurufen,
was ihn ununterbrochen bedrückt.
Jene helle Erlösung
war ausreichend,
um das gesamte restliche Stück,
mit Augenzwinkern zu betrachten.

„I´m partly forbidden in this country“


Denn die hysterische Leidensgeschichte Dimchevs,
worin er sich als unpassend „Widerlicher“ ständig selbst bemitleidet,
ist im Grunde nebensächlich;
seine Anklage,
als geschmacklos wie ein Sandler gekleideter Queerer
in der obligatorischen Dreierkonstellation
aus schönem, designer-weiß tragendem, selbstsicheren Bassbariton
und routinierter, samt-eleganter Soprandiva in Rot,
nervös und aggressiv wie ein Tier
nicht den vollwertigen, dritten Tenor-Teil auszumachen,
unbegründet.

Selbst wenn er diese emotionale
und seelische Überzeugung braucht,
um das zu schaffen,
was diese hohe Kunst ausmacht.


„The tragedies: being dead is political correct“


Hier „leidet“ und profitiert ein hochmusikalischer Künstler,
er offenbart die Oper als ein Genre, das
– bewiesenermaßen –,
musikalisch noch lange nicht erschlossen ist.


„whores and banks are friends with diseases, we prefer dirty dicks“


Da mag es die zeitgenössische (Geräusche-)Oper geben,
die Arien-Überlieferte mit ihren Klassikern;
wenn ein Dimchev
mit seinem exakt platzierten Halskraulen, Krächzen, Jammern, Jaulen,
vor Schmerz – wie ein Elefant – Trompeten
und Brüllen wie ein Löwe,
mit Pop-Rock-Zitaten der 70er-80er Jahre,
mit Jazz-Stoßwörtern in Kabuki-Atmosphäre,
mit taktgenauem Rapp,
anfängt, zu zeigen,
was klanglich im Opernarrangement schön ist,
ohne dem Bekannten anzugehören,
dann sorgt das für ein Aha-Erlebnis,
das vergessen macht,
in welchem Rahmen diese Musik stattfindet.


„somebody died in the back of the theater“


Dass sich diese drei
einander mit einer Fantasiesprache des Subtexts
konkurrierenden
und um gegenseitige Liebe gierenden Gesangskünstler
– auf Anstachelung Dimchevs –
untereinander
in sadomasochistischer Manier demütigen,
zum Hund degradieren,
und um die Vereinigung in koitaler Intensität betteln,
wobei aber stets einer das Nachsehen hat,
mag überzeichnet dem Bild der Realität entsprechen.
Und doch kommen Sänger nur an diese Spitzen heran,
wenn sie die grenzüberschreitende innere Tiefe anstreben,
wenn sie via Perücken-, Körperhaltungs- und Positionstausch
in den anderen hineinschlüpfen,
was sich hier allerdings nur auf den Körper Dimchevs bezieht.
Und das ist auch o.k., weil er jemand ist,
der die anderen beiden in ein neues Universum führen kann.


„there are too many pessimists in this country“


So entstehen die schönsten Duette und Trios
in eigener Musikalität
und körpergrafischer Anordnung.
Verzweifelte, um einander ringende Ausdrücke,
im Sinne der auf die Bühnenrückwand platzierten Gedanken,
„there´s only one person I love, it´s not you“
die immer wieder in akustisch wohlklingenden,
wundersamen Harmonien münden.

Die Oper ist eine Landschaft des Seelenschmerzes.
Da passt das zelebrierte Selbstmitleid
eines Nicht-Gesellschaftsfähigen
bestens dazu.


„we are social-democrats, we love prostitutes of all colours“


Traurig,
dass die Schönheit der Klänge am Ende vergeht,
wie der Wind,
den Dimchev im Finale zitiert,
denn der Verstand erinnert sich wohl an die Rührung
durch die verzückenden, unbekannten Melodien,
vergessen ist aber,
wie die Melodien waren.
„Sie sind“, tatsächlich, „die stummen Qualen eines sterbenden Windes“.
Und keine Kritik wird ihnen gerechter
als jene der sprachlichen Poesie. e.o.




DAS URTEIL
IVO DIMCHEV IST MIT OPERVILLE DIE WEITERENTWICKLUNG SEINER MUSIKALISCHEN SPITZENWERKE LILI HANDEL, CONCERTO UND SONGS FROM MY SHOWS GELUNGEN. DAS LEIDENSSPEKTRUM DES GROTESKEN HYSTERIKERS BEGRÜNDET HIER DIE DIENENDE NEBENROLLE. DIE HAUPTROLLE ÜBERNIMMT SEIN UNKONVENTIONELL KOMBINATORISCHES GESPÜR FÜR MELODIEN, RHYTHMUS UND GRAFISCHE (KÖRPER)ARRANGEMENTS. DA IST DIMCHEV ERFINDUNGSREICH UND – WENN AUCH OBSTRUS – EXTREM FEIN.


OPERNTANZ Operville * Text, Choreografie, Vocal Scores: Ivo Dimchev * Performance, Improvisation: Plamena Girginova, Nickolay Voynov, Ivo Dimchev * Musik: Chopin, Stephan Hristov und anderen * Ort: Akademietheater * Zeit: 25.7.2016, 21h

Tuesday, August 09, 2016

impulstanz 2016 – Tagebuch 5: XAVIER LE ROY HAT MICH IN „UNTITLED (2014)“ GEFRAGT, UND ALEXANDER WRABETZ HAT IHM FALSCH GEANTWORTET

-->
Xavier Le Roy ist im zweiten Teil von Untitled (2014) das unbewegte Subjekt, das zwei Mumien-Objekte zur Bewegung bringt (Foto © Jamie North Kaldor Public Art Projects)


-->
Xavier Le Roy ruft dazu auf, auch ohne etwas von einem Künstler zu kennen, in dessen Vorstellung zu gehen: das habe ich heuer bei Thiago Granato Treasured in the Dark gemacht (Foto © Bertrand Delous) ...
-->

Er ist doch sowieso immer „unbekannt“ ...



21.7., gegen 22h30, im Wiener Akademietheater:




Xavier Le Roy befand sich in Untitled 2014
in legerer Alltagskleidung
zwischen Bühne und Zuschauerreihen,
und fragte mich,
ob ich zu jemandem Unbekannten,
– also ohne jede Vorab-Information –
kommen würde.


Er meinte, „ins Theater kommen“.
Frage:
Ist das Theater jetzt so etwas wie diese Mode des anonymen Partnertreffs?
Wo man sich Hals-über-Kopf in jemanden verlieben soll?
Erfolgschance: 1 zu 99?
Das heißt: 99 Reinfälle, 1 Treffer?


Wie groß wird die Wahrscheinlichkeit sein,
dass ich nach 99 mal Frustration,
überhaupt noch einmal ins Theater schaue?


Gut, man kann einwerfen:
wenn ich ins Theater gehe,
hat zumindest ein Kurator / ein künstlerischer Direktor eine Vorauswahl getroffen.
Andererseits: Partnervermittlungsagenturen tun das auch.
Trotzdem ist die Bilanz nicht besser.


Ich habe ihm gesagt,
als er mich fragte,
ob ich zu jemandem Unbekannten ins Theater kommen würde,
„ich bin doch eh da!“.


Er hat mich angesehen,
aber nichts darauf geantwortet.


Wahrscheinlich dachte er,
da er mich wohl,
seit gut 15 Jahren als seine Stücke-Besucherin in Wien kennt,
ich hätte ihn falsch verstanden,
oder ich wollte ihn aufziehen.


Also deutlicher:
Ich kam zur Veranstaltung Untitled,
wusste also nicht,
was da auf mich zukommen würde.


Und bei einem Xavier Le Roy weiß man
trotz seines Namens = seiner bewährten „Marke“,
nie,
was auf einen zukommt.


Reicht das nun also zum Motiv „des Unbekannten“?
In der Kunst?


Ich denke „ja“,
denn „Kunst“ bedingt eine Grundform des „Könnens“,
also die Garantie, dass da jemand etwas „kann“,
damit das Werk „Unbetitelt = Unbekannt“,
Daseinsberechtigung hat.


Halt!
Ich merke bezüglich meines Bekenntnisses zum Nervenkitzel an,
dass ich bei ImPulsTanz jedes Jahr
zumindest einen Künstler im „Zufallsverfahren“ auswähle,
also einen,
den ich nicht einmal hinsichtlich seines Namens kenne.
Man will sich ja selbst auch fortbewegen,
und hofft auf die freudige Überraschung einer Neuentdeckung.


Das Wagnis ist in der 8:tension-Newcomer-Schiene besonders groß.
Heuer traf es den brasilianischen Performance-Künstler Thiago Granato
mit Treasured in the Dark im Wiener Schauspielhaus.
Wie zufällig, dass er beim von Le Roy betreuten Ex.e.r.ce 8 Programms am Centre Chorégraphique National de Montpellier Teilnehmer war ...
Das habe ich erst im Programmbuch gelesen,
und auch an seinem nackten Hintern erkannt,
der losgelöst vom Körper im Stil der Travestie „sang“.
Die Übereinstimmung war allerdings nur
der sich verselbständigende Körperteil.
Möglicherweise lag auch eine Parallele
in den lange ausgeführten, bewegten Bildern,
die danach ein Aufbäumen und Widerstandleisten
gegen politische Unterdrückung (von Homosexualität)
ausdrückten.
Das Thema der Homosexualität hat allerdings mit Le Roy nichts zu tun.
Le Roy
s lange ausgeführte Szenen,
sind auch meist mehrdeutiger,
als die naiv-eindimensionalen Granatos.


Ich muss sagen,
hätte ich das Granato-Stück nicht gesehen,
hätte ich auch nichts verpasst.

Ich bewundere jene ImPulsTanz-Leute für ihren langen Atem,
die die Newcomer-Schiene kuratieren.

Immerhin sind da einige Stars hervor gegangen:
2001 Akram Khan zum Beispiel.
Er zeigte in der Zwischenzeit immer wieder
umwerfende Arbeiten,
meist in Zusammenarbeit mit anderen Top-Partnern
wie Sidi Larbi Cherkaoui.
Aber als Genie gilt er in Österreich erst seit 2013,
als er im Solo Desh bei ImPulsTanz auftrat.
So lange dauert es also,
bis ein „Unbekannter“ in der Kunst die absolute Spitze erreicht.


Da gehe ich natürlich gerne hin,
wenn ich nichts von diesem Künstler kenne.
So ein Ereignis bedeutet dann:
ein treues Publikum auf alle Ewigkeit.


Wenn Xavier Le Roy im ersten Teil, Untitled (2005), eine Lecture,
(Lecture bedeutet eigentlich Lehrstunde, Vorlesung, Vortrag)
seiner dreiteiligen Aufführung,
eine Publikumsansprache hält,
hat das im Rahmen des von ihm praktizierten Konzeptualismus,
natürlich noch einen weiteren Sinn.


Konzeptualismus ist ein Begriff,
den sich die Tanz-Zeitgenossen mit der Bildenden Kunst teilen
– hier heißt es schlicht Konzeptkunst –
es sind jene Tänzer,
die in der Regel mehr reden als tanzen,
ob sie tatsächlich mehr an innewohnender 

und kunsthistorischer Systematik hinterfragen,
als andere Tanzkünstler,
wage ich zu bezweifeln.


Jeder Künstler, der Bestehendes verfremdet und erweitert,
betreibt im Prinzip „Konzeptualismus“,
dann ist es eben ein Konzeptualismus der Intuition
oder der Begabung,
jener Charakterzug,
der eigentlich auch maßgebend für den Künstler sein sollte.


Xavier Le Roy
ist schätzungsweise auch künstlerisch begabt,
deshalb ist er einer der wenigen „Konzeptualisten“,
die ich kontinuierlich verfolge.

Die Begabung zeigt sich bei ihm über seinen Charme,
und über seine berechnete Unberechenbarkeit,
ich würde sagen,
Xavier Le Roy
ist der George Clooney der Zeitgenossen,
er ist bis heute attraktiv,
er ist in seiner Unaufdringlichkeit charmant
wie sein Landsmann, Schauspieler Mehdi Nebbou,
beide gesegnet mit einem Touch von Yves Montand,
warmherzig und vertrauenswürdig,
nur ist das Trivago-Testimonial natürlich viel kommerzieller,
und Le Roy intellektueller.


Ich frage mich,
warum er es sich als intelligenter Liebenswerter antut,
immer wieder Publikumsansprachen zu halten,
(denn in Wahrheit hat er ja nicht nur mich gefragt,
sondern alle),
die dann in mehr oder weniger Schmäh-Einwürfen,
Ungeduldsbekundungen
und dümmlichen Besserwissereien enden.
Schon in Low Pieces hatten wir das 2013 bei ImPulsTanz.
Auch da tat er mir leid.


Le Roy sieht das anders,
er nennt es,
„wie lange ist es für beide erträglich,
wenn das Publikum zum Fragen-stellenden Subjekt,
und er als sein Gedächtnis verlorener Künstler zum Objekt wird?
Wie lange ist dieses von beiden Seiten empfundene
„unangenehme Gefühl“ auszuhalten?“.


Meine Frage:
Käme diese unangenehme Kommunikation auch zustande,
wenn das Publikum aus echten, passiven Zuschauern bestünde,
die in Wahrheit nicht selbst Tänzer, Performer, Darsteller sind,
wie die bei Le Roy größtenteils anwesenden Künstler?
Die Sätze rufen wie:
„Warum hast du die Vorstellung nicht abgesagt, wenn du das Gedächtnis verloren hast?“, „Warum ziehst du deine heißen Socken nicht aus, und tanzt einfach auf der Bühne?“, „Ich glaube, du gehst nach hause, und ich geh auf die Bühne.
“


Wie „unangenehm“ wäre die Beziehung erst,
wenn die verkehrten Verhältnisse von Subjekt und Objekt wirklich „echt“ wären?
– Wahrscheinlich würde es im verlassenden Protest des Publikums enden.


Denn das Theater bedingt:
ein vorbereitetes, gebendes Subjekt auf der Bühne,
und ein nehmendes, für das Gegebene zahlendes Objekt im Zuschauerraum.

Wie auch immer,
Xavier Le Roy
spinnt den Gedanken im zweiten Teil Untitled Trio weiter,
selbst wenn das Publikum nicht selbst das Geschehen steuern muss,
sondern eine Verschiebung von Subjekt und Objekt auf der Bühne beobachten kann.


Zuvor sitzen die Zuschauer aber noch eine geraume Unendlichkeit im Schwarzen.
Ungehaltener können sie kaum noch werden.

Es liegen zwei braune,
von Kopf bis Fuss mumifizierte Gestalten auf der dunklen Bühne.
Mystische Butoh-Atmosphäre macht sich breit,
bei den vier gegrätschten Beinen.

Eine weitere „Mumie“ sitzt irgendwo seitlich.
Als sich die eine aufrichtet, glaubt man,
es sei Le Roy,
unheimlicher Weise wird aber klar,
dass die Statische Le Roy ist.
Er steuert mit seinen beschnürten Armen deren Körper,
gleich einem Puppenspieler,
wobei Le Roy in der Nebenrolle das unbewegte Subjekt,
die Puppe in der Hauptrolle das bewegte Objekt ist.
Gemeinsam werden sie zur Bodenchoreografie
zur emotionalen Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta von Béla Bartók – RIAS Symphonie Orchester Berlin, dirigiert von Ferenc Fricsay.


Steigerung erfährt das Geschehen,
als Le Roy vom Boden aus
mit ruhigen,
zackig bewegten Händen und Füßen
die zweite Mumienpuppe
aufrichtet,
in die Höhe transportiert,
bis sie knapp unter der Decke
in wilden,
aber weichen Bewegungen,
in den Lüften tanzt.


Im dritten Teil: Untitled Solo lässt sich Le Roy schließlich
als Objekt von einem Subjekt-haften Kopfhörer
durch die Musik Changelling und Number, Song von DJ Shadow führen,
die der Zuschauer nicht hört. 
Abwechselnd zucken sein rechtes gegrätschtes Knie
und sein linker Fuß.
Wie schon in früheren Arbeiten
verselbständigen sich seine Gliederelemente roboterhaft,
allerdings passiert das in diesem Kontext „ferngesteuert“.
Seine Schultern und Arme bewegen sich,
als würden sie jetzt von Schnüren gezogen.
Doch die symmetrische Bildsetzung verrät,
dass hier „ein Künstler“ der „Schnur-Zieher“ ist,
nicht etwa ein beliebiger, dem Zufall gehorchender Zuschauer.


Ist das der Grund, warum sich Le Roy vor dem Ende
aufrichtet und krächzt und schreit?
Hat er gerade jetzt sein Gedächtnis wieder erlangt
und erkannt, was ihn gelähmt hatte?
– Dass er ein selbstbestimmter, kreativer Mensch sein
und sich ohne kunsthistorische Vorgaben darstellen möchte?
Heißt das aber nun, dass sich jeder,
ohne Können,
auf die Bühne begeben darf?
Ich denke, das wollte Xavier Le Roy damit nicht sagen.



Alexander Wrabetz hat Xavier Le Roy`s Untitled falsch verstanden



Just heute, am 9.8.2016 wurde der ORF-Generalintendant Alexander Wrabetz wiedergewählt. Sein Fernseh-Konzept lautet: „Die Zukunft bringt eine Öffnung für alle Social-Media-Kanäle und damit für die Zuschauer. Wir werden uns schon demnächst den Zuschauern stellen, Kritik und Vorschläge hören – und das auch live übertragen. Am Schluss dieses Prozesses soll ein neuer ORF stehen, in dem die Seher über Internet und Social Media das Programm mitgestalten.“ Interessant ist Wrabetzs Randbemerkung, die wohl für den Verwaltungsapparat ORF den größten Vorteil dieser Entwicklung bringen soll: dies sei eine „leistbare Weiterentwicklung“.

Es werden sich im Zeitalter der Selfie-Publizisten auf Facebook sicher genügend vom Krankheitsbild des Narzissmus befallene, vom Objekt zum Subjekt Selbsterkorene finden, die erfreut sind, gratis und ohne Leistung (= Können) ins Fernsehen zu gehen. – Ob dann allerdings die Zuschauer gewillt bleiben, dafür Gebühren zu bezahlen, oder ob sie bereit sind, sich selbst als Werbetreibende zu verstehen und über ihre Gebühr ihren Sendeplatz zu kaufen, das steht wohl in den Sternen.
Sicher jedoch ist, dass die „Professionalität“, die nach langer Erfahrung ihre Bühne verdienen würde, mit diesem „günstigen Fortschritt“ auf der Strecke bleibt.

Ein Selbstbedienungsrestaurant ist zwar ein berechtigter Ort des günstigen Konsums, aber was bringt es, wenn sich der konsumierende Mensch selbst, beziehungsweise seinesgleichen, aufisst?
– Nicht nur die Kannibalisierung, sondern auch den Kannibalismus. e.o.





DAS URTEIL XAVIER LE ROY HAT IN SEINER DREITEILIGEN ABSTUFUNG DER SUBJEKT- UND OBJEKTVERSCHIEBUNG DARGESTELLT, WO DIE NUANCEN LIEGEN, WIE JEMAND DIE AUFFÜHRUNG LENKEN KANN: DAS PUBLIKUM, DER ANONYME UNSICHTBARE KÜNSTLER , UND DER FREMDBESTIMMTE SICHTBARE KÜNSTLER, DER JEDOCH SELBSTBESTIMMT SEIN MÖCHTE. – MAN SOLLTE DAS ALS AUFRUF, SICH AUF UNKONVENTIONELLE PFADE ZU BEGEBEN, VERSTEHEN. EGAL OB ALS KÜNSTLER ODER KUNSTKONSUMENT. ES IST DABEI ABER IM SINNE DER KUNST-  UND  UNTERHALTUNGSENTWICKLUNG EMPFEHLENSWERT, DIE GRENZEN ZWISCHEN PROFESSIONALITÄT UND AMATEURHAFTIGKEIT ABZUSTECKEN.
 

PERFORMANCE Untitled (2014) * Konzept & Performance: Xavier Le Roy * Puppen: Coco Petitpierre * Ort: Akademietheater, Wien * Zeit: 21.7., 21h

PERFORMANCE Treasured in the Dark * Konzept, Regie & Performance: Thiago Granato * Sounddesign: Gérald Kurdian * Ort: Schauspielhaus, Wien * Zeit: 22.7., 21h; 24.7., 20h

Friday, July 25, 2008

PERFORMANCE: MATHILDE MONNIER & LA RIBOT - ZICKENCHARME IN "GUSTAVIA"

Hinter der Bühne sind alle Frauen gleich - so auch Mathilde Monnier und La Ribot in "gustavia" ...

... sind aber etwa auch auf der Bühne alle Frauen gleich? (Vorne: La Ribot) - Mit diesem Wissen könnte man das mit den Rivalitäten und dem Revierabstecken ja endlich mal lassen!

Noch ironisch runder wäre diese Frauen-Selbstsatire, wenn ImPulsTanz auch vallée, das Gemeinschaftswerk von Monnier (links) und dem weiblichen Künstler Katerine (rechts), eingeladen hätte! (Fotos: © Marc Coudrais)


AKADEMIETHEATER - IMPULSTANZ FRAUENSUCHE MIT MATHILDE MONNIER UND LA RIBOT IN "GUSTAVIA", SODASS EINEM DAS LACHEN NICHT VERGEHT

"Was ist das nur für eine sexy Frau. Als Mann müßte man sie verführen ..." - Was ich bereits in La Place du singe über Mathilde Monnier sagte (zur Kritik click bei Labels unten auf Monnier!), kann ich nur wiederholen. Allerdings nur im Moment einer spontanen Reaktion. Denn nach längerem Nachdenken wird es doppelt sinnlich, das Wesen der Homoerotik zu erfassen, von der in der Literatur ständig zu reden ist. Gehen Sozial-, Sexual- und sogar Literaturwissenschaftler in Fällen wie Thomas Mann, William Shakespeare oder Edgar Allan Poe davon aus, dass ein homoerotisch verschlüsselt schreibender Autor in versteckter Wahrheit über die eigene Homosexualität schriebe, so muss ich sagen, nein, das würde in meinem Fall überhaupt nicht stimmen. Denn erstens könnte ich - als Frau - nie mit einer Frau ins Bett gehen (ich bin durch-und-durch Männerkörper-orientiert), und so auch nicht mit einer Mathilde Monnier. Und wäre ich ein Mann, würde ich mit Sicherheit auf einen anderen Typ Frau stehen. Tatsächlich gefällt mir also Mathilde Monnier als Frau, wegen ihres reifen, abgeschlossenen Charakters, wegen ihrer herben, charakteristischen Gesichtszüge, wegen ihrer souveränen, charakterstarken Selbstironie, sodass ich mich von ihr frauen-menschlich und -künstlerisch angezogen fühle. - Ungefähr so sehr, wie mich meine ebenfalls sehr charakterstarke, sehr eigenwillige Mutter anzuziehen vermag, denke ich im instinktiven Gefühlsvergleich in grosser, räumlicher Distanz an sie.

Dank Ellbogen bühne-frei für die beste Künstlerin

Dass es auch durchwegs selbstbestimmten Künstlerinnen so gehen muss, lässt sich von Monniers zweiter Zusammenarbeit mit einer Frau ableiten. Nach Autorin Christine Angot hat sie sich für "gustavia" die spanische Live-Artistin La Ribot zur Partnerin genommen, die von 1997-2004 in London arbeitete und heute in Genf lebt. Nun hat man bei beiden nicht das Gefühl, sie müßten sich noch mit Ellbogen und Eifersucht ihr Terrain abstecken, um sich über ihre Position in der Gesellschaft klar zu werden - sei es als Frau, sei es als Künstlerin; Und dennoch machen sie genau das zu ihrem Thema. Der Titel der weiblichen Künstlerfigur, die sich von einem Männernamen ableitet, sagt bereits viel aus. Und so leid einem selbst schon die Frauendiskriminierung als Thema im Zuge des fortschreitenden Lebens sein mag, so sicher muß man sich darüber sein, dass die Frauendiskriminierung noch immer besteht. Sie wird fürs eigene Leben tatsächlich brisanter, je älter man wird. Also genau dann, wenn die Aufreißphase durch die "Weiblichkeit" schon zuende ist. Weil sich dann erst erweist, ob man als Mensch, und nicht nur als Frau, so viel wert ist, dass man mit den besten "Männern" mithalten kann. Und in der Kunstwelt spielt sich das genau gleich ab, da natürlich auch dort bis zur Lebensmitte die Gesetze der Geschlechterrollen herrschen, wenn auch in abgewandelter oder erweiterter Form. - Nur ist dann noch immer nicht garantiert, dass man als echt gute Künstlerin wirklich Erfolg bekommt!

Selbstironie als Geheimnis zum Sympathiegewinn

Diese zwei vollendeten Künstlerpersönlichkeiten punkten mit dieser Geschichte zunächst mit großem Charme - nämlich durch ein langgezogenes, rhythmisch gesummtes, hoches Heulduett-Intro vor Regentönen, im pantomimischen, der Stummfilmzeit nachempfundenen, schwarz ausgekleideten Raum des Akademietheaters, aus dem nur das blonde Haar Monniers heraus leuchtet, weil die beiden Damen auch sonst ganz schwarz gekleidet sind. Das mutet an, als riefen sie lautlos vorab aus: "Wenn man als reife Frau ankommen will, dann geht es sowieso nur noch mit Humor!" - Ganz so bitter, wie es sich hier lesen mag, ist es nicht.
Voraus geschickt wird außerdem gleich mal eine proklamierte Stutenbissigkeit, sobald zwei gleich bekannte Künstlerinnen als Duo zusammengeschweißt werden: Und Monnier und La Ribot wenden sie für sich sogleich ab, indem sie jene direkt auf der Bühne austragen: denn nach dem Heulen kommt je ein Solo, wo Monnier mitsamt der Frau-in-ihr sterben will, und La Ribot will nur wieder auferstehen, wenn Monnier tot ist. - Das mit dem Revier abstecken ist ja ein lebenslanges Problem, nicht nur unter Künstlerinnen, die sich um einen Bühnenstuhl und ein Mikrofon rangeln, als ginge es um ihr Überleben ...

Die Frau hinter und in der Künstlerin

Und dann, beim Duett, sind wir aber auch schon beim eigentlichen Thema, dem Wesen der Frau, als Frau, die beide unter der Künstlerin ja sind. Da können sie noch so sehr französisch sprechen, das wird von jeder Frau der Welt verstanden. Nachdem Monnier am Kopf immer wieder brutal vom schwarzen Brett La Ribots getroffen wird, das jene scheinbar ohne Absicht wie ein Bauarbeiter vorm Gesicht auf den Schultern durch den Raum trägt, während sie sich unschuldig dreht; und nachdem beide in versetzten, spiegelverkehrten Aktionen - wie die Hose übers Knie zu ziehen, männliche Boden-Fick-Szenen mit Schreien - miteinander ums Bessersein bis zur Erschöpfung wettgeeifert haben, glauben sich die Frau beide Künstlerinnen schließlich auch selbst. Denn den jeweiligen Sonderstatus - wie die gezeigte Nase nach oben - haben sie sich ja heraus gewetzt und geschlagen.
Jetzt kommt es nur noch auf die vor dem Vorhang geschriene Aufzählung der Klischees von Frauenbehauptungen an, wie "Eine sehr hübsche Frau; Eine sehr schöne Frau öffnet das Fenster; Eine Frau hat ein Pferd in ihrem Schoß, Eine Frau säubert ihr Haus mit einem Mob, Eine Frau - ihre Milch geht weg ...", die sich dann aber wieder an die Frau als Künstlerin richten wie "Eine Frau spielt Gitarre, Eine Frau das Schlagzeug auch, Eine Frau lädt Politiker ins Theater, ... Eine Frau hat Angst, Eine Frau weint". - So viele Klischees über Frauen, die sich ständig in anderen und doch gleichen (stylisch-sexy) schwarzen Gewändern präsentieren, stehen ironischerweise doch wieder für die vielschichtigen Chancen für Frauen von heute. Möglicherweise sind sie ja schon so vielschichtig, dass sie sich nur noch fürchten können ...

Schade nur, dass ImPulsTanz dieses Stück nicht gemeinsam mit vallée gezeigt hat, das Monnier mit dem schwul-konnotierten Sänger und Musiker Katerine (PHilippe Katerine) im Februar dieses Jahres auf die Bühne gebracht hat. Es wäre eine kontrastgenaue Gegenüberstellung gewesen, wo Monnier ihre "männlichen" (Gesichts)züge zu Katerines weiblichen Stimmzügen einspielt, indem sie Texte und Musik von Katerines jüngstem Album “Robots apres tout” von ihrer Company umsetzen lässt. e.o.


DAS URTEIL MATHILDE MONNIER IST SO EINE STARKE PERSÖNLICHKEIT, DASS SELBST KLEINERE STÜCKE SOUVERÄN WIRKEN. DENN DURCH IHRE LITERARISCHE INTELLIGENZ SCHWINGT EXPRESSIVE, HUMORREICH-VERARBEITETE, DIREKTE LEBENSERFAHRUNG.

PERFORMANCE gustavia * Von und mit: Mathilde Monnier & La Ribot * Ort: Akademietheater, im Rahmen von ImPulsTanz Wien * Zeit: 15., 18.7.2008: 21h

Saturday, May 31, 2008

THEATER: ANDREA BRETHs THRILLER "MOTORTOWN" VON SIMON STEPHENS

Danny (Nicholas Ofczarek) nistet sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bei seinem geistig debilen Bruder Lee (Markus Meyer) ein ...

... der gerne dumm bleibt, genauso wie Dannys Ex-Freundin Marley (Johanna Wokalek). Sie hat studiert und bleibt vom Wesen her dennoch eine Proletin.

So droht Danny der einen, und schlägt er die andere - Teenager Jade (Astou Maraszto) - bis zum Mord. Denn Schule ist heute nur noch fad...

... wo sich perverse Lehrer wie Justin (Udo Samel) herumtreiben und die Schüler zu ebenso perversen Medienmanagern wie Helen (Andrea Clausen) ausbilden. Fotos © Bernd Uhlig


AKADEMIETHEATER ANDREA BRETH PROVOZIERT MIT SIMON STEPHENS´ MOTORTOWN ALS PACKENDEM GRENZGANG DER VERLORENEN JUGEND

Eigentlich könnte Danny genauso gut aus dem Knast heimkehren. Es müßte nicht Basra sein, wo er fürs britische Vaterland gekämpft hat. Knast und Krieg bewirken im Menschen dasselbe. - Diese Assoziation hat Simon Stephens in seinem Stück Motortown aus dem Jahr 2005 in vier Tagen Schreibarbeit, zur Zeit der Explosion der vier Bomben in den Bussen und der U-Bahn Londons, wahrscheinlich beabsichtigt. Und Regisseurin Andrea Breth hat das noch einmal betont. Aber nicht, um den Krieg zu verdammen, sondern die Umstände, warum es zu diesem Krieg und seinen verwirrt-verbohrten Kriegsheroen kommen kann. Danny stammt aus einem niedrigen, bzw. kleingeistigen Milieu, vielleicht auch nur aus der ganz normalen, unsensiblen, "beschränkten" Proletarier- oder Mittelschicht; Nicholas Ofczarek spielt diesen Danny mit roten Haarstoppeln im Akademietheater faszinierend unberechenbar, engstirnig und brutal. So ist es wohl passend, dass seine Wohngegend mit (amerikanisch einwirksamem) Ford-Nummernschild und Reifen auf der zum Rechteck verkleinerten Garagenbühne von Annette Murschetz spielt. Darauf versteht es wiederum Breth, eine packende Handlung in einer rhythmisch-intellektuellen und damit modernen Erzählmethode mit Schauplatz- und Zeitsprüngen bei Schwarzbildern und Toneffekten zu inszenieren.

Der Raum ist begrenzt wie Möglichkeiten und Geist

Im Wohnraum begegnet Danny seinem Bruder Lee (Markus Meyer), den Kostümbildnerin Sabine Volz mit verwachsenen Riesenzähnen, grotesk großer Brille und wildem Bart- bzw. Haarwuchs absichtlich übertrieben "verkleidet" und damit - für den Zuschauer zum distanzierten Nachdenken anregend - verfremdet hat, als Hinweis zur genetischen Debilität dieser Menschen, aber auch zum bewußten Festhalten derselben an ihrem defekten Dasein. Denn es garantiert jenen Menschen innerhalb ihrer Lage eine Zone des Schutzes und der Bequemlichkeit: Der putzende, kochende und bügelnde Lee kann sich und Danny so immerhin eine Wohnung halten. Ähnliches suggeriert Dannys Freundin vor dem Krieg, Marley, die sogar auf der Universität studierte, aber dennoch redet, als käme sie aus der Gosse nie heraus (Johanna Wokalek als "Proletin" in ungewohnter Rolle). Ihre Angst vor Danny ist hysterisch gross, nachdem er ihr aus dem Krieg verstörende Briefe geschrieben hat. Sie will von ihm nichts mehr wissen und meint zwischen Stottern und Weinen, ohne nachzudenken, wie provokant das ist: "Du hast eh keinen hoch gekriegt, und wenn, dann bist du nach zwei Sekunden gekommen!" - Frauen dieser Schicht scheinen Schläge auf diese Weise förmlich "herbei zu sticheln", nur lässt es Breth bei Marley nicht so weit kommen, was wiederum den Schrecken für den Zuschauer umso anhaltender macht, sodass er ständig auf der Lauer liegt.

Der Psychothrill kann beginnen

Mit Marleys Abfuhr ist der Psychothriller eingeläutet. Obwohl Danny irritierender Weise auch noch einen spannenden Job bekommt - nämlich Spezialeffekte-Macher beim Film (einem Blockbuster-Musical über den 11. September) -, kauft er bei einem ebenfalls übertrieben-verfremdeten Yuppie-Sandler-Freund aus früheren Zeiten eine Waffe. Dabei deckt der philosophisch angehauchte Weltpessimist Paul (passend zu seinem Typ: Wolfgang Michael) Danny mit einer Nonstop-Nörgelei über die Jugend von heute ein: "Drogen können die Jungen im Supermarkt kaufen, solche, die man heute gar nicht mehr kennt ... Und ihre gespaltene Sexualität leben sie, weil ihre Partnerschaften nicht lange dauern, online aus." Das scheint weniger moralische Anklage als abgefundene Tatsache für den doppelmoralischen Nörgler zu sein, der als Mitfünfziger selbst etwas mit der 14-jährigen Jade (Astou Maraszto) hat. - "Sie langweilt sich in der Schule und geht nicht mehr hin", sagt er über sie. Die Erlebnis-gierige Jade sucht sich zur Unterhaltung also die Gefahr - wobei sie beim aggressiv aufgeladenen Danny gut aufgehoben ist. Nachdem er der bereits wieder vergebenen Marley gedroht hat, "alle ihre Typen umzubringen", geht er mit dem naiv-geilen Teenager auf Spritztour ...

Je schwächer das Opfer, desto besser für den Sadisten

"Das ist das Problem mit der Jugend von heute. Sie weiß nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen soll", frotzelt Danny Jade in einer spannungsgeladenen Mischung aus Sex und überlegener Drohgebärde, sodass sie sich unter seiner (Zuhälter-)Masche, sie zwischen Abscheu und Versöhnung zum unterlegenen, wertlosen Objekt zu degradieren, zunächst noch angezogen fühlt. - Das mag übrigens der Grund sein, warum Frauen bei "Schlägern" bleiben: Weil jene ihnen Stärke nach außen hin weismachen, während sie sie nach innen (also bei ihnen) ausüben. - Er schüchtert das Kind immer mehr ein, indem er ihm befiehlt, sich auf einem Bein stehend zu bücken und nicht zu bewegen. Und während sie gehorcht, drückt er eine Zigarette auf ihr aus, sodass sie sich bewegen muss ... Danny treibt sein sadistisches Spiel, damit er seine (Freude an der) Wut los werden kann. Dass sie eigentlich aus der Kriegszeit kommt, sagt er beiläufig zu seinem Befehl, Jade solle ein Kleidungsstück nach dem anderen ausziehen: "Ich tu mit dir das, was mein Vorgesetzter mit mir gemacht hat." Er überschüttet sie mit Benzin und spielt mit dem Feuer, sodass sie vor Angst nur noch schreit. Doch für ihr Sterben hat er eine andere Lösung, festgehalten in einer trophäenartigen Fotoserie.

Behinderte haben es gut, denn sie wissen nicht, was sie tun

Auf der Heimfahrt, wo die Worte fallen, "die jungen Leute gehen auf die Uni, bekommen kleine Jobs und hoffen, irgendwann Überflieger zu sein", trifft er noch auf ein perverses Paar, den biederen Lehrer Justin (aberwitzig gut: Udo Samel) und die Medienmanagerin Helen im schicken Kostüm (Andrea Clausen), der Dannys Militärvergangenheit besonders imponiert. Sie fordern ihn zum Dreier-Sex auf, weil der Lehrer gerne zusehe, wenn seine Geliebte glücklich sei. Darauf meint Danny nur angewidert: "Meine Ma hat meinen Pa nie so was gefragt. Wird man so, wenn man in den Medien arbeitet? - Ich konvertiere zum Islam, da schützt man sich vor Abschaum, wie ihr es seid!" - Doch damit nicht genug, der Perversität zwecks sozialer "Integrität" kommt selbst Danny in seiner Familie nicht aus: sein staunender, nur nach Behinderten-Instinkten reagierender Bruder - was für die Menschen von heute ohne Gefühl für Recht und Moral stehen mag -, bekommt einen Ständer, während Danny ihn küßt, und er ihm vom Mord erzählt. Das ist nun ihr beider Geheimnis, das nicht nach außen dringen darf und sie eng verschweißt .. Und wahrscheinlich ist das im Leben erst der Anfang vom perversen Terror-Ende, wo man partizipieren muß, um nicht drauf zu gehen. Denn das ist das Resultat einer Weltsicht ohne bestehende - und vor allem lebbare - Ideale. e.o./a.c.


DAS URTEIL VOR ALLEM VON NICHOLAS OFCZAREK GRANDIOS GESPIELTER PSYCHOTHRILLER MIT REALISTISCHER AHNUNG VON DEN PROBLEMEN JUNGER MENSCHEN VON HEUTE. BEI MODERNER UND PACKENDER REGIE.

THEATER Motortown * Von: Simon Stephens * Regie: Andrea Breth * Mit: Markus Meyer, Nicholas Ofczarek, Johanna Wokalek, Jörg Ratjen, Wolfgang Michael, Astou Maraszto, Udo Samel, Andrea Clausen * Ort: Akademietheater Wien * Zeit: * Zeit: 12.6.: 18h30, 18.6.: 20h, 29.6.2008: 18h

Monday, October 09, 2006

THEATER: NICOLAS STEMANNS POLARISIERENDES "ENDE UND ANFANG"


Photo: Philipp Hochmair wird aus der Arbeitslosen-Not heraus so kreativ, dass er sogar zum "Vogelmann" wird und zu fliegen beginnt. Aber nicht lange, Markus Hering, der verbrannte Mann (die zerstörerische Seele der Arbeitslosenpolitik) bringt ihn schnell wieder zu Fall. (© Christian Brachwitz)






AKADEMIETHEATER WIEN ENDE UND ANFANG SPALTET DIE GENERATIONEN UND SPIEGELT GENAU DIE FRUSTRIERTE SEELENWELT DER ARBEITSLOSEN

"Hat es Ihnen auch nicht gefallen?", ist die Frage der 35-Jährigen an den Herrn rechts. Denn der Mann links, etwa siebzig, buht und kann sich gar nicht erholen von seinem Mißfallen. "Wissen Sie, ich bin Jahrgang 1920", antwortet der Herr rechts. Die 35-jährige: "Na und? Also mich hat es richtig mitgerissen. Braaavoooo!!!!!" Der Mann links - jetzt verdutzt - verstummt. "Aber es hatte keinen Inhalt", erwidert der rechts. "Also, da war doch sehr viel drinnen. Waren Sie schon arbeitslos?", fragt die 35-Jährige. - Sein Gesicht durchzieht ein zwiespältiger Ausdruck, worauf die 35-jährige konstatiert: "Wahrscheinlich liegt es tatsächlich an Ihrer Generation." Denn nur wer gelernt hat, fantasievolle Bildsprache und unchronologische Erzählweise zu deuten, wird mit diesem Stück etwas anfangen können: nämlich die (inzwischen auch nicht mehr junge) Musikvideo-Generation.

Dieser Konflikt spielte sich Sonntag abend, 8.10., am Tag nach der Premiere der Uraufführung von Ende und Anfang im Wiener Akademietheater, im Publikum ab. Regisseur Nicolas Stemann bewies, dass er den Ruf des "Stars im Burgthater" verdient. Denn er fand zum unpoetischen Thema "Arbeitslosigkeit" eine absolut poetische Umsetzung, was bereits im Text des 38-jährigen Autors Roland Schimmelpfennig angelegt ist. Keiner der zahlreichen multimedialen Effekte (Video-, Musik- und Schrift-Einspielungen, Affen- und Löwenmasken, Schattenspiele) wirkt aufgesetzt oder übertrieben, der Rhythmus des Erzählens ist formal von einer im Theater selten schönen Musikalität, und doch tangiert dieses Stück dank der durchgehend guten Schauspielleistung durch wahrhaftigen, nackten Naturalismus. Form und Inhalt entsprechen einander, obwohl sie sich scheinbar kontrastieren.

Formale Zerrissenheit trifft auf seelische Zerrissenheit


Dass diese Harmonie hier aufgeht, liegt im gezielt getroffenen Lebensgefühl, das ein (Langzeit)-Arbeitsloser hat. Die Gedanken dieser aus dem Gesellschaftsrhythmus geworfenen Menschen kreisen immerzu um drei, vier Eckpfeiler, die sie zwischen Verzweiflung, Selbstaufgabe und seltener Hoffnung hin und her schleudern: "Wann war der Wendepunkt, als das stetige Aufwärts ins Abwärts kippte?", "Warum passe ich nicht (mehr) in die Gruppe?", "Warum ging die private Beziehung zugrunde?" - Denn mit dem Show-Down im Job, geht meist jener des Privatlebens einher. Und so muß sich der isolierte Mensch, vor und zurück, zwischen Erinnerung und Zukunftsperspektive, zwischen Verfolgungswahn durch vermutete Fehlhandlungen und potentiellem Treffer, seine eigene kreative Existenz schaffen. Kreativ (= poetisch!), indem sein Geist permanent bastelt und noch immer glaubt, sei es an die (neue) Liebe oder an den erneuten beruflichen Aufstieg: als "Vogelmann" (herausragend gespielt von Philippe Hochmair) bzw. an die Idee "der leuchtenden Maus", wie es der Autor in diesem "Theatergedicht" so schön metaphorisch nennt. Diese Idee stirbt aber jedes Mal, denn es geht ein "verbrannter Mann" umher, der sie dem Hoffenden mit seiner schmierigen Asche austreibt.

Gezielte Anklage an den Staat


Dass all diese Hoffnungskiller letztendlich aus der Gehirnwäsche des Staates mit seiner Arbeitslosenpolitik - Stichwort "Umschulung" und "Einheitsprogramm für alle" - resultieren, ist eine bewußt gesetzte Attacke des Autors, da das alles zu nichts führt außer zur Auslöschung des Selbstvertrauens einst romantischer und strahlender Menschen bis hin zum Sandlertum. - Denn wer kann zur Gemeinschaft etwas beisteuern, wenn er gar nicht mehr existiert? Darauf lassen zumindest die Zitate der Arbeitslosen schließen: "Mir geht´s gut, seit ich weiß, dass ich nicht besonders viel kann und dass es dennoch reicht.", "Du warst nie besonders gut, du warst nur jung!" (e.o.)


DAS URTEIL MAKABER POETISCH, ZYNISCH REALISTISCH - DAS IST NICOLAS STEMANNS PERFEKT TREFFENDE, VIRTUOSE REGIE ZU ROLAND SCHIMMELPFENNIGS GEDICHT ÜBER DIE ARBEITSLOSIGKEIT. EIN WICHTIGES STÜCK, SO MODERN, DASS AUCH DIE JUGEND WIEDER IN DIE BURG KOMMT.

THEATER: Ende und Anfang * Autor: Roland Schimmelpfennig * Regie: Nicolas Stemann * Mit: Sebastian Rudolph, Markus Hering, Myriam Schröder, Sachiko Hara, Bibiana Zeller, Rudolf Melichar, Stefanie Dvorak, Philipp Hochmair, Hermann Scheidleder * Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel * Ort: Akademietheater Wien * Zeit: 09.+15.10.+8.11.: 19h; 16.11.+4.12.: 20h