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Sunday, April 27, 2008

MUSIK: JAMES MORRISON BRINGT JÄRVI´S TONKÜNSTLER INS "JAZZLAND"

Plugged-In heißt die Serie der Tonkünstler unter Dirigent Kristjan Järvi, wenn´s in den weltmusikalischen Jazz-Groove geht (Foto © Peter Rigaud) ...



















Nun, ans Strom geschlossen oder nicht: im dritten Teil Jazzland, bestimmt durch Trompetenass James Morrison (Foto © James Morrison Enterprises), raste der Strom auf alle Fälle: durchs Publikum!



MUSIKVEREIN WIEN JAMES MORRISON IM JAZZLAND ODER IN DER SYMPHONISCHEN PLUGGED-IN-SERIE - WAS AUCH IMMER, DAS AUSTRALISCHE BIG-ASS DER TROMPETE LIESS DAS TONKÜNSTLER ORCHESTER UNTER KRISTJAN JÄRVI SWINGEN UND GROOVEN

Es war nach All That Tango und A Night in Tunesia der dritte und vorerst letzte Teil der Plugged-In-Serie und hieß Jazzland. Und obwohl "dieser Jazz" des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich - an sich schon ein Widerspruch - im Musikverein stattfand, war das ein richtig gutes "Jazz"-Konzert. Sprich: trotz biederer Halle (mit toller Akustik), trotz Klassikorchester eines "Bundeslandes", trotz (wenn auch radikalem) Klassikdirigenten Kristjan Järvi. Denn angeregt wurde dieses Musikereignis vom australischen Jazztrompeter James Morrison, gleichermaßen Wahnsinnsblaskünstler wie Showmanwahnsinniger.

Von der sprungvereinten Antheil-Jazzsymphonie ...

Dabei begann zunächst alles "bekannt", mit einer Järvi-typischen Nummer: dem Titel A Jazz Symphony. Typisch, weil Järvi gerne Clusterstücke dirigiert, wo es scheint, als hätten sich viele bekannte Zitate in einem Stück verirrt, was denn lustig - heute würde man sagen "technoartig" - übereinandergelegt und theatral von ihm und seinem Orchester wiedergegeben wird. Als eine Art von geistiger Reflexion, als seien Musiker und junge Komponisten heute ob der grandiosen Vielfalt aus der Musikgeschichte einfach nur noch übersättigt, sodass sie nichts mehr hinzuzufügen haben, außer übersprudelnd-genußsüchtige Dankbarkeit gegenüber all der Fülle. - Diese Komposition könnte also genauso von einem John Adams stammen oder von einer in die Klassik ausgezogenen Formation Kruder & Dorfmeister. Sie stammt jedoch von einem anderen "bösen Jungen der Musik", von George Antheil (der kurioserweise und auch hörbar nachvollziehbar mit dem Wiener Hollywoodstar Hedy Lamarr das Frequenzsprungverfahren der heutigen Mobilfunktechnik erfunden hat); und - man glaubt es kaum - er schrieb diese sprungreife Komposition im Jahr 1925! In der Orchesterfassung 1955 spielt Järvi das auf Piano - umgeben von Xylophon, Schlagzeug und Trompete - zugespitzte Werk nun zum Auftakt des Abends mit einem 12-Mann-Bruchteil seiner Tonkünstler. Das klingt, als hätte sein New Yorker, nur aus Solisten bestehendes Zweitorchester, Absolute Ensemble, auf einen Abstecher vorbei geschaut, um diese Akustik eines revueartigen Klassikerverschnitts mit Strawinsky-Temperament zum meditativen Grooven zu bringen. Und doch läßt sich feststellen: nur das schnelle und allein-spielende Klaviersolo bringt zwischendurch mentale Klärung, etwas, das in diesem Stück sehr notwendig ist, und was am Ende noch einmal als kitschig-erleichternder Big-Band-Sound eintritt.

... zur symphonischen Big Band im Zoff mit dem Jazz

"Big Band" ist das Stichwort zum darauf folgenden Auftritt des internationalen, vom Publikum entsprechend laut empfangenen Gaststars, begleitet vom - jetzt - hundertköpfigen Tonkünstler-Orchester: James Morrison scherzt gleich gut gelaunt über sein Schizobassiac, "Concerto für Euphonium und Orchester": "Das ist ein australisch-schizophrenes Gebilde zwischen Jazz und Symphonie!" Dabei ordnet sich der freiheitsliebende Jazzer mit seinem leisen Baritonhorn sehr dem klassischen Spiel unter, einer sehr sanften, sehr getragenen, fast biederen Wohlklangmusik aus Querflöten und Celli. Selbst wenn er kurz reißaus nimmt, mit immer kürzeren Tönen, sich tief blasend als "Mann von der Straße" zu erkennen gibt, aber gleich wieder im leicht-fröhlichen Orchester aufzulösen gedenkt. Das ist so sehr Romantik, so sehr Lyrik, dass selbst ein lebenslustig-aufmüpfige Jazzer wie er klar und gedämpft dem tonalen Gefühl gehorchen muss. Richtig gut, wie man sich einen Musiktypen seines Kalibers vorstellt, wird er aber dann doch erst ab City Shift von Sean O´Boyle und ihm: Morrison rast wie auf der Jagd, gestützt von Schlagzeug und anarchischem Swing, eloquent und frech, sodass es zum Lachen anregt, vor allem wenn man den Kampf zwischen Jazz und Symphonie jetzt tatsächlich mitbekommt, und die Geigen nur mehr "komisch" klingen. Dem setzt Morrison mit verschmitztem, keinesfalls bösem Solo aus Hoch bis ganz Tief noch eins nach! Spätestens jetzt ist die Zeit reif für Duke Ellingtons und Juan Tizols reiner Jazz-Big-Band-Nummer Caravan, die von Morrison mit dominantem, - live etwas blechern klingendem - Schlagzeug arrangiert wurde, während instrumentenverkehrt der Bass den jazz-schnellen Rhythmus taktiert. Das ebenso schnelle Klaviersolo von Michael Starch swingt dazu, und steigert sich durch den wiederholten Refrain in verschiedenen Tonlagen zum Schwung. Da gelangt der Witz ins schauspielerischer Schwitzen, bis er im meleodramatischen Finale verschwimmt.

Kabarettreifer Showmaster greift zur digitalen Trompete

Kabarettreif zur Feier des Moments zieht Morrison daraufhin eine leuchtend-blaue, digitale Trompete hervor. Schließlich will er dem eingesteckten Motto der Konzertserie gerecht werden. Kein Tiefstapler, bezeichnet er sich von den drei möglichen Stufen an diesem Instrument zwischen "Anfänger, Durchschnitt und Experte" als Letzteres. Und er meint noch: "Mein Bruder beherrscht dieses Instrument auch - er ist Schlagzeuger ..." Und damit hat er auch schon das Computer-Geheimnis gelüftet und mimt ein "Huhn, das eine digitale Trompete spielt". Dann tritt der wahre Experte aber wirklich hervor: Morrison spielt das blaue Ding wie eine Panflöte, deren Schmerz sehr elegant in leichtem Swing aufgeht. Und doch ist sein klassisches Flügelhorn danach die reinste Wohltat, denn "der Jazz" kehrt damit endlich zum echten, guten, alten, wertvoll-erdigen Jazz zurück: Morrisons Enchanted, orchestriert von O'Boyle und dirigiert von Järvi, funktioniert nach dem typischen Jazz-Aufbau: auf das Flügelhorn-Solo folgt jenes des Pianos und jenes der Tonkünstler-Trompete. Järvi wird dabei tatsächlich so "enchanted", dass er sich ins Publikum dreht und einfach nur noch lacht. So "hingerissen" wird er auch selbst gleich "zum Publikum", denn er kann (muss) sich auf der Bühne setzen und zuhören, um sich von Morrison am - ebenso wie die Trompete beherrschten - Klavier das schlichte Jazz-Trio mit Schlagzeug und Bass von Andy Cowan, den Australian Folk Song, vorführen zu lassen. Sodass nun im Musikverein - im Unterschied zum Club, wo diese Art von Jazz sonst als Hintergrundsound läuft - tatsächlich jeder aufmerksam still zu sein hat, einschließlich der hundert Musiker auf der Bühne. Das ist fast reaktionär! Die Solisten steigern sich eloquent und elegant von leise zu laut in ein anwachsend grandioses Gefühl. Es kommt so perfekt kalkuliert, um bestens zum Finale anzufeuern: Zu Ellingtons Klassiker Harlem, arrangiert von Charles Coleman, jenem perfekten Big-Band-Stück für Trompete. Da passen selbst die gezupften Geigen, verführerisch wie Mata Hari erinnern sie an die Zeit der großen Filmstudios, wo Dramatik gleich leichter Swing bedeutete. Doch es wäre nicht Jazz, wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passieren würde: auf den Rhythmuswechsel übernimmt die Bratsche den Part des Saxophons, und mit dem Klaviersolo trifft es die absolute Atmosphäre des Film Noirs. Auf das erneute dramatische Anschwellen dehnt sich jetzt die bekannte Nummer als sei sie betrunken, und auf einen letzten Aufschrei hin, scheint die Spannung in Kontrasten kaum noch zu überbieten: mit den Klopfgeräuschen haben die Schlagzeuger der Tonkünstler endlich einmal etwas zu tun, und alles verlangt nach der Explosion im Exzeß: Morrisons Trompete vibriert, sie ist echt, nicht gespielt gespielt. - Damit springt der Funke endgültig aufs Publikum über, es kann nicht genug bekommen - und bekommt als Zugabe Morrisons "Kunststück", worin er sich, den Trompetenstar, alleine am Klavier begleitet. Das kann Järvi nur noch mit einem kurzen Rhythmushagel toppen - und der Hagel trommelt jedem ins Blut. Ein Feuer, ein perfekt gesteigerter Akt! e.o. / p.s.

DAS URTEIL "PLUGGED-IN" NUR AM RANDE, DAFÜR ABER RICHTIG GUTER, ALTER, UNTERHALTSAMER (!) JAZZ: JAMES MORRISON? - EIN SHOWTALENT, UND DANEBEN EIN MUSIKGENIE; UND EIN NEUES LICHT FÜR KRISTJAN JÄRVI!

Nächste Tonkünstler-Konzerte mit Kristjan Järvi

Olivier Messiaen, Sergej Prokofjew und Arvo Pärt
(mit vergrößerter Fassung im Auftrag der Tonkünstler von „Stabat Mater“) * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester * Ort: im Rahmen der Wiener Festwochen: Musikverein Wien * Zeit: 12.6.2008: 19h30

Sommernachtsgala * Musik aus Werken von BEETHOVEN, BRAHMS, GERSHWIN, LALO, LEHÁR, SAINT-SAËNS, RAVEL, ROSSINI, VIVALDI u.a. * Dirigent: Kristjan Järvi * Mit: Tonkünstler-Orchester * Mit: Michael Schade - Tenor, Sarah Chang - Violine, Katia und Marielle Labèque - Klavier * Ort: Wolkenturm Grafenegg * Zeit: 20.6.2008: 21h15

Sunday, January 20, 2008

MUSIK: JÄRVI UND ANGELICH BESEELEN IHRE "RUSSISCHE SEELE"

Heiss ersehnt, zeigte der temperamentvolle Klassikrocker-Dirigent Kristjan Järvi (Foto © Peter Rigaud) seine für wahre Größe stehende, bescheidene, einfühlsame Seite: Indem er sehr passend ...

... bei Rachmaninow dem amerikanischen Pianisten Nicholas Angelich (Foto © Stéphane de Bourgies) die insgeheime Führung überliess und "nur" mit den Tonkünstlern begleitete.


MUSIKVEREIN WIEN ZWISCHEN DIS-HARMONIE ZEIGT SICH DER HEISS ERSEHNTE KRISTJAN JÄRVI IN RUSSISCHE SEELE IN BESTFORM UND GLEICHZEITIG FEINFÜHLIG-BESCHEIDEN BEI RACHMANINOW

Kristjan Järvi is back. - Nach mehreren kurzfristigen Absagen und nicht immer adäquatem Ersatz, steht Kristjan Järvi, Chefdirigent des Tonkünstler Orchester Niederösterreich, tatsächlich leibhaftig wieder am Pult des Wiener Musikvereins. Man könnte das gezielte Hörigkeitsmanipulation des Publikums nennen. Denn sehnsüchtiger erwartet, als dieses Mal, als Russische Seele am Programm steht und nach einigen "doch-nicht-mit-Järvis", wurde der 35-jährige Este aus New York nie. Und das, obwohl er doch schon fünf Jahre den Tonkünstlern vor- und bereits sein Nachfolger feststeht: Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada, der Österreichs Kritikern angeblich während eines Järvi-Einsprungs aufgefallen ist, wird den "rockigen" Charismatiker ab Saison 2009/10 ablösen. Und Orozco-Estrada soll wie Järvi den Spagat zwischen Moderne und Klassik pflegen.

Möglichst große atonale Grenzen innerhalb der Harmonie

Moderne und Klassik, Tonalität und Atonalität - wo da nun die absolute Grenze ist, sprich, wo gerade noch so viel Tonalität sein kann, damit die Musik auf Anhieb nachvollziehbar und angenehm klingt, und dennoch intelligent und besinnlich erscheint, das beschäftigte mehr oder weniger alle drei Komponisten, die an diesem Abend im Dezember 2007 gegeben werden. Wahrscheinlich ist das überhaupt die entscheidende Frage neuer Musikschaffender seit Beginn des 20. Jahrhunderts, insofern sie sich nicht von vornherein dafür entscheiden, mit ausschließlich abstrakten Intellekt-, Mathematik-, Geräuschtönen nur eine kleine Insidergemeinschaft erreichen zu wollen. Fest steht aber auch dann: je abstrakter, desto wichtiger die Interpretationskompetenz von Dirigent und Musikern. Und dann schafft es "so ein Werk" vielleicht sogar, ein breites Publikum anzusprechen.

2x Järvi-Rhythmik und -Theatralität

Järvi jedenfalls, war bei John Adams´ einleitender "Abstraktion" Slonimsky´s Earbox aus dem Jahr 1996 mit jener Präsenz und Agitiationskraft am Werk, wie man es von ihm gewohnt ist: bei einer Hommage auf den Harmonik-Lehre-Ausreizer Nicolas Slonimsky, Ex-Russe und ab 1923 in den USA Lebender, worin Adams bezüglich dessen Theorie zu "seiner" Erkenntnis erklärt: "als fundamentales Primat für die äußerste Harmoniegrenze, die Tonalität nicht antasten zu dürfen." - Das ist in erweitertem Sinn auch zu hören. Es hört sich so an, als dass sich ein anfangs gewaltiges akustisches Orchester-Durcheinander in einem lautmalerisch feinen Gewebe einzelner Instrumente auflösen muss, so, dass sich ein intrumentengruppen-clusterhaftes Übereinander um ein solistisches Klavier und ein vielbeschäftigtes Schlagwerk legt. Das ist spannend wie ein(e) interessante/r Film(musik), minimalistisch-typisch rhythmisch, mit stillem, weitem Ausholen langgezogener Töne vor einem Xylophon-besprungenen Ausklang mit plötzlichem Schluß.

Strawinsky´s - in diesem Sinne - durchgehend tonale Petruschka aus dem Jahr 1946/47 ist eine tanztheatrale Komposition über eine mit Volks- und Jahrmarktsweisen narrativ-beschriebene Kasperl-Gliederpuppe, die wehmütig und tolpatschig eine kühl-grazile Ballerina liebt und sich gegen den polternden Rivalen "Mohr" zu behaupten versucht. Järvi setzt seine ganze eigene (Schau)spielfreude ein, zu der er wie kein anderer Dirigent fähig ist. Zwischen kraftvoller Dynamik und ungemeiner Lust, strahlt ein Klang von unheimlicher Scheinheiligkeit durch. All das, was in der Komposition vielschichtig und doppelbödig angelegt ist, bliebe versteckt, würden es die Interpreten nicht erlebend miterleben. Das geschieht hier in dem Ausmaße, dass die melancholisch-groteske Klobigkeit der Töne, die doch so zum Lachen reizen, in der Endpointe selbst Järvi zum Lachen bringen: Fröhlichkeit ziert sein Gesicht. - Und jenes vieler seiner Musiker. Froh ist damit auch das Publikum.

Fremdes Rachmaninow-Erlebnis mit Kick

Zum Staunen und Mitfiebern ist danach aber der Höhepunkt, das letzte Werk: Sergej Rachmaninows Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-moll op. 30. Erstens, weil man Järvi so noch nie erlebte. Zweitens, weil da ein genialer Pianist als Solist brilliert, der alle Stückerln der emotionalen Gefühls-Irr-Welten wiederzugeben weiß, und das, obwohl es bei diesem Werk kein episches Thema gibt: Hier steht die Musik für nichts als Musik. - Und "Moll" ist simpel gesagt, auf jeden (Ton)fall immer - ergreifend schön. - Was 1909 als "neue Ästhetik im Romantischen" gefeiert wurde, gilt insofern auch heute(!) Auf die temperamentvolle Kontrasthärte der beiden ersten Werke, erklingt zunächst ein durchgehender, sinnlicher Fluß an ineinander changierenden Tönen. Amerikaner Nicholas Angelich (geb. 1970) durchlebt seine Klaviermelancholie mit Händen, Fingern, Armen und Körper auswendig, ohne vom Blatt zu spielen; Järvi begleitet und führt das Orchester einfühlend und unaufdringlich, selbst wenn das Werk in abschweifende Vergeistigung abtriftet. Er beläßt souverän alle dramatische Führung dem Pianisten, sodass das Publikum sich völlig in die Musik fallen lassen kann. Järvi wirkt in diesem Moment um Jahre reifer und erwachsener, erfüllt von Musik der absoluten Schönheit, wo sich in der Mitte auftretende Aggressivität in verfremdeten, kurzen Walzerklängen beruhigt, vor einem abrupt aufbäumenden Finale mit hartem Klavierbearbeiter, der sich nun an der realistischen Materie orientiert, wenn er sich mit der Querflöte im Duo vereint. Genial! e.o.


DAS URTEIL ENDLICH GESTILLTE SEHNSUCHT NACH KRISTJAN JÄRVI, UND MIT DEM GEFÜHLSJONGLEUR NICHOLAS ANGELICH AM RACHMANINOW-KLAVIER GLEICHZEITIG EIN ANS HERZ GEHENDER SEITENSPRUNG VON UND MIT BEIDEN.


Nächste Järvi-Konzerte
KONZERT Jazzland* Mit: Kristjan Järvi (Dirigat), James Morrison (Trompete), Tonkünstler Orchester Niederösterreich * Ort: Musikverein Wien * Zeit: 9.4.2008: 20h30

Tuesday, November 27, 2007

MUSIK: DER FÜR JÄRVI EINGESPRUNGENE ROSSEN GERGOV BEI "ALL THAT TANGO"

Sprang weniger theatral und kontrastrhythmisch als emotional auswägend für Järvi ein: der junge bulgarische Dirigent Rossen Gergov (Foto © Daniele Panato)










Mit dem niederländischen Bandoneon-Spieler und -Komponist Carel Kraayenhof fand er daher zu einer sehr romantikgeladenen Gefühlswelt um Piazzolla (Foto © Carel Kraayenhof)


WIENER MUSIKVEREIN ZUM AUFTAKT DER DREITEILIGEN PLUGGED-IN-SERIE ERSETZTE ROSSEN GERGOV KURZFRISTIG KRISTJAN JÄRVI ALS DIRIGENT DER TONKÜNSTLER NIEDERÖSTERREICH - MIT ZWIESPÄLTIGER QUALITÄT

Das Tonkünstler Orchester Niederösterreich hätte Mitte November eigentlich mit seinem Chefdirigenten Kristjan Järvi die vielversprechende, dreiteilige "Plugged-In"-Serie starten sollen, die Neues mit Tradtionellem verbindet, indem sie nicht nur aus fremden Kulturen schöpft, sondern sich auch musikalisch mit dem Jazz verbindet. Nun, Järvi selbst sagte ab (wieder einmal, da er offensichtlich vorab - auch für Außenstehende klar ersichtlich - zu häufig eingeplant ist!) und schickte dafür seinen Assistenz-Dirigenten, den blutjungen Bulgaren Rossen Gergov (26) unter dem Motto Nummer 1 All That Tango in den Wiener Musikverein. Mit dem Resultat: der Protegé des Musikdirektors der Wiener Staatsoper, Dirigent Seiji Ozawa, meisterte das vielfältige Programm mit vielfältiger Qualität: von erlebt bis verhalten-unpersönlich, somit von sehr gut bis fast schlecht.

Zartes Feingefühl statt Rhythmik im Blut

Abgesehen davon, dass der junge Mann - von noch zarterer und kleinerer Gestalt als Järvi - in Sachen Showleading (Entertaining) noch viel üben muss, damit er an Ausstrahlung gewinnt, geschweige denn, dass seine verbalen Ansagen zu verstehen wären, ist sein visuelles Erscheinungsbild auch beim Dirigieren kaum aufregend. Was an optischer Theatralität fehlt, ist denn auch im musikalischen Wiederhall zu beanstanden, und zwar bei ganz bestimmten Komponisten und Werken: Strawinskis Ragtime fehlte jeder Schalk, jede Erzählkraft, die in diesem genialen Stück so wichtig wäre, damit es auch wirklich stimmig ankommt. Gergov dirigiert es zaghaft und lyrisch, leise und ungebunden, zu sehr aus dem Kopf statt aus dem Körper. (Beispiel für eine gelungene Version wäre dagegen die CD von Kristjan Järvis Vater, Neeme Järvi, mit dem Royal Scottish National Orchestra, Chandos Records, 1994!) - Das war die schwächste Interpretation des Abends, und als sechstes Stück ließ es die Frage offen, ob dieser junge Mann überhaupt noch ins Schwitzen kommen würde, obwohl er Strawiniskis beabsichtigt "halbfalschen" Tango für Orchester mit raffinierter Einzelinstrumentation wie Oboen- oder fünf Klarinetten-Passagen interessant anmuten liess und Frank Zappas Be-Bop Tango mit Pauken-Schlagzeug und Harven-Sensation zivilisiert umgesetzt hatte, sodass immerhin die Musiker lautstark durcheinander lachten und die Trompete unterhaltsam hinein plärrte.

Dass das Konzert aber dann doch sehr schön wurde, lag nicht an Gergovs rhythmischem und theatralem Schweiß, sondern an seiner Fähigkeit zur gefühlsmäßig-erlebten Wiedergabe. Sie traf sich bestens mit dem Stargast des Abends, Bandoneon- und Piazzolla-Virtuose Carel Kraayenhof aus den Niederlanden. Die Sinnlichkeit von Astor Piazzollas weltberühmten Titeln führten beide - mit auffällig einfühlsamer Unterstützung des Pianisten Sebastian van Delft - in eine Dimension, die die Zuhörer ins (liebes)filmische Erleben bei tiefster Wehmut versetzte. Selbst wenn sich manch einer denken mochte: "Dass Frank Zappa sich zeitlebens ein Orchester für die Umsetzung seiner Rockmusik wünschte, mag stimmen, ob sich das aber auch ein Piazzolla gewünscht hat?" - Denn das Sperrige, Erdige, Rohe seiner widersprüchlichen und variationsreichen Musik ist hier der puren Romantik gewichen. Aber wie gesagt - immerhin sprang ein Gefühl rüber, das von etwas epochal Erzähltem, und das ist bei einem Konzert das Wichtigste! e.o./r.r.


DAS URTEIL AN CHARISMA UND THEATRALITÄT FEHLT´S DEM JUNGEN ROSSEN GERGOV NOCH. WAS ER DAFÜR HAT, IST EIN FEINES EMOTIONALES GESPÜR FÜR ROMANTIK.

Nächste "Plugged-In"-Konzerte:
A Night in Tunisia * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Dhafer Youssef (Gesang und Oud), Wolfgang Muthspiel (E-Gitarre) * Dirigent: Kristjan Järvi * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 7. 2. 2008: 20h30
Jazzland * Mit: Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, James Morrison (Trompete) * Dirigent: Kristjan Järvi * Ort: Musikverein, Großer Saal * Zeit: 9. 4. 2008: 20h30 Uhr