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Sunday, December 10, 2006

MODERNES BALLETT: MARK MORRIS MIT AUSGEREIFT GUTEN "MOZART DANCES"

Zwei soziale Außenseiter: Eine so kleine Ballerina (mit roten Locken) hat man wahrscheinlich noch nie gesehen: bei Morris wird sie zur Solistin.

Ein schwarzer Ballerino mit zuviel Körper-Kraft: bei Morris bekommt er den Leading-Part. Denn Ausgrenzung ist das Thema dieses Auftragswerks. Foto: © Stephanie Berger


NEW CROWNED HOPE MARK MORRIS VERSETZT DAS MUSEUMSQUARTIER IN EUPHORIE: DANKBAR SIND DIE ÖSTERREICHER FÜR SO VIEL MODERN DANCE IN MOZART DANCES. DENN MODERNES BALLETT BEKOMMEN SIE HIER JA NICHT MEHR ZU SEHEN

Wieder ein Auftragswerk für New Crowned Hope, und wieder geht es um Ausgrenzung von Minderheiten. Der amerikanische Choreograf Mark Morris hat dieses menschlich-tierische Ausschlußverhalten in die Welt des Balletts übertragen. Seine Mozart Dances sind in drei Teile geteilt. Es begint mit Eleven zum Musik-Konzert für Klavier und Orchester Nr. 11, übrigens wie alle Morris-Aufführungen mit live-Musik (hier: Camerata Salzburg mit Klaviersolo von Emanuel Ax, exakt dirigiert von Louis Langrée):

Ausgegrenzte Frau

Eine ungewöhnlich kleine, rothaarige Frau tanzt das Solo. Sie ist ob ihrer körperlichen Nicht-Entsprechung bei proportional auch noch zu kräftigen Beinen im Ballett eine Außenseiterin, so gut sie auch tanzen mag. Die großen, kräftigen Frauen in Grau machen ihr das Tänzerdasein schwer, ihr, dem unangepaßten "Klavier", dessen Melodie sie notensynchron modern tanzt. Ein schwarzer Pinseltupfer als Bühnenbild unterstreicht optisch ihren eigenwilligen Standpunkt. Manchmal wirkt sie recht komisch - so drollig wie eben sehr kleine Menschen automatisch wirken. Und doch, nach langer Auseinandersetzung mit der Gruppe, gelingt es ihr manchmal, die großen Gleichgesinnten an der Nase herum zu führen, sie zu manipulieren. Wirkt sie also aufgrund ihrer Form nicht sofort attraktiv, so bekommt sie von einem zumindest gleich mehr zugeschrieben: individuellen Charakter.

Ausgegrenzter Mann

In Double zu Mozarts Sonate in D für 2 Klaviere, wobei Emanuel Ax von Yoko Nozaki unterstützt wird, ist nun ein energiegeladener Schwarzer, mit zuviel männlicher Kraft und Oberkörpereinsatz, das Ausschlußobjekt. Im schwarzen Frack strebt er nach Aufnahme bei den gewohnt zierlich-athletischen Tutti-Männern in Grau, so wie sich an der Bühnenrückwand, schwarze Tupfer an grauen Farbflächen anhängen. Während jene Männer auch Frauen zu tanzen bekommen, entschwindet dem Schwarzen die Partnerin wieder. Trotzig schreitet er davon. Und kommt wieder, um von Neuem zu versuchen, aufgenommen zu werden. Die Männer bilden eine Kreisformation, jeder von ihnen kann auf die Stütze des anderen zählen, falls einer fällt, wird er aufgefangen. Nur der Schwarze findet in diesem Kreis nicht gleich Entgegenkommen. Morris findet für diesen Gedanken ungewohnt harmonische Konstellationen, schöne, überraschend neue Tanzbilder. Doch gegen Ende kann der Schwarze die Gruppe dann doch auch überzeugen, sodass er sie sogar einmal anführen darf.

Glückliches Paar

Der letzte Teil Twenty-seven im Konzert für Klavier und Orchester Nr. 27 ist vor roter Pinselrückwand schließlich der Paarbildung mit dem anderen Geschlecht gewidmet. Haben sich Mann und Frau innerhalb ihres eigenen Befindens und sozialen Umfelds erst einmal positioniert - ja, wenn die beiden vormaligen Außenseiter jetzt in der Gruppe tanzen, fällt ihre äußerliche Andersartigkeit tänzerisch und schritttechnisch gar nicht mehr auf -, können sie sich auch der Liebe widmen. Es läge nahe, zu denken, dass sich die beiden vielleicht finden, sie treffen sich aber nur kurz; denn der und die Richtige liegt für beide in der anatomischen Entsprechung (also ausgerechnet da, wodurch sie sich von den anderen unterscheiden!): die Frau springt in konventionellen Paarschritten mit einem zarten, dunklen, nicht allzu großen Partner über die Bühne, der Schwarze findet sich eine ebenfalls recht kräftige schwarze Partnerin. Dass diese Sprünge sämtlicher Paare etwas lange dauern, liegt leider an der Musik Mozarts, der sich zu oft wiederholt. Der lange Ausklang kann der reif durchdachten, fließend-formschönen Gesamtarbeit aber nichts anhaben. e.o.


DAS URTEIL EIN INHALTLICH UND FORMAL SCHÖNES WERK, WO SICH BEIDES BEDINGT; WO KEINE TYPISCH PERFEKTEN BALLETTKÖRPER SCHÖNSTE BALLETTBILDER UND MENSCHLICHE URFRAGEN TRANSPORTIEREN. DIE TANZCHOREOGRAPHISCHE BESONDERHEIT LIEGT IM MITTELTEIL.

BALLETT Mozart Dances * Choreografie: Mark Morris * Orchester: Camerata Salzburg * Dirigent: Louis Langrée * Tanz: Mark Morris Dance Group * Ort: Halle E/ MQ * Zeit: 10.12., 20h

Saturday, December 09, 2006

MUSIK: SANFTER VOGEL MARIA SCHNEIDER IN "CERULEAN SKIES"

Maria Schneider ist ungewöhnlich: sanft und sinnlich führt sie ihr Musikerheer durch vogelreiches Gezwitscher. Etwas Feuer hätte dem Abend im Wiener Konzerthaus aber auch nicht geschadet. Foto: © David Korchin.


NEW CROWNED HOPE KOMPONISTIN MARIA SCHNEIDER BRINGT WEIBLICHKEIT IN DEN JAZZ. ALS SINNLICHER ENGEL TÄNZELT SIE VOR IHRER BIG BAND "MARIA SCHNEIDER ORCHESTRA" DURCH EIN SANFTES FLÜGELSCHLAGEN UND GEZWITSCHER IM AUFTRAGSWERK CERULEAN SKIES

Jazz ist Kopfmusik und deshalb männlich. Wurde dieses Klischee inzwischen erfolgreich aufgebrochen, indem Frauen als Jazz-Musikerinnen und - Sängerinnen bewiesen, dass auch sie durchaus intellektuell veranlagt sein können, so lenkt Maria Schneider den Vorbehalt noch einmal in die andere Richtung: Sie reichert den Jazz emotional an. Nun gab es auch das schon mittels Milonga, sprich Brasilianischem Jazz. - Wurde das aber schon von einer Jazz-Big-Band gespielt? - Kaum.

Emotionale Kompositions- und Dirigiertechnik

Die Emotionalität erreicht Maria Schneider in der Komposition über individuelle Orchestrierung: ein blumiger Klangteppich aus Akkordeon, Frauenstimme (die wie ein Instrument ausschließlich summt), Perkussion-Naturtönen und Flöten ist bei ihr mindestens genauso präsent wie das obligatorische Saxophon, die Trompete, Klarinette, Posaune und das Schlagzeug. Dämpfer auf dem Blech führen ihre Big Band - übrigens mit ungewöhnlich vielen Frauen besetzt - zur leicht-beschwingten, gefühlvollen Muse.

Unterstrichen wird diese Kompositionstechnik noch einmal durch den Dirigatstil - was bei Schneiders einmaligem Konzert während des New Crowned Hope Festivals im Wiener Konzerthaus live zu erleben war. Wer die belgische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker in ihrem Solo Once sah, muß sich wahrscheinlich beim Anblick der dirigierenden Maria Schneider mit einem Déjà Vu beschäftigen: Die zierliche Rothaarige hat die Anatomie und den Ausdruck der Tänzerin und gibt den Takt hauptsächlich mit ihrem Körper vor. Auch ohne Arme könnte sie ihr Musikgefolge mühelos durch den Abend führen, denn das Grundtempo schwingen ihre Hüften, die durch den schenkelhohen Rückschlitz am Rock auf das Publikum zusätzlich sinnlich wirken. Was das Publikum nicht sieht, ist allerdings das Gesicht der Musikerin, mit geschlossenen Augen transportiert sie Farben und Stimmungen, die die Musiker ungewöhnlich oft in ihrem Gesicht abzulesen scheinen.

Ein Abend, dem der Teufel fehlt

So selbstvergessen sie dirigiert, so bewußt gesetzt sind die Lieder, die sie gegensätzlich "plappernd" anmoderiert. - Auch das entspricht eigentlich dem herkömmlichen Klischee einer "kommunikativen Frau". Sie erzählt beim ersten Lied von der Brasilien-Nähe, beim Zweiten von der Rhythmischen - auf Perkussion mit den Händen geschlagen - zu Peru, beim Dritten von der Spanien-Nähe mit geklatschtem und sanft gerasseltem Flamenco sowie zärtlichen Querflöten, aber mit irrem ruckartigen Finale - denn der Rhythmus stammt jetzt aus Afrika. Den Abschluß vor der Pause bildet ein Werk mit Solo der Trompeterin Ingrid Jensen.

Und dann kommt, worauf alle gewartet haben: Das Auftragswerk für New Crowned Hope, Cerulean Skies. Schneider dachte bei dieser Kompostion an eine spezielle Art von blauem Vogel, die wie viele andere Arten aus aller Welt jährlich im Central Park zusammen treffen. - Als fröhliches Get Together "zwitschern" hier Flöten, Trommeln und Streicher um ein Saxophon-Solo herum, den Übergang "piept" das Akkordeon begleitet vom Klavier, die Musiker ziehen Tücher hervor, mit denen sie Flügelschläge imitieren - was Leos Janacek für die Klassik ist, ist daher Schneider für den Jazz. Nur die Musik dazwischen scheint ein wenig einfach und Mainstream-verloren, sodass das Ganze nicht wirklich einzuschlagen vermag.

Plötzlich schießt dem Zuhörer die Fernseh-Serie Unsere kleine Farm in den Kopf. Es muß vom Klangbild der "naiven, mitfühlenden, heilen Welt" herrühren. Und Schneider hat auch bis zum Schluß keine richtigen Sorgen. Ohne Eile, lediglich etwas melancholisch spaziert sie in einem abermals um ein Saxophon-Solo gelegten, sanften Werk sowie einem Brasilianisches Lied ins Finale, getoppt durch ein Zugabe-Werk, das Schneider einst einer an Brustkrebs verstorbenen Freundin gewidmet hatte: Steve Wilson spielt darin das Saxophon-Solo. r.r.


DAS URTEIL MARIA SCHNEIDER LIVE ZU SEHEN, IST ZUNÄCHST BEWUNDERSWERT NEUARTIG: SANFT, WEIBLICH, TÄNZERISCH FÜHRT SIE ENGELSGLEICH IHRE BIG BAND AN. NUR SCHADE, DASS ALLE KOMPOSITIONEN GLEICH UM SOLO-AUFTRITTE GEBAUT SIND. DIE LIEDER SANFTELN DAHIN, RUHIG, MEDITATIV, BESCHEIDEN, BIS SICH DER "MENSCH" FRAGT: KOMMT NUN BALD MAL DER TEUFEL?

Thursday, November 30, 2006

PERFORMANCE+AUSSTELLUNG: LEMI PONIFASIOS "REQUIEM" IM SCHWARZ DES TODES II

Szene aus dem maniriert-meditativen, dramatisch-dunklen Requiem von Lemi Ponifasio und seinem Tanzensemble MAU: Noch ist das Kind geschützt bei einem Erwachsenen, später wird es blutrot überströmt stehend sterben. (Foto: © Lemi Ponifasio / MAU)

Invisible by Night, 2004 von der Künstlerin und Ausstellungskuratorin im Künstlerhaus: © Lynette Wallworth: Auch hier ist vieles formal-überhöht schön und dunkel. Was es über den Effekt hinaus wertvoll macht, ist die Fragilität: diese Frau berührt und läßt sich durch Glas berühren.


NEW CROWNED HOPE IM SCHWARZBILD SAMOANER LEMI PONIFASIO TANZT MIT SEINER TANZCOMPAGNIE MAU IN REQUIEM STILL UND GEISTERHAFT IN DEN TOD, WÄHREND EIN BLUTROTES KIND STIRBT: SO MANIRIERT SCHÖN, DASS MAN KAUM AN "ETHNOKUNST" GLAUBEN MAG - UND DAS IST AUCH DIE QUALITÄT DER LAUFENDEN AUSSTELLUNGEN EVOLUTION OF FEARLESSNESS UND GREEN FLAME


Lemi Ponifasio dramatisch dunkles Requiem

Eine fast schwarze Bühne, ein dramatisch heller Lichtkegel, ein Häuptling begrüßt die Zuschauer, nonnenhafte Frauen schreiten als kaum sichtbare Geister am Bühnenhorizont entlang. Kräftige Männer üben sich in Gesten wie Waschungen mit reinen weißen Tüchern. Sie alle gedenken der Toten, in ritueller, meditativer Tradition, und auch wieder nicht: Hier ist alles schick, hat der intellektuelle Westen mit aller Wucht zugeschlagen. Mit distanzierter, grafischer Exaktheit und meisterhaftem Licht (Helen Todd).

Choreograf und Regisseur Lemi Ponifasio läßt in seiner Réné-Magritte-Illusion schwarze, steife Totenkörper durch den Raum tragen, den zwei mächtige Mittelpfosten stützen. Sie ermahnen unaufhörlich, in allem zwei Ansichten zu bedenken: Tag und Nacht, Leben und Tod. Da zieht jemand unter großer Anstrengung einen Totenkarren, als sei darin während seines ganzen Lebens die Erinnerung an seine Ahnen verpackt. Ein Männergrüppchen trippelt in Schwebe, asiatisch gestikulierend über die Bühne - bewußt recht komisch - denn die Zeremonien im pazifischen Raum sind mit Witz und Satire bespickt. Und doch, es artet direkt und unverblümt in gesungene Klagen aus: gegen Tyrannei und für soziale Gerechtigkeit.

Dann: Ein unschuldiges Kind betritt die Bühne. Erst ist es rein, gesund, regungslos steht es da. Langsam rinnt Blut über seinen nackten Oberkörper. "Kinder - Zerbrecher der Kalebassen - Mit eurem Beitrag und meinem Beitrag Sollen die Menschen genährt und erhalten werden", heißt es, und: "Die Menschheit zeugt, aber die Todesgöttin verbirgt, So wie ein Häuptling stirbt, Wird ein anderer seinen Platz einnehmen." Tücher werden wie Totentafeln auf dem Boden des Raums verteilt, ein Kind nimmt jedes von ihnen einzeln auf: andächtig, in Gedenken und legt sie wieder zusammen.

Wie im Friedhof, wenn irgendwann die Knochen unserer Väter und Mütter zusammen geworfen werden, da die Seelen schon längst in den lebenden Menschen verankert sind. - Traurig und schön, ist diese Performance des Bildererzählens. Und langsam. - Für manchen auch zu schön und langsam ... e.o.

Edle Ausstellungen Evolution of Fearlessness und Green Flame

Viel dramatisches Licht in dunklem Schwarz gibt es auch im Wiener Künstlerhaus in der von der australischen Künstlerin Lynette Wallworth kuratierten Ausstellung Evolution of Fearlessness zu erfahren. Die ausdrucksstärksten, den Titel treffendsten Werke steuert sie selbst bei: im gleichnamigen, interaktiven Video sowie in Invisible by Night berühren die Besucher durch eine Glasscheibe dunkle Frauenkörper - Ängste gegen andersartige Herkunft werden dabei abgebaut, wobei die Ängste auf beiden Seiten, hinter und vor der Scheibe, zu liegen scheinen. Fragile stoffumhüllte Frauenkörper wehen auf der Spitze eines Berges in Standbildern (Damavand Mountain), im Video Still: Waiting 2 ereignet sich ein archaisch-poetisches Naturszenario in vogelreicher Ewigkeit.

Das Schöne an Ponifasios und Wallworths Präsentation ihres sinnlichen Ethnogedankes ist die hohe Qualität der ästhetischen Form. Nicht arm, unbeholfen und schmutzig ist diese Kunst, sondern in jedem Quadratmillimeter durchdacht und strategisch gesetzt. Das ist doch recht wichtig, wenn man im Westen Kunst von "armen" Entwicklungsländern zeigt. Denn nur so werden kapitalistische Wohlstandsbürger zur Anerkennung na(t)iver Völker bekehrt. Das mag arrogant klingen, ist aber wichtig zu erwähnen.

Ebenso formschön sind die Werke von Elias Simes (Web-Gemälde im Stil der Aboriginies) und Julie Mehretus/Stephen Vitiellos (Rauminstallation mit Tontellern und Grafikwand), sowie von Ernesto Novelo, Sergio Pech und Reinaldo Pech im project space, Karlsplatz, kuratiert von der Äthiopierin Meskerem Assegued unter dem Titel Green Flame. r.r.




Weitere Werke von Lynette Wallworth im Künstlerhaus: Intera
ktive Videos der Frauenberührung wie Evolution of Fearlessness, 2006 (© Foto: Rocco Fasano / Courtesy Lynette Wallworth), Still: Waiting 2 (© Foto/Courtesy: Lynette Wallworth), Damavand Mountain und Hold_bowlcu1 aus der Serie Hold: Vessel 1, 2001 (© Foto: Diana Panuccio/Courtesy Australian Centre for the Moving Image)



Weder Wallworths, noch die Kunstwerke von Elias Sime - Filega 2 (Yarn Stiches Construction, 2004, 70 x 80 cm) aus der Serie Mud & Straw - oder Julie Mehretu/Stephen Vitiello - Wandmalerei und Toninstallation: Untitled #2 - machen einen ethnisch-stillosen Eindruck - das ist mit höchster, künstlerischer Ernsthaftigkeit gemacht. Ebenso wie in der Green Flame-Aussstellung in der Kunsthalle wien project space von den Bildenden Künstlern: Ernesto Novelo, Sergio Pech (buntes Bild) und Reinaldo Pech.



DAS URTEIL DIE ETHNISCHE ZAUBERFORMEL FÜR DEN TOD SCHEINT SCHWARZ MIT DRAMATISCHEM LICHT ZU SEIN, SOWIE DIE BRAV AUSGEFÜHRTE KONVENTIONSLINIE DER EMOTION. DAS MAG AUF MANCHEN EIN WENIG ÜBERSTILISIERT WIRKEN - DOCH BRINGT DAS DIE ETHNOKUNST WEG VOM KLISCHEE DER STILLOSEN ALTERNATIVÄSTHETIK.

AUSSTELLUNG: Evolution of Fearlessness / Green Flame * Kuratorinnen: Lynette Wallworth, Meskerem Assegued * Ort: Künstlerhaus / Kunsthalle Wien: Project Space * Zeit: bis 13.12.06 * Eintritt frei

OPER/TANZ: PETER SELLARS "LA PASSION DE SIMONE" IM SCHWARZ DES TODES I

Peter Sellars schwarze La Passion de Simone als gefühlsarmes Kammerstück.


NEW CROWNED HOPE IM SCHWARZBILD PETER SELLARS BETONT IN SEINER REGIE VON LA PASSION DE SIMONE ABERMALS WORT UND MUSIK - DIESMAL IST ES AUCH UNVERKITSCHT ELEGANT: DADURCH ABER NUR EINE NUMMER-SICHER-INSZENIERUNG

Schwarz als Grundtenor der Erinnerung an eine scheinbar selbstlose, tote, französisch-jüdische Mystikerin: Lichteffekte auf den Arnold Schönberg Chor im unteren Drittel der Bühne frontal zum Publikum. Sie betonen innere Gefühlswallungen und Geistesdilemma der auf dem oberen Bühnen-Zweidrittel räumlich eingekapselten Simone Weil. Sie ist gespalten, in eine singende Opernsängerin (sopranstimmlich perfekt Pia Freund) und einen gestisch-reduzierten Tänzer (unspektakulär Michael Schumacher). Kopf und Gefühl der Frau, ihre innere Zerrissenheit und ihre gefühlte Last am Leben werden so doppelt betont.

Im Libretto des in Frankreich lebenden, libanesischen Librettisten Amin Maalouf ist die 1943 im freiwilligen Hungertod Verstorbene ein geschlossenes System an frühkindlicher Selbstverachtung und späterer Liebessuche durch Selbstaufopferung für sozialwirtschaftliche und politische Gerechtigkeit. Leid und Liebe ihrer Nächsten übersah sie allerdings. Von der Fließbandarbeiterin in einer Fabrik zur Krankenpflegerin im spanischen Bürgerkrieg und letztendlich zur - als jüdischer Flüchtling - Zurückkommenden in das Nazi-besetzte Frankreich, und folglich zur Nachkriegs-Wiederaufbau-Arbeitenden Europas, erlebte sie an ihrem eigenen Leib aus Protest die Härte von Lebenssituationen geschundener, benachteiligter Menschen. So ist die Oper gebaut in fünfzehn Kreuzwegstationen, gleich der Lebensgeschichte Jesu: "Es ist ein Privileg wie Jesus am Kreuz zu sterben. Er starb am Kreuz, weil Gott ihn verlassen hatte", singt die Bühnen-Weil. Worauf der Chor feierlich und grell erleuchtet einstimmt: "Er/sie ist wieder auferstanden!"

Visuell sieht der Zuschauer diesen Weg zwar nicht, denn es spielt sich ja alles im Kopf der Frau ab, dessen Gedanken Pia Freund auf französisch ausspricht - weshalb der Zuhörer auch vom Text kaum etwas hat. Er kann nur mitlesen, was auf Dauer zu anstrengend ist: Worte wie, "alles Schlechte auf der Welt reist umher, bis es auf ein reines Opfer trifft. Das Leben ist die Vorbereitung auf den Tod. Schlagen und Geschlagen-werden ist dasselbe", und die enden, wie sie begonnen haben: "Man muß das lieben, was nicht ist."

Peter Sellars hat intellektuell Regie geführt. Es ist ein Kammerspiel, das trotz der rührseligen Worte kaum zu rühren vermag. Selbst die vom Tonband mit Frauenstimmme eingespielten, textlich schönen Originalverse Weils, die bestimmt dramatisch ergreifende Musiknotation mit Dissonanzen und Harmonien der Komponistin Kaija Saariaho, temperamentvoll dirigiert von Susanna Mälkki und ebenso wiedergegeben vom Klangforum Wien, rufen im Zuschauer kein liebevolles Bedauern um die bzw. Miterleben der Frau Simone Weil hervor. Das ist ein nüchternes, sauberes, wenn nicht sogar ein wenig eitles Kammerspiel. e.o.

DAS URTEIL WAR PETER SELLARS IN A FLOWERING TREE ZU BLUMIG, IST ER HIER ZU INTELLEKTUELL. LA PASSION DE SIMONE IST DAHER WAHRSCHEINLICH ETWAS FÜR AUSSCHLIESSLICHE DER-STANDARD-LESER.

Friday, November 24, 2006

MUSIK: KRONOS QUARTET VON NULL ZUM EXZESS

Das Kronos Quartet steigerte sich beim New Crowned Hope Festival innerhalb von vier Tagen in den wortwörtlichen "Höhepunkt" (Foto © Elfi Oberhuber)

NEW CROWNED HOPE - DER KONZERTMARATHON DES AMERIKANISCHEN SUPER-STREICHQUARTETS KRONOS ENDETE IM ANSTÖSSIGEN FÜNFER-O(H)RGASMUS

In weiser Voraussicht, dass der erste Abend des amerikanischen Streichquartets Kronos Quartet im Jugendstiltheater, wo es Osvaldo Golijovs Werke spielen sollte, wahrscheinlich nie und nimmer an seine CD-Qualität (Nuevo) heran kommen würde, verschonten wir dieses Konzert mit unserer Anwesenheit. Denn wenn man die dürftigen akustischen Möglichkeiten jener Stätte mit den elektronisch aufwendigen Anforderungen dieses umwerfenden lateinamerikanischen (argentinisch-jüdischen) Komponisten gedanklich kombiniert, kann das nur enttäuschend sein. - Dementsprechend waren auch die Reaktionen der Tageszeitungskritik.

Besser schnitt tags darauf das zweite, eher auf reine Streichermusik bezogene Konzert mit der aserbaidschanischen Komponistin und Pianistin Franghiz Ali-Zadeh ab. Und vom dritten Abend an, mit dem bezaubernd fantasievollen Werk von Terry Riley (2004) sowie einer düster-traurigen Komposition des Polen Henryk M. Górecki, hörten auch wir mit anwesenden Ohren zu.

Akustik-Schwierigkeiten im Jugendstiltheater

Pipa-Starvirtuosin Wu Man: über ihre "chinesischer Laute" balanciert die musikalische Grenzgängerin gleich einer Ballerina (Foto: © Kronos Quartet archive)

Das aus sechs Sätzen bestehende The Cusp of Magic Rileys ist passend zu den kinderbezogenen Titeln The Cusp of Magic, Buddha´s Bedroom, The Nursery, Royal Wedding, Emily and Alice und Prayer Circle ein buntes Klangerlebnis aus vom Band zugespielten Froschgeräuschen sowie von Violonist David Harrington live "gespielten" Indianer-Rasseln und Spielzeugtönen inklusive Lachsack. Harrington hatte diese "Instrumente" aus aller Welt seinem Enkel mitgebracht, was den befreundeten Riley zu dieser Komposition inspirierte. Star des Spiels ist Pipa-Virtuosin Wu Man - und dass Kronos ihr diesen Status überläßt, zeugt für die Souveränität dieses Ensembles: Ihre Finger tanzen gleich einer behenden Ballerina über die Saiten, zupfen so schnell und rhythmisch leicht dahin, dass man ihr jedes Klangmärchen glauben will. Rileys Minimalismus ist in diesem Werk übrigens nur im 4. Satz zu erkennen.

Mehr davon war im kontrastreichen Gegensatz zum ersten Teil zu finden: in Góreckis puristischem, mit Wiederholungen und Einzelnoten langgezogenem Werk Piesni Spiewaja (songs are sung). Dessen simple Struktur ertönt traurig, karg, nackt. Sein Klang scheint nach all dem Unrecht auf der Welt zu fragen.
Und doch: Weder beim ersten, noch beim zweiten Teil, sprang der emotionale Funke, obwohl die Stücke großteils sauber gespielt waren, richtig rüber. Ob Kronos wehmütiger hätte sein sollen, oder vielleicht das Stück selbst der Grund, oder - am wahrscheinlichsten - die Akustik des Raumes Schuld war, alles kann eine Rolle gespielt haben.

Explosion im Radiokulturhaus

Doch zur Explosion kam es am vierten Tag: Im Radiokulturhaus waren sowohl die klanglichen, als auch optischen Bedingungen für Kronos perfekt. Über die verstärkten Geigen steigerten die vier Virtuosen ihr Spiel. Mit Gefühl und Konzentration war jeder Einzelne voll bei der Sache. Inspiriert wurden die vier Musiker vom Gedankengebäude David Barsamians im Gespräch mit Historiker und Dramatiker Howard Zinn. Denn hier fand die legendäre amerikanische Show Alternative Radio - Musik in einer Zeit von Krieg und Hoffnung in zwei Teilen, von 15-18h nachmittags und von 23-1h30 nachts, statt. Im Wechsel von politischem Gespräch und multikultureller Kronos-Musik spornten sich beide Komponenten gegenseitig zu reflexiven Höhen und Tiefen an.

Radikaler Bush-Provokateur Howard Zinn

David Barsamian und Howard Zinn (links) in der Radioshow Alternative Radio – Music in A Time of War and Hope: Zinn ist radikal gegen die Politik George Bushs (Foto: © Richard Termine)

Neben der wandelnden Einstellung der amerikanischen Bevölkerung hinsichtlich Bushs Irakkriegs - mehr als 60% sind jetzt dagegen -, erzählte der 84-jährige, sich zum radikalen Historismus bekennende Universitätsprofessor ("Es gibt keinen neutralen Standpunkt in der Geschichte, weshalb ich meine Studenten dazu ermutige, nicht per se mit der Präsidentenmacht zu kollaborieren, sondern nach der eigenen, gewissenhaften Meinung zu handeln") von der generellen Unmenschlichkeit heutiger Medien-Kriege, die sich nicht mehr gegen Soldaten, sondern zu 70% gegen Zivilisten bzw. Kinder richten würden. Zinn: "Unsere US-Kriegsherren jagen verdächtige Terroristen, wobei jeder politische "Widersacher" (etwa Saddam Hussein) öffentlich mit Hitler gleichgesetzt wird. Sie stieren auf die Waffen Irans, obwohl sie selbst Nuklearwaffen besitzen, die die USA als einziges Land jemals eingesetzt haben. Von der kommunistischen Verschwörung - Zinns Stück Marx in Soho handelt von der Rückkehr Karl Marxs nach Soho in New York, um seinen Namen klar zu stellen) - lenkt es die Hysterie nun auf das Nuklear-Phantom. Man sollte daher eher vom legalen Regierungterrorismus der USA sprechen."

Der Historiker hinterfragt die US-Demokratie, wo die freie Meinungsäußerung tatsächlich nur mit Macht und Geld einher gehe. Die Medien, ebenfalls abhängig von der Industrie, unterschieden nicht zwischen Fikton und Nicht-Fiktion. Nur die Künstler würden echte Probleme eher erfassen, bevor sie andere übernähmen. Als potentielle Macht behindere die Politik jene allerdings. Und hier hakte der künstlerische Leiter des Festivals, Peter Sellars, ein: "Und doch haben es Künstler immer geschafft, an Orten zu sprechen, wo es möglich ist. Können die Kurden nicht im Iran singen, so tun sie es anderswo." Zinn ruft zur Widerstands-Bürgerbewegung mit Bewußtsein für eigene historische Identität auf, insbesondere der Minderheiten: Gerade weil im Fortschreiten der Globalisierung die Nationalisten keine Neuankömmlinge wünschten. Die Amerikaner seien gegen mexikanische Immigranten, obwohl sie selbst alle einmal von irgendwoher gekommen seien: "Insofern ist die Freiheitsstatue eine Lüge", sagt Zinn.
Die weltgrößte Gefahr liege allerdings - von Bush als Junk-Wissenschaft herunter gespielt - in der globalen Erwärmung, da die Langzeit-Konsequenzen zwar erwiesen, tatsächlich aber unsichtbar seien.

"Egal, wer in welchem dieser Bereiche "was" tut, um Widerstand zu leisten", schließt Zinn, "jeder kleine Akt hilft, selbst wenn er im Moment nichts zu nützen scheint. Doch ein Akt führt zum nächsten, bis letztenendes der Prozeß des Widerstands zum Sieg führt."

Orgiastische Stöhnmusik zum Schluß

Tanya Tagaq brachte Hardcore ins Geschehen: barfuß und rhythmisch orgiastisch unter den beschuhten Kronos-Mannen am Ende des Alternative Radio – Music in A Time of War and Hope (Foto: © Richard Termine)

Kronos hüllte die politischen Parolen rhythmisch, orientalisch, leidenschaftlich, elektrisch, fröhlich, temperamentvoll, asiatisch, roma-lebendig in Musik aus Afghanistan, Argentinien, Kanada, China, Äthiopien, Deutschland, Island, Indien, Iran, Irak, Jugoslawien, Libanon, Mexiko, Nubia, Russland, Saudi-Arabien, Schweden, Türkei, USA und Usbekistan. Es toppte einen Höhepunkt durch den nächsten. Und ab der zweiten Hälfte, nachdem es Jim Hendrixs Amerikanische Nationalhymne, gefolgt von Harringtons leidenschaftlichem Violinen-Solo, und dem virtuosen Violoncello-Solo von Jeffrey Zeigler gespielt hatte, fühlte sich der Zuhörer trotz der fortgeschrittenen Mitternachtsstunde hellwach wie im musischen Paradies. Und dass es dort auch Sex geben muß, ist seit diesem Ereignis klar: Die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq (31) schmeißt sich barfuß vom einen Musiker zum anderen. Mit jedem steigert sie sich zwischen Echo und Loop, in sich überschlagenden Stimmlagen, vom langsamen zum schnelleren bis ganz schnellen Hecheln, Röcheln, Stöhnen, vom Inuit-Kehlgesang zur lieblich hohen Wonne. Ihre Stimme imitiert phasenweise einzelne Gesangsmotive der Streichinstrumente und umgekehrt, sie kämpfen im Wettstreit um die größere Lust, Tagaq greift Harrington auf seine Saiten. Wie ein Vieh stampft sie wild auf den Boden: das ist keine Musik mehr, sondern Hardcore. Nur gut, dass frau zu multiplen Orgasmen fähig ist: Und mit jedem der Spieler hat sie einen. Völlig fertig gibt sie schließlich als Letzte auf, sie siegt über die vier Männer. Sie, die Siegerin der Lust. a.c./e.o.

DAS URTEIL DASS DAS KRONOS QUARTET UNTER OPTIMALEN AKUSTISCHEN BEDINGUNGEN ATEMBERAUBEND SEIN KANN, HABEN WIR IN WIEN DES ÖFTEREN ERLEBT. DIE TANYA-TAGAQ-PERFORMANCE TRIEB UNS ABER NUN DIE SCHAMESRÖTE INS GESICHT ... EXTREM SPANNEND!

Wednesday, November 15, 2006

OPER/TANZ: PETER SELLARS INSZENIERT JOHN ADAMS´ "A FLOWERING TREE"

Photo (©George Tsypin): Auf diese wandelbare Bühneninstallation von einem blühenden Baum läßt Peter Sellars Tänzer, Sänger, Orchester und Chor los.


NEW CROWNED HOPE - PETER SELLARS OPERN-URAUFFÜHRUNG ZUR FESTIVAL- ERÖFFNUNG IM MUSEUMSQUARTIER IST EIN NAIVER ETHNISCHER ZAUBER À LA MICHAEL JACKSON

Am 14.11.2006 wurde mit der Uraufführung A Flowering Tree das Mozart-Festival New Crowned Hope eingeläutet. Mit Spannung erwartete man, wie sich das Festivalkonzept eines Miteinanders von alternativer Ethno-Bescheidenheit und feinster Musikklassik wohl auf das Genre Oper auswirken würde. In der Politik ist es ja bis jetzt nicht unbedingt so, dass die Grünen musisch mit höchster Klasse harmonieren würden. Was also im Alltag kaum zustande kommt, sollte in Peter Sellars Regie aufgehen.

Nun, das Endprodukt aus zeitgenössisch-kommerzieller Musik von Komponist und Dirigent John Adams, klassisch-höfischem Java-Tanz, amerikanischem Operngesang und folkloristischem Gospelchor (Schola Cantorum de Venezuela) ist auf jeden Fall interessant. Die ethnische Bescheidenheit zeigt sich im moralischen Kern der erzählten Geschichte und in den leuchtenden, asiatischen Kostümen (Jeans unter goldenen, pinken, türkisen China-Look- Kleidchen), sowie in der zurückhaltenden Regie. Irgendwie erinnert das Ganze atmosphärisch an Michael Jacksons Worldsong (We Are The World).

Zurückhaltender Regiestil

Die Zurückhaltung seitens Peter Sellars ist nicht unbedingt negativ gemeint. Denn ein Mehr an Inszenierung hätte wahrscheinlich die Poesie der Worte erschlagen, sowie auch die großteils freudige, lautmalerische Musik von John Adams überfrachtet. Die Musik ist überhaupt das Hightlight des Abends, wobei das bunt gekleidete Orchester - die mit westlichen und asiatischen Flöten- bzw. Zupfinstrumenten spielende Joven Camerata de Venezuela - durchgehend neben den Darstellern auf der Bühne zu sehen ist. Dass Sellars die zwei Komponenten - Musik und Wort - am wichtigsten waren, liegt wohl daran, dass er als Regisseur und Komponist Adams gemeinsam das Libretto verfaßt haben. Darin wird ein armes Mädchen, zunächst um seiner Mutter zu helfen, zum lukrativen "Baum", gewinnt darüber aber das Herz eines Prinzen. Das Schöne an diesem Bild vom "Baum" ist seine Doppelbedeutung zwischen zwei konträren Polen: positiv steht er für Fruchtbarkeit, Verführung, Entdeckung erster Lust; negativ für Eitelkeit, das Hervorrufen von Neid und Gier - all das, was auch eine Liebe zerstört. Das - und dabei echte und wertvolle Gefühle - über bittere Selbsterniedrigung in einem selbst zu erkennen, darum geht es in dieser Geschichte, die wie ein Märchen über Erzählungen von Sänger Eric Owens transportiert wird.

Sänger und Tänzer als Prinz und Mädchen

Der Prinz und das Mädchen sind doppelt besetzt, durch einen schwarzen US-Tenor (expressiv und stark (da dick): Russell Thomas) und den indonesischen Choreografie-Star (Eko Supriyanto - tatsächlich ein unglaublicher Tänzer von großer Körperbeherrschung und männlicher Ausdruckskraft), sowie durch eine hell singende, weiße US-Sopranistin (Jessica Rivera) und die indonesische Tanzstudentin Astri Kusuma Wardani. Die Mutter und Schwester tanzt die 57-jährige indonesische Tänzerin Rusini Sidi. - Schöne visuelle Bildmomente ergeben sich, wenn der Schizophrenie-Zustand von Gut und Schlecht, Blühen und Verkümmerung (mit Baummaske) über deren Körperverdoppelungen gezeigt werden.
Und ein Kunstwerk ist die Bühne von George Tsypin: eine Rieseninstallation von einem wandelbaren, blühenden Baum, über dessen Äste die Darsteller wandern. (e.o.)

DAS URTEIL EIN FRÖHLICH-TRAURIGES SPEKTAKEL, WO MAN IMMER WIEDER ETWAS UNBEKANNTES FINDET UND STAUNT. DER ZWEITE TEIL ZIEHT SICH ALLERDINGS HIN, TROTZ DER DURCHGEHEND ELOQUENTEN MUSIK VON JOHN ADAMS.

OPER/TANZ A Flowering Tree (UA) * Musik, Dirigat, Co-Libretto: John Adams * Regie + Co-Libretto: Peter Sellars * Mit: Russell Thomas, Eko Supriyanto * Orchester: Joven Camerata de Venezuela * Chor: Schola Cantorum de Venezuela * Ort: Halle E, Museumsquartier Wien * Zeit: 16., 18., 19.11., 20h

Monday, November 13, 2006

FILM: DIE NEW-CROWNED-HOPE-REVOLUTION VON GARIN NUGROHO


Filmstills aus Opera Jawa (© N.N): Die verkörperte Fleischeslust: Dieser "Mann" (oben) verleitet die Ehefrau zur Untreue, während der Ehemann sie nur als Heilige sehen will. Im Vagina-Zelt am Meer schlitzt dieser sie deshalb auf, um ihr Herz zu befragen, wen es nun wirklich liebe? - Ein formal absolut interessanter Film für Opern- und Tanzfans.

I Don´t Want to Sleep Alone-Filmstill (© William Laxton): Einer von den Dreien zieht für gewöhnlich den Kürzeren, außer das männliche Objekt der Begierde (Mitte) wäre bisexuell ... immerhin können sie aber zumindest zu dritt schlafen. - Sexszenen und Erotik retten diesen langsamen Film voller Schmutz, Flöhe, Krankheit und Giftgase.


NEW CROWNED HOPE - EINE FORMALE OPERN-TANZ-FILM-REVOLUTION AUS INDONESIEN UND LANG(WEILIG)ATMIGE "BARBARA-ALBERT- FILME" AUS THAILAND UND TAIWAN

Am 14.11. startet offiziell das bis 13.12.06 dauernde New Crowned Hope-Festival. intimacy: art sah alle sieben Filme vorab. Top bleibt Hamaca Paraguaya (für Kritik scroll down), dicht gefolgt von Opera Jawa des indonesischen Regisseurs Garin Nugroho (45). Unsere Begründung: Diese beiden Filme bringen formale Neuerungen in das Filmgenre, wobei Hamaca Paraguaya mit musikalischer Poesie dem Filmwesen näher kommt und wirklich jedem gefallen wird, während Opera Jawa - von Oper/Theater und Tanz geprägt - eher etwas für die Spezialinteressen-Zielgruppe ist. - Aber: Diese "Opernfilm"-Art könnte bei Theater- und Opernübertragungen künftig Sinn machen. Denn "nur abgefilmt", so wie sie bisher sind, drängen sie selbst Theater- und Opernfans (die meist auch Filmfans sind!) reflexartig zum Umschalt-Knopf.

Opera Jawa: zweitschönster Film des Festivals

Opera Jawa ist stilistisch gemacht wie ein Bollywood-Film, nur nicht auf indisch, sondern indonesisch, und - durchgehend gesungen - näher der Oper und dem volkstümlichen Gamelan als dem Musical. Außergewöhnlich sind die vielfältigen, rituellen bis klassischen Tanzszenen von sieben berühmten javanischen Tänzern und Choreografen in abstrakten, von Künstlern geschaffenen Installationen. Das paßt so gut, da es auch in der Geschichte um drei ehemalige Tänzer geht, die einst den Klassiker Ramayana aufführten. Dessen Dreiecksgeschichte von einem Paar und einem Querbrater strahlt nun auf ihr jetziges Leben ab:

Das Töpfer-Ehepaar hat Geldprobleme. Dazu kommt, dass der Mann seine Frau zur Heiligen hochstilisiert, anstatt es ihr anständig zu besorgen. Dabei hätte er doch wirklich die besten Voraussetzungen dazu, wo er sie so reizvoll mit Töpferlehm beschmiert. Sexuell unbefriedigt, zieht es sie alsdann - kaum ist ihr Mann auf dem Markt - über einen endlos langen, lustroten Teppich zum potenten Händler Ludiro. Bei ihm lebt sie ihr Verlangen aus, ohne - wie bei ihrem Mann - Angst haben zu müssen, dafür vom Gegenüber verachtet zu werden. Doch der Sexprotz klagt wiederum: er dürfe nur ihr Fleisch besitzen, nicht ihr Herz. Das beschäftigt ihn so sehr, dass er blutrünstig zwischen Schlachtrind umher tanzt, als befinde er sich auf Hermann Nitschs Orgienfest. Für sie ist wieder das Problem, dass sich diese beiden Männerwelten nicht trennen lassen: liegt sie des Nachts zuhause neben ihrem Mann, kriecht plötzlich dieser Lustteufel unter ihren Rock. So viel Scheinheiligkeit muß daher bestraft werden: der Ehemann schneidet seiner untreuen Ehefrau im Vagina-Zelt das Herz heraus, um sich zu überzeugen, für wen es wirklich schlägt.

Die "Barbara Albert"-Langatmer

Also, für Sang sattawat (Syndromes and a Century) des thailändischen Regisseurs (36) Apichatpong Weerasehakul brauchen Sie einen langen Atem. Erinnert schwer an Böse Zellen von Barbara Albert. Alltagszenen ohne Höhepunkte, keine kontinuierliche Geschichte, scheinbar reale Beziehungsepisoden im Krankenhaus. - Wann läuft diese Mode des Nicht-Erzählen-Könnens endlich aus? Wann gesteht man sich endlich ein, dass die Kunst des Filmens im richtigen Timing und Spannungsaufbau liegt? - Nur für Leute, die absolut nichts zu tun und keine Perspektiven im Leben haben! Alle anderen werden platzen vor dem Gefühl, dass man ihnen die Zeit stiehlt.

Nicht ganz so schlimm ist Tsai Ming-Liangs (49) Hei Yan Quan (I Don´t Want to Sleep Alone). Zwar in genau so langatmigem Schein-Alltags-Realismus gedreht, aber wenigstens mit Konzentration auf drei Menschen. Ein Mann nimmt einen heruntergekommenen Kerl von der Straße mit nach Haus; er wäscht, füttert und bettet ihn neben sich auf der (flohreichen) Matratze. Subtile Erotik liegt in der Luft. Doch als der Aufgenommene gesünder wird, steigt er einer Krankenpflegerin nach, die den ganzen Tag einen klinisch Toten wäscht. Dann ist Giftalarm, und ausgerechnet da wollen die beiden im Halbfreien miteinander schlafen. Mit Gasmasken geht das etwas schwer. Das Ganze endet im Eklat, als der tatsächlich schwule Helfer dahinter kommmt, zu wem sein undankbarer Patient sich hingezogen fühlt. Und doch schlafen sie alle drei gemeinsam ein. - Diesen Film retten die Erotikszenen und die metapherreichen Gegensätze von Leben-Tod. a.c./e.o.


DAS URTEIL WENN MAN SICH NICHT SEHR ÄRGERT, KANN MAN SICH AUCH NICHT SEHR FREUEN: ALSO AM BESTEN ALLE FILME DES FESTIVALS ANSEHEN.

FILM Opera Jawa, Indonesien/A 2006, 120 min, Javanisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 17.11., 20h * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Garin Nugroho // Ort: Filmmuseum * Zeit: 30.11., 20h30 * OmdU
FILM Syndromes of a Century, Thailand/A/F 2006, 105 min, Thailändisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 21.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Apichatpong Weerasehakul // Ort: Filmmuseum * Zeit: 30.11., 18h30 * OmdU
FILM I Don´t Want to Sleep Alone, Taiwan/F/A 2006, 118 min, Malayisch, Mandarin, Bengalisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 22.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Tsai Ming-Liang // Ort: Filmmuseum * Zeit: 27.11., 20h45 * OmdU

Monday, November 06, 2006

FILM: DAS NEW-CROWNED-HOPE-JUWEL VON PAZ ENCINA



Drei Filmstills oben aus Hamaca Paraguay: (© N.N): Die Totale auf die Hängematte führt praktisch durch den paraguayischen Film, kaum Schnitte, viel Dialog, aber wunderschön. Im raren Szenenwechsel hört man die inneren Stimmen von "ihr" und "ihm", die sagen, wie sehr sie auf ihren Sohn warten;


Half Moon-Still (© Bahman Ghobadi): Der Film über einen kurdischen Sänger, der im Iran eine Sängerin mitnehmen will - zu singen ist dort aber Frauen verboten.
Darunter: Daratt-Filmstill (© Frank Verdier) Der afrikanische Junge verschont den Mörder seines Vaters dann doch.


NEW CROWNED HOPE - EIN ABSOLUTER TOP-FILM AUS PARAGUAY UND MINDESTENS ZWEI INHALTLICH SCHÖNE FILME ÜBER AFRIKA UND KURDISTAN

Halbzeit der Filmvorschau für die Presse beim New-Crowned-Hope-Festival, kurz vor Festivalstart am 14.11. in Wien. Nach vier gezeigten Filmen - davon holten sich drei Preise bei prestigeträchtigen internationalen Festivals - lautet der absolute Liebling der intimacy: art -Redaktion: Hamaca Paraguaya (Paraguayan Hammock).

Absolut Top: Hamaca Paraguaya

Dieser Film besteht vielleicht aus zehn Einstellungen, die meisten in der Totalen gedreht. Die wenigen vorkommenden Menschen sprechen nicht direkt, sondern nur im Off miteinander. Dank dieser formalen Kargheit kommt das Gesagte umso mehr zu Geltung, der realistische Dialog eines alten Ehepaars, das die schwüle Hitze des Tages auf der Hängematte übersteht, dicht nebeneinander sitzend. Trotz ihrer Nähe sind sie sich anfangs fern, denn beide sprechen nur von ihrem Sohn, der in den Krieg zog und bisher nicht zurück gekommen ist. Sie warten auf ihn, so wie auf den Regen, der nicht durchbrechen will, obwohl es immerzu donnert. Alles erinnert an die letzten Worte des Sohnes: die bellende Hündin, die Orangenplantage, das Haus.

Dann ist der Krieg vorbei und die Mutter erhält Nachricht. Sie akzeptiert sie nicht gleich. Doch wächst mit dem Sterben der Hoffnung auf die Rückkehr des Sohnes ihre Zuneigung gegenüber ihrem kränkelnden Mann im Jetzt. Und als der Film vorbei ist, beginnt es im Off auch endlich zu regnen.

Ein großer Gefühlsfilm ohne Sentimentaliät. Und ein doppeltes Meisterwerk, wenn man bedenkt, dass der paraguayische Film aus einem Land kommt, wo es keine eigene Filmindustrie gibt. Gebaut wie eine Musikkomposition, wo Worte des Alltags zur rhythmischen Totenklage werden, und Bilder von körperlicher Empfindung sprechen. - Grossartiges Spielfilmdebüt mit poetisch-dokumentarischer Note von der Lateinamerikanerin Paz Encina (35).

Sehenswert: Half Moon und Dry Season

Niwemang (Half Moon) erzählt die Geschichte eines in Kurdistan berühmten kurdischen Musikers, der nach Saddam Husseins Tod in den Irak reisen will, um dort aufzutreten. Der Sänger will aber nur gehen, wenn er eine iranische Sängerin mitnehmen kann. Sängerinnen sind im Iran aber verboten. Ein kleiner Krimi mit abenteuerlicher Reise im Bus durch Sand, Stein und Schnee in den Bergen, bis die Grenzpolizei die Truppe erwischt. Eine Zeichnung von einem naiven, tollpatschigen, mit der neuen Technik hadernden Volk, das aber Kraft seines Idealismus und seines Glaubens an die kurdische Musik berührt. Mythenreich mit Todesvisionen und doch ernüchternd realistisch - etwa durch einen Kampfhahn, den die Polizei der Vogelgrippe bezichtigt. Vom bekannten kurdisch-iranischen Regisseur Bahman Ghobadi (37).

Daratt (Dry Season) spielt im Tschad 2006, wo der Staat allen Kriegsverbrechern Amnestie gewährt. So schickt ein im Wüstendorf lebender Großvater seinen Enkel mit einem Revolver los, um den Mörder seines Vaters zu töten. Der, jetzt nächstenliebende, Bäcker nimmt den Jungen als Gesellen auf. Als seine schwangere Frau ihr Baby verliert, will er den Jungen adoptieren... Ein lehrreicher Film, weil er Leben und Umgang der Menschen in Afrika zeigt, aber vor allem wegen der Botschaft, dass ein Junge den Befehl der Sühne seines Vorgesetzten mißachtet. Mehr noch: er tut vor dem Großvater nur so, als hätte er den Mörder erschossen ... D.h., er beläßt ihn im Glauben, mit sich den "mordenden, starken" Mann in die nächste Generation weiter gegeben zu haben, leitet jedoch in Wahrheit die "starke, verzeihende" Generation ein. Ein Film von Mahamat-Saleh Haroun (46).

Indifferent: Meokgo and the Stickfighter

Der Film des 32-jährigen populistischen Südafrikaners, Teboho Mahletsi, ist über uns hinweg geschwebt. Da war ein junger Mann, der sich gerade an ein Mädchen heran macht und nicht auf die Gefahr hinter ihm achtet: Ein Reiter versetzt ihm einen Hieb, und entführt das Mädchen (das aber recht glücklich scheint...). Den Film haben wir nicht ganz durchschaut, liegt wohl am Film... (a.c./e.o.)

DAS URTEIL DREI VON VIER FILMEN SEHENSWERT UND EINER DAVON EIN ABSOLUTES MUST - EINE BESSERE BILANZ KANN SICH NEW CROWNED HOPE NICHT WÜNSCHEN...

FILM Half Moon, Iran/Irak/A/F 2006, 113 min, Kurdisch, Farsi * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 18.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Bahman Ghobadi// Ort: Filmmuseum * Zeit: 29.11., 20h30 * OmdU
FILM Paraguayan Hammock, F/Argentinien/NL/Paraguay/A/E/D 2006, 76 min, Guarani * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 19.11., 20h30 * OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Paz Encina // Ort: Filmmuseum * Zeit: 29.11., 18h30 * OmdU
FILME Meokgo and the Stickfighter, RSA/A 2006, 16 min, Sotho & Dry Season, F/B/Tschad/A 2006, 95 min, Französisch, Tschad-Arabisch * Ort: Gartenbaukino Wien * Zeit: 20.11., 20h30, OmeU * Im Anschluss Publikumsgespräch mit Mahamat -Saleh Haroun // Ort: Filmmuseum * Zeit: 27.11., 18h30 * Omd/eU